Kitabı oku: «Sag jetzt nichts, Liebling»

Yazı tipi:

Hanne-Vibeke Holst

Sag jetzt nichts, Liebling

Aus dem Dänischen

von Christel Hildebrandt

Saga

Sag jetzt nichts, Liebling ÜbersetztChristel Hildebrandt Original En lykkelig kvindeCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1998, 2020 Hanne-Vibeke Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569582

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Sibiu (Hermannstadt), Rumänien

»Sie haben in Sarajewo eine Granate abgefeuert auf eine Schlange von Menschen, die nach Brot anstanden!« jammere ich im Halbschlaf. Die Träume halten mich fest, sie sind voller Schrecken. »Verstümmelte Frauen und Kinder ...«

»Ja«, flüstert er, streift mir die Bluse ab, findet meine Brust. »Verstümmelte Frauen und Kinder. Es war schrecklich. Ich war dort. Gleich hinter ihnen

»Aber Geliebte, du warst doch nicht da ...«

»Doch! Habe ich Brot geholt? Oder war ich es, die die Granate abgefeuert hat?« frage ich und möchte am liebsten wieder weinen, als er in mich eindringt. Vielleicht weine ich tatsächlich, während ich meine Schenkel um seine Lenden schlinge. Da klingelt das Telefon. Das ist Paul. Ich weiß es.

Erster Teil

Zarinas dritter Geburtstag fällt auf einen Sonntag, und sie bekommt die Geburtstagsfeier, die sie sich gewünscht hat. Mit Torte, Kakao und einer Kuchenfrau, die gerade auf der mittleren Schiene des Backofens zu zerfließen droht. Die Gäste kommen in einer halben Stunde, so daß ich wieder einmal feststellen muß, daß Paul recht hat, wenn er sich darüber beschwert, daß mein Sinn für gutes Timing sehr zu wünschen übrig läßt. »Man kann eben nicht den halben Vormittag im Bademantel herumrennen und englische Sonntagszeitungen lesen, wenn man zehn Leute zum Kaffee eingeladen hat!«

Die Gästeliste hat das Geburtstagskind selbst aufgestellt. »Es sollen alle kommen!« hatte sie schon vor langer Zeit mit ihrem hartnäckigen drop-dead-Blick beschlossen, der in auffallendem Kontrast zu ihren Prinzessinnenlocken und den Samtund Seidenkleidchen steht, für die sie eine Vorliebe hat. Und die auch ohne viel Nachdenken von ihrem Vater erstanden werden, der sie verwöhnt, als wäre sie Rhett Butlers vergötterte Tochter – und der sie deshalb selbstverständlich darin unterstützt, daß solide Overalls von H&M nichts für ein Mädchen sind. Er flechtet ihr die Haare, lackiert ihre Zehennägel und läßt sich willig und mit sichtlichem Vergnügen um ihren pummeligen kleinen Finger wickeln.

Ihr Bündnis ist fast unerträglich, aber ich finde mich mit der mir zugewiesenen Rolle der Madame mit verschränkten Armen ab, da mein frauensüchtiger Liebster seinen Drang nach Verführung nunmehr in eine hemmungslose Vaterliebe sublimiert hat. Er ist uns treu, kann gar nicht anders, will gar nicht anders. Das ist ein Versprechen und eine Beteuerung zugleich, die anzuzweifeln ich weder Grund noch Lust habe. Der Schreck über meine Flucht Hals über Kopf nach Læsø vor ein paar Jahren steckt ihm immer noch in den Knochen. Er glaubte – und glaubt heute noch –, daß die Reise übers Meer ein Racheakt und eine Strafmaßnahme war. Daß ich geplant hatte, ihn zu verlassen und nie wieder zurückzukehren. Vielleicht ist das nicht besonders nett von mir, aber ich habe ihn in diesem Glauben gelassen, habe ihm nie erklärt, daß meine Wut über seine Promiskuität nur der Anlaß war, damit ich das tun konnte, was ich mußte: meinen Vater wiederfinden.

