Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 24

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Der Kommissar räusperte sich, als wollte er sprechen, und schwieg weiter.

Plötzlich hielt Enno Kluge an. Mit einem Ruck befreite er seinen Arm aus dem seines Begleiters. Er rief fast schreiend: »Jetzt gehe ich keinen Schritt mehr weiter! Wenn Sie mir was tun wollen, können Sie es ebenso gut hier wie eine Viertelstunde weiter tun! Kein Mensch kann mir zu Hilfe kommen! Es muss Mitternacht sein!«

Wie um diese Worte zu bestätigen, fing eine Uhr plötzlich zu schlagen an. Der Klang kam überraschend nah und scholl durch die dunkle Nacht. Unwillkürlich zählten die Männer mit.

»Elf!«, sagte dann der Kommissar. »Elf Uhr. Es ist noch eine Stunde bis Mitternacht. Kommen Sie, Kluge, wir haben nur noch fünf Minuten zu gehen.«

Und wieder fasste er nach dem Arm des anderen.

Aber Kluge riss sich mit überraschender Kraft los: »Ich hab gesagt, ich geh keinen Schritt weiter, und ich geh keinen Schritt weiter!«

Seine Stimme überschlug sich vor Angst, so schrie er. Aufgeschreckt flog ein Wasservogel im Schilf hoch und strich schwerfällig ab.

»Schreien Sie doch nicht so!«, sagte der Kommissar ärgerlich. »Sie machen ja den ganzen See rebellisch!«

Dann besann er sich: »Also schön, ruhen Sie sich einen Augenblick aus. Sie werden schon Vernunft annehmen. Wollen wir uns hier hinsetzen?«

Und wieder fasste er nach Kluges Arm.

Enno schlug nach der fassenden Hand. »Ich lasse mich nicht mehr von Ihnen anfassen! Tun Sie mit mir, was Sie wollen, aber fassen Sie mich nicht an!«

Der Kommissar sagte scharf: »Das ist nicht der Ton, in dem man mit mir spricht, Kluge! Was bist du denn? Ein feiger, kleiner, dreckiger Hund!«

Auch den Kommissar begannen seine Nerven zu verlassen.

»Und Sie?«, schrie wieder Kluge, »und was sind Sie? Ein Mörder sind Sie, ein gemeiner Meuchelmörder!«

Er erschrak selbst über das, was er da gesagt hatte. Er murmelte: »Ach, entschuldigen Sie, Herr Kommissar, ich habe das nicht so gemeint …«

»Das sind die Nerven«, sagte der Kommissar. »Sie müssten ein anderes Leben führen, Kluge, dies Leben halten Ihre Nerven nicht aus. Also setzen wir uns dort auf den Bootssteg. Haben Sie keine Bange, ich fass Sie nicht wieder an, wenn Sie solche Angst vor mir haben.«

Sie gingen auf den Bootssteg zu. Das Holz knarrte, als sie ihn betraten. »Noch ein paar Schritte«, ermunterte Escherich. »Am besten setzen wir uns auf die Spitze. Ich sitze gern auf so ’nem Dings, nur Wasser um mich …«

Aber wieder weigerte sich Kluge. Er, der eben noch einen Anflug von entschlossenem Mut gezeigt hatte, fing plötzlich zu wimmern an: »Ich gehe nicht weiter! Oh, haben Sie doch Erbarmen mit mir, Herr Kommissar! Ersäufen Sie mich nicht! Ich kann nicht schwimmen, ich sage es Ihnen gleich! Ich habe immer solche Angst vor dem Wasser gehabt! Ich will Ihnen jedes Protokoll unterschreiben! Hilfe! Hilfe! Hil…«

Der Kommissar hatte den kleinen Kerl gepackt und trug den Zappelnden an das Ende des Stegs. Das Gesicht Ennos hatte er fest gegen seine Brust gedrückt, so fest, dass Kluge nicht weiterschreien konnte. So trug er ihn bis zum Ende des Stegs und hielt ihn dort nahe über das Wasser.

