Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 32
Und der scharfgebügelte Herr nickt Quangel flüchtig zu und geht.
Quangel geht von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz. Einen Augenblick sieht er auf die Arbeit, auf die Hände der Arbeitenden. Dann sagt er: »Das Verlassen des Arbeitsraumes und das Betreten der Aborte ist vorläufig verboten. An jeder Tür stehen zwei Posten – draußen!«
Und ehe sie noch etwas haben fragen können, ist er zum nächsten Arbeitsplatz gegangen, wiederholt seine Botschaft.
Nein, jetzt hat er es nicht mehr nötig, ihnen das Schwatzen zu verbieten, sie anzutreiben. Alle arbeiten sie stumm und verbissen vor sich hin. Alle empfinden sie die Gefahr, die jedem droht. Denn es ist unter diesen achtzig keiner, der sich nicht irgendwie und irgendwann gegen den heutigen Staat vergangen hat, und sei es nur mit einem Wort! Jeder ist bedroht. Das Leben eines jeden ist gefährdet. Alle haben sie Angst …
Aber unterdes bauen sie Särge. Sie häufen die Särge, die nicht abtransportiert werden können, in einer Ecke der Werkstatt auf. Erst sind es nur ein paar, aber wie die Stunden gehen, werden es mehr und mehr, sie türmen sie übereinander, sie wachsen auf, bis unter die Decke, sie stapeln neue daneben. Särge über Särge, für jeden in der Belegschaft, für jeden im deutschen Volk! Noch leben sie, aber sie zimmern schon an ihren Särgen.
Quangel steht unter ihnen. Er bewegt den Kopf ruckweise weiter und weiter. Er spürt auch die Gefahr, aber sie macht ihn lachen. Ihn fangen sie nie. Er hat sich einen Spaß erlaubt, er hat den ganzen Apparat wild gemacht, aber er ist nur der alte, dusslige Quangel, von Geiz besessen. Ihn werden sie nie verdächtigen. Er kämpft weiter, immer weiter.
Bis sich wieder die Tür öffnet und der Herr mit den messerscharf gebügelten Hosen hervorkommt. Ihm folgt ein anderer, ein langer, schlenkriger Mann mit einem sandfarbenen Schnurrbart, den er zärtlich streichelt.
Sofort hört an allen Plätzen die Arbeit auf.
Und während der Büroherr schreit: »Belegschaft! Feierabend!« – während sie wie erlöst und doch ungläubig die Werkzeuge aus der Hand legen – während langsam in ihre stumpf gewordenen Augen wieder Licht tritt – währenddem hat der lange Mann mit dem hellen Schnurrbart gesagt: »Werkmeister Quangel, ich verhafte Sie wegen des dringenden Verdachts von Landes- und Hochverrat. Gehen Sie mir unauffällig voran!«
Arme Anna – dachte Quangel und ging langsam, hoch erhoben den Kopf mit dem Vogelprofil, dem Kommissar Escherich voran aus der Werkstatt.
48. Montag, der Tag des Kommissars Escherich
Diesmal hatte der Kommissar Escherich rasch und fehlerfrei gearbeitet.
Kaum hatte ihn die telefonische Nachricht erreicht, dass zwei Postkarten in einer mit achtzig Mann besetzten Werkstatt der Möbelfabrik Krause & Co. gefunden seien, da hatte er gewusst: dies war die Stunde, auf die er so lange gewartet, jetzt hatte der Klabautermann endlich den so lange erwarteten Fehler gemacht. Jetzt würde er ihn fassen!
Fünf Minuten darauf hatte er genügend Mannschaften zur Abriegelung des ganzen Fabrikgeländes angefordert und sauste in dem vom Obergruppenführer selbst gesteuerten Mercedes zur Fabrik.
Aber während Prall dafür war, sofort die achtzig Mann aus der Werkstatt zu holen und jeden Mann einzeln so lange zu vernehmen, bis die Wahrheit ans Tageslicht gekommen war, hatte Escherich gesagt: »Ich brauche sofort eine Liste aller in der Werkstatt Arbeitenden mit ihren Wohnungen. Wie rasch kann ich die haben?«
»In fünf Minuten. Was wird mit den Leuten? Sie haben in fünf Minuten Feierabend.«
»Zum Schichtende lassen Sie ihnen sagen, dass sie weiterzuarbeiten haben. Gründe unnötig. Jede Tür zur Werkstatt ist mit Doppelposten zu besetzen. Niemand verlässt den Raum. Sorgen Sie dafür, dass dies alles möglichst unauffällig geschieht, jede Beunruhigung der Leute ist zu vermeiden!«
Und als der Kontorist mit der Liste hereinkommt: »Der Kartenschreiber muss in der Chodowiecki- oder in der Jablonski- oder in der Christburger Straße wohnen. Wer von den achtzig wohnt dort?«
Sie sehen die Liste durch: Keiner! Kein einziger!
