Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 17

Yazı tipi:

»Die Karte muss von außen reingesteckt sein, Herr Kommissar. Ich habe mit ihr nichts zu schaffen, heilig wahr, Herr Kommissar!«

»Kann ja gar nicht von außen reingesteckt sein, so wie die gelegen hat! Und fünf Minuten vorher ist sie noch nicht dagewesen, das wird das Fräulein vom Arzt beschwören. In der Zwischenzeit waren Sie aber auf der Toilette. Oder wollen Sie behaupten, es war noch jemand anders aus dem Wartezimmer auf dem Klo?«

»Nein, glaube ich nicht, Herr Kommissar. Nein, bestimmt nicht. Wenn’s um fünf Minuten geht, dann bestimmt nicht. Ich wollte nämlich schon eine ganze Weile rauchen, und darum habe ich aufgepasst, ob einer auf die Toilette ging.«

»Na also!«, sagte der Kommissar, anscheinend sehr befriedigt, »da sagen Sie es ja selbst: Nur Sie, nur Sie allein können die Karte auf den Flur gelegt haben!«

Kluge starrte ihn mit weit aufgerissenen, jetzt wieder völlig erschreckten Augen an.

»Nachdem Sie das also eingestanden haben …«

»Ich habe nichts eingestanden, nichts! Ich habe nur gesagt, in den letzten fünf Minuten ist niemand vor mir auf dem Klo gewesen!«

Kluge schrie das fast.

»Aber, aber!«, sagte der Kommissar und schüttelte missbilligend den Kopf. »Sie werden doch ein eben abgelegtes Geständnis nicht gleich widerrufen wollen, dafür sind Sie doch ein viel zu vernünftiger Mann. Ich müsste den Widerruf auch ins Protokoll nehmen, Herr Kluge, und so was sieht nie hübsch aus.«

Kluge starrte ihn verzweifelt an. »Ich habe doch nichts gestanden …«, flüsterte er tonlos.

»Wir werden uns darüber schon noch einig werden«, meinte Escherich beruhigend. »Nun sagen Sie mir erst mal: Wer hat Ihnen die Karte zur Ablage gegeben? War’s ein guter Bekannter, ein Freund, oder hat Sie jemand auf der Straße angesprochen und Ihnen ein paar Mark dafür gegeben?«

»Nichts! Nichts!«, schrie wieder Kluge. »Ich habe die Karte nicht in der Hand gehabt, mit keinem Auge habe ich sie gesehen, ehe sie mir Ihr Kollege gab!«

»Aber, aber, Herr Kluge! Sie haben vorhin selber zugegeben, dass Sie die Karte auf den Flur gelegt haben …«

»Nichts habe ich zugegeben! So was habe ich nie gesagt!«

»Nein«, sagte Escherich, strich sich über den Bart und wischte damit ein Lächeln fort. Es machte ihm jetzt schon viel Vergnügen, diesen feigen, jammernden Hund ein bisschen tanzen zu lassen. Das wurde noch ein ganz nettes Protokoll mit starkem Verdacht – für die Vorgesetzten. »Nein«, sagte er. »In der Form haben Sie es nicht gesagt. Sondern Sie haben nur gesagt, dass nur Sie die Karte dort abgelegt haben können, dass niemand außer Ihnen dort gewesen ist, und das bedeutet wohl ebenso viel.«

Enno starrte ihn mit weit offenen Augen an. Dann sagte er plötzlich mürrisch: »Das habe ich auch nicht gesagt. Es können übrigens auch andere Leute auf die Toilette gegangen sein, nicht nur die vom Wartezimmer.«

Er setzte sich wieder; in der Erregung vorhin, bei den falschen Beschuldigungen war er aufgesprungen.

»Aber ich sage gar nichts mehr aus. Ich verlange einen Anwalt. Und ein Protokoll unterschreibe ich auch nicht.«

»Aber, aber«, sagte Escherich. »Habe ich denn schon von Ihnen verlangt, Herr Kluge, dass Sie ein Protokoll unterschreiben? Habe ich mir auch nur eine Notiz gemacht von dem, was Sie ausgesagt haben? Wir sitzen doch hier wie zwei alte Freunde, was wir hier reden, geht keinen was an.«

Er stand auf, öffnete die Zellentür weit.

