Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 28
40. Der Herr Kriminalrat Zott
Der Herr Kriminalrat Zott, mit Spitzbart und Spitzbauch, ein Männchen wie aus einer Geschichte des Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, ein Geschöpf, wie zusammengebaut aus Papier, Aktenstaub, Tinte und viel Scharfsinn, war in früheren Zeiten eine recht lächerliche Figur unter den Kriminalisten Berlins gewesen. Er verschmähte die üblichen Methoden, er machte fast nie eine Vernehmung, und der Anblick eines Ermordeten machte ihn krank.
Am liebsten saß er über den Akten der anderen, verglich, schlug nach, machte seitenlange Exzerpte – und sein Steckenpferd war es, sich über alles Tabellen anzulegen, endlose, minutiös durchdachte Tabellen, aus denen er seine scharfsinnigen Schlüsse zog. Da Kriminalrat Zott mit seiner Methode, nur seinen Kopf arbeiten zu lassen, einige überraschende Erfolge erzielt hatte in Fällen, die ganz ohne Hoffnung schienen, hatte man sich daran gewöhnt, ihm alle aussichtslosen Sachen zuzuschanzen – wenn Zott nichts herausholte, fand keiner was.
An sich war also der Vorschlag Kommissar Escherichs, den Fall Klabautermann an den Kriminalrat Zott abzugeben, gar nicht so ungewöhnlich gewesen. Nur hätte Escherich diesen Vorschlag eben von seinen Vorgesetzten ausgehen lassen müssen, von ihm gemacht, war er einfach eine Frechheit, nein, Feigheit vor dem Feinde, Fahnenflucht …
Kriminalrat Zott hatte sich drei Tage lang mit den Akten Klabautermann eingeschlossen und dann erst den Obergruppenführer um eine Unterredung gebeten. Der Obergruppenführer, begierig, diesen Fall endlich erledigt zu sehen, war gleich zu Zott gekommen.
»Nun, Herr Kriminalrat, was haben Sie oller Sherlock Holmes denn nun wieder ausgeschnüffelt? Ich bin überzeugt, Sie haben den Mann schon beim Wickel. Dieser Esel von Escherich …«
Und nun folgte eine lange Schimpfkanonade auf den Escherich, der alles verbockt hatte. Der Kriminalrat Zott hörte sie, ohne eine Miene zu verziehen, an, nicht einmal durch Nicken oder Kopfschütteln tat er seine eigene Meinung kund.
Als das Feuer endlich verraucht war, sagte Zott: »Herr Obergruppenführer, da haben wir also diesen Kartenschreiber, einen einfachen, ziemlich ungebildeten Mann, der in seinem Leben nicht viel geschrieben hat und dem es auch ziemlich schwerfällt, sich schriftlich auszudrücken. Er muss Junggeselle oder Witwer sein und ganz allein in seiner Wohnung leben, sonst hätte ihn in diesen zwei Jahren schon längst einmal seine Frau oder Wirtin beim Schreiben ertappt, und es wäre etwas laut geworden. Dass nie etwas über seine Person laut geworden ist, trotzdem, wie anzunehmen, in der Gegend nördlich vom Alexanderplatz viel über diese Karten geschwatzt wird, das beweist, dass ihn nie jemand beim Schreiben gesehen hat. Er muss absolut allein leben. Er muss ein älterer Mann sein – einem jüngeren wäre dieses Schreiben ohne sichtbare Wirkung längst über geworden, und er hätte längst was anderes angefangen. Auch besitzt er keinen Radioapparat …«
»Schön, schön, Herr Kriminalrat!«, unterbrach ihn der Obergruppenführer Prall ungeduldig. »Das alles hat mir genau mit den gleichen Worten schon längst dieser Idiot, der Escherich, erzählt. Was ich brauche, sind neue Auswertungen, Ergebnisse, die mir die Inhaftnahme dieses Burschen ermöglichen. Ich sehe, Sie haben da eine Tabelle. Was ist mit dieser Tabelle?«
»Ich habe da eine Tabelle«, antwortete der Kriminalrat und ließ sich nicht anmerken, wie schwer Prall ihn eben gekränkt hatte, als er alle scharfsinnigen Deduktionen Zotts als schon von Escherich vorgetragen bezeichnet hatte, »ich habe da alle Fundzeiten der Karten aufgezeichnet. Es handelt sich bis heute um zweihundertdreiunddreißig Karten und acht Briefe. Wenn wir uns diese Fundzeiten genauer ansehen, so kommen wir zu folgenden Ergebnissen: Nach acht Uhr abends und vor neun Uhr morgens ist nie eine Karte abgelegt …«