Noch einmal schien das Glück Otto Quangel retten zu wollen. Er arbeitete in einer fremden Belegschaft, er stand nicht auf der Liste.
Der Kommissar Escherich schob die Unterlippe vor, zog sie rasch wieder zurück und biss zwei-, dreimal kräftig auf seinen Bart, den er eben noch gestreichelt hatte. Er war seiner Sache ganz sicher gewesen und war nun maßlos enttäuscht.
Aber außer der Misshandlung des geliebten Bartes ließ er sich von seiner Enttäuschung nichts merken, sondern er sagte kühl: »Wir sprechen jetzt die Personalverhältnisse eines jeden Arbeiters durch. Wer von den Herren kann genaue Angaben machen? Sie sind der Personalchef? Schön, also beginnen wir, Abeking, Hermann … Was ist bekannt über den Mann?«
Es ging unendlich langsam voran. Nach fünf Viertelstunden waren sie erst beim Buchstaben H.
Obergruppenführer Prall rauchte Zigaretten, die er gleich wieder ausdrückte. Er begann Flüstergespräche, die nach wenigen Sätzen wieder versandeten. Er trommelte mit den Fingern Märsche auf die Fensterscheiben. Er fing plötzlich scharf an: »Ich finde das alles blöd! Viel einfacher wäre es doch …«
Kommissar Escherich sah nicht einmal hoch. Jetzt hatte ihn die Angst vor seinem Vorgesetzten endlich verlassen. Er musste den Mann finden, er gab sich aber zu, dass ihn der Misserfolg mit den Straßen stark störte. Prall konnte noch so ungeduldig werden, auf eine Massenvernehmung ließ er sich nicht ein.
»Weiter bitte!«
»Kämpfer, Eugen – das ist der Werkmeister!«
»Kommt nicht in Frage, bitte um Entschuldigung. Hat sich bereits heute Morgen um neun Uhr die Hand in der Hobelmaschine verletzt. Statt seiner macht Werkmeister Quangel heute Dienst …«
»Also weiter: Krull, Otto …«
»Ich bitte nochmals um Entschuldigung: Werkmeister Quangel steht nicht auf der Liste des Herrn Kommissars …«
»Stören Sie doch nicht ewig! Wie lange sollen wir denn hier noch sitzen? Quangel, dieses alte Riesenross, kommt doch nie in Frage!«
Aber Escherich, ein Fünkchen Hoffnung glimmt wieder in ihm, fragt: »Wo wohnt dieser Quangel?«
»Wir müssen erst mal nachsehen, weil er nicht zu dieser Belegschaft gehört.«
»Also lassen Sie doch nachsehen! Bisschen schnell, was? Ich hatte um eine vollständige Liste gebeten!«
»Natürlich wird nachgesehen. Aber ich sage Ihnen, Herr Kommissar, bei diesem Quangel handelt es sich um einen fast völlig vertrottelten alten Mann, der übrigens schon viele Jahre in unserm Betrieb arbeitet. Wir kennen den Mann durch und durch …«
Der Kommissar winkte ab. Er wusste, wie viel Irrtümern sich Menschen hingeben, die ihre Mitmenschen durch und durch zu kennen glauben.
»Nun?«, fragte er gespannt den wieder eintretenden Bürojüngling. »Nun!«
Nicht ohne Feierlichkeit sagte der junge Mann: »Werkmeister Quangel wohnt in der Jablonskistraße Nummer …«
Escherich sprang auf. Mit einer bei ihm ganz ungewohnten Erregung rief er: »Das ist er! Ich habe den Klabautermann!«
Und Obergruppenführer Prall schrie: »Nichts wie her mit dem Schwein! Und dann schleifen, schleifen, nichts wie schleifen!«
Die Erregung war allgemein.
