Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 31

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45. Kriminalrat Zott gestürzt

Der Brief des Reviervorstehers war zwar ganz richtig an Herrn Kriminalrat Zott bei der Geheimen Staatspolizei, Berlin, adressiert gewesen. Aber das hatte noch nicht zur Folge, dass dieser Brief auch direkt bei dem Kriminalrat Zott eintraf. Sondern dessen Vorgesetzter, der SS-Obergruppenführer Prall, hatte ihn in den Händen, als er beim Kriminalrat eintrat.

»Was ist das für eine Sache, Herr Kriminalrat?«, fragte Prall. »Hier ist wieder so ’ne Karte vom Klabautermann und daran angeheftet ein Zettel: Häftlinge laut telefonischer Weisung der Gestapo, Kriminalrat Zott, wieder entlassen. Was sind das für Häftlinge? Warum ist mir davon nichts gemeldet?«

Der Kriminalrat sah schräg durch die Brille zu seinem Vorgesetzten hin: »Ach so! Ja, jetzt erinnere ich mich. Das war vorgestern oder noch einen Tag früher. Jetzt weiß ich es wieder genau: am Sonntag war es. Abends. Zwischen sechs und sieben, achtzehn und neunzehn Uhr wollte ich sagen, Herr Obergruppenführer.«

Und er sah, stolz auf sein ausgezeichnetes Gedächtnis, den Obergruppenführer an.

»Und was war da am Sonntag zwischen achtzehn und neunzehn Uhr? Wieso gab es da Häftlinge? Und warum wurden sie wieder entlassen? Und weshalb ist mir davon nichts gemeldet? Es ist zwar sehr beruhigend, dass Sie es jetzt wieder wissen, Zott, aber ich möcht’s auch gerne wissen.«

Dieses ohne alle Titelei hervorgestoßene »Zott« klang wie ein erster Kanonenschuss.

»Aber eine ganz belanglose Geschichte!« Der Kriminalrat machte beruhigende Bewegungen mit seinem aktengelben Händchen. »Ein Unsinn auf dem Revier. Die hatten da als Kartenschreiber oder Kartenverteiler ein paar Leutchen festgenommen, ein Ehepaar, natürlich blanker Unsinn mal wieder von der Schupo. Ehepaar – da wir doch wissen, der Mann muss allein leben! Und dann, jetzt fällt mir auch das noch ein, von Beruf war der Mann Tischler, und wir wissen doch, er muss etwas mit der Straßenbahn zu tun haben!«

»Wollen Sie damit sagen, Herr«, antwortete, nur noch mühsam an sich haltend, der Obergruppenführer (das »Herr« war der zweite und weitaus schärfere Schuss in diesem Kriege), »wollen Sie damit sagen, dass Sie die Enthaftung dieser Leute angeordnet haben, ohne sie überhaupt zu sehen, ohne sie zu vernehmen – bloß weil es zwei waren statt einer und bloß weil der Mann sich für einen Tischler ausgab? Herr!«

»Herr Obergruppenführer«, antwortete der Kriminalrat Zott und stand auf. »Wir Kriminalisten arbeiten nach einem bestimmten Plan und weichen davon nicht ab. Ich suche einen einsam lebenden Mann, der was mit der Straßenbahn zu tun hat, und keinen Ehemann, der Tischler ist. Der interessiert mich nicht. Wegen dem gehe ich keinen Schritt.«

»Als wenn ein Tischler nicht auch für die BVG arbeiten könnte, zum Beispiel Bahnwagen reparieren!«, schrie jetzt Prall. »So eine Hornsdummheit!«

Zuerst wollte Zott beleidigt sein, aber die treffende Bemerkung seines Vorgesetzten machte ihn doch bedenklich. »Freilich«, sagte er betreten, »daran habe ich freilich nicht gedacht.« Er sammelte sich. »Aber ich suche einen einsam lebenden Menschen«, sagte er wieder. »Und dieser Mann hat eine Frau.«

»Haben Sie eine Ahnung, was die Weiber für gemeine Biester sein können!«, knurrte Prall. Aber er hatte noch etwas in Bereitschaft: »Und haben Sie, Herr Kriminalrat Zott« (der dritte und schärfste Schuss), »vielleicht auch daran nicht gedacht, dass diese Karte an einem Sonntagnachmittag abgelegt ist, in der Nähe des Nollendorfplatzes, der gehört nämlich zu dem Revier! Sollte auch dieser kleine, belanglose Umstand Ihrem kriminalistischen Scharfblick entgangen sein?«

Diesmal war der Kriminalrat Zott ehrlich bestürzt, sein Spitzbart zuckte, über seine dunklen, scharfen Augen zog es wie ein Schleier.