Vielleicht habe ich es ihm auch nicht erzählt, weil die Reise in gewisser Weise ein Fiasko war. Wie bei Columbus, der auszog, um den Weg nach Indien zu finden, und statt dessen Amerika entdeckte. Ich zog aus, um den Vater zu finden, den ich verloren hatte, und fand einen Menschen, der zwar mein genetischer Ursprung war, der aber nicht mehr imstande war, das Vakuum auszufüllen. Trotz langer, intensiver Gespräche unter dem Strohdach in den kühlen Zimmern meines Großvaters, trotz des Versuchs, die verlorenen Jahre zu rekonstruieren, trotz eines durch das gleiche Blut erzeugten Einverständnisses zwischen uns, wenn wir am Strand der Insel in der Dämmerung spazierengingen, wurde mir schmerzlich klar, daß ich ihn nicht in meine Kindheit zurück reden konnte. Er war nicht dort gewesen und würde sich – es sei denn durch ein Wunder – auch niemals dorthin versetzen lassen. Ein Familienbild ohne Vater. So war es, und so würde es immer sein und immer bleiben. Punkt. Ende.

Für mich war diese Erkenntnis nur schwer in Worte zu fassen, für ihn war es möglicherweise nur eine Art Kompromiß, mit dem zu leben er schon seit langem gelernt hatte: Er hatte seine Töchter verlassen, als sie noch klein waren, und sie dadurch verloren. Ich weiß nicht, ob das stimmt, denn auch wenn es uns gelang, lange Gespräche zu führen, bevor ich die Fähre nach Frederikshavn nahm, so ließen wir doch die Schlußfolgerungen wie Strandgut in der Brandung zwischen uns schwimmen. Und da schaukeln sie immer noch. Aber ich weiß, und er weiß, daß wir, auch wenn wir einander verbunden sind, nur ein schmales Brett haben, auf dem wir balancieren, wenn wir ab und zu die Schlucht überqueren, um die Welt des anderen zu besuchen. Seltene Besuche auf neutralem Boden, heimliche Treffen an wechselnden Orten, denn mein Alleingang wurde von meiner unversöhnlichen Truppe nicht gutgeheißen. Ich hatte mir ganz naiv vorgestellt, daß ich als Parlamentär auftreten könnte, der die diplomatischen Beziehungen wiederaufnehmen und die Erde für eine fruchtbare Zukunft bereiten würde. »Mir i drusjba!«, Frieden und Freundschaft, wie es immer bei den Toasts in der seligen Sowjetunion geheißen hatte. Aber Kiki, meine kleine Schwester, vergibt nie. Sie wollte ihm nicht vergeben und war kurz davor, auch mich zu verstoßen, als ich als besudelte Verräterin heimkehrte. Meine Mutter, die Primadonna des Nationaltheaters mit einer Vorliebe für tragische Rollen, leidet witzigerweise in ihrem Privatleben an einer panischen Angst vor Dramen, weshalb sie sich ganz einfach in Schweigen geflüchtet hat. Sie schließt die Ohren und redet vom Wetter, wenn ich versuche, sie zu einer Stellungnahme dazu zu bringen, daß ihr Exmann, unser Vater, sich nach fast fünfundzwanzig Jahren im spanischen Exil wieder auf dänischem Boden befindet. Ihre Verbitterung kann ich zur Not noch verstehen, auch wenn die Dimension mir etwas übertrieben erscheint. Still crazy, after all these years ...

Aber Paul ... Warum Paul nicht in der Lage ist, den Großvater seiner Tochter ganz einfach anzunehmen, indem er ihm sein Haus – unser Haus! – öffnet, ist eines der Mysterien, die zeitweise unser Zusammenleben verschleiern. Paul selbst meint, daß er sich da »bombensicher« ist – warum sollte er sich mit einem Mann an einen Tisch setzen, der seiner Geliebten das Leben schwergemacht hat. Und wie könnte er es zulassen, daß seine eigene Tochter vielleicht der gleichen Enttäuschung ausgesetzt wäre. Als mir zum ersten Mal diese Monstertheorie präsentiert wurde, war ich vollkommen sprachlos. Beim zweiten Mal schmiß ich einen Florentinischen Fayenceteller auf die Küchenfliesen, und beim dritten Mal nahm ich die Autoschlüssel und haute ab. Brauste zum Strandvej und manövrierte den Wagen an einen Sandstreifen bei Snekkersten, wo ich auf einem Stein sitzen und auf den Sund starren konnte, während ich eine Zigarette rauchte und wieder zur Ruhe kam. Ich ließ die Asche in den Sand fallen und beschloß, ihn da nicht mit hineinzuziehen. Er würde ja doch nichts verstehen.

