Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 39
62. Die Hauptverhandlung: Präsident Feisler
Der Präsident des Volksgerichtshofs, der höchste Richter im deutschen Lande zu jener Zeit, Feisler, hatte das Aussehen eines gebildeten Mannes. Er war, nach der Terminologie des Werkmeisters Otto Quangel, ein feiner Herr. Er wusste seinen Talar mit Anstand zu tragen, und das Barett verlieh seinem Haupt Würde, saß nicht sinnlos angeklebt darauf wie auf vielen anderen Köpfen. Die Augen waren klug, aber kalt. Er hatte eine hohe, schöne Stirn, aber der Mund war gemein, dieser Mund mit den harten, grausamen und doch wollüstigen Lippen verriet den Mann, einen Lüstling, der alle Genüsse dieser Welt gesucht hatte und der stets andere dafür hatte zahlen lassen.
Und die Hände mit ihren langen, knotigen Fingern waren gemein, Finger wie die Krallen eines Geiers – wenn er eine besonders verletzende Frage stellte, so krümmten sich diese Finger, als wühlten sie im Fleisch des Opfers. Und seine Art zu sprechen war gemein: dieser Mann konnte nie ruhig und sachlich sprechen, er hackte auf seine Opfer los, er beschimpfte sie, er sprach mit schneidender Ironie. Ein gemeiner Mensch, ein schlechter Mensch.
Seitdem Otto Quangel die Anklage zugestellt worden war, hatte er manches Mal mit Dr. Reichhardt, seinem Freunde, über diese Hauptverhandlung gesprochen. Auch der kluge Dr. Reichhardt war der Ansicht gewesen, da das Ende doch unabänderlich sei, solle Quangel von vornherein alles zugestehen, nichts vertuschen, nie lügen. Das würde diesen Leuten den Wind aus den Segeln nehmen, sie würden nicht lange mit ihm herumschimpfen können. Die Verhandlung würde dann nur kurz sein, man würde bestimmt auf eine Zeugenvernehmung verzichten.
Es war eine kleine Sensation, als beide Angeklagte auf die Frage des Vorsitzenden, ob sie sich im Sinne der Anklage schuldig bekennten, mit einem einfachen »Ja« antworteten. Denn mit diesem Ja hatten sie sich selbst das Todesurteil gesprochen und jede weitere Verhandlung unnötig gemacht.
Einen Augenblick stutzte auch der Präsident Feisler, überwältigt von diesem kaum je gehörten Geständnis.
Aber dann besann er sich. Er wollte seine Verhandlung haben. Er wollte diese beiden Arbeiter im Dreck sehen, er wollte sie sich winden sehen unter seinen messerscharfen Fragen. Dieses Ja auf die Frage »Schuldig?« hatte Stolz gezeigt. Präsident Feisler sah es den Gesichtern im Zuhörerraum an, die teils verblüfft, teils nachdenklich aussahen, und er wollte den Angeklagten diesen Stolz nehmen. Sie sollten aus dieser Verhandlung ohne Stolz, ohne Würde hinausgehen.
