Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 51
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Sie wendete den Kopf und sah mich an, lange. Ich merkte, wie sie erschrak, wie sie schnell atmete, sich zu sammeln versuchte. »Erwin«, sagte sie dann mit stockender Stimme, »Erwin! Wie siehst du aus!? Wo kommst du her in diesem Zustand? Wo bist du so lange gewesen? Ach, Erwin, Erwin, wie ich mich geängstigt habe um dich! Dass wir uns so wiedersehen müssen! Erwin, denke daran, dass wir uns einmal lieb gehabt haben! Zerstöre doch nicht alles! Komm wieder zu mir. Ich will dir helfen, so gut ich kann. Ich will so geduldig sein, nie wieder werde ich mich mit dir streiten …« Sie hatte immer schneller geredet, atemlos hielt sie inne und sah mich flehend an.
Mich aber bewegten ganz andere Gefühle. Mit Zorn, mit Hass, mit Abneigung sah ich auf diese gepflegte, vom Schlaf gerötete Frau in ihrem seidenen blauen Schlafrock, ich, der aussah, als hätte ich mich in der Gosse gewälzt, ich, der stank wie ein Wiedehopf. Ich glaube, es muss die Mahnung an unsere Liebe von ehemals gewesen sein, die mich in eine so sinnlose Wut versetzte. Ihre Worte, statt mich zu rühren, hatten mich nur den Abstand gegen das längst versunkene Damals fühlen gemacht. Wir waren gleichgestellt, und da stand sie und hatte alles, und hier war ich, ein Kandidat des Nichts.
Zornig stolperte ich auf Magda los, ich fiel dabei beinahe über einen silbernen Auffülllöffel, sah mich wütend nach ihm um, tat einen Schritt zurück und zertrat ihn. Magda schrie leise auf. Ich aber eilte auf sie zu, hob meine Fäuste gegen sie und schrie: »Ja, das möchtest du, dass ich zu dir zurückkomme! Und was wird dann? Was wird dann?!« Ich schüttelte die Fäuste nahe vor ihrem Gesicht. »Dann bringst du mich ins Bett und siehst schön zu, dass ich schlafe, und wenn ich erst schlafe, dann lässt du die Ärzte kommen und lässt mich wegbringen, für Lebenszeit in eine Trinkerheilstätte, und dann lachst du dir ins Fäustchen und tust mit meinem Eigentum, was du willst. – Ja, das möchtest du.«
Ich starrte sie an, auch ich jetzt atemlos. Und Magda sah mich wieder an. Sie war jetzt sehr blass geworden, aber ich sah wohl, dass sie trotz meines wilden Gebarens und Drohens keine Angst vor mir hatte. Plötzlich schlug meine Stimmung um; meine Erregung war gewichen, und kalt und ruhig sagte ich: »Ich will dir sagen, was du bist. Ein ganz gemeines Aas bist du, ins Gesicht sage ich dir das.«
Sie zuckte nicht, sah mich nur an.
»Eine Verräterin bist du, unsere ganze Ehe hast du verraten, als du die Ärzte hinter mir herschicktest. Ins Gesicht müsste ich dir speien, pfui Deibel!«
Wieder sah sie mich an. Dann sagte sie rasch: »Ja, ich habe die Ärzte hinter dir dreingeschickt, aber nicht um dich zu verraten, sondern um dich zu retten – wenn das noch möglich ist. Wenn du noch einen Funken Vernunft hättest, Erwin, müsstest du das einsehen. Du müsstest verstehen, dass du so nicht einen Monat weiterleben kannst, vielleicht nicht eine Woche mehr …«
Ich unterbrach sie. Ich lachte höhnisch. »Nicht einen Monat mehr? Keine Woche? Noch Jahre kann ich so leben, ich halte alles aus, und gerade dir zum Trotz werde ich so weiterleben, gerade dir zum Trotz.« Ich beugte mich ganz nahe zu ihr. »Soll ich dir sagen, was ich tun werde, wenn ich das nächste Mal ganz betrunken bin? Dann werde ich vor dein Fenster ziehen, und ich werde es vor allen Leuten ausschreien, dass du eine Verräterin bist, ein gieriges Aas, gierig nach meinem Geld, gierig nach meinem Verrecken …«
»Ja«, sagte sie böse, »das glaube ich wohl, dass du dazu imstande bist. Dann aber wirst du nicht nur in eine Heilanstalt, sondern sogar in ein Gefängnis kommen – und ich weiß nicht«, sagte auch sie jetzt sehr höhnisch, »ob dir das nicht sehr gut wäre.«
»Was?«, schrie ich, und meine Wut war jetzt auf dem Höhepunkt, »jetzt willst du mich auch noch ins Gefängnis bringen?! Warte, das sollst du nicht noch einmal sagen! Ich will dir zeigen …« Ich fasste nach ihr, ich sah rot. Ich wollte nach ihrem Halse greifen, aber sie widersetzte sich kräftig. Sie war wirklich fast ebenso stark wie ich, und in meinem jetzigen Zustand war sie vielleicht sogar erheblich stärker. Wir rangen miteinander, es war ein süßes Gefühl, diesen einst so geliebten Leib nun feindlich, aber doch so nahe zu spüren, jetzt die Brust, einen sich gegen mich stemmenden Schenkel.
