Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 41
66. Die Hauptverhandlung: Das Urteil
Bestimmungsgemäß hätten die beiden Schutzpolizisten, die jetzt Otto Quangel bewachten, während der Verhandlungspause ihren Gefangenen in die kleine Wartezelle abführen müssen, die für solche Pausen vorgesehen war. Da aber der Saal sich fast völlig geleert hatte und der Transport des Gefangenen mit den ewig rutschenden Hosen über die vielen Gänge und Treppen ziemlich umständlich war, so glaubten sie sich über diese Vorschrift hinwegsetzen zu können und blieben plaudernd in einiger Entfernung von Quangel stehen.
Der alte Werkmeister stützte den Kopf in die Hände und versank für wenige Minuten in eine Art Halbschlaf. Die siebenstündige Verhandlung, während der er seiner Aufmerksamkeit nicht einmal erlaubt hatte abzuirren, hatte ihn erschöpft. Bilder zogen schattenhaft an ihm vorüber: die krallenfingrige Hand des Präsidenten Feisler, die sich öffnete und schloss, der Verteidiger von Anna mit dem Finger in der Nase, der kleine Buckel Heffke, wie er fliegen lernen wollte, Anna, die mit roten Backen »Siebenundachtzig« sagte und deren Augen dabei eine so heitere Überlegenheit bezeigt hatten, wie er sie nie an ihr gesehen, und viele andere Bilder noch, viele – andere – Bilder – noch –
Sein Kopf presste sich fester gegen seine Hände, er war so müde, er musste schlafen, nur fünf Minuten …
So legte er einen Arm auf den Tisch und den Kopf darauf. Er atmete behaglich. Nur fünf Minuten fester Schlaf, eine kleine Spanne Vergessen.
Aber er schreckte wieder hoch. Es war da etwas in diesem Saale, das ihm die ersehnte Ruhe zerstörte. Er sah mit weit aufgerissenen Augen umher, und sein Blick fiel auf den Kammergerichtsrat a.D. Fromm, der am Geländer des Zuhörerraums stand und ihm Zeichen zu machen schien. Quangel hatte den alten Herrn schon vorher gesehen, wie überhaupt nichts seiner regen Aufmerksamkeit entgangen zu sein schien, aber bei den vielen erregenden Eindrücken dieses Tages hatte er nicht viel Notiz von dem früheren Hausgenossen aus der Jablonskistraße genommen.
Jetzt also stand der Rat an der Barriere und machte ihm Zeichen.
Quangel warf einen Blick auf die beiden Schupos. Sie standen etwa drei Schritte von ihm entfernt, keiner sah ihn direkt an, und sie waren in ein sehr lebhaftes Gespräch vertieft. Quangel hörte gerade die Worte: »Und da fass ick den Bruder ins Jenick …«
Der Werkmeister war aufgestanden, hatte die Hosen fest mit beiden Händen gepackt und ging nun Schritt um Schritt durch die ganze Länge des Saales auf den Kammergerichtsrat zu.
Der stand an der Barre, den Blick hielt er jetzt gesenkt, als wolle er den herannahenden Gefangenen nicht sehen. Dann – Quangel war nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt – drehte sich der Kammergerichtsrat rasch um, ging zwischen den Stuhlreihen hindurch und auf die Ausgangstür zu. Aber von ihm zurückgelassen, lag ein kleines weißes Päckchen, nicht einmal so groß wie ein Garnröllchen, auf dem Geländer.
Quangel machte die letzten Schritte, fasste zu und barg das Röllchen zuerst in der hohlen Hand, dann in der Hosentasche. Es hatte sich fest angefühlt. Er drehte sich um und sah, dass seine beiden Bewacher noch immer nicht seine Abwesenheit bemerkt hatten. Dann klappte eine Tür im Zuschauerraum, und der Kammergerichtsrat war fort.
