Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 53
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Ich weiß nicht, wie lange Zeit ich so in Elinors Armen verbrachte. Ich hatte ihr großes weißes Gesicht mit den geschwungenen Augenbrauen ganz nahe vor mir, es lehnte sich über mich – und die ganze Welt versank mir. Ihre jetzt nicht mehr farblosen, sondern grünstrahlenden Augen sahen mich an, und ich fühlte ein Zittern in mir bis in das Innerste meiner Knochen; das Herz bewegte sich in mir wie ein Pappelblatt im Sommerwind.
»Oh, Elinor, verzeih, verzeih! Nie habe ich so geliebt! Nie habe ich gewusst, dass es so etwas auf der Welt gibt, du machst mich schwach und stark; berührt mich dein Atem, so ist mir, als wehte ein Sturm durch mich; die dürren Blätter der Vergangenheit weht er alle fort. Ich bin neu geworden durch dich – komm, lass uns von hier fliehen, lass uns aus dem Alten fliehen! Wir wollen in den Süden gehen, wo immer die Sonne scheint, wo der Himmel ewig blau ist – weiße Schlösser an Rebenhängen! Dorthin wollen wir! Komm mit! Ich habe eine kleine Tasche draußen stehen, aber genug ist in ihr, komm mit, wie du bist, wir wollen fliehen, jetzt, noch in dieser Minute, mir ahnt Schreckliches, wenn wir noch länger hierbleiben! Sie würden dich nicht bei mir dulden. Komm, lass uns gehen, mein weißes, strenges Gesicht, ma reine d’alcool! Stoß mit mir an, du sollst leben! Dir einen Gruß aus meinem tiefsten Herzen!« Ich sah sie strahlend an. Und tief beunruhigt: »Warum gehen wir noch nicht?«
Sie fuhr mit der Hand durch meine Haare, beruhigend, liebkosend. Sie saß auf meinem Schoß, einen Arm hatte sie um meine Schulter geschlungen, ihre Zärtlichkeit deckte mir die Welt zu. Sie sagte leise: »Gleich fahren wir, altes Papachen, gleich. Um sechs geht ein Zug von der Station, so lange musst du dich noch gedulden, altes Papachen! Wir sitzen doch gut hier! Oder sitzen wir nicht gut hier?«
Ich schmiegte mich fester an sie, ich legte den Kopf gegen ihre Brust, ich fühlte mich geborgen an ihr, in ihr, wie ein Kind bei seiner Mutter. »Sehr gut sitzen wir hier. Aber um sechs fahren wir – weit, weit von hier fort. Dies alles wollen wir nie wiedersehen – im Süden werden wir lieben … wir werden uns immer lieben …«
Sie sah mir in die Augen, so nahe, ein einziges Auge schien es zu sein, das mir verschwamm, als hätte ich in die helle Sonne gestarrt. Sie flüsterte nahe an meinem Ohr: »Ja, ich werde mit dir reisen, altes Papachen. Aber du wirst dann nicht immer trinken, wie? Männer, die immer betrunken sind, hasse ich. Sie ekeln mich.«
»Nie mehr werde ich trinken, wenn ich dich erst habe, keinen Tropfen mehr! Du bist besser als Wein und Schnaps; ein Feuer bist du in mir, du machst die Welt tanzen! Dein Wohl, meine Königin!«
»Dein Wohl, mein altes Papachen! Ja, wir werden nun reisen, aber werden wir auch Geld genug haben für solch eine weite Reise? Wir wollen doch nicht arbeiten müssen?«
»Geld?«, fragte ich verächtlich. »Geld? Geld genug für uns beide! Geld für alle Reisen und das längste Leben! Geld wie Heu!« Und ich riss die Scheine aus der Tasche, es war wirklich ein ganzes Bündel.
