Kitabı oku: «Vater, Mutter und der Zauber der Kindheit»

Yazı tipi:

Gudbergur Bergsson
Vater, Mutter und der Zauber der Kindheit

Aus dem Isländischen

von Karl-Ludwig Wetzig

Saga

Dichtung ist nicht deshalb wahr, weil sie von einem Stoff handelt, der sich in der Wirklichkeit zugetragen hat und sie seine wahrheitsgemäße Schilderung ist, oder weil sie allgemeinen Vorstellungen davon gehorcht, was es heißt, die Wahrheit zu sagen. Vielmehr liegt dann ein Funken Wahrheit in ihr, wenn sie von dem Verlangen und dem Vermögen des Autors getragen wird, aus seiner eigenen Perspektive Zeugnis von dem abzulegen, was er für wahr hält.

Biographien gibt es – strenggenommen – nicht, denn kaum etwas gerät so vollständig in Vergessenheit wie das Leben eines Menschen. Das einzige, was sich festhalten läßt, ist der Wunsch, einen geistigen Hauch von ihm in Worten aufzubewahren.

Ereignisse tragen sich nur ein einziges Mal im Leben zu; danach aber können sie sich im Gedächtnis des Betreffenden und derer, die von ihnen gehört haben, auf verschiedene Weise wieder und wieder ereignen.

Dieses Buch ist historisch unzutreffend. Ihm ist aber auch lediglich die Aufgabe beigemessen, was seinen Autor anbelangt in etwa gefühlsmäßig wahr zu sein. Es ist mithin eine dichterische Biographie.

Erster Teil

Im Elternhaus

Ich stehe nicht im Zimmer meiner Mutter, jedenfalls nicht auf die gleiche Weise wie jener Mann, der in einem Buch einmal etwas Ähnliches behauptete. Meine Mutter besaß weder Haus noch Zimmer noch sonst etwas je für sich allein. Hingegen befinde ich mich wieder in dem Haus, das einmal das gemeinsame Haus meiner Eltern war. Mir ist vollkommen klar, wie und weshalb es so gekommen ist. Es hat nichts mit Magie zu tun, weder im Traum noch in der Dichtung; vielmehr kam ich mit einer klaren Absicht und zu einem bestimmten Zweck gestern abend mit dem Bus, der früher um acht fuhr, heute aber um Viertel vor sieben.

Es begann schon dunkel zu werden. Fast im selben Moment, in dem ich die Stufen hinaufstieg und durch die Tür trat, fühlte ich, wie eine eigentümliche Ruhe und Frieden über mich kamen, zusammen mit einer gewissen Schläfrigkeit. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten und ging deshalb früh schlafen.

Die Schlafcouch stand ungefähr an der gleichen Stelle wie früher die alte Chaiselongue. Als ich mich hinlegte und die Decke über mich zog, wies mein Kopf also nach Westen, und meine Füße zeigten nach Osten, genau wie in der Kindheit, nur stand die Couch nicht unter der tapezierten Dachschräge – was mir immer ungemein beruhigend vorgekommen war. Kaum hatte ich mich hingelegt, schien es mir, als würde der Körper wieder eine längst vergessene Lage einnehmen, und beim Aufwachen am nächsten Morgen stellte ich fest, daß ich einen erholsamen Schlaf wie seit Jahren nicht genossen hatte, und ich seufzte vor Glück und Erleichterung. Daraus läßt sich ersehen, daß der Schlaf nicht etwa ein Eigenleben führt oder von einem Bündel Empfindungen in Gestalt von Träumen bestimmt wird, sondern schlicht von der Lage des Körpers, davon, in welche Richtung der Kopf oder die Füße im Bett der Kindheit zeigten.

Es wird Herbst. Diesmal bin ich gekommen, weil ich meinem Vater das Haus abgekauft habe, damit es nicht auf dem offenen Immobilienmarkt landet, in den Händen von Fremden oder gar Unbekannten. Ich wollte nicht für den Rest meines Lebens mein Gewissen damit belasten, daß die Geschichten, die mit ihm verbunden sind, nurmehr in der Erinnerung existieren. Ich bin hier, um mich in einem Buch an meine Eltern zu erinnern, und ich habe mehr als einmal gedacht: Warum sollte ich nicht versuchen, in dem kleinen Ort in mehr als einer Bedeutung zu mir selbst heimzukehren? Zum Beispiel mit dem Vorsatz – der viel schwieriger ist als alles, was mit einem Hauskauf zu tun hat –, ein Werk zu schreiben, das für sich steht und das sich als Entsprechung zum Vergangenen lesen läßt.

