Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 23
32. Besuch bei Fräulein Anna Schönlein
Die telefonische Nachricht Barkhausens, er habe den Enno Kluge im Berliner Westen aufgestöbert, hatte den Kommissar Escherich in arge Verlegenheit gestürzt. Unwillkürlich hatte er geantwortet: »Ja, ich komme. Komme sofort!« Er hatte sich schon zum Fortgehen fertiggemacht, und dann waren ihm doch wieder Bedenken gekommen.
Jawohl, nun hatte er ihn also, den so sehnlich Erwünschten, den seit Tagen Gejagten. Da hatte er ihn, er brauchte nur die Hand auf ihn zu legen, und er hatte ihn fest, den Burschen. Während des angestrengten, ungeduldigen Recherchierens hatte er immer nur an den Augenblick gedacht, dass er ihn fassen musste; mit Gewalt hatte er jeden Gedanken an das, was mit dem Gefassten zu tun sei, verjagt.
Aber nun war es so weit. Nur erhob sich diese Frage: Was sollte er denn eigentlich mit dem Enno anfangen? Er wusste es doch, jetzt wusste er es wieder ganz klar: der Enno Kluge war der Kartenschreiber nicht, wusste es mit aller Klarheit. Während des Suchens hatte er sich das vernebeln können, er hatte sogar mit dem Assistenten Schröder davon geschwatzt, dass der Kluge bestimmt noch was anderes auf dem Kerbholz hatte.
Ja, eben was anderes, aber nicht dieses, nicht er hatte die Karten geschrieben! Nie! Nahm er ihn fest, brachte er ihn hierher in die Prinz-Albrecht-Straße, so würde nichts den Obergruppenführer abhalten können, den Kluge selbst zu vernehmen, und dass dann alles herauskam, nämlich gar nichts von den Karten, aber viel von einer abgelisteten Protokollunterschrift, das war klar! Nein, es war unmöglich, den Kluge hierherzubringen!
Aber ebenso unmöglich war es, den Kluge weiter draußen zu lassen, selbst unter ständiger Bewachung, nie würde Prall das zugeben. Er würde sich auch nicht mehr lange vertrösten lassen, selbst wenn Escherich ihm vorläufig die Auffindung Kluges verschwieg. Ein paarmal hatte er schon recht kräftig angedeutet, dass er diesen ganzen Fall Klabautermann in andere Hände legen würde, in etwas schlauere! Und so konnte der Kommissar sich nicht blamieren lassen – außerdem hing er an dem Fall, er war ihm wichtig geworden.
Escherich sitzt an seinem Schreibtisch und starrt vor sich hin, er zerbeißt den geliebten sandfarbenen Schnurrbart. Eine verdammte Sackgasse, sagt er bei sich. Eine verdammte Sackgasse, in die ich mich da bugsiert habe! Was ich auch tue, ist falsch, und wenn ich nichts tue, ist es erst recht falsch! Elende Sackgasse!
Er sitzt da und grübelt. Die Zeit vergeht, und Kommissar Escherich sitzt immer noch da und grübelt. Der Barkhausen – zur Hölle mit diesem Barkhausen! Er soll da nur stehen und auf das Haus passen! Er hat Zeit genug dazu! Und wenn ihm der Enno unterdes durch die Lappen geht, so wird er ihm die Eingeweide stückweis aus dem Leibe reißen! Fünfhundert Mark und gleich mitbringen! Er scheißt ihm was mit seinen fünfhundert Mark! Der ganze Enno, hundert Ennos sind keine fünfhundert Mark wert! In die Fresse wird er dem Barkhausen schlagen, so ein dämlicher Hund! Was geht ihn der Kluge an, er braucht den Kartenschreiber!
Aber dann, während er da so still sitzt und immer weitergrübelt, wird Kommissar Escherich doch vielleicht anderer Ansicht im Falle Barkhausen. Jedenfalls steht er auf und geht zur Kasse. Er lässt sich dort fünfhundert Mark geben (»wird später abgerechnet«) und kehrt in sein Zimmer zurück. Er hat im Dienstwagen in die Ansbacher fahren wollen, auch zwei von seinen Leuten mitnehmen – aber das bestellt er jetzt um, er braucht weder Wagen noch Leute.
Vielleicht ist Escherich nicht nur, was diesen Barkhausen angeht, anderer Ansicht geworden, vielleicht ist ihm auch etwas zum Fall Enno Kluge eingefallen. Jedenfalls nimmt er jetzt seinen Dienstrevolver, die Kanone, aus der Hosentasche und steckt dafür eine leichte Pistole ein, die aus einer kürzlich durchgeführten Beschlagnahme stammt. Er hat es schon versucht, das kleine Ding liegt ausgezeichnet in der Hand und schießt gut.