»Sehen Sie, niemand auf dem Gang, der horcht. Und da machen Sie mir solche Schwierigkeiten wegen so einer albernen Karte? Sehen Sie, ich lege ja gar keinen Wert auf diese Karte. Das ist ja ein Idiot, der die geschrieben hat! Aber wo die Sprechstundenhilfe und mein Kollege doch so viel Aufhebens davon machen, muss ich der Sache einfach nachgehen! Seien Sie kein Frosch, Herr Kluge, sagen Sie mir einfach: Ein Herr auf der Frankfurter Allee hat sie mir gegeben, er will dem Doktor einen kleinen Streich spielen, hat er gesagt. Und zehn Mark hat er Ihnen dafür gezahlt. Sie haben doch einen ganz neuen Zehnmärker in der Tasche gehabt, den habe ich doch schon gesehen. Sehen Sie, wenn Sie mir das jetzt erzählen, dann sind Sie mein Mann. Dann machen Sie mir keine Schwierigkeiten, dann kann ich beruhigt nach Haus gehen.«

»Und ich? Wohin geh ich? In die Plötze! Und dann Kopf ab! Nee, Herr Kommissar, das sage ich nie und nie aus!«

»Sie, wohin Sie gehen, Herr Kluge, wenn ich nach Haus gehe? Sie gehen doch auch nach Haus, haben Sie das denn immer noch nicht begriffen? Sie sind frei, so oder so, ich lass Sie laufen …«

»Wahr, Herr Kommissar, heilig wahr? Ich kann gehen auch ohne Aussage, ohne Protokoll?«

»Aber natürlich können Sie gehen, Herr Kluge, jetzt auf der Stelle können Sie gehen. Nur eines überlegen Sie sich noch mal, ehe Sie gehen …«

Und er tippte dem erregt Aufgesprungenen, schon nach der Tür Hingewendeten auf die Schulter.

»Sehen Sie, ich regle das in Ihrer Fabrik für Sie, den Gefallen tu ich Ihnen. Das habe ich Ihnen versprochen, und ich halte Wort. Aber nun denken Sie auch mal einen Augenblick an mich, Herr Kluge. Denken Sie mal an all die vielen Schwierigkeiten, die ich von meinem Kollegen kriege, wenn ich Sie laufenlasse. Der verklatscht mich doch bei meinen Vorgesetzten, ich kann die größten Schwierigkeiten davon haben. Es wäre wirklich anständig von Ihnen, Herr Kluge, wenn Sie mir das von dem Mann in der Frankfurter Allee unterschreiben würden, da ist doch für Sie gar kein Risiko dabei. Der Mann kann ja gar nicht aufgefunden werden, also, Herr Kluge!«

So sanft bohrendem Zureden war Enno Kluge eigentlich nie in seinem Leben gewachsen gewesen. Er stand zweifelnd da. Die Freiheit lockte, und mit der Fabrik würde auch alles in Ordnung kommen, wenn er diesen Mann da nicht vor den Kopf stieß. Er hatte eine schreckliche Angst davor, diesen netten Kommissar vor den Kopf zu stoßen. Dann bearbeitete womöglich der Bulle den Fall weiter, und der würde ihn eines Tages doch noch dazu bringen, den Einbruch bei der Rosenthal zu gestehen. Dann war Enno Kluge verloren, der SS-Mann Persicke …

Er konnte wirklich dem Kommissar den Gefallen tun – was war eigentlich dabei? Es war so ’ne Quatschkarte, irgendwas Politisches, mit dem er nie was zu tun gehabt hatte, wovon er nichts verstand. Und der Mann in der Frankfurter Allee würde wirklich nie zu finden sein, weil es ihn einfach nicht gab. Ja, er wollte dem Kommissar den Gefallen tun und unterschreiben.

Aber dann warnte ihn wieder seine angeborene Vorsicht, seine Ängstlichkeit. »Ja«, sagte er, »und wenn ich unterschrieben habe, dann lassen Sie mich doch nicht frei.«

»Aber! Aber!«, sagte der Kommissar Escherich und sah sein Spiel schon so gut wie gewonnen. »Wegen so ’ner Dreckskarte, und wo Sie mir doch einen Gefallen tun. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Kluge, als Kriminalkommissar und als Mensch: Sobald Sie das Protokoll unterschrieben haben, sind Sie frei.«

»Und wenn ich nicht unterschreibe?«

»Sind Sie natürlich auch frei!«

Enno Kluge entschloss sich. »Also, ich werd es unterschreiben, Herr Kommissar, damit Sie keine Unannehmlichkeiten haben, und ich tu Ihnen auch mal einen Gefallen. Aber Sie vergessen das nicht mit meiner Fabrik?«

»Wird heute noch erledigt, Herr Kluge. Heute noch! Lassen Sie sich da morgen mal ein bisschen sehen, und unterlassen Sie überhaupt diese blöde Krankschreiberei! Mal einen Tag blau, sagen wir einmal in der Woche, da wird niemand mehr ein Wort sagen, wenn ich mit denen gesprochen habe. Soll es so recht sein, Herr Kluge?«

»Aber natürlich! Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Kommissar!«

So sprechend, waren sie über den Zellengang wieder in der Stube angelangt, wo der Assistent Schröder wartend saß, gespannt, wie das Verhör ausgefallen sein würde, und im Voraus schon in sein Schicksal ergeben, wenn es doch etwas setzte. Er sprang auf, als die beiden eintraten.