Quangel begann wieder seine Wanderung zurück zu seinem Platz. Er war ziemlich erregt, sein Herz klopfte, es schien so unwahrscheinlich, dass dieses Abenteuer gut ausgehen sollte. Und was war dem alten Rat so wichtig erschienen, es ihm zuzustecken, dass er darum so viel gewagt hatte?
Quangel war nur noch einige Schritte vom Platz entfernt, als der eine Wachtmeister ihn plötzlich sah. Er fuhr erschrocken zusammen, warf einen verwirrten Blick auf den leeren Sitz Quangels, als wolle er sich überzeugen, dass der Angeklagte wirklich nicht mehr dort saß, und schrie dann fast in seinem Schreck: »Wat machen Sie denn da?«
Auch der andere Schupo fuhr herum und starrte Quangel an. In ihrer ersten Verwirrung standen beide wie angewurzelt, dachten gar nicht daran, den Gefangenen zurückzuführen.
»Ich möchte mal austreten, Herr Wachtmeister!«, sagte Quangel.
Aber während der rasch beruhigte Polizist noch knurrte: »Da latschen Se jefällichst nich alleene los! Da melden Se sich jefällichst, Sie!« – während der Polizist noch so sprach, dachte Quangel plötzlich, dass er es nicht anders haben wollte als Anna. Sollten die ruhig ihr Urteil ohne die beiden Angeklagten verkünden, es würde ihnen viel von ihrem Spaß nehmen. Er, Quangel, war nicht neugierig darauf, weil er es nämlich schon kannte. Außerdem sehnte er sich danach, zu erfahren, was für eine Wichtigkeit ihm der alte Rat da zugesteckt hatte.
Die beiden Polizisten waren bei Quangel angelangt und fassten ihn bei den Armen, die doch die Hosen hielten.
Quangel sah sie kalt an und sagte: »Hitler, verrecke!«
»Was?« Sie waren verblüfft, trauten ihren Ohren nicht.
Und Quangel sehr schnell und sehr laut: »Hitler, verrecke! Göring, verrecke! Goebbels, du Aas, verrecke! Streicher,36 verrecke!«
Eine ihn unter dem Kinn treffende Faust machte das weitere Ableiern dieses Rosenkranzes unmöglich. Die beiden Schupos schleppten den bewusstlosen Quangel aus dem Saal.
So kam es, dass Präsident Feisler das Urteil doch ohne die beiden Angeklagten verkünden musste. Umsonst hatte der höchste Richter über die Beleidigung des Anwalts gnädig hinweggesehen. Und Quangel behielt recht: die Urteilsverkündung machte dem Präsidenten ohne die Gesichter der beiden Angeklagten keinen Spaß mehr, nicht mehr den allergeringsten. Er hatte sich so schöne beschimpfende Formulierungen ausgedacht.
Während Feisler noch sprach, öffnete Quangel in seiner Wartezelle die Augen. Sein Kinn schmerzte, der ganze Kopf schmerzte, mühsam nur konnte er sich an das Geschehene erinnern. Seine Hand tastete sich vorsichtig in die Tasche: Gottlob, das Päckchen war noch da.
Er hörte den Schritt der Wache auf dem Gang, nun hörte das Geräusch auf, und stattdessen wurde ein leiser, schürfender Laut von der Tür her vernehmlich: das Schutzschild wurde vom Spion zurückgeschoben. Quangel hatte die Augen geschlossen, er lag, als sei er noch immer bewusstlos. Nach einer endlos erscheinenden Frist kam wiederum das leise, schürfende Geräusch von der Tür her und dann endlich von neuem der Schritt der Wache …
Der Spion war wieder geschlossen, die nächsten zwei, drei Minuten würde der Posten bestimmt nicht hereinsehen.