Vielleicht mache ich es mir also zu leicht, aber seitdem habe ich seine Weigerung mit Nachsicht zur Kenntnis genommen und meinen Vater nur in Nebensätzen erwähnt. Was ihn irgendwie unruhig macht, denn eine Ahnung ist schlimmer als Gewißheit. Er weiß, daß wir in Kontakt stehen, aber nicht, wo und wann. Natürlich abgesehen von dem einen Mal im Sommer, als ich Zarina ihren Großvater im Zoo treffen ließ. Zur gegenseitigen Faszination und Begeisterung. Zarina, die ansonsten nicht gerade schüchtern ist, klammerte sich lange Zeit an mich, und ich mußte ihr eine lange, geflüsterte Erklärung darüber geben, wer dieser ältere, graumelierte Mann da war. Daß es mein Vater war und daß er früher einmal Großmutters Mann gewesen war, so wie Freddy jetzt. Zarina sah mich stirnrunzelnd an – aber, wenn sie doch Mama und Papa waren, wieso waren sie dann nicht zusammen? Ich ließ mich auf eine gleichzeitig schonende und komplizierte Erklärung über die Wege und Irrwege der Liebe ein, sagte ihr, daß die Liebe manchmal aufhört und daß die Erwachsenen, die einander geliebt haben, dann gezwungen sind, allein zu leben und so weiter und so weiter. Ein ziemlich blumiges Drumherumgerede, das sie aber ganz einfach abschnitt, indem sie fragte: »Papa und du, werdet ihr euch auch mal scheiden lassen?« Ich hatte keine Ahnung, daß sie das Wort »Scheidung« kannte, aber natürlich kannte sie es, denn die Eltern ihrer Freundin aus dem Kindergarten, Marias Mama und Papa, die wollten sich doch scheiden lassen ...

Ich antwortete, daß wir ja nicht einmal verheiratet seien, Paul und ich, und ungefähr bei diesem Stand der Diskussion kam mein Vater mir zu Hilfe, indem er sich einen Skizzenblock auf die Knie legte und anfing, die turnenden Schimpansen auf dem Affenfelsen zu zeichnen. Damit war der Bann gebrochen, und Zarina warf ihm eine gnädige Kußhand zu, als wir uns ein paar Minuten nach Schließung des Zoos trennten.

»Du mußt auch zu meinem Geburtstag kommen!« erklärte sie, und mein Vater lachte und sagte, das würde er schrecklich gern. Zu Hause hängten wir die Zeichnungen über ihr Bett. Glücklicherweise hatte Paul gerade Dienst in Odense, so daß das Erlebnis zu einer Anmerkung geschrumpft war, die neben anderen Ereignissen in ihrem wortreichen Referat Platz fand, mit dem sie ihn immer begeisterte, wenn er nach einer Dienstwoche auf Fünen zurückkam und auf den neuesten Stand der Dinge gebracht werden mußte. Ich kam mit einer fragend gehobenen Augenbraue davon und machte aus dem Ausflug eine Kurzmeldung, die ihn eigentlich nichts anging. Ja, wir hatten einen Nachmittag mit meinem Vater, der aus anderen Gründen gerade in der Stadt war, im Zoologischen Garten verbracht. Paul war nicht gerade begeistert, gab sich jedoch damit zufrieden, auch wenn ich sehen konnte, wie ihm der Protest auf der Zunge brannte. Erst als ich darauf beharrte, daß Zarina ihren »neuen Opa« bei ihrer Geburtstagsfeier dabeihaben wolle, schlug er zurück. No way. Ich verzichtete auf eine Diskussion, aber als Zarina ihre Einladungen verteilte, schickten wir auch eine nach Læsø. Der große Familienskandal wurde verhindert, da er absagte – er wäre sehr, sehr gern gekommen, schrieb er, aber er habe in letzter Zeit ein paar »Zipperlein« und müsse deshalb gerade jetzt zur Untersuchung ins Krankenhaus von Frederikshavn. Er hatte ihr eine Silberkette mit einem Bernsteinherz geschickt: »Der Stein wurde nach einem Sturm in den Algen gefunden und an Großvaters Tisch zurechtgeschliffen.« Er hatte ein kleines »Z« hineingeritzt, so daß es ein ganz besonderes Unikat geworden war, von dem ich mir nur wünschte, ich hätte es einst bekommen.

»Wie aufmerksam!« kommentierte Paul sarkastisch, als er Zarina die Kette um den Hals band. Sie selbst war begeistert. Echter Schmuck!

