Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 42

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68. Die Gnadengesuche

Otto Quangel hatte erst seit einigen Tagen in der Dunkelzelle gelegen – gemäß Beschluss des Volksgerichtshofs –, er fror jämmerlich in dem kleinen Käfig aus Eisenstangen, der am ehesten einem sehr engen Affenkäfig im Zoo glich –, da tat sich die Tür auf, Licht ging an, und sein Anwalt, Dr. Stark, stand in der Tür des Raumes, in dem der Gitterkäfig aufgebaut war, und sah seinen Mandanten an.

Quangel stand langsam auf und schaute zurück.

Da war dieser geschniegelte und gebügelte Herr also noch einmal zu ihm gekommen, mit seinen rosigen Fingernägeln und der nachlässigen, schleppenden Art zu reden. Wahrscheinlich, um sich den Verbrecher in seiner Qual anzusehen.

Aber auch da schon hatte Quangel die Zyankaliampulle in seinem Munde getragen, diesen Talisman, der ihn Kälte und Hunger ertragen ließ, und so hatte er ruhig, ja, mit einer heiteren Überlegenheit auf den »feinen Herrn« geblickt, er, in seiner Zerlumptheit, vor Frost zitternd, der Magen brennend vor Hunger.

»Nun?«, hatte Quangel schließlich gefragt.

»Ich bringe Ihnen das Urteil«, sagte der Anwalt und zog ein Papier aus der Tasche.

Aber Quangel nahm es nicht. »Es interessiert mich nicht«, sagte er. »Ich weiß ja doch, dass es auf Todesstrafe lautet. Auch meine Frau?«

»Auch Ihre Frau. Und es gibt keine Berufung dagegen.«

»Gut«, antwortete er.

»Aber Sie können ein Gnadengesuch machen«, sagte der Anwalt.

»An den Führer?«

»Ja, an den Führer.«

»Nein, danke.«

»Sie wollen also sterben?«

Quangel lächelte.

»Sie haben keine Angst?«

Quangel lächelte.

Der Anwalt sah zum ersten Mal mit einer Spur von Interesse in das Gesicht seines Mandanten, er sagte: »So werde ich für Sie ein Gnadengesuch einreichen.«

»Nachdem Sie meine Verurteilung gefordert haben!«

»Es ist so üblich, bei jedem Todesurteil wird ein Gnadengesuch eingereicht. Es gehört zu meinen Pflichten.«

»Zu Ihren Pflichten. Ich verstehe. Wie Ihre Verteidigung. Nun, ich nehme an, Ihr Gnadengesuch wird wenig Wirkung haben, lassen Sie es lieber.«

»Ich werde es trotzdem einreichen, auch gegen Ihren Willen.«

»Ich kann Sie nicht hindern.«

Quangel setzte sich wieder auf die Pritsche. Er wartete, dass der andere jetzt mit diesem blöden Gewäsch aufhörte, dass er ginge.

Aber der Anwalt ging nicht, sondern er fragte nach einer langen Pause: »Sagen Sie, warum haben Sie das eigentlich getan?«

»Was getan?«, fragte Quangel gleichgültig, ohne den Gebügelten anzusehen.

»Diese Postkarten geschrieben. Sie haben doch nichts genützt und kosten Ihnen nun das Leben.«

»Weil ich ein dummer Mensch bin. Weil mir nichts Besseres eingefallen ist. Weil ich mit einer anderen Wirkung rechnete. Darum!«

»Und Sie bedauern es nicht? Es tut Ihnen nicht leid, wegen solch einer Dummheit das Leben zu verlieren?«

Ein scharfer Blick traf den Anwalt, der alte, stolze, harte Vogelblick. »Aber ich bin wenigstens anständig geblieben«, sagte er. »Ich habe nicht mitgemacht.«

Der Anwalt sah lange auf den schweigend Dasitzenden. Dann sagte er: »Ich glaube jetzt doch, mein Kollege, der Ihre Frau verteidigte, hat recht gehabt: Sie beide sind wahnsinnig.«

»Nennen Sie es wahnsinnig, dass man jeden Preis dafür bezahlt, anständig zu bleiben?«

»Sie hätten das auch ohne Karten bleiben können.«

»Das wäre schweigende Zustimmung gewesen. Was haben Sie dafür bezahlt, dass Sie so ein feiner Herr geworden sind mit so schön gebügelten Hosen, mit lackierten Fingernägeln und mit verlogenen Verteidigungsreden? Was haben Sie dafür bezahlt?«

Der Anwalt schwieg.

»Da haben Sie es!«, sagte Quangel. »Und Sie werden immer mehr dafür bezahlen, und vielleicht werden Sie eines Tages auch den Kopf dafür lassen müssen, genau wie ich, aber dann lassen Sie ihn für Ihre Unanständigkeit!«

Noch immer schwieg der Anwalt.