»Aber das ist doch klar wie Kloßbrühe!«, rief der Obergruppenführer ungeduldig. »Weil da die Häuser abgeschlossen sind! Dazu brauche ich wahrhaftig keine Tabellen, um das zu wissen!«
»Einen Augenblick, bitte!«, sagte Zott, und seine Stimme klang jetzt recht ärgerlich. »Ich war mit meinen Feststellungen noch nicht fertig. Im Übrigen werden die Häuser nicht erst morgens um neun Uhr, sondern schon um sieben, oft bereits um sechs Uhr aufgeschlossen. Ich fahre fort: Weiter sind achtzig Prozent der Karten in der Zeit zwischen neun Uhr morgens und zwölf Uhr mittags abgelegt worden. Nie ist eine Karte zwischen zwölf und vierzehn Uhr abgelegt. Dann zwanzig Prozent wieder zwischen vierzehn und zwanzig Uhr. Daraus folgt, dass der Kartenschreiber, der bestimmt mit dem Verteiler identisch ist, regelmäßig von zwölf bis vierzehn Uhr Mittag isst, dass er nachts arbeitet, jedenfalls nie am Vormittag, selten am Nachmittag. Nehme ich eine Fundstelle, sagen wir am Alex, stelle ich fest, dass die Karte um elf Uhr fünfzehn abgelegt worden ist, nehme ich nun die Entfernung, die ein Mann in fünfundvierzig Minuten gehen kann, nämlich bis zwölf Uhr, und schlage ich mit dem Zirkel einen Kreis um die Fundstelle, so treffe ich stets nördlich auf diesen Fleck, der frei von Fähnchen ist. Das trifft mit einigen Einschränkungen, die man darum machen muss, weil nicht jede Fundzeit mit der Ablegezeit identisch ist, auf alle Fundstellen zu. Daraus schließe ich erstens: der Mann ist sehr pünktlich. Zweitens: er liebt es nicht, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Er wohnt in jenem Dreieck, dessen Seiten von der Greifswalder, Danziger und Prenzlauer Straße begrenzt werden, und zwar in dem nördlichen Ende dieses Dreiecks, vermutlich in der Chodowiecki-, der Jablonski- oder der Christburger Straße.«
»Ganz ausgezeichnet, Herr Kriminalrat!«, sagte der Obergruppenführer immer enttäuschter. »Übrigens erinnere ich mich, dass schon Escherich diese Straßen genannt hat. Er meinte nur, eine Haussuchung sei nutzlos. Wie denken Sie über eine Haussuchung?«
»Einen Augenblick, bitte«, sagte Zott und hob die kleine Hand, die von all dem Aktenpapier, auf dem sie gelegen, etwas Vergilbtes angenommen zu haben schien. Jetzt war er wirklich tief verletzt. »Ich möchte Ihnen meine Ergebnisse genau vortragen, damit Sie es selbst übersehen können, ob die von mir vorzuschlagenden Maßnahmen auch zweckmäßig sind …«
Will sich sichern, der kleine Schlaufuchs!, dachte Prall bei sich. Na warte, bei mir gibt’s keine Sicherungen, und wenn ich mit dir Schlitten fahren will, tu ich’s doch!
»Sehen wir diese Tabelle weiter an«, dozierte der Kriminalrat fort, »so finden wir, dass alle Karten an Wochentagen abgelegt sind. Daraus müssen wir schließen, dass der Mann an Sonntagen seine Wohnung nicht verlässt. Der Sonntag ist sein Schreibetag, was auch dadurch erhärtet wird, dass die meisten Karten am Montag oder Dienstag gefunden werden. Der Mann hat es immer eilig, dieses belastende Material aus dem Haus zu bekommen.«
Der kleine Spitzbauch hob den Finger. »Eine Ausnahme bilden allein die neun Karten, die südlich des Nollendorfplatzes gefunden worden sind. Sie sind alle an Sonntagen abgelegt worden, meist mit fast vierteljährlichem Abstand und stets am späten Nachmittag oder frühen Abend. Woraus zu schließen ist, dass der Schreiber dort einen Verwandten, vielleicht eine alte Mutter, zu wohnen hat, der er in regelmäßigen Abständen einen Pflichtbesuch macht.«
Der Kriminalrat Zott machte eine Pause und sah den Obergruppenführer durch seine goldgeränderte Brille an, als erwarte er ein Wort der Anerkennung.