Zuerst hatte ich ein wenig Angst, ich würde mich im Haus nicht wohlfühlen, es könnte kein Aufenthaltsort mehr für mich sein, seitdem meine Eltern ausgezogen sind. Es ist lange her, seit ich selbst den Ort verlassen habe, so daß ich hier fast niemanden mehr kenne, und offen gesagt vermisse ich das auch nicht. So behindert mich kein Gegenüber beim Schreiben des Werks, und ich habe freiere Hände. Ich will ja nichts zurückholen, sondern eine Entsprechung schaffen. Bislang reichte es mir, die Orte meiner Kindheit undeutlich im Gedächtnis zu haben und ab und zu vorbeizuschauen, solange meine Eltern lebten und hier wohnten. Seither tat ich es nur selten, meist dann, wenn nahe Verwandte gestorben waren, um ihnen, indem ich an der Beerdigung teilnahm, meine Achtung zu erweisen. So etwas ist albern, ich weiß. Man erweist nur Lebenden Achtung, nicht Toten. Dennoch habe ich an dem Brauch festgehalten. Es ist eine reine Formsache. Statt teilnahmsvoll der Leichenpredigt des Pastors zu lauschen, habe ich mich bei Beerdigungen immer wieder damit beschäftigt, mich neugierig umzusehen, ob aus dem Profil anderer Kirchenbesucher womöglich die stillen, markanten Gesichtszüge von Menschen hervortraten, die ich von Ansehen kannte, als ich noch ein Kind war. Es ist nur selten vorgekommen, und mit bedauerndem Spott dachte ich: Fett ist wohl die Isoliermasse, die sich am gründlichsten über die Vergangenheit meines Volkes gebreitet hat.

Bevor ich zurückkehrte, hatte ich auch die Befürchtung, ich könnte in diesem Haus vielleicht keinen Schlaf finden, weil mich nicht etwa unangenehme Gedanken, sondern schlicht allzu banale Erinnerungen wachhalten könnten oder weil sich diese grundlose Schlaflosigkeit einstellen könnte, die daher rührt, daß der Mensch ein Wesen ist, das sich stets Sorgen machen muß und Angst empfindet. Derartige Schlaflosigkeit hat nichts mit Unruhe zu tun, mehr mit Grübeln, und ist vielleicht nichts anderes als das Murmeln in der Seele, das den Menschen von Beginn an begleitet, leise wallende Lebensangst. Aus ihr und der Schwermut ist das Bedürfnis nach Kunst entsprungen, diese unbegreifliche Kraft, sich aus Angst und dem, was den Geist beschwert, zur Helle des Lebens emporheben zu wollen, die man zuweilen Inspiration nennt.

So ist es aber nicht gekommen. Einfach weil ich beschlossen habe, daß es nicht so kommen sollte, und es hat sich gezeigt, daß Schlafen und Wachen ganz nach Plan verliefen, was vielleicht nicht verwundert, weil es zu Romanschriftstellern paßt, ein geordnetes Leben nach genauen Regeln und Zeitplänen führen zu wollen. Es ist für sie sogar durchaus notwendig. Das Leben ist die endlose Weite, die wir nicht überblicken; doch was wir einen Roman nennen, ist die verdichtete Weite, die der Schriftsteller in eine endliche Zahl von Seiten überführt.