»Paß auf, daß du sie nicht verlierst!« ermahnte ich sie und erinnerte uns beide daran, daß wir im Krankenhaus anrufen und uns bedanken mußten. Paul schnaufte und lenkte sie damit ab, daß er anbot, ihr beizubringen, mit dem Dreirad, dem Geschenk von uns, zu fahren. Ich überlegte kurz, was »Zipperlein« wohl zu bedeuten hatten. Aber dann war ich auf den Guardian gestoßen und hatte mich von einem Feature über die tschetschenischen Aufstände fesseln lassen. Die Redaktion will mich für eine Reportage nach Grosnyj schicken. Meine Kollegin braucht Entlastung, und die gönne ich ihr von ganzem Herzen. Dennoch muß ich zugeben, daß es nicht gerade mein Traumjob ist. Ich bin nicht so scharf darauf, mit den Jungs zu spielen. Ein 28jähriger deutscher Fotograf vom Stern wurde erst vor kurzem bei einem Granatenangriff getötet. Anna, meine schwedische Kollegin, rief neulich aus Moskau an und erzählte es mir. Sie war tief getroffen, nicht nur, weil er ihr Freund und noch so unglaublich jung gewesen war, sondern auch, weil »alles hier so verroht ist – man kann sich nicht mal mehr in ein Taxi setzen, ohne Angst haben zu müssen, daß einem das Gehirn rausgepustet wird!«

»Anna«, erwiderte ich, »du bist schon zu lange da. Fahr nach Hause!«

»Ja«, seufzte sie. »Es ist nur ... Moskau ist der einzige Ort, an dem es sich für mich zu leben lohnt. Du weißt, was ich meine. Die Weltgeschichte liegt hier auf der Straße. Was soll ich denn in Schweden? Da ist es so schrecklich langweilig!«

Ich weiß sehr gut, was sie meint, und vielleicht verweile ich deshalb etwas zu lange in den tschetschenischen Bunkern der Reportage, so daß ich erst bei der Glasur bin, als die Gäste in einem fröhlichen Haufen eintreffen. Die Küche sieht aus wie ein Bombenkrater, die Kuchenfrau hat eine erschreckende Ähnlichkeit mit einer amputierten Mißgeburt, und ich spüre, wie mir die Hausfrauenpanik den Rücken hinaufkriecht. Hilfe! Die Dunstabzugshaube bläst über mir, und deshalb höre ich Birgitte nicht, als sie herkommt und mich mit beiden Händen in die Taille kneift, so daß ich zusammenzucke und fast den Teller fallen lasse.

»Was machst du da?« fragt sie.

»Meine Mutterrolle ausfüllen!« antworte ich. »Und wie geht’s dir?«

»Zum Teufel! Hast du eine Schürze?« fragt sie, löst mich ab und übernimmt das Projekt »Rettet das Kind«, während ich die Tüten mit den Süßigkeiten mit den Zähnen aufreiße.

»Wieso zum Teufel?«

»Ach, nur so. – Soll sie lange oder kurze Haare kriegen?«

»Lange! Wo sind die Kinder?« frage ich und mache mich daran, die Glasur mit dem Schaber zu verteilen, damit die Katastrophe nicht ganz so offensichtlich ist.

»Maxi läßt sich von deiner Tochter einschüchtern, und die Zwillinge schlafen im Auto. Hoffentlich recht lange. Sie haben sich gegenseitig die ganze Nacht wachgehalten ...«

»Und Jens?« frage ich mit einem schrägen Blick und kenne bereits die Antwort.

»Bei der Arbeit«, sagt sie und zieht die Lakritzfäden gerade. »Hast du eine Schere? Für den Pony?«

Sie streicht sich mit einer Hand den eigenen aus dem Gesicht. Ich richte mich auf und habe nicht übel Lust, einfach auf sie zuzugehen und sie in den Arm zu nehmen. Seit den Zwillingen ist sie fast durchsichtig vor Müdigkeit. Transparent, wie Paul es nennt.

»Wollen wir nicht draußen im Garten sitzen?« schlägt sie vor und weicht instinktiv meinem Blick aus. »Es ist verdammt warm heute. Indian summer.«

»Ja, wenn noch Sonne auf der Terrasse ist«, sage ich und tauche den Schaber wieder in die Glasur.