»Na, Schröder«, sagte der Kommissar lächelnd und deutete mit dem Kopf auf Kluge, der klein und ängstlich bei ihm stand, denn der Bulle sah ihn schon wieder so furchteinflößend an. »Da haben Sie unsern Freund. Er hat mir eben zugegeben, dass er die Karte bei dem Doktor auf den Flur gelegt hat, er hat sie von einem Herrn auf der Frankfurter Allee bekommen …«

Der Brust des Assistenten entrang sich ein Laut wie Stöhnen. »Den Donner!«, sagte er dann. »Aber er kann doch gar nicht …«

»Und jetzt«, fuhr der Kommissar unberührt fort, »und jetzt machen wir beide hier nur ein kleines Protokoll, und dann geht der Herr Kluge nach Haus. Ist frei. Stimmt’s, Herr Kluge, oder stimmt’s nicht?«

»Ja«, antwortete Kluge, aber nur ganz leise, denn die Gegenwart des Bullen flößte ihm immer neue Bedenken und neue Angst ein.

Der Assistent aber stand ganz dämlich da. Der Kluge hatte die Karte nicht hingelegt, nie und nie im Leben, das stand für ihn fest. Und nun war der Kluge doch bereit, das Gegenteil zu unterschreiben.

Was für ein Fuchs, dieser Escherich! Wie er das wohl erreicht haben mochte? Schröder gestand sich – nicht ohne Neid – ein, dass dieser Escherich ihm weit überlegen war. Und dann, nach solchem Geständnis, den Burschen auch noch freilassen! Nicht zu verstehen, nicht zu durchschauen! Na, es gab eben immer noch Klügere, so schlau man sich auch vorkam.

»Hören Sie, Kollege«, sagte Escherich, der jetzt die Verblüffung des Assistenten genug genossen hatte, »Sie könnten eigentlich einen Gang für mich tun, jetzt gleich, aufs Präsidium.«

»Zu Befehl, Herr Kommissar!«

»Sie wissen, ich habe da doch diesen Fall – wie hieß er doch gleich? –, ach ja, diesen Fall Klabautermann. Sie erinnern sich doch, Kollege?«

Die Augen beider trafen sich und verstanden sich.

»Also, Herr Schröder, Sie gehen für mich aufs Präsidium und sagen dem Kollegen Linke – aber setzen Sie sich doch, Herr Kluge, entschuldigen Sie, ich will dem Kollegen nur noch ein paar Worte sagen.«

Er ging mit dem Assistenten zur Tür. Er flüsterte: »Fordern Sie dort zwei Leute an. Sollen sofort hierherkommen, tüchtige Leute zum Beschatten. Dieser Kluge wird vom Verlassen des Reviers an ohne Unterbrechung beschattet. Meldung über seine Wege alle zwei, drei Stunden, wie’s passt, telefonisch zu mir auf die Gestapo. Deckwort: Klabautermann. Zeigen Sie den beiden Leuten den Mann, sie sollen sich ablösen. Und kommen Sie wieder hier rein, wenn die Männer bereitstehen. Dann lass ich das Häschen hier laufen.«

»Geht alles in Ordnung, Herr Kommissar. Heil Hitler!«

Die Tür klappte, der Bulle war gegangen. Neben Enno Kluge setzte sich der Kommissar und sagte: »Also den wären wir los! Den mögen Sie wohl nicht sehr gerne, Herr Kluge?«

»Nicht so sehr wie Sie, Herr Kommissar!«

»Haben Sie gesehen, was der für Augen machte, als er hörte, ich lasse Sie laufen? Der hat jetzt eine schöne Wut im Bauch! Deswegen habe ich ihn ja grade weggeschickt, den kann ich bei unserm kleinen Protokoll nicht brauchen. Hätte uns immerzu reingeredet. Ich lasse nicht mal ein Tippfräulein kommen, kliere die paar Zeilen lieber allein. Ist ja doch nur eine Abmachung unter uns, damit ich vor meinen Vorgesetzten wegen Ihrer Freilassung ein bisschen gedeckt bin.«

Und nachdem er so den kleinen Angstpeter wieder ein bisschen beruhigt hatte, nahm er die Feder und begann zu schreiben. Manchmal sagte er laut und deutlich, was er schrieb (wenn er das schrieb, was er laut sagte, was bei einem so gerissenen Kriminalisten, wie es der Escherich war, nicht einmal so ganz sicher war), manchmal murmelte er nur. Kluge konnte nicht recht verstehen, was er sagte.

