Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 50
14
Für diese Nacht hatte ich mir den festen Plan gemacht, nach Mitternacht in mein Heim zu gehen, dort einen Koffer mit Wäsche, Kleidern und Toilettenzeug zu packen und an Geld zu holen, was dort in meinem Schreibtisch lag. Denn ich hatte wirklich vor, einige Wochen bei Polakowski in aller Verborgenheit zu leben. Mir schwebte vor, mich dort selbst in aller Stille des Alkohols zu entwöhnen; den ersten Tag wollte ich noch das gewohnte Quantum trinken, den folgenden Tag um ein drittel weniger und so immer weiter, bis ich nach etwa zwei oder drei Wochen als nüchterner Mann vor Magda und die Ärzte treten und fragen konnte: »Was wollt ihr nun eigentlich von mir?!«
Ich hielt es für sehr möglich, dass mich Magda bei dieser nächtlichen Packerei überraschte, aber ein Zusammentreffen mit ihr scheute ich nicht, nein, ich wünschte es eher. In der Stille der Nacht würde ich ihr ungestört einige bittere Wahrheiten über die Gemeinheit sagen können, einem Mann, mit dem sie immerhin eine fünfzehnjährige Ehe verband, hinterlistig Ärzte auf den Hals zu hetzen. Sie hatte die Kameradschaft zwischen uns gebrochen, und ich zweifelte je länger, je weniger daran, dass sie letzten Endes nur nach einer Vormundschaft über mich und nach meinem Besitz trachtete. Das alles wollte ich ihr ganz unverblümt sagen.
Leider wurde aus meinem schönen Plan nichts. Wieder einmal spielte mir der Alkohol einen bösen Streich. Nicht, dass er mich, wie schon einige Male vorher, in einen betäubten, traumlosen Schlaf niederwarf, der mich die richtige Stunde versäumen ließ, nein, diesmal hatte ich ein viel schlimmeres Erlebnis: Mein Körper verweigerte mir den Dienst, mein Magen streikte.
Ich hatte noch, mit einigem Widerwillen wohl, aber aus Pflichtgefühl, einen Teil des geholten ganz ordentlichen Abendessens zu mir genommen und hinterher kräftig getrunken. Ich hatte mich wieder aufs Bett gelegt und war bereit, in einem dämmernden Halbschlummer die Stunde meines Fortgehens heranzuwarten; da fing mein Magen an zu würgen, er empörte sich, ich musste hoch, ich musste endlos und unter qualvollen Schmerzen erbrechen. Mein ganzer Körper war mit Schweiß bedeckt, meine Hände und meine Knie zitterten, mein Herz pochte laut und schmerzhaft, zögernd, als wollte es jeden Augenblick aussetzen. In meinen Augen standen Tränen, es flimmerte vor ihnen, durch mein Hirn zogen Schleier, oft war ich wie bewusstlos.
Endlich lag ich wieder auf meinem Bett, zu Tode erschöpft, von einer wahnsinnigen Angst gepackt: Nahte jetzt schon das Ende? So schnell schon? Ich hatte doch noch gar nicht lange und gar nicht übermäßig viel getrunken? Wurde man so schnell zu einem Trinker? So rasch also baute der Alkohol einen Körper ab? Nein, ich wollte noch nicht sterben! Ich hatte diese Trinkerzeit immer nur als ein Durchgangsstadium angesehen; ich war überzeugt gewesen, dass ich mit ihr jederzeit Schluss machen könnte, ohne Schädigung für mich – und nun schon sollte alles zu Ende sein? Nein, das war unmöglich! Ich wollte nicht, ich würde wieder gesund sein, bald schon, vielleicht morgen schon; dieses gallenbittere Brechen musste eine andere Ursache haben! Sicher war etwas an dem Abendessen gewesen!
Es ist seltsam, dass ich auch in diesem Zustand schwerster Vergiftung mit keinem Gedanken dem Alkohol abschwor. Im Gegenteil, ich vermied es ängstlich, an ihn auch nur zu denken. Er konnte nicht die Ursache sein, ihn konnte ich nicht aufgeben. Er war mein einziger guter Freund in diesen Tagen der Verlassenheit und Erniedrigung! Und kaum hatte ich mich ein wenig erholt, kaum gingen Atem und Herz etwas ruhiger, da griff ich wieder zur Flasche, trank von Neuem, die Träume zu rufen, das Vergessen zu rufen, einzugehen in das süße Nichts, in dem man weder Sorgen noch Freuden kennt, in dem man weder Vergangenheit noch Zukunft hat.