»Wenn du noch einmal schreist, du Hund, werde ich dich hineinwerfen!«

Ein tiefes Schluchzen entrang sich Ennos Kehle. »Ich werde nicht schreien«, sagte er flüsternd. »Ach, ich bin ja doch hin, werfen Sie mich doch rein! Ich halte das nicht mehr aus …«

Der Kommissar setzte ihn auf den Steg und nahm neben ihm Platz.

»So«, sagte er. »Und nachdem du nun gesehen hast, dass ich dich in den See werfen kann und tu’s doch nicht, wirst du wohl begreifen, dass ich kein Mörder bin, Kluge?«

Kluge murmelte etwas Unverständliches. Seine Zähne schlugen laut gegeneinander.

»So, und nun hör zu. Ich hab dir was zu sagen. Das mit dem Mann, den du hier in Schlachtensee erkennen sollst, das ist natürlich Schwindel.«

»Aber warum?«

»Warte ab. Und ich weiß auch, dass du mit dem Postkartenschreiber nichts zu tun hast; ich habe geglaubt, es wäre mit dem Protokoll gut, dass ich wenigstens für meine Vorgesetzten eine Spur hätte, bis ich den richtigen Täter gefasst habe. Aber es war nicht gut. Sie wollen dich jetzt haben, Kluge, die hohen Herren von der SS, und sie wollen dich vornehmen auf ihre Weise. Sie glauben an das Protokoll, sie halten dich für den Schreiber oder doch für seinen Verteiler. Und sie werden das schon aus dir rausquetschen, sie werden alles, was sie wollen, mit ihren Verhören aus dir rausquetschen, sie werden dich auspressen wie eine Zitrone, und dann werden sie dich totschlagen oder vor den Volksgerichtshof bringen, und das läuft auf dasselbe hinaus, nur dass die Quälerei noch ein paar Wochen länger dauert.«

Der Kommissar machte eine Pause, und der völlig verängstigte Enno schmiegte sich jetzt zitternd an den, den er eben noch »Mörder« genannt, als suche er Hilfe bei ihm.

»Sie wissen, ich bin’s nicht gewesen!«, stotterte er. »Heilig wahr! Sie können mich nicht zu denen hinbringen, ich halte das nicht aus, ich schreie …«

»Gewiss wirst du schreien«, bestätigte der Kommissar gleichmütig. »Natürlich tust du das. Aber das kümmert die nicht, das macht denen nur Spaß. Weißt du, Kluge, sie werden dich auf einen Schemel setzen und einen ganz scharfen Scheinwerfer direkt vor deinem Gesicht aufstellen, und du musst immer in das Licht starren und wirst vor Hitze und Helle vergehen. Und dabei werden sie dich fragen, Stunden um Stunden werden sie dich befragen, einer wird den anderen ablösen, aber dich wird keiner ablösen, du magst noch so müde sein. Und wenn du vor Erschöpfung umfällst, so werden sie dich mit Fußtritten und Peitschenhieben hochjagen, und sie werden dir Salzwasser zu trinken geben, und wenn das alles nichts mehr hilft, werden sie dir jeden Gelenkknochen an den Fingern einzeln ausdrehen. Sie werden Säure auf deine Füße gießen …«

»Hören Sie auf, ach, bitte, hören Sie doch auf, ich kann das nicht anhören …«

»Du wirst es nicht nur anhören, du wirst es aushalten müssen, Kluge, einen Tag, zwei, drei, fünf Tage – immer, Tag und Nacht, und dabei werden sie dich hungern lassen, dass dein Magen zusammenschrumpft wie eine Bohne, dass du vor Schmerzen innen und außen umzukommen meinst. Aber du wirst nicht umkommen; so leicht lassen die einen, den sie mal in ihren Fängen haben, nicht los. Sondern sie werden dich …«

»Nein, nein, nein«, schrie der kleine Enno und hielt sich die Ohren zu. »Ich will nichts mehr hören! Kein Wort mehr! Dann lieber gleich tot!«

»Ja, das denke ich auch«, bestätigte der Kommissar. »Dann lieber gleich tot!«

Eine Zeit lang herrschte tiefstes Schweigen zwischen beiden.

