Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 36
An diesem Tage hatte Kommissar Laub nicht viel Erfolg mit der Vernehmung der beiden Frauen. Sie hatten einander getröstet, und sie hatten ein bisschen Sympathie zu fühlen bekommen, sogar von einem SS-Mann, sie waren stark.
Aber es kamen noch so viele Tage, und dieser SS-Mann tat nie wieder Dienst auf ihrem Flur. Er war wohl als ungeeignet abgelöst, er war noch zu sehr Mensch, um hier Dienst zu tun.
56. Baldur Persicke macht Besuch
Baldur Persicke, der stolze Schüler der Napola, der erfolgreichste Spross vom Hause Persicke, hat seine Geschäfte in Berlin abgeschlossen. Er kann endlich wieder zurückfahren und sich darin ausbilden, ein Herr der Welt zu sein. Er hat seine Mutter wieder aus ihrem Schlupfwinkel bei den Verwandten zurückgeholt und ihr streng befohlen, die Wohnung nicht wieder zu verlassen, sonst passiere ihr allerlei, und er hat auch einmal seine Schwester im KZ Ravensbrück besucht.
Er hat ihr nicht seine Anerkennung für das treffliche Antreiben alter Frauen versagt, und abends haben Bruder und Schwester mit einigen anderen Aufseherinnen von Ravensbrück und einigen Freunden aus Fürstenberg eine richtige saftige kleine Orgie gefeiert, ganz im intimsten Kreis, mit viel Alkohol, Zigaretten und »Liebe« …
Aber die Hauptanstrengungen Baldur Persickes haben doch mehr der Erledigung ernster geschäftlicher Angelegenheiten gegolten. Der Vater, der alte Persicke, hatte ja einige kleine Dummheiten in seinem Suff begangen, Geld sollte in der Kasse fehlen, er sollte sogar vor ein Parteigericht gestellt werden. Aber Baldur hatte alle seine Beziehungen spielen lassen, er hatte mit ärztlichen Attesten gearbeitet, die den Vater als einen altersschwachen Mann schilderten, er hatte gebettelt und gedroht, er war zackig und demütig aufgetreten, er hatte auch den Einbruch, bei dem das Geld wieder gestohlen war, weidlich ausgebeutet – und schließlich hatte es der getreueste Sohn des Hauses wirklich erreicht, dass die ganze faule Kiste ohne Sang und Klang beigelegt wurde. Nicht einmal aus der Wohnung hatte er etwas verkaufen müssen – der Fehlbetrag war als gestohlen ausgebucht. Aber nicht etwa vom alten Persicke gestohlen – o nein, o nein! Sondern von Barkhausen und Genossen gestohlen, so wurde ein Schuh daraus, so blieb der Ehrenschild der Persickes rein.
Und während die Hergesells mit Schlägen und dem Tode bedroht wurden für ein Verbrechen, das sie nicht begangen hatten, wurde das Parteimitglied Persicke für ein begangenes Verbrechen entsühnt.
Also dieses alles hatte Baldur Persicke bestens erledigt, wie es ja auch gar nicht anders von ihm zu erwarten war. Er hätte abreisen können auf seine Napola, aber vorher will er doch noch eine Anstandspflicht erfüllen, er will seinen Vater in der Trinkerheilstätte besuchen. Außerdem möchte er ja gerne einer Wiederholung solcher Ereignisse vorbeugen und die ängstliche Mutter in der Wohnung sicherstellen.
Da er Baldur Persicke ist, bekommt er auch sofort Besuchserlaubnis, und er darf den Vater sogar allein sprechen, ohne Arzt- und Pflegeraufsicht.
Baldur findet, dass der Alte mächtig heruntergekommen aussieht, er ist zusammengefallen wie ein Gummitier, in das man mit einer Nadel gepiekt hat.
Ja, die guten Tage des verkrachten Budikers sind vorüber, er ist nur noch ein Gespenst, aber ein Gespenst, das nicht frei von Gelüsten ist. Der Vater bettelt den Sohn um etwas Rauchbares an, und nachdem der Sohn sich ein paarmal geweigert hat (»Das hast du alter Verbrecher gar nicht verdient«), schenkt er dem Alten schließlich doch eine Zigarette. Als aber der alte Persicke darum bettelt, der Sohn möge dem Vater doch nur ein einziges Mal eine Flasche Schnaps einschmuggeln, da lacht Baldur bloß. Er schlägt dem Vater auf die dürr gewordenen, zittrigen Knie und sagt: »Das mach dir man ab, Vater! Schnaps kriegst du nie mehr in deinem Leben zu saufen, damit hast du mir viel zu viel Dummheiten gemacht!«
Und während der Vater böse starrt, berichtet der Sohn selbstgefällig von all der Mühe, die ihm die Beilegung dieser Dummheiten gemacht hat.