Eine Weile tat der Schnaps auch seine Schuldigkeit; entspannt und ein wenig glücklich lag ich da. Dann jagte mich wieder das Erbrechen hoch, ein noch viel qualvolleres, würgenderes Erbrechen, da der Magen nun nichts mehr enthielt als die paar Schlucke Schnaps.
So verbrachte ich diese Nacht, zwischen Trinken und Brechen; schließlich konzentrierte ich meinen ganzen Willen nur darauf, mit aller Kraft das Brechen möglichst lange zurückzuhalten, damit der Alkohol doch einige Minuten Zeit hätte, durch die Schleimhäute des Magens in den Körper überzugehen, ehe ihn neues Würgen heraustrieb. Es war so schade um den schönen Schnaps!
Endlich fiel ich gegen Morgen in einen unruhigen Schlaf der Erschöpfung, durch den wüste, mich quälende Traumbilder gaukelten. Polakowski weckte mich aus ihm, er stand unter der Tür und bemerkte hüstelnd, dass es gleich neun sei, ob er den Kaffee bringen solle? Ich sagte ihm unwillig, dass ich auf Kaffee verzichte, er solle mir sofort eine neue Flasche holen lassen.
Ohne auf meine Worte zu achten, fing er an, die wüste Unordnung im Zimmer zu beseitigen, öffnete auch das Fenster, durch das frische Luft und Sonne eindrangen.
Erschöpft, matt, wehrlos blinzelte ich ins Licht. »Machen Sie doch zu, Polakowski«, bat ich ärgerlich. »Ich habe eben die Flasche leer getrunken, sorgen Sie sofort für eine neue!«
»Sie wollten doch um neun auf Ihre Bank gehen, mein Herr«, erinnerte mich Polakowski auf seine leise, flüsternde Art. »Es ist neun.«
»Ich kann jetzt nicht gehen«, sagte ich ärgerlich. »Sie sehen doch, dass ich krank bin, Polakowski. Ich werde morgen gehen oder heute Nachmittag. Jetzt holen Sie erst den Schnaps.«
»Dann muss ich den Ring verkaufen, mein Herr«, sagte Polakowski. »Der Jude hat mir nur fünfzehn Mark drauf geben wollen; wenn ich ihn verkaufe, bekomme ich fünfundzwanzig Mark.«
»Fünfundzwanzig Mark!«, rief ich empört. »Der Ring hat neu neunzig Mark gekostet!«
»Jetzt ist es ein alter Ring, und der Jude will auch leben, Herr«, flüsterte Polakowski gleichmütig. »Wenn ich den Ring für fünfundzwanzig Mark verkaufen darf, ist der Korn sofort hier.«
»Und wie können fünfzehn Mark schon alle sein?«, rief ich erbittert. »Ein Abendessen und eine Flasche Korn – das macht doch keine fünfzehn Mark!«
»Und die Zimmermiete, mein Herr?«, fragte Polakowski einschmeichelnd. »Soll ich armer Mann gar nichts haben? Ich muss Ihnen übrigens zwölf Mark für die Stube rechnen, Herr … Ich weiß, ich weiß«, sagte er eilig und knackte wieder einmal besonders laut und ekelhaft mit seinen Gelenken. »Ich habe sieben Mark gesagt, und ich bin ein Mann von Wort. Aber Sie machen viel Wirtschaft, Herr, und Sie richten das Zimmer hin, und Sie gehen mit Kleidern und Schuhen ins Bett, das ruiniert die Wäsche! Das kostet alles Geld, und wir sind sehr arme Leute …«
»Spitzbuben seid ihr«, schrie ich wütend. »Scheren Sie sich zum Teufel, ich ziehe!«
»Sehr wohl, mein Herr«, sagte Polakowski und ging.
Aber natürlich blieb er der Sieger. Nach einer Weile stand ich, vom Durst gepeinigt, auf und ächzte die Treppe hinab und rief ihn (lange ließ Polakowski sich rufen), und ich schmeichelte ihm und gab ihm die Erlaubnis, meinen Ehering für fünfundzwanzig Mark zu verkaufen – und dann endlich, nach einer langen, langen Zeit qualvollen Wartens, bekam ich eine neue Flasche Korn und konnte wieder trinken und brechen, trinken und brechen.
