Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 27

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38. Die zweite Warnung

An einem Sonntagmorgen sagte Frau Anna etwas zaghaft: »Ich glaube, Otto, wir müssen mal wieder nach meinem Bruder Ulrich sehen. Du weißt, wir sind dran. Wir haben uns acht Wochen nicht mehr bei Heffkes sehen lassen.«

Otto Quangel sah von seiner Schreiberei hoch. »Schön, Anna«, sagte er. »Dann also nächsten Sonntag. Ist’s recht?«

»Es wäre mir lieber, wenn du es diesen Sonntag einrichten könntest, Otto. Ich glaube, sie erwarten uns.«

»Denen ist doch ein Sonntag wie der andere. Die haben keine Extraarbeit wie wir, die Leisetreter!«

Und er lachte spöttisch.

»Aber Ulrich hat am Freitag Geburtstag gehabt«, wandte Frau Quangel ein. »Ich habe ihm einen kleinen Kuchen gebacken, den ich ihm gern bringen möchte. Bestimmt erwarten sie uns heute.«

»Ich möchte heute eigentlich außer dieser Karte noch einen Brief schreiben«, sagte Quangel verdrossen. »Ich habe es mir nun einmal so vorgenommen. Ich schmeiße nicht gern mein Programm um.«

»Bitte, Otto!«

»Kannst du nicht allein gehen, Anna, und denen sagen, ich habe mein Reißen? Du hast das doch schon einmal getan!«

»Grade, weil ich’s schon einmal getan habe, möchte ich’s nicht schon wieder tun«, bat Anna. »Jetzt, wo er Geburtstag hat …«

Quangel sah in das bittende Gesicht seiner Frau. Er wollte ihr gerne den Gefallen tun, aber der Gedanke, heute seine Stube zu verlassen, machte ihn missmutig.

»Wo ich heute den Brief schreiben wollte, Anna! Der Brief ist wirklich wichtig. Ich habe mir da was ausgedacht … Er wird bestimmt eine mächtige Wirkung tun. Und dann, Anna, ich kenne jetzt all eure Kindergeschichten, ich weiß sie auswendig. Es ist so langweilig bei Heffkes. Ich hab nichts zu reden mit ihm, und deine Schwägerin sitzt auch immer bloß eingefroren dabei. Wir hätten das nie mit der Verwandtschaft anfangen sollen, Verwandte sind ein Gräuel. Wir beide sind vollkommen genug!«

»Nun gut, Otto«, gab sie zum Teil nach, »so wollen wir es heute unsern letzten Besuch sein lassen. Ich versprech dir, dich nicht wieder darum zu bitten. Aber nur heute, wo ich den Kuchen gebacken habe und Ulrich Geburtstag feiert! Nur dieses eine Mal noch! Bitte, Otto!«

»Heute ist es mir grade besonders zuwider«, sagte er.

Aber von ihren flehenden Augen überwunden, brummte er schließlich doch: »Na schön, Anna, ich will mir’s überlegen. Wenn ich bis Mittag zwei Karten schaffe …«

Er schaffte bis Mittag zwei Karten, und so gingen Quangels denn gegen drei Uhr aus der Wohnung. Sie wollten mit der U-Bahn bis Nollendorfplatz fahren, aber kurz vor der Bülowstraße schlug Quangel seiner Frau vor, schon Bülowstraße auszusteigen, vielleicht sei da etwas zu machen.

Sie wusste, er hatte die zwei Karten in der Tasche, sie verstand ihn sofort und nickte.

Sie gingen ein Stück die Potsdamer Straße hinunter, ohne ein passendes Haus zu finden. Dann mussten sie rechts in die Winterfeldtstraße einbiegen, sonst wären sie zu weit von der Wohnung des Schwagers abgekommen. Und wieder suchten sie.

»Das ist keine so gute Gegend wie bei uns«, sagte Quangel unzufrieden.

»Und heute ist Sonntag«, setzte sie hinzu. »Sei bloß vorsichtig!«

»Ich bin schon vorsichtig«, erwiderte er. Und: »Da werde ich reingehen!«

Schon, sie hatte noch nichts sagen können, war er im Hause verschwunden.

Für Anna begannen jetzt die Minuten des Wartens, diese immer neu qualvollen Minuten, in denen sie Angst um Otto hatte und doch nichts tun konnte als warten.