Der alte Persicke ist nie ein großer Diplomat gewesen, er hat immer seine Meinung geradeheraus gepoltert und nie daran gedacht, was der andere fühlt. So sagt er denn auch jetzt: »Du bist immer ein Prahlhans gewesen, Baldur! Das habe ich doch gewusst, dass mir von der Partei aus nie was passieren würde, wo ich doch schon fünfzehn Jahre in dem Hitler seinen Laden bin! Nein, wenn’s dich Mühe gekostet hat, ist nur deine eigene Blödheit daran schuld. Ich hätt’s mit ein paar Sätzen erledigt, wenn ich erst draußen bin!«
Der Vater ist dumm. Hätte er dem Sohne ein bisschen geschmeichelt, ihm gedankt und ihn gelobt, so wäre Baldur Persicke wohl gnädiger gestimmt gewesen. Aber jetzt ist er tief in seiner Eitelkeit verletzt, und er sagt nur kurz: »Ja, wenn du erst draußen bist, Vater! Aber du kommst nicht wieder raus aus dieser Klapsmühle, nie in deinem Leben!«
Der Vater bekommt bei diesen erbarmungslosen Worten erst einen solchen Schreck, dass er am ganzen Leibe zittert. Aber er fasst sich wieder und sagt: »Den möcht ich sehen, der mich hier halten könnte! Vorläufig bin ich noch ein freier Mensch, und Oberarzt Dr. Martens hat mir selber gesagt, wenn ich noch sechs Wochen hier weiter die Kur mache, kann ich raus. Dann bin ich geheilt.«
»Du wirst nie geheilt, Vater«, sagt Baldur spöttisch. »Du fängst doch immer wieder mit deinen Saufereien an. Das habe ich nun oft genug erlebt. Ich werde das nachher dem Oberarzt auch sagen und dafür sorgen, dass du entmündigt wirst!«
»Das tut er nicht! Dr. Martens mag mich mächtig gerne; er hat gesagt, so schöne Schweinereien wie ich weiß keiner! Der tut mir das nicht an. Und außerdem hat er mir fest versprochen, dass ich in sechs Wochen entlassen werde!«
»Wenn ich ihm aber erzähle, dass du mich eben erst hast überreden wollen, dir eine Flasche einzuschmuggeln, wird er anders über deine Heilung denken!«
»Das tust du nicht, Baldur! Du bist doch mein Sohn, und ich bin dein Vater …«
»Was ist denn da weiter bei? Von irgendwem muss ich doch der Sohn sein, und ich finde, ich habe gerade einen von den schäbigsten Vätern abbekommen.«
Er sah seinen Vater abschätzig an. Und dann setzte er hinzu: »Nee, nee, Vater, das mach dir man ab, an den Gedanken gewöhn du dich nur: du bleibst hier. Du blamierst draußen ja doch nur die ganze Innung!«
Der Alte ist verzweifelt. Er sagt: »Die Mutter wird das nie zugeben, das mit der Entmündigung, und dass ich ewig hierbleibe!«
»Na, so ewig wird’s gar nicht werden, wie du jetzt aussiehst!« Baldur lacht und schlägt die Beine mit den schön gebeutelten Reithosen übereinander. Zufrieden betrachtet er den – von der Mutter erzeugten – Glanz seiner Stiefel. »Und Mutter hat solche Angst vor dir, die weigert sich ja sogar, dich zu besuchen. Denkst du, Mutter hat vergessen, wie du sie beim Halse gehabt und gewürgt hast? Das vergisst dir Mutter nie!«
»Dann schreibe ich an den Führer!«, rief der alte Persicke aufgebracht. »Der Führer lässt einen alten Kämpfer nicht im Stich!«
»Was bist du denn dem Führer noch nutze? Der Führer schert sich einen Dreck um dich, der wirft nicht einen Blick auf dein Geklaue! Außerdem kannst du mit deinen alten, zittrigen Säuferhänden gar nicht mehr schreiben, und außerdem lassen die hier gar keinen Brief von dir raus, dafür werde ich sorgen! Schade um das Papier!«
»Baldur, habe doch Erbarmen mit mir! Du bist doch mal ein kleiner Junge gewesen! Ich bin doch sonntags mit dir spazieren gegangen. Weißt du noch, wie wir mal auf dem Kreuzberg waren, und das Wasser lief so schön rosa und blau? Ich hab dir immer Würstchen und Bonbons gekauft, und als du damals mit elf Jahren die Geschichte mit dem kleinen Kind angestellt hattest, da habe ich dafür gesorgt, dass du nicht von der Schule flogst und in Zwangserziehung kamst! Was wärst du ohne deinen ollen Vater, Baldur? Und nun darfste mich auch nicht in dieser Klapsmühle stecken lassen!«
Baldur hatte sich diesen langen Erguss, ohne eine Miene zu verziehen, angehört. Nun sagte er: »Also jetzt willst du auf die Gefühlstube drücken, Vater? Finde ich ganz tüchtig von dir. Bloß so was wirkt bei mir nicht, das müsstest du doch wissen, dass ich mir aus Gefühlen nichts mache! Gefühle – eine richtige Schinkenstulle ist mir lieber als alle Gefühle! Aber ich will nicht so sein, ich will dir noch ’ne Zigarette schenken – allez hopp!«
Aber der Alte war zu aufgeregt, um jetzt an Rauchen zu denken. Die Zigarette fiel – zum neuen Ärger Baldurs – unbeachtet auf den Boden.