Der Gedanke schoss mir durch den Kopf: ›Wenn du sie jetzt plötzlich küssen, wenn du ihr Liebesbeteuerungen ins Ohr flüstern würdest! Ob du sie herumbekämst?‹ Ich flüsterte ihr ins Ohr: »Nächste Nacht komme ich und bringe dich um. Ganz leise komme ich …«
Laut rief Magda: »Nein, nein, es ist gut, Else, ich werde schon allein mit ihm fertig! Rufen Sie Dr. Mansfeld an und die Polizeiwache, ich halte ihn hier schon!«
Ich drehte mich überrascht um. Wirklich, da stand Else, vom Geräusch unseres Kampfes herbeigelockt, bildhübsch anzusehen; und jetzt verschwand sie in der Diele zum Telefon.
Mit einem Ruck riss ich mich frei. »Mich bekommst du noch lange nicht, Magda!« Ich gab ihr einen Stoß, dass sie rücklings hinfiel. Laufend raffte ich die noch verstreuten Silbersachen auf, auch den zerbrochenen Auffülllöffel, und rannte auf die Diele. Ich warf alles in den Koffer und mühte mich ab, den Deckel zu schließen.
Schon war Magda wieder da. »Die Sachen schleppst du nicht weg! Mein Silber bleibt hier, das versäufst du nicht auch noch!«
Einen Meter ab telefonierte Else eifrig. Ich hörte den Satz: »Er will seine Frau ermorden!«
›Gott, du Kind!‹, dachte ich.
Wir beide rissen am Koffer. Dann ließ ich ihn überraschend los, und wieder taumelte Magda zur Erde. Ich riss den Koffer aus ihrer Hand, schlug ein- oder zweimal nach ihr, rannte auf den Vorplatz, fasste meine Schuhe und lief in Strümpfen auf die Straße. Einen Augenblick stutzte ich …
»Geben Sie mir den Koffer, Herr!«, sagte die einschmeichelnde sanfte Stimme Polakowskis. »Ich laufe immer schon vor. Los, da kommen die Frauen!« Ganz mechanisch gab ich Polakowski den Koffer, er lief los, und ich rannte hinter ihm drein, in die Nacht hinaus, auf Strümpfen …
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Polakowski rannte mit dem Koffer, er wich vom nächsten Wege ab, stürzte sich in die Altstadt, lief durch Gassen und Gässchen, wobei er überraschend um Ecken bog; ich lief ihm nach. Es war sehr dunkel, nur weil er Schuhe trug und dadurch beim Laufen Lärm machte, konnte ich ihm überhaupt folgen. Ich bin ganz sicher, dass Polakowski die Absicht gehabt hatte, mit dem ganzen Koffer erst einmal völlig zu verschwinden und mich hilflos auf der Straße zu lassen, und er glaubte ja auch wirklich, mich abgeschüttelt zu haben: Meinen leisen Schritt auf Strümpfen hatte er nicht gehört. Aber als er schließlich atemholend doch stillstand, war ich neben ihm und fragte ihn, warum er denn so sinnlos gelaufen sei, es wäre uns ja doch niemand nachgelaufen!