O Gott! dachte sie, das Haus betrachtend, das Haus sieht aber gar nicht gut aus! Wenn es nur glattgeht! Ich hätte ihm vielleicht nicht so zureden sollen, heute hierherzufahren. Er wollte doch durchaus nicht, ich hab’s ihm ja angemerkt. Und das war nicht nur wegen des Briefes, den er schreiben wollte. Wenn ihm heute was passiert, werde ich mir ewig Vorwürfe machen! Da kommt Otto …

Aber es war nicht Otto, der aus dem Hause kam, es war eine Dame, die an Anna, sie scharf ansehend, vorüberging.

Hat die mich eben argwöhnisch angesehen? Es kam mir beinah so vor. Ist was im Hause passiert? Otto ist schon so lange drin, sicher zehn Minuten! Ach was, das weiß ich doch von vielen Malen: Wenn man so wartend vor einem Hause steht, kommt einem die Zeit immer endlos vor. Gottlob, da ist Otto wirklich!

Sie wollte auf ihn zugehen – und sie blieb stehen.

Denn Otto war nicht allein aus dem Hause gekommen, sondern er war begleitet von einem sehr großen Herrn, der einen schwarzen Mantel mit Samtkragen trug und dessen eine Gesichtshälfte von einem riesigen, großen Feuermal mit wulstigen Narben entstellt war. In der Hand trug dieser Herr eine dicke schwarze Aktentasche. Ohne ein Wort miteinander zu sprechen, gingen die beiden an Anna, der das Herz vor Schreck stehengeblieben war, vorüber, in der Richtung auf den Winterfeldtplatz zu. Sie folgte ihnen mit fast versagenden Füßen.

Was ist da schon wieder passiert?, fragte sie sich angstvoll. Was ist das für ein Herr, der mit Otto geht? Kann das einer von der Gestapo sein? Er sieht schrecklich aus mit diesem Feuermal! Sie sprechen kein Wort miteinander – o Gott, hätte ich Otto nur nicht zugeredet. Er tat, als kennte er mich nicht, es muss also Gefahr sein! Diese unselige Karte!

Plötzlich hielt es Anna nicht mehr aus. Sie ertrug die qualvolle Ungewissheit nicht länger. Mit einer bei ihr ganz seltenen Entschlossenheit überholte sie die beiden Herren und blieb stehen. »Herr Berndt!«, rief sie und reichte Otto die Hand. »Das ist gut, dass ich Sie treffe! Sie müssen sofort zu uns kommen. Wir haben einen Rohrbruch in der Wasserleitung, die ganze Küche schwimmt schon …« Sie brach ab, sie fand, der Herr mit dem Feuermal sah sie sehr sonderbar an, so spöttisch, so verächtlich.

Aber Otto sagte: »Ich komme dann gleich zu Ihnen. Ich will nur den Herrn Doktor zu meiner Frau bringen.«

»Ich kann auch allein vorangehen«, sagte der Mann mit dem Feuermal. »Von-Einem-Straße 17, sagten Sie? Schön. Ich hoffe, Sie kommen bald nach.«

»In einer Viertelstunde, Herr Doktor, spätestens in einer Viertelstunde bin ich auch da. Ich werde erst mal nur den Haupthahn abstellen.«

Und zehn Schritte weiter presste er den Arm Annas mit einer ganz ungewohnten Zärtlichkeit gegen seine Brust. »Das hast du großartig gemacht, Anna! Ich wusste doch nicht, wie ich den Kerl loswerden sollte! Wie bist du denn auf die Idee gekommen?«

»Wer war das? Ein Arzt? Ich dachte, es wäre einer von der Gestapo, und konnte die Ungewissheit nicht länger ertragen. Geh langsamer, Otto, mir zittern jetzt alle Glieder. Vorhin habe ich nicht gezittert, aber jetzt! Was ist denn geschehen? Weiß er was?«

»Nichts. Sei ganz ruhig. Er weiß gar nichts. Nichts ist geschehen, Anna. Aber seit heute früh, seit du mir gesagt hast, wir sollten zu deinem Bruder gehen, bin ich ein schlechtes Gefühl nicht losgeworden. Ich hab gedacht, es sei wegen des Briefes, den ich mir doch einmal vorgenommen hatte. Und wegen der Langenweile bei den Heffkes. Aber jetzt weiß ich, es war, weil ich immer das Gefühl hatte, heute passiert noch was. Heute gehe ich lieber nicht aus dem Bau …«