Quangel fasste schnell in die Tasche und brachte das Röllchen zum Vorschein. Er streifte den Faden ab, der es umspannte, entfaltete den Zettel, der um ein Glasröhrchen lag, und las die Maschinenschrift: »Blausäure, tötet schmerzlos in wenigen Sekunden. Im Mund verstecken. Für die Frau wird auch gesorgt. Zettel vernichten!«
Quangel lächelte. Der gute alte Mann! Der herrliche alte Mann! Er kaute das Zettelchen, bis es ganz nass war, und schluckte es dann herunter.
Neugierig betrachtete er die Ampulle, sah die wasserklare Flüssigkeit an. Rascher, schmerzloser Tod, sagte er sich. Oh, wenn ihr das wüsstet! Und für Anna wird auch gesorgt werden. Er denkt an alles. Guter alter Mann!
Er schob das Glasröhrchen in den Mund. Er probierte. Er fand, dass er es am besten zwischen Zahnfleisch und Backzähnen verbergen konnte, wie einen Stift, einen Priem, den viele Arbeiter in der Tischlerwerkstatt gebraucht hatten. Er tastete die Backe ab. Nein, er konnte von einer Erhöhung nichts spüren. Und wenn sie wirklich etwas merkten, ehe sie ihm das Ding fortnehmen konnten, hatte er zugebissen und es im Munde zermalmt.
Wieder lächelte Quangel. Jetzt war er wirklich frei, jetzt hatten sie keinerlei Gewalt mehr über ihn!
67. Das Totenhaus
Das Totenhaus in Plötzensee beherbergt jetzt Otto Quangel. Die Einzelzelle des Totenhauses ist nun seine letzte Heimat auf dieser Erde.
Ja, jetzt liegt er auf einer Einzelzelle: Für die zum Tode Verurteilten gibt es keine Gefährten mehr, keinen Dr. Reichhardt, nicht einmal einen »Hund«. Die zum Tode Verurteilten haben nur noch den Tod zum Gefährten, so will es das Gesetz.
Es ist ein ganzes Haus, in dem sie leben, diese zum Tode Verurteilten, Dutzende, vielleicht Hunderte, Zelle an Zelle. Immer geht der Schritt der Wachen über den Gang, immer hört man Klirren, und die ganze Nacht bellen die Hunde auf den Höfen.
Aber in den Zellen die Gespenster sind still, in den Zellen ist Ruhe, man hört keinen Laut. Sie sind so still, diese Todeskandidaten! Aus allen Teilen Europas zusammengeholt, Männer, Jünglinge, fast noch Knaben, Deutsche, Franzosen, Holländer, Belgier, Norweger, gute Menschen, schwache Menschen, böse Menschen, alle Temperamente vom Sanguiniker bis zum Choleriker, bis zum Melancholiker. Aber in diesem Hause verwischen sich die Unterschiede, sie sind alle still geworden, nur noch Gespenster ihrer selbst. Kaum je hört Quangel nachts ein Weinen, und wieder Stille, Stille … Stille …
Er hat die Stille immer geliebt. Diese letzten Monate hatte er ein Leben führen müssen, das seiner ganzen Wesensart entgegengesetzt war: nie mit sich allein, so oft zum Sprechen gezwungen, er, der doch alles Sprechen hasste. Nun ist er noch ein Mal, ein letztes Mal, zu seiner Art des Lebens zurückgekehrt, in die Stille, in die Geduld. Der Dr. Reichhardt war gut, er hat ihn vieles gelehrt, aber nun, dem Tode so nahe, ist es noch besser, ohne den Dr. Reichhardt zu leben.
Von Dr. Reichhardt hat er es übernommen, sich ein regelmäßiges Leben hier in der Zelle einzurichten. Alles hat seine Zeit: das sehr sorgfältige Waschen, einige Freiübungen, die er dem Zellengefährten abgelauscht hat, je eine Stunde Spaziergang am Vor- wie am Nachmittag, das gründliche Reinigen der Zelle, das Essen, der Schlaf. Es gibt hier auch Bücher zum Lesen, jede Woche werden ihm sechs Bücher auf die Zelle gebracht; aber darin hat er sich nicht geändert, er sieht sie nicht an. Er wird doch auf seine alten Tage nicht noch mit Lesen anfangen.