Dann sagte der kleine Enno Kluge plötzlich zusammenschauernd: »Aber ins Wasser gehe ich nicht …«

»Nein, nein«, sagte der Kommissar gütig zuredend. »Das sollen Sie auch nicht, Kluge. Sehen Sie, ich habe Ihnen hier was anderes mitgebracht, sehen Sie nur, so ’ne hübsche kleine Pistole. Die brauchen Sie nur gegen die Stirn zu drücken, haben Sie keine Angst, ich werde Ihnen die Hand halten, dass sie nicht zittert, und dann machen Sie den Finger nur ein klein bisschen krumm … Sie werden keinen Schmerz spüren, plötzlich sind Sie weg von all diesen Quälereien und Verfolgungen und haben endlich mal Ruhe und Frieden …«

»Und die Freiheit«, sagte der kleine Enno Kluge nachdenklich. »Das ist genauso, Herr Kommissar, wie Sie mich damals mit dem Protokoll überredet haben, auch damals haben Sie mir die Freiheit versprochen. Ob’s diesmal wahr sein wird? Was meinst du?«

»Aber natürlich, Kluge. Das ist die einzige wirkliche Freiheit, die für uns Menschen in Frage kommt. Da kann ich dich nicht wieder einfangen und von neuem ängstigen und quälen. Keiner kann das mehr. Du wirst uns alle auslachen …«

»Und was wird hinterher kommen, hinter der Ruhe und Freiheit? Wird’s da noch was geben, hinterher? Was glaubst du?«

»Ich glaub nicht, dass noch was hinterherkommt, kein Strafgericht und keine Hölle. Nur Ruhe und Freiheit wird’s da geben.«

»Und wozu hab ich denn gelebt? Warum habe ich dann hier so viel aushalten müssen? Ich hab doch nichts getan, keinem Menschen habe ich zur Freude gelebt, nie habe ich jemanden wirklich gern gehabt.«

»Tja«, meinte der Kommissar, »ein großer Held bist du nicht gewesen, Kluge. Und irgendwie nützlich hast du dich wohl auch nicht gemacht. Aber warum willst du jetzt darüber nachdenken? Jetzt ist es unter allen Umständen zu spät, ob du das nun tust, was ich dir vorschlage, oder ob du mit mir zur Gestapo gehst. Ich sage dir, Kluge, in der ersten halben Stunde schon wirst du auf den Knien um eine Kugel betteln. Aber es wird viele, viele halbe Stunden dauern, bis sie dich aus deinem Leben zum Tode gequält haben …«

»Nein, nein«, sagte Enno Kluge. »Zu denen gehe ich nicht. Gib mir mal die Pistole in die Hand – ist es so richtig, wie ich sie halte?«

»Ja …«

»Und wo soll ich sie ansetzen? Da an die Schläfe?«

»Ja …«

»Und nun den Finger hier an den Hahn legen. Ich will’s vorsichtig tun, jetzt will ich noch nicht … Ich möchte noch ein bisschen mit dir reden …«

»Du brauchst keine Angst zu haben, die Pistole ist noch gesichert …«

»Weißt du auch, Escherich, dass du der letzte Mensch bist, mit dem ich spreche? Danach wird’s nur noch Ruhe geben, nie wieder werde ich mit einem Menschen sprechen können.«

Er schauderte zusammen.