»Es ist also doch was passiert, Otto?«

»Nein, gar nichts. Ich sagte dir doch schon, dass nichts passiert ist, Anna. Ich komme also die Treppe hoch und will grade meine Karte ablegen, habe sie in der Hand, da kommt dieser Mann aus seiner Wohnung gerannt. Ich sage dir, Anna, er lief so, er hätte mich fast über den Haufen gerannt. Ich hatte keine Zeit, die Karte wieder wegzustecken. ›Was machen Sie denn hier im Haus?‹, rief er mich gleich an. Nun, du weißt ja, ich habe die Angewohnheit, mir immer den Namen von jemand im Hause nach den Schildern am Eingang zu merken. ›Ich will zu Dr. Boll‹, sage ich. ›Der bin ich!‹, sagt er wieder. ›Was ist? Ist jemand krank zu Hause?‹ Nun, was blieb mir da weiter übrig, als zu schwindeln? Ich sagte ihm, du seiest krank, und er solle doch bei uns vorbeikommen. Gottlob erinnerte ich mich an den Namen Von-Einem-Straße. Ich dachte, er würde sagen, er kommt abends oder morgen Vormittag, aber er rief gleich: ›Passt großartig! Liegt grade auf meinem Weg! Kommen Sie mit, Herr Schmidt!‹ – Ich habe mich Schmidt genannt, verstehst du, viele Leute heißen ja wirklich Schmidt.«

»Ja, und ich habe dich vor ihm ›Herr Berndt‹ angeredet«, rief Anna erschrocken. »Das muss dem doch aufgefallen sein.«

Quangel blieb betroffen stehen. »Wahrhaftig«, sagte er, »daran habe ich noch gar nicht gedacht! Aber es scheint ihm doch nicht aufgefallen zu sein. Die Straße ist leer. Keiner geht hinter uns her. In der Von-Einem-Straße wird er natürlich umsonst suchen, aber dann sitzen wir längst bei Heffkes.«

Anna blieb stehen. »Weißt du, Otto«, sagte sie, »jetzt bin ich es, die sagt: Gehen wir lieber heute nicht zu Ulrich. Jetzt habe ich das Gefühl, es ist heute ein schlechter Tag. Lass uns nach Haus fahren. Die Karten bringe ich morgen fort.«

Aber er schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, nein, Anna, wo wir einmal so weit sind, wollen wir den Besuch auch hinter uns bringen. Wir haben doch ausgemacht, es soll unser letzter sein. Und außerdem möchte ich nicht grade jetzt auf den Nollendorfplatz gehen. Womöglich treffen wir wieder den Arzt.«

»Dann gib mir wenigstens die Karten! Ich mag nicht, dass du jetzt mit diesen Karten in der Tasche herumläufst!«

Nach anfänglichem Widerstreben händigte er ihr die beiden Postkarten aus.

»Es ist wirklich kein guter Sonntag, Otto …«

39. Die dritte Warnung

Aber dann bei den Heffkes vergaßen sie ganz ihre schlimmen Vorahnungen. Es zeigte sich, dass sie dort wirklich erwartet worden waren. Auch die dunkle, schweigsame Schwägerin hatte Kuchen gebacken, und nachdem die beiden Kuchen zum Muckefuck gegessen waren, brachte Ulrich Heffke eine Flasche Schnaps zum Vorschein, die ihm die Kollegen im Betrieb geschenkt hatten.

Sie tranken langsam und mit Genuss in kleinen Gläsern das ihnen allen ungewohnte Getränk, und es bewirkte, dass sie lebhafter als sonst wurden, gesprächiger. Schließlich – nun war die Flasche schon leer – fing der kleine Buckel mit den sanften Augen an zu singen. Er sang Kirchenlieder, Choräle: »Es kostet viel, ein Christ zu sein« und »Zeuch ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast« – durch alle dreizehn Strophen.

