Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 38
60. Trudel Hergesell, geborene Baumann
Die Verlegung in das Untersuchungsgefängnis hatte Trudel Hergesell von Anna Quangel getrennt. Es wurde Trudel schwer, die »Mutter« entbehren zu müssen. Sie hatte längst vergessen, dass Anna der Grund ihrer Verhaftung gewesen war, nein, sie hatte es nicht vergessen, aber sie hatte es verziehen. Mehr noch, sie hatte eingesehen, dass es eigentlich auch nichts zu verzeihen gab. In diesen Verhören war niemand seiner ganz sicher, die gerissenen Kommissare konnten eine harmlose Erwähnung zu einer Schlinge machen, in der man sich rettungslos fing.
Nun war Trudel ohne die Mutter, sie hatte niemanden mehr, mit dem sie sprechen konnte. Von dem Glück, das sie einmal besessen, von der Sorge um Karli, die sie jetzt ganz erfüllte, musste sie schweigen. Ihre neue Zellengenossin war ein ältliches, gelbes Frauenzimmer – die beiden hatten sich vom ersten Augenblick gehasst, und immer hatte dieses Weib mit den Wärterinnen und Aufseherinnen zu tuscheln. War der Pastor in der Zelle, entging kein Wort ihrer Aufmerksamkeit.
Durch den Pastor hatte Trudel freilich doch etwas über ihren Karli erfahren. Frau Hänsel, ihre Zellengenossin, war gerade mal wieder vorne auf der Verwaltung, sicher, um irgendeinen Menschen durch ihre Klatschereien ins Unglück zu stürzen. Der Pastor hatte Trudel erzählt, dass ihr Mann mit ihr im gleichen Gefängnis sei, dass er aber krank liege, meist ohne klare Besinnung – immerhin könne er ihr aber einen Gruß von Karli ausrichten.
Seitdem lebte Trudel nur in der Hoffnung auf des Pfarrers Besuche. Wenn auch die Hänsel dabei war, immer brachte es der Geistliche fertig, ihr eine Nachricht zuzuschanzen. Oft saßen sie dabei unter dem Fenster, die Schemel eng aneinandergerückt, und der Pastor Lorenz las ihr ein Kapitel aus dem Neuen Testament vor, während die Hänsel meist an der anderen Zellenwand stand, den Blick aufmerksam auf die beiden gerichtet.
Für Trudel war die Bibel etwas ganz Neues. Sie war religionslos durch die Hitlerschulen gegangen, und sie hatte nie ein religiöses Bedürfnis gespürt. Gott war für sie kein Begriff, Gott war für sie nur ein Wort in Ausrufen wie: »Ach, du lieber Gott!« Man konnte ebenso gut »Ach, du lieber Himmel!«, sagen – es machte keinen Unterschied.
Auch jetzt, als sie aus dem Evangelium Matthäi vom Leben Christi erfuhr, sagte sie dem Pastor, sie könne sich darunter, dass er »Gottes Sohn« sei, nichts vorstellen. Aber der Pastor Lorenz hatte dazu nur sanft gelächelt und gemeint, das schade jetzt nichts. Sie solle nur darauf achten, wie dieser Jesus Christus auf der Erde gelebt habe, wie er die Menschen geliebt habe, auch seine Feinde. Die »Wunder« solle sie nehmen, wie sie wolle, als schöne Märchen, aber sie solle doch erfahren, wie einer auf dieser Erde gelebt habe, sodass seine Spur noch nach fast zweitausend Jahren unvergänglich strahle, ewiges Abbild dessen, dass die Liebe stärker sei als der Hass.
Trudel Hergesell, die ebenso kräftig hassen wie lieben konnte (und die beim Empfang dieser Lehre die Frau Hänsel in drei Metern Entfernung aus tiefstem Herzen hasste), die Trudel Hergesell hatte sich zuerst gegen eine solche Lehre aufgelehnt. Sie kam ihr gar zu weichlich vor. So war es nicht Jesus Christus, der ihr Herz empfänglicher machte, sondern sein Pastor Friedrich Lorenz. Wenn sie diesen Mann betrachtete, dessen schwere Krankheit niemand übersehen konnte, wenn sie erlebte, dass er an ihren Sorgen teilhatte, als seien es seine eigenen, dass er nie an sich selbst dachte, wenn sie seinen Mut erkannte, der ihr beim Lesen einen Zettel in die Hand spielte, auf dem eine Botschaft über Karli stand, und wenn sie ihn dann mit der Angeberin Hänsel genauso freundlich-gütig sprechen hörte wie mit ihr selbst, mit dieser Frau, von der er doch wusste, sie war zu jeder Minute fähig, ihn zu verraten, ihn dem Henker auszuliefern, so empfand sie etwas wie Glück, einen tiefen Frieden, der von diesem Manne ausging, der nicht hassen, sondern nur lieben wollte, auch noch den schlechtesten Menschen lieben.