Ich befinde mich jetzt in dem, was man früher »oben auf dem Dachboden« nannte. Zweigeschossige Häuser haben anfangs nur »oben« und »unten«, und in diesem Haus wurde lange Zeit nur unten gewohnt. Der Dachboden war ein offener Abstellraum. Die jetzige Wohnung auf diesem Boden ist klein und exakt da, wo ich mir mit Phantasien die Zeit vertrieb, als ich noch ein Kind war und das Haus kaum eingerichtet. Damals war es hier kalt, jetzt ist es warm, aber draußen tobt noch immer das gleiche schlechte Wetter, der Wind drischt auf das Dach ein, der Regen prasselt gegen die Scheiben, und es knarrt im Haus wie eh und je. Hier herrscht immer Sturm. Doch wenn das Wetter einmal gut ist, ist es nirgends so gut wie hier. Ich weiß es, weil ich an verschiedenen Orten der Welt zu Hause war, bei schönem Wetter auf dem Bauch lag und zwischendurch in Unwetter und zahllosen Wetterstürzen landete. Egal wohin ich reise, ich fühle mich an allen Orten zu Hause, bin aber natürlich nur an einem Ort geboren und aufgewachsen und vom Klima und den Menschen dort geprägt. Ich weiß, schönes Wetter ist hier nicht wirklich schöner, sondern nur seltener als an anderen Orten, was allerdings in Fragen des Wetters entscheidend ist. Jedesmal, wenn es einmal nicht stürmt und regnet, ist man so dankbar, daß man sogar nur halbwegs passables Wetter hier besser nutzt als richtig schönes an anderen Orten. Im übrigen hat das Klima wenig Einfluß auf mich, kaum mehr als daß ich davon Notiz nehme, wie es um mich herum weht, und mich darüber freue, daß es auf der Welt noch ungezähmtes Wetter gibt; Wetter, das noch nicht gebändigt wurde von Erwartungen der Wissenschaft und der Meteorologen darüber, wie das Klima beschaffen sein sollte, um gegebenenfalls den Charakter von Regen und Sturm korrigieren zu können. Das Wetter hat seinen Sitz großenteils in der Psyche und die Reaktionen darauf ebenfalls.

Gerade stürmt es mit heftigen Böen, und das Rütteln des Sturms am Holz gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Bei Orkanwetter wie diesem schlief ich immer am besten. Zweifellos empfand ich dann stärker die Sicherheit, die von den Eltern ausgeht, bei Sturm viel mehr als bei ruhigem Wetter. Wenn Kinder Angst bekommen, liegt es also an den Eltern und nicht am Wetter und den Unbilden der Natur. Vielleicht kam es aber auch daher, daß man bei schwerem Sturm nie auf See ging, Vater mithin zu Hause blieb, und Väter ihren Kindern Ruhe einflößen. In Dunkelheit und Traum hörte ich das Toben auf dem Dach. Dabei wurde ich unter meiner Decke ganz ruhig, und hoffentlich geht es nun genauso, wo das Leben zum größten Teil schon in Wind und Wetter verflogen ist und beide Eltern bald im Grab liegen werden.

Mutter ist seit neun Jahren unter der Erde, mein Vater lebt noch, ist aber in ein Nest auf der Halbinsel Snæfellsnes im Westen gezogen, das er, solange er hier lebte, immer seine Heimat nannte, den Ort, an dem er geboren wurde. Genaugenommen kam er etwas außerhalb jenes Orts zur Welt. Wie auch immer, er befindet sich nun in seinem Kaff und ich mich in meinem.

Seine Familie, Verwandten und Jugendfreunde sind seit langem tot; er ist also nicht zurückgegangen, um sie wiederzusehen oder weil er seine letzten Lebensjahre unter Toten verbringen möchte, obwohl er mir einmal im Vertrauen sagte:

– Seitdem ich an den Ort meiner Kindheit zurückgekehrt bin, begegnen mir Tote in meinen Träumen. Ich habe in ihnen schon mit meinem Ziehvater und mit meiner Ziehmutter gesprochen, und wir haben uns prächtig verstanden. Sie trug noch immer ihre gestreifte Schürze.

– Das ist kein Traum, sondern wache dichterische Phantasie, sagte ich.

– Nein, widersprach er. Doch je länger ich im Altenheim lebe, um so seltener kommen die Toten zu mir. Jetzt sind sie auch in meinen Träumen gestorben. Ich träume nicht mehr von ihnen, aber ich denke immer mehr an die Vergangenheit.

Ich fand das nur natürlich, denn wo die Dichtung endet, setzt das Nachdenken ein.

– Ich habe festgestellt, fuhr er fort, ohne mir zuzuhören, daß mir meine Zieheltern immer weniger gefallen.

– Ist es dann im Hinblick auf ihre guten Seiten vielleicht besser, von den Menschen zu träumen, als über sie nachzudenken? fragte ich.

– Ja, nach meiner Erfahrung schon, antwortete er.

– Dann will ich nach deinem Tod nie an dich denken, aber um so mehr über dich schreiben, sagte ich.