Der Schurke war nicht einen Augenblick verlegen, wusste auch seine Enttäuschung über mein Auftauchen gut zu verbergen und fragte dagegen: »Es hat doch Krach mit den Weibern gegeben? Die Weiber haben doch geschrien? Was haben Sie den Weibern getan?«
»Nichts, was Sie mir nicht geraten haben, Polakowski«, lachte ich. »Ich habe sie auf eure ›Arbeiterart‹ zu ängstigen versucht, nämlich mit Schlägen. Aber es ist nicht viel draus geworden. Übrigens ist es wohl selbstverständlich, dass eine Frau sich widersetzt, wenn man ihr das Silber fortnimmt. Ich habe das Silber, Polakowski.«
»So, haben Sie es?«, antwortete der Abgefeimte. »Nun kommt es drauf an, ob es auch etwas bringt. Das meiste Silber ist leicht und hohl, oder die Fasson ist unmodern. Silber, das nur zum Einschmelzen taugt, ist kaum ein paar Mark wert.«
»Sie brauchen sich darum nicht zu sorgen, Polakowski«, sagte ich böse. »Ich werde mein Silber ohne Sie verwerten – wenn ich es überhaupt verkaufe, was ich noch nicht weiß. So, und nun möchte ich meinen Koffer allein weitertragen.«
Ich hatte während unserer Unterhaltung meine Schuhe angezogen und nahm jetzt den Koffer auf, trotz der flehentlichen Proteste Polakowskis. Endlich hatte ich gerade den rechten Ton ihm gegenüber getroffen, der Alkohol, der ja immer neue, immer andere Stimmungen heraufspült, hatte ihn mir eingegeben. Jetzt war Polakowski wieder ganz Ohrwurm, er beteuerte, er sei nur ein armer Arbeiter, unfähig, mit einem wirklich gebildeten Menschen umzugehen. Natürlich würde mein Silber gut sein, sehr gut, ich möge es seiner Dummheit zugutehalten, wenn er geglaubt habe, ein Mann wie ich könne minderwertiges Silber haben. Ich verharrte in einem vorgeblichen finsteren Schweigen, das ihn immer unruhiger machte, über das ich mich selbst aber innerlich vor Lachen schüttelte. Zu Hause angekommen, trug Polakowski, ohne sich erst bitten zu lassen, die wirklich bereitgehaltene Flasche Korn herbei; ich griff in die Tasche und fragte nur: »Wie viel?«
»Zwei Mark fünfzig«, flüsterte er, sehr demütig.
»Hier haben Sie Ihr Geld, und dass Sie mir nie wieder einen so schlechten Fusel bringen! Habe ich sonst noch was zu zahlen?«
Er versicherte, dass alles beglichen sei.
»Gut, dann machen Sie, dass Sie herauskommen! Ich will jetzt schlafen.«
Er schob sich aus der Tür, ich hatte es fertiggebracht, ihn verlegen und demütig zu machen.
Mir aber war weder nach Schlafen noch nach Trinken zumute. Der Durst nach Betäubung hatte ausgesetzt, ich bekam aus rätselhaften Gründen eine kurze Schonzeit, während der ein Stück des tätigeren Menschen, der ich einst gewesen, wieder auftauchte. Vielleicht kam das von der eben überstandenen Szene mit Magda, die mich doch sehr aufgewühlt hatte – freilich mühte ich mich, so wenig wie nur möglich an sie zu denken.
Eine Weile saß ich grübelnd auf dem Sofa. Mit unerbittlicher Klarheit stand vor mir, dass ich nach dem Geschehenen nie wieder nach Hause kommen konnte. Mein alter Plan, mich selbst des Alkohols zu entwöhnen und als ein Gesunder vor Magda und die Ärzte zu treten, war endgültig zusammengebrochen – übrigens hatte ich in meinen nüchternen Stunden selbst nie recht an ihn geglaubt. Es war aber auch unmöglich, es widerstand mir bis zum Ekel, hier noch länger bei Polakowski zu hausen; das Ende konnte nur Irrsinn heißen. Ich musste einen anderen Weg finden, und ich glaubte, auch eine Ahnung von der Art dieses Weges zu haben. Vieles musste ich wagen in den nächsten vierundzwanzig Stunden, nicht als berauschter Mann durfte ich an mein Werk gehen.