Aber der sagte nur: »Alles ganz schön und gut. Sicher sehr scharfsinnig. Stimmt sicher alles. Aber ich sehe nicht, wie uns das weiterführt …«
»Ein wenig doch, Herr Obergruppenführer!«, widersprach der Kriminalrat. »Ich werde natürlich in den Häusern der genannten Straßen vertraulich und sehr behutsam nachforschen lassen, ob dort ein Mann wohnt, auf den meine Folgerungen zutreffen.«
»Das wäre doch was!«, rief der Obergruppenführer erleichtert. »Sonst noch was?«
»Ich habe nun«, sagte der Kriminalrat in stillem Triumph und zog eine zweite Karte hervor, »ich habe nun noch eine zweite Tabelle angefertigt, auf der ich mit Kreisen, die einen Durchmesser von einem Kilometer haben, die Hauptfundstellen rot eingekreist habe. Dabei sind die beiden Fundstellen Nollendorfplatz und mutmaßliche Wohnung außer Ansatz geblieben. Sehe ich mir diese elf Hauptfundstellen – es sind elf, Herr Obergruppenführer – genauer an, so mache ich die überraschende Entdeckung, dass sie alle, ausnahmslos alle, an oder in der Nähe von Straßenbahnhöfen liegen. Sehen Sie selbst, Herr Obergruppenführer! Hier! Und hier! Und dort! Da liegt der Bahnhof hier – etwas rechts, fast außerhalb des Kreises, aber immerhin auf seinem Radius. Und nun wieder hier – schön in der Mitte …«
Zott sah den Obergruppenführer fast flehend an. »Das kann kein Zufall sein!«, sagte er. »Solche Zufälle gibt’s in der Kriminalistik nicht! Herr Obergruppenführer, der Mann muss irgendwas mit der elektrischen Straßenbahn zu tun haben. Es ist gar nicht anders möglich. Er muss dort nachts arbeiten, gelegentlich auch mal nachmittags. Er wird aber keine Uniform tragen, das wissen wir aus den Berichten der beiden Zeuginnen, die ihn beim Ablegen gesehen haben. Herr Obergruppenführer, ich erbitte Ihre Erlaubnis, auf jedem dieser Bahnhöfe einen sehr guten Mann einsetzen zu dürfen. Ich verspreche mir von dieser Aktion eigentlich noch mehr als von der Nachfrage in den Häusern. Aber beide zusammen und gründlich durchgeführt, dann werden wir bestimmt einen Erfolg erzielen!«
»Sie schlauer Fuchs, Sie!«, rief jetzt der Obergruppenführer, auch ganz aufgeräumt, und schlug den Kriminalrat auf die Schulter, dass das Männchen in die Knie sackte. »Sie alter schlauer Verbrecher! Das mit den Straßenbahnhöfen ist großartig. Der Escherich ist ein Hornvieh! Darauf musste er kommen. Natürlich haben Sie meine Erlaubnis! Machen Sie ein bisschen schnell, und in zwei, drei Tagen melden Sie mir, dass der Mann geschnappt ist! Ich will’s dem Kamel, dem Escherich, noch selbst in die Schnauze brüllen können, was für ein Kamel er ist!«
Der Obergruppenführer ging, vergnügt lächelnd, aus dem Zimmer.