Elinor nahm es aus meinen Händen, glättete die Scheine und ordnete sie. »Achthundertdreiundsechzig Mark«, sagte sie schließlich und sah mich mit gerunzelter Stirne nachdenklich an. »Das ist nicht sehr viel Geld, altes Papachen. Nicht genug für eine lange Reise, für ein Leben zu zweien ohne Arbeit. Ist das alles Geld, das du hast?«
Einen Augenblick war ich etwas ernüchtert. Ich fuhr mit der Hand über die Stirn und sah voll Abneigung auf den Haufen schmutziger Lappen, den Elinor in der Hand hielt. »Einer hat mir Geld gestohlen, Elinor«, sagte ich dann mürrisch. »Fünfmal, zehnmal mehr Geld, als du in der Hand hast, hat der Lump mir gestohlen. Und alle meine Sachen in einem rindsledernen Koffer und unser Silber, alles ist weg! Was wird Magda sagen!« Ich besann mich langsam unter ihrem Blick. »Aber das ist gleich, Elinor, stecke das Geld fort, ich mag es nicht mehr sehen. Ich kann mehr holen von der Bank, ich kann holen, soviel du willst: Zehntausende! Ich komme mit einem Scheck, sie sagen zu mir: ›Herr Sommer …‹«
»Also Sommer heißt du?«
»Ja, Sommer heiße ich, Erwin Sommer, wenn du mit mir reist, hast du immer Sommer!«
Ich lachte, aber sie blieb ernst, sie sagte: »Siehst du, altes Papachen, sie haben dir schon dein Geld und deine Sachen gestohlen, du kannst nicht umgehen damit in diesem Zustand. Ich werde es dir verwahren, ganz sicher ist es bei mir aufgehoben. Hier stecke ich dir Geld in deine Tasche, das alte Papachen soll nicht ganz ohne Geld sein. Es sind dreiundzwanzig Mark, wenn die dir wegkommen, ist es nicht weiter schlimm …« Sie redete immer eindringlicher, es war lächerlich, wie wichtig sie dieses alberne Geld nahm. »Und, Papachen, nicht wahr, du schwörst es mir, du wirst nie jemandem sagen, dass ich dir dein Geld verwahrt habe? Zu keinem Menschen? Was auch passiert?«
»Nie werde ich es einem sagen, Elinor«, antwortete ich. »Ich schwöre es dir. Aber das alles ist unnötig, um sechs Uhr werden wir reisen …«
»Also du hast es mir geschworen, altes Papachen, du vergisst es nicht? Zu niemandem nie ein Wort, was auch passiert!«
»Nie ein Wort, Elinor!«
»Du mein gutes Papachen!«, rief sie und drückte mich fest in ihre Arme. »So – und nun sollst du zur Belohnung aus meinem Munde trinken dürfen!«
Sie nahm einen Mundvoll von dem Kirsch, dann legte sie die Lippen fest auf die meinen, ich schloss die Augen, und aus ihrem Munde floss der Kirsch scharf und warm und lebendig in meinen Mund – es war das Süßeste, das ich je erlebte. Ich verging davor.
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Ich erwache, ich sehe um mich. Nein, ich bin nicht erwacht, noch träume ich. Was ich eben sah, war ein weißgekalkter Raum mit einem Eisengitter an seiner einen Seite – das ist noch etwas aus meinem Traum. Ich liege da, mit geschlossenen Augen, ich versuche, mich zu erinnern … Da geschah noch etwas in der Nacht. Dann besinnt sich meine linke Hand. Ganz unwillkürlich tastet sie auf dem Fußboden entlang, und nun trifft sie auf die kühle Glätte von Glas. Sie hebt die Flasche zum Munde, und nun trinke ich wieder, mit geschlossenen Augen trinke ich noch einmal Schwarzwälder Zwetschgenwasser, wieder bin ich bei Elinor. Ich bin bei Elinor! Das Leben geht weiter, ich schwinge mich noch höher … Ich habe nur eine Zeit geschlafen, und nun bin ich wieder bei Elinor.