Er sang sie in einem ganz hohen Falsett, es klang klar und fromm, und sogar Otto Quangel fühlte sich in seine Kindertage zurückversetzt, als solche Lieder ihm noch etwas bedeutet hatten, da er schlicht gläubig gewesen war. Damals war das Leben noch einfach gewesen, er hatte nicht nur an Gott geglaubt, sondern auch an die Menschen. Er hatte geglaubt, dass Sprüche wie »Liebe deine Feinde« und »Gesegnet seien die Friedfertigen«, dass solche Sprüche auf der Erde Gültigkeit besaßen. Es war sehr anders seitdem geworden und bestimmt nicht besser. An Gott konnte niemand mehr glauben; es war unmöglich, dass ein gütiger Gott solche Schande, wie sie heute auf der Welt war, zuließ, und was die Menschen anging, diese Schweine …

Der bucklige Ulrich Heffke sang ganz hoch und rein: »Du bist ein Mensch, das weißt du wohl, was strebst du denn nach Dingen …«

Aber zum Abendessen zu bleiben, lehnten Quangels schlichtweg ab. Ja, es sei sehr schön gewesen, aber nun müssten sie unbedingt nach Haus. Otto habe noch etwas zu erledigen. Und es gehe ja schon nicht wegen der Lebensmittelkarten, sie wüssten doch auch, wie das wäre. Allen Versicherungen der Heffkes zum Trotz, einmal gehe das schon, man feiere ja nicht jeden Sonntag Geburtstag und es sei wirklich alles vorbereitet, sie sollten nur selbst in die Küche sehen – all diesen Versicherungen zum Trotz blieben die Quangels dabei, sie müssten gehen.

Und sie gingen auch wirklich, obwohl die Heffkes entschieden gekränkt waren.

Auf der Straße sagte Anna: »Hast du gesehen, der Ulrich ist eingeschnappt und seine Frau auch …«

»Lass sie ruhig eingeschnappt sein! Dies war ja sowieso unser letzter Besuch!«

»Aber es war diesmal sehr nett, das findest du doch auch, Otto?«

»Sicher. Bestimmt. Der Schnaps hat viel dazu getan …«

»Und Ulrich hat so schön gesungen – fandest du es nicht auch schön?«

»Ja, sehr schön. Ein komischer Peter. Ich bin sicher, er betet jeden Abend im Bett noch zum lieben Gott.«

»Lass ihn doch, Otto! Solche Frommen haben es heutzutage leichter. Sie haben doch einen, an den sie sich mit ihren Sorgen wenden können. Und sie glauben, dass all dieses Morden einen Sinn hat.«

»Danke!«, sagte Quangel plötzlich böse. »Sinn! Das ist doch alles Unsinn! Weil die an den Himmel glauben, wollen sie auf der Erde nichts ändern. Immer nur kriechen und sich drücken! Im Himmel wird ja alles wieder gut. Gott weiß ja, warum es geschieht. Am Jüngsten Tag werden wir das alles schon erfahren! Nein, danke.«

Quangel hatte hastig und sehr böse gesprochen. Der ungewohnte Alkohol tat seine Wirkung in ihm. Plötzlich blieb Quangel stehen. »Das ist das Haus!«, sagte er plötzlich. »Da will ich rein! Gib mir eine Karte, Anna!«

»O nein, Otto. Tu das nicht! Wir hatten doch abgemacht, heute wollten wir nichts mehr tun. Es ist doch ein schlechter Tag heute!«

»Nicht mehr, jetzt nicht mehr. Gib die Karte, Anna!«

Sie gab sie ihm zögernd. »Wenn es nur nicht schiefgeht, Otto. Ich habe solche Angst …«

Aber er achtete nicht auf ihre Worte, er war schon gegangen.

Sie wartete. Aber diesmal brauchte sie sich nicht lange zu ängstigen, Otto kam schnell wieder.

»So«, sagte er und hakte sie unter. »Das wäre erledigt. Siehst du, wie einfach das ging? Man soll auf diese Vorahnungen nichts geben.«

»Gottlob!«, sagte Anna.

Aber sie hatten kaum die paar Schritte zum Nollendorfplatz hin gemacht, da stürzte ein Herr auf sie zu. In der Hand hielt er die Quangel’sche Karte.

»Sie! Sie!«, schrie er wahnsinnig aufgeregt. »Sie haben da eben diese Karte bei mir auf den Flur gelegt! Ich hab Sie genau gesehn! Genau gesehn! Polizei! Hallo! Schutzmann!«

Und er schrie immer lauter. Die Menschen liefen um sie zusammen, ein Schupo kam eilig über den Damm.