Der Kriminalrat Zott, allein gelassen, hüstelte. Er setzte sich hinter seine Tabellen auf dem Schreibtisch, sah schief durch die Brille nach der Tür und hüstelte noch einmal. Er hasste alle diese lauten, hirnlosen Kerle, die nur brüllen konnten. Und diesen da, der eben aus dem Zimmer gegangen war, hasste er noch ganz besonders, diesen blöden Affen, der ihm immer den Escherich vorgehalten hatte. »Das hat der Escherich gesagt«, und »Das weiß ich schon vom Escherich, dem Kamel!«
Und dann hatte er ihn scherzhaft auf die Schulter geschlagen, und dem Kriminalrat war jede körperliche Berührung verhasst. Nein, dieser Kerl – nun, man musste die Zeit abwarten. Ganz so sicher saßen auch diese Herren nicht im Sattel, nur schlecht verbargen sie unter ihrem Gebrüll die Angst, eines Tages gestürzt zu werden. So sicher und zackig sie auch auftraten, im Innern wussten sie recht gut, dass sie nichts konnten und nichts waren. Einem solchen Flachkopf hatte er seine große Entdeckung von den Straßenbahnhöfen mitteilen müssen, einem Mann, der den Scharfsinn gar nicht würdigen konnte, der dazugehörte, so etwas herauszufinden! Perlen vor die Säue – immer das alte Lied!
Dann aber wendet sich der Kriminalrat wieder seinen Akten, seinen Tabellen, den Plänen zu. Er hat einen wohlgeordneten Kopf; er schiebt eine Lade zu und weiß von ihrem Inhalt nichts mehr. Er zieht die Lade Straßenbahnhöfe auf und beginnt, darüber nachzudenken, was der Kartenschreiber wohl für einen Posten bekleiden kann. Er ruft bei der Direktion der Verkehrsbetriebe, Abteilung Personalamt, an und lässt sich eine endlose Liste aller bei der BVG31 Beschäftigten geben. Ab und zu macht er sich Notizen.
Er ist nur erfüllt von dem Gedanken, dass der Täter etwas mit der Straßenbahn zu tun hat. Er ist so stolz auf diese Entdeckung. Er wäre maßlos enttäuscht, wenn sie ihm jetzt den Quangel als Täter hereinbrächten, diesen Werkmeister aus einer Möbelfabrik. Es wäre ihm ganz egal, dass der Täter nun endlich gefasst ist, sondern es würde ihn nur schmerzen, dass seine schöne Theorie falsch ist.
Und darum, als ein oder zwei Tage später die Suchaktion sowohl in den Häusern wie auf den Straßenbahnhöfen in vollem Gange ist, als da der Reviervorsteher dem Kriminalrat mitteilt, sie haben vielleicht den Täter, darum fragt er nur nach dem Beruf. Er hört Tischler, und der Mann ist für ihn erledigt. Straßenbahner muss er sein!
Angehängt und erledigt! So vollkommen erledigt, dass der Kriminalrat sich nicht einmal klarmacht, dass dieses Revier am Nollendorfplatz liegt, dass es Sonntag gegen Abend ist und dass am Nollendorfplatz grade wieder einmal eine Karte fällig ist! Nicht einmal die Nummer des Reviers merkt sich der Kriminalrat. Diese Idioten, machen nichts als Dummheiten – erledigt!
Meine Leute werden mir schon Bescheid bringen, morgen, spätestens übermorgen. Was die Schupo macht, das ist doch meist Mist, das sind eben keine Kriminalisten!
Und so kommen die schon gefassten Quangels wieder frei …
41. Otto Quangel wird unsicher
Die beiden Quangels sind an diesem Sonntagabend ohne ein Wort nach Haus gefahren, ohne ein Wort haben sie zu Abend gegessen. Frau Anna, die, als es darauf ankam, so mutig und entschlossen gewesen war, hatte in der Küche rasch einige heimliche Tränen geweint, von denen Otto nichts wissen durfte. Jetzt, hinterher, da alles ausgestanden war, haben Schrecken und Angst sie erfasst. Beinahe wäre es schiefgegangen, um ein Kleines, und es wäre zu Ende mit ihnen beiden gewesen. Wenn dieser Millek nicht so ein bekannter Querulant gewesen wäre. Wenn sie die Karte nicht hätte loswerden können. Wenn der Vorsteher im Revier ein anderer Mann gewesen wäre – man sah es ihm ja an, dass er diesen Denunzianten nicht ausstehen konnte! Ja, einmal ist es noch wieder gutgegangen, aber nie, nie darf sich Otto wieder in eine solche Gefahr begeben.