»Sie sehen mich in der größten Verlegenheit, Herr Obergruppenführer! Ich bin verzweifelt, wie konnte mir das nur geschehen? Ach ja, ich habe mich verrannt. Ich habe immer nur an diese Bahnhöfe von der Elektrischen gedacht, ich war so stolz auf diese Entdeckung. Zu stolz …«

Der Obergruppenführer sah mit bösen Augen auf dieses Männchen, das in ehrlicher Bekümmernis, aber ohne Kriecherei seine Sünden bekannte.

»Es war ein Fehler von mir, ein schwerwiegender Fehler«, fuhr der Kriminalrat eifrig fort, »diese Ermittlungen überhaupt zu übernehmen. Ich tauge nur für die stille Arbeit am Schreibtisch, nicht für den Fahndungsdienst. Kollege Escherich macht so etwas zehnmal besser als ich. Nun habe ich auch noch das Unglück gehabt«, fuhr er beichtend fort, »dass einer meiner Leute, den ich mit der Ermittlung in einem dieser Häuser beauftragt hatte, verhaftet worden ist, ein gewisser Klebs. Wie mir mitgeteilt wird, soll er an einem Diebstahl beteiligt sein, an der Ausräuberung eines Dipsomanen.32 Übrigens ist er schwer verletzt. Eine sehr hässliche Geschichte. Der Mann wird bei der Verhandlung nicht den Mund halten, er wird sagen, wir haben ihn geschickt …«

Der Obergruppenführer Prall zitterte vor Zorn, aber der traurige Ernst, mit dem Kriminalrat Zott sprach, und seine völlige Unbekümmertheit um das eigene Schicksal hielten ihn noch im Zaum.

»Und wie denken Sie sich die Fortsetzung der Sache, Herr?«, fragte er kalt.

»Ich bitte Sie, Herr Obergruppenführer«, bat Zott mit flehend erhobenen Händen, »ich bitte Sie, entbinden Sie mich! Entbinden Sie mich von diesem Dienst, dem ich in keiner Weise gewachsen bin! Holen Sie den Kommissar Escherich wieder aus seinem Keller, er wird es besser machen als ich …«

»Ich hoffe«, sagte Prall und schien alles eben Gesagte nicht gehört zu haben, »ich hoffe, Sie haben wenigstens die Anschriften der beiden inhaftiert Gewesenen notiert?«

»Ich habe es nicht! Ich habe mit sträflichem Leichtsinn gehandelt, von meiner Lieblingsidee verführt. Aber ich werde mich mit dem Revier verbinden lassen, man wird mir die Adressen geben, wir werden sehen …«

»Also lassen Sie sich verbinden!«

Das Gespräch war nur sehr kurz. Der Kriminalrat sagte zu dem Obergruppenführer: »Auch dort hat man die Adressen nicht notiert.« Und auf eine zornige Bewegung seines Vorgesetzten: »Ich bin schuld, ich ganz allein! Nach dem Telefongespräch mit mir musste man dort die Angelegenheit für endgültig erledigt ansehen. Ich allein bin schuld, dass nicht einmal eine Aktennotiz gemacht wurde!«

»Sodass wir jetzt keinerlei Spur mehr haben?«

»Keinerlei Spur!«

»Und wie denken Sie über Ihr Verhalten?«

»Bitte, Herrn Kommissar Escherich aus dem Keller zu holen und mich an seiner Stelle festzusetzen!«

Obergruppenführer Prall sah den kleinen Mann eine Weile sprachlos an. Dann sagte er, zitternd vor Wut: »Wissen Sie, dass ich Sie in ein KZ schicken werde? Sie wagen, mir einen solchen Vorschlag ins Gesicht hinein zu machen, und Sie zittern und heulen nicht vor Angst? Aus dem Zeug, wie Sie sind, sind auch die Roten, die Bolschewiken, gemacht! Sie bekennen Ihre Schuld, aber Sie scheinen noch stolz darauf!«

»Ich bin nicht stolz auf meine Schuld. Aber ich bin bereit, die Folgen zu tragen. Und ich hoffe, ich werde es ohne Zittern und Heulen tun!«

Obergruppenführer Prall lächelte verächtlich zu diesen Worten. Er hatte unter den Schlägen der SS-Männer schon viel Würde zerfallen gesehen. Aber er hatte auch den Blick in den Augen mancher Gemarterten gesehen, diesen Blick, der in aller Qual von einer kühlen, fast spöttischen Überlegenheit sprach. Und die Erinnerung an diesen Blick machte es, dass er, statt zu schreien und zu schlagen, nur sagte: »Sie halten sich in diesem Zimmer zu meiner Verfügung. Ich muss erst Bericht erstatten.«

Kriminalrat Zott neigte zustimmend den Kopf, und der Obergruppenführer Prall ging.