Es war kein Zweifel: Das Spiel stand plötzlich gegen die Quangels. Nachdem der Werkmeister über zwei Jahre lang erfolgreich gearbeitet hatte, war plötzlich das Glück gegen ihn. Ein Misserfolg nach dem anderen. Hierin behielt der ehemalige Kommissar Escherich recht: man kann nicht immer mit Glück spielen, man muss auch das Unglück einkalkulieren. Das hatte Otto Quangel vergessen. Er hatte nie an all die kleinen, widrigen Zufälle gedacht, die das Leben stets bereithält, die man nicht voraussehen kann und mit denen man doch rechnen muss.

In diesem Fall war der Zufall in der Gestalt eines kleinen, rachsüchtigen Beamten aufgetreten, der seinen freien Sonntag dazu benutzt hatte, die Mieterin über ihm zu bespitzeln. Er hatte einen Zorn auf sie, weil sie morgens lange schlief, stets in Männerhosen herumlief und abends bis lange nach Mitternacht das Radio laufen ließ. Er hatte sie im Verdacht, »Kerle« in ihre Wohnung mitzunehmen. Wenn das stimmte, würde er sie im ganzen Hause unmöglich machen. Er würde zum Wirt gehen und ihm sagen, dass solche Nutte unmöglich weiter in einem anständigen Hause wohnen könne.

Er hatte schon über drei Stunden geduldig hinter dem Guckloch der Tür gelauert, als statt seiner Obermieterin Otto Quangel die Treppe hinaufgekommen war. Er hatte gesehen, mit seinen eigenen Augen hatte er es gesehen, wie Quangel die Karte auf einer Treppenstufe niederlegte – er tat das manchmal, wenn die Treppenfenster keine Fensterbänke hatten.

»Ich habe es gesehen, mit meinen eigenen Augen habe ich es gesehen!«, schrie der Aufgeregte den Wachtmeister an und schwenkte die Karte. »Lesen Sie hier bloß mal, Herr Wachtmeister! Das ist ja Hochverrat! Der Kerl gehört an den Galgen!«

»Schreien Sie doch bloß nicht so!«, sagte der Schupo missbilligend. »Sie sehen doch, der andere Herr ist ganz ruhig. Der läuft schon nicht weg. Nun, war es so, wie der Herr sagt?«

»Blödsinn!«, antwortete Otto Quangel böse. »Er hat mich verwechselt. Ich habe eben meinen Schwager zum Geburtstag besucht, in der Goltzstraße. Hier in der Maaßenstraße habe ich kein Haus betreten. Fragen Sie mal meine Frau …«

Er sah sich suchend um. Eben drängte sich Anna wieder durch den dichten Kreis der Neugierigen. Sie hatte sofort an die zweite Karte in ihrer Handtasche gedacht. Sie musste sie auf der Stelle loswerden, das war das Wichtigste. Sie hatte sich durch die Leute geschoben, hatte einen Briefkasten gesehen und ganz unauffällig – alle sahen nur auf den schreienden Ankläger – die Karte in den Kasten gesteckt.

Nun stand sie wieder bei ihrem Mann und lächelte ihm ermutigend zu.

Der Schupo hatte unterdes die Karte gelesen. Sehr ernst geworden, schob er sie unter den Ärmelaufschlag. Er wusste von diesen Karten; jedes Revier war nicht einmal, es war zehnmal auf sie aufmerksam gemacht worden. Die Verfolgung auch der kleinsten Spur war Pflicht.

»Sie kommen alle beide zur Wache mit!«, entschied er.

»Und ich?«, rief Anna Quangel empört und schob ihren Arm in den ihres Mannes. »Ich gehe auch mit! Ich lasse meinen Mann nicht alleine gehen!«

»Haste recht, Mutta!«, sagte eine tiefe Stimme aus dem Zuschauerkreis. »Bei die Brüder weeß man nie – pass man uff uff den Juten!«

»Ruhe!«, schrie der Wachtmeister. »Ruhe! Zurücktreten! Auseinandergehen! Hier gibt’s gar nichts zu sehen!«

Aber das Publikum war anderer Ansicht, und der Schupo, der einsah, dass er unmöglich auf drei Menschen aufpassen und eine Menge von annähernd fünfzig Passanten zerstreuen konnte, gab es auf, die Leute zum Auseinandergehen aufzufordern.