Dieses neue Gefühl bewirkte nun freilich nicht in ihr, dass nun die Trudel Hergesell milder zur Hänsel geworden wäre, aber sie wurde ihr vielleicht gleichgültiger, der Hass war ihr nicht mehr so wichtig. Sie konnte manchmal auf ihren Wanderungen durch die Zelle plötzlich vor der Hänsel stehen bleiben und sie fragen: »Warum machen Sie das eigentlich? Warum verklatschen Sie jeden? Hoffen Sie eine geringere Strafe zu bekommen?«
Die Hänsel wendete bei einer solchen Ansprache den Blick ihrer gelben, bösen Augen nicht von Trudel ab. Entweder antwortete sie gar nichts, oder sie sagte: »Denken Sie denn, ich habe nicht gesehen, wie Sie Ihre Brust gegen den Arm vom Pastor gedrückt haben? So ’ne Gemeinheit, einen halbtoten Mann noch verführen zu wollen! Aber warte, ich erwisch euch beide noch mal! Ich erwisch euch!«
Bei was die Hänsel den Pastor und die Trudel Hergesell eigentlich erwischen wollte, blieb unklar. Trudel hatte für solche Schmähungen auch nur ein kurzes, spöttisches Auflachen und nahm dann wortlos ihre endlose Zellenwanderung wieder auf, immer mit dem Gedanken an Karli beschäftigt. Es war nicht zu verkennen, dass die Nachrichten über ihn stets schlechter wurden, so vorsichtig und schonend sie der Pastor auch abfasste. Wenn es etwa hieß, dass nichts Neues vorlag, da sein Zustand unverändert sei, so bedeutete das, dass Karli ihr keinen Gruß bestellt hatte, was wieder so zu verstehen war, dass er besinnungslos lag. Denn der Pastor log nicht, das hatte Trudel auch schon gelernt, er bestellte keinen Gruß, wenn ihm keiner aufgetragen war. Er verschmähte jeden billigen Trost, der sich eines Tages doch als Lüge entpuppen musste.
Aber auch durch die Vernehmungen durch den Untersuchungsrichter wusste Trudel, dass es schlimm mit ihrem Manne stand. Nie wurde auf eine neuere Aussage von ihm Bezug genommen, über alles sollte sie Auskunft geben, und sie wusste doch wirklich nichts über den Koffer des elenden Grigoleit, der sie beide – willentlich? – ins Unglück gerissen hatte. Wenn die Vernehmungsmethoden des Untersuchungsrichters auch nicht so bodenlos gemein und brutal waren wie die des Kommissars Laub, die gleiche Hartnäckigkeit wie Laub hatte er auch. Trudel kam von diesen Sitzungen immer völlig erschöpft und mutlos in ihre Zelle zurück. Ach, Karli, Karli! Ihn nur einmal wiedersehen dürfen, an seinem Lager sitzen, seine Hand halten dürfen, ganz still, ohne ein Wort!
Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie geglaubt, sie liebte ihn nicht, sie würde ihn nie lieben können. Nun war sie wie durchtränkt von ihm, die Luft, die sie atmete, war er, das Brot, das sie aß, er, die Decke, die sie wärmte, er. Und er war so nahe, ein paar Gänge, ein paar Treppen, eine Tür – aber auf der ganzen Welt war kein Mensch so barmherzig, dass er sie einmal, ein einziges Mal nur zu ihm hingeführt hätte! Auch dieser schwindsüchtige Pastor nicht!
Sie hatten eben alle Angst um ihr liebes Leben, sie wagten nichts Ernstliches, um einer Hilflosen wirklich zu helfen. Und plötzlich kommt in ihre Erinnerung der Leichenkeller aus dem Gestapobunker, der lange SS-Mann, der sich eine Zigarette ansteckte und zu ihr »Mädel! Mädel!« sagte, ihr Suchen zwischen den Leichen, nachdem Anna und sie die tote Berta entkleidet hatten – und es scheint ihr, als ob das damals noch eine milde, barmherzige Stunde war, als sie Karli suchen durfte. Und nun? Eingeschlossen das zuckende Herz zwischen Eisen und Stein! Allein!