»Baldur!«, flehte der Alte wieder. »Du weißt nicht, was dies für ein Haus ist! Hier lassen sie einen verhungern, und immer schlagen einen die Pfleger. Und die anderen Kranken schlagen mich auch. Ich hab so zittrige Hände, ich kann mich nicht wehren, und dann nehmen sie mir das bisschen Essen auch noch weg …«
Während der Alte so flehte, hatte Baldur sich zum Fortgehen fertiggemacht, aber sein Vater klammerte sich an ihn, er hielt den Sohn fest und fuhr immer eiliger fort: »Und es kommen noch viel schrecklichere Dinge vor. Manchmal gibt der Oberpfleger den Kranken, die ein bisschen laut waren, eine Spritze mit so ’nem grünen Zeug, ich weiß nicht, wie es heißt. Und davon müssen die Leute immerzu kotzen, sie kotzen sich die Seele aus dem Leibe, und plötzlich sind sie weg. Mausetot, Baldur, du wirst doch nicht wollen, dass dein Vater so stirbt, indem er sich die Seele aus dem Leibe kotzt, dein eigener Vater! Baldur, sei gut, hilf mir! Nimm mich hier raus, ich habe solche Angst!«
Aber Baldur Persicke hatte sich jetzt lange genug dieses Geflenne angehört. Er machte sich von dem alten Persicke gewaltsam los, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Na, dann mach’s gut, Vater! Ich werde die Mutter von dir grüßen. Und denke daran, dass da am Tisch noch eine Zigarette liegt. Wäre ja schade darum!«
Damit ging dieser echte Sohn eines echten Vaters, beide echte Produkte hitlerischer Erziehung.
Baldur aber verließ noch nicht die Trinkerheilanstalt, sondern er ließ sich bei Herrn Oberarzt Dr. Martens melden. Er hatte auch Glück, der Oberarzt war sowohl da wie auch zu sprechen. Er begrüßte seinen Besucher höflich, und einen Augenblick sahen sich die beiden vorsichtig musternd an.
Dann sagte der Oberarzt: »Wie ich sehe, sind Sie auf der Napola, Herr Persicke, oder irre ich mich?«
»Nein, Herr Oberarzt, ich bin auf der Napola«, antwortete Baldur stolz.
»Ja, heute geschieht für unsere Jugend allerhand«, meinte der Oberarzt, beifällig nickend. »Ich wollte, ich hätte in meiner Jugend auch solche Förderung erfahren. Sie sind noch nicht zum Kriegsdienst eingezogen, Herr Persicke?«
»Mit dem üblichen Kommiss werde ich wohl verschont werden«, sagte nachlässig-verächtlich Baldur Persicke. »Ich werde wohl irgendein großes ländliches Gebiet zur Verwaltung bekommen, Ukraine oder Krim. Ein paar Dutzend Quadratkilometer.«
»Ich verstehe«, nickte der Arzt. »Und Sie erwerben jetzt die notwendigen Kenntnisse dafür?«
»Ich entwickele meine Führereigenschaften«, erklärte Baldur schlicht. »Für alle Fachgeschichten werde ich untergeordnete Kräfte haben. Aber ich werde die Leute unter Dampf halten. Und die Iwans werde ich schleifen. Es gibt viel zu viel von denen!«
»Ich verstehe«, nickte wieder Dr. Martens. »Der Osten ist unser künftiges Siedlungsgebiet.«
»Jawohl, Herr Oberarzt, in zwanzig Jahren wird bis an die Küsten des Schwarzen Meeres, bis an den Ural kein Slawe mehr leben. Alles wird ein rein deutsches Land sein. Wir sind die neuen Ordensritter!«
Baldurs Augen hinter der Brille blitzten.