»Der Quangel! Wer hätte das gedacht – der Quangel? Dieser alte Dussel – unmöglich! Aber er hat als Erster die Karten gefunden! Kunststück, wo er sie selbst hingelegt hat! Aber wer ist denn solch ein Idiot und stellt sich selbst eine Falle? Quangel – unmöglich!«
Und über allen die schreiende Stimme Pralls: »Nichts wie her mit dem Schwein! Und schleifen, schleifen!«
Als Erster war der Kommissar Escherich wieder ruhig geworden.
»Auf ein Wort, bitte, Herr Obergruppenführer! Ich bitte, vorschlagen zu dürfen, dass wir erst einmal in der Wohnung dieses Quangel eine kleine Haussuchung machen.«
»Aber wozu diese Umstände, Escherich? Nachher läuft uns der Kerl womöglich fort!«
»Aus diesem Bau kommt jetzt keiner mehr raus! Aber wenn wir was in der Wohnung finden, das ihn ohne Weiteres überführt, das jedes Leugnen unmöglich macht? Das würde uns viel Arbeit sparen! Jetzt ist dafür der richtige Zeitpunkt! Jetzt, wo der Mann und seine Familie noch nicht weiß, dass wir ihn in Verdacht haben …«
»Viel einfacher ist es doch, dem Mann die Eingeweide langsam aus dem Leibe zu leiern, bis er gesteht. Aber meinethalben: fassen wir gleich die Frau auch! Aber das sage ich Ihnen, Escherich, wenn der Kerl hier unterdes Schweinereien macht, sich in ’ne Maschine schmeißt und so was, dann fahre ich wieder mit Ihnen Schlitten! Ich will den Kerl baumeln sehen!«
»Das werden Sie auch! Ich werde diesen Quangel ununterbrochen durch die Tür beobachten lassen. Die Arbeit geht weiter, meine Herren, bis wir zurück sind – ich denke, in etwa einer Stunde …«
49. Die Verhaftung Anna Quangels
Nachdem Otto Quangel gegangen war, verfiel Anna Quangel in einen Zustand benommenen Vorsichhinbrütens, aus dem sie aber bald wieder hochschreckte. Sie tastete die Bettdecke nach den beiden Postkarten ab, fand sie aber nicht. Sie überlegte und konnte sich nicht erinnern, dass Otto die Karten mitgenommen hatte. Nein, im Gegenteil, jetzt wusste sie wieder genau, dass sie selbst morgen oder übermorgen die Karten wegbringen wollte – so war es ausgemacht.
Die Postkarten mussten also in der Wohnung sein. Und sie beginnt, eisig oder durchglüht vom Fieber, die Nachsuche. Sie dreht die Wohnung um, sie sucht zwischen der Wäsche, sie kriecht unter das Bett. Sie atmet nur mühsam, manchmal setzt sie sich auf die Bettkante, weil sie einfach nicht weiterkann. Sie zieht die Decke um sich und starrt vor sich hin, jetzt hat sie die Postkarten ganz vergessen. Aber gleich schreckt sie wieder hoch und beginnt von Neuem mit der Nachsuche.
So verbringt sie die Stunden, bis die Klingel anschlägt. Sie stutzt. Es hat also geklingelt? Wer kann geklingelt haben? Wer will etwas von ihr?
Und sie verfällt in ein neues fieberisches Dämmern, aus dem sie das zweite Klingelzeichen hochschreckt. Diesmal geht die Klingel lange, schrill fordert sie Einlass. Und nun wird sogar mit den Fäusten gegen die Tür geschlagen. Sie hört Rufe: »Aufmachen! Polizei! Sofort aufmachen!«
Anna Quangel lächelt, und lächelnd legt sie sich wieder ins Bett, die Decke fest um sich stopfend. Mögen die nur klingeln und rufen! Sie ist krank, sie ist nicht verpflichtet zu öffnen. Mögen die ein andermal wiederkommen oder dann, wenn Otto da ist. Sie macht nicht auf.
Und weiter Klingeln, Rufen, Bummern …
Solche Affen, die! Als wenn ich deswegen aufmachte! Die können mir alle den Buckel langrutschen!
In dem Fieberzustand, in dem sie jetzt ist, kommt ihr weder der Gedanke an die vermissten Karten noch an die Gefahr, die dieser polizeiliche Besuch bedeutet. Sie freut sich nur, dass sie krank ist und darum nicht aufzumachen braucht.