Die Tür wird geschlossen, viel langsamer und sachter, als es die Aufseherinnen tun, nun klopft es gar: der Pastor.
»Darf ich eintreten?«, fragt er.
»Kommen Sie bitte, kommen Sie doch, Herr Pastor!«, ruft Trudel Hergesell weinend.
Während die Frau Hänsel mit einem gehässigen Blick murmelt: »Was will der denn schon wieder?«
Und da lehnt Trudel plötzlich ihren Kopf gegen die schmale, rasch atmende Brust des Geistlichen, ihre Tränen fließen, sie verbirgt das Gesicht an seiner Brust, und sie fleht: »Herr Pastor, mir ist so angst! Sie müssen mir helfen! Ich muss den Karli sehen, nur einmal noch! Ich fühle, es wird das letzte Mal sein …«
Und die grelle Stimme der Frau Hänsel: »Das melde ich! Das melde ich aber sofort!« Während der Pastor ihr tröstend über den Kopf streicht und sagt: »Ja, mein Kind, Sie sollen ihn sehen, einmal noch!«
Da schüttelt sie ein immer stärker werdendes Schluchzen, und sie weiß, dass Karli tot ist, dass sie ihn nicht umsonst im Leichenkeller gesucht hat, dass es eine Vorahnung war, eine Warnung.
Und sie schreit: »Er ist tot! Herr Pastor, er ist tot!«
Und er antwortet, er spendet den einzigen Trost, den er diesen Todgeweihten spenden kann, er sagt: »Kind, er leidet nicht mehr. Du hast es schwerer.«
Sie hört es noch. Sie will darüber nachdenken, es richtig verstehen, aber es wird ihr dunkel vor den Augen. Das Licht erlischt. Ihr Kopf sinkt vornüber.
»Fassen Sie doch mit an, Frau Hänsel!«, bittet der Pastor. »Ich bin zu schwach, sie zu halten.«
Und dann ist auch draußen Nacht, Nacht zu Nacht, Dunkel zu Dunkel.
Trudel, verwitwete Hergesell, ist aufgewacht, und sie weiß, dass sie nicht in ihrer Zelle ist, und sie weiß wieder, dass Karli tot ist. Sie sieht ihn wieder liegen auf seiner schmalen Zellenpritsche, mit dem so klein und jung gewordenen Gesicht, und sie denkt an das Gesicht des Kindes, das sie geboren, und beide Gesichter gehen ineinander über, und sie weiß, dass sie alles verloren hat auf dieser Welt, Kind und Mann, dass sie niemals wird lieben, nie wird Kinder gebären dürfen, und alles dies, weil sie für einen alten Mann eine Postkarte auf ein Fensterbrett gelegt hat, dass darum ihr ganzes Leben zerbrochen ist und das von Karli dazu und dass es nie wieder Sonne und Glück und Sommer für sie geben wird, und keine Blumen …
Blumen auf mein Grab, Blumen auf dein Grab …
Und bei dem ungeheuren Schmerz, der sich immer weiter in ihr ausbreitet, der sie durchkältet wie Eis, schließt sie die Augen wieder und will zurück in Nacht und Vergessen. Aber die Nacht ist draußen, sie bleibt dort, sie dringt nicht in sie ein, aber plötzlich durchströmt Hitze sie … Sie springt mit einem Schrei vom Bett auf und will fort, nur laufen, diesem grässlichen Schmerz entlaufen. Aber eine Hand fasst nach ihr …
Es wird hell, und wieder ist es der Pastor, der bei ihr gesessen hat, der sie nun festhält. Ja, es ist eine fremde Zelle, es ist Karlis Zelle, aber sie haben ihn schon fortgebracht, und der Mann, der hier mit Karli in der Zelle lag, ist auch fort.
»Wo ist er hingebracht?«, fragt sie atemlos, als sei sie einen weiten Weg gelaufen.
»Ich werde an seinem Grabe meine Gebete sprechen.«
»Was helfen ihm jetzt noch Ihre Gebete? Hätten Sie um sein Leben gebetet, als noch Zeit dafür war!«
»Er hat den Frieden, Kind!«
»Ich will hier fort!«, sagt Trudel fieberhaft. »Bitte, lassen Sie mich zurück in meine Zelle, Herr Pastor! Ich habe dort ein Bild von ihm, ich muss es sehen, jetzt gleich. Er sah so anders aus.«
Und während sie so spricht, weiß sie sehr wohl, dass sie den guten Pastor belügt und dass sie ihn betrügen will. Denn sie besitzt kein Bild von Karli, und sie will nie wieder in ihre Zelle zu der Frau Hänsel zurück.