Zwei, drei Schlucke, und nun ist die Flasche leer. Ich sauge an ihr: Kein Tropfen kommt mehr. Mit einem tiefen Seufzer stelle ich sie nieder und öffne wieder die Augen. Ich sehe eine weißgekalkte, recht schmutzige Zelle, die Wände von vielen Inschriften und schweinischen Zeichnungen zerkratzt. An der einen Wand sitzt sehr hoch, dort, wo sie schon schräg wird, ein kleines vergittertes Fenster. Dies Fenster steht offen, ich sehe durch die Öffnung einen blassblauen, von matter Sonne erfüllten Himmel. Auf der vierten Seite hat diese Zelle ein festes Gitter aus Eisenstangen. Genau wie die Gitter an den Tierkäfigen in den zoologischen Gärten. Außerhalb des Gitters steht ein Ofen, dann ist da noch eine Tür, die geschlossen ist. Ich bin gefangen! Ich sehe auf mein Lager. Ich liege in Kleidern auf einem jämmerlichen Eisenbett, auf einem Strohsack mit zerrissener Decke. Meine Zelle enthält sonst noch einen Tisch, einen Schemel und einen fürchterlich stinkenden Kübel. Ja, und dann enthält sie die Flasche, die ich soeben geleert habe …
Ich springe von meinem Lager auf, ich hebe die Flasche gegen das Licht: Wirklich, es ist kein Tropfen mehr drin! Ich stelle sie endgültig fort, hinter den Kübel, und während ich dies tue, kommt ein Stück der Erlebnisse dieser Nacht zurück, blitzartig erleuchtet …
Ich sehe die unordentliche, düster beleuchtete Gaststube, ich sehe mich, Erwin Sommer, Inhaber eines Landesproduktengeschäftes, angesehener Bürger von einundvierzig Jahren, ich sehe mich, wie ich mit dem Gendarmen handgemein bin, wie ich mich mit Händen und Krallen meiner Verhaftung widersetze – wir wälzen uns am Boden, und die behäbige Wirtin mit dem weißen Scheitel, die sich so vor meiner Schusswaffe geängstigt hat, die jetzt aber weiß, dass ich mit einer Schusswaffe nur geprahlt habe, sie versetzt mir während dieses Kampfes hinterlistige Tritte und Püffe, sie kneift mich und fährt plötzlich mit allen fünf Fingern in mein Gesicht, alles, während ich mit dem Gendarmen um meine Freiheit kämpfe.
Und im selben Augenblick während dieses Kampfes sehe ich Elinor, die mit einem unergründlichen Lächeln auf uns beide Kämpfende schaut, aber nicht einen Finger rührt, um dem einen oder anderen Kämpfenden zu helfen. Kein Wort auch spricht sie.
Und doch hätte ich mich vielleicht freigekämpft, denn in mir tobte ein Entsetzen, dass ich, ein gesitteter Bürger, wie irgendein beliebiger Betrüger in ein richtiges Gefängnis abgeführt werden sollte, ich, ein angesehener Mann, vor dem viele Leute zuerst den Hut zogen, ins Kittchen – ja, diese Verzweiflung gab mir solche Kräfte, dass ich mich wohl doch noch von dem Wachtmeister freigekämpft hätte – wenn nicht Elinor gewesen wäre.
In irgendeinem Moment unseres Kampfes, wohl gerade in dem Augenblick, da sich der Sieg mir zuneigte, stand sie plötzlich bei uns mit einer Flasche von meinem Schwarzwälder Zwetschgenwasser; sie sagte sanft lächelnd und strahlte mich dabei mit ihren hellen Augen freundlich an: »Seien Sie doch friedlich, altes Papachen! Der Wachtmeister erlaubt Ihnen auch, sich eine Flasche Schnaps mitzunehmen. Es ist ja nur für eine Nacht, altes Papachen, bis Sie Ihren Rausch ausgeschlafen haben …«
Damit war mein Kampfmut gelähmt, und sie wurden leicht Herr über mich. Wieder verführten mich der Alkohol und Elinor (das war wohl das gleiche Gift: Alkohol und Elinor); so oft schon hatten sie mich getäuscht und in die beschämendsten Niederlagen hineingeführt, aber ich war noch immer nicht klug geworden. Für eine Flasche Schnaps verkaufte ich meine Aussicht auf Freiheit. Und da stand sie nun, dort hinten, bei dem stinkenden Kübel: leer. Und hier stand ich, zwischen gekalkten Wänden, hier ein Eisengitter, dort oben, nahe der Decke, ein kleines Fensterloch. Ohne Freiheit. Ohne Elinor. Ohne Schnaps.