»Wir können ja immer noch reingehen. Und du? Geht es dir gut?«

»Mir? Und wie!« antworte ich und muß unwillkürlich lächeln. Birgittes unerwartete Schmetterbälle überrumpeln mich jedesmal. »Schließlich bin ich eine glückliche Frau! Wieviel Liter Milch soll ich für den Kakao nehmen?«

Paul hat sich einen neuen hypermodernen Fotoapparat gekauft, als er auf Reportagereise in Hongkong war, um Alexandra Manley zu interviewen, die Zukünftige des dänischen Prinzen und Liebling der Presse. An diesem Nachmittag gelingt es ihm, einen ganzen Film mit 36 Bildern zu verknipsen, bevor die Sonne hinter dem Dach des Nachbarhauses untergeht. Alles ist mit drauf – Mutter hinter der Sonnenbrille mit Marlboro Light, Freddy an ihrer Seite, in den Schatten zurückgezogen, Ernst im Profil mit dem Ausdruck sanfter Melancholie, die nach seiner Scheidung von der Kulturperle aufgetreten ist, Kiki und Spunk mit Birgittes Zwillingen auf dem Schoß, Zarina im Mittelpunkt, Maxi auf dem Weg aus dem Bild hinaus und Birgitte, die Hand allzu fest um eine Kaffeetasse gepreßt und die Absätze fest auf dem Boden, wie immer bereit, einem Kind zu Hilfe zu eilen. Jeder ist in einer typischen Geste festgehalten, die uns später ausrufen lassen wird: »Mein Gott, genau! So sahen wir damals aus! So war es!« So sah das Glück aus: eine Kuchenfrau mit drei Kerzen, ein Kind mit Augen, groß wie Teetassen, in dem konzentrierten Eifer, die Kerzen auszupusten und sich dabei die größte Mühe zu geben, während die Aufmerksamkeit einer ganzen Familie, ihrer Familie, auf sie, das Goldkind, gerichtet ist.

»Lach doch mal, mein Schatz!« ruft Paul und richtet das Objektiv auf mich.

»Hör auf!« erwidere ich und fliehe. »Du weißt doch, daß ich es hasse, fotografiert zu werden!«

»Aber warum?« fragt er und verfolgt mich in die hinterste Ecke des Gartens, genau dorthin, wo nach seiner Vorstellung ein Rhododendronbusch gepflanzt werden soll. »Dabei siehst du so gut aus!«

»Fuck!« erwidere ich und werde gegen den Jägerzaun gepreßt.

»Ja, gern!« antwortet er und knipst trotzdem. »Gestern war Samstag!«

Er senkt den Fotoapparat und küßt mich.

»So kriegen wir nie mehr Kinder!«

»Das kann auch noch warten«, entgegne ich und fange Birgittes Blick über seine Schulter hinweg auf. Sie hält eine Hand schützend über ihre Augen, um uns besser sehen zu können. Ich weiß, sie beneidet mich um die Leidenschaft. Um Pauls Leidenschaft.

»Aber warum denn, Tes?« fragt er und hält mich fest. »Wir haben doch alles! Haus und Garten, festes Einkommen und das richtige Alter. Und Zarina braucht eine kleine Schwester!«

»Eine Schwester?«

»Ich stehe nur auf Mädchen!« erklärt er und küßt mich gierig.

»Das ist ja gut zu wissen«, sage ich und mache mich frei. Mir gefiel es noch nie, mein Liebesleben öffentlich vorzuführen. Und jetzt kommt Zarina angestürmt. Sie zwängt sich empört zwischen unsere Beine.

»He! Hört auf mit der Küsserei!«

Die Gesellschaft lacht, Paul hebt sie hoch und reibt seine Nasenspitze an ihrer.

»Möchtest du nicht auch gern eine kleine Schwester?« fragt er sie.

»Nein!« erklärt sie kategorisch. Da muß ich lachen.

»Hexe!« grinst Paul.

»Kluges Mädchen!« erwidere ich und merke, daß sie kalte Beine hat. »Jetzt aber ab ins Haus und eine Strumpfhose angezogen!« bestimme ich und wende mich zum Gehen.