»Als ich eben die Pistole an die Schläfe gesetzt habe, ging so eine Kälte von ihr aus. So eisig müssen die Ruhe und die Freiheit sein, die mich nachher erwarten.«

Er beugte sich nahe zum Kommissar und flüsterte: »Willst du mir eins fest versprechen, Escherich?«

»Ja. Was ist denn?«

»Aber du musst dein Versprechen auch halten!«

»Das tu ich schon, wenn ich’s kann.«

»Lass mich nicht ins Wasser rutschen, wenn ich tot bin, versprich mir das. Vor dem Wasser habe ich Angst. Lass mich hier oben liegen, auf dem trockenen Steg.«

»Natürlich. Das verspreche ich dir!«

»Schön, gib mir die Hand darauf, Escherich.«

»Hier!«

»Und du wirst mich nicht betrügen, Escherich? Siehst du, ich bin nur ein kleines, elendes Aas, es macht nicht viel aus, ob man mich betrügt oder nicht. Aber du wirst es nicht tun?«

»Ich werde es bestimmt nicht tun, Kluge!«

»Gib mir noch mal die Pistole, Escherich – ist sie jetzt entsichert?«

»Nein, noch nicht, erst wenn du’s sagst.«

»Habe ich sie so richtig angesetzt, ja? Jetzt fühle ich die Kälte vom Lauf kaum noch, ich bin ebenso kalt wie der Lauf. Weißt du, dass ich eine Frau und Kinder habe?«

»Ich habe sogar mit deiner Frau gesprochen, Kluge.«

»Oh!« Der Kleine war so interessiert, dass er die Pistole rasch wieder absetzte. »Ist sie hier in Berlin? Ich würde sie gern noch einmal sprechen.«

»Nein, sie ist nicht in Berlin«, antwortete der Kommissar und verfluchte sich, weil er seinem Grundsatz, nie eine Mitteilung zu geben, untreu geworden war. Gleich hatte man die Folgen! »Sie ist immer noch im Ruppinschen bei ihren Verwandten. Und es ist schon besser, du sprichst nicht mit ihr, Kluge.«

»Sie ist nicht gut auf mich zu sprechen?«

»Nein, gar nicht, sie ist nur böse auf dich zu sprechen.«

»Schade«, sagte der Kleine. »Schade. Eigentlich ist es komisch, Escherich. Ich bin doch ein reiner Garnichts, den niemand lieben kann. Aber hassen, hassen tun mich viele.«

»Ich weiß nicht, ob das Hass ist bei deiner Frau, ich glaube, sie will nur Ruhe vor dir haben. Du störst sie …«

»Die Pistole ist doch noch gesichert, Kommissar?«

»Ja«, antwortete der Kommissar verwundert, dass Kluge, der die letzte Viertelstunde ganz ruhig geworden war, plötzlich wieder so aufgeregt fragte. »Ja, die ist noch immer gesichert … Was zum Teufel?«

Die Pistole zündete mit ihrem Mündungsfeuer so nahe an seinen Augen vorbei, dass er ächzend auf den Steg zurückfiel; immer im Gefühl, geblendet zu sein, presste er die Hände vor die Augen.

Der Kluge flüsterte an seinem Ohr: »Ich wusste es, sie war nicht gesichert! Wieder einmal wolltest du mich betrügen! Und jetzt bist du in meiner Hand, jetzt kann ich dir deine Ruhe und Freiheit geben …« Er hielt den Pistolenlauf gegen die Stirn des Stöhnenden, er kicherte: »Fühlst du, wie kalt das ist? Das ist die Ruhe und der Frieden, das ist das Eis, in dem wir begraben sein werden, immer und immer …«

Der Kommissar richtete sich ächzend auf. »Hast du das mit Absicht getan, Kluge?«, fragte er streng und riss die wundbrennenden Lider hoch von den schmerzenden Augen. Ihm war, als sähe er den anderen neben sich wie einen schwärzeren Klumpen in all dem Nachtdunkel.

»Ja, mit Absicht«, kicherte der Kleine.

»Das war ein Mordversuch!«, sagte der Kommissar.

»Aber du hast doch gesagt, die Waffe ist gesichert!«

Jetzt war der Kommissar ganz sicher, dass seinen Augen nichts geschehen war.