Quangel stand auf, er lachte. »Sehen Sie«, lachte er. »Sie wissen gut, dass der hinter den Gitterstäben anständig ist und Sie davor der Lump, dass der Verbrecher frei ist, aber der Anständige zum Tode verurteilt. Sie sind kein Rechtsanwalt, nicht ohne Grund habe ich Sie Linksanwalt genannt. Und Sie wollen ein Gnadengesuch für mich machen – ach, gehen Sie doch!«

»Und ich werde doch ein Gnadengesuch für Sie einreichen«, sagte der Anwalt.

Quangel antwortete nicht.

»Also auf Wiedersehen!«, sagte der Anwalt.

»Kaum – oder Sie sehen bei meiner Hinrichtung zu. Sie sind herzlich eingeladen!«

Der Anwalt ging.

Er war abgebrüht, verhärtet, er war schlecht. Aber er hatte noch so viel Verstand, sich zuzugestehen, dass der andere der bessere Mann war.

Das Gnadengesuch wurde aufgesetzt, Irrsinn war der Anlass, der den Führer zur Gnade bestimmen sollte, aber der Anwalt wusste gut, dass sein Mandant nicht irrsinnig war.

Auch für Anna Quangel wurde ein Gnadengesuch unmittelbar an den Führer eingereicht, aber dieses Gesuch kam nicht aus der Stadt Berlin, es kam aus einem kleinen, armen märkischen Dorf, und unter dem Gesuch stand: Familie Heffke.

Die Eltern von Anna Quangel hatten einen Brief ihrer Schwiegertochter bekommen, von der Frau ihres Sohnes Ulrich. In dem Brief standen nur schlimme Nachrichten, und sie waren ohne Schonung in kurzen, harten Sätzen niedergeschrieben. Der Sohn Ulrich saß wahnsinnig in Wittenau, und Otto und Anna Quangel waren daran schuld. Die aber waren zum Tode verurteilt worden, weil sie ihr Land und ihren Führer verraten hatten. Das sind eure Kinder, eine Schande ist es, Heffke zu heißen!

Ohne ein Wort, ohne zu wagen, sich auch nur anzusehen, saßen die beiden alten Leute in ihrer kleinen, armseligen Stube. Der Brief lag zwischen ihnen, diese Hiobspost. Aber auch den Brief wagten sie nicht anzusehen.

Ihr Lebtag hatten sie sich ducken müssen, kleine Landarbeiter auf einem großen Gut unter harten Verwaltern, sie hatten ein karges Leben gehabt: viel Arbeit, wenig Freude. Die Freude waren die Kinder gewesen, aus den Kindern war etwas Ordentliches geworden. Sie waren mehr geworden als ihre Eltern, sie hatten sich nicht so schinden müssen, Ulrich, der Vorarbeiter in einer optischen Fabrik, und Anna, die Frau eines Tischlermeisters. Dass sie kaum schrieben, sich nicht sehen ließen, das störte die Alten kaum, das war die Art aller Vögel, die flügge geworden sind. Wussten sie doch, es ging den Kindern gut.

Und nun dieser Schlag, dieser erbarmungslose Schlag! Nach einer Weile streckt sich die verarbeitete, dürre Hand des alten Landarbeiters über den Tisch: »Mutter!«

Und plötzlich stürzen bei der Greisin die Tränen: »Ach, Vater! Unsere Anna! Unser Ulrich! Nun sollen sie unsern Führer verraten haben! Ich kann es nicht glauben, nie und nie!«

Drei Tage waren sie so verwirrt, dass sie keinen Entschluss fassen konnten. Sie trauten sich nicht aus dem Hause, sie wagten nicht, jemandem ins Auge zu blicken, aus Furcht, die Schande könne schon bekannt geworden sein.

Dann, am vierten Tag, baten Sie eine Hausnachbarin, ihr bisschen Kleinvieh zu versorgen, und machten sich auf den Weg nach der Stadt Berlin. Wie sie da die windgepeitschte Chaussee entlangwanderten, nach ländlicher Gewohnheit der Mann voran, die Frau einen Schritt hinterdrein, glichen sie Kindern, die sich in der weiten Welt verirrt haben, für die alles zur Drohung wird: ein Windstoß, ein herabfallender dürrer Ast, ein vorüberfahrendes Auto, ein raues Wort. Sie waren so völlig wehrlos.

Nach zwei Tagen wanderten sie die gleiche Chaussee zurück, noch kleiner, noch gebeugter, noch trostloser.