Aber noch ein anderes hat er von dem Dr. Reichhardt übernommen. Während seiner Spaziergänge summt er vor sich hin. Er erinnert sich an alte Kinder- und Volkslieder, von der Schule her. Aus seiner frühesten Jugend tauchen sie in ihm auf, Vers reiht sich an Vers – was für einen Kopf er doch hat, der dies alles über vierzig Jahre hin noch weiß! Und dann die Gedichte: Der Ring des Polykrates, Die Bürgschaft, Freude, schöner Götterfunken, Der Erlkönig. Aber das Lied von der Glocke bekommt er nicht mehr zusammen. Vielleicht hat er nie alle Verse gekonnt, das weiß er nun nicht mehr …
Ein stilles Leben, aber den Hauptinhalt des Tages bietet doch die Arbeit. Ja, hier muss er arbeiten, ein bestimmtes Quantum Erbsen muss er sortieren, wurmstichige Erbsen auslesen, halbe, zerbrochene entfernen wie die Unkrautsamen und die schwarzgrauen Kugeln der Wicken. Er tut diese Arbeit gerne, seine Finger sortieren fleißig Stunde um Stunde.
Und es ist gut, dass er gerade diese Arbeit bekommen hat, sie sättigt ihn. Denn nun sind die guten Zeiten, da er von den Speisen Dr. Reichhardts mitessen durfte, endgültig vorbei. Was sie ihm in seine Zelle reichen, ist schlecht gekocht, Wassergeplemper, nasses, klebriges Brot mit Kartoffelbeimischung, das unverdaulich schwer in seinem Magen liegt.
Aber da helfen die Erbsen. Er kann nicht viel abnehmen, denn sein Quantum wird ihm zugewogen, aber er kann so viel abnehmen, dass er einigermaßen satt wird. Er weicht sich diese Erbsen in Wasser ein, und wenn sie gequollen sind, tut er sie in seine Suppe, damit sie ein bisschen warm werden, und dann kaut er sie. So verbessert er sein Essen, von dem das Wort gilt: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.
Er vermutet es beinahe, dass die Aufseher, die Arbeitsinspektoren wissen, was er tut, dass er Erbsen stiehlt, aber sie sagen nichts. Und sie sagen nichts, nicht weil sie den zum Tode Verurteilten schonen wollen, sondern weil sie gleichgültig sind, stumpf geworden in diesem Hause, in dem sie alle Tage so viel Elend erleben.
Sie reden nicht, schon damit der andere nicht spricht. Sie wollen keine Klagen hören, sie können ja doch nichts ändern, bessern, hier geht alles seinen starren Weg. Sie sind nur Räderchen einer Maschine, Räderchen aus Eisen, aus Stahl. Wenn das Eisen weich würde, müsste das Rädchen ersetzt werden, sie wollen nicht ersetzt werden, sie wollen weiter Rädchen sein.
Darum können sie auch nicht trösten, sie wollen es nicht, sie sind, wie sie sind: gleichgültig, kalt, ohne alle Teilnahme.
Zuerst, als Otto Quangel aus dem ihm vom Präsidenten Feisler verordneten Dunkelarrest in diese Zelle hinaufkam, hatte er gemeint, es sei für ein, zwei Tage, er hatte gemeint, sie seien begierig darauf, das Todesurteil rasch an ihm zu vollstrecken, es wäre ihm recht gewesen.
