Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 52

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Wenn es nicht der offene Marktplatz gewesen wäre, ich hätte diesen Kerl erwürgt! So sah ich ihn nur einen Augenblick finster drohend an, fasste dann meinen Koffer fester und schlug, ohne ihn zu beachten, den Weg zum Bahnhof ein. Aber ich hörte wohl, dass er hinter mir herging, und nun vernahm ich auch schon seine verhasste schmeichelnde und flüsternde Stimme: »Lassen Sie mich doch den Koffer tragen, Herr! – Bitte, lassen Sie mich doch den Koffer tragen, Herr!«

Ich tat, als habe ich ihn nicht gehört, und schritt schneller aus. Aber plötzlich fühlte ich eine Hand neben der meinen am Koffergriff, und nun hatte schon am hellen Tage auf offener Straße Polakowski mir den Koffer aus der Hand genommen! Wütend drehte ich mich um und schrie: »Wollen Sie mir auf der Stelle den Koffer wiedergeben, Polakowski!!«

Er lächelte demütig. »Nicht so laut, Herr«, bat er flüsternd. »Die Leute gucken ja schon, das ist für Sie peinlich, Herr. Nicht für einen armen Arbeiter, wie ich es bin, aber für Sie, Herr …«

»Sie werden mir sofort den Koffer zurückgeben, Polakowski«, wiederholte ich, aber leiser, denn die Leute guckten wirklich schon.

»Nachher, nachher«, sagte er beruhigend. »Ich trage ihn gerne, Herr. Zur Bahn, nicht wahr?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging er an mir vorbei und jetzt mir voraus, dem Bahnhof zu.

Mit einem Gefühl hilfloser Ohnmacht folgte ich ihm. Mit einem Hass sah ich auf die leicht vornübergebeugte Gestalt in einem dunkelblauen Jackett und auf das schlicht zurückgekämmte, leicht goldige Haar, das einen rötlich goldenen Schimmer hatte. Wie einem Mörder direkt vor seiner Tat zumute ist, das weiß ich seit jenen Minuten, die ich hinter Polakowski zum Bahnhof gegangen bin. Und ich konnte ihm nichts tun, gar nichts, er war stärker als ich, sowohl physisch wie moralisch. Er brauchte nur den nächsten Polizisten anzurufen, und ich war verloren, das ahnte er gut, der Schurke.

Wäre ich in jenen Minuten ein wenig kaltblütiger und überlegter gewesen, ich hätte Polakowski ruhig im Besitz meines Koffers gelassen und hätte mich leise in eine Seitenstraße verdrückt. Im Besitz einer so großen Geldsumme, wie ich sie in der Tasche hatte, war der Verlust des Koffers schon zu verschmerzen, er war das Lösegeld, durch das ich mich von diesem elenden Kerl freikaufte. Aber ich kam gar nicht auf diesen Gedanken, mein Blut kochte, es war nicht kalt, ich konnte nicht überlegen.

Auf dem Platz vor dem Bahnhof angekommen, ging Polakowski nicht in ihn hinein, sondern, ohne sich nach mir umzusehen, sicher, dass ich ihm wie ein Hündlein folgen würde, in die Bedürfnisanstalt, die linker Hand, etwas von Büschen versteckt, daliegt. In ihr angekommen, setzte er den Koffer nieder, zog an den Fingern, dass die Knöchel knackten, und sagte: »So, Herr, hier können wir in aller Ruhe reden.«

Ich sah mich um: Das Wasser rauschte schon in dem halben Dutzend Becken, aber die Kundschaft fehlte noch zu dieser frühen Stunde. Polakowski hatte recht: Hier konnten wir in aller Ruhe sprechen. »Und das wollen wir auch!«, rief ich zornig. »Was bilden Sie sich eigentlich ein, Polakowski, dass Sie mir ständig nachlaufen und nachspionieren. Heute Nacht schon und nun wieder …«

»Nachspionieren?« wiederholte er widerlich vorwurfsvoll. »Aber Herr, ich habe Ihnen Ihren Korn nachgebracht.« Und er zog wirklich die Flasche aus der Hosentasche. »Sie haben ihn heute Morgen vergessen. Ich aber bin ein ehrlicher Mann. Ich habe zu meiner Frau gesagt: ›Der Herr hat den Korn bezahlt, er soll ihn auch bekommen.‹ So bin ich.« Er hielt mir die Flasche hin. »Trinken Sie doch, Herr. Ich habe schon aufgekorkt, der Pfropfen sitzt ganz lose.«

Ich machte eine wütende Gebärde.