»Irren Sie sich wirklich nicht?«, fragte er den aufgeregten Angeber. »War denn auch die Frau dabei auf der Treppe?«

»Nein, die war nicht dabei. Aber ich irre mich bestimmt nicht, Herr Wachtmeister!« Er fing wieder an zu schreien. »Mit meinen eigenen Augen habe ich ihn gesehen, schon drei Stunden hatte ich am Guckloch in meiner Tür gesessen …«

Eine schrille Stimme rief missbilligend: »So ein verdammter Achtgroschenjunge!«

»Also kommen Sie alle drei mit!«, entschied der Wachtmeister. »Gehen Sie doch auseinander! Sie sehen doch, die Herrschaften wollen durchgehen! So ’ne blöde Neugierde! Ja, bitte, da lang, mein Herr!«

Auf dem Revier mussten sie fünf Minuten warten, ehe sie in das Zimmer des Vorstehers gerufen wurden, eines großen Mannes mit einem gebräunten, offenen Gesicht. Die Karte Quangels lag auf seinem Schreibtisch.

Der Ankläger wiederholte seine Beschuldigungen.

Otto Quangel widersprach. Er hatte nur seinen Schwager in der Goltzstraße besucht, nie hatte er ein Haus in der Maaßenstraße betreten. Er sprach ohne jede Erregung, dieser alte Werkmeister, als der er sich auch auswies, er war ein auch dem Vorsteher wohltuender Gegensatz zu dem schreienden, stets aufgeregten, spuckenden Ankläger.

»Sagen Sie mal«, sagte der Vorsteher langsam zu dem, »wieso haben Sie eigentlich drei Stunden hinter dem Guckloch gestanden? Sie konnten doch gar nicht wissen, dass jemand mit solcher Karte kam. Oder?«

»Ach, da wohnt doch solche Nutte in unserm Haus, Herr Vorsteher! Läuft immer in Hosen rum, lässt die ganze Nacht das Radio laufen – da wollte ich aufpassen, was die für Kerle in die Wohnung schleppt. Und da kam dieser Mann …«

»Bin nie in dem Haus gewesen«, wiederholte Quangel hartnäckig.

»Wie soll denn mein Mann dazu kommen, solche Sachen zu machen? Glauben Sie, ich würde das zugeben?«, rief Anna dazwischen. »Wo wir über fünfundzwanzig Jahre verheiratet sind, und nie hat was gegen meinen Mann vorgelegen!«

Der Vorsteher warf einen flüchtigen Blick auf das starre Vogelgesicht. Zuzutrauen ist dem schon allerhand!, schoss es ihm flüchtig durch den Kopf. Aber dass er solche Karten schreibt?

Er wandte sich dem Ankläger zu: »Wie heißen Sie? Millek? Sie sind doch irgendwas bei der Post, stimmt’s?«

»Oberpostsekretär, Herr Vorsteher. Es stimmt.«

»Und Sie sind doch der Millek, von dem wir in der Woche durchschnittlich zwei Anzeigen bekommen, dass die Kaufleute schlecht wiegen, dass am Donnerstag Teppiche geklopft worden sind, dass jemand sein Geschäft vor Ihrer Tür gemacht hat und so weiter und so weiter. Das sind Sie doch?«

»Die Menschen sind ja so schlecht, Herr Vorsteher! Alles tun sie mir zum Tort! Glauben Sie mir, Herr Vorsteher …«

»Und heute Nachmittag haben Sie also auf eine Frau aufgepasst, die Sie als Nutte bezeichnen, und jetzt zeigen Sie diesen Herrn an …«

Herr Oberpostsekretär versicherte, dass er nur seine Pflicht tue. Er habe diesen Mann die Postkarte ablegen sehen, und da ihn ein Blick auf das Geschriebene belehrte, dass hier Hochverrat vorliege, sei er dem Manne sofort nachgeeilt.

»Soso!«, sagte der Vorsteher. »Einen Augenblick mal …«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und tat, als lese er die Karte noch einmal, die er doch schon dreimal gelesen hatte. Er dachte nach. Er war der Überzeugung, dass dieser Quangel ein alter Arbeiter war, dessen Angaben stimmten, der Millek dagegen ein Querulant, dessen Denunziationen sich noch nie bewahrheitet hatten. Am liebsten hätte er die drei nach Haus geschickt.

