Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 37
Was Dr. Reichhardt eigentlich verbrochen haben sollte, dass ihm der Tod so gewiss schien, erfuhr Quangel nie ganz genau. Es schien ihm, als habe sein Zellengefährte sich nicht so sehr aktiv gegen die Hitlerdiktatur vergangen, sich nicht verschworen, keine Plakate geklebt, keine Attentate vorbereitet, als vielmehr nur so gelebt, wie es seiner Überzeugung entsprach. Er hatte sich allen nationalsozialistischen Lockungen entzogen, er hatte nie mit Wort oder Tat oder Geld zu ihren Sammlungen etwas beigesteuert, aber er hatte oft seine warnende Stimme erhoben. Er hatte klar gesagt, für wie unheilvoll er den Weg hielt, den das deutsche Volk unter dieser Führung ging, kurz, er hatte all das, was Quangel in wenigen Sätzen unbeholfen auf Postkarten geschrieben hatte, zu jedem geäußert, im Inlande wie im Auslande. Denn bis in die letzten Kriegsjahre hinein hatten den Dr. Reichhardt seine Konzerte noch ins Ausland geführt.
Es brauchte sehr viel Zeit, bis der Tischler Quangel sich ein einigermaßen klares Bild von der Art der Arbeit machte, die Dr. Reichhardt draußen in der Welt geleistet hatte – und ganz klar wurde dieses Bild nie, und ganz als Arbeit sah er in seinem tiefsten Innern die Tätigkeit Reichhardts nie an.
Als er zuerst gehört hatte, dass Reichhardt Musiker war, hatte er an die Musikanten gedacht, die in den kleinen Kaffeehäusern zum Tanz aufspielen, und er hatte mitleidig und verächtlich über solche Arbeit für einen starken Mann mit gesunden Gliedern gelächelt. Das war genau wie das Lesen etwas Überflüssiges, auf das nur feine Leute gerieten, die keine vernünftige Arbeit hatten.
Reichhardt musste es dem alten Mann weitläufig und immer wieder erklären, was ein Orchester war und was ein Dirigent tat. Quangel wollte das immer wieder hören.
»Und dann stehen Sie also mit einem Stöckchen vor Ihren Leuten und machen nicht mal selbst Musik …?«
Ja, so sei es wohl.
»Und nur dafür, dass Sie anzeigen, wann jeder losspielen muss und wie laut – nur dafür bekommen Sie so viel Geld?«
Ja, Herr Dr. Reichhardt fürchtete, so sei es wohl, nur dafür bekam er so viel Geld.
»Aber Sie können doch selbst Musik machen, auf der Geige oder auf dem Klavier?«
»Ja, das kann ich. Aber ich tue es nicht, wenigstens nie vor dem Publikum. Sehen Sie mal, Quangel, das ist doch ähnlich wie bei Ihnen: auch Sie können hobeln und sägen und Nägel einklopfen. Aber Sie haben es nicht getan, Sie haben nur die anderen beaufsichtigt.«
»Ja, damit sie möglichst viel schaffen. Haben denn Ihre Leute dadurch, dass Sie dastanden, nun schneller und mehr gespielt?«
»Nein, das haben sie freilich nicht getan.«
Schweigen.
Dann sagte Quangel plötzlich: »Und bloß Musik … Sehen Sie, wenn wir in unsern guten Zeiten gearbeitet haben, nicht bloß Särge, sondern Möbel, Anrichten und Bücherschränke und Tische, da haben wir was gearbeitet, was sich sehen lassen konnte! Beste Tischlerarbeit, verzapft und geleimt, was noch in hundert Jahren hält. Aber bloß Musik – wenn Sie aufhören, ist nichts von Ihrer Arbeit geblieben.«
»Doch, Quangel, die Freude in den Menschen, die gute Musik hören, die bleibt.«
Nein, in diesem Punkte kamen sie nie zu einem vollen Einverständnis; eine leise Verachtung für die Tätigkeit des Dirigenten Reichhardt blieb in Quangel zurück.
