Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 18

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Der Kommissar war so überwältigt, dass er nur einzelne Worte stammeln konnte. »Aber, Herr Obergruppenführer! Nicht verdient … Finde keine Worte …«

Alles hatte er während des Anpfiffs fünf Minuten zuvor erwartet, sogar ein paar Tage und Nächte im Bunker hatte er für möglich gehalten, aber dass ihm direkt darauf das Verdienstkreuz überreicht werden würde …

»… Jedenfalls danke ich gehorsamst.«

Der Obergruppenführer Prall weidete sich an der Überraschung des Dekorierten.

»Na ja, Escherich«, sagte er dann. »Sie wissen ja, ich bin gar nicht so. Und schließlich sind Sie ja doch ein ganz tüchtiger Beamter. Man muss Sie nur manchmal ein bisschen auf den Trab bringen, sonst schlafen Sie mir noch ganz ein. Wollen noch mal einen genehmigen. Prost, Escherich, auf Ihr Kreuz!«

»Prost, Herr Obergruppenführer! Und nochmals meinen gehorsamsten Dank!«

Der Obergruppenführer fing an zu schwatzen: »Eigentlich war das Kreuz gar nicht für Sie bestimmt, Escherich. Eigentlich sollte es Ihr Kollege, der Rusch, kriegen, für eine ganz zackige Sache, die er mit einer ollen Jüdin gedreht hat. Aber Sie kamen eben eher.«

Er schwatzte noch eine Weile weiter, drehte dann das Rotlicht über seiner Tür an, was bedeutete »Wichtige Besprechung! Nicht stören!«, und legte sich zum Schlafen auf eine Couch.

Als Escherich, das Verdienstkreuz noch immer in der Hand, sein Büro betrat, saß da sein Vertreter am Apparat und rief: »Was denn? Fall Klabautermann? Ist das kein Irrtum? Hier liegt kein Fall Klabautermann vor!«

»Geben Sie her!«, sagte Escherich und fasste nach dem Hörer. »Und verdimensionieren Sie sich schleunigst!«

Er rief in den Apparat: »Ja, hier Kommissar Escherich! Was ist mit Klabautermann? Wollen wohl Meldung erstatten?«

»Melde gehorsamst, Herr Kommissar, dass wir den Mann leider aus den Augen verloren haben, nämlich …«

»Was haben Sie?«

Escherich war nahe daran, einen Zornesausbruch folgen zu lassen, wie ihn eine Viertelstunde zuvor sein Vorgesetzter gehabt hatte. Aber er bezwang sich: »Wie hat denn das geschehen können? Ich denke, Sie sind ein tüchtiger Mann, und der Observierte ist doch bloß ein Männeken!«

»Ja, das sagen Sie so, Herr Kommissar. Aber er kann laufen wie ein Wiesel, und in dem Gedränge auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz war er plötzlich weg. Er muss gemerkt haben, dass wir ihn beschatteten.«

»Auch das noch!«, stöhnte Escherich, »hat’s gemerkt! Ihr Hornochsen habt mir meinen ganzen Film verkorkst! Nun kann ich euch auch nicht mehr schicken, er kennt euch ja. Und Neue kennen ihn wieder nicht!« Er überlegte: »Also schnellstens zurück aufs Präsidium! Jeder von euch beiden holt sich einen Ersatzmann. Und der eine von euch nimmt irgendwo in der nächsten Nähe seiner Wohnung Posto, aber gut gedeckt, wohlverstanden?! Dass er euch nicht noch mal ausreißt! Ihr habt nur die Aufgabe, euerm Ersatzmann den Kluge zu zeigen, und dann schwirrt ihr ab. Der andere geht zur Fabrik, wo er arbeitet, und meldet sich dort bei der Leitung. Warten Sie doch, Sie großer Held, Sie müssen doch erst die Adresse von der Wohnung haben!« Er suchte sie heraus und gab sie durch. »So, und nun schnellstens auf eure Posten! In die Fabrik kann übrigens der Ersatzmann allein gehen, und das erst morgen früh. Da werden sie ihm den Mann schon zeigen! Ich sage dort Bescheid. Und in einer Stunde bin ich selbst in seiner Wohnung …«

Er hatte aber so viel zu diktieren und zu telefonieren, dass er erst sehr viel später zur Wohnung der Eva Kluge kam. Seine Leute sah er nicht, und an der Tür klingelte er umsonst. So blieb auch ihm nur die Nachbarin, die Gesch.