»Ich werde dich ins Wasser schmeißen, du Lump! Das ist dann nur Notwehr!« Und er packte den Kleinen bei der Schulter.

»Nein, nein, bitte nicht! Bitte das nicht! Ich werde das andere auch bestimmt tun! Nur nicht ins Wasser! Du hast es mir heilig versprochen …«

Der Kommissar hatte ihn bei der Schulter gepackt.

»Ach was! Jetzt keine Winseleien mehr! Du hast doch nie die Courage dazu! Ins Wasser …!«

Zwei Schüsse fielen rasch hintereinander. Der Kommissar fühlte, wie der Mann zwischen seinen Fäusten zusammenfiel, er sackte in sich, unaufhaltsam. Einen Augenblick machte Escherich eine Bewegung, als er den Toten über den Stegrand ins Wasser rutschen sah. Seine Hände wollten ihn noch halten.

Und achselzuckend sah der Kommissar zu, wie der schwere Körper ins Wasser klatschte und sofort verschwand.

»Besser so«, sagte er und befeuchtete die trockenen Lippen. »Weniger Verdachtsmaterial.«

Einen Augenblick stand er noch, zweifelnd, ob er die auf dem Steg liegende Pistole ins Wasser stoßen sollte oder nicht. Dann ließ er sie liegen. Er ging langsam vom Bootssteg, den Uferhang hinan, nach dem Bahnhof zu.

Der Bahnhof war geschlossen, der letzte Zug abgefahren. Der Kommissar schickte sich gleichmütig an, den weiten Weg nach Berlin unter seine Füße zu nehmen.

Eben fing die Uhr wieder an zu schlagen.

Mitternacht, dachte der Kommissar. Er hat’s geschafft. Mitternacht. Bin neugierig, wie ihm sein Friede gefallen wird, wirklich neugierig. Ob er sich wieder betrogen vorkommt? Aas, kleines, winselndes Aas!

DRITTER TEIL – Das Spiel steht gegen die Quangels

34. Trudel Hergesell

Die Hergesells fuhren mit dem Zuge von Erkner nach Berlin. Jawohl, es gab keine Trudel Baumann mehr, Karls andauernde Liebe hatte gesiegt, sie hatten geheiratet, und jetzt, im Jahre des Unheils 1942, war Trudel im fünften Monat schwanger.

Mit der Heirat hatten die beiden auch ihre Arbeit in der Uniformfabrik aufgegeben – nach dem bedrückenden Erlebnis mit Grigoleit und dem Säugling hatten sie sich dort nie mehr wohl gefühlt. Er arbeitete jetzt bei einer chemischen Fabrik in Erkner, während Trudel als Hausschneiderin ein paar Mark dazuverdiente. Mit leiser Scham dachten sie an die Zeit ihrer illegalen Betätigung zurück. Beide waren sie sich völlig klar darüber, dass sie versagt hatten; beide aber wussten sie jetzt auch, dass sie sich für eine derartige Tätigkeit, die eine völlige Zurückstellung des eigenen Ichs erforderte, nicht eigneten. Jetzt lebten sie nur noch für ihr häusliches Glück und genossen die Vorfreude auf das zu erwartende Kind.

Als sie Berlin verließen und nach Erkner hinauszogen, hatten sie gemeint, dort in völliger Ruhe, fern der Partei und ihren Forderungen, leben zu können. Wie viele Großstädter hatten sie sich dem sehr irrigen Glauben hingegeben, die Bespitzelung sei nur in Berlin so schlimm, auf dem Lande, in einer kleinen Stadt herrsche noch Anstand. Und wie viele Großstädter hatten sie erfahren müssen, dass grade das Denunziantentum, das Aushorchen und Bespitzeln, in einer kleinen Stadt noch zehnmal schlimmer war als in der Großstadt. In der Kleinstadt konnte man nie untertauchen in der Masse, jeder war klar übersichtlich, seine persönlichen Verhältnisse wurden rasch bekannt, Gesprächen mit Nachbarn war kaum aus dem Wege zu gehen, und wie solche Gespräche entstellt werden konnten, das hatten sie schon ein paarmal mit Kummer erfahren müssen.