Nun also, gehen wir. Auf der Schwelle seines Zimmers bleibt der Kommissar stehen, dreht sich noch einmal um. Etwas Merkwürdiges geschieht: er macht, ohne es zu wollen, eine grüßende, eine abschiednehmende Bewegung zu diesem Zimmer. Lebe wohl … Ein dunkles Gefühl, eine Ahnung, deren er sich doch beinah schämt, dass Kommissar Escherich dieses Zimmer nicht so wiedersehen wird, wie er es jetzt verlässt. Bisher war er ein Beamter, der Menschen jagt, wie ein anderer Briefmarken verkauft, ordentlich, fleißig, nach den Vorschriften.
Wenn er heute aber oder erst morgen früh in dies Zimmer zurückkehrt, wird er vielleicht nicht mehr derselbe Beamte sein. Er wird sich etwas vorzuwerfen haben, etwas, das nicht zu vergessen ist. Etwas, das vielleicht nur er weiß, aber umso schlimmer: er weiß es, und nie kann er sich freisprechen.
So grüßt Escherich sein Zimmer und geht und schämt sich halb des Abschiedsgrußes. Wir werden ja sehen, sagt er beruhigend zu sich. Es kann alles noch ganz anders kommen. Erst muss ich mal mit dem Kluge reden …
Auch er benutzt die U-Bahn, und es wird schon Abend, als er in die Ansbacher Straße kommt.
»Sie können einen aber auch fein warten lassen!«, knurrt Barkhausen wütend bei seinem Anblick. »Ganzen Tag noch nischt gegessen! Haben Sie mein Geld mitgebracht, Herr Kommissar?«
»Halt die Klappe!«, knurrt der Kommissar, was Barkhausen ganz richtig für eine Bejahung nimmt. Sein Herz fängt wieder an, leichter zu schlagen: Geld in Aussicht!
»Wo wohnt der denn hier, der Kluge?«, wird er vom Kommissar gefragt.
»Weiß ich doch nicht!«, sagt Barkhausen sofort gekränkt, um etwaigen Vorwürfen zuvorzukommen. »Ich kann doch nicht hier ins Haus gehen und nach ihm fragen, wo er mich von früher her kennt! Nee, aber er wird wohl im Gartenhaus wohnen, das werden Sie schon selber rauskriegen, Herr Kommissar. Ich habe meine Arbeit gemacht, ich möchte jetzt mein Geld.«
Escherich beachtet das gar nicht, er fragt Barkhausen, wieso der Enno jetzt hier im Westen wohnt, wie er ihm auf die Spur gekommen ist.
Barkhausen muss das ausführlich berichten, der Kommissar macht sich Notizen über Frau Hete Häberle, die Tierhandlung, die abendliche Knieszene: diesmal schreibt der Kommissar alles auf. Natürlich ist der Bericht, den Barkhausen macht, nicht ganz vollständig, das kann man aber auch nicht verlangen. Niemand kann von einem Manne verlangen, dass er seinen eigenen Reinfall gesteht. Denn wenn Barkhausen berichtet, wie er zu dem Geld der Häberle gekommen ist, müsste er auch berichten, wie es wegkam. Er müsste wohl auch von den zweitausend Eiern erzählen, die jetzt schon für ihn nach München rollen. Nee, aber das kann keiner von ihm verlangen!
Wäre Escherich ein bisschen besser in Form gewesen, so wären ihm einige Ungereimtheiten in dem Bericht seines Spitzels aufgefallen. Aber Escherich ist innerlich immer noch stark mit anderen Dingen beschäftigt, am liebsten schickte er diesen Barkhausen fort. Aber er braucht ihn noch eine Weile, und so sagt er denn zu ihm: »Warten Sie hier!«, und geht wieder zu dem Haus.
Doch er geht nicht gleich in das Gartengebäude, sondern begibt sich in die Portierloge des Vorderhauses und zieht dort Erkundigungen ein. Dann erst betritt er, begleitet von dem Portier, das Gartenhaus und beginnt, langsam die Treppen bis in den vierten Stock hinaufzusteigen.