Aber er sah, dass der andere ein Mann war, ein aufrechter, wahrhaftiger Mann, der unter Bedrohungen und Schrecknissen sein Leben unbeirrt weitergelebt hatte, stets freundlich, stets hilfsbereit. Staunend begriff Otto Quangel, dass die Freundlichkeiten, die ihm Reichhardt erwies, nicht speziell ihm galten, sondern dass er sie jedem Zellengenossen erwiesen hätte, zum Beispiel auch dem »Hund«. Einige Tage hatten sie einen kleinen Dieb in der Zelle, ein verdorbenes, verlogenes Geschöpf, und dieser Bengel nützte die Freundlichkeiten des Doktors hohnlachend aus; er rauchte ihm all seine Zigaretten fort, er verhandelte seine Seife an den Kalfaktor, er stahl das Brot. Quangel hätte diese Kreatur am liebsten verprügelt, oh, der alte Werkmeister hätte den Bengel schon zurechtgestutzt. Aber der Doktor wollte das nicht haben, er nahm den Dieb, der seine Güte als Schwäche verspottete, in Schutz.
Als der Kerl schließlich aus ihrer Zelle geholt worden war, als sich herausgestellt hatte, dass er in unbegreiflicher Bosheit ein Bild, das einzige Bild, das Dr. Reichhardt von Frau und Kindern besaß, zerrissen hatte, als der Doktor trauernd vor den Fetzen dieses Bildes saß, die sich doch nicht wieder zusammenfügen lassen wollten, und als Quangel da zornig sagte: »Wissen Sie, Herr Doktor, ich glaube manchmal, Sie sind wirklich schlapp. Wenn Sie mir gleich erlaubt hätten, den Schuft ordentlich zusammenzustauchen, da hätte so was nicht passieren können« – da antwortete der Dirigent mit einem traurigen Lächeln: »Wollen wir denn werden wie die anderen, Quangel? Die glauben doch, dass sie uns mit Schlägen zu ihren Ansichten bekehren können! Aber wir glauben nicht an die Herrschaft der Gewalt. Wir glauben an Güte, Liebe, Gerechtigkeit.«
»Güte und Liebe für solch einen boshaften Affen!«
»Wissen Sie denn, wie er so boshaft wurde? Wissen Sie, ob er sich jetzt nicht gegen Güte und Liebe nur wehrt, weil er Angst davor hat, wenn er nicht mehr schlecht ist, anders leben zu müssen? Hätten wir den Jungen nur noch vier Wochen in unserer Zelle gehabt, Sie hätten die Wirkung schon gespürt.«
»Man muss auch hart sein können, Doktor!«
»Nein, das muss man nicht. Solch ein Satz gibt die Entschuldigung für jede Lieblosigkeit ab, Quangel!«
Quangel bewegte unmutig den Kopf mit dem scharfen, harten Vogelgesicht hin und her. Aber er widersprach nicht weiter.
58. Das Leben in der Zelle
Sie gewöhnten sich aneinander, sie wurden Freunde, soweit ein harter, trockener Mensch wie Otto Quangel der Freund eines aufgeschlossenen, gütigen Menschen werden konnte. Ihr Tag war – durch Reichhardt – fest eingeteilt. Der Doktor stand sehr früh auf, er wusch sich kalt am ganzen Leibe, machte eine halbe Stunde Gymnastikübungen und reinigte dann selbst die Zelle. Später, nach dem Frühstück, las Reichhardt zwei Stunden und ging dann eine Stunde lang in der Zelle auf und ab, wobei er nie vergaß, die Schuhe auszuziehen, um seine Nachbarn in der Zelle darüber und darunter nicht durch sein ständiges Aufundabgehen nervös zu machen.
Bei diesem Morgenspaziergang, der von zehn bis elf Uhr dauerte, sang Dr. Reichhardt vor sich hin. Meist summte er nur ganz leise, denn vielen Aufsehern war kaum etwas Gutes zuzutrauen, und Quangel hatte sich daran gewöhnt, diesem Summen zu lauschen. So wenig er auch von der Musik halten mochte, er merkte doch, dass dieses Summen ihn beeinflusste. Manchmal machte es ihn mutig und stark genug, jedes Schicksal zu ertragen, dann sagte Reichhardt wohl: »Beethoven«. Und manchmal machte es ihn auf eine unbegreifliche Art leicht und fröhlich, wie er es nie in seinem Leben gewesen war, dann sagte Reichhardt: »Mozart«, und Quangel wusste nichts mehr von seinen Sorgen. Und wiederum kam es dunkel und schwer von des Doktors Munde, dann war es manchmal wie ein Schmerz in Quangels Brust und wieder, als säße er als Junge mit seiner Mutter in der Kirche: das ganze Leben lag noch vor ihm, und das war etwas Großes. Reichhardt aber sagte: »Johann Sebastian Bach«.