»Und das werden wir alles dem Führer zu verdanken haben«, sagte der Oberarzt. »Ihm und seinen Getreuen!«
»Sie sind in der Partei, Herr Doktor Martens?«
»Leider nicht. Die Wahrheit zu gestehen, ein Großvater von mir hat eine Torheit begangen, der bekannte kleine Webfehler, Sie wissen?« Und eilig fortfahrend: »Aber die Sache ist beigelegt und geordnet, meine Chefs sind für mich eingetreten, ich gelte als reiner Arier. Ich möchte sagen: ich bin es. In Kürze hoffe ich auch, das Hakenkreuz tragen zu dürfen.«
Baldur saß sehr gerade. Als reiner Arier fühlte er sich seinem Gegenüber weit überlegen, der solche Hintertreppen brauchte. »Ich wollte mit Ihnen wegen meines Vaters reden, Herr Oberarzt«, sagte er, fast im Tone eines Vorgesetzten.
»Oh, mit Ihrem Vater geht alles glatt, Herr Persicke! Ich denke, in sechs, acht Wochen werden wir ihn als geheilt entlassen können …«
»Mein Vater ist nicht heilbar!«, unterbrach ihn Baldur Persicke schroff. »Mein Vater hat getrunken, seit ich denken kann. Und wenn Sie ihn hier vormittags als geheilt entlassen, wird er nachmittags bei uns betrunken ankommen. Wir kennen diese Heilungen. Meine Mutter und meine Geschwister wünschen, dass mein Vater den Rest seines Lebens hier verbringt. Ich schließe mich diesen Wünschen an, Herr Oberarzt!«
»Gewiss, gewiss!«, beeilte sich der Arzt zu versichern. »Ich werde mit dem Herrn Professor darüber sprechen …«
»Das ist ganz unnötig. Was wir hier vereinbaren, ist endgültig. Sollte mein Vater wirklich wieder bei uns zu Hause eintreffen, so wird dafür gesorgt sein, dass noch am gleichen Tage eine neue Einlieferung hier erfolgt, und zwar eines völlig betrunkenen Mannes! So würde Ihre vollständige Heilung aussehen, Herr Oberarzt, und ich stehe Ihnen dafür, dass die Folgen für Sie nicht angenehm sein würden!«
Die beiden sahen einander durch ihre Brillengläser an. Aber leider war der Oberarzt ein Feigling: er senkte vor dem schamlos frechen Blick Baldurs das Auge. Er sagte: »Gewiss ist bei Dipsomanen, bei Trinkern, die Gefahr eines Rückfalls stets groß. Und wenn Ihr Herr Vater, wie Sie mir eben berichtet haben, schon stets getrunken hat …«
»Er hat seine Kneipe versoffen. Er hat alles, was meine Mutter verdient hat, versoffen. Und er würde heute noch alles, was wir vier Kinder verdienen, versaufen, wenn wir es zuließen. Mein Vater bleibt hier!«
»Ihr Vater bleibt hier. Bis auf Weiteres. Wenn Sie später, eventuell nach dem Kriege, bei einem Besuch doch den Eindruck haben sollten, dass Ihr Herr Vater sich wesentlich gebessert hat …«
Wieder schnitt Baldur Persicke dem Arzt das Wort ab. »Mein Vater wird keine Besuche mehr empfangen, weder von mir noch von meinen Geschwistern, noch von meiner Mutter. Wir wissen, er ist hier gut aufgehoben, das genügt uns.« Baldur sah den Arzt durchdringend an, hielt seinen Blick fest. Während er bisher mit lauter, fast befehlender Stimme gesprochen hatte, fuhr er nun leiser fort: »Mein Vater hat mir von gewissen grünen Spritzen gesprochen, Herr Oberarzt …«
Der Oberarzt fuhr ein wenig zusammen. »Eine reine Erziehungsmaßnahme. Ganz gelegentlich bei renitenten jüngeren Patienten angewandt. Schon das Alter Ihres Vater verbietet …«
Wieder wurde er unterbrochen. »Mein Vater hat bereits eine dieser grünen Spritzen bekommen …«
Der Arzt rief: »Das ist ausgeschlossen! Verzeihung, Herr Persicke, da muss ein Irrtum vorliegen!«
Baldur sagte streng: »Mein Vater hat mir von dieser einen Spritze berichtet. Er erzählte mir, sie habe ihm gutgetan. Warum wird er nicht weiter so behandelt, Herr Oberarzt?«
Der Arzt war völlig verwirrt. »Aber, Herr Persicke! Eine reine Erziehungsmaßnahme! Der Behandelte bricht stundenlang, oft tagelang danach!«
»Na, und was weiter? Lassen Sie ihn doch kotzen! Vielleicht macht ihm Kotzen Spaß! Mir hat er versichert, die grüne Spritze hätte ihm gutgetan. Er sehnt sich geradezu nach der zweiten. Warum verweigern Sie ihm das Mittel, da es ihn doch bessert?«
»Nein, nein!«, sagte der Arzt eilig. Und er setzte voll Scham über sich selbst hinzu: »Es muss ein Missverständnis vorliegen! Ich habe noch nie gehört, dass Patienten eine Spritze mit …«
»Herr Oberarzt, wer versteht einen Patienten besser als der eigene Sohn? Und ich bin der Lieblingssohn meines Vaters, müssen Sie wissen. Ich wäre Ihnen wirklich sehr verbunden, wenn Sie dem Oberpfleger, oder wer dafür zuständig ist, jetzt noch in meiner Gegenwart die Weisung erteilen würden, meinem Vater sofort solch eine Spritze zu verabfolgen. Ich ginge sozusagen beruhigter nach Haus – habe ich dem alten Manne doch einen Wunsch erfüllt!«
Der Arzt sah sehr blass in das Gesicht seines Gegenübers.