»Der Kluge? Sie meinen den Kluge? Nee, der wohnt hier nich. Hier wohnt bloß seine Frau, lieber Mann, die lässt den schon längst nicht mehr in die Wohnung. Die ist aber verreist. Wo er wohnt? Wie soll ich das wissen, lieber Mann? Der treibt sich doch nur so rum, immer mit Weibern. Ich hab wenigstens mal so was gehört, aber ich will nischt gesagt haben. Die Frau hat mir schon Vorwürfe genug gemacht, weil ich dem Mann mal in ihre Wohnung geholfen habe.«

»Hören Sie mal, Frau Gesch«, sagte Escherich und war in den Flur der Wohnung eingetreten, da sie ihm die Tür vor der Nase zuschlagen wollte. »Nun erzählen Sie mir mal reineweg alles, was Sie von den Kluges wissen!«

»Wie komm ich denn dazu, lieber Mann, und wie kommen Sie dazu, hier einfach in meine Wohnung …«

»Ich bin nämlich der Kommissar Escherich von der Geheimen Staatspolizei, und wenn Sie meinen Ausweis sehen wollen …«

»Nee, nee!«, rief die Gesch abwehrend und war erschrocken bis an die Wand der Küche zurückgewichen. »Nischt will ich sehn, nischt will ich hören! Und von den Kluges habe ich Ihnen schon alles gesagt, was ich weiß!«

»Nun, ich denke, das werden Sie sich noch überlegen, Frau Gesch, wenn Sie mir hier nämlich nichts erzählen wollen, dann müsste ich Sie nach der Prinz-Albrecht-Straße auf die Gestapo einladen zu einem richtigen Verhör. Das würde Ihnen bestimmt keinen Spaß machen. Hier unterhalten wir uns doch nur ein bisschen in aller Gemütlichkeit, nichts wird aufgeschrieben …«

»Ja doch, Herr Kommissar. Aber ich habe wirklich nichts mehr zu erzählen. Ich weiß doch von denen gar nichts.«

»Wie Sie wollen, Frau Gesch. Machen Sie sich dann fertig, ich habe unten ein paar Leute, Sie können gleich mitkommen. Und legen Sie Ihrem Mann – Sie haben doch einen Mann? Aber natürlich haben Sie einen Mann! –, also legen Sie Ihrem Mann mal einen Zettel hin: ›Bin auf der Gestapo. Rückkunft unbestimmt!‹ Also los, Frau Gesch! Schreiben Sie den Zettel!«

Die Gesch war blass geworden, ihre Glieder flogen, die Zähne klapperten in ihrem Mund.

»So was werden Sie doch nicht tun, lieber, lieber Herr!«, flehte sie.

Er antwortete mit gespielter Grobheit: »Natürlich werde ich so was tun, Frau Gesch, wenn Sie mir nämlich weiter eine selbstverständliche Auskunft verweigern. Also seien Sie vernünftig, setzen Sie sich hierher und erzählen Sie mir alles, was Sie von den Kluges wissen. Wie ist denn die Frau?«

Natürlich nahm die Gesch Vernunft an. Im Grunde war er ein sehr lieber Herr, dieser Herr von der Gestapo, ganz anders, als sie sich solche Herren vorgestellt hatte. Und natürlich erfuhr Kommissar Escherich alles, was es eben bei der Gesch zu erfahren gab. Sogar von dem SS-Mann Karlemann hörte er, denn was die Eckkneipe wusste, das wusste die Gesch natürlich auch. Der tüchtigen Ex-Briefträgerin Eva Kluge hätte es das Herz abgedrückt, wenn sie gehört hätte, wie sehr sie und ihr ehemaliger Liebling Karlemann in der Leute Munde waren.

Als Kommissar Escherich von der Gesch schied, ließ er nicht nur ein paar Zigarren für den Mann zurück, sondern er hatte auch der Gestapo eine eifrige, unbezahlte und unbezahlbare Spionin gewonnen. Sie würde nicht nur auf die Wohnung der Kluges ständig ein Auge haben, sondern auch überall im Haus und in den Schlangen vor den Geschäften lauschen und den lieben Kommissar stets sofort anrufen, wenn sie was erfuhr, was er brauchen konnte.

In Verfolg dieser Unterhaltung rief Kommissar Escherich seine beiden Leute wieder ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass man den Kluge in der Wohnung seiner Frau erwischte, war nach dem Erfahrenen ganz gering, außerdem passte die Gesch auf die Wohnung auf. Dann ging Kommissar Escherich noch auf das Postamt und zu der Parteidienststelle und zog weitere Erkundigungen über diese Frau Kluge ein. Nie konnte man wissen, wozu so was gut war.