Ja, Quangel, der immer weiter wenig von der Musik hielt, konnte sich doch nicht ganz ihrem Einfluss entziehen, so primitiv das Singen und Summen des Doktors auch war. Er gewöhnte sich daran, auf einem Schemel sitzend, ihm zu lauschen, wie er dort auf und ab ging, meist geschlossenen Auges, denn die Füße kannten den schmalen, kurzen Zellenweg. Quangel sah dem Mann ins Gesicht, diesem feinen Herrn, mit dem er draußen in der Welt nicht ein Wort zu reden gewusst hätte, und manchmal kamen ihm Zweifel, ob er denn sein eigenes Leben wohl auf die richtige Art geführt hätte, getrennt von allen anderen, ein Leben selbstgewollter Vereinzelung.
Der Dr. Reichhardt sagte auch manchmal: »Wir leben nicht für uns, sondern für die anderen. Was wir aus uns machen, machen wir nicht für uns aus uns, sondern nur für die anderen …«
Ja, es war kein Zweifel: über die fünfzig hinaus, gewiss eines nahen Todes, wandelte sich Quangel noch. Er sah es nicht gerne, er wehrte sich dagegen, und doch merkte er immer stärker, dass er sich wandelte, nicht nur durch die Musik, sondern vor allem durch das Beispiel des summenden Mannes. Er, der seiner Anna so oft den Mund verboten hatte, der Stille um sich für den erstrebenswertesten Zustand hielt, er ertappte sich dabei, dass er sich danach sehnte, der Dr. Reichhardt möge doch endlich einmal das Buch aus der Hand legen und wieder ein Wort zu ihm sprechen.
Meist geschah es dann nach seinem Sehnen. Plötzlich sah der Doktor vom Lesen hoch und fragte lächelnd: »Nun, Quangel?«
»Nichts, Herr Doktor.«
»Sie sollten nicht so viel sitzen und grübeln. Wollen Sie es nicht doch einmal mit dem Lesen versuchen?«
»Nein, dafür ist es zu spät für mich.«
»Vielleicht haben Sie recht. Was haben Sie sonst getrieben nach Ihrer Arbeit? Sie können nicht die ganze Zeit, wenn Sie nicht in der Werkstatt waren, tatenlos zu Haus gesessen haben, ein Mann wie Sie!«
»Da habe ich meine Karten geschrieben.«
»Und früher, als noch kein Krieg war?«
Quangel musste erst richtig überlegen, was er früher getan hatte. »Ja, ganz früher habe ich gerne geschnitzt.«
Und der Doktor sagte nachdenklich: »Tja, das werden sie uns freilich nicht erlauben: Messer. Wir dürfen den Henker doch nicht um seine Gebühren bringen, Quangel!«
Und Quangel, zögernd: »Wie ist das, Doktor, Sie spielen Schach immer mit sich allein? Man kann das doch auch zu mehreren spielen?«
»Ja, zu zweien. Hätten Sie Lust, es zu lernen?«
»Ich glaube, ich bin zu dumm dafür.«
»Unsinn! Wir wollen es gleich einmal versuchen.«
Und der Dr. Reichhardt klappte sein Buch zu.
So lernte Quangel noch das Schachspiel. Er lernte es zu seiner Überraschung sehr schnell und ohne alle Schwierigkeiten. Und er erfuhr wieder einmal, dass etwas, was er früher gedacht hatte, grundfalsch war. Er hatte es ein bisschen albern und kindisch gefunden, wenn er in einem Kaffeehause gesehen hatte, wie zwei Männer Holzstückchen zwischen sich hin und her schoben, er hatte es Zeit totschlagen genannt, etwas für Kinder.
Nun erfuhr er, dass dies Hin- und Herschieben von Hölzchen auch etwas wie Glück geben konnte, eine Klarheit im Kopf, die tiefe, ehrliche Freude über einen schönen Zug, die Entdeckung, dass es sehr wenig darauf ankam, ob man gewann oder verlor, dass vielmehr die Freude an einer schön gespielten verlorenen Partie weit größer war als die über ein Spiel, das er durch einen Fehler des Doktors gewonnen hatte.