Mein Vater lachte. Weil er schlau ist und es ihm Spaß macht, sich in Andeutungen zu ergehen. Trotzdem habe ich den Verdacht, er ist nicht seiner Erinnerungen wegen dorthin gezogen oder um seine letzten Jahre da zu verbringen, wo sie und er zusammen aus dem Gras wuchsen. Auch nicht, um im Geiste ehemals wirklicher Erlebnisse etwas zu schreiben, denn er weiß so gut wie ich, daß Erinnerungen sterben und zwar um so schneller, je länger man nah bei seinen Ursprüngen weilt. Bei der Heimkehr flammen sie noch einmal auf, erlöschen dann aber wie ein Feuer, wenn man es nicht versteht, die Glut am Brennen zu halten – in den Erinnerungen, die selbst wie ein Feuer in einem brennen. Mein Vater ist kein Dummkopf und weiß, daß man sich zum Heraufbeschwören von Erinnerungen am besten in der Ferne aufhält und daß man sie am ehesten loswird, indem man heimkehrt. Also kehrte er nicht zu ihnen zurück, und er wollte auch nicht nachdenken. Was er wollte, war etwas anderes. Er wollte jeden Tag einen bestimmten Berg vor Augen haben: das Kirkjufell, das er so lange nur in seiner Vorstellung gesehen hatte; hier in seinem Haus.

Mein Vater muß alles mit den Händen anfassen, um seine Qualität und Stärke zu begreifen, als wäre es Holz für den Hausbau. Jahrelang war der Berg das Holz, mit dem er sich in Gedanken beschäftigte. Jetzt möchte er ihn lieber im Blick als im Kopf haben. Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit, er selbst sicher auch nicht, aber ich meine mich zu erinnern, daß er nie lange über etwas sprach, ohne das Gespräch nach und nach auf den Berg zu bringen. Das war auch anderen wohlbekannt. Eines Tages zeigte er meinem Onkel ein Stück Holz, hielt es ihm unter die Nase und sagte:

– Riech mal daran!

Der sog tief die Luft ein, prüfte den Geruch und seufzte. Dann fragte mein Vater geheimnistuerisch:

– Was meinst du, woher der Baum kommt und wo solches Rosenholz wächst?

Mein Onkel brauchte nicht zweimal zu überlegen; er war froh, die Antwort zu kennen, die über jeden Zweifel erhaben war, da ja mein Vater die Frage gestellt hatte. Also antwortete er froh und welterfahren:

– Oh, der wird wohl aus Grundarfjörđur stammen und im Schatten des Kirkjufell gewachsen sein.

Statt sich zu freuen, meinte Vater, der Onkel sei ein Holzkopf, denn unter dem Kirkjufell wachse Thymian, aber kein Rosenholz, und der dufte besser als Holz. Mein Vater, dieser arrogante Schnösel, wußte es nicht zu würdigen, daß der Bruder meiner Mutter dem in der Diaspora Lebenden einen Gefallen tun wollte, indem er am Ort seiner Kindheit Rosenholz wachsen ließ.

Wie viele Menschen, die körperlich schwere Arbeit leisten, akzeptierte mein Vater vor allem handgreifliche Gründe und unterschied deutlich zwischen Geist und Materie. Allerdings war er auch so gestrickt, daß er ganz gut im nicht kausal Begründeten zurechtkam. Meist hielt er die beiden Bereiche gut auseinander und vermischte sie nicht, außer wenn es um seinen Glauben an die Wahrhaftigkeit der Isländersagas ging. Bei jener Gelegenheit sagte er, sollte es mein Onkel einmal fertigbringen, die Eyrbyggja saga zu lesen, dürfe man nicht viel auf sein Urteil geben, wenn er solchen Quatsch wie den mit dem Rosenholz vom Stapel lasse. Da sein Bruder nun einmal Kraftfahrer sei und alles von sich und seinem Führersitz aus beurteile, würde er es bestimmt nicht glauben, daß die Berserker in der Saga den Weg durch die sogenannte Berserkerlava lange vor der Erfindung der Planierraupe gebahnt hätten.

Ich aber dachte bei mir: Das ist nun der Dank dafür, daß ein Unschuldiger einem anderen Einfaltspinsel eine Freude machen möchte, indem er so tut, er würde glauben, daß Rosenholz am Ort seiner Kindheit wachse.

Mein Vater suchte nach einem Berg, den er nie aus dem inneren Auge verloren hatte. Und weil wir selten etwas anderes suchen als das, was wir gar nicht zu finden brauchen, weil wir schon ein Bild von ihm haben – das uns allerdings nicht genügt so suche auch ich etwas, das ich nie verloren habe. Ich suche Geschichten, von denen ich weiß, daß sie nicht in ihrer wahren Erscheinung zu finden sind, dabei habe ich sie weder verloren noch verändert, doch müssen sie aus ihrem natürlichen subjektiven Zustand in die unnatürliche Einkleidung der Sprache überführt werden.