»Nein, ich will nicht!« ertönt es hinter mir, während Paul mich gleichzeitig an den Schultern faßt und mich zwingt, mich umzudrehen, so daß ich ihm direkt in die Augen sehe. »Heute abend ist Vollmond.«

»Ja, und?«

»Dann hast du deinen Eisprung.«

»Und?«

»Und Lust. Wie alle Frauen.«

Ich richte mich an der Steilküste des Schlafs ein. Pauls Pobacken leuchten genau wie der Mond durch die Lamellen der Fensterläden, er pustet mir stoßweise ins Ohr, und meine Gedanken flattern irgendwo zwischen Sonntag und Montag herum, zwischen Traum und Wachsein. Zarina schläft in dem Zimmer neben uns, wir schlafen alle drei unter dem Dach, in einem Baugenossenschaftshaus in Østerbro, das ich immer noch nicht als mein rechtmäßiges Eigentum ansehe. Hier ist es fast so still wie auf dem Land, in dem Giebelzimmer bei Tante Mo auf dem Forsthof damals. Deshalb habe ich jede Nacht dieses Gefühl von Kindheit, als würde eine Katze am Fußende schnurren, die Erinnerungen an schwere Federbetten und an Erwachsene, die in ihrem entfernter gelegenen Schlafzimmer husten oder sich gedämpft unterhalten. Ich denke an die Bornholmer Standuhr, die unten in der Stube schlug, und an die knackenden Treppenstufen, auf die mein Onkel immer trat. Das hat herzlich wenig mit Sex zu tun, und vielleicht habe ich deshalb solche Schwierigkeiten, in diesem Haus in Stimmung zu kommen. Oder ich bin ganz einfach zu müde. Zerstreut, abgehetzt. Ehrlich gesagt, bin ich eine überzeugte Gegnerin des symbolträchtigen Hauses, in das ich von Paul gelockt wurde. Er hat es mir an einem perfekten Maitag gezeigt, an dem die Nachbarn in ihren Blumenbeeten gruben und in Vorgärten Kaffee tranken, während die Kinder herumliefen und auf dem gemeinsamen Spielplatz herumtollten.

»Kannst du es nicht vor dir sehen? Das reine Dorfidyll! Und dann so nahe an der Stadt!«

Natürlich konnte ich es sehen, und ich unterschrieb auch freiwillig den Kaufvertrag für das Grundstück. Was hätte ich denn sonst machen sollen? Ich meine, was war die Alternative? In Pauls umgeräumter Junggesellenwohnung zu bleiben, in einem immerwährenden Kampf mit Legosteinen und Kekskrümeln und einem immer stärkeren klaustrophobischen Gefühl von Atemnot? Als ich also das Versprechen für mein eigenes Zimmer in dem neuen Haus bekam, waren meine Einwände nur noch formaler Art. Konnten wir das Finanzielle schaffen? Paul leierte einen langen, beruhigenden Vortrag über Brutto und Netto herunter, die günstigen Kreditzinsen, die Umlage des Wohnungsdarlehens und die guten Möglichkeiten für Staatszuschüsse bei Renovierungen, aber da hatte ich bereits abgeschaltet. Denn in Wirklichkeit waren meine Vorbehalte von so grundlegendem Charakter, daß sie in diesem Zusammenhang vollkommen irrelevant erschienen. Wir hatten die Landzunge passiert, waren bereits seit langer Zeit in der Fahrtrinne, wo man sich nicht mehr fragen kann, ob man überhaupt an der Segelregatta teilnehmen möchte, sondern genug damit zu tun hat, die Segel zu reffen, den Kurs zu halten und Kentern und Schiffbruch zu vermeiden. Ich war mit an Bord und hatte zumindest bis dahin meine Rolle als gehorsamer Gast, der dem Kapitän gehorchte und die ungeschriebenen Gesetze der Seefahrt zu respektieren gelernt hatte, akzeptiert. Es war Pauls Wettfahrt – er stand stolz und verbissen am Ruder, während ich über der Reling hing und nur bei hohem Seegang an Meuterei dachte.

Also bekam er sein Haus, oder genauer gesagt, wir bekamen jeder eine Hälfte. »Wir sind ja leider nicht verheiratet, das hätte alles viel einfacher gemacht«, konnte er sich nicht verkneifen anzumerken. Aber das war der einzige bittere Tropfen in der Maibowle, in der Paul das ganze Frühjahr über badete. Ganz gerührt, auch wenn es die Formen einer kitschigen Reklame annahm, konnte nicht einmal ich mich Pauls hemmungsloser Freude darüber entziehen, Mann im eigenen Haus zu spielen. Den ganzen Sommer über summte und pfiff er, während er, nur in Boxershorts gekleidet, Pinsel in Naturfarbstoffe und Leimfarbe, verrührt mit Ei, tauchte. Unterstützt wurde er dabei von Birgitte, die sich begeistert dem Projekt widmete. Auf jeden Fall haben wir schöne Räume bekommen. In Matisse-Farben, wie die beiden Experten einstimmig versicherten. Perfekte limonengrüne und hibiskusrote Rahmen für das Familienleben, das Pauls offenkundige Vision ist – die ersehnte Trophäe, der Sinn des Ganzen. Ich beneide ihn darum, versuche, ihn seinen Traum weiterträumen zu lassen, solange ich nicht mit einbezogen werde. Und dennoch mußte ich mich einmal einmischen und die Wut des Patriarchen dämpfen, als Zarina in unbewachten zwanzig Minuten die lavendelblauen Wände des Kinderzimmers mit schwarzer Fingerfarbe dekoriert hatte. Er war kurz davor, sie übers Knie zu legen, als er sie auf frischer Tat ertappte, und gewiß war es eine Unartigkeit von ihr, vielleicht sogar eine bewußte Provokation, aber seine Reaktion war unverhältnismäßig, geradezu hysterisch, ans Infantile grenzend. Sie erschrak dermaßen, daß sie in die Hosen pinkelte. Ich nahm sie in den Arm, beschützend und tröstend, während das Blut in der Gebärmutter der Löwin pochte.