Und flüchtig schießt es ihr durch den Kopf: Ich bin ja wahnsinnig, aber jetzt muss ich mich gut verstellen, dass er es nicht merkt … Nur fünf Minuten noch meinen Wahnsinn verstecken!
Der Pastor führt sie sorglich an seinem Arm aus der Zelle über viele Gänge und Treppen in das Frauengefängnis zurück, und aus vielen Zellen hört sie tiefes Atmen – die schlafen – und aus anderen rastlose Schritte – die sorgen sich – und wieder aus anderen Weinen – die tragen Leid, aber niemand trägt so viel Leid wie sie.
Aber als der Pastor eine Tür auf- und hinter ihr wieder abgeschlossen hat, nimmt sie seinen Arm nicht wieder, und schweigend gehen die beiden weiter durch den nächtlichen Gang mit den Dunkelarrestzellen, aus denen der betrunkene Arzt gegen sein Versprechen die beiden Kranken nicht erlöst hat, und nun steigen sie viele Treppen im Frauengefängnis hinan bis zur Station V, wo die Trudel liegt.
Dort auf dem obersten Gang schlurft ihnen eine Wärterin entgegen und sagt: »Jetzt nachts um elf Uhr vierzig bringen Sie erst die Hergesell zurück, Herr Pastor? Wo waren Sie denn so lange mit ihr?«
»Sie war viele Stunden ohnmächtig. Ihr Mann ist gestorben, wissen Sie.«
»So – und da haben Sie die junge Frau also getröstet, Herr Pastor? Sehr hübsch! Die Frau Hänsel hat mir erzählt, sie soll Ihnen ganz schamlos immer gleich um den Hals fallen. Da muss solch nächtliches Trösten besonders hübsch sein! Ich werde das ins Wachtbuch schreiben!«
Aber ehe der Pastor sich noch mit einem Wort gegen diese Schmutzerei hat zur Wehr setzen können, sehen sie beide, dass Frau Trudel, verwitwete Hergesell, über das Eisengitter des Ganges geklettert ist. Einen Augenblick steht sie da, hält sich noch mit einer Hand am Geländer fest, mit dem Rücken zu ihnen.
Und sie rufen: »Halt! Nein! Bitte nicht!«
Und sie stürzen zu ihr hin, die Hände greifen schon nach ihr.
Aber wie eine Schwimmerin, die einen Kopfsprung machen will, hat sich Trudel Hergesell schon in die Tiefe gestürzt. Sie hören ein Flattern und Sausen, ein dumpfes Aufschlagen.
Und dann ist alles totenstill, während sie die bleichen Gesichter über das Geländer neigen und doch nichts sehen.
Dann machen sie einen Schritt zur Treppe hin.
Und in demselben Augenblick bricht die Hölle los.
Es ist, als sei’s durch die eisenbeschlagenen Zellentüren zu sehen gewesen, was geschehen ist. Erst ist es vielleicht nur ein hysterischer Schrei gewesen, aber er lief weiter von Zelle zu Zelle und von Station zu Station, von der einen Gangseite zur anderen, über den Abgrund fort.
Und während er weiterlief, wurde aus dem einen Schrei ein Brüllen, Heulen, Zetern, Keifen, Toben.
»Ihr Mörder! Ihr habt sie umgebracht! Bringt uns doch gleich alle um, ihr Henker!«
Und es gab welche, die hingen sich an die Fenster und schrien es auf die Höfe, sodass auch die Männerflügel aus ihrem angstdünnen Schlaf erwachten, und es tobte, es schrie, es geiferte, es plärrte, es grunzte, es verzweifelte.
Es klagte an, es klagte an mit tausend, mit zweitausend, mit dreitausend Stimmen, schrie das Tier seine Anklage aus tausend, zweitausend, dreitausend Mäulern.
Und die Alarmglocke schrillte, und sie trommelten mit den Fäusten gegen die Eisentüren, mit den Schemeln rannten sie dagegen an. Die Eisenbetten fielen, knallend in ihren Scharnieren, und wurden wieder hochgerissen und knallten neu. Scheppernd fuhren die Essschüsseln auf dem Boden herum, die Kübeldeckel lärmten, und das ganze Haus, dieses Riesengefängnis, stank plötzlich wie eine verhundertfachte Latrine.