Escherich hätte denen auf der Post und der Partei ganz gut sagen können, dass er einen Zusammenhang zu kennen glaubte zwischen dem Parteiaustritt der Frau Kluge und den Schandtaten ihres Sohnes in Polen. Er hätte auch die Adresse von Frau Kluge im Ruppinschen verraten können, hatte er sich doch von dem Brief von der Kluge an die Gesch, als sie die Schlüssel schickte, die Anschrift notiert. Aber Escherich tat das nicht, er fragte viel, aber Auskünfte gab er nicht. Wohl war das die Partei und das Postamt, also etwas Amtliches, aber die Gestapo ist nicht dafür da, anderen in ihren Geschäften zu helfen. Dafür ist sie sich zu gut – und in diesem Punkte wenigstens teilte Kommissar Escherich die allgemeine Gestapo-Einbildung vollkommen.

Das mussten auch die Herren in der Fabrik erfahren. Sie trugen Uniform, und sie waren, in der Rangstufe und auch vom Gehalt aus gesehen, sicher etwas sehr viel Höheres als der farblose Kommissar. Aber er blieb dabei: »Nein, meine Herren, was gegen den Kluge vorliegt, das ist allein Sache der Geheimen Staatspolizei. Darüber sage ich nichts. Ihnen eröffne ich nur, dass Sie den Kluge anstandslos kommen und gehen lassen, wie er Lust hat, dass es keine Anschnauzereien und Verängstigungen mehr gibt und dass Sie den durch mich ausgewiesenen Beamten anstandslos Zulass in Ihrem Betrieb geben und ihre Arbeit, soweit das in Ihrer Macht steht, unterstützen werden. Haben wir uns nun verstanden?«

»Ich bitte um eine schriftliche Bestätigung dieser Anordnungen!«, rief der Offizier. »Und das heute noch!«

»Heute noch? Das wird ein bisschen spät. Aber vielleicht morgen. Vor morgen kommt der Kluge bestimmt nicht. Wenn er überhaupt wieder hierherkommt! Also dann, Heil Hitler, meine Herren!«

»Gottverdammich!«, knirschte der Offizier. »Diese Kerle werden immer anmaßender! Die ganze Gestapo soll der Henker holen! Die denken, weil sie jeden Deutschen einstecken können, dürfen sie sich alles erlauben. Aber ich bin Offizier, ich bin sogar Berufsoffizier …«

»Was ich noch sagen wollte …«, der Kopf Escherichs erschien wieder im Türspalt, »hat der Mann vielleicht hier noch Papiere, Briefe, persönliches Eigentum?«

»Da müssen Sie seinen Meister nach fragen! Der hat einen Schlüssel zu seinem Schrank …«

»Also schön«, sagte Escherich und sank auf einen Stuhl. »Da fragen Sie denn also den Meister danach, Herr Oberleutnant! Aber wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, ein bisschen schnell, ja?«

Einen Augenblick tauschten die beiden Blicke. Die Augen des spöttischen, farblosen Escherich und die vor Zorn dunklen des Oberleutnants führten einen Kampf miteinander. Dann schlug der Offizier die Hacken zusammen und verließ eilig den Raum, die gewünschte Auskunft zu besorgen.

»Ulkige Kruke, das!«, sagte Escherich zu dem plötzlich eifrig an seinem Schreibtisch beschäftigten Parteibonzen. »Wünscht die Gestapo zum Henker. Möchte gerne wissen, wie lange ihr hier noch sicher sitzen würdet, wenn wir nicht wären. Letzten Endes: der ganze Staat, das ist die Gestapo. Ohne uns bräche alles zusammen – und ihr ginget alle zum Henker!«

26. Frau Hete beschließt

Dem Kommissar Escherich wie seinen beiden Spionen vom Alex wäre es wohl recht seltsam zu vernehmen gewesen, dass der kleine Enno Kluge gar nichts davon geahnt hatte, dass er beschattet wurde. Sondern von dem Augenblick an, als ihn Assistent Schröder endgültig in die Freiheit entließ, hatte er nur den einen Gedanken: Bloß fort von hier und zur Hete!

Er lief durch die Straßen und sah keine Menschen, er ahnte nicht, wer hinter und wer neben ihm war. Er sah nicht hoch, er dachte bloß: Hin zu Hete!