Ein Schriftsteller kann überall Stoffe und Geschichten finden, so wie ein Mensch, der an die Allgegenwart Gottes glaubt, ihn nie in der Kirche aufsuchen muß. Es ist nicht nötig, sich an den Schauplätzen auf die Suche nach Geschichten zu begeben, ein Blinder kann sie mit bloßem Auge sehen, und selbst wer sich orientierungslos auf Irrwegen durchs Leben schlägt, kann auf den richtigen Spuren einer Geschichte sein. Ich hätte mich also weitab von den Stätten meiner Kindheit halten können, entschloß mich aber, durch fast wöchentliche Besuche im Haus eine Geschichte nach der anderen aus dem raunenden Brausen des Wetters zu ziehen.

Mein Vater wollte mich nicht wiederhaben oder mir etwas verkaufen, nicht einmal einen kaum begehbaren Keller, in dem ich höchstens meine Zehen schlafen legen konnte.

– Es sollen alle das gleiche Recht haben, ein Angebot für dieses Haus zu machen, sagte er.

Es sah ganz so aus, als stünde er in dieser Frage unter dem Einfluß des marktorientierten Denkens unserer Zeit oder von etwas noch Schlimmerem, etwas, das in der Tiefe väterlicher Seelen schlummert und unerwartet an die Oberfläche bricht. Es ist nur wenigen alten Leuten gegeben, mit ihrer wahren Gesinnung hinter dem Berg zu halten, es sei denn, sie hatten das Glück, ihr Gedächtnis zu verlieren, oder sie haben sich schon früh im Leben eine gewisse Unzuverlässigkeit zugelegt, etwa dadurch, daß sie ständig die Meinung wechselten oder unberechenbar wie ein Tyrann waren. Manchen wurde sowieso nie geglaubt, was sie sagten, wieder andere entschließen sich, die Welt vollständig hinter sich zu lassen. Ein derartiges Verlangen kommt bei alten Menschen recht häufig vor. Anfangs ist es oft nichts anderes als pure Selbstverteidigung im Hinblick auf die eigene Lebensführung, weil sie fürchten, die nachfolgende Generation könnte ihnen im Alter Vorwürfe machen. Wenn sie erst einmal wehrlos wären, käme vielleicht der Tag der Abrechnung, an dem sie für ihre Taten, die sie noch im Vollbesitz ihrer Kräfte verübten, zur Verantwortung gezogen werden sollten. Alte Menschen sind immer auf der Hut, und um ihre Angst zu kaschieren, tun sie so, als könnten sie sich an nichts erinnern oder wären die zerstreutesten Trottel.

– Ein solches Haus sollte man arbeitenden Menschen auf dem freien Markt verkaufen, vielleicht einer kinderreichen Familie oder jemandem, der wirklich ein Dach über dem Kopf braucht und bar bezahlt. Oder man überläßt es einem Bedürftigen kostenlos, sagte Vater manchmal entweder gereizt oder überaus großzügig.

In dieser Sache verhielt er sich wie ein kleiner Junge, der für andere gern eine Besorgung macht, zu Hause aber keinen Handschlag tut, weil es eben mehr Anerkennung einbringt, anderen einen Gefallen zu tun als der eigenen Mutter. Letzteres gilt als selbstverständlich und bringt keine Pluspunkte. Eine Außenstehende hingegen überhäuft den Gefälligen unkritisch mit Lob und steigert seine Beliebtheit bei anderen Frauen; die Mutter aber wird über seine Faulheit schweigen oder vertuscht sie und stimmt in das Lob ein, was ihn auf der Beliebtheitsskala nur noch höher steigen läßt, bis er den Schwindel schließlich selber glaubt und sein ganzes Leben über dreist, aber beliebt bleibt für das, was er in Wahrheit nicht anderen zuliebe, sondern nur um der eigenen Beliebtheit willen tut. Alte Leute wissen aus Lebenserfahrung, daß Popularität immer den gleichen Gesetzen folgt. Den Alten gibt es nicht, der nicht ein Meister auf seinem Gebiet wäre, dem Altsein.