46. Kommissar Escherich wieder frei

Der Kommissar Escherich ist wieder im Amt. Der Totgeglaubte ist aus den Kellern der Gestapo wieder zum Leben auferstanden. Ein wenig beschädigt und zerknittert, sitzt er doch wieder an seinem Schreibtisch, und seine Kollegen beeilen sich, ihn ihrer Sympathie zu versichern. Sie hätten immer an ihn geglaubt. Sie hätten alles gerne für ihn getan, was in ihrer Macht stand. »Nur, weißt du, wenn erst die höhere Führung jemanden in Verschiss tut, kann unsereiner nichts mehr machen. Da verbrennt man sich nur die Pfoten. Nun, das weißt du ja alles selbst, das verstehst du ja, Escherich.«

Escherich versichert, dass er alles versteht. Er verzieht den Mund zu einem Lächeln, das ein wenig unglücklich aussieht, vermutlich weil Escherich noch nicht gelernt hat, mit einigen Zahnlücken im Munde zu lächeln.

Nur zwei Reden haben auf ihn bei seinem Diensteintritt Eindruck gemacht. Die eine kam vom Kriminalrat Zott.

»Kollege Escherich«, hatte der gesagt. »Ich werde nicht statt Ihrer in den Bunker gesandt, obwohl ich es zehnmal mehr als Sie verdient hätte. Nicht nur wegen der Fehler, die ich gemacht habe, sondern weil ich mich wie ein Schwein Ihnen gegenüber benommen habe. Meine einzige Entschuldigung ist: ich glaubte, Sie hätten schlecht gearbeitet …«

»Nun reden Sie nicht mehr davon«, hatte Escherich mit seinem zahnlückigen Lächeln gesagt. »Im Fall Klabautermann haben bisher alle schlecht gearbeitet, Sie, ich, alle. Es ist komisch, ich bin wirklich gespannt darauf, diesen Mann kennenzulernen, der so viel Unglück mit seinen Karten über seine Mitmenschen gebracht hat. Es muss ein seltsamer Vogel sein …«

Er sah den Kriminalrat gedankenvoll an.

Der gab ihm seine kleine aktengelbe Hand. »Denken Sie nicht zu böse von mir, Kollege Escherich«, sagte er leise. »Und noch eins: ich habe da so eine neue Theorie aufgestellt, dass der Täter irgendetwas mit der Straßenbahn zu tun hat. Sie werden es bei den Akten finden. Bitte verlieren Sie diese Theorie bei Ihren Ermittlungen nicht ganz aus dem Auge. Ich wäre sehr glücklich, wenn wenigstens dieser Punkt meiner Erwägungen sich als wahr erwiese! Ich bitte Sie darum!«

Und damit entschwand der Kriminalrat Zott auf sein abgelegenes, stilles Zimmer, nur noch seinen Theorien hingegeben.

Die zweite denkwürdige Ansprache hielt natürlich der Obergruppenführer Prall. »Escherich«, sagte er mit erhobener Stimme, »Kommissar Escherich! Sie fühlen sich doch ganz wohl?«

»Völlig wohl!«, antwortete der Kommissar. Er stand hinter seinem Schreibtisch, unwillkürlich lagen die Hände mit eng angepressten Daumen an der Hose, wie er es unten in der Zelle gelernt hatte. Sosehr er dagegen ankämpfte, der Kommissar zitterte. Sein Auge war aufmerksam auf den Vorgesetzten gerichtet. Diesem Manne gegenüber erfasste ihn nichts wie Angst, besinnungslose Angst, jeden Augenblick konnte der ihn wieder in den Keller schicken.

»Wenn Sie sich also völlig wohl fühlen, Escherich«, fuhr Prall fort, der sehr wohl die Wirkung seiner Worte spürte, »so können Sie doch auch arbeiten. Oder nicht?«

»Ich kann arbeiten, Herr Obergruppenführer!«

»Wenn Sie arbeiten können, Escherich, so können Sie doch auch den Klabautermann fangen! Das können Sie doch?«

»Das kann ich, Herr Obergruppenführer!«

»In kürzester Zeit, Escherich!«

»In kürzester Zeit, Herr Obergruppenführer!«

»Sehen Sie, Escherich«, sagte der Obergruppenführer Prall gnädig und weidete sich an der Angst seines Untergebenen. »Wie gut so ’n kleiner Ferienaufenthalt im Bunker tut! So liebe ich meine Leute! Sie fühlen sich mir nicht mehr sehr überlegen, Herr Escherich?«