Dann sind die natürlich doch in der Stube, fünf oder sechs Männer – haben sich einen Schlosser geholt oder mit einem Dietrich die Türe aufgemacht. Die Kette hat ja nicht vorgelegen, wegen ihrer Krankheit hat sie nach Ottos Fortgang nicht übergekettet. Grade heute – sonst liegt die Kette immer vor.
»Sie heißen Anna Quangel? Sie sind die Frau des Werkmeisters Otto Quangel?«
»Ja, lieber Herr. Schon achtundzwanzig Jahre.«
»Warum haben Sie nicht aufgemacht auf unser Klingeln und Klopfen?«
»Weil ich krank bin, lieber Herr. Ich hab die Grippe!«
»Spielen Sie uns hier kein Theater vor!«, schreit ein Dicker in schwarzer Uniform dazwischen. »Sie sind so wenig krank wie mein Arsch! Sie simulieren bloß!«
Kommissar Escherich winkt seinem Vorgesetzten beruhigend zu. Dass diese Frau wirklich krank ist, kann selbst ein Kind sehen. Und vielleicht ist es gut, dass sie krank ist: viele Leute schwatzen im Fieber. Während seine Leute die Wohnung zu durchsuchen beginnen, wendet sich der Kommissar wieder zu der Frau. Er nimmt ihre heiße Hand und sagt teilnahmsvoll: »Frau Quangel, ich muss Ihnen leider eine schlechte Nachricht bringen …«
Er macht eine Pause.
»Na?«, fragt die Frau, aber gar nicht ängstlich.
»Ich hab Ihren Mann verhaften müssen.«
Die Frau lächelt. Anna Quangel lächelt nur. Lächelnd schüttelt sie den Kopf und sagt: »Nee, lieber Herr, so was können Sie mir nicht erzählen! Den Otto verhaftet keiner, der ist ein anständiger Mensch.« Sie neigt sich zu dem Kommissar hinüber und flüstert: »Wissen Sie, lieber Herr, was ich glaube? Ich träume das alles nur. Ich habe nämlich Fieber. Grippe, hat der Doktor gesagt, und im Fieber träumt man so was. Ich träume das alles: Sie und den schwarzen Dicken und den Herrn dort an der Kommode, der in meiner Wäsche rumwühlt. Nee, mein lieber Herr, den Otto haben Sie nicht verhaftet, das träume ich nur.«
Der Kommissar Escherich sagt ebenso flüsternd: »Frau Quangel, jetzt träumen Sie auch von den Postkarten. Sie wissen doch von den Karten, die Ihr Mann immer geschrieben hat?«
Aber so sehr hat das Fieber Anna Quangels Sinne nicht verwirrt, dass sie nicht bei dem Wort »Postkarten« aufmerkte. Sie schreckt zusammen. Einen Augenblick ist das Auge, das auf den Kommissar gerichtet ist, ganz klar und wach. Aber dann sagt sie, wieder lächelnd, mit dem Kopf schüttelnd: »Was denn für Karten? Mein Mann schreibt doch keine Karten! Wenn was geschrieben wird hier bei uns, so tu ich das. Aber wir schreiben schon lange nicht mehr. Seit mein Sohn gefallen ist, schreiben wir nicht mehr. Das träumen Sie bloß, lieber Herr, dass mein Otto Karten geschrieben hat!«
Der Kommissar hat das Zusammenschrecken gesehen, aber ein Zusammenschrecken ist noch kein Beweis. So sagt er: »Sehen Sie, und seit Ihr Sohn gefallen ist, schreiben Sie die Postkarten, Sie beide. Erinnern Sie sich nicht mehr an die erste Karte?«
Und er wiederholt mit einer gewissen Feierlichkeit: »Mutter! Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet! Der Führer wird auch Deine Söhne ermorden, er wird noch nicht aufhören, wenn er Trauer in jedes Haus der Welt gebracht hat …«
Sie horcht. Sie lächelt. Sie sagt: »Das hat ’ne Mutter geschrieben! Das hat mein Otto nicht geschrieben, das träumen Sie bloß!«
Und der Kommissar: »Das hat Otto geschrieben, und du hast’s ihm diktiert! Sag’s!«
Aber sie schüttelt den Kopf. »Nein, lieber Herr! So was kann ich ja gar nicht diktieren, dafür reicht mein Kopf nicht …«
Der Kommissar steht auf und geht aus der Schlafstube. In der Wohnstube fängt er an, mit seinen Leuten nach Schreibzeug zu suchen. Er findet ein Fässchen mit Tinte, Federhalter und Feder, die er aufmerksam betrachtet, und eine Feldpostkarte. Er geht damit zu Anna Quangel zurück.