So wurden aus einem Tag ein zweiter und ein dritter und eine Reihe von Tagen, und ich verließ die Stube bei Polakowski nie …
15
In dieser ersten Woche, die ich bei Polakowski zubrachte, gingen meine beiden Ringe, meine goldene Uhr und meine Aktentasche in seinen Besitz über. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Jude nur eine vorgeschobene Person und dass der eigentliche Erwerber meiner Goldsachen der »sehr arme Mann« Polakowski selbst war. Was ich dafür bekam, war lächerlich wenig. Vielleicht zwölf bis vierzehn Flaschen Schnaps, die Flasche zu vier Mark gerechnet (übrigens holte er auch immer mindere Qualitäten), und dann und wann ein wenig Essen. Denn ich aß fast gar nichts mehr.
Sah ich mich jetzt gelegentlich im Spiegel an, so betrachtete ich mit grausamer Wollust mein Gesicht, das, von alten Bartstoppeln bedeckt, gedunsen und doch abgezehrt, ja wie ausgebrannt aussah. ›So zerstört man sich selbst‹, sagte ich mir dann frohlockend. Und gleich dachte ich weiter an Magda und wie sie erschrecken würde, wenn sie mich in diesem Zustand sähe, und wie ich es ihr dann ins Gesicht schleudern würde, dass sie, sie allein die schmähliche Ursache dieser Veränderung sei!
Gesundheitlich ging es mir sehr wechselnd in diesen Tagen. An die geplante Entwöhnung dachte ich natürlich mit keinem Gedanken mehr, ich trank, soviel ich in meinen Magen bekommen konnte. Meistens streikte er, und ich hatte viel Mühe, mein Quantum in mich hineinzubekommen; zu anderen Zeiten war er aus rätselhaften Gründen willig genug, zu schlucken und zu behalten, was er bekam.
Dann hatte ich gute Stunden. Dann saß ich am Fenster, die Flasche immer dicht bei mir, ich sang leise vor mich hin, alte Volks- und Wanderlieder, und sah dabei hinaus auf die Stadt unter mir, bis zu dem Haus hin, das fern im bläulichen Dunste lag und das das Meine war. Dann dachte ich daran, was Magda jetzt wohl tun würde; und in diesen Stunden war ich fest davon überzeugt, dass ich sie liebte wie eh und je, und dass sie es war, die unsere Liebe verraten hatte. Dann malte ich mir aus, wie ich eines Tages gesund und fröhlich heimkehren würde: Irgendwie war ich auf geheimnisvolle, aber sehr rechtliche Weise in den Besitz von viel Geld gelangt, und ich machte alle glücklich, und alle bewunderten mich, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Aus solchen kindischen Träumen erweckte mich Polakowski rau genug. Er eröffnete mir, dass es weder Schnaps noch Quartier bei ihm mehr gäbe, wenn ich nicht sofort Geld herbeischaffte …
Wir gerieten in ein endloses Gezänke, von seiner Seite immer höflich, leise, einschmeichelnd, von der meinen grob, mit jähzornigem Aufflammen und dann fast wieder in Tränen schwimmend. Aber es half mir gar nichts, dass ich ihm immer wieder vorwarf, zu welchen Wucherpreisen er meine Goldsachen an sich gebracht, wie wenig, fast nichts, er dafür geliefert; er verschanzte sich hinter seinem Juden, der eben nicht mehr geben wollte, schwor Stein und Bein, dass er noch nicht einen Pfennig an mir verdient habe, und blieb unerbittlich dabei, dass ich Geld schaffen oder ziehen müsste.
Ja, schon jetzt machte er dunkle Andeutungen, dass sich die Polizei vielleicht sehr für Personen wie mich interessieren würde, und dass eigentlich solch Wohnen ohne jede Anmeldung gar nicht zulässig sei und ihn in Gefahr bringe. Auf dieses drohende Geschwätz gab ich damals noch gar nichts, aber gewiss war es mir, dass ich Geld schaffen musste, der sanfte Polakowski war hart wie ein Kieselstein.
Das Einzige, was ich von ihm erreichte, war, dass er mir noch eine Flasche Korn »in Vorschuss« besorgte, damit ich für meine nächtliche Expedition auch »frisch« sei. Ich hatte gerade einen meiner »guten« Tage, das heißt, einen Tag, an dem mein Körper dem Alkohol gut gesinnt war; das war noch ein Glück. An einem anderen Tag hätte ich eine solche Wanderung unmöglich unternehmen können.