Da sie beide der Partei nicht angehörten, da sie beide sich bei allen Sammlungen nur mit dem geringstmöglichen Betrage beteiligten, da sie beide die Neigung zeigten, ganz allein für sich statt für die Gemeinschaft zu leben, da sie beide lieber lasen, als dass sie in eine Versammlung gingen, da Hergesell mit seinen dunklen, langen, immer verwirrten Haaren und seinen glühenden schwarzen Augen wie ein richtiger Sozialist und Pazifist aussah (nach Ansicht der Pgs)28 da Trudel in einer leichtsinnigen Minute einmal gesagt hatte, die Juden könnten einem auch leidtun – galten sie in kurzer Zeit für politisch verdächtig, und jeder ihrer Schritte wurde überwacht, jedes ihrer Worte überbracht.

Hergesells litten unter der Atmosphäre von Hass, in der sie in Erkner leben mussten, sehr stark. Aber sie redeten sich ein, dass sie sich nichts daraus machten und dass ihnen nichts passieren könnte, da sie ja gegen diesen Staat nichts taten. »Die Gedanken sind frei«, sagten sie, aber eigentlich hätten sie wissen müssen, dass in diesem Staat nicht einmal die Gedanken frei waren.

So flüchteten sie immer stärker in ihr Liebesglück. Sie waren wie zwei Liebende, die sich in einer Sturmflut, in den Wogen, im Zusammenbruch der Häuser, zwischen ertrinkendem Vieh, aneinandergeklammert haben und glauben, kraft ihrer Gemeinsamkeit, ihrer Liebe dem allgemeinen Untergang entgehen zu können. Sie hatten noch nicht begriffen, dass es in diesem Kriegs-Deutschland ein privates Leben überhaupt nicht mehr gab. Kein Sichzurückziehen rettete davor, dass jeder Deutsche zur Allgemeinheit der Deutschen gehörte und das deutsche Schicksal miterleiden musste – so wie ja auch die immer zahlreicher werdenden Bomben wahllos auf Gerechte wie Ungerechte fielen.

Auf dem Alexanderplatz trennten sich die Hergesells. Sie hatte eine Schneiderarbeit in der Kleinen Alexanderstraße abzuliefern, während er einen zum Tausch inserierten Kinderwagen besichtigen wollte. Sie verabredeten, sich um die Mittagsstunde wieder auf dem Bahnhof zu treffen, und jedes ging seinen Weg. Trudel Hergesell, der, nach anfänglichen Beschwerden, jetzt im fünften Monat die Schwangerschaft nur ein nie gekanntes Gefühl von Stärke, Selbstvertrauen und Glück verliehen hatte, kam rasch in die Kleine Alexanderstraße und trat in das Treppenhaus.

Vor ihr stieg ein Mann die Treppe hinauf. Sie sah ihn nur von hinten, aber sie erkannte ihn sofort an der charakteristischen Kopfhaltung, dem steifen Nacken, an der langen Gestalt, an den hochgezogenen Schultern: es war Otto Quangel, der Vater ihres früheren Verlobten, jener Mann, dem sie einmal das Geheimnis ihrer illegalen Organisation verraten hatte.

Unwillkürlich hielt sie sich zurück. Es war klar, dass Quangel von ihrer Anwesenheit noch nichts gemerkt hatte. Er stieg ohne Hast, aber gleichmäßig schnell die Treppen hoch. Sie folgte ihm mit einer halben Treppe Abstand, immer bereit, sofort stehenzubleiben, sobald Quangel an einer der vielen Türen dieses Bürohauses klingelte.

Aber er klingelte nicht, sondern sie sah, wie er an einem Treppenfenster stehenblieb, eine Karte aus der Tasche zog und sie auf der Fensterbank niederlegte. Als er so tat, begegnete sein Blick dem der Beobachterin. Aber ob Quangel sie nun erkannt hatte oder nicht, war ihm nicht anzumerken, er ging an ihr vorbei, die Treppe hinunter, ohne sie anzusehen.