Aber dann erfährt er allmählich, dass es Wochen und Wochen mit der Vollstreckung des Urteils dauern kann, Monate, ja, womöglich ein Jahr. Doch, es gibt zum Tode Verurteilte, die schon ein Jahr auf ihren Tod warten, die sich jeden Abend zum Schlafen hinlegen und die nicht wissen, ob sie in der Nacht aus diesem Schlaf von den Henkersgehilfen geweckt werden; jede Nacht, jede Stunde, den Bissen im Munde, beim Erbsenpalen, auf dem Notdurftkübel, stets kann die Tür sich auftun, eine Hand winkt, eine Stimme spricht: »Komm! Jetzt ist es so weit!«
Es ist eine unermessliche Grausamkeit, die in dieser über Tage, Wochen, Monate verlängerten Todesangst liegt, und es sind nicht nur juristische Formalien, es machen nicht nur die eingereichten Gnadengesuche, auf die der Entscheid erst abgewartet werden muss, die diese Verzögerung bedingen. Manche sagen auch, der Henker ist überbeschäftigt, er kann es nicht mehr schaffen. Aber der Henker arbeitet nur an den Montagen und an den Donnerstagen, an den anderen Tagen nicht. Er ist über Land, überall in Deutschland wird hingerichtet, der Henker arbeitet auch auswärts. Aber wie kommt es dann, dass von Verurteilten der eine sieben Monate früher als sein in gleicher Sache Mitverurteilter hingerichtet wird? Nein, hier ist wieder die Grausamkeit am Werk, der Sadismus; in diesem Hause wird nicht roh geschlagen und nicht körperlich gefoltert, hier sickert das Gift unmerklich in die Zellen, sie wollen die Seelen hier nicht eine Minute aus dem Todesgriff der Angst entlassen.
Jeden Montag und Donnerstag wird das Totenhaus unruhig. Schon in der Nacht rühren sich die Gespenster, sie hocken an den Türen, ihre Glieder zittern, sie lauschen auf die Gänge hinaus. Noch gehen die Schritte der Wachen, es ist erst zwei Uhr morgens. Aber bald … Vielleicht heute noch. Und sie bitten, beten: Nur noch diese drei Tage, nur noch diese vier Tage bis zum nächsten Hinrichtungstag, dann werde ich mich willig fügen, nur heute noch nicht! Und sie bitten, sie beten, sie betteln.
Eine Uhr schlägt vier. Schritte, Schlüsselgeklapper, Murmeln. Die Schritte nähern sich. Das Herz fängt an zu pochen, Schweiß bricht aus über den ganzen Körper. Plötzlich klirrt ein Schlüssel im Schloss. Still doch, still doch, es ist ja die Zelle nebenan, die aufgeschlossen wurde, nein, noch eine weiter! Du bist noch nicht dran. Ein rasch ersticktes: Nein! Nein! Hilfe! Scharren von Füßen. Stille. Der regelmäßige Schritt des Postens. Stille. Warten. Angstvolles Warten. Ich ertrage das nicht …
Und nach einer endlosen Frist, nach einem Abgrund voller Angst, nach einer unerträglichen Wartezeit, die doch ertragen werden muss, nähert sich wieder das Murmeln, das Geräusch vieler Füße, das Schlüsselgeklapper … Es kommt näher, nahe, nahe. O Gott, heute noch nicht, nur noch die drei Tage! Ruckzuck! Schlüssel im Schloss – bei mir? Oh, bei dir! Nein, es ist die Nachbarzelle, ein paar gemurmelte Worte, sie holen also den Nachbarn. Sie holen ihn, die Schritte entfernen sich …
Zeit zerbricht langsam, wenig Zeit zerbröckelt langsam in unendlich viele kleine Stücke. Warten. Nichts wie Warten. Und der Schritt der Wachen auf dem Gang. O Gott, heute nehmen sie einfach Zelle neben Zelle, als Nächster kommst du dran. Als – Nächster – kommst – du – dran! In drei Stunden wirst du eine Leiche sein, dieser Körper ist tot, diese Beine, die dich jetzt noch tragen, tote Stecken, diese Hand, die gearbeitet, gestreichelt, gekost und gesündigt hat, wird nichts mehr sein wie ein verdorbenes Stück Fleisch! Es ist unmöglich, und doch ist es wahr!