»Nein, Herr Obergruppenführer, gewiss nicht. Zu Befehl, Herr Obergruppenführer!«

»Sie denken nicht mehr, dass Sie der allerschlaueste Hund in der ganzen Gestapo sind und dass alle anderen bloß aus Hundedreck gemacht sind – das denken Sie doch nicht mehr, Escherich?«

»Zu Befehl, nein, Herr Obergruppenführer, das denke ich nicht mehr.«

»Sehen Sie, Escherich«, fuhr der Obergruppenführer fort und gab dem angstvoll zurückfahrenden Escherich einen kräftigen, scherzhaften Nasenstüber, »und wenn Sie sich nun mal wieder sehr schlau fühlen oder wenn Sie Eigenmächtigkeiten begehen oder wenn Sie denken, der Obergruppenführer Prall ist bloß ein doofes Aas, dann sagen Sie mir das rechtzeitig. Dann schicke ich Sie gleich, ehe es noch zu schlimm wird, zu einer kleinen Kur in den Keller. Na, na?«

Der Kommissar Escherich sah seinen Vorgesetzten nur starr an. Jetzt konnte es ein Blinder hören, so stark zitterte der Kommissar.

»Nun, was wird, Escherich, werden Sie’s mir rechtzeitig sagen, wenn Sie mal wieder mächtig schlau sind?«

»Zu Befehl, Herr Obergruppenführer!«

»Oder wenn die Arbeit nicht vorangeht, damit ich Ihnen ein bisschen Beine mache?«

»Zu Befehl, Herr Obergruppenführer!«

»Na, dann sind wir uns ja einig, Escherich!«

Der hohe Herr gab dem genugsam Geduckten plötzlich ganz überraschend die Hand. »Freut mich, Escherich, Sie wieder im Dienst zu sehen. Hoffe, wir werden wieder ausgezeichnet miteinander arbeiten. Was wollen Sie also als Nächstes tun?«

»Mir von den Beamten des Reviers am Nollendorfplatz eine genaue Personalbeschreibung verschaffen. Die werden wir jetzt endlich bekommen! Der Mann, der die beiden Angezeigten vernahm, vielleicht hat er doch noch eine leise Erinnerung an den Namen. Die Suchaktion des Kollegen Zott fortsetzen …«

»Schön, schön. Das ist also jedenfalls ein Anfang. Sie erstatten mir täglich Bericht …«

»Zu Befehl, Herr Obergruppenführer!«

Ja, dies war die zweite Unterredung bei Wiederaufnahme seines Dienstes, die einigen Eindruck auf den Kriminalkommissar Escherich machte. Im Übrigen sah man ihm nichts mehr von seinen Erlebnissen an, nachdem auch die Zahnlücke wieder geschlossen war. Die Kollegen fanden sogar, Escherich sei sehr viel netter geworden seitdem. Das machte, dass er den Ton spöttischer Überlegenheit völlig verloren hatte. Keinem Menschen konnte er sich noch überlegen fühlen.

Kommissar Escherich arbeitet, macht Recherchen, nimmt Vernehmungen vor, fertigt Personalbeschreibungen an, liest in Akten, telefoniert – Escherich arbeitet wie eh und je. Aber wenn ihm auch keiner was ansieht und wenn er auch hofft, eines Tages wieder ohne Zittern mit seinem Vorgesetzten Prall reden zu können, Escherich weiß, er wird nie wieder der Alte. Er ist bloß noch eine Arbeitsmaschine; was er tut, ist Routinearbeit. Mit dem Überlegenheitsgefühl schwand auch die Freude an der Arbeit, der Dünkel war der Dünger, der seine Früchte reifte.

Escherich hat sich immer sehr sicher gefühlt. Er hat immer geglaubt, ihm könne nichts geschehen. Er hat angenommen, er sei ein ganz anderer Mensch als die anderen. Und Escherich hat all diese Selbsttäuschungen aufgeben müssen, eigentlich in den paar Sekunden, als ihm der SS-Mann Dobat die Faust in den Mund schlug und er Angst lernte. Escherich hat in wenigen Tagen so gründlich Angst gelernt, dass er sie in seinem ganzen Leben nicht wieder verlernen wird. Er weiß, er kann aussehen, wie er will, er kann das Unmögliche erreichen, er kann geehrt und gefeiert werden – er weiß, er ist gar nichts. Ein Faustschlag kann ihn in ein heulendes, zitterndes, angstvolles Garnichts verwandeln, nicht viel besser als der kleine, stinkende, feige Taschendieb, mit dem er tagelang die Zelle geteilt hat und dessen eiligst geleierte Gebete ihm jetzt noch im Ohr sind. Nicht so sehr viel besser. Nein, gar nicht besser!