Er sah nur, es wurden nicht nur ein paar Zeilen, es wurden drei, es wurden fast vier Aktenseiten. Aber das interessierte ihn im Augenblick noch nicht einmal so sehr, ihn interessierte bloß, ob er jetzt wirklich gleich freikam. Er sah nach der Tür hin. Mit einem raschen Entschluss stand er auf, ging zu ihr hin und öffnete sie ein wenig …

»Kluge!«, rief es hinter ihm, aber nicht befehlend. »Herr Kluge, ach bitte!«

»Ja?«, fragte er und sah zurück. »Ich darf wohl doch nicht gehen?« Er lächelte ängstlich.

Der Kommissar sah ihn, den Federhalter in der Hand, mit einem Lächeln an. »Also reut Sie’s schon wieder, Herr Kluge, was wir besprochen hatten? Was Sie mir fest versprochen hatten? Nun schön, habe ich den Kohl umsonst gekliert!« Er legte die Feder energisch weg. »Aber gehen Sie doch, Kluge – freilich, das sehe ich nun, dass Sie kein Mann von Wort sind. Also gehen Sie schon, ich weiß doch, Sie unterschreiben nicht! Ist auch gut, meinethalben …«

Und auf diese Weise erreichte es der Kommissar, dass Enno Kluge wirklich das Protokoll unterschrieb. Ja, Kluge verlangte nicht einmal, dass es ihm vorher laut und deutlich vorgelesen wurde. Er unterschrieb ahnungslos.

»Und jetzt darf ich gehen, Herr Kommissar?«

»Natürlich. Besten Dank auch, Herr Kluge, haben Sie gut gemacht. Auf Wiedersehen. Das heißt, besser nicht hier, besser nicht an dieser Stelle. Ach, einen Augenblick noch, Herr Kluge …«

»Ich darf also doch nicht gehen?«

Im Gesicht Kluges zitterte es schon wieder.

»Aber gewiss doch! Trauen Sie mir schon wieder nicht mehr? Sind Sie aber ein misstrauischer Mensch, Herr Kluge! Doch ich denke, Sie würden gerne Ihre Papiere und Ihr Geld mitnehmen? Na, sehen Sie! Also wollen wir mal schauen, ob auch alles da ist, Herr Kluge …«

Und sie fingen an zu vergleichen: Arbeitsbuch, Wehrpass, Geburtsurkunde, Trauschein …

»Wozu schleppen Sie eigentlich all die Papiere mit sich rum, Kluge? Wenn die Ihnen mal verlorengehn!«

… Polizeiliche Anmeldung, vier Lohntüten …

»Viel verdienen Sie aber nicht, Herr Kluge! Ach so, ja richtig, ich sehe, jede Woche nur drei, vier Tage gearbeitet, Sie kleiner Drückeberger, Sie!«

… Drei Briefe …

»Nee, lassen Sie nur, die interessieren mich gar nicht!«

… 37 Reichsmark in Scheinen und 65 Reichspfennig in Münzen …

»Sehen Sie, da haben wir ja auch den Zehnmarkschein, den Sie von dem Herrn bekommen haben, den nehme ich wohl lieber zu den Akten. Aber, warten Sie, Sie sollen dadurch keinen Verlust haben, ich gebe Ihnen zehn Mark von mir als Ersatz …«

So trieb es der Kommissar so lange, bis der Assistent Schröder wieder hereinkam: »Befehl ausgeführt, Herr Kommissar. Und ich soll melden, der Kommissar Linke möchte Sie auch noch gerne wegen des Falls Klabautermann sprechen.«

»Schön, schön. Danke auch bestens, Kollege. Ja, wir hier sind fertig. Also denn auf Wiedersehen, Herr Kluge. Schröder, zeigen Sie dem Herrn Kluge doch mal den Weg. Also, Herr Schröder geht mit durch die Revierstube. Nochmals auf Wiedersehen, Herr Kluge. Die Fabrik vergesse ich nicht. Nein, nein! Heil Hitler!«

»Na, denn nichts für ungut, Herr Kluge«, sagte Schröder, stand auf der Frankfurter Allee und schüttelte ihm die Hand. »Sie wissen, Beruf ist Beruf, und manchmal müssen wir auch ein bisschen derbe zufassen. Aber ich habe Ihnen gleich wieder die Handfessel abnehmen lassen. Von dem Puff, den Ihnen der Wachtmeister gab, spüren Sie doch nichts mehr?«

»Nein, gar nichts. Und ich verstehe auch alles … Entschuldigen Sie bloß die Mühe, die ich Ihnen gemacht habe, Herr Kommissar.«

»Also denn: Heil Hitler, Herr Kluge!«

»Heil Hitler, Herr Kommissar!«

Und der kleine, schmächtige Enno Kluge trabte los. Er lief in einem richtigen Zuckeltrab durch die Menschen auf der Frankfurter Allee, und der Assistent Schröder sah ihm nach. Er überzeugte sich noch, dass die beiden Leute, die er angesetzt hatte, richtig auf seiner Spur waren, nickte dann und ging zurück auf die Wache.