Feisler fragte: »Sie sind sich klar darüber, dass Sie durch dieses Ja sich selbst das Leben abgesprochen haben, dass Sie sich selbst geschieden haben von allen anständigen Menschen? Dass Sie ein gemeiner, todeswürdiger Verbrecher sind, dessen Aas man am Halse aufhängen wird? Sie sind sich klar darüber? Antworten Sie mit Ja oder mit Nein!«
Quangel sagte langsam: »Ich bin schuldig, ich habe getan, was in der Anklage steht.«
Der Präsident hackte zu: »Sie sollen mit Ja oder Nein antworten! Sind Sie ein gemeiner Volksverräter, oder sind Sie es nicht? Ja oder nein!«
Quangel sah den feinen Herrn dort über sich scharf an. Er sagte: »Ja!«
»Pfui Teufel!«, schrie der Präsident und spuckte hinter sich. »Pfui Teufel! Und so was nennt sich Deutscher!«
Er sah Quangel mit tiefer Verachtung an und wandte dann seinen Blick zu Anna Quangel. »Und Sie da, Sie Frau da?«, fragte er. »Sind Sie auch so gemein wie Ihr Mann? Sind Sie auch eine schuftige Volksverräterin? Schänden Sie auch das Ansehen Ihres auf dem Felde der Ehre gefallenen Sohnes? Ja oder nein?«
Der versorgte graue Anwalt erhob sich eilig und sagte: »Ich bitte doch, bemerken zu dürfen, Herr Präsident, dass meine Mandantin …«
Der Präsident hackte wieder zu. »Ich nehme Sie in Strafe, Herr Rechtsanwalt«, sagte er, »ich nehme Sie sofort in Strafe, wenn Sie noch einmal, ohne aufgefordert zu sein, das Wort ergreifen! Setzen Sie sich!«
Der Präsident wendete sich wieder an Anna Quangel. »Nun, wie ist es mit Ihnen? Besinnen Sie sich auf den letzten Rest von Anständigkeit in Ihrer Brust, oder wollen Sie so etwas sein wie Ihr Mann, von dem wir jetzt schon wissen, dass er ein gemeiner Volksverräter ist? Sind Sie eine Verräterin Ihres Volkes in schwerer Notzeit? Haben Sie den Mut, den eigenen Sohn zu schänden? Ja oder nein?«
Anna Quangel sah ängstlich zögernd zu ihrem Mann hinüber.
»Sie haben mich anzusehen! Nicht diesen Hochverräter! Ja oder nein!«
Leise, aber deutlich: »Ja!«
»Sie sollen laut reden! Wir wollen es alle hören, dass eine deutsche Mutter sich nicht schämt, den Heldentod ihres eigenen Sohnes mit Schande zu bedecken!«
»Ja!«, sagte Anna Quangel laut.
»Unglaublich!«, rief Feisler. »Ich habe hier viel Trauriges und auch Grauenhaftes erlebt, aber eine solche Schande ist mir noch nicht vorgekommen! Sie müssten nicht gehängt, sondern entmenschte Bestien wie Sie müssten gevierteilt werden!«
Er sprach mehr zu den Hörern als zu den Quangels, er nahm die Anklagerede des Anklägers vorweg. Er schien sich zu besinnen (er wollte seine Verhandlung haben): »Aber meine schwere Pflicht als Oberster Richter gebietet es mir, mich nicht einfach mit Ihrem Schuldbekenntnis zu begnügen. So schwer es mir auch fällt und so aussichtslos es erscheint, meine Pflicht gebietet mir nachzuprüfen, ob es nicht doch vielleicht irgendwelche Milderungsgründe gibt.«
So begann es, und dann dauerte es sieben Stunden an.
Ja, der kluge Dr. Reichhardt in der Zelle hatte sich geirrt und Quangel mit ihm. Nie hatten sie damit gerechnet, dass der höchste Richter des deutschen Volkes die Verhandlung in einer so abgrundtiefen, so gemeinen Gehässigkeit führen werde. Es war, als hätten die Quangels ihn selbst, den Herrn Präsidenten Feisler, höchstpersönlich gekränkt, als sei ein kleiner, missgünstiger, nie verzeihender Mann in seiner Ehre beleidigt und lege es nun darauf an, seinen Gegner bis auf den Tod zu verletzen. Es war, als habe Quangel die Tochter des Präsidenten verführt, so persönlich war das alles, so himmelweit entfernt von aller Sachlichkeit. Nein, da hatten sich die beiden gewaltig geirrt, dieses Dritte Reich hatte für seinen tiefsten Verächter immer noch neue Überraschungen, es war über jede Gemeinheit hinaus gemein.
»Die Zeugen, Ihre anständigen Arbeitskameraden, haben ausgesagt, dass Sie von einem gradezu schmutzigen Geiz besessen waren, Angeklagter. Was haben Sie nun wohl in einer Woche verdient?«, fragte der Präsident etwa.
»Vierzig Mark habe ich in der letzten Zeit nach Haus gebracht«, antwortete Quangel.