Wenn jetzt der Dr. Reichhardt las, saß Quangel ihm gegenüber, das Schachbrett mit den schwarzen und weißen Figuren vor sich, daneben den Reclam-Band: Dufresne, Lehrbuch des Schachspiels, und er übte sich in Eröffnungen und Endspielen. Später ging er zum Nachspielen ganzer Meisterpartien über, sein klarer, nüchterner Kopf behielt mühelos zwanzig, dreißig Züge, und schnell kam der Tag, da er der überlegene Spieler war.
»Schach und matt, Herr Doktor!«
»Da haben Sie mich also wieder drangekriegt, Quangel!«, sagte der Doktor und neigte seinen König grüßend vor dem Gegner. »Sie haben das Zeug zu einem sehr guten Spieler in sich.«
»Ich denke jetzt manchmal, Herr Doktor, zu was allem ich wohl das Zeug in mir habe, von dem ich früher nichts wusste. Erst seit ich Sie kenne, erst seitdem ich zum Sterben in diesen Zementkasten gekommen bin, erfahre ich, wie viel ich in meinem Leben doch verpasst habe.«
»Das wird jedem so gehen. Jeder, der sterben muss, und vor allem jeder, der wie wir vor seiner Zeit sterben muss, wird sich über jede vertrödelte Stunde seines Lebens grämen.«
»Aber bei mir ist es doch noch ganz anders, Herr Doktor. Ich hab immer gedacht, es ist genug, wenn ich mein Handwerk ordentlich tue und nichts verlumpe. Und nun erfahre ich, ich hätte noch ’ne ganze Menge andere Dinge tun können: Schach spielen, nett zu den Menschen sein, Musik hören, ins Theater gehen. Wirklich, Herr Doktor, wenn ich vor meinem Sterben noch einen Wunsch äußern dürfte, ich möchte Sie mal mit Ihrem Stöckchen in so einem großen Symphoniekonzert sehen, wie Sie’s nennen. Ich bin neugierig, wie das aussieht und wie es auf mich wirken würde.«
»Keiner kann nach allen Richtungen leben, Quangel. Das Leben ist so reich. Sie würden sich zersplittert haben. Sie haben Ihre Arbeit getan und sich immer als ganzer Mann gefühlt. Als Sie noch draußen waren, hat Ihnen nichts gefehlt, Quangel. Sie haben Ihre Postkarten geschrieben …«
»Aber sie haben doch nichts genützt, Herr Doktor! Ich habe gedacht, es haut mich hin, wie der Kommissar Escherich mir beweist, dass von 285 Karten, die ich geschrieben, 267 in seine Hände geraten sind! Nur 18 nicht erwischt! Und diese 18 haben auch nichts gewirkt!«
»Wer weiß? Und Sie haben doch wenigstens dem Schlechten widerstanden. Sie sind nicht mit schlecht geworden. Sie und ich und die vielen hier in diesem Hause und viele, viele in anderen festen Häusern und die Zehntausende in den KZs – sie widerstehen alle noch, heute, morgen …«
»Ja, und dann wird uns das Leben genommen, und was hat dann unser Widerstand genützt?«
»Uns – viel, weil wir uns bis zum Tode als anständige Menschen fühlen können. Und mehr noch dem Volke, das errettet werden wird um der Gerechten willen, wie es in der Bibel heißt. Sehen Sie, Quangel, es wäre natürlich hundert Mal besser gewesen, wir hätten einen Mann gehabt, der uns gesagt hätte: So und so müsst ihr handeln, das und das ist unser Plan. Aber wenn ein solcher Mann in Deutschland gewesen wäre, dann wäre es nie zu 1933 gekommen. So haben wir alle einzeln handeln müssen, und einzeln sind wir gefangen, und jeder wird für sich allein sterben müssen. Aber darum sind wir doch nicht allein, Quangel, darum sterben wir doch nicht umsonst. Umsonst geschieht nichts in dieser Welt, und da wir gegen die rohe Gewalt für das Recht kämpfen, werden wir am Schluss doch die Sieger sein.«
»Und was werden wir davon haben, da unten in unsern Gräbern?«
»Aber, Quangel! Möchten Sie denn lieber für eine ungerechte Sache leben als für eine gerechte sterben? Es gibt doch gar keine Wahl, weder für Sie noch für mich. Weil wir sind, die wir sind, mussten wir diesen Weg gehen.«
Lange schwiegen sie.