Sie hatten nichts erreicht in Berlin. Die Schwiegertochter hatte sie nur mit Schmähungen überhäuft. Sie hatten den Sohn Ulrich nicht sehen dürfen, weil keine »Besuchszeit« war. Die Anna und ihr Mann – kein Mensch konnte ihnen genau sagen, in welchem Gefängnis sie lagen. Sie hatten die Kinder nicht gefunden. Und der Führer, der geliebte Führer, von dem sie sich Hilfe und Trost erwarteten, dessen Kanzlei sie wirklich gefunden hatten, der Führer war nicht in Berlin gewesen. Er war im Großen Hauptquartier, damit beschäftigt, Söhne umzubringen, er hatte keine Zeit, Eltern zu helfen, die im Begriff standen, ihre Kinder zu verlieren.

Sie sollten nur ein Gesuch machen, war ihnen gesagt worden.

Sie wagten sich niemandem anzuvertrauen. Sie fürchteten sich vor der Schande. Sie, Parteimitglieder seit vielen Jahren, hatten eine Tochter, die den Führer verraten hatte. Sie hätten hier nicht mehr leben können, wenn das bekannt wurde. Und sie mussten doch leben, um die Anna zu retten. Nein, von keinem konnten sie sich bei diesem Gnadengesuch helfen lassen, nicht vom Lehrer, nicht vom Bürgermeister, selbst vom Pastor nicht.

Und mühsam, in stundenlangen Gesprächen, Überlegungen, Schreiben mit zitternder Hand brachten sie ein Gnadengesuch zustande. Es wurde geschrieben und wieder abgeschrieben und noch einmal ins Reine geschrieben und fing so an:

»Mein inniggeliebter Führer!

Eine verzweifelte Mutter bittet Dich auf den Knien um das Leben ihrer Tochter. Sie hat sich schwer an Dir vergangen, aber Du bist so groß, Du wirst Deine Gnade an ihr walten lassen. Du wirst ihr verzeihen …«

Hitler, der zum Gott geworden ist, Herr des Weltalls, allmächtig, allgütig, allverzeihend! Zwei alte Menschen – draußen rast der Krieg und mordet Millionen, sie glauben an ihn, noch da er ihre Tochter dem Henker überantwortet, glauben sie an ihn, kein Zweifel schleicht in ihr Herz, eher ist ihre Tochter schlecht als Gott der Führer!

Sie wagen nicht, den Brief im Dorf abzusenden, gemeinsam wandern sie zur Kreisstadt, um ihn dort zur Post zu geben. Als Adresse steht auf ihm: »An die eigene Person unseres innig geliebten Führers …«

Dann kehren sie heim in ihre Stube und warten gläubig, dass ihr Gott gnädig ist …

Er wird gnädig sein!

Die Post nimmt das verlogene Gesuch des Anwalts wie das hilflose von zwei trauernden Eltern und befördert beide, aber sie bringt sie nicht zum Führer. Der Führer will solche Gesuche nicht sehen, sie interessieren ihn nicht. Ihn interessieren Krieg, Zerstörung, Mord, nicht die Abwendung des Mordes. Die Gesuche wandern in die Kanzlei des Führers, sie bekommen eine Nummer, sie werden registriert, und dann wird ein Stempel auf sie gedrückt: An den Herrn Reichsjustizminister weitergeleitet. Zurück nur hierher, falls Verurteilter Parteimitglied ist, was aus dem Gnadengesuch nicht ersichtlich … (Die zweigeteilte Gnade, die Gnade für Parteigenossen und die Gnade für Volksgenossen.)

Auf dem Reichsjustizministerium werden die Gesuche wiederum registriert und beziffert, sie bekommen einen weiteren Stempel: An die Gefängnisverwaltung zur Stellungnahme.

Die Post befördert die Gesuche ein drittes Mal, und ein drittes Mal bekommen sie Nummern und werden in ein Buch eingetragen. Eine Schreiberhand setzt auf das Gesuch für Anna wie für Otto Quangel die wenigen Worte: Die Führung war nach der Hausordnung. Anlass zur Gnadenerteilung liegt hier nicht vor. Zurück an das Reichsjustizministerium.

Wiederum zweigeteilte Gnade: die einen, die sich gegen die Hausordnung vergingen oder die sie nur befolgten, geben keinen Anlass zur Gnade; aber wer sich durch Spionage, Verrat, Misshandlung seiner Leidensgenossen ausgezeichnet hatte, der fand – vielleicht Gnade.

Auf dem Justizministerium buchen sie den Wiedereingang der Gesuche, sie drücken einen Stempel darauf: »Ablehnen!«, und ein munteres Fräulein tippt auf seiner Maschine von morgens bis abends: Ihr Gnadengesuch wird abgelehnt … wird abgelehnt … abgelehnt … abgelehnt … abgelehnt …, den ganzen Tag lang, alle Tage lang.