Sie kommt in die Stube, wo ihr Mann rastlos auf und ab geht. Sie brennen kein Licht, aber er hat die Verdunklung hochgezogen, es ist Mondschein.
Otto geht auf und ab, immer noch wortlos.
»Otto!«
»Ja?«
Er bleibt mit einem Ruck stehen und sieht zu der Frau hinüber, die sich in die Sofaecke gesetzt hat, kaum sichtbar in dem fahlen, schwachen Mondlicht, das in die Stube sickert.
»Otto, ich glaube, jetzt machen wir am besten erst einmal eine Pause. Im Augenblick haben wir kein Glück.«
»Geht nicht«, antwortet er. »Geht nicht, Anna. Das würde auffallen, wenn plötzlich keine Karten mehr kommen. Jetzt grade, wo sie uns beinahe erwischt haben, würde es besonders auffallen. So dumm sind die auch nicht – die würden merken, dass da ein Zusammenhang besteht zwischen uns und den Karten, die plötzlich nicht mehr kommen. Wir müssen schon weitermachen, ob wir wollen oder nicht.«
Er setzte hart hinzu: »Und ich will!«
Sie seufzte schwer. Sie hatte nicht den Mut, ihm laut beizustimmen, obwohl sie einsah, er hatte recht. Dies war kein Weg, auf dem man einhalten konnte, wenn man wollte. Es gab kein Zurück, keine Ruhe. Man musste immer weiter.
Nach einer Weile Nachdenkens sagte sie: »Dann lass mich von jetzt an die Karten fortbringen, Otto. Du hast jetzt kein Glück damit.«
Grollend sagte er: »Ich kann nichts dafür, wenn solch ein Angeber drei Stunden hinter dem Guckloch sitzt. Ich habe mich überall genau umgesehen, ich war vorsichtig!«
»Ich habe nicht gesagt, Otto, dass du unvorsichtig warst. Ich hab gesagt, du hast jetzt kein Glück. Dafür kannst du nichts.«
Wieder lenkt er ab. »Wo bist du eigentlich mit der zweiten Karte geblieben? Am Leibe versteckt?«
»Das ging nicht, weil doch immer Leute dabei waren. Nein, Otto, ich habe sie in einen Briefkasten am Nollendorfplatz gesteckt, gleich in der ersten Aufregung.«
»Briefkasten? Sehr gut. Hast du gut gemacht, Anna. Wir werden in den nächsten Wochen überall, wo wir grade sind, Karten in die Briefkästen stecken, damit diese eine nicht so auffällt. Briefkästen sind gar nicht so schlecht, auch bei der Post werden nicht nur Nazis sein. Und das Risiko ist auch geringer.«
»Bitte, Otto, lass mich die Karten von nun an verteilen«, bat sie noch einmal.
»Du musst nicht glauben, Mutter, dass ich einen Fehler gemacht habe, den du hättest vermeiden können. Das sind die Zufälle, vor denen ich mich immer gefürchtet habe, gegen die es keine Vorsicht gibt, weil man sie nicht voraussehen kann. Was kann ich gegen einen Spion tun, der drei Stunden hinter einem Guckloch sitzt? Und du kannst plötzlich krank werden, du fällst nur hin und brichst dir ein Bein – gleich suchen sie deine Taschen nach und finden solch eine Karte! Nein, Anna, gegen die Zufälle gibt es keinen Schutz!«
»Es würde mich so sehr beruhigen, wenn du mir die Verteilung überlassen würdest!«, fing sie wieder an.