Der Schacht der U-Bahn verschluckte ihn. Er stieg in einen Zug und entrann so für dieses Mal dem Kommissar Escherich, den Herren vom Alex und der ganzen Gestapo.

Enno Kluge hatte sich entschlossen: er fuhr erst noch einmal zur Lotte und holte seine Sachen. Er wollte gleich mit seinem Koffer bei der Hete anrücken, da sah er denn gleich, ob sie ihn wirklich liebte, und er bewies ihr, dass er mit seinem alten Leben Schluss machen wollte.

So kam es, dass ihn seine Beschatter im Gedränge und schlechten Licht der U-Bahn aus dem Auge verloren. Er war ja wirklich nur ein Schatten, dieser schmächtige Enno! Wäre er aber gleich zu der Hete gegangen – und zum Königstor konnte er ja vom Alex aus gut zu Fuß gehen, da brauchte er keine U-Bahn –, so hätten sie ihn nicht verloren und hätten in der kleinen Tierhandlung immer wieder einen Ausgangspunkt für ihre Beobachtungen gehabt.

Mit der Lotte hatte er Glück. Sie war nicht zu Haus, und eilig packte er seine paar Sachen in den Handkoffer. Er widerstand sogar der Versuchung, ihre Sachen zu durchstöbern, ob er etwa einiges zum Mitnehmen Brauchbares fände – nein, diesmal sollte es anders werden. Nicht wieder wie damals sollte es kommen, als er in das enge Zimmer des kleinen Hotels einzog, nein, diesmal wollte er wirklich ein anderes Leben führen – wenn die Hete ihn aufnahm.

Immer langsamer ging er, je näher er dem Laden kam. Immer häufiger setzte er den Koffer ab, und so schwer war der gar nicht. Immer öfter wischte er den Schweiß von der Stirn, und so heiß war es auch nicht.

Dann stand er schließlich vor dem Laden und spähte durch die blanken Gitterstäbe der Vogelkäfige hinein: ja, Hete war an der Arbeit. Sie bediente grade; vier, fünf Kunden standen im Laden. Er stellte sich zu ihnen und sah stolz und doch zitternden Herzens zu, wie geschickt sie die Kunden abfertigte, wie höflich sie mit ihnen sprach.

»Indische Hirse gibt es nicht mehr, meine Dame. Das müssten Sie doch wissen, wo Indien zum Empire gehört. Aber bulgarische Hirse habe ich noch, die ist eigentlich viel besser.«

Und sagte mitten aus der Bedienung heraus: »Ach, Herr Enno, das ist nett, dass Sie mir ein bisschen helfen wollen. Den Koffer setzen Sie am besten in die Stube. Und dann holen Sie mir bitte gleich Vogelsand aus dem Keller. Katzensand brauche ich auch. Und dann Ameiseneier …«

Und während er mit diesen und anderen Aufträgen vollauf beschäftigt war, dachte er: Sie hat mich gleich gesehen, und sie hat auch sofort gesehen, dass ich einen Koffer mit habe. Dass ich ihn in die Stube setzen durfte, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Aber sicher wird sie mich erst ausfragen, sie nimmt alles so schrecklich genau. Aber ich werde ihr schon irgendeine Geschichte erzählen.

Und dieser Mann um die Fünfzig, dieser alt gewordene Herumtreiber, Nichtstuer und Weiberheld betete wie ein Schulkind: Ach, lieber Gott, lass mich doch noch einmal Glück haben, nur dieses einzige Mal noch! Ich will auch ganz bestimmt ein anderes Leben anfangen, nur mach, dass mich die Hete aufnimmt!

So betete, bettelte er. Und dabei wünschte er doch, dass es noch recht lange hin bis zum Ladenschluss sein möchte, bis zu dieser ausführlichen Aussprache und seinem Geständnis, denn irgendetwas gestehen musste er der Hete, das war klar. Wie sollte er ihr sonst begreiflich machen, warum er hier mit Sack und Pack angerückt kam und mit einem so dürftigen Sack und Pack dazu! Er hatte doch vor ihr immer den großen Mann gespielt.

Und dann war es plötzlich doch so weit. Schon längst war die Ladentür geschlossen, anderthalb Stunden hatte es dann noch gekostet, all seine Bewohner mit frischem Wasser und Futter zu versehen und den Laden aufzuräumen. Nun saßen die beiden einander gegenüber an dem runden Sofatisch, hatten gegessen, ein wenig geplaudert, immer ängstlich das Hauptthema vermeidend, und plötzlich hatte diese zerfließende, verblühte Frau den Kopf erhoben und gefragt: »Nun, Hänschen? Was ist es? Was ist dir geschehen?«

Kaum hatte sie diese Worte in einem ganz mütterlich besorgten Ton gesprochen, da fingen bei Enno die Tränen an zu fließen; erst langsam, dann immer reichlicher strömten sie über sein mageres, farbloses Gesicht, dessen Nase dabei stets spitzer zu werden schien.