Die hat unterdes der Obergruppenführer Prall vernommen, auf seine Art. Prall ist fest davon überzeugt, dass all dies Getue von Grippe und Fieber nur »Fiole« ist, dass die Frau simuliert. Aber wenn sie auch wirklich krank wäre, würde das an seinen Vernehmungsmethoden nicht das Geringste ändern. Er packt Anna Quangel bei den Schultern, doch so, dass es ihr wirklich weh tut, und fängt an, sie zu beuteln. Der Kopf schlägt gegen die hölzerne Bettwand. Während er sie so zwanzig-, dreißigmal hochreißt und wieder in das Kissen drückt, schreit er ihr wütend ins Gesicht: »Willst du noch weiter lügen, du olle Kommunistensau? Du – sollst – nicht – lügen! Du – sollst – nicht – lügen!«
»Nicht!«, lallt die Frau. »Sie sollen das nicht!«
»Sag, dass du die Karten geschrieben hast! Sag – das – auf – der – Stelle! Oder – ich – schlage – dir – deinen – Bregen – kaputt, du rote Sau, du!«
Und bei jedem Wort lässt er ihren Kopf gegen die Bettwand krachen.
Der Kommissar Escherich, das Schreibzeug in der Hand, sieht von der Tür her mit einem Lächeln zu. Das ist also eine Vernehmung durch den Obergruppenführer! Wenn er noch fünf Minuten so weitermacht, wird die Frau fünf Tage lang vernehmungsunfähig sein. Keine noch so raffiniert ausgedachte Quälerei wird ihr dann das Bewusstsein wiedergeben.
Aber für einen Augenblick ist das vielleicht nicht einmal so schlecht. Soll die ruhig ein bisschen Angst kriegen und Schmerzen haben, umso eher wird sie sich an ihn, den höflichen Mann, klammern!
Als der Obergruppenführer den Kommissar am Bett auftauchen sieht, hört er mit seiner Beutelei auf und sagt halb entschuldigend und halb vorwurfsvoll: »Sie sind viel zu sanft mit solchen Weibern, Escherich! Die muss man schleifen, bis sie quieken!«
»Gewiss, Herr Obergruppenführer, sicher! Aber darf ich der Frau erst einmal etwas zeigen?«
Er wendet sich an die Kranke, die jetzt mühsam keuchend und mit geschlossenen Augen im Bett liegt: »Frau Quangel, hören Sie mal her!«
Sie scheint nicht zu hören.
Der Kommissar fasst sie an und setzt sie vorsichtig auf. »So«, sagt er, sanft zuredend. »Nun machen Sie mal die Augen auf!«
Sie tut es. Escherich hat ganz richtig gerechnet: nach dem Schütteln und Drohen eben klingt ihr die freundlich-höfliche Stimme angenehm.
»Sie haben mir doch eben gesagt, dass bei Ihnen hier schon lange keiner geschrieben hat? Nun, sehen Sie sich mal diese Feder an. Mit der ist grade erst geschrieben, vielleicht heute oder gestern, die Tinte sitzt noch ganz frisch dran! Sehen Sie, ich kann sie mit dem Nagel abkratzen!«
»Davon versteh ich nichts!«, sagt Frau Quangel abweisend. »Da müssen Sie meinen Mann nach fragen, von so was versteh ich nichts.«
Kommissar Escherich sieht sie aufmerksam an. »Sie verstehen ganz gut, Frau Quangel!«, sagt er etwas schärfer. »Bloß, Sie wollen nicht verstehen, weil Sie wissen, Sie haben sich schon verraten!«
»Bei uns schreibt keiner«, wiederholt Frau Quangel hartnäckig.
»Und Ihren Mann brauche ich nicht mehr zu befragen«, fährt der Kommissar fort. »Weil er nämlich schon alles gestanden hat. Er hat die Karten geschrieben, und Sie haben sie ihm diktiert …«
»Na, denn ist’s ja gut, wenn Otto das gestanden hat«, sagt Anna Quangel.