»So, vierzig Mark, und da waren also die Abzüge, die Lohnsteuer und das Winterhilfswerk und die Krankenkasse und die Arbeitsfront, schon weg?«
»Die waren schon weg.«
»Das scheint mir aber ein ganz hübscher Verdienst zu sein für zwei alte Leute wie Sie, ja?«
»Wir sind damit ausgekommen.«
»Nein, Sie sind nicht damit ausgekommen! Sie lügen schon wieder! Sondern Sie haben noch regelmäßig gespart! Stimmt das oder stimmt das nicht?«
»Das stimmt. Meistens haben wir was zurückgelegt.«
»Wie viel haben Sie denn zurücklegen können jede Woche, im Durchschnitt?«
»Das kann ich so genau nicht sagen. Das war verschieden.«
Der Präsident ereiferte sich: »Im Durchschnitt, habe ich gesagt! Im Durchschnitt! Verstehen Sie nicht, was das heißt, im Durchschnitt? Und Sie schimpfen sich Handwerksmeister? Können nicht mal rechnen! Prachtvoll!«
Der Präsident Feisler schien es aber gar nicht prachtvoll zu finden, sondern er sah den Angeklagten empört an.
»Ich bin über fünfzig. Ich habe fünfundzwanzig Jahre gearbeitet. Die Jahre sind verschieden gewesen. Ich bin auch mal arbeitslos gewesen. Oder der Junge war krank. Ich kann keinen Durchschnitt sagen.«
»So? Das können Sie nicht? Ich will Ihnen sagen, warum Sie das nicht können! Sie wollen es nicht! Das ist eben Ihr schmutziger Geiz gewesen, von dem Ihre anständigen Arbeitskameraden sich mit Abscheu abgewandt haben. Sie haben Angst, wir könnten hier erfahren, wie viel Sie zusammengescharrt haben! Nun, wie viel ist es gewesen? Können Sie das auch nicht sagen?«
Quangel kämpfte mit sich. Der Präsident hatte wirklich eine schwache Stelle bei ihm gefunden. Wie viel sie tatsächlich gespart hatten, wusste nicht einmal Anna. Aber dann gab Quangel sich einen Ruck. Er warf auch das hinter sich. In den letzten Wochen hatte er so vieles hinter sich geworfen, warum nicht auch dies? Er löste sich ganz von dem Letzten, das ihn noch an sein altes Leben band, und sagte: »4763 Mark!«
»Ja«, wiederholte der Präsident und lehnte sich in seinen hohen Richterstuhl zurück. »4763 Mark und 67 Pfennige!« Er las die Zahl aus den Akten vor. »Und Sie schämen sich gar nicht, einen Staat zu bekämpfen, der Sie so viel hat verdienen lassen? Sie bekämpfen die Gemeinschaft, die so für Sie gesorgt hat?« Er steigerte sich. »Sie wissen nicht, was Dankbarkeit ist. Sie wissen nicht, was Ehre ist. Ein Schandfleck sind Sie! Sie müssen ausgetilgt werden!«
Und die Geierkrallen schlossen sich, öffneten sich wiederum und schlossen sich noch einmal, als zerfleische er Aas.
»Fast die Hälfte von dem Gelde hatte ich schon vor der Machtergreifung gespart«, sagte Quangel.
Jemand im Zuschauerraum lachte, verstummte aber sofort erschrocken, als ihn ein bitterböser Blick des Präsidenten traf. Er hüstelte verlegen.
»Ich bitte um Ruhe! Um absolute Ruhe! Und Sie, Angeklagter, wenn Sie hier frech werden, so werde ich Sie bestrafen. Denken Sie nur nicht, dass Sie jetzt vor jeder anderen Strafe sicher sind. Sie könnten sonst was erleben!« Er sah Quangel durchdringend an: »Nun sagen Sie mir mal, Angeklagter, wofür haben Sie eigentlich gespart?«
»Für unser Alter doch.«
»Ach nee, für Ihr Alter? Wie rührend das klingt! Aber gelogen ist es doch wieder. Zum mindesten seit Sie die Karten schrieben, haben Sie gewusst, dass Sie nicht mehr sehr alt werden würden! Sie haben hier selber zugestanden, dass Sie sich stets klar über die Folgen Ihrer Verbrechen gewesen sind. Aber trotzdem haben Sie immer weiter zurückgelegt und Geld bei der Sparkasse eingezahlt. Für was denn?«
»Ich habe doch immer damit gerechnet, dass ich davonkomme.«
»Was heißt das, davonkommen? Dass Sie freigesprochen werden?«
»Nein, an so was habe ich nie geglaubt. Ich habe gedacht, ich werde nicht gefasst.«
»Sie sehen, da haben Sie ein bisschen falsch gedacht. Ich glaube es Ihnen aber auch nicht, dass Sie so gedacht haben. So dumm sind Sie ja gar nicht, wie Sie sich jetzt stellen. Sie können gar nicht gedacht haben, dass Sie Ihre Verbrechen noch Jahre und Jahre ungestört fortsetzen könnten.«
»Ich glaube nicht an Jahre und Jahre.«
»Was soll das heißen?«
»Ich glaube nicht, dass es noch lange hält, das Tausendjährige Reich«, sagte Quangel, den scharfen Vogelkopf dem Präsidenten zuwendend.