Er stöhnte: »Ach, Hete, ich kann nicht mehr! Es ist zu schlimm! Die Gestapo hat mich vorgehabt …«

Und er barg, laut aufschluchzend, den Kopf an ihrem großen, mütterlichen Busen.

Bei diesen Worten richtete Frau Hete Häberle den Kopf auf, in ihre Augen kam ein harter Glanz, ihr Nacken steifte sich, und sie fragte fast hastig: »Was haben die denn von dir gewollt?«

Der kleine Enno Kluge hatte es – mit nachtwandlerischer Sicherheit – mit seinen Worten so gut, wie es nur möglich war, getroffen. Mit all seinen anderen Geschichten, mit denen er sich an ihr Mitleid oder an ihre Liebe hätte wenden können, wäre es ihm nicht so gut ergangen wie mit diesem einen Wort Gestapo. Denn Witwe Hete Häberle hasste Unordnung, und nie hätte sie einen widerlichen Herumtreiber und Zeittotschläger in ihr Haus und in ihre mütterlichen Arme genommen. Aber das eine Wort Gestapo öffnete ihm alle Pforten ihres mütterlichen Herzens, ein von der Gestapo Verfolgter war von vornherein ihres Mitleids und ihrer Hilfe sicher.

Denn ihren ersten Mann, einen kleinen kommunistischen Funktionär, hatte die Gestapo schon im Jahre 1934 in ein KZ abgeholt, und nie wieder hatte sie von ihrem Mann etwas gesehen und gehört, außer einem Paket, das ein paar zerrissene und verschmutzte Sachen von ihm enthielt. Obenauf hatte der Totenschein gelegen, ausgestellt vom Standesamt II, Oranienburg, Todesursache: Lungenentzündung. Aber sie hatte später von anderen Häftlingen, die entlassen worden waren, gehört, was sie in Oranienburg und in dem nahe gelegenen KZ Sachsenhausen unter Lungenentzündung verstanden.

Und nun hatte sie wieder einen Mann in ihren Armen, einen Mann, für den sie bisher seines schüchternen, anschmiegenden, liebebedürftigen Wesens halber schon Sympathie empfunden, und wieder war er von der Gestapo verfolgt.

»Ruhig, Hänschen!«, sagte sie tröstend. »Erzähle mir nur alles. Wenn einer von der Gestapo verfolgt wird, der kann von mir alles haben!«

Diese Worte waren Balsam in seinen Ohren, und er hätte ja nicht der mit Frauen erfahrene Enno Kluge sein müssen, wenn er nicht seine Gelegenheit benutzt hätte. Was er da unter vielem Schluchzen und Tränen vorbrachte, war nun freilich ein sonderliches Gemisch von Wahrheit und Lüge: er brachte es doch sogar fertig, die Misshandlungen durch den SS-Mann Persicke in seine neuesten Abenteuer einzuschmuggeln.

Aber was diese Erzählung an Unwahrscheinlichem haben mochte, das verdeckte für Hete Häberle der Hass auf die Gestapo. Und schon begann ihre Liebe einen strahlenden Glanz um den Nichtsnutz an ihrer Brust zu weben, sie sagte: »Du hast also das Protokoll unterschrieben und dadurch den eigentlichen Täter gedeckt, Hänschen. Das war sehr mutig von dir, ich bewundere dich. Von zehn Männern hätte das kaum einer gewagt. Aber, das weißt du doch, wenn sie dich kriegen, so bekommst du es schlimm, denn dass sie dich mit diesem Protokoll für immer in der Falle haben, ist doch ganz klar?«

Er sagte, schon halb getröstet: »Oh, wenn du nur zu mir hältst, werden die mich nie kriegen!«

Aber sie schüttelte leise und bedenklich den Kopf. »Ich verstehe nicht, warum sie dich überhaupt wieder losgelassen haben.« Plötzlich fiel es ihr schrecklich ein: »O Gott, wenn sie dir nachspioniert haben, wenn sie nur wissen wollten, wohin du gehst?«