Dass der Enno Kluge hier im Hause ist, hat der Portier ihm nicht bestätigen können. Der Portier ist nur für die Herrschaften im Vorderhaus da, nicht für die Leute im Gartengebäude. Aber er kennt natürlich alle, die dort wohnen, schon weil er die Lebensmittelkarten zu verteilen hat. Manche kennt er gut, manche kennt er weniger gut. Da ist zum Beispiel das Fräulein Anna Schönlein im vierten Stock, der ist das ohne Weiteres zuzutrauen, dass sie solchen Mann aufnimmt. Die hat der Portier sowieso auf dem Strich, ewig übernachtet alles mögliche Gesindel bei der, und der Postsekretär in der dritten Etage darunter behauptet ja steif und fest, sie höre nachts auch ausländische Sender ab. Nur konnte es der Sekretär noch nicht beschwören, aber er wollte fleißig weiter horchen. Ja, der Portier hatte wegen dieser Schönlein schon mal mit dem Blockwalter sprechen wollen, aber ebenso gut sagte er es jetzt dem Herrn Kommissar. Der sollte es zuerst ruhig bei der Schönlein versuchen, und erst, wenn sich herausstellte, dort war der Mann wirklich nicht, könnte man auf den anderen Etagen nachfragen. Aber im Allgemeinen wohnten nur anständige Leute auch hier hinten im Gartenhaus.
»Hier ist es!«, flüstert der Portier.
»Bleiben Sie hier stehen, damit man Sie durchs Guckloch sieht«, flüstert der Kommissar zurück.
»Sagen Sie irgendwas, warum Sie kommen, wegen des Schweinefutters für die NSV26 oder wegen dem WHW.«27
»Ist gemacht!«, sagt der Portier und klingelt.
Eine Weile erfolgt gar nichts, der Portier klingelt ein zweites und ein drittes Mal. Aber in der Wohnung bleibt alles still.
»Nicht zu Hause?«, flüstert der Kommissar.
»Ich weiß doch nicht!«, sagt der Portier. »Ich habe die Schönlein heute noch nicht auf der Straße gesehen.«
Und er klingelt ein viertes Mal.
Ganz plötzlich öffnet sich die Tür, die beiden haben kein Geräusch aus der Wohnung gehört. Eine lange, dürre Frau steht vor ihnen. Sie hat ausgebeutelte, verfärbte Trainingshosen an, und oben trägt sie einen kanariengelben Pullover mit roten Knöpfen. Sie hat ein scharfliniges, mageres Gesicht, das rotfleckig ist, rotfleckig, wie es so oft die Gesichter der Tuberkulösen sind. Auch ihre Augen glänzen wie im Fieber.
»Was ist?«, fragt sie kurz und verrät keinerlei Erschrecken, als der Kommissar sich so dicht in die Tür stellt, dass sie nicht geschlossen werden kann.
»Ich möchte gerne mal ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Fräulein Schönlein. Ich bin der Kommissar Escherich von der Geheimen Staatspolizei.«
Wieder nichts von Erschrecken; die Frau sieht ihn nur immer weiter mit ihren glänzenden Augen an. Dann sagt sie rasch: »Kommen Sie!«, und geht ihm voran in die Wohnung.
»Sie bleiben hier an der Tür«, flüstert der Kommissar dem Portier zu. »Und wenn jemand raus- oder reinwill, rufen Sie mich!«
Es ist ein etwas liederliches, verstaubtes Zimmer, in das der Kommissar geführt wird. Uralte Plüschmöbel mit Säulen und Kugeln aus Großvaters Zeiten. Vorhänge aus Samt. Eine Staffelei, auf der das Bild eines vollbärtigen Mannes steht, ein vergrößertes koloriertes Foto. In der Luft hängt Zigarettenrauch, ein paar Stummel liegen im Aschenbecher.
»Was ist?«, fragt Fräulein Schönlein wieder.
Sie ist am Tisch stehen geblieben, hat den Kommissar nicht zum Sitzen aufgefordert.
Aber der Kommissar setzt sich doch, er zieht eine Schachtel mit Zigaretten aus der Tasche und deutet dabei auf das Bild. »Wer ist denn das?«, fragt er.
»Mein Vater«, sagt die Frau. Und fragt noch einmal: »Was ist?«
»Ich wollte Sie Verschiedenes fragen, Fräulein Schönlein«, sagt der Kommissar und hält ihr die Zigaretten hin. »Aber setzen Sie sich doch und nehmen Sie sich eine Zigarette!«
Die Frau sagt rasch: »Ich rauche nie!«
»Eins, zwei, drei, vier«, zählt Escherich die Stummel im Aschenbecher. »Und Tabakrauch im Zimmer. Sie haben Besuch, Fräulein Schönlein?«
Sie sah ihn ohne Schrecken und ohne Angst an. »Ich gebe nie zu, dass ich rauche«, sagt sie dann, »weil mir der Arzt nämlich das Rauchen wegen meiner Lunge verboten hat.«
»Sie haben also keinen Besuch?«
»Ich habe also keinen Besuch.«
»Ich werde mir mal rasch Ihre Wohnung ansehen«, erklärt der Kommissar und steht auf. »Nein, bitte, bemühen Sie sich nicht. Ich finde meinen Weg schon.«
Er ging schnell durch die beiden anderen, mit Sofas, Vertikos, Schränken, Sesseln und Säulen überfüllten Zimmer. Einmal blieb er stehen und lauschte, das Gesicht einem Schrank zugewendet, er lächelte dabei. Dann kehrte er wieder zu Fräulein Schönlein zurück. Sie stand noch, wie er sie verlassen, am Tisch.