»Take it easy, Mr. Perfect!« zischte ich, »wir haben vielleicht auch noch das Recht, hier zu wohnen!«

Er wirbelte herum und starrte mich an, die Augen vor Verwunderung und Wut weit aufgerissen, weil seine Geliebte, von der er angenommen hatte, sie gezähmt und besänftigt zu haben, immer noch diejenige war, die die Vorhänge herunterriß und das nackte Zimmer präsentierte. Zarina hörte schluchzend auf zu weinen, die Erde hörte auf, sich zu drehen, und mein Herz hörte in diesem Bruchteil einer Sekunde auf zu schlagen, als wir beide erkannten, daß wir hier wieder unser Spiel spielten. Daß wir trotz Versöhnung und gemeinsamer Adresse immer noch so weit voneinander entfernt waren, wie wir es immer gewesen waren. Das war so schwindelerregend erschreckend – auch für mich –, daß ich instinktiv einen Arm nach ihm ausstreckte, mich entschuldigte und ihn inständig anflehte, nicht zu gehen, als ich sah, wie der Fluchtinstinkt in ihm aufstieg. Er blieb, ließ sich umarmen, küßte Zarina, bat sie um Entschuldigung und war auch derjenige, der ihr saubere Sachen anzog.

Die Szene war einmalig und hatte unmittelbar keine anderen Konsequenzen, als daß wir uns gegenseitig mit Samthandschuhen anfaßten. Jeder für sich hatte den Tanz auf dem Vulkan erkannt, lebensgefährlich, aber zu spät, um noch abzuspringen. Unsere einzige Möglichkeit bestand darin, im Takt zu bleiben und zu hoffen, daß die Musik uns trug.

Paul brauchte lange, um zu kommen, und ich weiß, warum. Er haßt »Pflichtbumsen«, wird nicht aus »Vaterlandsliebe« oder bei »Zombiesex« scharf. Und so gern ich es möchte, ich kann ihm kein Orgelbrausen mit voll gezogenen Registern bieten. Ich bin zu müde, zu fern, zu wenig Körper und zu viel Kopf. Aber dann ist er schließlich doch der ersehnten Klimax so nahe, daß sein Körper sich spannt, die Adern am Hals hervortreten und die Augen weit aufgerissen sind. Ich bin kurz davor, allein davon geil zu werden. Aber da übertönt das Telefon sein hohles Stöhnen, meine zurückgehaltene Anspannung und die Nachtstille des Hauses.

Es ist das Krankenhaus in Aalborg. Ich war als nächste Angehörige angegeben. Mein Vater hatte einen Blutsturz. Koma, der Zustand ist kritisch.

»Wenn Sie ihn noch einmal sehen wollen, sollten Sie so schnell wie möglich kommen«, sagt die Nachtschwester. Freundlich. Fast schwesterlich. Das muß an der sanften nordjütländischen Art liegen.

»Ja«, sage ich verwirrt und suche nach Papier und Stift. Notiere, lege auf, drehe mich zu Paul um. Meine Stimme klingt wie ein Baß und ist mit Kalk belegt, die Worte sind mir fremd wie Diebesgut.