Dann fing Quangel wieder an: »Dieses Schachspiel …«
»Ja, Quangel, was ist damit?«
»Ich denke manchmal, ich tue unrecht damit. Viele Stunden habe ich nur das Schach im Kopf, und ich habe doch noch eine Frau …«
»Sie denken genug an Ihre Frau. Sie wollen stark und mutig bleiben; alles, was Sie stark und mutig erhält, ist gut, und was Sie schwach und zweiflerisch macht wie Grübeln, ist schlecht. Was nützt Ihrer Frau das Grübeln? Ihr nützt, wenn der Pastor Lorenz ihr wieder einmal sagen kann, dass Sie stark und mutig sind.«
»Aber er kann, seit sie diese Zellengenossin hat, nicht mehr offen mit ihr sprechen. Der Pastor hält das Weib auch für eine Spionin.«
»Der Pastor wird es Ihrer Frau schon begreiflich machen, dass es Ihnen gut geht und dass Sie sich stark fühlen. Dafür genügt schließlich ein Kopfnicken, ein Blick. Der Pastor Lorenz kennt sich aus.«
»Ich möchte ihm gern einmal einen Brief an Anna mitgeben«, sagte Quangel nachdenklich.
»Tun Sie das lieber nicht. Er würde es nicht abschlagen, aber Sie würden sein Leben in Gefahr bringen. Sie wissen ja, ihm wird ständig misstraut. Es wäre schlimm, wenn auch unser guter Freund in eine solche Zelle käme. Er wagt ja schon so eigentlich jeden Tag sein Leben.«
»Ich werde also keinen Brief schreiben«, sagte Otto Quangel.
Und er tat es auch nicht, obwohl ihm der Pastor am nächsten Tag eine schlimme Nachricht brachte, eine sehr schlimme Nachricht, ganz besonders auch für Anna Quangel. Der Werkmeister bat ihn nur, diese sehr schlimme Nachricht jetzt noch nicht seiner Frau zu bringen.
»Jetzt noch nicht, bitte nicht, Herr Pastor!«
Und der Pastor versprach das auch.
»Nein, noch nicht; Sie werden es mir sagen, wenn es so weit ist, Herr Quangel.«
59. Der gute Pastor
Pastor Friedrich Lorenz, der unermüdlich im Gefängnis seinen Dienst verrichtete, war ein Mann in den besten Jahren, das heißt um die Vierzig herum, sehr lang, schmalbrüstig, ewig hüstelnd, ein von der Tuberkulose Gezeichneter, der seine Krankheit ignorierte, weil die Arbeit ihm für die Pflege und Heilung seines Körpers keine Zeit ließ. Sein blasses Gesicht mit dunklen Augen hinter Brillengläsern und der schmalrückigen, feinen Nase hatte einen Backenbart, aber die Mundpartie war stets tadellos rasiert und zeigte einen schmallippigen, blassen, großen Mund und ein festes rundes Kinn.
Dies war der Mann, auf den Hunderte von Gefangenen jeden Tag warteten, der einzige Freund, den sie in diesem Hause wussten, der noch eine Brücke zur Außenwelt war, dem sie ihre Sorgen und Nöte vortrugen und der half, soviel in seiner Macht stand, jedenfalls bei Weitem mehr, als ihm gestattet war. Unermüdlich ging er von Zelle zu Zelle, nie abgestumpft gegen das Leiden der anderen, stets sein eigenes Leid vergessend, völlig furchtlos, was die eigene Person anging. Ein wahrer Seelsorger, der nie nach dem Bekenntnis, nach dem Glauben der Hilfesuchenden fragte, der mit ihnen betete, wenn es erbeten wurde, und der sonst nur der Bruder Mensch war.
Der Pastor Friedrich Lorenz steht vor dem Pult des Gefängnisdirektors, Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn, zwei rote Flecke zeichnen sich auf seinen Backen ab, aber er sagt ganz ruhig: »Das ist der siebente durch Vernachlässigung hervorgerufene Todesfall in den letzten zwei Wochen.«
»Auf dem Totenschein steht Lungenentzündung«, widerspricht der Direktor, sieht aber dabei von seiner Schreiberei nicht auf.