Und eines Tages eröffnet dem Otto Quangel ein Beamter: »Ihr Gnadengesuch ist abgelehnt.«

Quangel, der kein Gnadengesuch gemacht hat, sagt kein Wort, es ist der Mühe nicht wert.

Aber die Post trägt den alten Leuten die Ablehnung ins Haus, durch das Dorf läuft das Gerücht: »Die Heffkes haben einen Brief vom Reichsjustizminister bekommen.«

Und wenn die alten Leute auch schweigen, beharrlich, angstvoll, zitternd schweigen, ein Bürgermeister hat Wege, die Wahrheit zu erfahren, und bald kommt zu der Trauer die Schande für zwei alte Leute …

Wege der Gnade!

69. Anna Quangels schwerster Entschluss

Anna Quangel hatte es schwerer als ihr Mann: sie war eine Frau. Sie sehnte sich nach Aussprache, Sympathie, ein wenig Zärtlichkeit – und jetzt war sie immer allein, von morgens bis abends mit dem Entwirren und Aufrollen von Bindfäden beschäftigt, die sackweise in ihre Zelle gestellt wurden. So knapp sie ihr Mann auch mit Worten und Taten der Gemeinsamkeit gehalten hatte, dieses Wenig schien ihr jetzt wie ein Paradies, ja, die Anwesenheit nur eines stummen Otto wäre ihr schon ein Segen gewesen.

Sie weinte viel. Der harte, lange Dunkelarrest hatte ihr bisschen Kraft genommen, dieses bisschen durch das Wiedersehen mit Otto wieder aufgeflammte Kraft, das sie in der Hauptverhandlung so stark und mutig gemacht hatte. Sie hatte zu sehr hungern und frieren müssen, sie musste es ja auch jetzt in ihrer kahlen Einzelzelle. Sie konnte nicht wie ihr Mann den schmalen Küchenzettel mit rohen Erbsen aufbessern, sie hatte es nicht gelernt wie er, ihrem Tag eine sinnvolle Einteilung zu geben, einen wechselnden Rhythmus, der immer noch etwas wie Freude erwarten ließ: nach der Arbeit eine Stunde Spaziergang oder die Zufriedenheit über einen frisch gewaschenen Körper.

Auch Anna Quangel hatte es gelernt, nachts aus dem Zellenfenster zu lauschen. Aber sie stand nicht nur manchmal an ihm, sie tat es allnächtlich. Und sie flüsterte, sie sprach am Fenster, sie erzählte ihre Geschichte, sie fragte immer wieder nach Otto, nach Otto Quangel … O Gott, wusste denn wirklich hier niemand, wo Otto war, wie es ihm ging, Otto Quangel, ja doch, ein älterer Werkmeister, aber noch rüstig, sah so und so aus, dreiundfünfzig Jahre – sie mussten es doch wissen!

Sie merkte es nicht, oder sie wollte es nicht merken, dass sie den anderen lästig fiel mit ihren ewigen Fragen, ihrem hemmungslosen Erzählen. Hier hatte jede ihre eigenen Sorgen.

»Halt doch endlich mal deine Klappe, du da, Nummer 76, das wissen wir nun alles, was du quatschst!«

Oder auch: »Ach, das ist die wieder mit ihrem Otto, von hinten und von vorne Otto, was?«

Oder ganz scharf: »Wenn du nicht endlich die Klappe hältst, verpfeifen wir dich! Jetzt wollen auch mal andre drankommen!«

Kroch dann Anna Quangel endlich tief in der Nacht unter ihre Decke, schlief sie noch viel später ein, so fand sie am nächsten Morgen nicht rechtzeitig heraus. Die Aufseherin schalt mit ihr und drohte ihr einen neuen Arrest an. Spät setzte sie sich an die Arbeit, zu spät. Sie musste sich hetzen und machte allen Erfolg ihrer Hetzerei wieder zunichte, weil sie ein Geräusch auf dem Flur gehört zu haben glaubte und nun an der Tür lauschte. Eine halbe Stunde lang, eine Stunde lang. Sie, die eine ruhige, freundliche, mütterliche Frau gewesen war, veränderte sich durch die Einzelhaft so, dass alle sich an ihr ärgerten. Da die Aufseherinnen stets Mühe mit ihr hatten und unfreundlich mit ihr waren, fing sie Streit mit ihnen an; sie behauptete, ihr gebe man am wenigsten und am schlechtesten zu essen, aber die meiste Arbeit. Schon ein paarmal hatte sie sich bei diesem Wortgefecht so erhitzt, dass sie zu schreien anfing, einfach sinnlos zu schreien.