Aber eines hält den Kommissar Escherich noch aufrecht, das ist der Gedanke an den Klabautermann. Den Kerl muss er noch fassen, hinterher kann seinethalben werden, was will. Er muss diesem Mann Auge ins Auge sehen, er muss mit diesem Mann sprechen, der die Ursache seines Unglücks geworden ist. Er will es ihm ins Gesicht sagen, diesem Fanatiker, welch Unheil, Sorge, Not er über viele Menschen gebracht hat. Er wird ihn zerschmettern, diesen Feind im Dunkeln.

Hätte er ihn doch schon!

47. Der verhängnisvolle Montag

An diesem Montag, der den Quangels so verhängnisvoll werden sollte;

an diesem Montag, acht Wochen nachdem Escherich wieder in sein Amt eingesetzt war;

an diesem Montag, an dem Emil Barkhausen zu zwei Jahren Gefängnis, die Ratte Klebs zu einem Jahr verurteilt wurde;

an diesem Montag, da Baldur Persicke endlich aus seiner Napola in Berlin eintraf und seinen Vater in der Trinkerheilstätte besuchte;

an diesem Montag, da Trudel Hergesell auf dem Bahnhof Erkner die Treppe hinunterfiel und dadurch eine Fehlgeburt hatte;

an diesem schicksalsreichen Montag also lag Anna Quangel mit einer schweren Grippe im Bett. Sie fieberte stark. An ihrer Seite saß Otto Quangel, der Doktor war gegangen. Sie stritten sich darüber, ob er heute die Karten austragen sollte oder nicht.

»Du gehst nicht mehr, wir haben das fest ausgemacht, Otto! Die Karten haben auch bis morgen oder übermorgen Zeit, da bin ich wieder auf den Beinen!«

»Ich will die Dinger aus dem Hause haben, Anna!«

»Dann gehe ich eben!« Und Anna richtete sich in ihrem Bett auf.

»Du bleibst liegen!« Er drückte sie in die Kissen zurück. »Anna, sei nicht töricht. Ich habe hundert, ich habe zweihundert Karten eingesteckt …«

In diesem Augenblick ging die Klingel.

Sie fuhren erschrocken zusammen wie die ertappten Diebe. Quangel steckte rasch die beiden Karten ein, die bisher auf der Bettdecke gelegen hatten.

»Wer kann das sein?«, fragte Frau Anna ängstlich.

Und auch er: »Um diese Zeit? Morgens elf Uhr!«

Sie riet: »Vielleicht ist bei Heffkes was passiert? Oder der Doktor ist noch einmal zurückgekommen?«

Wieder ging die Klingel.

»Ich werde mal nachsehen«, murmelte er.

»Nein«, bat sie. »Bleib sitzen. Wenn wir mit den Karten unterwegs gewesen wären, hätte der auch umsonst geklingelt!«

»Nur mal nachsehen, Anna!«

»Nein, mach nicht auf, Otto! Ich bitte dich! Ich habe ein Vorgefühl: Wenn du die Tür aufmachst, kommt Unglück ins Haus!«

»Ich gehe ganz leise und sage dir erst Bescheid.«

Er ging.

Sie lag in zorniger Ungeduld. Dass er doch nie und nie nachgab, ihr niemals eine Bitte erfüllen konnte! Es war falsch, was er tat; Unglück lauerte draußen, aber jetzt fühlte er es nicht, wo es wirklich da war. Und nun hält er nicht einmal sein Wort! Sie hört, er hat die Tür geöffnet und spricht mit einem Mann. Und er hat ihr doch fest versprochen, ihr erst Bescheid zu sagen.

»Nun, was ist? Rede doch, Otto! Du siehst, ich vergehe vor Ungeduld! Was ist das für ein Mann? Er ist noch nicht aus der Wohnung!«

»Es ist nichts Aufregendes, Anna. Bloß ein Bote aus der Fabrik. Der Werkmeister von der Vormittagsschicht ist verunglückt – ich muss sofort für ihn einspringen.«

Sie legt sich, nun doch ein wenig beruhigt, in die Kissen zurück. »Und du gehst?«

»Natürlich!«

»Du hast noch kein Mittagessen!«

»Ich werde schon was in der Kantine kriegen!«

»Stecke dir wenigstens Brot ein!«

»Ja, ja, Anna, sorge dich um nichts. Es ist schlimm, dass ich dich hier so lange allein liegenlassen muss.«

»Um eins hättest du doch gehen müssen.«

»Ich werde meine eigene Schicht gleich hinterher abreißen.«

»Der Mann wartet?«

»Ja, ich fahre gleich mit ihm zurück.«

»Also komm schnell wieder, Otto. Nimm heut mal die Elektrische!«

»Versteht sich, Anna. Gute Besserung!«

Er war schon im Gehen, da rief sie: »Ach, bitte, Otto, gib mir doch noch einen Kuss!«

Er kam zurück, ein wenig verwundert, ein wenig verlegen wegen dieses bei ihnen so ungewohnten Zärtlichkeitsbedürfnisses. Er drückte seine Lippen auf ihren Mund.