Dass der Weg zur Bank mir versperrt war, wusste ich: Dort hatte man bestimmt schon längst mein Verschwinden angezeigt und die Weisung gegeben, bei einem etwaigen Auftauchen von mir nichts ohne vorherige Benachrichtigung zu zahlen. Ich musste also in mein eigenes Haus einbrechen. Der Gedanke, dabei Magda zu begegnen, war mir heute, da mir eine solche Begegnung ziemlich sicher war, nicht so angenehm wie vor einer Woche, da ich von ihr nur geträumt hatte. Aber es musste sein.
Ich schob die Kornflasche in meine Hosentasche – der sanfte Polakowski hatte mir hartnäckig die leihweise Hergabe meiner Aktentasche verweigert – und machte mich auf den Weg. Es war kurz nach Mitternacht. Polakowski ließ mich aus dem Haus und flüsterte mir zu, dass es sehr dunkel sei. Ich solle mich besonders auf der Brücke über die Schmie in acht nehmen.
»Ich warte auf Sie, Herr«, flüsterte er. »Es kann noch so spät werden. Ich halte eine Flasche für Sie bereit. Und dann, Herr«, er flüsterte immer leiser, »dann, Herr, wenn Sie noch etwas Schmuck oder auch Silber haben – ich habe jetzt einen Händler an der Hand, der sehr anständige Preise zahlt, nicht so wie dieser Scheißjude! – bringen Sie, was Sie kriegen können, ich werde schon gut für Sie sorgen.«
›So fängt man Gimpel‹, dachte ich im Gehen und war dabei doch Gimpel genug, dem geschickten Polakowski meine Anerkennung nicht zu versagen, weil er als Preis für meine Rückkunft eine Flasche Korn bereithielt. Freilich hatte ich ganz andere Pläne, von denen er nichts ahnte.
Das Gehen wurde mir viel leichter, als ich gedacht hatte, ich empfand auch kaum ein Bedürfnis, zu trinken. Ich war wohl ziemlich aufgeregt. Gut erinnere ich mich, dass ich mich den ganzen langen Weg ängstlich bemühte, nicht an das Bevorstehende zu denken. Ich sagte mir alle Gedichte, die ich aus meiner Schulzeit noch auswendig wusste, immer wieder her und ertappte mich doch dabei, dass ich zwischen zwei Versen mit Magda sprach oder überlegte, welchen Handkoffer ich als den zweckmäßigsten wählen sollte.
Schließlich, nach fast dreiviertelstündigem Marsch, war ich vor der Gartenpforte meiner Villa angelangt. Vor Kurzem hatte es von den drei Kirchtürmen der Stadt ein Uhr geschlagen. Ich zog die Pforte leise hinter mir zu und ging, unter Vermeidung der gekiesten Wege, über das Gras um mein Haus herum. Es lag alles still und dunkel. Lange stand ich unter Magdas Schlafzimmerfenster und meinte, ihren ruhigen Atem zu hören; es war aber nur mein eigenes Herz, das unruhig und laut in der eigenen Brust pochte.
Als ich darüber nachdachte, dass ich hier bei meinem eigenen Haus, fünf Meter von meiner eigenen Frau als ein mittelloser Fremdling in der Nacht stand, seit einer Woche nicht mehr gewaschen und rasiert, da überkam mich ein solches Mitleid mit mir selbst, dass ich in bittere Tränen ausbrach. Ich weinte lange und schmerzlich, am liebsten wäre ich zu Magda ins Zimmer gedrungen und hätte mich von ihr trösten lassen. Schließlich erwies sich aber auch hier der Schnaps als der beste Tröster; ich trank lange und sehr viel. Mein Schmerz beruhigte sich. Ich kämpfte eine Neigung, erst eine Weile zu schlafen, nieder und ging zurück an die Vorderseite des Hauses.