Und plötzlich fällt mir noch eine Schlussszene, eine allerletzte Szene von diesem Abend her ein, eine so beschämende Szene, dass ich die Fäuste balle und die Zähne zusammenbeiße … Wir sind handelseins geworden, der Gendarm und ich. Er hat viel von seinen Dienstvorschriften geredet, aber ich habe ihm wohl Scherereien genug gemacht, und er hat wohl auch Befürchtungen, dass ich ihm bei dem Weg durch die Nacht noch Schwierigkeiten mache … Er hat eingewilligt, dass ich die Flasche Schnaps noch mitnehmen darf; ich trage sie mit losem Korken griffbereit in der Hosentasche. Dafür habe ich ihm mein Ehrenwort gegeben, ihm nicht wieder zu widerstehen und keinen Fluchtversuch zu machen. Trotzdem hat er mir ein kleines stählernes Kettchen um das rechte Handgelenk gelegt, er misstraut vielleicht dem Ehrenwort eines Betrunkenen doch ein bisschen.
Und nun stehen wir unter der Tür, ich habe mich umgewendet und habe zu Elinor gesagt: »Gute Nacht, Elinor, ich danke dir auch für alles, Elinor.«
Und sie antwortet mit gleichmütiger Stimme: »Gute Nacht, altes Papachen, schlaf auch schön« – gerade als wäre ich irgendein beliebiger Stammgast, der nach seinem Abendschoppen zum friedlichen Ehebett heimgeht.
Also, hiernach wollen wir nun wirklich gehen, ich und der Wachtmeister, da ruft die Wirtin plötzlich mit schriller Stimme: »Und mein Wein? Und mein Schnaps?! Und die zerbrochenen Gläser?!! Der Lump hat ja noch nicht bezahlt, der besoffene, Herr Wachtmeister! Das geht doch nicht! Lassen Sie ihn erst zahlen.«
Der Wachtmeister sieht mich erst bedenklich an, seufzt und fragt dann leise: »Haben Sie Geld?«
Ich nicke.
»Also dann bezahlen Sie, dass ich endlich nach Haus komme!« Und laut: »Wie viel macht’s denn?«
Die Wirtin rechnet, dann sagt sie: »Siebenundsechzig Mark einschließlich Bedienung. Und richtig, dann noch das Telefongespräch, durch das ich Sie gerufen habe, Herr Wachtmeister. Macht, alles zusammen, siebenundsechzig Mark zwanzig.«
Ich greife in meine Tasche. Ich bringe ein bisschen Geld hervor. Ich greife in die Brusttasche meines Jacketts: Sie ist leer. Plötzlich erinnere ich mich … Ich sehe auf Elinor hin, erst mit einer stummen Frage, dann bittend, auffordernd, drängend … Ich kann doch hier nicht auch noch als Zechpreller dastehen! Elinor sieht nicht auf mich, mit einem unergründlichen schwachen Lächeln blickt sie auf das Geldhäufchen, das ich auf einen Tisch gelegt habe. Dann gleitet ihr Blick von dort fort und zur Wirtin hin … Elinors Lippen öffnen sich ein wenig, das Lächeln um ihren Mund verstärkt sich … Die Wirtin ist auf das Geld losgeschossen und hat es im Nu durchgezählt.