»Mir ist gemeldet worden«, sagte er, sich wieder hinsetzend, »dass Sie viel Besuch empfangen, Besuch, der meist über ein paar Nächte bei Ihnen bleibt, der aber nie gemeldet wird. Sie kennen die Bestimmungen über die Meldepflicht?«
»Bei meinen Besuchen handelt es sich fast nur um Neffen und Nichten, die eigentlich nie mehr als höchstens zwei Nächte bei mir bleiben. Ich glaube, die Meldepflicht beginnt erst mit der vierten Übernachtung.«
»Sie müssen eine sehr große Familie haben, Fräulein Schönlein«, sagte der Kommissar gedankenvoll. »Fast jede Nacht kampieren ein, zwei, manchmal auch drei Personen bei Ihnen.«
»Das ist maßlos übertrieben. Übrigens habe ich tatsächlich eine sehr große Familie. Sechs Geschwister, alle kinderreich verheiratet.«
»Und so würdige alte Herren und Damen unter Ihren Neffen und Nichten!«
»Ihre Eltern besuchen mich natürlich auch dann und wann.«
»Eine sehr große, reiselustige Familie … Übrigens, was ich noch fragen wollte: Wo haben Sie eigentlich Ihren Radioapparat zu stehen, Fräulein Schönlein? Ich habe eben keinen gesehen.«
Sie presste die Lippen fest zusammen. »Ich besitze keinen Radioapparat.«
»Sicher!«, sagte der Kommissar. »Sicher. Genau, wie Sie nie zugeben werden, dass Sie Zigaretten rauchen. Aber Radiomusik ist der Lunge nicht schädlich.«
»Aber der politischen Gesinnung«, antwortete sie ein wenig spöttisch. »Nein, ich besitze keinen Radioapparat. Wenn Musik aus meiner Wohnung gehört worden ist, so handelt es sich dabei um ein Koffergrammophon, das dort in Ihrem Rücken auf dem Regal steht.«
»Und das in fremden Sprachen spricht«, ergänzte der Kommissar.
»Ich habe viele ausländische Tanzplatten. Ich halte es für kein Verbrechen, sie auch jetzt im Kriege meinen Besuchern gelegentlich vorzuspielen.«
»Ihren Neffen und Nichten? Nein, das wäre wirklich kein Verbrechen.«
Er stand auf, die Hände in den Taschen. Plötzlich sprach er nicht mehr spöttisch, er sagte brutal: »Was meinen Sie, was wird, wenn ich Sie jetzt hopsnehme, Fräulein Schönlein, und einen kleinen heimlichen Posten hier in Ihrer Wohnung platziere? Der würde dann Ihre Besucher in Empfang nehmen und sich die Papiere Ihrer Neffen und Nichten genauer ansehen. Vielleicht bringt einer der Besucher sogar einen Radioapparat mit! Was meinen Sie?«
»Ich meine«, sagte Fräulein Schönlein unerschrocken, »dass Sie von vornherein die Absicht hatten, mich festzunehmen. Also ist es ganz gleichgültig, was ich sage. Gehen wir! Ich darf nur wohl schnell ein Kleid statt dieser Trainingshosen anziehen?«
»Einen Augenblick noch, Fräulein Schönlein!«, rief der Kommissar ihr nach.
Sie blieb stehen und wandte sich, die Hand auf der Klinke, nach dem Mann um.
»Einen Augenblick noch! Es ist natürlich vollkommen richtig, wenn Sie den Herrn in Ihrem Kleiderschrank noch vor unserm Fortgehen befreien. Schon vorhin, als ich durch Ihr Schlafzimmer ging, schien er mir stark unter Luftmangel zu leiden. Auch ist wahrscheinlich viel Mottenpulver in dem Schrank …«
Jetzt waren die roten Flecke aus ihrem Gesicht verschwunden, weiß wie ein Laken starrte sie ihn an.
Er schüttelte den Kopf. »Kinder! Kinder!«, sagte er mit spöttischer Missbilligung. »Wie leicht ihr es uns doch macht! Und ihr wollt Verschwörer sein? Ihr wollt was gegen diesen Staat ausrichten mit euren kindischen Mätzchen? Ihr schadet allein euch!«
Sie starrte ihn noch immer an. Ihr Mund war fest geschlossen, die Augen glänzten fieberisch, die Hand lag noch immer auf der Klinke.