Und die Bereitschaften fuhren in ihre Kleider und griffen nach ihren Gummiknütteln.
Und Zellentüren wurden aufgeschlossen: Knackknack!
Und der klatschend dumpfe Laut von Gummiknütteln auf die Schädel hernieder wurde laut und das Gebrüll wütender, vermischt mit dem Gescharr kämpfender Füße, und die hohen, tierhaften Schreie der Epileptiker und das Juhu-Gejodel idiotischer Spaßmacher und die gellenden Ludenpfiffe …
Und Wasser klatschte in die Gesichter der eindringenden Aufseher.
Und in der Leichenkammer lag Karli Hergesell ganz still mit einem kindhaft kleinen, friedlichen Gesicht.
Und all das war eine wilde, panische, grausige Symphonie, gespielt zu Ehren Trudels, verwitwete Hergesell, geborene Baumann.
Aber sie lag unten, halb auf dem Linoleum, halb auf dem schmutziggrauen Zementboden der unteren Station I.
Sie lag da ganz still, ihre kleine graue Hand, die noch so viel Mädchenhaftes hatte, war leicht geöffnet. Ihre Lippen waren von ein wenig Blut gefärbt, ihre Augen sahen blicklos in eine unbekannte Gegend.
Aber ihre Ohren schienen auf den tosenden, auf- und abschwellenden Höllenlärm zu lauschen, und ihre Stirn war gefaltet, als grübele sie darüber nach, ob dieses wohl der Friede sei, den ihr der gute Pastor Lorenz versprochen.
In Verfolg aber dieses Selbstmordes wurde der Gefängnisgeistliche Friedrich Lorenz von seinem Amte suspendiert, und nicht der versoffene Arzt. Ein Verfahren wurde gegen den Geistlichen eröffnet. Denn es ist ein Verbrechen und die Begünstigung eines Verbrechens, wenn einem Gefangenen gestattet wird, selbst sein Lebensende zu bestimmen: dazu sind allein der Staat und seine Diener berechtigt.
Wenn ein Kriminalbeamter einen Mann mit seinem Pistolenkolben so verletzt, dass er sterbenskrank wird, und wenn ein betrunkener Arzt den Verletzten sterben lässt, so ist das alles in Ordnung. Aber wenn ein Geistlicher einen Selbstmord nicht verhindert, wenn er einem Gefangenen, der keinen eigenen Willen mehr haben darf, den eigenen Willen lässt, so hat er ein Verbrechen begangen und muss dafür büßen.
Leider entzog sich Pastor Friedrich Lorenz – genau wie diese Hergesell – der Sühne seines Verbrechens, indem er an einem Blutsturz starb, grade in dem Augenblick, als er verhaftet werden sollte. Es war nämlich auch der Verdacht aufgetaucht, dass er unsittliche Beziehungen zu seinen Betreuten unterhielt. Er aber hatte den Frieden, wie er selbst gesagt hätte, ihm blieb viel erspart.
Aber so kam es, dass Frau Anna Quangel bis zur Hauptverhandlung nichts von dem Tode von Trudel und Karl Hergesell erfuhr, denn der Nachfolger des guten Pastors war zu ängstlich oder unwillig, Botengänge unter den Gefangenen zu übernehmen. Er beschränkte sich strikte auf die Seelsorge, da, wo sie gewünscht wurde.
61. Die Hauptverhandlung: Ein Wiedersehen
Auch bei dem raffiniertest ausgeklügelten System können Fehler vorkommen. Der Volksgerichtshof zu Berlin, ein Gerichtshof, der nichts mit dem Volke zu tun hatte und zu dem das Volk nicht einmal als stummer Zuschauer zugelassen war, denn seine meisten Sitzungen waren geheim – dieser Volksgerichtshof war so ein raffiniert ausgeklügeltes System: ehe der Angeklagte noch den Verhandlungssaal betreten hatte, war er praktisch schon verurteilt, und nichts schien es zu geben, das dafür sprach, dass ein Angeklagter in diesem Saale etwas Erfreuliches erleben könnte.