»Dreiundzwanzig Mark«, schreit sie kreischend. »Sie Lump, Sie verdammter Zechpreller, Sie! Erst stehlen Sie mir meine Nachtruhe und bedrohen mich mit einem Revolver und dann …«
Sie schilt immer weiter, der Wachtmeister hört gelangweilt und gähnend zu. Schließlich, als die Wirtin mir gar wieder mit ihren Krallen ins Gesicht fahren will, wehrt er sie ab und sagt: »Jetzt ist’s genug, Frau Schulze.« Und zu mir: »Haben Sie wirklich nicht mehr Geld?«
»Nein!«, sage ich und sehe Elinor fest dabei an. Diesmal sieht sie mich wieder an, ebenso fest, ohne eine Spur von Lächeln. Und nun tut dieses Mädchen blitzschnell wieder etwas Erstaunliches: Sie greift in den Ausschnitt ihrer Bluse und zieht für einen Augenblick den mir abgenommenen Packen Geldscheine hervor. Ich sehe den blauen Schimmer der Hundertmärker. Im Mundwinkel erscheint Elinors Zungenspitze, spöttisch lächelt das Mädchen jetzt. Der Packen Geld verschwindet wieder im Busen. Sie legt die Hand auf die Brust, hebt sie ein wenig an, dass ich den schönen, vollen Ansatz sehe, und dann wendet sie sich endgültig von mir ab, geht hinter die Theke.
Oh, wie klug und raffiniert sie ist: Gerade im richtigen Moment erinnerte sie mich an mein Wort, aber meinem Wort nicht ganz trauend, erinnerte sie mich auch an die Verbundenheit unseres Fleisches. Bittersüß, von einem kalten Feuer, eine Geliebte, die sich mir nie ganz hingeben, die ich nie ganz besitzen würde – die wahre Königin des Alkohols!
»Nein«, sage ich mit trockener Stimme, »mehr Geld habe ich nicht bei mir. Aber senden Sie die Rechnung an mein Kontor, meine Frau wird sie sofort bezahlen.«
Die Wirtin keift: »Ihre Frau wird Besseres zu tun haben, als die Rechnungen eines Säufers zu bezahlen! Wachtmeister, kehren Sie seine Taschen um, vielleicht hat er doch noch was bei sich …«
»Nichts«, sage ich. »Aber ich habe eine Tasche draußen stehen, Herr Wachtmeister, wenn ich die holen darf …?«
Wir holen die Aktentasche, meinen Einkauf in jenem kleinen Luftkurort, herein. Ich breite meine Einkäufe aus: meine beiden papageienbunten Pyjamas, das raffinierte Toilettenzeug, das französische Parfüm … Wie lange ist es her, dass ich dies alles, weltmännisch scherzend, von jungen Mädchen einkaufte? Ich werde es nie benutzen! Wie lange ist es her, dass ich auf der Seeterrasse dort grünen Aal zu Burgunderwein aß und Betrachtungen darüber anstellte, ein wie behagliches Leben ich als zur Ruhe gesetzter Kaufmann führen würde? Wie lange? Erst gute zwölf Stunden! Und nie werde ich dieses behagliche Leben führen! Jetzt trage ich eine Kette um das Handgelenk und werde als Verbrecher von der Polizei eskortiert! O ade, gutes Leben!
»Was soll ich mit dem feinen Krimskrams?!«, zetert die Wirtin. »Sieben Haut- und Nagelscheren allein! Das kann ich nicht brauchen. Ich will mein Geld haben! Und diese gemeinen Schlafanzüge!« Aber ihrer Stimme ist anzuhören, dass dies nur ein Rückzugsgefecht ist, ihre Gier ist erwacht.
»Ich habe um hundert Mark herum dafür bezahlt«, sage ich. »Und draußen stehen auch noch zwei Flaschen Schwarzwälder und eine Flasche Korn – die sollen Sie auch noch haben. Sind Sie nun zufrieden?«
Sie zetert noch ein wenig, aber dann gibt sie sich zufrieden.
»Aber die Flasche Parfüm möchte ich Ihrem Mädchen als Trinkgeld schenken«, sage ich und nehme sie.
»Meinethalben«, sagt die Wirtin. »Mit solchem Nuttenzeug mag ich mich nicht einstinken.« Und sie probiert, ob die Hose des bunten Pyjamas auch lang genug für sie ist.