»Nun, Sie haben Glück, Fräulein Schönlein«, fuhr der Kommissar immer in dem Ton leichter, verächtlicher Überlegenheit fort, »insofern, als Sie mir heute ganz uninteressant sind. Ich interessiere mich heute nur für diesen Herrn in Ihrem Kleiderschrank. Es kann sein, wenn ich mir auf meinem Büro Ihren Fall genauer überlege, dass ich mich dann verpflichtet fühle, der zuständigen Stelle über Sie eine Meldung zu machen. Es kann sein, sage ich, ich weiß es noch nicht. Vielleicht scheint mir dann Ihr Fall zu unbeträchtlich – besonders im Hinblick auf Ihr Lungenleiden …«
Plötzlich brach es aus ihr hervor: »Ich will keine Gnade von euch! Ich hasse euer Mitleid! Mein Fall ist nicht unbeträchtlich! Jawohl, ich habe regelmäßig politisch Verfolgten Unterkunft gewährt! Ich habe ausländische Sender abgehört! So, nun wissen Sie es! Nun können Sie mich nicht mehr schonen – trotz meiner Lunge!«
»Mädchen!«, sagte er spöttisch und sah die seltsam altjüngferliche Gestalt in der Trainingshose und dem gelben, rotknöpfigen Pullover fast mitleidig an, »bei Ihnen ist es ja nicht nur die Lunge, bei Ihnen sind es auch die Nerven! Eine halbe Stunde Verhör bei uns, und Sie würden staunen, was für ein schreiender, jammervoller Dreckhaufen Ihr Leib ist! Es ist sehr unangenehm, wenn man das an sich entdeckt, diese Kränkung des Selbstgefühls verwinden manche nie, bammeln sich hinterher auf.«
Er sah sie noch einmal an, nickte nachdenklich mit dem Kopf. Er sagte verächtlich: »Und so was nennt sich Verschwörer!«
Sie zuckte zusammen, wie von einer Peitsche getroffen, aber sie antwortete mit keinem Wort.
»Doch wir vergessen über unserer netten Unterhaltung ganz Ihren Besucher im Kleiderschrank«, fuhr er dann fort. »Kommen Sie, Fräulein Schönlein! Wenn wir ihn nicht bald erlösen, ist er hinüber.«
Er war wirklich nahe am Ersticken, der Enno Kluge, als ihn Escherich aus dem Schrank zog. Der Kommissar legte das Männlein auf eine Chaiselongue und bewegte ein paarmal seine Arme auf und ab, um bessere Luft in seine Lungen zu bringen.
»Und nun«, sagte er und sah zu der Frau hin, die wortlos im Zimmer stand, »und nun, Fräulein Schönlein, lassen Sie mich am besten eine Viertelstunde mit dem Herrn Kluge allein. Sie setzen sich wohl in die Küche, die ist zum Lauschen am ungeeignetsten.«
»Ich lausche nie!«
»Nein, wie Sie nie Zigaretten rauchen und nur Neffen und Nichten mit Schallplattenmusik erfreuen! Nein, besser, Sie setzen sich in die Küche. Ich werde Sie rufen, wenn ich Sie brauche!«
Er nickte ihr noch einmal zu und überzeugte sich dann davon, dass sie wirklich in die Küche gegangen war. Dann wendete er sich zu Herrn Kluge, der jetzt auf dem Sofa saß und mit seinen farblosen Augen angstvoll auf den Kommissar starrte. Schon fingen die Tränen an, über sein Gesicht zu rollen.
»Nu, nu, Herr Kluge«, sagte der Kommissar beruhigend. »So sehr freuen Sie sich über das Wiedersehen mit dem ollen Kommissar Escherich? Sie haben sich also nach mir gesehnt? Die Wahrheit zu sagen, ich habe mich auch nach Ihnen gesehnt und bin glücklich, Sie wiedergefunden zu haben. Nun soll uns so bald nichts wieder trennen, lieber Herr Kluge!«
Die Tränen Ennos rannen stromweis. Er schluchzte hastig: »Ach, Herr Kommissar, Sie haben mir doch fest versprochen, mich freizulassen!«
»Habe ich Sie denn nicht freigelassen?«, fragte der Kommissar erstaunt. »Aber das schließt doch nicht aus, dass ich Sie immer mal wieder festnehme, wenn ich mich nach Ihnen sehne. Vielleicht habe ich ein neues Protokoll zu unterschreiben, was, Herr Kluge? Sie als mein guter Freund werden mir doch so einen kleinen Gefallen nicht abschlagen, was?«
Enno erzitterte unter dem Blick dieser mitleidslos auf ihn gerichteten, höhnischen Augen. Er wusste, diese Augen würden alles aus ihm herausziehen, alles würde er gleich ausquatschen, und dann war er verloren, für immer und ewig, so oder so …
33. Escherich und Kluge gehen spazieren
Es war schon ganz dunkel, als Kommissar Escherich mit Enno Kluge das Gartenhaus in der Ansbacher Straße verließ. Nein, trotz der Lunge hatte sich der Kommissar nicht entschließen können, den Fall von Fräulein Anna Schönlein als unbeträchtlich anzusehen. Diese alte Jungfer schien ja ganz wahllos jeden Verbrecher bei sich aufzunehmen, ohne auch nur seine Geschichte zu kennen. Den Enno Kluge zum Beispiel hatte sie nicht einmal nach seinem Namen gefragt, sie hatte ihn versteckt, bloß weil eine Freundin ihn angeschleppt hatte.