»Der Arzt tut seine Pflicht nicht«, sagt der Pastor hartnäckig und klopft dabei sanft mit dem Knöchel auf den Schreibtisch, als begehre er Einlass bei dem Direktor. »Es tut mir leid, sagen zu müssen, der Arzt trinkt zu viel. Seine Patienten vernachlässigt er.«
»Oh, der Doktor ist schon ganz in Ordnung«, antwortet der Direktor flüchtig und schreibt weiter. Er gewährt dem Pastor keinen Einlass. »Ich wollte, Sie wären ebenso in Ordnung, Herr Pastor. Wie ist es, haben Sie Nummer 397 einen Kassiber zugesteckt oder nicht?«
Jetzt endlich begegnen sich der beiden Blicke, der des rotgesichtigen Direktors mit seinem Gesicht voller Schmisse und der Blick des von seinem Fieber verbrannten Geistlichen.
»Es ist der siebente Todesfall in zwei Wochen«, sagt Pastor Lorenz beharrlich. »Das Gefängnis braucht einen neuen Arzt.«
»Ich fragte Sie eben etwas, Herr Pastor. Würden Sie mir gütigst antworten?«
»Jawohl, ich habe Nummer 397 einen Brief übergeben, aber keinen Kassiber. Es war ein Brief seiner Frau, der ihm meldet, dass der dritte Sohn dieses Mannes nun doch nicht gefallen, sondern in Kriegsgefangenschaft geraten ist. Zwei Söhne hat er schon verloren, den dritten glaubte er auch tot.«
»Sie finden stets einen Grund, die Gefängnisordnung zu übertreten, Herr Pastor. Aber ich sehe mir dieses Spiel nicht lange mehr an.«
»Ich bitte um Ablösung des Arztes«, wiederholt der Pastor hartnäckig und klopft wieder leise auf den Schreibtisch.
»Ach was!«, schreit der rotgesichtige Direktor plötzlich los. »Belästigen Sie mich nicht mehr mit Ihrem blöden Geschwätz! Der Doktor ist gut, er bleibt! Und Sie, sehen Sie zu, dass Sie die Gefängnisordnung befolgen, sonst passiert Ihnen noch was!«
»Was kann mir passieren?«, fragte der Pastor. »Ich kann sterben. Und ich werde sterben. Sehr bald. Ich bitte nochmals um die Ablösung des Arztes.«
»Sie sind ein Narr, Pastor«, sagte der Direktor kalt. »Ich nehme an, Ihre Schwindsucht hat Sie ein bisschen verrückt gemacht. Wenn Sie nicht so ein harmloser Trottel wären – eben ein Narr! –, wären Sie längst gehängt. Aber ich habe Mitleid mit Ihnen.«
»Wenden Sie Ihr Mitleid lieber Ihren Gefangenen zu«, antwortete der Pastor ebenso kalt. »Und sorgen Sie für einen pflichtbewussten Arzt.«
»Sie machen die Tür jetzt am besten von außen zu, Herr Pastor.«
»Ich habe Ihr Versprechen, dass Sie für einen anderen Arzt sorgen?«
»Nein, nein, zum Donnerwetter, nein! Scheren Sie sich zum Henker!«
Jetzt war der Direktor doch in Wut geraten, er war aufgesprungen hinter seinem Schreibtisch und hatte zwei Schritte auf den Pastor zu gemacht. »Soll ich Sie mit Körpergewalt rausschmeißen, wollen Sie das?«
»Es würde nicht gut für die Gefangenen draußen in der Schreibstube aussehen. Es würde das bisschen Ansehen, das die Staatsautorität bei ihnen noch genießt, noch weiter erschüttern. Aber immerhin, wie Sie wollen, Herr Direktor!«
»Narr!«, sagte der Direktor, war aber durch den Hinweis des Pastors so weit ernüchtert, dass er sich wieder auf seinen Stuhl setzte. »Gehen Sie jetzt. Ich habe zu arbeiten.«
»Die dringendste Arbeit ist die Bestellung eines neuen Arztes.«
»Glauben Sie, durch Ihre Hartnäckigkeit etwas zu erreichen? Gerade das Gegenteil erreichen Sie! Der Doktor bleibt nun erst recht!«
»Ich erinnere mich«, sagte der Pastor, »eines Tages, da Sie selbst mit diesem Arzt nicht ganz zufrieden waren. Es war Nacht, es stürmte. Sie hatten um andere Ärzte geschickt und telefoniert, die nicht kamen. Ihr sechsjähriger Berthold hatte eine Vereiterung des Mittelohrs, er wimmerte vor Schmerzen. Es bestand Lebensgefahr. Ich holte auf Ihre Bitten den Gefängnisarzt. Er war betrunken. Beim Anblick des sterbenden Kindes verlor er den Rest seiner Besinnung; er verwies auf seine zitternden Hände, die jeden chirurgischen Eingriff unmöglich machten, und brach in Tränen aus.«
»Der betrunkene Schuft!«, murmelte der Direktor, der plötzlich finster geworden war.