Kaum war er etwas tiefer, eilte sie zu dem Fenster und nahm die Karte in ihre Hand. Sie las nur die ersten Worte: »Habt ihr noch immer nicht begriffen, dass der Führer euch schändlich belogen hat, als er sagte, Russland habe zu einem Überfall auf Deutschland gerüstet?«

Dann lief sie Quangel nach.

Sie erreichte ihn, als er das Gebäude verließ, sie drängte sich an seine Seite und sagte: »Hast du mich eben nicht erkannt, Vater? Ich bin’s doch, die Trudel, Ottochens Trudel!«

Er drehte ihr den Kopf zu, der ihr noch nie so vogelhaft hart und böse vorgekommen war wie in diesem Augenblick. Einen Moment glaubte sie, er werde sie nicht wiedererkennen wollen, aber dann nickte er kurz und sagte: »Siehst wohl aus, Mädel!«

»Ja«, sagte sie, und ihre Augen strahlten. »Ich fühle mich auch so kräftig und glücklich wie noch nie. Ich erwarte ein Kindchen. Ich habe mich verheiratet. Bist nicht böse, Vater?«

»Warum soll ich dir böse sein? Wegen des Verheiratetseins? Sei nicht albern, Trudel, du bist jung, und Ottochen ist bald zwei Jahre tot. Nein, nicht einmal die Anna würde dir das Heiraten übelgenommen haben, und die denkt doch noch jeden Tag an ihr Ottochen.«

»Wie geht’s denn der Mutter?«

»Wie immer, Trudel, ganz wie immer. Bei uns alten Leuten ändert sich nichts mehr.«

»Doch!«, sagte sie und blieb stehen. »Doch!« Ihr Gesicht war jetzt sehr ernst geworden. »Doch, es hat sich viel bei euch geändert. Erinnerst du dich, wie wir einmal im Gang der Uniformfabrik standen, unter den Plakaten von den Hinrichtungen? Da hast du mich gewarnt …«

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Trudel. Ein alter Mann vergisst vieles.«

»Heute warne ich dich, Vater«, fuhr sie leise, aber umso eindringlicher fort. »Ich habe dich gesehen, wie du die Karte im Treppenhaus hingelegt hast, diese schreckliche Karte, die jetzt in meiner Handtasche steckt.«

Er sah sie unverwandt an mit seinem kalten Auge, das jetzt böse zu leuchten schien.

Sie flüsterte: »Vater, es geht um deinen Kopf. Wie ich können dich andere beobachtet haben. Weiß die Mutter davon, dass du so was tust? Tust du es öfters?«

Er schwieg so lange, dass sie schon meinte, er wolle ihr gar nicht antworten. Aber dann sagte er: »Du weißt doch, Trudel, ich tu nichts ohne die Mutter.«

»Oh!«, stöhnte sie, und Tränen traten in ihre Augen. »Das habe ich gefürchtet. Du reißt auch Mutter herein.«

»Mutter hat ihren Sohn verloren. Das hat sie noch nicht verschmerzt – vergiss das nicht, Trudel!«

Ihre Wangen färbten sich rot, als habe er ihr einen Vorwurf gemacht. »Ich glaub nicht«, murmelte sie, »dass Ottochen einverstanden wäre, wenn er seine Mutter bei so was sähe.«

»Jeder geht seinen Weg, Trudel«, antwortete Otto Quangel kalt. »Du deinen, wir unsern. Ja, wir gehen unsern Weg.« Er warf den Kopf ruckartig zurück und wieder vor, es war, als hackte der Vogel. »Und jetzt müssen wir uns trennen. Mach es gut, Trudel, mit deinem Kindchen. Ich werde die Mutter grüßen von dir – vielleicht.«

Er war schon gegangen.