Es mag morgens zwischen drei und vier Uhr gewesen sein, als ich von meinem Sofa aufstand und anfing, den Koffer auszupacken. Ich wusch mich dann von Kopf bis zu Füßen, zog mich halb an und rasierte mich mit größter Sorgfalt. Alles ging unendlich langsam. Das Zittern meiner Hände war so stark, dass ich ein paarmal daran verzweifelte, mich rasieren zu können, aber schließlich gelang es doch. Aus unbekannten Urgründen meines Seins war eine neue Energie in mir aufgestiegen, sie ließ mich aushalten, sie gab es nicht zu, dass ich mehr als ganz kleine Schlucke in langen Zeitabständen zu mir nahm.
Als ich schließlich völlig frisch angezogen und gewaschen mich im Spiegel musterte, war ich selbst erstaunt, wie gut ich noch aussah. Gewiss, meine Augen waren gerötet, mit stecknadelkleinen Pupillen, und die Backen hingen etwas, aber niemand konnte mir einen Trinker ansehen. Ich konnte es morgen früh wagen, und ich würde es wagen.
Ich ging nicht mehr ins Bett. Ich schlug die Decke um mich und setzte mich auf das Sofa, den Morgen zu erwarten. Dabei lauschte ich in das Haus. Es war ganz still, aber ich hatte die feste Überzeugung, dass Polakowski nicht schlief, sondern mich belauerte. Nun, ich würde warten, und ich traute mir auch zu, ihn zu überlisten.
Ich hatte ein Wasserglas mit Korn gefüllt, ehe ich mich auf das Sofa gesetzt hatte, und die Flasche mit dem ganzen Rest in die fernste Ecke meiner Stube gestellt: Mit diesem Wasserglas Korn musste ich bis zum Morgen auskommen, hatte ich bestimmt. Aber ich nippte nur daran; nach der ungewohnten Beschäftigung dieser Nacht war ich todmüde, ich lehnte mich zurück, und schon war ich eingeschlafen.
Ich erwachte von einem leise klirrenden Geräusch. Ich öffnete halb die Augen und blinzelte in die Stube, in der das Licht der Morgensonne bereits die Überhand über den Schein der Glühlampe gewonnen hatte. Über meinen Koffer gebeugt stand Polakowski, er hatte aus einem Futteral ein Tafelmesser gezogen, musterte es kritisch und wog es in der Hand. Eine ganze Weile sah ich zwischen zusammengekniffenen Lidern dem Schurken zu, wie er zwischen dem Silber herumwühlte, dann rekelte ich mich, gähnte laut, wie jemand, der eben erwacht, und sah in mein Zimmer: Es war leer. Eben sah ich noch, wie sich die Klinke der Tür in die Ruhestellung hob. Ein Blick in den Koffer überzeugte mich davon, dass Polakowski sich vorläufig noch mit einer Musterung des Silbers begnügt hatte, das eigentliche Klauen war wohl für betrunkenere Stunden von mir vorbehalten.
Ich öffnete das Fenster, sah über die Stadt und nach dem Stand der Sonne. Sie hatte sich noch nicht viel über den Horizont erhoben, es mochte zwischen sechs und sieben Uhr sein. Ich rief aus der Tür nach Polakowski; der gute Listenreiche ließ sich eine ganze Weile Zeit, bis er sich meldete. Ich rief ihm nur hinunter, dass ich mein Frühstück haben wollte. Er brachte es sehr rasch, seine zage, sonst fast schafsmäßig sanfte Miene konnte dieses Mal doch ein Gefühl lebhafter Beunruhigung über mein völliges Verändertsein nicht verbergen. Ich tat, als sähe ich nichts, und machte mich zum ersten Mal mit einigem Appetit ans Essen. Der Kaffee war überraschend gut, die Semmeln knusprig und die Butter frisch und kühl – dieser Schurke von Polakowski verstand es entschieden, zu leben.
Während ich aß, brachte Polakowski den Waschtisch und mein Bett in Ordnung, wobei er es nicht lassen konnte, immer wieder heimliche Seitenblicke auf mich abzuschießen. Dazu hüstelte er immer häufiger. Die Kornflasche, die er im Stubenwinkel stehen fand, gab ihm endlich den ersehnten Anlass, ein Gespräch anzuknüpfen. »Sie haben ja fast gar nichts getrunken, Herr!«, sagte er und hielt die Flasche beweisend gegen das Licht.