Wäre mein Vater eine positive Figur in einem erbaulichen Roman vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, geschrieben für Leser, die sich gern etwas vormachen lassen und sich dabei gut und edel fühlen, dann hätte sein Autor ihn als visionären Alten stilisiert und geschrieben: »Als der alte Mann aus tiefstem Herzen diese offenen Worte sprach, ging ein Leuchten über seine Stirn, und er bot sein Eigentum mit freigebiger Hand alleinstehenden Müttern und anderen Bedürftigen dar. Seine Augen sprühten Funken, seine Worte zeugten von einer Mischung aus Stärke, Überzeugung und Mitleid mit tüchtigen Menschen, denen Gott in seiner Güte nur Unglück beschert hatte, und deshalb sprach er zu seinem verlorenen Sohn: Du wirst dieses Haus nie bekommen, denn es ist für Frauen bestimmt, die einen weinenden Säugling an ihrer Brust nähren.«

Ich hörte ihm brav zu, wie es Söhne bei ihren Vätern und Müttern nach christlichem Gebot tun sollen, erlaubte mir aber gleichwohl zu denken, denn ich ließ mir von ihm nie das eigene Denken verbieten: Jaja, ist er mal wieder in dieser Stimmung. Was kann der Alte sich aufregen! Aber laß ihn mal, früher oder später legt sich der Sturm, und der Wind dreht sich, denn auf die Beständigkeit des Wetters und der Gesinnung darf man in Island nicht viel geben.

Zum Lob des Denkens läßt sich sagen, wenn es in den richtigen Momenten zu schweigen weiß, kann es einen sogar von den eigenen Eltern frei machen, was das Schwierigste von allem ist. Also seufzte ich in meiner Seele und hörte meinem Vater geduldig und ein bißchen müde zu. Ich habe lange genug im Ausland gelebt, um an der sogenannten typisch isländischen Mentalität wenig Gefallen zu finden. Eigentlich fand ich sie eher etwas ermüdend und keinesfalls zur Nachahmung empfohlen, und ich bin überzeugt, daß wenig von ihr Zukunft hat. Der Untergang ist ihr sicher. Natürlich kommt es bis zu einem gewissen Grad auf die Umstände an und darauf, ob wir es schaffen, unser Denken zu ändern, ohne unseren Nationalcharakter und unsere Mentalität zu verlieren.

– Ich bin der Meinung, allein Nachfrage und Kaufkraft der Interessenten sollten zu jeder Zeit den Wert eines Hauses bestimmen, fuhr mein Vater mit neuer Überzeugung fort wie ein frischgebackener Immobilienmakler.

Der Zeitgeist war mächtig über ihn gekommen, und das noch in so fortgeschrittenem Alter und bei einem Menschen, der stets Wert darauf gelegt hatte, im Umgang mit seinen Nächsten eigene Wege zu gehen. Dafür folgt er jetzt um so bereitwilliger den ausgetretenen Pfaden anderer, dachte ich.

Ich hätte geglaubt, daß höchstens ein Apologet der Marktwirtschaft eine solche Rede halten würde, wenn ich ihn nicht schweigend wie üblich auf seiner schmalen Ruheliege vor mir gesehen hätte, den Kopf auf einem Kissen unter einem billigen, gelinde gesagt unkünstlerischen, häßlichen und schäbigen Wandteppich mit schmuddelig grauen Rentieren in einem zweifellos deutschen Wald.

Ich hörte, wie er zur Stützung seiner Argumentation seine Haushaltshilfe anführte, eine ehrenwerte Frau, die ihm im Vertrauen gesagt habe, sie könne sich durchaus vorstellen, das Haus zu übernehmen; nicht für sich selbst – sie sei weder geldgierig noch eigennützig, sondern allein mit Tüchtigkeit durchs Leben gekommen, das wisse er schließlich von allen am besten –, sondern für ihre Tochter und ihre Schwiegertochter. Die Tochter könne dann oben wohnen und die Schwiegertochter unten. Beide wären wie viele junge Leute, besonders junge Mädchen, hätten sich Kinder anhängen lassen und nichts als Ärger mit den Kerlen. Daher bräuchten sie viel Verständnis und ein eigenes Dach über dem Kopf.

– Ich habe die beiden hübschen Dinger gesehen, sagte mein Vater.

– Und, wie sind sie? fragte ich.

– Lassen gute Anlagen erkennen, jede auf ihre Weise. Man sieht, daß sie aus gutem Holz geschnitzt und von Grund auf verläßlich sind.