Dann kam er noch einmal zurück. »Die Karte da«, sagte er, »die behältst du nicht in der Tasche, verstehst du? Die legst du irgendwohin, wie ich es gemacht habe. Und deinem Mann sagst du kein Wort davon, versprichst du mir das, Trudel?«

Sie nickte leise, sie sah ihn nur angstvoll an.

»Und dann vergisst du uns. Du vergisst alles von den Quangels; wenn du mich wieder einmal siehst, kennst du mich nicht, verstanden?«

Wieder konnte sie nur nicken.

»Also, mach’s gut«, sagte er noch einmal und war nun wirklich gegangen, und sie hätte ihm doch noch so viel zu sagen gehabt.

Als Trudel die Karte Otto Quangels ablegte, empfand sie alle Ängste eines Verbrechers, der fürchtet, ertappt zu werden. Sie hatte sich nicht entschließen können, die Karte weiterzulesen. Tragisches Schicksal auch dieser Karte Otto Quangels, von einem befreundeten Menschen aufgefunden, auch sie verfehlte ihre Wirkung. Auch sie war umsonst geschrieben, auch bei ihr hatte die Empfängerin nur den einen Wunsch, sie möglichst schnell wieder loszuwerden.

Als Trudel die Karte auf genau dem gleichen Fensterbrett abgelegt hatte, wo es Otto Quangel getan (es wäre ihr überhaupt nicht der Gedanke gekommen, dass ein anderer Platz dafür in Frage kam), eilte sie rasch die letzten Stufen hinauf und klingelte bei jenem Anwaltsbüro, für dessen Sekretärin sie ein Kleid gearbeitet hatte – aus einem in Frankreich gestohlenen Stoff, der von einem Freunde beim SD29 der Sekretärin geschickt worden war.

Beim Anprobieren wurde der Trudel heiß und kalt, plötzlich war ihr schwarz vor den Augen. Sie musste sich im Zimmer des Anwalts – er war auf einem Termin – hinlegen und später einen Kaffee trinken, richtigen, guten Bohnenkaffee (in Holland von einem anderen Freunde bei der SS gestohlen).

Aber während das gesamte Büropersonal sich rührend um sie bemühte – ihr Zustand war unschwer zu erkennen, weil sie die ganze Last »vorne« trug –, währenddem dachte Trudel Hergesell: Er hat recht, ich darf Karl nie etwas davon sagen. Wenn es nur dem Kindchen nichts schadet, es hat mich doch schrecklich aufgeregt. Ach, Vater sollte so etwas nicht machen! Denkt er denn gar nicht daran, in wie viel Not und Angst er die Leute damit stürzt? Das Leben ist doch so schon schwer genug!

Als sie endlich wieder die Treppen hinabstieg, war die Karte verschwunden. Sie atmete erleichtert auf, aber diese Erleichterung hielt nicht an. Sondern sie konnte es nicht lassen, sie musste darüber nachdenken, wer jetzt wohl die Karte gefunden haben mochte, ob der auch solchen Schreck wie sie darüber bekommen hatte, was er mit der Karte anfing. Immerzu kreisten ihre Gedanken darum.

So leicht ging sie nicht wieder zum Alexanderplatz zurück, wie sie hergegangen war. Sie hatte eigentlich noch einige Besorgungen machen wollen, aber sie fühlte sich dazu nicht imstande. Sie setzte sich ganz still in den Wartesaal und hoffte nur, dass Karl bald kommen möge. Wenn erst Karl da war, würde der Schreck, der ihr immer noch in den Gliedern saß, vergehen – auch wenn sie ihm nichts sagte. Schon sein Da-Sein würde das bewirken …

Sie lächelte und schloss die Augen.

Guter Karl! dachte sie. Mein einziger …!

Sie schlief ein.

28.Parteigenossen, Mitglied der NSDAP
29.Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS war ein Teil des nationalsozialistischen Machtapparates in der Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich und während des Krieges im besetzten Europa.
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