»Elinor!«, rufe ich durch das Lokal, denn ich kann wegen der Kette nicht fort von dem Wachtmeister. »Hier habe ich noch eine Flasche echt französisches Parfüm für dich … Komm, Mädchen!«
»Ach, lassen Sie mich zufrieden!«, ruft sie mürrisch zurück. »Ich habe jetzt wirklich genug von Ihnen. Bringen Sie den Kerl doch weg, Wachtmeister, ich möchte ins Bett!«
Die brutale Rücksichtslosigkeit, mit der sie mich im Stich ließ, sobald sie ihren Zweck erreicht hatte, raubte mir fast den Atem. Dann rief ich: »Verlässt du dich nicht ein bisschen sehr auf meine Anständigkeit, Elinor?« scharf durchs ganze Lokal.
»Bringen Sie den besoffenen Trottel weg, Wachtmeister!«, schrie sie jetzt. »Ich will nicht mehr von ihm angequatscht werden. Er war mir immer eklig, hoffentlich behaltet ihr ihn ewig im Kittchen!«
Ich begriff, in einem Augenblick begriff ich. Jetzt war ihr mein Geld sicher, ich hatte selbst seinen Besitz geleugnet. Und sie trug es bestimmt nicht mehr bei sich, sie hatte es schon irgendwo hinter der Theke versteckt. Nun ließ sie die Maske fallen – ich war ein ekelhafter Trottel. Wahrhaftig, ich war es wirklich. Wie gut, dass ich noch eine Flasche Schnaps zum Trost in der Tasche hatte! Aber wie, wenn mich nun auch der Schnaps verließ?
»Also kommen Sie endlich!«, sagte der Wachtmeister und zog am Kettchen.
Ich folgte ihm wortlos. Der Gendarm setzte sich auf sein Rad und radelte, für einen Radler langsam, für einen Fußgänger reichlich schnell, los. Ich trabte nebenher. Im Gefängnis des großen Nachbardorfes, in demselben Ort, an dem ich mit der Bahn am Abend vorher eingetroffen war, lieferte er mich ein.
25
Ich habe mein Bett unter das kleine Fenster gerückt und mich dann an den eisernen Gitterstäben hochgezogen. Ich sehe in ein friedlich besonntes Land mit Wiesen, Äckern, weidendem Vieh und Waldstreifen am Horizont. Direkt unter mir liegt ein mit Latten eingefriedeter Gemüsegarten, ein alter Mann geht einen Weg entlang und pflückt Grünes für Ziegen und Karnickel in einen Sack. Er kann gehen, wohin er will – und ich, ich bin jetzt gefangen! Gestern gehörte mir das noch alles, ich konnte aus meinem Leben machen, was ich wollte, heute halten andere mein Leben in ihrer Hand, und ich muss warten, wie sie über mich beschließen.
Ich lasse mich auf mein Bett fallen. Mir ist sehr schlecht, mein Kopf schmerzt – die Wirkung der paar Schlucke eben ist schon wieder vergangen. Ich habe Durst – aber wann werde ich diesen Durst wieder stillen können? ›Heute schon‹, sage ich mir beruhigend, ›bestimmt heute schon! Heute noch lassen sie dich wieder frei. Sie haben dir bloß einen Schreck einjagen wollen, sowas macht man, man steckt Betrunkene für eine Nacht in eine Zelle, damit sie ihren Rausch ausschlafen und sich ernüchtern, dann lässt man sie wieder frei. So machen sie’s nun auch mit dir.‹
Ich will nicht mit ihnen grollen, schließlich handeln sie ganz richtig. Ich habe mich wirklich zu sehr gehenlassen in dem Landgasthof, dieser Denkzettel, dieser Schreckschuss ist mir ganz gut. Aber gleich wird der Schlüssel im Schloss klirren, der nette Wachtmeister aus der Nacht kommt herein und fragt lachend: »Na, gut geschlafen, Herr Sommer? Dann machen Sie, dass Sie hier wegkommen – und sündigen Sie hinfort nicht mehr!«
Und ich gehe in die Freiheit, in jenen frischen, grünen, sonnigen Morgen hinaus, an dem ein alter Mann an allen Straßenrändern, wo er nur mag, Grünfutter in einen Sack sammelt. Ich bin wieder frei. Wäre es wirklich ein ernster Fall gewesen, hätte mir dann der Wachtmeister den Schnaps mit in die Zelle gegeben?