An diesem Morgen stand nur eine kleine Sache an: gegen Otto und Anna Quangel wegen Landes- und Hochverrats. Der Zuhörerraum war kaum zu einem Viertel gefüllt: ein paar Parteiuniformen, einige Juristen, die aus unerforschlichen Gründen dieser Verhandlung beizuwohnen wünschten, und in der Hauptsache Studenten der Jurisprudenz, die lernen wollten, wie die Justiz Menschen aus der Welt schafft, deren Verbrechen darin bestand, ihr Vaterland mehr geliebt zu haben, als es die verurteilenden Richter taten. Alle diese Leute hatten nur durch »Beziehungen« Eintrittskarten bekommen. Woher der kleine Mann mit dem weißen Spitzbärtchen und den von klugen Fältchen umgebenen Augen, woher also der Kammergerichtsrat a.D. Fromm seine Karte bezogen hatte, bleibt unbekannt. Er saß jedenfalls unauffällig zwischen den anderen, in einem kleinen Abstand von ihnen, das Gesicht gesenkt und häufig seine goldgefasste Brille putzend.
Um fünf Minuten vor zehn Uhr wurde Otto Quangel von einem Schupo in den Gerichtssaal geführt. Man hatte ihm die Kleider angezogen, die er bei seiner Verhaftung in der Werkstatt getragen hatte, ein sauberes, aber vielfach geflicktes Alltagsgewand, bei dem die dunkelblauen Flicken sehr lebhaft von dem verwaschenen Blau der Grundfarbe abstachen. Sein immer noch scharfes Auge glitt gleichgültig von den noch leeren Plätzen hinter der Gerichtsschranke zu den Zuschauern hinüber, leuchtete einen Augenblick auf beim Anblick des Kammergerichtsrats – und Quangel setzte sich auf die Bank der Angeklagten.
Kurz vor zehn Uhr wurde die zweite Angeklagte, Anna Quangel, von einem zweiten Schupo hereingeführt, und nun geschah eben jenes Versehen: kaum hatte Anna Quangel ihren Mann gesehen, so ging sie, ohne zu zögern, ohne die Menschen im Saal zu beachten, zu ihm hin und setzte sich neben ihn.
Otto Quangel flüsterte hinter der vorgehaltenen Hand: »Sprich nicht! Noch nicht!«
Aber ein Aufleuchten in seinem Auge sagte ihr, wie erfreut er über dieses Wiedersehen war.
Es war natürlich nie und nirgends in der Geschäftsordnung dieses erlauchten Hauses vorgesehen, dass zwei Angeklagte, die seit Monaten sorgfältig voneinander isoliert worden waren, eine Viertelstunde vor Beginn der Verhandlung sich zusammensetzen und gemütlich miteinander plaudern konnten. Aber sei es nun, dass die beiden Schupos zum ersten Male diesen Dienst versahen und ihre Vorschriften vergessen hatten, oder sei es, dass sie dieser Strafsache keine große Bedeutung beimaßen, oder sei es, dass ihnen die beiden einfachen, fast dürftig angezogenen ältlichen Leutlein ganz unwesentlich erschienen, genug, sie erhoben keinen Einwand gegen den von Frau Anna gewählten Sitzplatz und kümmerten sich auch in der folgenden Viertelstunde so gut wie gar nicht um die beiden Angeklagten. Vielmehr begannen sie ein aufregendes Gespräch über irgendwelche Dienstbezüge, eine ihnen vorenthaltene Nachtzulage und unberechtigte hohe Lohnsteuerabzüge.
Auch im Zuschauerraum wurde – natürlich außer vom Kammergerichtsrat Fromm – von niemandem der Fehler bemerkt. Alle waren nachlässig und schlampig, niemand rügte diesen zum Nachteil des Dritten Reiches und zum Vorteil zweier Hochverräter begangenen Fehler. Ein Prozess, der nur zwei Angeklagte aus dem Arbeiterstand aufzuweisen hatte, konnte hier keinen großen Eindruck machen. Hier war man Monsterprozesse gewöhnt, mit dreißig, vierzig Angeklagten, die sich meist untereinander gar nicht kannten, die aber zu ihrer Überraschung im Verlauf des Prozesses erfuhren, dass sie alle miteinander verschworen waren, und die demgemäß auch verurteilt wurden.