Dann hielt sie selbst erschrocken inne. Sie bedachte den Weg, den sie gegangen war, bis in diese kahle Todeszelle hinein, sie dachte an ihr Heim in der Jablonskistraße, das sie nie wiedersehen würde, sie erinnerte sich des Sohnes Otto, wie er größer wurde, seines kindlichen Geplauders, der ersten Schulsorgen, der kleinen grauen Hand, die mit ungeschickter Zärtlichkeit ihr ins Gesicht gefasst hatte – ach, diese Kinderhand, die sich in ihrem Leibe, aus ihrem Blut zu Fleisch gebildet hatte, sie war längst wieder zu Erde zerfallen, sie war ihr auf ewig verloren. Sie dachte an die Nächte, da die Trudel bei ihr im Bett gelegen hatte, wenn sie flüsternd, den blühenden jungen Leib nahe dem ihrigen, sich stundenlang unterhalten hatten, über den strengen Vater, der drüben im Bett schlief, über Ottochen und über ihre Zukunftsaussichten. Aber auch die Trudel war verloren.

Und dann dachte sie an die gemeinsame Arbeit mit Otto, an den Kampf, den sie beide über zwei Jahre in aller Stille geführt hatten. Die Sonntage kamen ihr in Erinnerung, wenn sie gemeinsam am Tisch in der Stube saßen, sie in der Sofaecke, Strümpfe stopfend, und er auf seinem Stuhl, sein Schreibzeug vor sich, gemeinsam Sätze formulierend, gemeinsam Träumen von großem Erfolg nachhängend. Verloren, vorbei, alles verloren, alles vorbei! Einsam in der Zelle, nur noch den nahen, gewissen Tod vor sich, ohne Wort von Otto, vielleicht nie wieder sein Gesicht – allein zum Sterben, allein im Grabe …

Sie geht stundenlang in der Zelle auf und ab, sie erträgt es nicht. Sie hat ihre Arbeit vergessen, die Bindfadenknäuel liegen noch immer verknotet und verwirrt auf der Erde, sie stößt sie mit dem Fuße fort, ungeduldig – und als die Wärterin die Zelle am Abend aufschließt, ist nichts getan. Es gibt harte Worte, aber sie hört gar nicht hin, mögen die doch mit ihr machen, was sie wollen, mögen die sie doch schnell hinrichten – umso besser!

»Passt auf, was ich euch sage«, sagt die Aufseherin ihren Kolleginnen. »Die fängt bald an zu spinnen, haltet immer schon eine Tobjacke bereit. Und seht oft nach ihr rein, die ist imstande und baumelt sich am hellerlichten Tage, im Handumdrehen baumelt sie sich auf, und wir haben nachher die Scherereien!«

Aber darin hat die Aufseherin unrecht: an Aufbaumeln denkt Anna Quangel nicht. Was sie am Leben erhält, was selbst dieses niedere Dasein ihr lebenswert erscheinen lässt, das ist der Gedanke an Otto. Sie kann doch nicht so von hier fortgehen, sie muss warten, vielleicht bekommt sie eine Nachricht von ihm, vielleicht wird ihr sogar erlaubt, ihn noch einmal vor ihrem Tode wiederzusehen.

Und dann, eines Tages unter diesen trüben Tagen, scheint das Glück ihr zu lächeln. Eine Wärterin öffnet plötzlich die Zellentür: »Mitkommen, Quangel! Besuch!«

Besuch? Wer soll mich hier besuchen? Ich habe doch keinen, der mich hier besuchen kann. Es wird Otto sein! Es muss Otto sein! Ich fühle es, das ist Otto!

Sie wirft einen Blick auf die Wärterin, sie möchte ihr so gerne die Frage nach dem Besucher stellen, aber es ist gerade eine Wärterin, mit der sie ständig Streit gehabt hat, sie kann diese Frau nicht fragen. Sie folgt ihr, am ganzen Leibe zitternd, sie sieht nichts, sie weiß nicht, wohin sie gehen, sie erinnert sich nicht mehr, dass sie bald sterben muss – sie weiß nur, sie geht zu Otto, zu dem einzigen Menschen auf der ganzen Welt …

Die Wärterin übergibt die Gefangene 76 einem Wachtmeister, sie wird in eine Stube geführt, die durch ein Gitter in zwei Hälften geteilt ist, auf der anderen Seite des Gitters steht ein Mann.

Und alle Freude fällt von Anna Quangel ab, als sie diesen Mann sieht. Es ist nicht Otto, es ist nur der alte Kammergerichtsrat Fromm. Da steht das Männlein, sieht ihr entgegen mit seinen blauen Augen, die von einem Fältchenkranz umgeben sind, und sagt: »Ich wollte doch mal nach Ihnen sehen, Frau Quangel.«

Der Aufsichtsbeamte hat sich ans Gitter gestellt, er betrachtet nachdenklich die beiden. Dann wendet er sich gelangweilt ab und geht ans Fenster.