»Ja, mein lieber Herr Polakowski«, sagte ich spöttisch, aber in bester Laune und bestrich dabei eine Semmel dick mit Butter, »wenn du mir weiter solchen Fusel bringst, werde ich mir das Trinken noch ganz abgewöhnen.«
Er nahm mein »du« ohne zu zucken an. »Es war ein Irrtum, Herr«, knurrte er, »ein Irrtum vom Kaufmann. So wahr ich hier stehe, ich selbst habe vier Mark fünfzig für die Flasche bezahlt, der Kaufmann hat sich vergriffen. Aber ich habe Ihnen natürlich nur den wirklichen Preis berechnet, ich selbst legte die zwei Mark drauf, obgleich ich nur ein armer Mann bin. Ich bin ehrlich, Herr …«
»Rede keinen Blödsinn, Polakowski«, antwortete ich grob. »Du bist so wenig ehrlich, wie du arm bist. Ein alter Gauner bist du, oder vielmehr ein junger, aber gerissen genug für einen alten. Vielleicht mag ich dich darum gerade gerne. – Nimm die Flasche mit«, schrie ich in plötzlich gespieltem Zorn, »und sauf sie selber aus. Und sorge dafür, dass in fünf Minuten eine anständige Sorte hier ist. Da hast du Geld!« Und ich warf ihm einen Schein auf den Tisch.
Er griff eilig nach ihm. »Sofort, wenn die Läden offen sind«, versicherte er.
»Nein, nicht, wenn die Läden offen sind!«, schrie ich noch lauter, »sondern jetzt, jetzt auf der Stelle! Denkst du Idiot, ich will den ganzen Tag hier wach sitzen, nach dieser Nacht? Ich will endlich schlafen können.«
Ich war aufgesprungen in gespielter Erregung, hatte schon das Jackett ausgezogen und knöpfte an meiner Weste. Ich musste ihn jetzt überzeugen, sonst ging die Sache doch noch schief. So griff ich nach dem Wasserglas mit Korn, das noch immer fast voll auf dem Tisch stand, goss es hinunter und schrie: »Da, gieß noch einmal voll! Mit deinem verdammten Fusel! Und nun mach, dass in fünf Minuten ein anderes Getränk hier ist; der Kaufmann wird dich schon hintenherum reinlassen, einen so guten Kunden wie dich!« Ich hatte mir die Weste vom Leibe gerissen und knöpfte schon an den Hosenträgern.
»In fünf Minuten!«, beteuerte Polakowski und eilte aus der Stube. Unschwer waren aus seinen Worten Erleichterung und Befriedigung herauszuhören. Er hatte Angst um seine Melkkuh gehabt, aber jetzt soff ich wieder. Gott sei’s getrommelt und gepfiffen!
Kaum hatte ich die Haustür klappen hören, war ich schon wieder in meinen Kleidern, schloss den Koffer, nahm ihn und lief die Treppe hinab. Es mochte eine Frau Polakowski geben, auch Kinder Polakowski, von der gleichen sanften, einschmeichelnden, flüsternden, verflucht schurkischen Art, wie es ihr Vater war: Ich hatte sie nie zu Gesicht bekommen. Ich sah sie auch an diesem Morgen nicht. Unangefochten kam ich auf die Gasse. Hier, schon fast frei von meinem Peiniger, hätte mir der Alkohol fast noch einen Streich gespielt.
Plötzlich erinnerte ich mich daran, dass ich seit Wochen zum ersten Mal ohne »Proviant« unterwegs war, und noch dazu auf einer so gefahrvollen, alles entscheidenden Reise, und dass oben in meiner Stube noch ein soeben vollgeschenktes Glas mit Korn stand. Beinahe wäre ich umgekehrt und damit wohl ziemlich sicher in die langfingrigen Erpresserhände Polakowskis zurückgelaufen, dann aber siegte die in dieser Nacht neu erwachte Energie. Ich schüttelte den Kopf und machte mich auf meinen Weg.