25. Kommissar Escherich bearbeitet die Sache Klabautermann

»Da, lesen Sie!«, sagte der Kommissar Escherich zu dem Assistenten Schröder und gab ihm das Protokoll in die Hand.

»Tja«, antwortete Schröder und reichte die Bogen zurück. »Da hat er es also doch gestanden und ist nun reif für den Volksgerichtshof und den Scharfrichter. Ich hätte es nicht gedacht.« Er setzte nachdenklich hinzu: »Und so was läuft frei auf der Straße rum!«

»Jawohl!«, sagte der Kommissar, legte das Protokoll in einen Aktendeckel und den Aktendeckel wieder in seine Ledertasche. »Jawohl, so was läuft nun frei auf der Straße rum – aber doch wohl ordentlich beschattet von unseren Leuten?«

»Selbstverständlich!«, beeilte sich Schröder zu versichern. »Ich habe mich selbst davon überzeugt: sie waren ihm beide gut auf der Spur.«

»Und da läuft er rum«, fuhr der Kommissar Escherich, nachdenklich seinen Schnurrbart streichelnd, fort, »läuft und läuft, und unsere Leute laufen hinter ihm drein! Und eines Tages – heute oder in einer Woche oder in einem halben Jahr – läuft unser kleiner, fieser Herr Kluge zu seinem Kartenschreiber, zu dem Mann, der ihm den Auftrag gab: Leg sie da und dort ab. Zu dem führt er uns so sicher, wie das Amen in der Kirche kommt. Und da mache ich schnapp, und dann erst sind die beiden richtig reif für die Plötze und so weiter und so fort.«

»Herr Kommissar«, sagte der Assistent Schröder, »ich kann’s noch immer nicht ganz glauben, dass der Kluge die Karte hingelegt hat. Ich hab’s doch gesehen, wie ich sie ihm in die Hand gab, der hat noch nie was von der Karte gewusst! Das hat sich alles bloß dieses hysterische Frauenzimmer, die Sprechstundenhilfe, ausgedacht.«

»Aber es steht doch im Protokoll, dass er sie hingelegt hat«, wandte der Kommissar ein, doch ohne besonderen Nachdruck. »Im Übrigen möchte ich Ihnen raten, in Ihrem Bericht nichts von hysterischem Frauenzimmer zu schreiben. Keine persönlichen Vorurteile, rein sachlich. Wenn Sie wollen, können Sie ja noch den Arzt wegen der Glaubwürdigkeit seiner Hilfe befragen. Ach nein, lassen Sie das man auch lieber. Das wird auch wieder so ein persönliches Urteil, das können wir dem Untersuchungsrichter überlassen, wie er die einzelnen Aussagen bewertet. Wir arbeiten nur rein sachlich, nicht wahr, Schröder, ohne jedes Vorurteil.«

»Selbstverständlich, Herr Kommissar.«

»Wenn da eine Aussage steht, so steht da eben eine Aussage, und an die halten wir uns. Wie und warum sie zustande gekommen ist, das geht uns nichts an. Wir sind ja keine Psychologen, wir sind Kriminalisten. Crimen, Verbrechen zu Deutsch, Schröder, nur das Verbrechen interessiert uns. Und wenn einer gesteht, er hat ein Verbrechen begangen, so genügt uns das erst einmal. Das ist wenigstens meine Ansicht von der Sache, oder denken Sie anders darüber, Schröder?«

»Aber selbstverständlich nicht, Herr Kommissar!«, rief der Assistent Schröder aus. Es klang, als sei er maßlos erschrocken über den Gedanken, er könne irgendetwas anders auffassen als sein Vorgesetzter. »Genau, was ich denke! Immer gegen das Verbrechen!«

»Ich wusste es ja«, sagte der Kommissar Escherich und streichelte seinen Bart. »Wir alten Kriminalisten sind doch immer einer Meinung. Wissen Sie, Schröder, es arbeiten jetzt viele Außenseiter in unserm Beruf, aber wir halten doch stets zusammen, und davon haben wir ja denn auch manches Gute. Also, Schröder«, dieses rein dienstlich, »ich bekomme dann heute noch Ihren Bericht über die Verhaftung des Kluge und das Protokoll mit den Aussagen der Sprechstundenhilfe und des Arztes. Ja, richtig, Sie hatten ja auch einen Wachtmeister mit, Schröder …«