Er schüttelte den Kopf. »Glaube ich nicht, Hete. Ich war erst bei – ich war erst auf einer anderen Stelle, um meine Sachen zu holen. Ich hätte es merken müssen, wenn jemand hinter mir her war. Und warum eigentlich? Da hätten sie mich doch gar nicht erst loszulassen brauchen.«

Aber sie hatte es schon überlegt: »Sie glauben, du kennst den Kartenschreiber und bringst sie auf die Spur. Und vielleicht kennst du ihn wirklich und hast die Karte doch selbst dorthin gelegt. Aber ich will es gar nicht wissen, das sollst du mir nie sagen!« Sie bückte sich zu ihm und flüsterte: »Ich gehe jetzt eine halbe Stunde weg, Hänschen, und beobachte das Haus, ob vielleicht doch irgendwo ein Spitzel herumsteht. Nicht wahr, du wirst hier ganz still im Zimmer bleiben?«

Er sagte ihr, dass dieses Nachsehen ganz unnütz sei, niemand sei ihm gefolgt, bestimmt nicht.

Aber ihr stand es in zu schreckvoller Erinnerung, wie sie ihr schon einmal den Mann aus der Wohnung und damit aus dem Leben holten. Ihre Unruhe litt es nicht, sie musste auf und hinaus, um nachzusehen.

Und während sie langsam um den Block geht – sie hat den Blacky aus dem Laden an einer Leine mitgenommen, einen reizenden Scotch, und durch ihn sieht dieser Abendweg doch ganz unverfänglich aus –, während sie also um seiner Sicherheit willen langsam auf und ab schlendert, anscheinend nur mit dem Hund beschäftigt, aber die wachsamen Augen und Ohren überallhin gerichtet – unterdes nimmt Enno mit vorsichtigen Händen ein rasches erstes Inventar ihrer Stube auf. Es kann nicht mehr als nur ganz flüchtig sein, außerdem hat sie die meisten Möbelstücke verschlossen. Aber schon diese erste Durchsicht verrät ihm, dass er in seinem ganzen Leben so eine Frau noch nicht gehabt hat, eine Frau mit Bankkonto und sogar mit Postscheckkonto, wo ihr Name ganz richtig gedruckt auf allen Formularen steht!

Und Enno Kluge beschließt wiederum bei sich, wirklich ein ganz anderes Leben anzufangen, sich in dieser Wohnung stets korrekt zu benehmen und nicht zu beschlagnahmen, was sie ihm nicht freiwillig gibt.

Sie kommt zurück und sagt: »Nein, ich kann nichts Auffälliges sehen. Aber vielleicht haben sie dich doch hier hereingehen sehen und kommen morgen früh zurück. Ich gehe morgen gleich noch mal, ich werde den Wecker auf sechs stellen.«

»Ist nicht nötig, Hete«, sagt er wieder. »Mir ist bestimmt keiner gefolgt.«

Dann macht sie ihm ein Lager auf dem Sofa und legt sich selbst ins Bett. Aber sie lässt die Tür zwischen den beiden Zimmern offen und horcht darauf, wie er sich hin und her wirft, wie er stöhnt und wie unruhig er schläft, als er endlich wirklich eingeschlafen ist. Dann, sie ist eben grade selbst ein wenig eingedämmert, dann wacht sie wieder davon auf, dass sie ihn weinen hört. Wieder weint er, ob nun im Wachen oder im Schlaf. Frau Hete sieht im Dunkeln sein Gesicht deutlich vor sich, dieses Gesicht, das trotz seiner fünfzig Jahre immer noch etwas Kindliches hat – vielleicht durch das schwache Kinn und den volllippigen, sehr roten Mund.

Eine Weile hört sie still auf dieses Weinen, das durch die Nacht klagelos immer weitergeht, als traure die Nacht selbst über all den Kummer, den es jetzt auf der Welt gibt.

Dann entschließt sich Frau Häberle, sie steht auf und tastet sich im Dunkeln an sein Sofa.

»Weine doch nicht so, Hänschen! Du bist ja in Sicherheit, du bist bei mir. Deine Hete hilft dir …«

So spricht sie ihm tröstend zu, und als das Weinen trotzdem nicht aufhört, beugt sie sich über ihn, sie schiebt ihren Arm unter seine Schultern, sie führt den Weinenden zu ihrem Bett, und dort nimmt sie ihn in ihre Arme, an ihre Brust …

Eine alternde Frau, ein ältlicher Mann, liebebedürftig wie ein Kind, ein bisschen Trost, ein bisschen Leidenschaft, ein klein wenig Glorienschein um das Haupt des Geliebten – und nicht einmal fällt es Frau Hete ein, sich darüber klarzuwerden, wie dieses haltlose, weinerliche Wesen denn zu einem Kämpfer und Helden passt.