»Mein Vater liegt im Sterben. Ich muß nach Aalborg.«

Das Vernünftigste wäre gewesen, wenn ich bis zur ersten Morgenmaschine gewartet hätte. Aber ich trotze Pauls Kopfschütteln und starte den Wagen, nachdem ich zunächst Kiki angerufen habe und dann meine Mutter. Beide reagieren mit auffallendem Desinteresse. Kiki bedankt sich schlaftrunken für die Information, kann sich aber unter keinen Umständen auch nur im Traum vorstellen, sich am Sterbebett ihres Vaters einzufinden. Mutter ist in erster Linie mit der Katastrophe beschäftigt, gerade in dem Augenblick geweckt worden zu sein, als sie eingeschlafen war – »ich schlafe in letzter Zeit doch so schlecht« –, und antwortet nur mit einem kurzen Auflachen, als ich sie frage, ob sie mitfahren will. »Liebe, süße Therese, dein Vater ist doch selbst gegangen, ohne sich zu verabschieden! Aber grüße ihn gerne von mir!« Danach bin ich sieben Stunden Einsamkeit überlassen, nachdem ich von einem reichlich irritierten Paul verabschiedet wurde. Er sieht seine Abreise am nächsten Tag für seine Arbeitswoche in Odense gefährdet, wenn ich nicht rechtzeitig wieder zurück bin. Was ich beim besten Willen nicht sein werde. Ich bin nicht in der Lage, eine Diskussion zu führen, noch weniger einen Streit darüber, ob es wohl angemessen ist, seinen verfluchten Dienstplan als derzeit größtes Problem zu betrachten. Also fahre ich einfach mit heruntergekurbeltem Fenster los, während ich ihn noch daran erinnere, daß der Kindergarten einen Ausflug plant und Zarina ihre Gummistiefel mitnehmen muß. Danach sehe ich ihn im Rückspiegel am Gartenzaun stehen, die Arme in einer beschwörenden, aber resignierten Geste erhoben.

»Verflucht noch mal«, schimpfe ich mit lauter Stimme und schlage mit der Hand aufs Lenkrad. Eigentlich hätte ich ganz gut eine tröstende Umarmung brauchen können, einen Gruß mit auf den Weg, eine kameradschaftliche Hand auf der Schulter. Ich stelle das Nachtprogramm im Radio ein und gebe Gas und fahre Richtung Halsskov.

Sieben Stunden bis zur Erkenntnis, sieben Stunden Autofahrt zum Verdauen und Vorbereiten. Sieben unwirkliche Stunden unter dem Herbstmond mit Blick auf verzaubert beleuchtete Landschaften, Hügelketten und Flußläufe, die durch die Autobahn, die ich im großen und ganzen für mich habe, zerschnitten werden. Kurz vor Sonnenaufgang erinnert mich der erste Morgenverkehr nördlich von Århus schmerzlich daran, daß dies im Leben der meisten Menschen nur ein ganz normaler Tag ist. Ich rauche Zigaretten, trinke Cola und höre zur vollen Stunde Nachrichten, während das Auto sich Kilometer um Kilometer durch Jütland frißt und die Angst einzuschlafen hinter jeder neuen Kurve lauert. Die Monotonie wirkt so einschläfernd und beruhigend, daß ich zwischendurch fast vergesse, warum ich hier sitze, wohin ich fahre. Als befände ich mich in dem leichten Schlaf, kurz bevor der Wecker klingelt und ich aufstehen und Zarina wecken muß. Los, die Morgenzeitung holen und Kaffee kochen, los und in den Kindergarten fahren, los zu einem neuen Arbeitstag.

Kurz vor Skørping schrecke ich jäh auf, als plötzlich ein Reh über die Fahrbahn springt, nicht einmal zwanzig Meter vor mir. Während ich in die Bremsen trete und das Steuer scharf nach links reiße, gelingt es mir noch, die Schönheit des Sprungs zu registrieren. Das Reh verschwindet unbeschädigt im Gebüsch, während ich nach Luft schnappend wieder geradeaus fahre und in Gedanken einen anerkennenden Gruß an den Erfinder des ABS schicke. Gleich danach steuere ich einen Rastplatz an.

Ich zünde meine letzte Zigarette an, steige aus und strecke meine Beine aus, die immer noch leicht zittern. Ich laufe ein wenig herum, sauge den würzigen Duft nach Erde, Wald und Vergänglichkeit ein, sehe, wie der Tau von einer Hagebutte perlt und die Sonne ein Spinnennetz zum Glitzern bringt. Zum ersten Mal seit dem Anruf aus dem Krankenhaus wird mir der Inhalt der Nachricht wirklich klar – ein Leben ist dabei zu erlöschen, an einem anderen Ort, und dennoch mitten in allem.