So beruhige ich mich, und wenn sich ein Gedanke an jene nächtliche Szene mit Magda bei mir einschleichen will, so weise ich ihn energisch zurück. Magda ist meine Frau, trotz aller Differenzen in letzter Zeit, wir haben so lange zusammengehalten, sie wird mir verzeihen, sie hat mir schon verziehen. Sie versteht, dass ich krank war. Aber dieser Schreckschuss hier hat mich ernüchtert, nie wieder werde ich trinken, keinen Tropfen mehr.
Ich springe auf und gehe in der Zelle hin und her. Nein, ich will jetzt ehrlich sein, ich will mir nicht wieder etwas vorlügen: Ich kann, wenn ich nachher entlassen werde, nicht gleich auf einen Schlag mit Trinken aufhören; schon jetzt quält mich der Durst schändlich. Es ist wie ein reißendes Verlangen in meinem Körper, eine Gier, die einen töten zu wollen scheint, wenn sie nicht befriedigt wird. Meine Glieder zittern, ein Schweißausbruch folgt auf den anderen, der Magen ist in Aufruhr.
Plötzlich fällt mir ein, dass ich bei meinem Aufbruch aus dem Landgasthof wohl eine ganze Flasche Kirsch bezahlt habe, dass sie aber, nur zur Hälfte leer getrunken, auf dem Tisch stehen blieb. Ich hätte den Wachtmeister bitten sollen, sie noch leer trinken zu dürfen. Er hätte es mir erlaubt, dann hätte ich mehr Alkohol im Leibe gehabt, dann hätte ich jetzt nicht diese schrecklichen Beschwerden!
Also, ich will von jetzt an ehrlich sein: Ich kann dem Alkohol nicht sofort ganz abschwören, aber ich werde von nun an sehr mäßig trinken, vielleicht nur eine halbe Flasche pro Tag oder gar nur ein Drittel. Mit einem Drittel würde ich schon auskommen. Jetzt würde mich schon ein einziger kleiner Schnaps glücklich machen, ein winziges Stängchen, kaum ein Mundvoll Schnaps, in diesem Zustand, in dem ich jetzt bin.
Wenn ich jetzt gleich entlassen werde, werde ich mir hier im Ort so ein Stängchen leisten, ein einziges nur, und dann werde ich zu Fuß nach Hause gehen und nichts mehr trinken. Ich habe kein Geld mehr bei mir, aber ich habe meinen bläulichen Frühjahrsmantel an, den werde ich dem Wirt zum Pfand dalassen. Er wird mir darauf eine Flasche Korn geben, vielleicht sogar zwei, dann bin ich wieder für drei, vier Tage ausgerüstet. Für drei Tage jedenfalls bestimmt! Und in drei Tagen habe ich Magda rum, ich werde sehr liebevoll und freundlich mit ihr sein, dann bekomme ich wieder Geld von ihr …
Einen Augenblick schließe ich die Augen: Ich habe eben an die fünftausend Mark gedacht, die ich gestern um diese Zeit von der Bank abhob. Es muss ein schwerer Schlag für das Geschäft gewesen sein, es wird vielleicht doch nicht ganz einfach sein, Magda zu versöhnen … Aber, beruhige ich mich rasch, ich werde eine Hypothek auf unsere Villa eintragen lassen, sie ist bisher schuldenfrei; fünftausend Mark bekomme ich auf die Villa bestimmt. Dann ist Magda versöhnt. Und natürlich werde ich Polakowski nicht ungestraft seinen Raub genießen lassen. Ich werde heute noch zu ihm hingehen, meine Sachen und das Silber und meine Goldsachen muss er mindestens wieder herausrücken, dann will ich ihm zweitausend Mark von dem Geld lassen. Und geht er darauf nicht ein, werde ich ihn anzeigen, dann wandert der gute, sanfte, heuchlerische Polakowski statt meiner ins Gefängnis.