Aber immerhin war da diese Karte gefunden worden, darum war nicht herumzukommen, und es lag nun einmal der strenge Befehl vor, auch der kleinsten Spur nachzugehen. Der Vorsteher wollte sich keine Läuse in den Pelz setzen. Sehr gut war er oben sowieso nicht angeschrieben. Er war der Gefühlsduselei verdächtig, im Geheimen sollte er mit Asozialen und Juden sympathisieren. Er musste sehr vorsichtig sein. Und im Grunde, was geschah dieser Frau und diesem Manne Übles, wenn er sie der Gestapo übergab? Waren sie unschuldig, würde man sie nach ein paar Stunden wieder laufenlassen; der falsche Angeber aber würde eins aufs Dach bekommen wegen der unnützen Arbeit, die er verursacht hatte.

Er wollte schon den Kommissar Escherich anrufen, da fiel ihm etwas ein. Er klingelte und sagte zu dem eintretenden Schupo: »Nehmen Sie die beiden Herren mal nach vorne und filzen Sie sie gründlich durch. Passen Sie aber auf, dass die Sachen nicht durcheinanderkommen. Und dann schicken Sie mir einen Mann rein, ich werde mal hier die Frau durchsuchen!«

Aber auch das Ergebnis dieser Durchsuchungen war fruchtlos, es wurde nichts Quangel Belastendes gefunden. Anna Quangel dachte mit einem erleichterten Aufatmen an die Karte im Postkasten. Otto Quangel, der von dieser eiligen, geistesgegenwärtigen Aktion seiner Frau noch nichts wusste, dachte: Die Anna ist aber tüchtig. Wo sie bloß mit der Karte geblieben ist? Ich war doch immer an ihrer Seite! Auch Quangels Papiere bestätigten seine sämtlichen Angaben.

Dagegen hatte man in der Tasche des Millek eine fertige, an das Revier gerichtete Anzeige gefunden gegen eine gewisse Frau von Tressow, Maaßenstraße 17 wohnhaft, die ihren bissigen Hund trotz Leinenzwangs frei herumlaufen lasse. Schon zwei Mal habe der Hund den Oberpostsekretär bösartig angeknurrt. Er fürchte für seine Hosen, die jetzt im Kriege unersetzbar seien.

»Sie haben Sorgen, Mann!«, sagte der Vorsteher. »Jetzt, im dritten Kriegsjahr! Denken Sie, wir haben nichts anderes zu tun? Warum gehen Sie nicht einmal selbst an die Dame heran und bitten sie höflich, den Hund an die Leine zu nehmen?«

»So was tu ich nicht, Herr Vorsteher! Eine Dame in der Nacht auf der Straße ansprechen – nein! Nachher werde ich von ihr wegen Unsittlichkeit angezeigt!«

»Also, Wachtmeister, bringen Sie die drei erst mal nach vorne. Ich möchte jetzt telefonieren.«

»Bin ich etwa auch verhaftet?«, rief der Oberpostsekretär Millek zornig. »Ich habe Ihnen eine wichtige Anzeige gemacht, und Sie verhaften mich! Ich werde eine Anzeige machen!«

»Hat denn ein Mensch ein Wort von Verhaften gesagt? Wachtmeister, nehmen Sie die drei mit nach vorne!«

»Sie haben mir die Taschen wie bei einem Verbrecher ausleeren lassen!«, schrie der Oberpostsekretär wieder. Da schlug die Tür hinter ihm zu.

Der Vorsteher nahm das Telefon, wählte und meldete sich. »Ich möchte den Kommissar Escherich sprechen«, sagte er. »Wegen der Postkartengeschichte.«

»Kommissar Escherich ist aus, ex, perdu!«, rief eine freche Stimme in sein Ohr. »Kriminalrat Zott bearbeitet jetzt diesen Fall!«

»Dann geben Sie mir Herrn Kriminalrat Zott – falls er heute am Sonntagnachmittag erreichbar ist.«

»Ach, der doch immer! Ich gebe Ihnen den Kriminalrat!«

»Hier Zott!«

»Hier Reviervorsteher Kraus. Herr Kriminalrat, bei uns ist eben ein Mann eingeliefert worden, der mit dieser Postkartenaffäre zu tun haben soll – Sie sind im Bilde?«

»Weiß schon! Der Fall Klabautermann. Was ist der Mann von Beruf?«

»Tischler. Werkmeister in einer Möbelfabrik!«

»Dann haben Sie den Falschen erwischt! Der Richtige ist bei der Straßenbahn! Lassen Sie den Mann laufen, Vorsteher! Schluss!«

So kamen Quangels wieder auf freien Fuß, sehr zu ihrer eigenen Überraschung, denn mit ein paar gründlichen Verhören und einer Haussuchung hatten sie doch gerechnet.

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