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Ich hatte natürlich keine Ahnung davon, in welche Richtung Polakowski gegangen war, und zu Anfang sah ich ziemlich besorgt um mich. Als ich aber erst, aus »Klein-Russland« heraus, durch die sauberen Straßen meiner Heimatstadt ging, fühlte ich mich sicherer. Ich ging, ohne zu zögern, direkt zum Bahnhof und setzte mich dort in den Wartesaal zweiter Klasse. Ich wusste, ich wagte viel; war schon etwas von meiner Geschichte durchgesickert, so war ich verloren. Aber ich musste an diesem Morgen noch viel mehr wagen, dieses Sitzen im Wartesaal war eine Vorprobe für kommende andere wichtige Unternehmungen.
Natürlich hätte ich mich auch mit weniger Risiko ein paar Stunden in den Anlagen der Stadt verbergen können, aber in meiner verwandelten Stimmung liebte ich es nun einmal, der Gefahr zu trotzen, muss aber auch gestehen, dass der Alkohol mich ein wenig dazu verführte. So ganz ohne ihn wollte ich nun doch nicht sein, und so bestellte ich beim Kellner außer einem ergiebigen Frühstück mit Setzeiern, Wurst und Käse auch eine Karaffe Kognak, den ich, zum zweiten Mal behaglich und nicht ohne Appetit frühstückend, meinem Kaffee zusetzte.
Ich vertiefte mich bei diesem lange dauernden Essen in die Zeitungen meiner Vaterstadt, die ich lange nicht studiert, las sämtliche Heimatnachrichten einschließlich der Familienanzeigen und hatte nun die Gewissheit, dass über mich auch noch nicht der geringste Hinweis ins Blättel gelangt war. Es wäre doch immerhin möglich gewesen, dass Magda in ihrer »Besorgnis um mein Wohlergehen« eine Notiz ins Blatt hätte setzen lassen, etwa des Inhalts: Der Geschäftsmann E. S. sei so und so lange nicht gesehen worden und irre vermutlich in einem Zustand geistiger Verwirrung in der Gegend umher. Wer Nachricht von ihm geben könne usw. usw. Aber nichts von alledem.
Bei meinem Frühstück wurde ich wirklich zehn Minuten lang von dem Bäckermeister Stretz gestört, von dem ich eben in der Zeitung gelesen, dass er sein fünfundzwanzigjähriges Geschäftsjubiläum begangen habe. Er ist unser Semmel-, ich bin dann und wann sein Weizenmehllieferant, wir kennen uns seit vielen Jahren. So setzte er sich zu mir an den Tisch, und er verwunderte sich darüber, dass wir uns so lange nicht gesehen, auch, dass ich hier auf dem Bahnhof die Semmeln der Konkurrenz und nicht friedlich daheim seine eigenen frühstückte. Es war das alles aber ganz arglos gesagt, wie ich sofort merkte. Mit dem Hinweis auf eine Reise erklärte ich alles und war nun sicher, dass über den engsten Kreis der Beteiligten noch kein Gerücht von meiner veränderten Lebensweise gedrungen war.
Später kamen noch entferntere Bekannte durch den Wartesaal, ich grüßte sie, sicher geworden, mit kurzem freundlichem Kopfnicken und einer Bewegung der Hand. Der Kellner aber musste mir, je näher der Uhrzeiger der Neun rückte, noch eine und schließlich eine dritte Karaffe Kognak bringen – mochte er von mir denken, was er wollte. So bald würde ich wohl kaum wieder sein Gast.
Fünf Minuten vor neun hatte ich bezahlt, stand auf, nahm meinen Koffer und ging in die Stadt. Ich ging die Bahnhofstraße entlang, dann ohne Scheu durch unsere Hauptpromenade, die Ulmenallee, bis zum Marktplatz, an dem die Bank liegt. Hier war ich mitten in Feindesgelände: Gerade gegenüber der Bank liegt das Rathaus, in dessen Erdgeschoss sich die Polizeiwache befindet, die heute Nacht meinetwegen wohl alarmiert wurde, und eine Minute vom Marktplatz entfernt mein eigenes Geschäft, dem vielleicht dieser mit Kornsäcken beladene Bauernwagen zurollte. Ich war doch recht aufgeregt und trocknete mir, ehe ich die Bank betrat, meine schweißnassen Hände mit dem Taschentuch ab. Dann trat ich ein.