Der Anwalt unten fuhr erschrocken zusammen.
Bei den Hörern lachte jemand wieder auf, und sofort wurde dort ein drohendes Murren laut.
»So ein Schwein!«, schrie einer.
Der Schutzpolizist hinter Quangel rückte an seinem Tschako, mit der anderen Hand fasste er nach seiner Pistolentasche.
Der Ankläger war aufgesprungen und schwenkte ein Blatt Papier.
Frau Quangel sah lächelnd auf ihren Mann und nickte eifrig.
Der Schutzpolizist hinter ihr fasste nach ihrer Schulter und drückte sie schmerzhaft.
Sie bezwang sich und schrie nicht.
Ein Beisitzer starrte mit weit offenem Munde auf Quangel.
Der Präsident sprang auf: »Sie Verbrecher, Sie! Sie Idiot! Sie Verbrecher! Sie wagen hier zu sagen …«
Er brach ab, auf seine Würde bedacht.
»Der Angeklagte ist erst einmal abzuführen. Wachtmeister, führen Sie den Kerl raus! Der Gerichtshof beschließt über eine angemessene Bestrafung …«
Nach einer Viertelstunde wurde die Verhandlung wieder aufgenommen.
Viel beachtet wurde, dass der Angeklagte jetzt nicht mehr richtig gehen zu können schien. Allgemein dachte man: Den haben sie unterdes hübsch in der Mache gehabt. Auch Anna Quangel dachte dies mit Angst.
Der Präsident Feisler verkündete: »Der Angeklagte Otto Quangel erhält für vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brot und völligem Kostentzug an jedem dritten Tag. Außerdem«, setzte Präsident Feisler erklärend hinzu, »sind dem Angeklagten die Hosenträger fortgenommen worden, da er, wie mir gemeldet wurde, sich in der Pause eben verdächtig mit ihnen zu schaffen gemacht hat. Es besteht Selbstmordverdacht.«
»Ich hab nur mal austreten müssen.«
»Sie halten das Maul, Angeklagter! Es besteht Selbstmordverdacht. Der Angeklagte wird sich von nun an ohne Hosenträger behelfen müssen. Er hat sich das selbst zuzuschreiben.«
Im Zuhörerraum wurde schon wieder gelacht, aber jetzt warf der Präsident einen fast wohlwollenden Blick dorthin, er freute sich selbst an seinem guten Witz. Der Angeklagte stand da, in etwas verkrampfter Haltung, immer musste er die rutschende Hose festhalten.
Der Präsident lächelte. »Wir fahren in der Verhandlung fort.«
63. Die Hauptverhandlung: Ankläger Pinscher
Während der Präsident des Volksgerichtshofes, Feisler, für jeden unvoreingenommenen Beobachter mit einem bösartigen Bluthund zu vergleichen war, spielte der Ankläger nur die Rolle eines kleinen kläffenden Pinschers, der darauf lauert, den vom Bluthund Angefallenen in die Wade zu beißen, während sein großer Bruder ihn bei der Kehle hatte. Ein paarmal hatte der Ankläger während der Verhandlung gegen die Quangels versucht loszukläffen, aber immer hatte ihn sofort wieder das Gebell des Bluthundes übertönt. Was gab es da auch noch groß für ihn zu kläffen? Der Präsident verrichtete ja von der ersten Minute an die Dienste des Anklägers, von der ersten Minute an hatte Feisler die Grundpflicht jedes Richters verletzt, der die Wahrheit ermitteln soll: er war höchst parteiisch gewesen.