So konnte Quangel, nach einigen Sekunden sorgfältigen Rundblickes, sagen: »Ich freue mich, Anna. Geht’s dir gut?«
»Ja, Otto, jetzt geht’s mir wieder gut.«
»Sie werden uns nicht lange beieinandersitzen lassen. Aber wir wollen uns dieser Minuten freuen. Dir ist doch klar, was kommen wird?«
Sehr leise: »Ja, Otto.«
»Ja, das Todesurteil für uns beide, Anna. Es ist unausbleiblich.«
»Aber, Otto …«
»Nein, Anna, kein Aber. Ich weiß, du hast den Versuch gemacht, alle Schuld auf dich zu nehmen …«
»Sie werden eine Frau nicht so schwer verurteilen, und du kommst vielleicht mit dem Leben davon.«
»Nein, nicht. Du kannst nicht gut genug lügen. Du wirst nur die Verhandlung in die Länge ziehen. Lass uns die Wahrheit sagen, dann geht es schnell.«
»Aber, Otto …«
»Nein, Anna, jetzt kein Aber. Denke nach. Lass uns nicht lügen. Die reine Wahrheit …«
»Aber, Otto …«
»Anna, ich bitte dich!«
»Otto, ich möchte dich doch retten, ich möchte wissen, dass du lebst!«
»Anna, ich bitte dich!«
»Otto, mach es mir doch nicht so schwer!«
»Sollen wir gegen die anlügen? Uns streiten? Denen ein Schauspiel bieten? Die reine Wahrheit, Anna!«
Sie kämpfte mit sich. Dann gab sie nach, wie sie ihm immer nachgegeben hatte. »Gut, Otto, ich verspreche es dir.«
»Danke, Anna. Ich danke dir sehr.«
Sie schwiegen. Sie sahen vor sich nieder. Beide schämten sie sich, ihre Rührung zu zeigen.
Die Stimme des einen Polizisten hinter ihnen wurde vernehmbar: »Und da ha’ck den Leutnant jesacht, Leutnant, ha’ck jesacht, so wat könn Se doch mit mir nich machen, Leutnant, ha’ck jesacht …«
Otto Quangel gab sich einen Ruck. Es musste sein. Wenn Anna es während der Verhandlung erfuhr – und sie musste es im Verlauf der Verhandlung erfahren –, war alles noch viel schlimmer. Die Folgen waren ganz unübersehbar.
»Anna«, flüsterte er. »Du bist stark und mutig, nicht wahr?«
»Ja, Otto«, antwortete sie. »Jetzt bin ich es. Seit ich bei dir bin, bin ich es. Was ist noch Schlimmes?«
»Ja, es ist etwas Schlimmes, Anna …«
»Was ist es denn, Otto? Sage es doch, Otto! Wenn selbst du Angst hast, es mir zu sagen, bekomme ich auch Angst.«
»Anna, du hast nichts mehr von der Gertrud gehört?«
»Von welcher Gertrud?«
»Von der Trudel doch!«
»Ach, von der Trudel! Was ist mit der Trudel? Nein, seit wir in der Untersuchungshaft sind, habe ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hat mir sehr gefehlt, sie war so gut zu mir. Sie hat mir verziehen, dass ich sie verraten hatte.«
»Du hast sie doch nicht verraten, die Trudel! Erst habe ich es auch gedacht, aber dann habe ich es verstanden.«
»Ja, sie hat es auch verstanden. Ich war so verwirrt während der ersten Verhöre durch diesen schrecklichen Laub, dass ich nicht wusste, was ich sagte, aber sie hat es verstanden. Sie hat mir verziehen.«
»Gottlob! Anna, sei mutig und stark! Die Trudel ist tot.«
»Oh!«, stöhnte Anna nur und legte die Hand aufs Herz. »Oh!«
Und er setzte rasch hinzu, um jetzt alles auf einmal hinter sich zu bringen: »Und ihr Mann ist auch tot.«
Jetzt kam lange keine Antwort. Sie saß da, die Hände vor dem gesenkten Gesicht, aber Otto fühlte, dass sie nicht weinte, dass sie noch wie betäubt war von der schrecklichen Nachricht. Und unwillkürlich sprach er die Worte, die der gute Pastor Lorenz zu ihm beim Überbringen dieser Nachricht gesagt hatte: »Sie sind tot. Sie haben den Frieden. Ihnen ist viel erspart geblieben.«
»Ja!«, sagte Anna jetzt. »Ja. Sie hat sich so viel um Ihren Karli geängstigt, als keine Nachricht kam, aber nun hat sie den Frieden.«
Sie schwieg lange, und Quangel drängte sie nicht, obwohl er an der Unruhe im Saale merkte, dass der Gerichtshof bald kommen würde.