»Sie meinen also wirklich? Ich soll jetzt auf der Stelle?«, murmelte er.
»Aber kann denn an meiner Meinung noch ein Zweifel bestehen, Herr Oberarzt? Ich finde Sie für einen leitenden Arzt entschieden ein wenig weich. Sie hatten vorhin wirklich ganz recht: Sie hätten eine Napola besuchen und Ihre Führereigenschaften kräftiger entwickeln müssen!« Und er fügte boshaft hinzu: »Freilich gibt es bei Ihrem Geburtsfehler noch andere Erziehungsmöglichkeiten …«
Nach einer langen Pause sagte der Arzt leise: »Ich werde jetzt also gehen und Ihrem Vater seine Spritze machen …«
»Aber, bitte, Herr Doktor Martens, warum lassen Sie das nicht den Oberpfleger tun? Da es doch zu seinen Pflichten zu gehören scheint?«
Der Arzt saß in einem schweren Kampf mit sich. Es war wieder ganz still im Zimmer.
Dann stand er langsam auf. »Ich werde also dem Oberpfleger Bescheid sagen …«
»Ich begleite Sie gerne. Ich interessiere mich mächtig für Ihren Betrieb. Sie verstehen, Aussonderung des nicht Lebenswerten, Sterilisierungen und so weiter …«
Baldur Persicke stand daneben, wie der Arzt dem Oberpfleger seine Weisungen erteilte. Dem Patienten Persicke sei die und die Spritze zu verabfolgen …
»Also eine Kotzspritze, mein Lieber!«, sagte Baldur huldreich. »Wie viel geben Sie denn im Allgemeinen? Soso, na, ein bisschen mehr wird auch nichts schaden, was? Kommen Sie mal, ich habe hier ein paar Zigaretten. Na, nehmen Sie schon die ganze Schachtel, Oberpfleger!«
Der Oberpfleger bedankte sich und ging, die Spritze mit der grünen Flüssigkeit in der Hand.
»Na, da haben Sie aber einen richtigen Bullen zum Oberpfleger! Ich kann mir schon denken, wenn der dazwischenschlägt, gibt’s Kleinholz. Muskeln, Muskeln sind das halbe Leben, Herr Doktor Martens! Na, denn noch meinen schönsten Dank, Herr Oberarzt! Hoffentlich geht die Behandlung recht erfolgreich weiter. Na denn, Heil Hitler!«
»Heil Hitler, Herr Persicke!«
In seinem Dienstzimmer angekommen, sank der Oberarzt Dr. Martens schwer in einen Sessel. Er fühlte, dass er an allen Gliedern zitterte und dass kalter Schweiß seine Stirne bedeckte. Aber er fand noch keine Ruhe. Er stand wieder auf und ging an den Medikamentenschrank. Langsam zog er sich eine Spritze auf. Aber es war keine grüne Flüssigkeit darin, sosehr er auch Grund fühlte, über die ganze Welt und sein Leben insbesondere zu kotzen. Dr. Martens zog Morphium vor.
Er kehrte in seinen Sessel zurück, streckte die Glieder behaglich aus, auf die Wirkung des Narkotikums wartend.
Wie feige ich doch bin!, dachte er. Feige zum Ekeln! Dieser elende, freche Bengel – wahrscheinlich besteht der einzige Einfluss, den er hat, in seiner großen Schnauze. Und ich bin vor ihm gekrochen. Ich hätte es nicht nötig gehabt. Aber immer diese verfluchte Großmutter, und dass ich den Mund nicht halten kann! Und dabei war sie eine so reizende alte Dame, und ich habe sie so geliebt …
Seine Gedanken verloren sich, er sah die alte Dame mit dem feinen Gesicht wieder vor sich. In ihrer Wohnung roch es überall nach dem Potpourritopf mit Rosenblättern und nach Aniskuchen. Sie hatte eine so feine Hand, eine altgewordene Kinderhand …
Und ihretwegen habe ich mich vor diesem Schuft gedemütigt! Aber ich glaube, Herr Persicke, ich werde doch lieber nicht in die Partei eintreten. Ich glaube, dafür ist es zu spät. Es hat schon ein bisschen sehr lange gedauert mit euch!