»Ihr Berthold ist gerettet worden damals, durch einen anderen Arzt. Aber was einmal geschah, kann sich wiederholen. Sie rühmen sich, kein Christ zu sein, Herr Direktor, trotzdem sage ich Ihnen: Gott lässt seiner nicht spotten!«
Der Gefängnisdirektor sagte mit Überwindung, ohne hochzusehen: »Also gehen Sie jetzt, Herr Pastor.«
»Und der Arzt?«
»Ich will sehen, was sich tun lässt.«
»Ich danke Ihnen, Herr Direktor. Viele werden Ihnen danken.«
Der Geistliche ging durch das Gefängnis, in seinem abgetragenen schwarzen Rock, dessen Ellenbogen grau schimmerten, mit seinen ausgebeutelten schwarzen Hosen, den dicksohligen, gefetteten Schuhen und der verrutschten schwarzen Binde, eine skurrile Figur. Manche von den Wärtern grüßten ihn, andere wandten sich ostentativ bei seinem Nahen um und spähten ihm dann argwöhnisch nach, sobald er vorüber war. Aber alle auf den Gängen beschäftigten Gefangenen hatten einen Blick für ihn (da sie ihn nicht grüßen durften), einen Blick voller Dankbarkeit.
Der Geistliche geht durch viele Eisentüren, über eiserne Treppen, sich am eisernen Geländer festhaltend. Aus einer Zelle hört er Weinen, er bleibt einen Augenblick stehen, schüttelt dann aber den Kopf und geht eilig weiter. Er kommt durch einen eisernen Kellergang, rechts und links gähnen die offenen Türen der Dunkelzellen, der Strafzellen, vor ihm brennt in einem Raume Licht. Der Pastor bleibt stehen und sieht hinein.
In dem hässlichen, schmutzigen Raum sitzt an einem Tisch ein Mann mit einem grauen, finsteren Gesicht und starrt mit fischigen Augen auf sieben Männer, die, erbärmlich vor Kälte zitternd, splitternackt vor ihm stehen, unter der Aufsicht von zwei Wachtmeistern.
»Na, ihr meine Hübschen!«, grölt der Mann. »Was wackelt ihr denn so? Ein bisschen kalt, wie? Oh, nicht doch, was Kälte ist, das werdet ihr erst erleben, wenn ihr im Bunker sitzt, zwischen Eisen und Zement, bei Wasser und Brot …«
Er unterbricht sich. Er hat die schweigende, beobachtende Gestalt in der Tür gesehen.
»Hauptwachtmeister«, befiehlt er mürrisch. »Führen Sie die Leute ab! Alle gesund und dunkelarrestfähig. Hier haben Sie den Wisch!«
Er hat seinen Namen unter eine Liste gesetzt und gibt sie dem Beamten.
Die Gefangenen gehen an dem Pastor vorüber, nicht ohne einen erbarmungswürdigen Blick auf ihn zu werfen, in dem doch schon eine leise Hoffnung glimmt.