Auch diese Frau Häberle würde man sich näher ansehen. Es war ein Jammer mit diesem Volk! Jetzt, wo der größte Krieg für seine glückliche Zukunft geführt wurde, selbst jetzt noch war es widerspenstig. Überall, wo man hinroch, stank es. Kommissar Escherich war fest davon überzeugt, dass er in beinah jedem deutschen Haus solch einen Wust von Heimlichkeiten und Lüge finden würde. Fast keiner, der ein reines Gewissen hatte – von den Parteigenossen natürlich abgesehen. Übrigens würde er sich schön hüten, bei Parteigenossen solche Untersuchung wie eben die bei der Schönlein durchzuführen.
Nun, er hatte jedenfalls den Portier als Wache in die Wohnung gesetzt. Der schien ein ganz verlässlicher Bursche zu sein, übrigens auch Parteimitglied; man musste mal sehen, dass er irgendeinen kleinen gutbezahlten Posten bekam. Das machte solche Leute munter und schärfte ihnen Blick und Gehör. Belohnen und bestrafen, das war die beste Art zu regieren.
Der Kommissar mit seinem Enno Kluge am Arm geht auf die Säule zu, hinter der Barkhausen steckt. Barkhausen will seinen ehemaligen Kumpel jetzt gar nicht so gern sehen; er geht, seinem Anblick zu entgehen, rund um die Säule. Aber der Kommissar, der kehrtgemacht hat, erwischt ihn doch, und Emil und Enno stehen einander gegenüber.
»’n Abend, Enno!«, sagt Barkhausen und streckt die Hand aus.
Aber Kluge nimmt sie nicht. Ein bisschen Empörung regt sich jetzt selbst in diesem jämmerlichen Geschöpf. Er hasst diesen Barkhausen, der ihn zu einem Einbruch überredete, wo es nur Schläge gab, der heute früh Tausende erpresste und der ihn nun doch verraten hat.
»Herr Kommissar«, sagt Kluge eifrig, »hat Ihnen der Barkhausen nicht gesagt, dass er heute früh von meiner Freundin, der Frau Häberle, zweitausendfünfhundert Mark erpresst hat? Er wollte mich dafür laufenlassen, und nun hat er …«
Der Kommissar hat den Barkhausen nur aufgesucht, um ihm sein Geld zu geben und ihn nach Haus zu schicken. Aber jetzt lässt er das Geldpäckchen in seiner Tasche wieder los und hört erheitert, wie Barkhausen grob antwortet: »Und habe ich dich nicht laufenlassen, Enno? Wenn du Ochse dich gleich wieder fangen lässt, dafür kann ich nichts. Ich habe mein Versprechen gehalten.«
Der Kommissar sagt: »Na, darüber unterhalten wir uns noch mal, Barkhausen. Jetzt machen Sie, dass Sie nach Haus kommen.«
»Aber vorher will ich mein Geld, Herr Kommissar«, verlangt Barkhausen. »Sie haben mir fest fünfhundert Eier versprochen, wenn ich Ihnen Enno liefere. Da haben Sie ihn am Arm, und nun spucken Sie auch aus!«
»Zweimal werden Sie in der gleichen Sache nicht bezahlt, Barkhausen!«, weist der Kommissar ihn ab. »Wenn Sie schon zweitausendfünfhundert bekommen haben!«
»Aber ich habe das Geld doch noch gar nicht!«, protestiert der jetzt wieder enttäuschte Barkhausen fast schreiend. »Sie hat’s doch postlagernd nach München geschickt, damit ich Ihnen hier aus dem Wege bin!«
»Kluge Frau!«, lobt der Kommissar. »Oder war das Ihr Einfall, Herr Kluge?«
»Er lügt ja schon wieder!«, schreit Enno erbittert. »Nur zweitausend sind nach München gesandt. Fünfhundert, und mehr als fünfhundert, hat er bar gekriegt. Sehen Sie nur in seinen Taschen nach, Herr Kommissar!«