»Nun ist alles gut, nicht wahr, Hänschen?«

Aber nein, diese eine Frage lässt den eben erst versiegten Tränenstrom von neuem fließen, es schüttelt ihn in ihren Armen.

»Aber was ist denn, Hänschen? Hast du noch Sorgen, von denen du mir noch nichts gesagt hast?«

Und dies ist nun der Augenblick, auf den dieser alte Frauenjäger seit Stunden hingearbeitet hat, denn er hat bei sich entschieden, dass es doch zu gefährlich und für die Dauer auch unmöglich sei, sie ganz im Unklaren über seinen wirklichen Namen und seine Ehe zu belassen. Er ist nun einmal im Gestehen, nun gut, wird er auch dieses noch gestehen, sie wird es schon hinnehmen, ihn darum nicht weniger lieben. Grade jetzt, da sie ihn eben erst in ihre Arme genommen hat, wird sie ihn schon nicht wieder auf die Straße setzen!

Sie hat das Hänschen gefragt, ob es denn noch Sorgen gebe, von denen er ihr nichts gesagt hat. Nun gesteht er, weinend, verzweifelt, dass er gar nicht Hans Enno heißt, sondern Enno Kluge, und dass er ein verheirateter Mann ist, mit zwei großen Jungen. Ja, er ist ein Lump, er hat sie belügen und betrügen wollen, aber er bringt es nun doch nicht übers Herz, wo sie so gut zu ihm gewesen ist.

Wie stets ist sein Geständnis nur ein Teilgeständnis, ein wenig Wahrheit mit viel Lüge untermischt. Er zeichnet das Bild seiner Frau, dieser harten, bösen Nazistin auf dem Postamt, die den Mann nicht bei sich dulden will, weil er nicht in die Partei eintreten mag. Diese Frau, die seinen ältesten Sohn gezwungen hat, in die SS einzutreten – und er berichtet von den Gräueltaten Karlemanns. Er entwirft ein Bild dieser ungleichen, schlechten Ehe, der stille, geduldige, alles ertragende Mann und die böse, ehrgeizige, nazistische Frau. Sie können ja nicht zusammenleben, sie müssen einander ja hassen. Und nun hat sie ihn aus der Wohnung hinausgetrieben! So hat er seine Hete belogen, aus Feigheit, weil er sie zu sehr liebt, weil er ihr keinen Schmerz bereiten wollte!

Aber nun hat er sich freigesprochen. Nein, jetzt weint er nicht mehr. Er wird aufstehen und seine Sachen packen und von ihr gehen – in die schlimme Welt hinaus. Er wird sich schon irgendwo vor der Gestapo verbergen, und wenn die ihn doch erwischen, so macht das auch nicht viel aus. Jetzt, wo er Hetes Liebe, die einzige Frau, die er wirklich im Leben geliebt hat, verlor!

Ja, er ist ein recht gerissener alter Frauenverführer, dieser Enno Kluge. Er weiß schon, wie man es anpacken muss bei diesen Weibern: Lieben und Lügen, das geht alles in einem hin. Es muss nur ein bisschen Wahres dazwischen sein, sie muss nur ein bisschen von dem Zeug glauben können, das man erzählt, und vor allem muss man stets die Tränen bereithalten und die Hilflosigkeit …

Frau Hete hat diesmal mit einem wahren Schrecken sein Geständnis gehört. Warum hat er sie nur so angelogen? Als sie sich kennenlernten, lag doch noch gar kein Grund für solche Lügen vor! Hatte er denn damals schon Absichten auf sie gehabt? Dann können es nur schlimme Absichten gewesen sein, wenn sie zu solchen Lügen Anlass wurden.

Ihr Instinkt sagt ihr, dass sie ihn wegschicken muss, dass ein Mann, der fähig ist, eine Frau vom ersten Anfang an so bedenkenlos zu täuschen, auch stets bereit sein wird, sie später zu belügen. Und mit einem Lügner kann sie nicht zusammenleben. Sie hat immer ein sauberes Leben gelebt mit ihrem ersten Mann, und diese paar kleinen Geschichten, die es seit seinem Tode gab, über so etwas lächelt eine erfahrene Frau nur.