»Oberwachtmeister Dubberke hier vom Revier …«

»Kenn ich nicht. Soll aber auch einen Bericht machen über das Ausreißen des Kluge. Kurz, sachlich, kein Geschwafel, keine persönlichen Vorteile, verstanden, Herr Schröder?«

»Zu Befehl, Herr Kommissar!«

»Also denn, Schröder! Wenn Sie die Berichte abgegeben haben, werden Sie ja mit dieser Sache nicht mehr befasst werden, höchstens mal irgendeine Aussage vor einem Richter oder bei uns auf der Gestapo …« Er betrachtete seinen Untergebenen sinnend. »Wie lange sind Sie schon Assistent, Herr Schröder?«

»Schon dreieinhalb Jahre, Herr Kommissar.«

Das Auge des »Bullen«, wie es jetzt auf dem Kommissar lag, hatte etwas Rührendes.

Aber der Kommissar sagte nur: »Ja, dann wird’s ja auch allmählich Zeit«, und verließ das Revier.

In der Prinz-Albrecht-Straße ließ er sich dann sofort bei seinem direkten Vorgesetzten, dem SS-Obergruppenführer Prall, melden. Er musste fast eine Stunde warten; nicht, dass Herr Prall grade sehr beschäftigt gewesen wäre, oder doch, er war grade sehr beschäftigt. Escherich hörte das Klirren von Gläsern, das Schnalzen der Pfropfen, er hörte Gelächter und Geschrei: eine der häufigen Zusammenkünfte höherer Führer also. Geselligkeit, Umtrunk, heitere Zwanglosigkeit, Erholung nach der schweren Mühe, Mitmenschen zu quälen und an den Galgen zu bringen.

Der Kommissar wartete ohne Ungeduld, obwohl er an diesem Tage noch viel vorhatte. Er kannte die Vorgesetzten im Allgemeinen, und er kannte diesen Vorgesetzten im Besonderen. Da half kein Drängeln, und wenn halb Berlin in Flammen stand, wenn der saufen wollte, so soff er erst mal. Das war so!

Nach einem Stündchen wurde Escherich dann aber doch vorgelassen. Das Zimmer mit den deutlichen Spuren eines Trinkgelages sah ziemlich wüst aus, und der Herr Prall, dunkelrot von Armagnac glühend, sah auch ziemlich wüst aus. Aber er sagte leutselig: »Da, Escherich! Schenken Sie sich doch auch ein Glas ein! Das sind die Früchte unseres Sieges über Frankreich: echter Armagnac, zehnmal besser als Kognak. Zehnmal? Hundertmal! Warum trinken Sie nicht?«

»Bitte um Verzeihung, Herr Obergruppenführer, ich habe heute noch ziemlich viel zu tun, möchte einen klaren Kopf behalten. Übrigens bin ich das Trinken nicht mehr gewohnt.«

»Ach was, nicht gewohnt! Klarer Kopf, Flausen! Wozu brauchen Sie einen klaren Kopf? Lassen Sie jemand anders Ihre Arbeit tun, und schlafen Sie sich aus. Prost, Escherich – auf unsern Führer!«

Escherich prostete mit, weil er musste. Er prostete auch noch ein zweites und ein drittes Mal mit, und er dachte dabei, wie die Gesellschaft seiner Kameraden zusammen mit dem Alkohol diesen Mann verändert hatte. Prall war sonst eigentlich immer ganz erträglich, nicht halb so schlimm wie hundert andere Burschen, die mit ihren schwarzen Uniformen in diesem Bau herumliefen. Sondern eher ein bisschen zweiflerisch, eben nur »kommandiert«, wie er mal gesagt hatte, keineswegs von allem überzeugt.

Aber unter dem Einfluss von Kameraden und Alkohol wurde er wie die: unberechenbar, brutal, sprunghaft und bereit, jede andere Ansicht sofort mit Stumpf und Stiel auszurotten, und sei es nur eine andere Ansicht über das Trinken von Schnaps. Hätte ihm Escherich das Anstoßen ernstlich verweigert, so wäre er so sicher verloren gewesen, wie wenn er den schlimmsten Verbrecher hätte laufenlassen. Ja, eigentlich wäre so was noch unverzeihlicher gewesen, weil es an eine persönliche Beleidigung grenzte, wenn der Untergebene nicht so viel und so oft mit dem Vorgesetzten anstieß, wie der wünschte.

Escherich stieß also an, stieß mehrmals an und trank mit.