Er blinzelte, er streckte sich. Er atmete wohlig, jetzt war ihm wieder gut zumute.
Ich werde gleich nachher nach dem Persicke sehen. Mehr Spritzen bekommt er jedenfalls nicht. Hoffentlich übersteht er’s. Gleich nachher sehe ich nach ihm, erst einmal will ich die schönste Wirkung genießen. Aber gleich nachher – Ehrenwort!
57. Otto Quangels anderer Zellengefährte
Als Otto Quangel von einem Aufseher in seine neue Zelle im Untersuchungsgefängnis geführt wurde, stand ein großer Mann vom Tisch auf, an dem er lesend gesessen, und stellte sich unter das Zellenfenster, in der vorschriftsmäßigen Haltung, mit den Händen an der Hosennaht. Aber die Art, wie er diese »Ehrenbezeigung« ausführte, verriet, dass er sie nicht für sehr notwendig hielt.
Der Aufseher winkte auch gleich ab. »Is ja jut, Herr Doktor«, sagte er. »Da haben Sie einen neuen Zellengefährten!«
»Schön!«, sagte der Mann, der aber für Otto Quangel mit seinem dunklen Anzug, seinem Sporthemd und Schlips mehr wie ein »Herr« als wie ein Zellenkamerad aussah. »Schön! Mein Name ist Reichhardt, Musiker. Kommunistischer Umtriebe beschuldigt. Und Sie?«
Quangel fühlte eine kühle, feste Hand in der seinen. »Quangel«, sagte er zögernd. »Ich bin Tischler. Ich soll Hoch- und Landesverrat begangen haben.«
»Ach, Sie!«, rief der Dr. Reichhardt, der Musiker, dem Aufseher nach, der eben die Tür schließen wollte. »Von heut an wieder zwei Portionen, ja?«
»Is ja jut, Herr Doktor!«, sagte der Aufseher. »Weeß ich ja von alleene!«
Und die Tür schloss sich.
Die beiden sahen sich einen Augenblick prüfend an. Quangel war misstrauisch, fast sehnte er sich nach seinem Karlchen Hund im Gestapokeller zurück. Mit diesem feinen Herrn, einem richtigen Doktor, sollte er nun zusammenleben – es war ihm unbehaglich.
Der »Herr« lächelte mit den Augen. Dann sagte er: »Tun Sie nur so, als wenn Sie alleine wären, wenn Ihnen das lieber ist. Ich werde Sie nicht stören. Ich lese viel, ich spiele mit mir selbst Schach. Ich treibe Gymnastik, um den Körper frisch zu erhalten. Manchmal singe ich ein wenig vor mich hin, aber nur ganz leise; es ist natürlich verboten. Würde Sie das stören?«
»Nein, das stört mich nicht«, antwortete Quangel. Und fast wider seinen Willen setzte er hinzu: »Ich komme aus dem Bunker von der Gestapo und habe da an die drei Wochen mit einem Verrückten zusammengesperrt gelebt, der ewig nackt war und Hund spielte. Mich stört so leicht nichts mehr.«
»Gut!«, sagte der Dr. Reichhardt. »Noch schöner wär’s freilich gewesen, wenn Sie Musik ein wenig gefreut hätte. Es ist die einzige Art, sich hier in diesen Mauern Harmonie zu verschaffen.«
»Davon versteh ich nichts«, antwortete Otto Quangel abweisend. Und er setzte hinzu: »Es ist ein mächtig feines Haus gegen das, wo ich gewesen bin, was?«
Der Herr hatte sich wieder an den Tisch gesetzt und sein Buch in die Hand genommen. Er antwortete freundlich: »Ich war da unten auch eine Weile, wo Sie gewesen sind. Ja, etwas besser ist es schon hier. Wenigstens wird man nicht geschlagen. Die Aufseher sind meist stumpf, aber nicht völlig verroht. Doch Gefängnis bleibt Gefängnis, das wissen Sie ja. Ein paar Erleichterungen. Ich darf zum Beispiel lesen, rauchen, mir mein eigenes Essen kommen lassen, eigene Kleidung und Bettwäsche halten. Aber ich bin ein Sonderfall, und auch eine erleichterte Haft bleibt Haft. Man muss erst so weit kommen, dass man die Gitter nicht mehr fühlt.«
»Und sind Sie soweit?«
»Vielleicht. Meistens. Nicht immer. Durchaus nicht immer. Wenn ich zum Beispiel an meine Familie denke, dann nicht.«
»Ich hab nur ’ne Frau«, sagte Quangel. »Hat dieses Gefängnis auch eine Frauenseite?«
»Ja, die gibt es hier, wir sehen aber nie etwas von den Frauen.«
»Natürlich nicht.« Otto Quangel seufzte schwer. »Meine Frau haben sie auch eingesteckt. Hoffentlich haben sie die heute auch hierher gebracht.« Und er setzte hinzu: »Sie ist zu weich für das, was sie im Bunker aushalten musste.«
»Hoffentlich ist sie auch hier«, sagte der Herr freundlich. »Wir werden es durch den Pastor erfahren. Vielleicht kommt er noch heute Nachmittag. Übrigens dürfen Sie sich auch einen Verteidiger nehmen, jetzt, da Sie hier sind.«
Er nickte Quangel freundlich zu, sagte noch: »In einer Stunde gibt es Mittag«, setzte die Lesebrille auf und fing an zu lesen.