Aber nach der Mittagspause, in der vom Präsidenten ein sehr reichhaltiges Mahl kartenfrei eingenommen war, zu dem es auch Wein und Schnaps gegeben hatte, war Feisler ein wenig müde. Was sollte auch noch alle Anstrengung? Die waren ja beide schon tot. Zudem war jetzt das Weib dran, diese kleine Arbeiterfrau – und die Weiber waren dem Präsidenten ziemlich gleichgültig, von seinem Richterstandpunkt aus. Die Weiber waren alle doof und nur zu einer Sache nütze. Sonst taten sie, was ihre Männer wollten.
Feisler litt es also gnädig, dass nun der Pinscher sich in den Vordergrund drängte und zu kläffen anhob. Mit halbgeschlossenen Augen lehnte er in seinem Richterstuhl, den Kopf in die Geierkralle gestützt, scheinbar aufmerksam zuhörend, in Wirklichkeit aber ganz seiner Verdauung hingegeben.
Der Pinscher kläffte: »Sie haben doch früher ein Amt in der Frauenschaft bekleidet, Angeklagte?«
»Ja«, antwortete Frau Quangel.
»Und warum haben Sie das denn aufgegeben? Hat Ihr Mann das von Ihnen verlangt?«
»Nein«, antwortete Frau Quangel.
»So, das hat er nicht von Ihnen verlangt? Erst legt der Mann sein Amt in der Arbeitsfront nieder und dann die Frau vierzehn Tage später ihr Amt in der Frauenschaft. Angeklagter Quangel, haben Sie das nicht von Ihrer Frau verlangt?«
»Sie wird wohl von selbst auf die Idee gekommen sein, als sie hörte, dass ich meinen Posten aufgegeben hatte.«
Quangel steht da und muss seine Hosen festhalten.
Dann setzt er sich, denn der Ankläger wendet sich schon wieder an Anna Quangel. »Also, wie ist das, warum haben Sie Ihr Amt niedergelegt«
»Ich habe es ja gar nicht niedergelegt. Ich bin ausgeschlossen worden.«
Der Pinscher kläffte los: »Angeklagte, achten Sie auf Ihre Worte! Auch Sie können, genau wie Ihr Mann, in Strafe genommen werden, wenn Sie es zu bunt treiben! Eben erst haben Sie mir zugegeben, dass Sie Ihr Amt niedergelegt haben.«
»Das habe ich nicht. Ich habe gesagt: nein, mein Mann hat mich nicht angestitftet.«
»Sie lügen! Sie lügen! Sie haben die Unverschämtheit, dem Hohen Gerichtshof und mir ins Gesicht zu lügen!«
Wütendes Gekläff. Die Angeklagte bleibt bei ihrer Aussage.
»Man vergleiche das Stenogramm!«
Das Stenogramm wird verlesen, und es wird festgestellt, dass die Angeklagte mit ihrer Behauptung recht hat. Bewegung im Saal. Otto Quangel sieht beifällig seine Anna an, die sich nicht einverschüchtern lässt. Er ist stolz auf sie.
Ankläger Pinscher lässt einen Augenblick den Schwanz hängen und schielt zum Präsidenten. Der gähnt diskret hinter der Geierklaue. Der Ankläger entschließt sich, er verlässt die alte Spur und nimmt eine neue auf.