So gehen meine Gedanken, im Ganzen sind sie – trotz gelegentlicher beklommener Erwägungen – optimistisch. Ich werde schon durchkommen, schließlich bin ich ein angesehener Bürger; man wird sich hüten, mich hart anzufassen!
Dazwischen starre ich halb gedankenlos die Inschriften in der Zelle an. Manche sind mit Bleistift an die Wände geschrieben, andere mit einem Nagel in den Kalk gekratzt. Meist steht obenan ein Name, und darunter dann zwei Daten, das der Einlieferung und das der Entlassung. Es beruhigt mich sehr, dass all diese Daten so dicht beieinanderliegen, der Mann, der nach den Inschriften am längsten hier in der Zelle gesessen hat, war zehn Tage hier. Auch ein Beweis wieder, dass man nichts Schlimmes mit mir vorhat. Zehn Tage – nun, für mich kommen auch zehn Tage nicht infrage, ich hielte sie nie aus bei meinem wilden Alkoholhunger! Aber ich, ich werde ja auch in ein paar Minuten entlassen!
Und dann, wie ist es mit dem Frühstück? Auch Gefangene müssen ein Frühstück bekommen, vermutlich Wasser und trocken Brot, aber immerhin ein Frühstück. Es ist jetzt mindestens halb zehn Uhr, nach dem Sonnenstand zu urteilen, und mir hat man noch kein Frühstück gebracht! Das ist natürlich wieder ein Zeichen, dass man es nicht schlimm mit mir meint. Man will mich so schnell entlassen, dass man nicht einmal ein Frühstück an mich wendet. Der Wachtmeister spart es, ich kann mir ja draußen eins kaufen! Das ist so klar wie der Tag.
Für den Augenblick völlig beruhigt, werfe ich mich wieder auf den Strohsack und versuche zu schlafen. Ich denke an Elinor, ich versuche an die Süße des Augenblicks zu denken, als sie mir den Schnaps aus ihrem Munde zu trinken gab, aber seltsam, jetzt scheint mir das nicht mehr süß. Nein, ich will nicht mehr an den Landgasthof denken, es war zu widerlich dort, und wie fein sie mich ausgebeutelt hat, diese kleine Hure, wie den allerletzten dummen Jungen! Aber zu ihr werde ich nicht gehen wie zu Polakowski, soll sie mit ihrem Raub glücklich werden oder verrecken, ich will nie wieder etwas von ihr sehen! Ich lebe von nun an nur für Magda. Es ist nur gut, dass ich mit diesen Leuten im Gasthof so völlig durch bin; ich habe alles bezahlt, sie können mir gar nichts mehr wollen, ich werde sie nie wiedersehen. Ich wollte nur, ich wüsste über Magdas Stellung zu mir schon so gut Bescheid …
So gehen meine Gedanken. Dazwischen schlafe ich ein bisschen, drusele so halb ein und bin auch plötzlich ganz fort, wie in einer tiefen Ohnmacht. Und da bin ich wieder wach, fühle von Neuem die Qual in meinem Leib, stöhne: »Mein Gott! Mein Gott! Das halte ich nicht aus – komme ich denn noch nicht fort?« Ich renne hin und her, rüttele auch einmal an den Eisenstangen, lehne mich gegen die Tür, in der wahnsinnigen Hoffnung, dass sie vielleicht offengeblieben ist, und denke an Magda … Ehrlich gesagt: Ich habe Angst vor Magda … Sie kann so verflucht energisch sein … Aber ich bin ihr Mann, wir haben uns geliebt, sie wird mir verzeihen, sie muss es … So dreht sich die ewig gleiche Gedankenmühle …