Nein, aus ihren Armen noch würde sie ihn gehen lassen – wenn sie ihn nicht grade dem Feind in die Arme jagte, der verhassten Gestapo. Denn sie ist fest überzeugt, dass sie das tut, wenn sie ihn jetzt gehen heißt. Diese ganze Verfolgung durch die Gestapo, die nimmt sie seit seiner Erzählung am Abend für bare Münze. Sie kommt nicht einmal auf den Gedanken, an ihrer Wahrheit zu zweifeln, obwohl sie ihn doch eben erst als Lügner kennengelernt hat.

Und dann ist da diese Frau … Es ist nicht möglich, dass alles, was er über diese Frau gesagt hat, unwahr ist. So etwas denkt sich kein Mensch aus, da muss etwas Wahres daran sein. Sie glaubt den Mann doch zu kennen an ihrer Seite, ein schwaches Geschöpf, ein Kind, gutartig eigentlich: mit ein paar freundlichen Worten ist er zu leiten. Aber diese Frau, hart, ehrgeizig, diese Nazistin, die durch die Partei hochkommen will, für die war natürlich ein solcher Mann nichts, ein Mann, der die Partei hasste, vielleicht insgeheim gegen sie arbeitete, ein Mann, der sich weigerte, in die Partei einzutreten!

Konnte sie ihn zurückjagen zu solcher Frau? Der Gestapo in die Arme?

Sie konnte es nicht, und so durfte sie es auch nicht.

Das Licht geht an. Da steht er schon neben ihrem Bett, in einem viel zu kurzen blauen Hemdchen, stille Tränen rinnen jetzt über sein blasses Gesicht. Er beugt sich über sie, er flüstert: »Adieu, Hete! Du bist sehr gut zu mir gewesen, aber ich verdiene es nicht, ich bin ein schlechter Mensch. Adieu! Ich gehe jetzt …«

Sie hält ihn fest. Sie flüstert: »Nein, du bleibst bei mir. Ich habe es dir versprochen, und ich halte mein Versprechen. Nein, sag nichts. Geh jetzt bitte auf das Sofa und versuche, noch ein bisschen zu schlafen. Ich will überlegen, wie alles am besten einzurichten ist.«

Er schüttelt langsam und traurig den Kopf. »Hete, du bist zu gut für mich. Ich will alles tun, was du sagst, aber wirklich, Hete, es ist besser, du lässt mich gehen.«

Aber natürlich geht er nicht. Natürlich lässt er sich überreden zu bleiben. Sie wird alles überlegen, alles ordnen. Und natürlich erreicht er auch, dass die Verbannung zum Sofa wieder aufgehoben wird, dass er wieder zurück zu ihr ins Bett darf. Ganz von ihrer mütterlichen Wärme umschlossen, schläft er bald ein, dieses Mal ohne weiteres Weinen.

Sie aber liegt noch lange wach. Eigentlich liegt sie die ganze Nacht wach. Sie hört auf sein Atmen, es ist schön, wieder einen Mann bei sich atmen zu hören, ihn so nahe im Bett zu haben. Sie war so lange sehr allein. Nun hat sie wieder jemand, für den sie sorgen kann. Ihr Leben ist nicht mehr ohne allen Inhalt. O ja, er wird ihr vielleicht mehr Sorgen machen als gut ist. Aber solche Sorgen, Sorgen um einen Menschen, den man liebhat, das sind gute Sorgen.

Frau Hete beschließt, stark für zwei zu sein. Frau Hete beschließt, ihn vor allen von der Gestapo drohenden Gefahren zu behüten. Frau Hete beschließt, ihn zu erziehen und aus ihm einen wahrhaftigen Menschen zu machen. Frau Hete beschließt, das Hänschen, ach nein, nun heißt er ja Enno, Frau Hete beschließt, den Enno von dieser anderen Frau, der Nazistin, freizukämpfen. Frau Hete beschließt, in dieses Leben da, das nun bei ihr liegt, Ordnung und Sauberkeit zu bringen.

Und Frau Hete hat keine Ahnung, dass dieser schwache Mann an ihrer Seite stark genug sein wird, Unordnung, Leid, Selbstvorwürfe, Tränen, Gefahr in ihr Leben zu bringen. Frau Hete hat keine Ahnung, dass all ihre Stärke zu nichts wurde im gleichen Augenblick, als sie beschloss, diesen Enno Kluge bei sich zu behalten und ihn gegen die ganze Welt zu verteidigen. Frau Hete hat keine Ahnung, dass sie sich selbst mit dem ganzen kleinen Reich, das sie sich aufbaute, in höchste Gefahr gebracht hat.

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