»Angeklagte, Sie waren doch schon ziemlich ältlich, als Ihr jetziger Mann Sie heiratete?«
»Ich war an die dreißig.«
»Und vorher?«
»Ich verstehe das nicht.«
»Tun Sie bloß nicht so unschuldig, ich will wissen, was Sie vor Ihrer Ehe für Beziehungen zu den Männern hatten. Nun, wird’s bald?«
Bei der abgrundtiefen Gemeinheit dieser Frage wurde Anna Quangel erst rot, dann blass. Hilfeflehend sah sie zu ihrem ältlichen versorgten Verteidiger hin, der aufsprang und sagte: »Ich bitte, die Frage als nicht zur Sache gehörig zurückzuweisen!«
Und der Ankläger: »Meine Frage gehört zur Sache. Hier ist die Vermutung laut geworden, die Angeklagte sei nur eine Mitläuferin ihres Mannes gewesen. Ich werde beweisen, dass sie eine moralisch ganz tiefstehende Person war, aus dem Pöbel stammend, dass man sich bei ihr jedes Verbrechens zu versehen hat.«
Der Präsident erklärte gelangweilt: »Die Frage gehört zur Sache. Sie ist zugelassen.«
Der Pinscher kläffte neu: »Also mit wie viel Männern hatten Sie bis zu Ihrer Ehe Beziehungen?«
Alle Augen sind auf Frau Anna Quangel gerichtet. Einige Studenten im Hörerraum lecken sich die Lippen, jemand stöhnt wohlig.
Quangel sieht mit einiger Besorgnis auf Anna, er weiß doch, wie empfindlich sie in diesem Punkte ist.
Aber Anna Quangel hat sich entschlossen. Wie ihr Otto vorhin alle Bedenken wegen seiner Spargelder hinter sich geworfen hat, so war sie jetzt willens, schamlos vor diesen schamlosen Männern zu sein.
Der Ankläger hatte gefragt: »Also mit wie viel Männern hatten Sie bis zu Ihrer Ehe Beziehungen?«
Und Anna Quangel antwortet: »Mit siebenundachtzig.«
Jemand prustet im Zuhörerraum los.
Der Präsident wacht aus seinem Halbschlaf auf und sieht beinah interessiert auf die kleine Arbeiterfrau mit der gedrungenen Gestalt, den roten Bäckchen, der vollen Brust.
Quangels dunkle Augen haben aufgeleuchtet, nun hat er die Lider wieder tief über sie gesenkt. Er sieht niemanden an.
Der Ankläger aber stottert völlig verwirrt: »Mit siebenundachtzig? Wieso grade mit siebenundachtzig?«
»Das weiß ich nicht«, sagt Anna Quangel ungerührt. »Mehr waren’s eben nicht.«
»So?«, sagt der Ankläger missmutig. »So!«
Er ist sehr missmutig, denn er hat die Angeklagte plötzlich zu einer interessanten Figur gemacht, was keineswegs in seiner Absicht lag. Auch ist er, wie die meisten Anwesenden, fest davon überzeugt, dass sie lügt, dass es vielleicht nur zwei oder drei Liebhaber waren, womöglich sogar keiner. Man könnte sie wegen Verhöhnung des Gerichts in Strafe nehmen lassen. Aber wie ihr diese Absicht beweisen?
Endlich entschließt er sich. Er sagt grämlich: »Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie maßlos übertreiben, Angeklagte. Eine Frau, die siebenundachtzig Liebhaber gehabt hat, wird sich wohl kaum der Zahl erinnern. Sie wird antworten: viele. Aber Ihre Antwort beweist grade Ihre Verkommenheit. Sie rühmen sich noch Ihrer Schamlosigkeit! Sie sind stolz darauf, eine Hure gewesen zu sein. Und aus der Hure sind Sie dann das geworden, was aus allen Huren gemeiniglich wird, Sie sind eine Kuppelmutter geworden. Den eigenen Sohn haben Sie verkuppelt.«
Jetzt hat er Anna Quangel doch gebissen, der Pinscher.