Sie zog seinen Kopf fest an sich und küsste ihn herzhaft.

»Ich bin dumm, Otto«, sagte sie. »Ich habe noch immer Angst. Das macht wohl das Fieber. Aber jetzt geh!«

So trennten sie sich. Als freie Menschen sollten sie sich nie wiedersehen. An die Postkarten in seiner Tasche hatten sie beide im eiligen Aufbruch nicht mehr gedacht.

Aber dem alten Werkmeister fallen die Karten sofort wieder ein, als er mit seinem Begleiter in der Elektrischen sitzt. Er fasst in die Tasche – da sind sie! Er ist unzufrieden mit sich, daran hätte er denken müssen! Lieber hätte er die Dinger zu Haus gelassen, lieber wäre er noch jetzt aus der Bahn gestiegen, um sie in irgendeinem Hause abzulegen. Aber er findet keinen Vorwand, den er seinem Begleiter plausibel machen kann. So muss er die Karten in den Betrieb mitnehmen, etwas, das er noch nie getan hat, das er nie hätte tun dürfen – aber jetzt ist es zu spät.

Er steht auf dem Klosett. Er hat die Karten schon in den Händen, er will sie zerreißen, fortspülen – und sein Blick fällt auf das mit so vieler Mühe, in so vielen Stunden Geschriebene: es scheint ihm stark, wirkungsvoll. Es wäre schade darum, eine solche Waffe zu vernichten. Seine Sparsamkeit, sein »schmutziger Geiz« hindern ihn an der Vernichtung, aber auch sein Respekt vor der Arbeit; alles, was Arbeit geschaffen hat, ist heilig. Es ist eine Sünde, Arbeit nutzlos zu zerstören.

Aber in der Jacke, die er auch in der Werkstatt trägt, kann er die Karten nicht lassen. So legt er sie in die Aktentasche zu dem Brot, zu der Thermosflasche mit Kaffee. Otto Quangel weiß sehr wohl, dass an der Seite der Aktentasche eine Naht offen ist, schon seit Wochen sollte sie zum Sattler. Aber der ist überlastet mit Arbeit und hat geknurrt, zwei Wochen werde die Reparatur wenigstens dauern. So lange hat Quangel die Tasche nicht entbehren wollen, und es ist ihm ja auch noch nie etwas herausgefallen. Also legt er die Karten unbesorgt hinein.

Er geht durch die Werkstatt zu den Ankleideschränken, langsam, schon dorthin und dahin schauend. Es ist eine fremde Belegschaft, er sieht kaum ein bekanntes Gesicht, manchmal nickt er. Einmal legt er auch Hand an. Die Leute sehen ihn neugierig an, ihn kennen viele: Ach ja, das ist der olle Quangel, ein komischer Vogel, aber seine Belegschaft schimpft nie auf ihn, gerecht ist er, das muss man ihm lassen. I wo, ein Antreiber ist er, das Letzte holt er aus seinen Leuten heraus. Aber nein, nie schimpft jemand aus seiner Belegschaft auf ihn. Wie der komisch aussieht, der hat wohl Scharniere am Kopf, der nickt damit so komisch. Still, jetzt kommt er zurück, der kann Quasseln auf den Tod nicht ausstehen, der kiekt jeden, der quasselt, in Grund und Boden.

Otto Quangel hat seine Aktentasche in den Schrank gestellt, die Schlüssel sind in seiner Tasche. Gut, noch elf Stunden, und die Karten werden aus der Fabrik fort sein, und wenn es dann auch Nacht ist, er wird sie schon loswerden, er kann sie nicht noch einmal mit nach Haus nehmen. Anna ist imstande und steht auf, bloß um die Karten wegzubringen.

Bei dieser neuen Belegschaft kann Quangel nicht seinen gewohnten Beobachterposten in der Mitte des Raumes einnehmen – wie das ratscht und tratscht! Er muss von einer Gruppe zur anderen gehen, und hier wissen sie das noch nicht alle, was sein Schweigen und Starren bedeuten soll; manche haben ja sogar die Unverfrorenheit, sie wollen den Meister ins Gespräch ziehen. Es dauert eine ganze Weile, bis die Arbeit so schnurrt, wie er es gewohnt ist, bis sie stiller sind und begriffen haben, dass es hier nichts gibt als arbeiten.