»Schnell!«, flüstert der Rat und hält ihr durchs Gitter etwas hin.

Instinktiv fasst sie zu.

»Stecken Sie es weg!«, flüstert er.

Und sie verbirgt das weiße Röllchen.

Ein Brief von Otto, denkt sie, und ihr Herz klopft wieder freier. Die Enttäuschung ist überwunden.

Der Beamte hat sich wieder umgedreht und sieht vom Fenster her auf die beiden.

Endlich findet Anna ein paar Worte. Sie begrüßt den Kammergerichtsrat nicht, sie sagt keinen Dank, sie stellt die einzige Frage, die sie noch auf der Welt interessiert: »Haben Sie Otto gesehen, Herr Kammergerichtsrat?«

Der alte Herr wiegt den klugen Kopf hin und her. »Nicht in der letzten Zeit«, antwortet er. »Aber ich habe durch Freunde gehört, dass es ihm gut geht, sehr gut. Er hält sich wunderbar.«

Er bedenkt sich und setzt nach einem kurzen Zögern hinzu: »Ich glaube, ich darf Sie von ihm grüßen.«

»Danke«, flüstert sie. »Danke sehr.«

Viele verschiedene Empfindungen sind bei seinen Worten durch sie gelaufen. Wenn er ihn nicht gesehen hat, kann er auch keinen Brief von ihm haben. Aber nein, er spricht von Freunden; vielleicht bekam er durch die Freunde einen Brief? Und die Worte »Er hält sich wunderbar« geben ihr Glück und Stolz … Und dieser Gruß von ihm, dieser Gruß zwischen den Eisen- und Steinzellen, dieser Frühling zwischen Mauern! O herrlich, herrlich, ein herrliches Leben!

»Sie sehen aber nicht gut aus, Frau Quangel«, sagt der alte Rat.

»Ja?«, fragt sie, ein wenig verwundert, geistesabwesend. »Aber mir geht es gut. Sehr gut. Sagen Sie das Otto. Bitte, sagen Sie es ihm! Vergessen Sie nicht, ihn von mir zu grüßen. Sie werden ihn doch sehen?«

»Ich denke, ja«, antwortet er zögernd. Er ist so penibel, der kleine, ordentliche Herr. Die kleinste Unwahrheit dieser Sterbenden gegenüber widerstrebt ihm. Sie ahnt es ja nicht, welche Listen er hat aufwenden, welcher Intrigen er hat anzetteln müssen, um diese Besuchserlaubnis zu erhalten! Dass er seine sämtlichen Beziehungen hat einspannen müssen! Für die Welt ist Anna Quangel ja tot – kann man denn Tote besuchen?

Aber er wagt ihr nicht zu sagen, dass er Otto Quangel in diesem Leben nie wiedersehen wird, dass er nichts von ihm gehört hat, dass er eben gelogen hat mit seinem Gruß, um dieser völlig verfallenen Frau doch ein wenig Mut zu geben. Manchmal muss man eben auch Sterbende belügen.

»Ach!«, sagt sie plötzlich ganz lebhaft, und – siehe! – ihre blassen, eingefallenen Wangen röten sich. »Sagen Sie Otto doch, wenn Sie ihn sehen, dass ich alle Tage, dass ich jede Stunde an ihn denke und dass ich bestimmt weiß, ich werde ihn noch sehen, ehe ich sterbe …«

Der Aufseher sieht einen Augenblick verwirrt auf die alternde Frau, die hier spricht wie ein junges, verliebtes Mädchen. Altes Stroh brennt am hellsten!, denkt er und geht wieder ans Fenster.

Sie hat nichts davon gemerkt, sie fährt fieberhaft fort: »Und sagen Sie Otto doch auch, dass ich eine schöne Zelle habe für mich ganz allein. Es geht mir gut. Ich denke immer an ihn, und so bin ich glücklich. Ich weiß, dass uns nie etwas trennen kann, nicht Mauern, nicht Gitter. Ich bin bei ihm, jede Stunde bei Tag und bei Nacht. Sagen Sie ihm das!«

Sie lügt, oh, wie sie lügt, um ihrem Otto nur etwas Gutes zu sagen! Sie will ihm Ruhe geben, die Ruhe, die sie nicht eine Stunde gehabt hat, seit sie in diesem Hause ist.

Der Kammergerichtsrat schielt zu dem Aufseher hinüber, der aus dem Fenster starrt, er flüstert: »Verlieren Sie nicht, was ich Ihnen gegeben habe!«, denn Frau Quangel sieht aus, als habe sie die ganze Welt vergessen.