16
Ich stehe in Strümpfen auf der Diele meines Hauses, die Schuhe habe ich schon im Vorplatz gelassen. Es ist noch dunkel, aber nun tastet meine Hand nach dem Schalter, ein leises Knacken, und es wird hell. Ja, hier bin ich wieder bei mir zu Hause, hier gehöre ich her, in diese Ordnung und Sauberkeit! Mit einer fast andächtigen Scheu betrachte ich diese kleine schmucke Diele mit dem resedafarbenen Teppich, von dem längst die hässlichen Spuren jener Novembernacht getilgt sind; ich sehe den Kleiderständer an, an dem ordentlich auf Bügeln nebeneinander Magdas grüne Kostümjacke und ein bläulicher Sommermantel hängen …
Und nun schleiche ich mich zum Spiegel, zu dem großen, langen Spiegel, in dem man sich von oben bis unten sehen kann, und ich betrachte mich von oben bis unten. Und ein fürchterlicher Schrecken packt mich, wie ich mich da stehen sehe in meinen ausgebeulten, beschmutzten Kleidern, mit dem grauschwarzen Halskragen, dem stoppligen fahlen Gesicht, den rotgeränderten Augen.
›Das ist aus mir geworden!‹, schreit es in mir, und mein erster Impuls ist es, hinüberzustürzen zu Magda, vor ihr auf die Knie zu fallen und sie anzuflehen: ›Rette mich! Rette mich vor mir selbst! Birg mich an deinem Herzen!‹ Aber diese Regung verfliegt; ich lächle mein Spiegelbild listig-verschlagen an. ›Das möchte sie‹, denke ich. ›Und dann ab mit dem Mann in eine Trinkerheilanstalt und rein in Geschäft und Vermögen!‹
Listig sein. Immer listig sein. Und ich rücke mir eilig einen Stuhl an den großen Kleiderschrank in der Diele, ich lange hinauf und hole mir einen Handkoffer herunter, den besten Handkoffer, den wir besitzen, einen vollrindledernen; eigentlich gehört er sogar Magda, ich habe ihn ihr einmal zum Geburtstag geschenkt. Aber darauf kommt es jetzt nicht an, außerdem – gehört nicht Eheleuten alles gemeinsam?
In der nächsten Viertelstunde entfalte ich eine fieberhafte Tätigkeit, ich packe meinen Mantel ein, zwei Anzüge, Wäsche. Aus dem Badezimmer hole ich mein Toilettenzeug. Magda wird sich morgen früh wundern! Aus dem Schuhschrank hole ich zwei Paar Schuhe, Hausschuhe – ich richte alles wie zu einer großen Reise. Und jetzt ist mir wirklich so, als würde ich eine große Reise antreten, vielleicht, vielleicht ist Elinor diesmal zugänglicher.
Nun bin ich mit all diesen Dingen fertig, und ehe ich jetzt an das Schwerste gehe, setze ich mich einen Augenblick auf die Diele, trinke und ruhe mich aus. Ich merke doch sehr, wie schwach ich in den letzten Wochen geworden bin, dies bisschen Packen hat mich über Gebühr angestrengt, mein Herz flattert, ich bin von Schweiß bedeckt.
Dann mache ich mich wieder ans Werk. Bis jetzt ist alles ausgezeichnet gegangen, ich habe kein Geräusch gemacht, das einen normalen Schläfer erwecken könnte, nichts fiel mir aus den Händen. Aber, wie gesagt, das Schwerste steht mir noch bevor. Ich ziehe die Schublade unter dem Spiegel auf, und siehe, da liegt wirklich die elektrische Taschenlampe! Ich knipse, und siehe, sie brennt tatsächlich! Es geht doch nichts über einen gut geordneten Haushalt – heil dir, Magda!
Ich knipse alles Licht aus und schleiche mit der Taschenlampe in unser Wohnzimmer. Es liegt direkt neben dem Schlafzimmer und ist von ihm nur durch eine zweiflüglige, mit bunten Glasscheiben verzierte Tür getrennt, durch die jeder Lichtschein und jedes Geräusch dringen. Im Dunkeln taste ich mich zum Schreibtisch hin, in dessen Mittelfach in einer kleinen Geldkassette unser Bargeld liegt. Im Allgemeinen ist dort nur das für den Haushalt notwendige Geld, also nur wenig; haben wir abends aber noch Einnahmen im Geschäft gehabt, die zur Bank zu bringen es zu spät war, so nahmen wir das Geld mit hierher. Ich war doch sehr gespannt, wie viel ich finden würde.
Es gelang mir, das Fach ohne jedes Geräusch zu öffnen und die Kassette herauszuholen; ich brauchte nicht einmal die Taschenlampe anzuknipsen. Ebenso fand ich im völlig Dunklen das neben der Kassette liegende Scheckbuch. Ich schob es in die Tasche und trug die Kassette behutsam Schritt für Schritt in die Diele, setzte sie erst ab, schloss die Tür und knipste das Licht an.