»Die sind mir doch geklaut worden! Eine Rotte Halbstarker hat mich überfallen und hat mir das ganze Geld geklaut! Sie können mich von oben bis unten nachsehen, Herr Kommissar, ich habe nur noch ein paar Mark bei mir, die ich zufällig in der Weste hatte!«
»Ihnen kann man kein Geld anvertrauen, Barkhausen«, sagt der Kommissar kopfschüttelnd. »Sie können nicht mit Geld umgehen. Sich von Halbstarken beklauen lassen, ein großer Mann!«
Barkhausen fängt wieder an zu betteln, zu verlangen, zu überreden, aber der Kommissar befiehlt – sie sind jetzt schon am Viktoria-Luise-Platz: »Sie machen jetzt, dass Sie nach Hause kommen, Barkhausen!«
»Herr Kommissar, Sie haben mir fest versprochen …«
»Und wenn Sie jetzt nicht sofort in der U-Bahn verschwinden, übergebe ich Sie da dem Schupo! Der kann Sie gleich mal wegen Erpressung festnehmen.«
Damit geht der Kommissar auf den Schupo zu, und Barkhausen, der zornige Barkhausen, dieser Möchtegern-Verbrecher, dem immer direkt vor dem Sieg der Gewinn entrissen wird, macht, dass er vom Viktoria-Luise-Platz verschwindet. (Warte nur, Kuno-Dieter, wenn ich nach Haus komme!)
Der Kommissar spricht wirklich den Schupo an, er weist sich aus und gibt ihm den Auftrag, das Fräulein Anna Schönlein festzunehmen und erst mal auf der Wache festzuhalten, wegen: »Na, sagen wir erst einmal, wegen Abhörens feindlicher Sender. Keine Vernehmungen, bitte ich mir aus. Es kommt morgen einer von uns und holt sich das Frauenzimmer. ’n Abend, Herr Wachtmeister!«
»Heil Hitler, Herr Kommissar!«
»Ja«, sagt der Kommissar, auf der Motzstraße in der Richtung zum Nollendorfplatz weitergehend. »Was machen wir nun? Ich habe Hunger, es ist meine Essenszeit. Wissen Sie was, ich lade Sie zum Abendessen ein. Sie werden es ja nicht so furchtbar eilig haben, zu uns auf die Gestapo zu kommen. Ich fürchte, das Essen lässt bei uns zu wünschen übrig, und die Leute sind so vergesslich, manchmal bringen sie zwei, drei Tage gar nichts. Nicht mal Wasser. Schlecht organisiert. Tja, was meinen Sie, Herr Kluge?«
Mit solchem und ähnlichem Geschwätz hat der Kommissar den völlig verwirrten Kluge in eine kleine Weinstube gezogen, wo er bekannt zu sein scheint. Der Kommissar isst üppig, es gibt nicht nur ausgezeichnetes reichliches Essen mit Wein und Schnäpschen, es gibt auch Bohnenkaffee, Kuchen und Zigaretten. Dabei erklärt Escherich ganz schamlos: »Denken Sie bloß nicht, dass ich das bezahle, Kluge! Das geht alles auf Barkhausen’sche Rechnung. Das bezahle ich nämlich von dem Geld, das der eigentlich hätte kriegen sollen. Ist doch hübsch, dass Sie sich den Wanst von der Belohnung vollschlagen, die für Ihre Ergreifung ausgesetzt ist. Ausgleichende Gerechtigkeit …«
Der Kommissar redet und redet, aber vielleicht ist er nicht ganz so überlegen, wie er tut. Er hat wenig gegessen, dafür rasch und viel getrunken. Vielleicht sitzt eine Unruhe in ihm, der ganze Mann ist von einer bei ihm ungewohnten Nervosität. Mal spielt er mit Brotkugeln, und dann fasst er ganz plötzlich rasch nach der Gesäßtasche, in der die leichte Pistole sitzt, wobei er einen raschen Blick auf Kluge wirft.
Der Enno sitzt ziemlich teilnahmslos dabei. Er hat tüchtig gegessen, aber kaum getrunken. Er ist immer noch völlig verwirrt, er weiß nicht, was er aus dem Kommissar machen soll. Ist er nun verhaftet, oder ist er es nicht? Enno kapiert nichts.