»Hau das freche Aas doch in die Fresse, Escherich!«, schreit der Obergruppenführer plötzlich dazwischen. »So ’ne Frechheit, uns hier anzusohlen!«
Aber der Kommissar haut das freche Aas nicht in die Fresse, sondern er sagt: »Wir haben Ihren Mann geschnappt mit zwei Postkarten in der Tasche. Er konnte ja gar nicht leugnen!«
Als Frau Quangel das mit den beiden Postkarten hört, die sie so lange im Fieber gesucht hat, fährt wieder ein Erschrecken durch sie. Also hat er sie doch mitgenommen, und sie hatten doch fest ausgemacht, dass sie die Karten morgen oder übermorgen einstecken sollte. Das war nicht recht von Otto.
Irgendwas muss passiert sein mit den Karten, überlegt sie mühsam. Aber gestanden hat Otto nichts, sonst würden sie hier nicht so herumsuchen und mich ausfragen. Sondern sie würden …
Und laut fragt sie: »Warum bringen Sie denn den Otto nicht her? Ich weiß nicht, was das sein soll mit Postkarten. Warum soll er denn Postkarten schreiben?«
Weit legt sie sich wieder zurück, den Mund und die Augen geschlossen, fest entschlossen, kein Wort mehr zu sagen.
Kommissar Escherich sieht einen Augenblick nachdenklich auf die Frau hinunter. Sie ist sehr erschöpft, das sieht er. Im Augenblick ist nichts mit ihr anzufangen. Er wendet sich kurz um, ruft zwei seiner Leute und befiehlt: »Legen Sie die Frau in das andere Bett da rüber, und dann durchsuchen Sie dieses Bett genau! Bitte, Herr Obergruppenführer!«
Er will seinen Vorgesetzten aus dem Zimmer haben, er will nicht noch eine Prall’sche Vernehmung. Es ist sehr möglich, dass er diese Frau in den nächsten Tagen notwendig braucht, dann muss sie ein bisschen bei Kräften und bei klarem Verstand sein. Außerdem scheint sie zu den nicht grade häufigen Menschen zu gehören, die körperliche Bedrohung nur noch bockbeiniger macht. Mit Schlägen ist aus der bestimmt nichts rauszukriegen.
Der Obergruppenführer geht nicht gerne von diesem Weibe fort. Er hätte es der ollen Nutte doch gar zu gerne gezeigt, was er von ihr hielt. Er hätte seinen Zorn über diese ganze verfahrene Klabautermanngeschichte am liebsten bei ihr ausgelassen. Aber wenn schon diese beiden Schnüffler im Zimmer waren – und außerdem: heute Abend steckte das alte Biest doch im Bunker in der Prinz-Albrecht-Straße, dann konnte er mit ihr machen, was er wollte.
»Sie werden die Olle doch festnehmen, Escherich?«, fragte er in der Wohnstube.
»Gewiss werde ich das«, antwortete der Kommissar und sah gedankenlos seinen Leuten zu, die mit pedantischer Gründlichkeit jedes Wäschestück auseinanderfalteten und wieder zusammenlegten, mit langen Nadeln die Sofapolster durchstachen und die Wände abklopften. Er setzte hinzu: »Aber ich muss sehen, dass ich sie erst in einen vernehmungsfähigen Zustand kriege. In diesem Fieber begreift sie alles nur halb. Sie muss erst verstehen, dass sie in Lebensgefahr ist. Dann kriegt sie Angst …«
»Ich werde ihr schon Angst beibringen!«, knurrte der Obergruppenführer.
»Nicht auf diese Art – jedenfalls muss sie dafür erst fieberfrei sein«, bat Escherich und unterbrach sich: »Was haben wir denn da?«
Einer seiner Leute hatte sich mit den wenigen Büchern beschäftigt, die auf einem kleinen Regal aufgereiht waren. Er hatte ein Buch geschüttelt, und etwas Weißes war auf die Erde geflattert.
Der Kommissar war der Schnellste. Er hob das Stück Papier auf.
»Eine Karte!«, rief er. »Eine angefangene und noch nicht zu Ende geschriebene Karte!«
Und er las vor: »Führer befiehl, wir folgen! Ja, wir sind eine Herde Schafe geworden, die unser Führer auf jede Schlachtbank treiben darf! Wir haben das Denken aufgegeben …«
Er ließ die Karte sinken, er sah sich um.