»Nein!«, schreit Anna Quangel und erhebt bittend die Hände. »Sagen Sie doch das nicht! So etwas habe ich nie getan!«
»Das haben Sie nicht getan?«, kläfft der Pinscher. »Und wie wollen Sie das nennen, dass Sie der sogenannten Braut Ihres Sohnes mehrfach nachts Unterkunft gewährt haben? Da haben Sie wohl Ihren Sohn unterdes ausquartiert? He? Wo hat denn diese Trudel geschlafen? Sie wissen doch, sie ist tot, ja, das wissen Sie doch? Sonst säße dieses Frauenzimmer, diese Mithelferin Ihres Mannes bei seinen Verbrechen, auch hier auf der Anklagebank!«
Aber die Erwähnung der Trudel hat Frau Quangel neuen Mut eingeflößt. Sie sagt, nicht zum Ankläger, sondern zum Gerichtshof hinüber: »Ja, gottlob, dass die Trudel tot ist, dass sie diese letzte Schande nicht miterlebt hat …«
»Mäßigen Sie sich gefälligst! Ich warne Sie, Angeklagte!«
»Sie war ein gutes, anständiges Mädchen …«
»Und trieb ihr fünf Monate altes Kind ab, weil sie keine Soldaten zur Welt bringen wollte!«
»Sie hat das Kind nicht abgetrieben, sie war unglücklich über seinen Tod!«
»Sie hat es selber eingestanden!«
»Das glaube ich nicht.«
Der Ankläger schreit los: »Was Sie hier glauben oder nicht, das ist uns gleich! Aber ich rate Ihnen dringend, Ihren Ton zu ändern, Angeklagte, sonst erleben Sie noch etwas sehr Unangenehmes! Die Aussage der Hergesell ist von dem Kommissar Laub protokolliert. Und ein Kriminalkommissar lügt nicht!«
Drohend sah sich der Pinscher im ganzen Saal um.
»Und nun ersuche ich Sie nochmals, Angeklagte, mir zu sagen: Hat Ihr Sohn in intimen Beziehungen zu diesem Mädchen gestanden oder nicht?«
»Danach sieht eine Mutter nicht hin. Ich bin keine Schnüfflerin.«
»Aber Sie hatten eine Aufsichtspflicht! Wenn Sie den unsittlichen Verkehr Ihres Sohnes in der eigenen Wohnung zulassen, haben Sie sich der schweren Kuppelei schuldig gemacht, so bestimmt es das Strafgesetzbuch.«
»Davon weiß ich nichts. Aber ich weiß, dass Krieg war und dass mein Junge vielleicht sterben musste. In unsern Kreisen ist das so, wenn zwei verlobt sind oder so gut wie verlobt, und noch dazu Krieg ist, so sehen wir nicht so genau hin.«
»Aha, jetzt gestehen Sie also, Angeklagte! Sie haben von den unsittlichen Beziehungen gewusst, und Sie haben sie geduldet! Das nennen Sie dann: nicht so genau hinsehen. Aber das Strafgesetzbuch nennt es schwere Kuppelei, und eine Mutter ist schändlich und völlig verworfen, die so etwas duldet!«
»So, ist sie das? Na, dann möchte ich wohl wissen«, sagt Anna Quangel ganz ohne Angst und mit fester Stimme, »dann möchte ich wohl wissen, wie das Strafgesetzbuch das nennt, was der Bubi-drück-mich-Verein33 tut?«
Lebhaftes Lachen …
»Und was die SA ausfrisst mit ihren Mädchen …«
Das Lachen bricht ab.
»Und die SS – sie erzählen ja, die SS schändet die Judenmädchen erst und schießt sie hinterher tot …«
Einen Augenblick Totenstille …
Aber dann bricht der Tumult los. Sie schreien. Welche von den Zuhörern klettern über die Schranken und wollen auf die Angeklagte eindringen.
Otto Quangel ist aufgesprungen, bereit, seiner Frau zu Hilfe zu eilen …
Der Schutzpolizist, die fehlenden Hosenträger behindern ihn.
Der Präsident steht da und gebietet heftig, aber vergeblich Ruhe.
Die Beisitzer reden laut miteinander. Der Blöde mit dem stets offenen Mund schüttelt die Fäuste …
Der Ankläger Pinscher kläfft und kläfft, und niemand versteht ein Wort …
Die heiligsten Gefühle der Nation sind verletzt, die SS ist beleidigt, die Lieblingstruppe des Führers, die Elite germanischer Rasse!
Schließlich wird Anna Quangel aus dem Saal geschleppt, der Lärm beruhigt sich wieder, der Gerichtshof zieht sich zur Beratung zurück …
In fünf Minuten erscheint er wieder:
»Die Angeklagte Anna Quangel ist von der Teilnahme an der Verhandlung gegen sie ausgeschlossen. Sie bleibt von jetzt an in Fesseln. Dunkelarrest bis auf Weiteres. Wasser und Brot nur jeden zweiten Tag.«
Die Verhandlung geht weiter.