Es klingt seltsam, aber ich habe so etwas wie ein Gebet verrichtet, ehe ich die Kassette aufschloss. Ich betete zu dem so lange vergessenen lieben Gott, er möge es doch bewirken, dass recht viel Geld in der Kasse sei. Viel Geld, um dieses Leben zwischen Trunkenheit und Übelkeit noch lange fortzusetzen, noch viel mehr Geld, um Elinor, la reine d’alcool, zu verführen, mit mir auf Reisen zu gehen. Mit keinem Gedanken beschäftigte mich die Lage, in die ich mein eigenes Geschäft durch solch eine Entnahme bringen würde. Ja, ich glaube, wenn ich daran gedacht hätte, ich hätte umso mehr frohlockt, je größer der Schaden für meinen eigenen Betrieb geworden wäre.
Ich hatte also mein Gebet verrichtet und öffnete die Kassette. Ich hob das obere Fach an, in dem nur Hartgeld lag, und sah gierig nach den Scheinen. Meine Enttäuschung war grenzenlos. Nur ganz wenige Scheine lagen da; als ich sie durchzählte, waren es nicht viel mehr als fünfzig Mark.
Ich sehe mich noch dastehen, die wenigen Scheine in der Hand, ein eisiges Gefühl im Herzen. ›Dies ist das Ende‹, dachte ich, ›das reicht weder für Elinor noch für Polakowski. In zwei, drei Tagen ist dies Geld zu Ende, und dann gibt es nur ergeben, zu Kreuze kriechen, die Kaltwasserheilanstalt, die endgültige Aufgabe aller Hoffnungen.‹ So stand ich da, den Tod im Herzen, lange, o so lange …
Dann kam wieder Leben in mich. Ich sah wieder Polakowskis gelbliches Gesicht vor mir mit dem dunklen Vollbart; ich hörte seine sanfte Stimme etwas von Schmuck und Silber flüstern … Schmuck kam nicht infrage. Das bisschen Schmuck, das Magda besaß, war kaum etwas wert, außerdem bewahrte sie ihn im Toilettentisch des Schlafzimmers auf. Aber Silber – ja, Silber hatten wir. Schönes, schweres, altes Tafelsilber, ein Gelegenheitskauf auf einer Auktion. Im Koffer war noch Platz genug …
Ich trank schnell und viel, ich trank die ganze Flasche auf einmal leer. Es war noch gut ein Drittel in ihr gewesen. Einen Augenblick überschwemmte die plötzliche starke Alkoholzufuhr meinen Körper wie mit einer roten Woge, ich schloss die Augen, ich zitterte. Würde ich brechen müssen? Aber der Anfall ging vorüber, ich hatte mich wieder in meiner Gewalt.
Rasch ging ich ins Speisezimmer und knipste dort den Kronleuchter an. Die eben noch so ängstlich gewahrte Vorsicht brauchte ich nun nicht mehr. Ich schloss das Büfett auf und nahm das Silber, das dutzendweise in Flanellfutteralen steckte (wir brauchen es nur bei festlichen Gelegenheiten), heraus. Ich häufte es erst neben mir auf, dann trug ich es fort, große Löffel, Messer und Gabeln, die kleinen Bestecke, die Fischbestecke … Ich stopfte alles in den Koffer, wie es kam. Nun fehlten nur noch die silbernen Auffülllöffel, das Salat- und das Tranchierbesteck, die lose in einer besonderen Schieblade lagen. Ich nahm sie eilig heraus; plötzlich hetzte mich etwas, ich musste fort aus diesem Haus! Ein Löffel fiel klirrend zu Boden, ich fluchte laut, griff nach ihm und ließ einen zweiten Löffel fallen.
Ungeduldig riss ich an der Schieblade, um sie ganz herauszuziehen und das Einzelsilber in ihr zum Koffer zu tragen. Die Schieblade gab überraschend schnell nach und fiel polternd auf das Silbergeschirr, das hell ertönte. Ich raffte alles zusammen, wie ich es fassen konnte, jetzt ohne jede Rücksicht auf den Lärm, den ich machte, und eilte damit zum Koffer. Im Gehen fielen zwei, drei Löffel. Ich warf das Mitgebrachte obenauf in den Koffer und lief zurück, das Verlorene zu holen.
Wie angewurzelt blieb ich stehen und starrte auf Magda, die mitten im Speisezimmer vor ihrem aufgerissenen Büfett stand!