»Nein, ich verliere nichts, Herr Rat.« Und plötzlich leise: »Was ist es?«

Und er noch leiser: »Gift, Ihr Mann hat es auch.«

Sie nickt.

Der Beamte am Fenster dreht sich um. Er sagt mahnend: »Hier darf nur laut gesprochen werden, sonst ist gleich Schluss. Übrigens«, er befragt seine Uhr, »ist die Besuchszeit sowieso in anderthalb Minuten um.«

»Ja«, sagt sie nachdenklich. »Ja«, und plötzlich weiß sie, wie sie es sagen soll. Sie fragt: »Und glauben Sie, dass Otto bald verreisen wird – vor seiner großen Reise noch? Glauben Sie das?«

Ihr Gesicht drückt jetzt so sehr schmerzliche Unruhe aus, dass selbst der stumpfe Beamte merkt, es geht hier um ganz andere Dinge, als gesprochen wird. Einen Augenblick will er einschreiten, aber dann sieht er diese alternde Frau an und diesen Herrn mit dem weißen Spitzbart, der laut Besuchsschein Kammergerichtsrat ist – der Beamte hat eine großmütige Anwandlung und sieht wieder aus dem Fenster.

»Ja, das ist schwer zu sagen«, antwortet der Rat vorsichtig. »Mit dem Reisen ist es ja jetzt auch schwierig.« Und ganz rasch, flüsternd: »Warten Sie bis zur allerletzten Minute, vielleicht sehen Sie ihn noch vorher. Ja?«

Sie nickt, sie nickt wieder.

»Ja«, antwortet sie laut. »So ist es wohl das Allerbeste.«

Und dann stehen sich die beiden stumm gegenüber, plötzlich fühlen sie, sie haben sich nichts mehr zu sagen. Zu Ende. Vorbei.

»Ja, ich glaube, ich muss dann gehen«, sagt der alte Rat.

»Ja«, flüstert sie zurück, »ich glaube, es wird Zeit.«

Und plötzlich – der Aufseher hat sich schon umgewendet und sieht, mit der Uhr in der Hand, auffordernd die beiden an – überkommt es Frau Quangel. Sie presst den Körper gegen das Gitter, sie flüstert, den Kopf an den Gitterstäben: »Bitte, bitte – Sie sind vielleicht der letzte anständige Mensch auf der Welt, den ich zu sehen bekomme. Bitte, Herr Rat, geben Sie mir einen Kuss! Ich werde die Augen zumachen, ich werde glauben, es ist Otto …«

Mannstoll!, denkt der Aufseher. Soll hingerichtet werden und noch immer mannstoll! Und so ein oller …

Aber der alte Rat sagt mit sanfter, freundlicher Stimme: »Nicht bange sein, Kind, nicht bange sein …«

Und seine alten, dünnen Lippen berühren sanft ihren trockenen, rissigen Mund.

»Nicht bange sein, Kind. Sie haben den Frieden bei sich …«

»Ich weiß«, flüstert sie. »Ich danke Ihnen sehr, Herr Rat.«

Dann ist sie wieder in ihrer Zelle, die Bindfäden liegen unordentlich am Boden, und sie geht hin und her, sie ungeduldig mit den Füßen in die Ecken stoßend, wie in ihren schlimmsten Tagen. Sie hat den Zettel gelesen, sie hat ihn verstanden. Sie weiß nun, Otto wie sie haben eine Waffe, sie können jederzeit dieses jammervolle Leben von sich werfen, wenn es gar zu unerträglich wird. Sie braucht sich nicht mehr quälen zu lassen, sie kann jetzt, in dieser Minute, da noch ein bisschen Glück von dem Besuch in ihr ist, ein Ende machen.

Sie wandert, sie redet mit sich, sie lacht, sie weint.

An der Tür lauschen sie. Sie sagen: »Jetzt fängt sie richtig an zu spinnen. Ist die Tobjacke bereit?«

Die Frau drinnen merkt nichts davon, sie kämpft ihren schwersten Kampf. Sie sieht den alten Rat Fromm wieder vor sich, sein Gesicht war so ernst, als er sagte, sie möge bis zur allerletzten Minute warten, vielleicht bekomme sie ihren Mann doch noch einmal zu sehen.

Und sie hat ihm zugestimmt. Natürlich ist es das Richtige, sie muss warten, Geduld üben, vielleicht dauert es noch Monate. Aber seien es auch nur noch Wochen, es ist so schwer, jetzt noch zu warten. Sie kennt sich doch, wieder wird sie verzweifeln, lange weinen, in Trübsinn verfallen, alle sind so hart mit ihr, nie ein gutes Wort, nie ein Lächeln. Die Zeit wird kaum zu ertragen sein. Sie braucht nur ein bisschen zu spielen, mit der Zunge und mit den Zähnen, es braucht ja noch gar nicht Ernst zu sein, nur so ein bisschen probieren, und schon ist es geschehen. Es ist ihr jetzt so leicht gemacht – es ist ihr zu leicht gemacht!