Im Schalterraum waren, wie mich ein Blick belehrte, zu dieser Zeit direkt nach Öffnung erst ein paar belanglose Bürojünglinge und -mädchen, mit Papieren in den Händen. Ich setzte den Koffer ab, hängte meinen Hut an den Haken und ging zu dem noch freien Schalter, an dem der Buchhalter saß, der mein Konto führte. Ich sagte ihm lächelnd »Guten Morgen«, teilte mit, dass ich eben von einer längeren Reise zurückgekehrt sei (wobei ich auf meinen Koffer an der Tür deutete) und dass ich mich gerne über den Stand meines Kontokorrent-Guthabens unterrichtet hätte. Und während ich das alles leichthin, ohne jedes Stocken sagte, prüfte ich, innerlich zitternd, sein Gesicht, suchte nach irgendeinem Anzeichen von Misstrauen, Argwohn, Zweifel.
Aber nichts von alledem war dem jungen Menschen anzusehen, willig schlug er das Buch auf, rechnete einen Augenblick mit dem Bleistift einige Zahlen zusammen und sagte dann ganz gleichgültig, dass der Stand meines Guthabens sich augenblicklich auf Siebentausendachthundert und einige Mark und Pfennige belaufe.
Kaum konnte ich eine Gebärde freudiger Überraschung verbergen. So viel hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Wie Magda das fertiggebracht hatte, war mir einigermaßen rätselhaft; wahrscheinlich war bereits die Zahlung der Gefängnisverwaltung für geliefertes Tauwerk eingegangen, aber auch sie konnte nicht annähernd so viel ausmachen. Nun, jedenfalls war, sagte ich mir, meine freudige Erregung unterdrückend, Geld genug da, genug für das Geschäft und genug vor allem für mich und meine Pläne. Einen Augenblick kämpfte ich mit der Versuchung, den ganzen Betrag abzuheben. Aber ich bezwang mich. Ich wollte doch nicht gemein gegen Magda und das Geschäft handeln, so gemein sie sich auch gegen mich benommen hatte. Außerdem wäre eine so vollständige Entnahme, die einer Auflösung meines Kontos gleichsah, doch wohl auffällig gewesen.
All das war blitzschnell durch meinen Kopf gegangen, nun sagte ich fast beiläufig, dass ich heute eine größere Zahlung zu leisten habe, und bat um Tinte und Feder. Am Schalter stehenbleibend, schrieb ich in dem Scheckbuch, das ich aus meiner Tasche gezogen, einen Überbringerscheck auf fünftausend Mark aus und reichte ihn dem Buchhalter. Mit einem letzten Rest von Furcht prüfte ich wieder sein Gesicht, aber ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, machte er die nötigen Buchungen, stempelte den Scheck und brachte ihn persönlich zum Kassenschalter. Auch ich ging dorthin.
Ein Gefühl unendlicher Freude, ein stolzer Triumph beseligte mich. Da hatte ich Magda bildschön hereingelegt! Dass sie so dumm gewesen war, dass sie der Bank nicht einen kleinen Wink gegeben hatte, das ließ erst meine grenzenlose Überlegenheit im rechten Lichte erscheinen. Ich hätte tanzen und schreien mögen vor Freude, nur mit Mühe bezwang ich eine Art Lachkrampf, der mich ankam.
»Wie möchten Sie das Geld, Herr Sommer?«, fragte der Kassierer mich.
»Groß, groß«, sagte ich eilig. »Das heißt in Fünfzig- und Hundertmarkscheinen. Etwa zweihundert Mark dann in kleineren Scheinen.«
In zwei Minuten hatte ich mein Geld, verwahrte es sorgfältig in meiner Brusttasche, nahm den Koffer und trat als stolzer Sieger wieder auf den Marktplatz. Gerade während ich durch die Drehtür ging, kam mir der Einfall, dass dieser Triumph unbedingt gefeiert werden müsste. Ich wollte trotz der frühen Morgenstunde in eine kleine Weinstube am Marktplatz gehen und dort zu einer oder zwei Flaschen Burgunder einen Hummer essen oder Austern oder was Rohloff eben der Jahreszeit entsprechend dahatte. Ich trete aus der Tür, und vor mir steht der unvermeidliche, der widerliche Polakowski, diese Pest meines Lebens, und sieht mich schleimig lächelnd an.