Leise fragte Anna schließlich: »Sind die beiden – hingerichtet?«
»Nein«, antwortete Quangel. »Er ist an den Folgen eines Schlages gestorben, den er bei der Verhaftung abbekommen hat.«
»Und Trudel?«
»Sie hat sich dann selbst das Leben genommen«, sagte Otto Quangel schnell. »Sie ist über das Gitter im fünften Stock gesprungen. Sie ist sofort tot gewesen, hat der Pastor Lorenz gesagt. Sie hat nicht gelitten.«
»Das ist in der Nacht geschehen«, erinnerte sich Anna Quangel plötzlich, »als das ganze Gefängnis schrie! Jetzt weiß ich es, oh, es war schrecklich, Otto!« Und sie verbarg das Gesicht.
»Ja, es war schrecklich«, wiederholte Quangel. »Auch bei uns war es schrecklich.«
Nach einer Weile hob sie den Kopf wieder und sah Otto fest an. Noch zitterten ihre Lippen, aber sie sagte: »Es ist besser, wie es gekommen ist. Wenn sie hier neben uns säßen, es wäre so schrecklich. Nun haben sie ihren Frieden.« Und ganz leise: »Otto, Otto, wir könnten es auch so machen.«
Er sah sie fest an. Und sie sah in den harten, scharfen Augen ein Licht, wie sie es nie gesehen, ein spöttisches Licht, als sei alles nur ein Spiel, das, was sie jetzt sagte, und das, was kommen würde, und das unvermeidliche Ende. Als sei es nicht wert, so ernst genommen zu werden.
Dann schüttelte er langsam den Kopf. »Nein, Anna, wir tun das nicht. Wir stehlen uns nicht weg, als seien wir überführte Verbrecher. Wir nehmen ihnen das Urteil nicht ab. Wir nicht!« Und in einem ganz anderen Ton: »Für all so was ist es zu spät. Wirst du nicht gefesselt?«
»Doch«, sagte sie. »Aber als der Schupo mich bis an die Tür hier geführt hatte, hat er mir das Kettchen abgenommen.«
»Du siehst!«, sagte er. »Es würde misslingen.«
Er verschwieg ihr, dass er, seit man ihn aus dem Untersuchungsgefängnis fortgeführt hatte, gefesselt war, mit Handschellen und einer Kette, mit Fußschellen und einer Eisenstange. Wie bei Anna hatte der Schupo ihm erst an der Tür des Verhandlungssaals diesen Schmuck abgenommen: der Staat sollte nicht um sein Schlachtopfer betrogen werden.
»Nun gut«, fand sie sich darein. »Aber du glaubst doch, Otto, dass wir zusammen hingerichtet werden?«
»Ich weiß nicht«, sagte er ausweichend. Er wollte sie nicht belügen und wusste doch, jedes würde allein sterben müssen.
»Aber man wird uns doch zur gleichen Stunde hinrichten?«
»Sicher, Anna, bestimmt wird man das!«
Aber er war nicht so sicher. Er fuhr fort: »Aber denke jetzt nicht daran. Denke nur daran, dass wir jetzt stark sein müssen. Wenn wir uns schuldig bekennen, wird alles sehr schnell gehen. Wenn wir keine Ausflüchte machen und nicht lügen, haben wir vielleicht schon in einer halben Stunde unser Urteil.«
»Ja, so wollen wir es machen. Aber, Otto, wenn es so schnell geht, werden wir auch schnell wieder getrennt, und vielleicht sehen wir uns nie wieder.«
»Bestimmt sehen wir uns – vorher noch wieder, Anna. Das hat man mir gesagt, wir dürfen noch Abschied nehmen voneinander. Bestimmt, Anna!«
»Dann ist es gut, Otto, dann habe ich doch was, auf das ich mich jede Stunde freuen kann. Und jetzt sitzen wir beisammen.«
Sie saßen nur noch eine Minute beisammen, dann wurde der Fehler entdeckt, und die beiden wurden weit auseinander gesetzt. Sie mussten den Kopf wenden, um einander zu sehen. Gottlob war es der Anwalt von Frau Quangel, der den Fehler entdeckte, ein freundlicher, grauer, etwas versorgter Mann, den das Gericht als Pflichtanwalt bestellt hatte, da Quangel dabei geblieben war, kein Geld an eine so nutzlose Sache wie ihre Verteidigung zu wenden.
Da der Anwalt den Fehler entdeckt hatte, ging es ohne alles Geschrei ab. Auch die beiden Schutzpolizisten hatten alle Ursache, den Mund zu halten, und so erfuhr der Präsident des Volksgerichtshofs, Feisler, nie, was hier Unverzeihliches geschehen war. Die Verhandlung hätte sonst wahrscheinlich noch viel länger gedauert.