Der Pastor wartet, bis der Letzte von ihnen verschwunden ist, dann erst tritt er ganz in den Raum und sagt leise: »Also 352 ist nun auch tot. Und ich hatte Sie doch gebeten …«
»Was kann ich machen, Pastor? Ich selbst habe heute zwei Stunden bei dem Manne gesessen und ihm Umschläge gemacht.«
»Dann muss ich geschlafen haben. Ich glaubte bisher, ich hätte die ganze Nacht bei 352 gesessen. Und es war auch mit seiner Lunge nichts, Herr Doktor, 357 hatte eine Lungenentzündung. Der tote Hergesell auf 352 hatte einen Schädelbruch.«
»Sie sollten an meiner Stelle hier Arzt sein«, sagte der schwammige Mann spöttisch. »Ich kann ja den Seelsorger machen.«
»Ich fürchte nur, Sie würden einen noch schlechteren Seelsorger abgeben als Arzt.«
Der Doktor lachte. »Wenn Sie frech werden, Pfäfflein, liebe ich Sie. Darf ich nicht einmal Ihre Lunge untersuchen?«
Der Pastor sagte unbeirrt: »Nein, das dürfen Sie nicht, das wollen wir lieber einem anderen Arzt überlassen.«
»Aber auch ohne Untersuchung kann ich Ihnen mitteilen, dass Sie es kein Vierteljahr mehr machen werden«, fuhr der Arzt boshaft fort. »Ich weiß, Sie werfen schon seit Mai Blut aus – nein, es wird nicht mehr lange dauern bis zum ersten Blutsturz.«
Der Pastor war bei dieser grausamen Eröffnung vielleicht einen Schatten blasser geworden, aber seine Stimme schwankte nicht, als er sagte: »Und wie viel Zeit werden die Leute, die Sie eben in Dunkelarrest haben abführen lassen, bis zu ihrem ersten Blutsturz noch haben, Herr Medizinalrat?«
»Die Leute sind sämtlich gesund und dunkelarrestfähig – laut ärztlichem Befund.«
»Freilich sind sie gar nicht erst untersucht worden.«
»Wollen Sie meine Amtsführung kontrollieren? Ich warne Sie! Ich weiß mehr von Ihnen, als Sie glauben!«
»Und mit meinem ersten Blutsturz wird Ihr Wissen wertlos! Übrigens habe ich ihn schon hinter mir …«
»Was? Was haben Sie hinter sich?!«
»Meinen ersten Blutsturz – vor drei oder vier Tagen.«
Der Arzt stand schwerfällig auf. »Also kommen Sie mit mir, Pfäffchen, ich werde Sie oben in meiner Bude untersuchen. Ich werde erreichen, dass Sie sofort Urlaub bekommen. Wir werden einen Antrag machen, dass Sie in die Schweiz dürfen, und bis der bewilligt ist, schicke ich Sie nach Thüringen.«
Der Pastor, nach dessen Arm der Halbtrunkene gegriffen hatte, stand unbeweglich. »Und was wird unterdes mit den Männern im Dunkelarrest? Zwei von ihnen sind bestimmt nicht fähig, die Nässe, die Kälte und den Hunger dort zu ertragen, und allen sieben würde es dauernden Schaden tun.«
Der Arzt antwortete: »Sechzig Prozent der Leute in diesem Hause werden hingerichtet. Ich schätze, dass mindestens fünfunddreißig Prozent der übrigen zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt werden. Was kommt es also darauf an, ob sie ein Vierteljahr früher oder später sterben?«
»Da Sie so denken, haben Sie kein Recht mehr, sich hier Arzt zu nennen. Treten Sie von Ihrem Amt zurück!«
»Der nach mir kommt, wird auch nicht anders sein. Warum also ändern?« Der Medizinalrat lachte. »Kommen Sie, Pastor, lassen Sie sich untersuchen. Sie wissen doch, ich habe eine Schwäche für Sie, trotzdem Sie ständig gegen mich wühlen und hetzen. Sie sind so ein prachtvoller Don Quichotte!«
»Ich habe eben auch gegen Sie gewühlt und gehetzt. Ich habe beim Direktor Ihre Ablösung beantragt und eine Dreiviertelzusage bekommen.«
Der Arzt fing an zu lachen. Er klopfte dem Pastor auf die Schulter und rief: »Aber das ist ja prächtig von Ihnen, Pfäfflein, da muss ich Ihnen ja direkt dankbar sein. Denn wenn ich abgelöst werde, falle ich bestimmt die Treppe hinauf, werde Obermedizinalrat und brauche gar nichts mehr zu tun. Meinen innigsten Dank, Pfäfflein!«
»Zeigen Sie ihn dadurch, dass Sie den Kraus und den kleinen Wendt aus dem Dunkelarrest holen. Sie überstehen ihn nicht lebend. Wir haben in den letzten beiden Wochen schon sieben Todesfälle durch Ihre Nachlässigkeit gehabt.«
»Sie Schmeichler! Aber ich kann Ihnen nun mal keinen Korb geben. Ich werde die beiden heute Abend rausholen. Jetzt gleich, nachdem ich eben meine Unterschrift gegeben habe, würde es doch etwas zu kompromittierend für mich aussehen, oder was meinen Sie, Pastor?«