Warten – warten – warten! Und plötzlich sieht der Wartende, dass durch sein Fenster der Tag dämmert, er hört eine Glocke zum Aufstehen rufen. Der Tag ist gekommen, ein neuer Arbeitstag – und er ist noch einmal verschont geblieben. Er hat noch drei Tage Frist, vier Tage Frist, wenn es ein Donnerstag ist. Das Glück hat ihm gelächelt! Er atmet leichter, endlich kann er leichter atmen, vielleicht verschonen sie ihn ganz. Vielleicht kommt ein großer Sieg und damit eine Amnestie, vielleicht wird er zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt werden!
Eine Stunde leichteres Atmen!
Und schon setzt die Angst neu ein, vergiftet diese drei, vier Tage: Sie haben diesmal grade bei deiner Zelle Schluss gemacht, am Montag werden sie mit mir beginnen. Oh, was tu ich nur? Ich kann doch noch nicht …
Und immer von Neuem, immer von Neuem, zweimal die Woche, alle Tage die Woche, jede Sekunde die Angst!
Und Monat um Monat: Todesangst!
Manchmal fragte sich Otto Quangel, woher er alles dieses wusste. Er sprach doch eigentlich nie mit jemandem, und eigentlich sprach nie jemand mit ihm. Einige dürre Worte des Aufsehers: »Mitkommen! Aufstehen! Schneller arbeiten!« Vielleicht gerade noch beim Essenabfüllen ein mehr mit den Lippen gebildetes als gehauchtes Wort: »Heute sieben Hinrichtungen«, das war alles.
Aber seine Sinne waren so unendlich scharf geworden. Sie errieten, was er nicht sah. Seine Ohren hörten jedes Geräusch auf dem Gang, ein Gesprächsfetzen der sich ablösenden Posten, ein Fluch, ein Schrei – alles enthüllte sich ihm, nichts blieb ihm verborgen. Und dann in den Nächten, in den langen Nächten, die nach der Hausordnung dreizehn Stunden dauerten, die aber nie Nächte waren, weil in seiner Zelle stets Licht brennen musste, dann wagte er es manchmal: er kletterte zum Fenster hinauf, er lauschte in die Nacht. Er wusste, die Posten unten auf dem Hof mit ihren ewig bellenden Hunden hatten den Befehl, auf jedes Gesicht im Fenster zu schießen, und nicht selten fiel auch einmal ein Schuss – aber er wagte es trotzdem.
Er stand da auf seinem Schemel, er spürte die reine Nachtluft (schon diese Luft war belohnend für jede Gefahr), und dann hörte er dies Flüstern von Fenster zu Fenster, sinnlose Worte zuerst: »Den Karl hat’s mal wieder!« Oder: »Die Frau von 347 hat heute den ganzen Tag unten gestanden«, aber mit der Zeit konnte er sich auf alles einen Vers machen. Mit der Zeit wusste er, dass in der Zelle neben ihm ein Mann von der Spionageabwehr saß, der sich dem Feinde verkauft haben sollte und der schon zweimal versucht haben sollte, sich umzubringen. Und in der Zelle hinter ihm saß ein Arbeiter, der hatte in einem Elektrizitätswerk die Dynamos verschmoren lassen, ein Kommunist. Und der Aufseher Brennecke besorgte Papier und Bleistiftstummel und schmuggelte auch Briefe aus dem Bau, wenn er von außen geschmiert wurde, mit sehr viel Geld oder besser noch mit Lebensmitteln. Und … und … Nachrichten über Nachrichten. Auch ein Totenhaus spricht, atmet, lebt, auch in einem Totenhaus erlischt nicht das unbezwingliche Bedürfnis der Menschen, sich mitzuteilen.