»Also, was gibt’s, Escherich?«, sagte dann Prall und versuchte, an seinem Schreibtisch möglichst grade zu stehen, an ihm und durch ihn. »Was haben Sie denn da?«

»Ein Protokoll«, erklärte Escherich. »Von mir aufgenommen in Sachen meines Klabautermanns. Ein paar andere Berichte und Protokolle folgen noch, aber dieses ist das wichtigste. Bitte, Herr Obergruppenführer.«

»Klabautermann?«, fragte Prall, scharf nachdenkend. »Das ist doch der Kerl mit den Karten. Na, ist Ihnen da doch was eingefallen, Escherich, wie ich Ihnen befohlen habe?«

»Zu Befehl, Herr Obergruppenführer. Wenn Herr Obergruppenführer das Protokoll lesen würde?«

»Lesen? Nee, nicht jetzt. Später vielleicht mal. Lesen Sie jetzt mal vor, Escherich!«

Aber er unterbrach die Vorlesung nach den ersten drei Sätzen. »Wollen erst noch mal einen genehmigen. Prost, Escherich! Heil Hitler!«

»Heil Hitler, Herr Obergruppenführer!«

Und nachdem er ausgetrunken hatte, fing Escherich wieder mit Vorlesen an.

Aber nun war dem alkoholisierten Prall ein neckisches Spiel eingefallen. Immer, wenn Escherich drei, vier Sätze gelesen hatte, unterbrach er ihn mit einem »Prost!«, und Escherich musste, nachdem er auch geprostet hatte, wieder von vorn anfangen. Nie ließ Prall ihn über die erste Seite hinauskommen, schon unterbrach er ihn mit einem neuen »Prost!«. Er sah wohl – trotz all seiner Besoffenheit –, wie es in dem Manne arbeitete, wie das scharfe Getränk ihm widerstand, dass er zehn Mal die Lust hatte, das Protokoll hinzulegen und fortzugehen (so leck mich doch am Arsch!), und wie er es nicht wagte, weil der andere eben der Vorgesetzte war, wie er kuschen musste, sich den Zorn nicht merken lassen durfte …

»Prost, Escherich!«

»Danke gehorsamst, Herr Obergruppenführer! Prost!«

»Na, nun lesen Sie doch weiter, Escherich! Nee, fangen Sie noch mal wieder von vorne an. Die eine Stelle ist mir noch nicht ganz aufgegangen. Immer ein langsamer Denker gewesen …«

Und Escherich las. Ja, jetzt wurde er genauso gequält, wie er vor zwei Stunden den schmächtigen Kluge gequält hatte, genau wie den plagte auch ihn nur das Verlangen, aus der Tür herauszukommen. Aber er musste lesen, lesen und trinken, trinken und lesen, solange das dem anderen beliebte. Er fühlte schon, wie es flockig, wolkig in seinem Kopf zog – seine gute Arbeit, ade! Verdammte Zucht!

»Prost, Escherich!«

»Prost, Herr Obergruppenführer!«

»Na, denn lesen Sie noch mal von Anfang an!«

Bis dieses Spiel dem Prall plötzlich langweilig wurde, bis er grob sagte: »Ach, lassen Sie doch diese blöde Vorleserei! Sie sehen doch, ich bin besoffen, wie soll ich denn da das Zeugs kapieren? Wollen sich wohl mit Ihrem geistreichen Protokoll dicketun, was? Andere Berichte folgen, sind nicht so wichtig wie der vom großen Kriminalisten Escherich! Wenn ich schon so was höre! Kurz und Furz: Haben Sie den Kartenschreiber geschnappt?«

»Zu Befehl, nein, Herr Obergruppenführer. Aber …«

»Und warum kommen Sie denn da zu mir? Warum stehlen Sie mir meine kostbare Zeit und saufen mir den schönen Armagnac weg?« Dies war nun schon reines Gebrüll. »Sie sind wohl ganz wahnsinnig geworden, Herr? Aber mit Ihnen werde ich jetzt in einem anderen Ton reden, Herr! Bin viel zu gutmütig gewesen, habe Sie zu frech werden lassen, verstanden?«

»Zu Befehl, Herr Obergruppenführer!« Und rasch, ehe das Geschrei von neuem losging, stieß Escherich hervor: »Aber ich habe jemanden gefasst, der die Karten verteilt hat. Ich denke wenigstens.«

Diese Nachricht besänftigte Prall ein wenig. Er sah den Kommissar mit stieren Augen an und sagte: »Vorführen den Mann! Soll mir sagen, wer ihm die Karten gegeben hat. Werde ihn zwiebeln – bin grade in der Stimmung dazu!«

Einen Augenblick schwankte Escherich. Er hätte sagen können, dass der Mann noch nicht in der Prinz-Albrecht-Straße war, dass er ihn holen würde – und dann würde er ihn wirklich holen, nämlich von der Straße her oder aus seiner Wohnung, mit Hilfe der Beschatter. Oder aber er würde ruhig aus der Ferne abwarten, bis der Obergruppenführer seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Dann würde er wahrscheinlich alles vergessen haben.