Das ist es. In irgendeiner Stunde wird sie schwach sein, sie wird es tun, und in dem Augenblick, da sie es getan hat, in dem ganz kleinen Augenblick zwischen Tat und Tod wird sie es bereuen, wie sie nie etwas im Leben bereut hat: sie hat sich der Aussicht beraubt, ihn noch einmal wiederzusehen, weil sie feige und schwach war. Man wird ihm die Nachricht von ihrem Tode bringen, und er wird erfahren, dass sie ihn verlassen hat, dass sie ihn verraten hat, dass sie feige war. Und er wird sie verachten, er, dessen Achtung ihr allein auf der Welt etwas gilt.

Nein, sie muss diese unselige Glasröhre auf der Stelle zerstören. Morgen früh kann es vielleicht zu spät sein, wer weiß, in welcher Stimmung sie morgen früh aufwacht.

Aber auf dem Wege zum Kübel hält sie inne …

Und wieder nimmt sie ihre Wanderung auf. Plötzlich hat sie sich erinnert, dass sie sterben muss und wie sie sterben muss. Sie hat es ja gehört in diesem Gefängnis bei ihren Fenstergesprächen, dass es nicht der Galgen sein wird, der sie erwartet, sondern das Fallbeil. Sie haben es ihr gerne geschildert, wie man sie auf den Tisch schnallen wird, auf dem Bauche liegend, wird sie in einen mit Sägemehl halbgefüllten Korb starren, und auf dieses Sägemehl fällt in wenigen Sekunden ihr Kopf. Man wird ihren Nacken entblößen, und über diesem Nacken wird sie die Kälte des Fallbeils spüren, noch ehe es zu stürzen beginnt. Dann wird das Sausen immer lauter werden, es wird in ihren Ohren dröhnen wie die Trompete des Jüngsten Gerichts, und dann wird ihr Körper nur ein zuckendes Etwas sein, dessen Halsstumpf dicke Strahlen Blut ausspeit, während der Kopf im Korbe vielleicht nach dem blutspeienden Halse glotzt und noch sehen kann, fühlen kann, leiden kann …

So haben sie es ihr erzählt, und so hat sie es sich viele hundert Male vorstellen müssen, und davon hat sie geträumt manches Mal, und von all diesen Schrecknissen kann ein einziger Biss auf das Glasröhrchen sie befreien! Und das soll sie von sich tun, diese Erlösung soll sie aufgeben? Sie hat die Wahl zwischen einem leichten Tod und einem schweren Tod – und sie soll den schweren Tod wählen, bloß weil sie Furcht hat, schwach zu werden, vor Otto zu sterben?

Sie schüttelt den Kopf, nein, sie wird nicht schwach werden. Sie kann das doch, warten bis zur letzten Minute. Sie will Otto wiedersehen. Sie hat die Angst ausgehalten, die sie immer ergriff, wenn Otto die Karten ablegte, sie hat den Schreck der Verhaftung ausgehalten, sie hat die Quälereien des Kommissars Laub überstanden, sie hat Trudels Tod verwunden – sie wird doch noch warten können, ein paar Wochen, ein paar Monate! Sie hat alles ertragen – auch dies wird sie ertragen! Natürlich muss sie das Gift aufbewahren bis zur letzten Minute.

Sie wandert auf und ab, auf und ab.

Aber der eben gefasste Entschluss erleichtert sie nicht. Von Neuem beginnt der Zweifel, und von Neuem schlägt sie sich mit ihm herum, und wieder beschließt sie, das Gift jetzt, sofort, auf der Stelle zu vernichten, und wieder tut sie es nicht.

Darüber ist es Abend geworden und Nacht. Man hat die ungetane Arbeit aus der Zelle geholt, und es ist ihr eröffnet worden, dass ihr wegen Faulheit für eine Woche die Matratze entzogen und dass sie für eine Woche auf Wasser und Brot gesetzt worden ist. Aber sie hat kaum hingehört. Was geht das sie an, was die reden?

Ihre Abendsuppe steht unangerührt auf dem Tisch, und noch immer läuft sie auf und ab, todmüde, keines klaren Gedankens mehr fähig, eine Beute des Zweifels: Soll ich – soll ich nicht?

Jetzt spielt ihre Zunge mit dem Giftröhrchen im Munde, ohne dass sie es recht weiß, ohne dass sie es recht will, setzt sie ihre Zähne sanft, sanft auf das Glas auf, ganz vorsichtig beißen die Zähne ein wenig …

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