Quangel will sich gerade an seinen Aufsichtsposten begeben, da stockt sein Fuß. Sein Blick weitet sich, ein Ruck geht durch ihn: vor ihm auf der Erde, auf dem mit Sägemehl und Hobelspänen bedeckten Fußboden der Werkstatt liegt die eine seiner beiden Karten.

Es zuckt ihm in den Fingern, er will die Karte sofort heimlich aufheben und sieht, dass zwei Schritte weiter die andere liegt. Unmöglich, sie ungesehen aufzuheben. Immer wieder richtet sich der Blick eines Arbeiters auf den neuen Meister, und was die Weiber sind, so können sie es nicht lassen, ihn anzustarren, als hätten sie noch nie einen Mann gesehen.

Ach was, ich hebe sie einfach auf, ob sie es nun sehen oder nicht! Was geht das die an! Nein, ich kann es nicht tun, die Karte muss hier schon eine Viertelstunde liegen, ein Wunder, dass sie nicht schon einer aufgehoben hat! Vielleicht hat sie aber schon einer gesehen und rasch wieder hingeworfen, als er den Inhalt las. Wenn der mich die Karte aufheben und einstecken sieht!

Gefahr! Gefahr!, schreit es in Quangel. Äußerste Gefahr! Lass die Karte liegen! Tu, als hättest du sie nicht gesehen, lass einen anderen sie finden! Stell dich auf deinen Platz!

Aber plötzlich geht etwas Seltsames in Otto Quangel vor. So lange nun schon, zwei Jahre nun schon hat er Postkarten geschrieben, verteilt – aber nie hat er ihre Wirkung gesehen. Immer nur hat er in seiner dunklen Höhle gelebt; was mit den Karten wurde, der Wirbel, den sie erzeugen mussten – er hat ihn sich hundertmal vorgestellt, aber er hat ihn nicht erlebt.

Ich möchte das doch einmal sehen, ein einziges Mal! Was kann mir denn geschehen? Ich bin hier einer von achtzig Arbeitern, alle sind ebenso in Verdacht wie ich, ja mehr noch, weil mich jeder als altes Arbeitstier kennt, fern von aller Politik. Ich riskiere es, ich muss es einmal erleben.

Und ehe er sich noch recht besonnen hat, ruft er einen Arbeiter an: »Du da! Heb das mal auf! Die Dinger muss einer verloren haben. Was ist das? Was glotzt du?«

Er nimmt dem Arbeiter die eine Karte aus der Hand, er tut, als läse er sie. Aber er kann jetzt nicht lesen, seine eigene große Schrift in Blockbuchstaben kann er nicht lesen. Es ist ihm nicht möglich, den Blick vom Gesicht des Arbeiters abzuwenden, der auf die Karte starrt. Der Mann liest auch nicht mehr, aber seine Hand zittert, in seinem Blick ist Angst.

Quangel starrt ihn an. Also Angst, nichts wie Angst. Der Mann hat die Karte nicht einmal zu Ende gelesen, er ist kaum über die erste Zeile hinausgekommen, da überwältigt ihn schon die Angst.

Kichern lässt Quangel aufmerken. Er blickt auf und sieht, dass die halbe Werkstatt auf diese beiden Männer starrt, die da in der Arbeitszeit herumstehen, Postkarten lesend … Oder fühlen sie schon, dass etwas Schreckliches geschehen ist?

Quangel nimmt dem anderen die Karte aus der Hand. Dieses Spiel muss er jetzt allein weiterspielen, der Mann ist so verschüchtert, dass er zu nichts mehr imstande ist.

»Wo ist hier der Obmann von der Arbeitsfront? Der in den Manchesterhosen an dem Sägegatter? Gut! Geh an deine Arbeit, und dass du mir nicht schwatzt, sonst ergeht es dir schlecht!«

»Höre!«, sagt Quangel zu dem Mann am Sägegatter. »Komm mal einen Augenblick auf den Gang. Ich will dir was geben.« Und als die beiden draußen stehen: »Hier diese beiden Karten! Der Mann dahinten hat sie aufgehoben. Ich sah sie. Ich glaube, du musst sie der Geschäftsführung bringen. Oder?«

Der andere liest. Auch er liest nur ein paar Sätze. »Was ist das?«, fragt er erschrocken. »Die haben hier bei uns in der Werkstatt gelegen? O Gott, das kann uns Kopf und Kragen kosten! Wer, sagst du, hat die Dinger aufgehoben? Hast du gesehen, wie er sie aufhob?«

»Ich sage, ich habe ihm gesagt, er soll sie aufheben! Ich habe sie vielleicht zuerst gesehen. Vielleicht!«

»O Gott, was soll ich nur tun mit den Dingern? Verfluchte Scheiße! Ich schmeiße sie einfach in den Abtritt!«

»Du musst sie auf der Direktion abliefern, sonst wirst du für schuldig angesehen. Der Mann, der sie fand, wird nicht immer den Mund halten. Lauf gleich, ich gehe unterdes für dich ans Gatter.«

Der Mann geht zögernd. Er hält die Karten so in der Hand, als versengten sie ihm die Finger.