Quangel sah einen Augenblick zu ihm hin, aber der Herr wollte nicht weitersprechen, sondern las wirklich.
Komisch, diese feinen Leute!, dachte er. Ich hätt noch ’ne Masse zu fragen gehabt. Aber wenn er nicht will, auch gut. Ich will nicht sein Hund werden, der ihm keine Ruhe lässt.
Und ein wenig gekränkt machte er sich an das Beziehen seines Bettes.
Die Zelle war sehr sauber und hell. Sie war auch nicht gar zu klein, man konnte drei und einen halben Schritt hin- und wieder drei und einen halben Schritt zurückgehen. Das Fenster stand halb offen, die Luft war gut. Es roch hier angenehm; wie Quangel später feststellen konnte, kam dieser gute Geruch von der Seife und der Wäsche des Herrn Reichhardt her. Nach der stickig-stinkenden Atmosphäre des Gestapobunkers fühlte sich Quangel an einen hellen, fröhlichen Ort versetzt.
Nachdem er sein Bett bezogen hatte, setzte er sich darauf und sah zu seinem Zellengenossen hin. Der Herr las. In ziemlich rascher Folge wendete er Blatt um Blatt um. Quangel, der sich nicht erinnern konnte, seit seiner Schulzeit ein Buch gelesen zu haben, dachte verwundert: Was der nur zu lesen hat? Ob der nichts nachzudenken hat, hier, an diesem Ort? Ich könnte nicht so ruhig sitzen und lesen! Ich muss immerzu an Anna denken, und wie alles gekommen ist und wie es weitergeht und ob ich mich auch weiter anständig halte. Er sagt, ich kann mir ’nen Rechtsanwalt nehmen. Aber ein Rechtsanwalt kostet einen Haufen Geld, und was soll er mir nützen, wo ich schon so zum Tode verurteilt bin? Ich habe doch alles zugegeben! So ein feiner Herr – bei dem ist alles anders. Ich hab’s ja gleich gesehen, wie ich reinkam, der Aufseher hat ihn richtig mit Herr und Doktor angeredet. Der wird nicht viel ausgefressen haben – der hat gut lesen. Immerzu lesen …
Der Doktor Reichhardt unterbrach nur zweimal sein vormittägliches Lesen. Das eine Mal sagte er, ohne aufzusehen: »Zigaretten und Streichhölzer liegen im Schränkchen – wenn Sie rauchen mögen?«
Aber als Quangel antwortete: »Ich rauche doch nicht! Dafür ist mir mein Geld zu schade!«, las er schon wieder.
Das andere Mal war Quangel auf den Schemel gestiegen und bemühte sich, auf den Hof hinauszuschauen, von dem das gleichmäßige Scharren vieler Füße ertönte.
»Jetzt lieber nicht, Herr Quangel!«, sagte der Dr. Reichhardt. »Jetzt ist Freistunde. Manche Beamte merken sich genau die Fenster, wo einer rausschaut. Dann fliegt der in die Dunkelzelle bei Wasser und Brot. Abends können Sie meist aus dem Fenster sehen.«
Dann kam das Mittagessen. Quangel, der den liederlich zusammengekochten Fraß des Gestapobunkers gewohnt war, sah mit Staunen, dass es hier zwei große Näpfe mit Suppe gab und zwei Teller mit Fleisch, Kartoffeln und grünen Bohnen. Aber mit noch größerem Erstaunen sah er, wie sein Zellengenosse sich in das Waschbecken ein wenig Wasser tat, sich sorgfältig die Hände wusch und sie dann abtrocknete. Dr. Reichhardt füllte neues Wasser ins Becken und sagte sehr höflich: »Bitte sehr, Herr Quangel!«, und Quangel wusch sich gehorsam auch die Hände, obwohl er doch nichts Schmutziges angefasst hatte.