– Dann sind sie also ganz wie das Haus, sagte ich.

– Oder das Haus ganz wie sie, sagte er.

– Sind sie hübsch? fragte ich.

– Beide haben hübsche Mäulchen und sehen ganz niedlich aus, meinte er. Und wenn sie kommen, um mir ihre Kinder zu zeigen, schwingen sie nicht übertrieben locker mit den Hüften.

– Wo ist denn sonst was locker bei ihnen? fragte ich.

Sie haben Männern zuviel vertraut, die es nicht verdient haben; weder die Kanaillen, die sie gleich nach der Konfirmation schwängerten, noch die Kerle, die ihretwegen ihre Frauen verließen, zu ihnen ins Bett stiegen und ihnen ein weiteres Balg anhängten und sie dann zu allem Überfluß auch noch heirateten.

– Ist es etwas so Schlimmes, die Mutter seines Kindes zu heiraten?

– Nein, sagte er. Aber dann erst haben sie trotz ihrer Unschuld begriffen, daß die beiden Schweinehunde waren.

– Auch der Sohn deiner Haushälterin? fragte ich.

– Der ist der Schlimmste. Das hat er von seinem Vater.

– Ein verläßliches Fundament und gutes Holz scheinen deinen Mädchen nicht viel genützt zu haben, bemerkte ich.

– Bist du schwer von Begriff? fragte mein Vater.

– Wieso?

– Weißt du denn nicht, daß die größten Dreckskerle am leichtesten bei den besten Frauen unter die Decke kommen, die gute Anlagen und Charakter haben?

– Das finde ich schon etwas merkwürdig, sagte ich.

– Nein, das ist ganz natürlich, sagte er. Solche Frauen sind so hilfsbereit, daß sie die Männer nicht durchschauen, weil ihre Gutmütigkeit ihnen den Blick trübt. Gewöhnlich kommen unschuldige Mädchen nicht hinter den schlechten Charakter der Männer, bevor sie ein Kind von ihnen erwarten und dann eins nach dem anderen, mit denen sie sitzengelassen werden.

Vor Entrüstung über die Verantwortungslosigkeit der Männer warf mein Vater die Lippen auf.

– Können sie sie nicht im Hafen der Ehe festmachen?

– Willst du etwa, daß die unschuldigen Kinder von diesen Vätern lernen, sich wie Feiglinge aufzuführen? fragte er. Gute und verantwortungsbewußte Frauen behalten ihre Kinder für sich. Vor allem die Jungen lernen das Gute von den Müttern und springen dann später nie schlecht mit Frauen um.

– Deshalb setzt die Gegenwart so sehr auf Erziehung, sagte ich.

– Hoffentlich wird die Zukunft dementsprechend, meinte er, obwohl ich das ja nicht mehr erleben werde.

– Gute Frauen haben also immer genug zu tun, sagte ich.

– Natürlich, antwortete mein Vater. Frauen arbeiten zu Hause wie draußen an den verschiedensten Dingen. Die zum Beispiel, die ich meine Zugehfrau nenne, hat unheimlich viel um die Ohren. Sie muß sich überall um so vieles kümmern, den Kindern oder anderen Frauen helfen, daß sie es oft nicht zu mir schafft, obwohl ich ihre Hausbesuche natürlich aufschreibe, auch wenn sie gar nicht da war.

– So, tust du das? fragte ich.

– Ich bin doch nicht so gemein und verhindere, daß gute Frauen ihr volles Gehalt von der Gemeinde ausbezahlt bekommen. Sie hat es nur verdient, daß ich ihre Besuche bestätige, antwortete er. So bekommt sie wenigstens etwas für all ihre fürsorgliche Hilfe. Und das hat sie mir zu verdanken.

– Du hast doch ein gutes Herz, sagte ich.