Quangel kehrt in die Werkstatt zurück. Aber er kann sich nicht sofort ans Sägegatter stellen: die ganze Werkstatt ist voll Unruhe. Noch weiß niemand etwas Bestimmtes, aber dass etwas geschehen ist, das wissen sie alle. Sie stecken die Köpfe zusammen, sie wispern, und diesmal hilft nicht vogelhaft starres Blicken und Schweigen des Werkmeisters, um Ruhe zu schaffen. Er muss, was er seit Jahren nicht mehr getan hat, laut schimpfen, er muss Strafen androhen, den Zornigen spielen.

Und wenn es in der einen Ecke der Werkstatt ruhig geworden ist, so ist es in der anderen umso lauter, und läuft wieder alles so einigermaßen, entdeckt er, dass zwei, drei Maschinen nicht voll besetzt sind: auf dem Abtritt steckt die Bande! Er jagt sie dort auf, einer hat die Frechheit, ihn zu fragen: »Was haben Sie da vorhin eigentlich gelesen, Meister? War’s wirklich ein Flugblatt vom Engländer?«

»Tu deine Arbeit!«, knurrt Quangel und treibt die Burschen vor sich her in die Werkstatt.

Dort schwatzen sie schon wieder. Sie haben sich zu Trüppchen versammelt, eine nie dagewesene Unruhe herrscht. Quangel muss hin und her, muss schimpfen, drohen, schelten – der Schweiß steht auf seiner Stirne …

Und dabei denkt es immer weiter in ihm: Das also ist die erste Wirkung. Nur Angst. So viel Angst, dass sie nicht einmal weiterlesen! Aber das hat nichts zu sagen. Sie fühlen sich hier beobachtet. Meine Karten hat meist einer allein gefunden. Der konnte sie in Ruhe lesen, überdenken, da taten sie ganz andere Wirkung. Ich habe ein blödes Experiment gemacht. Mal sehen, wie es abläuft. Eigentlich ist es gut, dass ich als Meister die Karten gefunden und abgeliefert habe, das wird mich entlasten. Nein, ich habe nichts riskiert. Und selbst wenn sie Haussuchung bei mir machen, sie finden nichts. Anna wird freilich einen Schreck kriegen – aber nein, ehe sie Haussuchung machen, bin ich schon wieder dort und bereite Anna vor … 14 Uhr 2 Minuten – es müsste doch Schichtwechsel sein, jetzt kommt meine Schicht dran.

Aber nichts von Schichtwechsel. Das Glockenzeichen ertönt nicht in der Werkstatt, die ablösende Belegschaft (Quangels eigentliche Belegschaft) erscheint nicht, die Maschinen surren weiter. Jetzt werden die Leute wirklich unruhig, immer häufiger stecken sie die Köpfe zusammen, sehen auf die Uhren.

Quangel muss es aufgeben, ihrem Schwatzen Einhalt zu gebieten, er ist nur einer gegen achtzig Mann, er schafft es nicht mehr.

Dann plötzlich erscheint ein Herr aus den Büros, ein feiner Herr mit scharfgebügelten Hosen und mit dem Parteiabzeichen. Er stellt sich neben Quangel und ruft in den Maschinenlärm: »Belegschaft! Herhören!«

Alle Gesichter wenden sich ihm zu, bloß neugierige, erwartungsvolle, finstere, ablehnende, gleichgültige.

»Die Belegschaft arbeitet aus besonderen Gründen vorläufig weiter. Überstundenlohn wird bezahlt!«

Er macht eine Pause, alle sehen ihn starr an. Ist das alles? Aus besonderen Gründen! Sie erwarten mehr!

Aber er schreit nur: »Weiterarbeiten die Belegschaft!«

Und zu Quangel gewendet: »Sie sorgen für absolute Ruhe und Fleiß, Meister! Wer ist der Mann, der diese Karten aufgehoben hat?«

»Ich habe sie zuerst gesehen, glaube ich.«

»Ich weiß schon. Also der da? Schön, Namen wissen Sie doch?«

»Nein. Dies ist nicht meine Belegschaft.«

»Ich weiß schon. Ach, sagen Sie der Belegschaft doch noch, dass das Betreten der Aborte vorläufig nicht möglich ist, jedes Verlassen des Arbeitsraumes ist verboten. An jeder Tür stehen zwei Posten – draußen!«

32.Trinker
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