Dann aßen sie fast schweigend das für Quangel ungewohnt gute Mittagessen.
Es dauerte drei Tage, bis der Werkmeister begriff, dass dieses Essen nicht die übliche vom Volksgericht den Untersuchungshäftlingen gespendete Kost war, sondern Herrn Dr. Reichhardts privates Essen, an dem er seinen Zellengenossen ohne alles Aufheben teilnehmen ließ. Wie er auch bereit war, Quangel von allem abzugeben, von seinen Rauchwaren, der Seife, seinen Büchern; der andere musste nur wollen.
Und es dauerte noch einige Tage länger, bis Otto Quangel sein plötzlich angesichts all solcher Freundlichkeiten gegen Dr. Reichhardt aufgekommenes Misstrauen überwand. Wer solche ungeheuerlichen Vergünstigungen genoss, musste ein Spitzel des Volksgerichts sein, dieser Gedanke hatte sich in Otto Quangel festgesetzt. Wer solche Gefälligkeiten erwies, der musste vom anderen was wollen. Nimm dich in acht, Quangel!
Aber was konnte der Mann von ihm wollen? In Quangels Fall lag alles klar, auch vor dem Untersuchungsrichter des Volksgerichts hatte er nüchtern und ohne viel Worte die Aussagen wiederholt, die er schon vor den Kommissaren Escherich und Laub gemacht hatte. Er hatte alles erzählt, wie es wirklich gewesen war, und wenn die Akten noch immer nicht zur Anklageerhebung und Festsetzung des Verhandlungstermins weitergegeben waren, so lag das nur daran, dass Frau Anna mit einer Hartnäckigkeit sondergleichen darauf bestand, sie habe eigentlich alles getan und ihr Mann sei nur ein Werkzeug in ihrer Hand gewesen. Aber das alles gab keinerlei Grund ab, kostbare Zigaretten und sättigendes, sauberes Essen an Quangel zu verschenken. Der Fall lag klar, es gab an ihm nichts zu bespitzeln.
Richtig überwand Quangel sein Misstrauen gegen Dr. Reichhardt erst in einer Nacht, da sein Zellenkamerad, der überlegene, feine Herr, ihm flüsternd gestand, dass auch er noch oft eine grauenhafte Angst vor dem Tode habe, sei es nun Fallbeil oder Strick; der Gedanke daran beschäftige ihn oft stundenlang. Dr. Reichhardt gestand nun auch ein, dass er oft nur mechanisch die Seiten seines Buches umwendete: vor den Augen stand ihm nicht die schwarze Druckschrift, sondern ein grau zementierter Gefängnishof, ein Galgen mit einem sachte im Winde baumelnden Strick, der aus einem gesunden, kräftigen Manne in drei bis fünf Minuten ein widerliches, verrecktes Stück Kadaver machte.
Aber noch grauenhafter als dieses Ende, dem Dr. Reichhardt (seiner festen Annahme nach) mit jedem Tag seines Lebens unaufhaltsam nähergebracht wurde, noch grauenhafter war ihm der Gedanke an seine Familie. Quangel erfuhr, dass Reichhardt von seiner Frau drei Kinder hatte, zwei Jungen, ein Mädel, das älteste elf, das jüngste erst vier Jahre alt. Und Reichhardt hatte oft Angst, grauenhafte, panische Angst, dass die Verfolger sich nicht mit der Ermordung des Vaters begnügen, sondern dass sie ihre Rache auch auf die unschuldige Frau und die Kinder ausdehnen, sie in ein KZ verschleppen und langsam zu Tode martern würden.
Angesichts dieser Sorgen wurde nicht nur Quangels Misstrauen weggefegt, sondern er kam sich auch wie ein vergleichsweise begünstigter Mann vor. Er hatte nur um Anna zu sorgen, und wenn ihre Aussagen auch widersinnig und töricht waren, so sah er doch aus ihnen, dass Anna Mut und Kraft zurückgewonnen hatte. Eines Tages würden sie beide gemeinsam sterben müssen, aber das Sterben wurde leichter gemacht dadurch, dass es gemeinschaftlich geschah, dass sie niemanden auf der Erde zurückließen, um den sie sich in ihrer Todesstunde noch ängstigen mussten. Die Qualen, die Dr. Reichhardt um seine Frau und seine drei Kinder leiden musste, waren unvergleichlich größer. Sie würden ihn bis in die letzte Sekunde seines Sterbens begleiten, das begriff der alte Werkmeister wohl.