– Das behauptet sie auch. Bergur, sagt sie, täte es dir nicht gut, einmal auch selbst etwas für dich zu tun, mein Bester? Ich bringe dir dann ein paar Pfannkuchen mit, wenn du mir meine Stunden bestätigst. Ich weiß, daß du den Abwasch und das bißchen Putzen auch spielend allein schaffst. Deine Frau hat dir doch nie erlaubt, dich ein bißchen im Haushalt zu betätigen. Du hörst, diese Frau versteht mich. Bei deiner Mutter durfte ich nie Zucker an den Fisch tun. Sie aber sagt: Das bißchen Zucker an dem Essen, das du dir mittlerweile so tüchtig selbst kochst, bringt dich nicht um. Ich bringe dir dann die Pfannkuchen dazu. Nein, es bekommen nicht alle eine so gute Frau. Aber ich bin so weit Realist, daß ich doch eins mitbekomme: Mit all ihrer Fürsorglichkeit schafft sie es höchstens, die miesen Kerle zu einer Entziehungskur zu bewegen. Von der kommen sie als reuige Sünder zurück und wollen unbedingt Theologie studieren. So sind doch eine Menge junger Pastoren, und das bringt die Kirche noch an den Bettelstab. Deshalb wird jeder einsehen, daß es immer noch besser ist, ein jammerndes Weib zur Pastorin zu haben, das von der Kanzel seine Schulaufsätze verliest, als in Alkoholfragen wieder intakte Jungfrauen von Kerlen, die ihren Entzug bei Gott leisten.

Nach dieser Suada machte er eine Pause und fügte dann traurig, als hätte er selbst einschlägige Enttäuschungen durchlitten, hinzu:

– Die größten Schufte bekommen die besten Frauen.

Wollte er damit bekunden, er sei nicht bösartig genug gewesen, um eine anständige Frau zu bekommen?

– Die Schufte schnappen sie einem vor der Nase weg, sagte ich.

– Das können sie, sagte er.

– Sie haben ja sonst nichts zu tun, sagte ich.

– Ich finde, es ist kein Wunder, daß die Welt ist, wie sie ist, bemerkte mein Vater sehr traurig. Die Frauen haben darin nichts zu sagen, weil sie nicht einmal ihre eigene Gutmütigkeit beherrschen können. Ich lasse mal beiseite, daß es natürlich auch schlimme Fuchteln gibt.

Obwohl er seinen Besitz nicht seinen eigenen Kindern verkaufen wollte und sagte: Ihr durftet euch hier aufhalten, als ihr klein wart, das sollte doch wohl reichen, ist es jetzt so weit mit ihm gekommen, daß er nicht mehr über Dinge bestimmt, die er früher ganz allein entschied. Das kommt nicht daher, daß ihm jemand die Entscheidungsgewalt abgenommen hat, sondern er ist einfach zu senil geworden, um noch aus eigener Vernunft zu entscheiden.

– Solange ich es noch kann, will ich das, was mir gehört, auf dem offenen Markt verkaufen, wo jeder ein Gebot auf mein Haus abgeben darf, sagte er mit der Überzeugung, die Menschen mit festem Glauben und gutem Gedächtnis auszeichnet. Sie erinnern sich noch haarklein an das, was ihnen zu ihrer Zeit von ihren »Lehrmeistern« beigebracht wurde – während diese Lehren schon längst Gegenstand eines Glaubenswechsels wurden. Als mein Vater während seiner Lehrjahre beigebogen bekam, wie die Dinge zu sein hätten, wenn alles gut und recht sein solle, legte er einen bedingungslosen Gehorsam an den Tag. Wenn es sich bei solchem Verhalten um einen kleinmütigen Menschen handelt, der seine Freiheit nur dazu nutzt, zu parieren, dann glaubt er am Ende, die Lehren, die er aus seinem langjährigen Gehorsam gezogen hat, seien die richtigen, so daß seine Überzeugungen ebenso unerschütterlich sind wie die seines Herrn. Obendrein finden Herr wie Knecht, es zähle nichts als ihr eigenes Befinden, und sie werden ungeheuer sensibel, ertragen beide nicht die geringste Kritik. Wenn man sich mit solchen Leuten anlegt, bekommen sie bald einen Herzschlag und reden von Verschwörung und Übergriffen, bis der Widersacher die Segel streicht. Kein gewöhnlicher, rechtschaffener Mensch will es sich auf sein Gewissen laden, jemanden mit einem Herzinfarkt ins Jenseits befördert zu haben, und sei es auch ein irregeleiteter Kleingeist oder einer der Wortführer, denn in einer zivilisierten Gesellschaft zählt ebenso wie in einer unzivilisierten das Recht des Kranken – selbst wenn er sich im Irrtum befindet – mehr als das des Richtigdenkenden, und es ist nicht zulässig, ihn durch Widerspruch einem Risiko auszusetzen. Deshalb ist die Welt stets in den Händen von Kranken und wird es auch weiterhin bleiben.

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