»Ich sage nicht nein, Anna. Ich will dir die Wahrheit gestehen, plötzlich fühle ich mich unsicher. Es ist mir, als könnte ich stets nur auf einen Fleck starren, auf dem der Gegner nicht sitzt. Und als säßen Feinde überall in meiner Nähe, und ich kann sie nicht sehen.«
»Du bist nervös geworden, Otto. Das geht schon zu lange. Wenn man nur ein paar Wochen damit aufhören könnte! Aber du hast recht, das geht nicht. Aber von jetzt an werde ich die Karten wegbringen.«
»Ich sage nicht nein. Tu’s! Ich habe keine Angst, aber du hast recht, ich bin jetzt nervös. Das machen diese Zufälle, mit denen ich nie gerechnet habe. Ich habe geglaubt, es genügt, wenn man seine Sache nur ordentlich macht. Aber es ist nichts damit, man muss auch Glück haben, Anna. Wir haben lange Glück gehabt, jetzt scheint es ein bisschen anders zu kommen …«
»Es ist ja noch einmal gutgegangen«, sagte sie beruhigend. »Es ist nichts geschehen.«
»Aber sie haben unsere Adresse, jederzeit können sie auf uns zurückgreifen! Diese verdammte Verwandtschaft, ich habe immer gesagt, sie taugt nichts.«
»Sei jetzt nicht ungerecht, Otto. Was kann Ulrich Heffke dafür?«
»Natürlich kann er nichts dafür! Wer hat was anderes gesagt? Aber wenn er nicht wäre, hätten wir dort keinen Besuch gemacht. Es taugt nichts, sich an Menschen zu hängen, Anna. Das macht alles nur schwerer. Nun sind wir in Verdacht.«
»Wenn wir wirklich in Verdacht wären, hätten sie uns nicht laufengelassen, Otto!«
»Die Tinte!«, sagte er, plötzlich stehenbleibend. »Wir haben die Tinte noch im Haus! Die Tinte, mit der ich die Karte geschrieben habe, und die gleiche Tinte ist hier im Fläschchen!«
Er lief, goss die Tinte in den Ausguss. Hinterher zog er sich an.
»Wohin willst du, Otto?«
»Die Flasche muss aus dem Haus! Wir besorgen morgen eine andere Sorte. Verbrenn unterdes den Federhalter, vor allem auch alte Karten und altes Briefpapier, das wir noch hier haben. Alles muss verbrannt werden! Sieh jedes Schubfach nach. Es darf nichts mehr von all dem Zeug im Haus sein!«
»Aber, Otto, wir sind doch nicht in Verdacht! Das alles hat doch Zeit!«
»Nichts hat Zeit! Tu, was ich dir sage! Alles durchsehen, alles verbrennen!«
Er ging.
Als er wiederkam, war er ruhiger. »Ich habe das Fläschchen in den Friedrichshain geworfen. Hast du alles verbrannt?«
»Ja!«
»Wirklich alles? Alles durchgesehen und verbrannt?«
»Wenn ich es dir doch sage, Otto!«
»Natürlich, ist ja gut, Anna! Aber komisch, wieder ist mir so, als könnte ich den Feind nicht sehen, wo er wirklich sitzt. Als hätte ich was vergessen!«
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sah sie nachdenklich an.
»Beruhige dich, Otto, du hast bestimmt nichts vergessen, nichts. In dieser Wohnung ist nichts mehr.«
»An meinen Fingern habe ich keine Tinte? Verstehst du, ich darf nicht den geringsten Tintenfleck an mir haben, jetzt, wo keine Tinte mehr im Hause ist.«
Sie sahen nach, und wirklich fanden sie noch einen Tintenfleck an seinem rechten Zeigefinger. Sie rieb ihn mit der Hand fort.
»Siehst du, ich sage es ja, man findet immer noch was! Das sind die Feinde, die ich nicht sehen kann. Nun, vielleicht war es dieser Tintenfleck, auf den ich nicht geachtet habe und der mich immer noch quälte!«
»Er ist fort, Otto, nun ist nichts mehr, das dich unruhig machen muss!«
»Gott sei Dank! Versteh, Anna, ich habe keine Angst, aber ich möchte doch nicht, dass wir zu früh entdeckt werden. So lange wie möglich möchte ich noch meine Arbeit tun. Wenn es geht, will ich noch erleben, wie dies alles zusammenbricht. Ja, das möchte ich noch erleben. Ein wenig haben doch auch wir dazu geholfen!«
Und diesmal ist es Anna, die ihm Trost zuspricht: »Ja, du wirst es erleben, wir werden es beide noch erleben. Was ist denn geschehen? Gewiss, wir waren in großer Gefahr, aber … du sagst, das Glück hat sich gegen uns gewendet? Das Glück ist uns treu geblieben, die Gefahr ist vorüber. Wir sind hier.«
»Ja«, sagte Otto Quangel. »Wir sind hier, wir sind frei. Noch sind wir es. Und ich hoffe, wir sind es noch lange, lange …«