Aber wenn auch Otto Quangel sein Leben – manchmal – wagte, um zu lauschen, wenn seine Sinne auch nie müde wurden, auf jede Veränderung zu achten, so ganz gehörte Quangel nicht zu den anderen. Manchmal ahnten sie, dass auch er am nächtlichen Fenster stand, einer flüsterte: »Na, wie ist’s denn mit dir, Otto? Gnadengesuch schon zurück?« (Sie wussten alles über ihn.) Aber nie antwortete er mit einem Wort, nie gab er zu, dass auch er lauschte. Er gehörte nicht zu ihnen, wenn auch das gleiche Urteil über ihn verhängt war, er war ein ganz anderer.
Und dass er ein ganz anderer war als sie, das machte nicht sein Einzelgängertum, wie es früher gewesen, das machte nicht sein Bedürfnis nach Ruhe, das ihn bisher von allen getrennt hatte, das kam nicht von seiner Abneigung gegen Reden, die früher seine Zunge schweigsam gemacht – sondern das machte jenes kleine Glasröhrchen, das ihm der Kammergerichtsrat Fromm gegeben.
Dieses Röhrchen mit der wasserhellen Blausäurelösung hatte ihn frei gemacht. Die anderen, seine Leidensgefährten, sie mussten den letzten bitteren Weg gehen; er hatte die Wahl. Er konnte in jeder Minute sterben, er musste es nur wollen. Er war frei. Er war, im Totenhaus, hinter Gittern und Mauern, er war, gehalten mit Ketten und Schellen – er, Otto Quangel, Tischlermeister a.D., Werkmeister a.D., Ehegatte a.D., Vater a.D., Aufrührer a.D. – er war frei geworden. Das hatten sie bewirkt, sie hatten ihn frei gemacht, wie er es nie in seinem Leben gewesen war. Er, der Besitzer dieses Glasröhrchens, fürchtete den Tod nicht. Der Tod war zu jeder Stunde bei ihm, er war sein Freund. Er, Otto Quangel, brauchte an den Montagen und den Donnerstagen nicht lange vor der Zeit zu erwachen und angstvoll an der Türe lauschen. Er gehörte nicht zu ihnen, nicht ganz. Er musste sich nicht quälen, weil er das Ende aller Qual bei sich hatte.
Es war ein gutes Leben, das er führte. Er liebte es. Er war nicht einmal ganz sicher, dass er diese Glasampulle je gebrauchen würde. Vielleicht war es noch besser, bis zur letzten Minute zu warten? Vielleicht durfte er Anna doch noch einmal sehen? War es nicht richtiger, denen keine Schande zu ersparen?
Sie sollten ihn hinrichten, besser, viel besser! Er wollte es wissen, wie es dabei zuging – ihm war, als käme es ihm zu, als sei es seine Pflicht, auch zu wissen, wie sie das machten. Er glaubte, bis die Schlinge um seinen Hals oder der Kopf unter dem Fallbeil lag, müsste er alles wissen. Er konnte, in der letzten Minute noch, denen doch einen Streich spielen.
Und in der Gewissheit, dass ihm nichts mehr geschehen konnte, dass er hier – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – ganz er selbst sein konnte, unverstellt er selbst, in dieser Gewissheit fand er Ruhe, Heiterkeit, Frieden. Sein alternder Körper hatte sich nie so wohl gefühlt wie in diesen Wochen. Sein hartes Vogelauge hatte nie so freundlich gesehen wie in der Todeszelle der Plötze. Sein Geist hatte nie so frei schweifen können wie hier.
Ein gutes Leben, dieses Leben!
Hoffentlich ging es auch Anna gut. Aber der alte Rat Fromm war ein Mann, der Wort hielt. Auch Anna würde über alle Verfolgungen hinaus sein, auch Anna war frei, gefangen frei …