Alle blickten auf ihn.
»Wir haben den Beweis!«, sagte Kommissar Escherich fast stolz. »Wir haben den Täter. Er ist einwandfrei überführt, kein abgepresstes Geständnis, nein, ein klarer kriminalistischer Beweis. Es hat sich gelohnt, so lange zu warten!«
Er sah sich um. Seine blassen Augen glänzten jetzt. Dies war seine Stunde, die Stunde, auf die er so lange gewartet hatte. Einen Augenblick dachte er an den langen, langen Weg zurück, den er bis hierher gegangen war. Von der ersten Karte an, die er noch mit lächelnder Gleichgültigkeit aufgenommen hatte, bis zu dieser, die nun in seiner Hand war. Er dachte an die anschwellende Flut der Karten, die sich ständig vermehrenden roten Fähnchen, er dachte auch an den kleinen Enno Kluge.
Wieder stand er in der Zelle des Reviers bei ihm, wieder saß er mit ihm über dem dunklen Wasser des Schlachtensees. Dann fiel ein Schuss, und er glaubte sich für sein Leben blind. Er sah sich selbst, zwei SD-Männer warfen ihn die Treppe hinunter, blutend, vernichtet, während ein kleiner Taschendieb auf den Knien herumrutschte, seine heilige Jungfrau Maria anrufend. Ganz flüchtig dachte er auch an den Kriminalrat Zott – der Arme, auch seine Theorie mit den Straßenbahnhöfen hatte sich als falsch erwiesen.
Dies war die stolze Stunde des Kommissars Escherich. Er fand, es hatte sich gelohnt, geduldig zu sein und vieles zu ertragen. Er hatte ihn, seinen Klabautermann, wie er ihn zuerst im Scherz genannt hatte, aber er war ein richtiger Klabautermann geworden: er hatte Escherichs Lebensschiff fast zum Scheitern gebracht. Aber nun war er gefasst, die Jagd war zu Ende, das Spiel ausgespielt.
Kommissar Escherich sah wie aufwachend hoch. Er sagte befehlend: »Die Frau wird mit einem Krankenwagen fortgebracht. Zwei Mann Begleitung. Sie stehen mir für sie, Kemmel, kein Verhören, überhaupt keinerlei Sprecherlaubnis. Aber sofort einen Arzt. Das Fieber muss in drei Tagen weg sein, sagen Sie ihm das, Kemmel!«
»Befehl, Herr Kommissar!«
»Die anderen bringen die Wohnung wieder in Ordnung, tadellos. In welchem Buch hat diese Karte gelegen? Radiobastelbuch? Schön! Wrede, legen Sie die Karte genau so hinein, wie sie lag. In einer Stunde muss hier alles in Ordnung sein, ich komme dann noch einmal mit dem Täter hierher. Keiner von Ihnen bleibt hier. Kein Posten, nichts! Verstanden?«
»Befehl, Herr Kommissar!«
»Also gehen wir, Herr Obergruppenführer?«
»Wollen Sie der Frau nicht noch die aufgefundene Karte vorhalten, Escherich?«
»Wozu? Jetzt im Fieber reagiert sie doch nicht richtig, und mir kommt es nur auf den Mann an. Wrede, haben Sie irgendwo Schlüssel für die Entreetür gesehen?«
»In der Handtasche der Frau.«
»Geben Sie her – danke. Also gehen wir, Herr Obergruppenführer!«
Drunten, an seinem Fenster, sah der Kammergerichtsrat Fromm den Fortfahrenden nach. Er wiegte den Kopf hin und her. Später sah er, wie die Bahre mit Frau Quangel in einen Krankenwagen gehoben wurde; aber an dem Aussehen der Begleiter erkannte er, dass die Fahrt in kein übliches Krankenhaus ging.
»Einer nach dem anderen«, sagte der Kammergerichtsrat a.D. Fromm leise. »Einer nach dem anderen. Das Haus wird leer. Rosenthals, Persickes, Barkhausen, Quangel – ich wohne fast allein hier. Eine Hälfte des Volkes sperrt die andere ein, das kann nicht mehr lange dauern. Nun, ich jedenfalls werde hier wohnen bleiben, mich wird man nicht einsperren …«
Er lächelt und nickt.
»Je schlimmer, je besser. Umso eher nimmt dies ein Ende!«