Das erklärt ihm grade der Escherich. »Da sitzen Sie, Herr Kluge«, sagt er, »und wundern sich über mich. Ich habe natürlich geschwindelt, mein Hunger war gar nicht so groß, ich will nur die Zeit totschlagen bis nach zehn Uhr. Wir müssen nämlich erst einmal einen kleinen Spaziergang machen, und da wird sich ja zeigen, was ich mit Ihnen anfangen soll. Ja – das – wird – sich – da – zeigen …«
Der Kommissar hat immer leiser, nachdenklicher und langsamer gesprochen, und Enno Kluge wirft einen argwöhnischen Blick auf ihn. Irgendeine neue Teufelei steckt sicher hinter dem kleinen Spaziergang um zehn Uhr nachts. Aber welche? Und wie kann er ihr entgehen? Der Escherich passt auf wie der Teufel, nicht einmal auf die Toilette darf Kluge allein gehen.
Der Kommissar fährt fort: »Die Sache ist die, dass ich meinen Mann erst nach zehn Uhr erreiche. Er wohnt draußen in Schlachtensee, verstehen Sie, Herr Kluge? Das ist das, was ich einen kleinen Spaziergang nenne.«
»Und was habe ich damit zu tun? Kenne ich den Mann? Ich kenne doch keinen Menschen in Schlachtensee! Ich habe immer um den Friedrichshain rum gewohnt …«
»Ich denke, dass Sie ihn vielleicht doch kennen. Ich möchte, dass Sie ihn sich einmal ansehen.«
»Und wenn ich ihn angesehen habe, und es hat sich herausgestellt, dass ich ihn nicht kenne, was dann? Was wird dann mit mir?«
Der Kommissar macht eine gleichgültige Bewegung: »Das wird sich dann schon zeigen. Ich denke mir, Sie werden den Mann kennen.«
Beide schweigen. Dann fragt Enno Kluge: »Hat das wieder mit dieser verdammten Postkartengeschichte zu tun? Ich wollte, ich hätte dieses Protokoll nie unterschrieben. Ich hätte Ihnen den Gefallen nicht tun sollen, Herr Kommissar.«
»Wirklich? Ich glaube beinah, Sie haben recht, für Sie wie für mich wäre es besser gewesen, Sie hätten nicht unterschrieben, Herr Kluge!« Er starrt sein Gegenüber so düster an, dass Enno Kluge einen neuen Schreck bekommt. Der Kommissar bemerkt es. »Nunu«, sagt er beruhigend, »wir werden ja sehen. Ich denke, wir trinken noch einen Schnaps und fahren dann los. Ich möchte gern noch den letzten Zug in die Stadt zurück bekommen.«
Kluge starrt ihn entsetzt an. »Und ich?«, fragt er mit zitternden Lippen. »Soll ich – da – draußen – bleiben?«
»Sie?«, der Kommissar lachte. »Sie werden natürlich mit mir fahren, Herr Kluge! Was starren Sie mich denn so entsetzt an? Ich habe doch nichts gesagt, das Sie so erschrecken könnte. Natürlich werden wir beide zusammen in die Stadt zurückfahren. Da kommt der Kellner mit unserm Schnaps. Ober, warten Sie einen Augenblick, wir geben Ihnen die Gläser gleich zum Umtauschen.«
Wenig später waren sie auf dem Weg zum Bahnhof Zoo. Sie fuhren mit der S-Bahn, und als sie in Schlachtensee ausstiegen, war die Nacht so dunkel, dass sie im ersten Augenblick ratlos auf dem Bahnhofsplatz standen. Wegen der Verdunklung sah man nirgends ein Licht.
»In dieser Finsternis finden wir nie den Weg«, sagte Kluge angstvoll. »Herr Kommissar, bitte, lassen Sie uns zurückfahren! Bitte! Ich will lieber die Nacht bei Ihnen auf der Gestapo sitzen, als …«
»Reden Sie keinen Unsinn, Kluge!«, unterbrach ihn der Kommissar grob und zog den Arm des Schmächtigen fest durch den seinen. »Glauben Sie, ich fahre hier die halbe Nacht mit Ihnen spazieren, um eine Viertelstunde vor dem Ziel umzukehren?« Etwas sanfter fuhr er fort: »Ich kann jetzt schon ganz gut sehen. Wir müssen den Nebenweg da nehmen, da kommen wir am schnellsten zum See …«
Schweigend gingen sie los, beide vorsichtig mit den Füßen nach unsichtbaren Hindernissen tastend.
Als sie ein Stück Weg gegangen waren, schien die Luft vor ihnen heller zu werden.
»Sehen Sie, Kluge«, sagte der Kommissar, »ich wusste doch, ich kann mich auf meinen Ortssinn verlassen. Da haben wir schon den See!«
Kluge schwieg, und schweigend gingen sie weiter.
Es war eine ganz windstille Nacht, alles war ruhig. Kein Mensch begegnete ihnen. Das glatte Wasser des Sees, das sie eher ahnten als sahen, schien eine graue Helle auszudünsten, als gäbe es den schwächsten Schein des am Tage aufgefangenen Lichts zurück.