Aber weil Escherich eben der Escherich war, nämlich ein in seinen Sünden gesottener Kriminalist, nämlich nicht feige, sondern er war mutig, und aus dem Mut heraus sagte er (es komme, was da wolle): »Ich habe den Mann wieder auf freien Fuß gesetzt, Herr Obergruppenführer!«

Gebrüll – nein, du lieber Himmel, was für ein tierisches Gebrüll! Der doch sonst wirklich für einen höheren Führer recht gesittete Prall vergaß sich doch so weit, dass er seinen Kommissar vor der Brust fasste, ihn hin und her schüttelte und dabei schrie: »Freigelassen? Freigelassen? Weißt du, was ich nun mit dir machen werde, du Schwein? Jetzt werde ich dich einstecken, jetzt sollst du mal sitzen! Warte, eine Tausendwattlampe hänge ich dir vor deinen Schnurrbart, wie Hundekacke, und wenn du einschläfst, lasse ich dich wachprügeln, du Aas …«

So ging es noch eine ganze Weile weiter. Escherich ließ sich schütteln und beschimpfen, er hielt ganz still. Jetzt war es vielleicht doch ganz gut, dass er Alkohol getrunken hatte. Ein wenig betäubt durch den Armagnac, empfand er alles, was geschah, nur undeutlich, als sei es mehr ein Traumgeschehen.

Schrei du nur!, dachte er. Je lauter du schreist, umso eher wirst du heiser. Mach’s nur so weiter, gib’s dem alten Escherich tüchtig!

Und wirklich, nachdem er sich heiser geschrien, ließ Prall seinen Untergebenen los. Er goss sich ein weiteres Glas Armagnac ein, musterte Escherich mit bösem Blick und krächzte: »Nun melden Sie gefälligst, warum Sie diese Riesendummheit gemacht haben!«

»Zuerst möchte ich melden«, sagte Escherich leise, »dass der Mann ständig durch zwei unserer besten Leute vom Präsidium beschattet wird. Ich denke, früher oder später wird er doch seinen Auftraggeber, den Briefeschreiber, aufsuchen. Jetzt leugnet er, ihn zu kennen. Der bekannte große Unbekannte.«

»Ich hätte den Namen schon aus ihm rausgepresst. Diese Beschatterei – womöglich verlieren die noch den Mann!«

»Die nicht! Die tüchtigsten Leute vom Alex!«

»Na, na!« Aber ersichtlich zog bei Prall wieder besseres Wetter auf. »Sie wissen, ich will diese Eigenmächtigkeiten nicht haben! Ich hätte den Mann lieber in meinen Fingern!«

Das möchtest du!, dachte Escherich. Und in einer halben Stunde hast du raus, dass der gar nichts mit den Karten zu tun hat, und fängst wieder an, mich zu hetzen …

Laut aber sagte er: »Das ist so ein verängstigtes kleines Geschöpf, Herr Obergruppenführer. Die Wahrheit zu sagen: feig wie Schifferscheiße. Wenn Sie den zwiebeln, der kackt Lügen über Lügen, der sagt Ihnen alles aus, was Sie wollen, und wir laufen hinter hundert Lügen her. So führt er uns glatt zum Kartenschreiber.«

Der Obergruppenführer lachte: »Na ja, Sie oller Fuchs, also trinken wir noch einen!«

Also tranken sie noch einen.

Der Obergruppenführer sah den Kommissar prüfend an. Sichtlich hatte sein Zornesausbruch ihm gutgetan, hatte ihn etwas nüchterner gemacht.

Er überlegte, dann sagte er: »Von dem Protokoll da, Sie wissen schon …«

»Zu Befehl, Herr Obergruppenführer!«

»… von dem Protokoll da lassen Sie mir ein paar Abschriften anfertigen. Stecken Sie Ihr geistreiches Machwerk wieder ein.« Beide grinsten. »Hier gerät es womöglich doch noch in den Armagnac …«

Escherich tat das Protokoll wieder in den Aktendeckel und den Deckel in die Mappe.

Unterdes hatte sein Vorgesetzter in einer Schreibtischlade gekramt und kam jetzt zurück, eine Hand auf dem Rücken. »Sagen Sie mal, Escherich, haben Sie eigentlich schon das Kriegsverdienstkreuz?«

»Nein, Herr Obergruppenführer.«

»Irrtum, Escherich! Da haben Sie’s!« Und er streckte überraschend die bisher verborgene Hand aus, auf deren Fläche das Kreuz lag.

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