Er ließ sich nicht entmutigen, er hielt mir die Flasche wieder hin. »Trinken Sie doch«, schmeichelte er wieder, »Sie sind ein so netter Herr, wenn Sie ein bisschen getrunken haben; es bekommt Ihnen gar nicht, wenn Sie nüchtern sind, dann sind Sie immer so gereizt …« Er zog den Pfropfen selbst aus der Flasche und rieb mit seinem feuchten Ende am Flaschenhals hin und her. »Hören Sie, Herr«, sagte er lachend, »der Schnaps ruft nach Ihnen …«

Und wahrhaftig, es ist mir heute unbegreiflich, aber mit seinem albernen Getue hatte mich doch der Kerl wirklich wieder herumgekriegt. Selber jetzt lachend, griff ich zur Flasche, rief: »Sie elender Schurke, Sie!«, und trank, trank viel und lange. Dann setzte ich die Flasche ab, korkte sie zu, verwahrte sie nun in der eigenen Hosentasche und fragte: »Also, was willst du eigentlich von mir, Polakowski? Hast du nicht alles bekommen, was du zu kriegen hast?«

»Davon reden wir nicht, Herr«, rief Polakowski eifrig. »Von solchen Kleinigkeiten reden wir nicht. Ich weiß, Sie sind ein Ehrenmann, Sie sind ein wirklich nobler Mann. Sie können’s nicht übers Herz bringen, einen armen Arbeiter im Elend verkommen zu lassen …«

»Was heißt das, Polakowski?«, fragte ich sehr aufmerksam. »Ich glaube doch, du hast schon genug und übergenug an mir verdient. Wenn ich an meine Goldsachen denke …«

Er achtete nicht darauf. »Sehen Sie, Herr«, fing er mit seiner einschmeichelndsten Stimme an und ließ die Finger knacken, dass es ein Ekel war, »so ein Mensch wie ich ist bloß wie ein Stück Vieh, im Mist geboren und kommt nie aus dem Mist heraus; so ein feiner Mann wie Sie kann sich das gar nicht recht vorstellen.«

»Ich kann mir eine ganze Menge von dir vorstellen, Polakowski«, sagte ich grimmig. »Und mit Mist hat das tatsächlich zu tun.«

Wieder achtete er nicht auf mich. Wirklich eindringlich und überzeugt sagte er: »Und wenn so ein Stück Vieh, Herr, ein Geschäft sieht, das ihn aus dem Mist herausholt für sein ganzes Leben, ja, Herr, da kann’s kein Besinnen geben, da wird das Geschäft gemacht, Herr!« Er sah mich an und wiederholte – diesmal aber war nichts Sanftes und Einschmeichelndes in seiner Stimme: »Das Geschäft wird gemacht, Herr, und gehe es auf Leben und Tod!«

Innerlich erzitterte ich vor der wilden Drohung in seiner Stimme, äußerlich aber fragte ich ganz ruhig: »Und wie soll denn dieses Geschäft aussehen, Polakowski?«

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wische er dort ein böses Bild fort. Er fing an zu lächeln, schmeichelnd und sanft, er hatte sich wieder in der Gewalt. »Wie das Geschäft aussehen soll, Herr?« Er lächelte noch stärker, seine Finger knackten. »Der Herr weiß am besten, wie viel Geld er von der Bank abgeholt hat und was er mir davon geben will.«

Ich war starr über diese Frechheit, ich hatte erwartet, dass er das Silber für sich beanspruchen würde, und war schon halb und halb bereit gewesen, es ihm zuzugestehen, aber dass er einen Anteil von meinem kostbaren Geld verlangen würde, das hatte ich nicht erwartet. »Sie sind ein Narr, Polakowski«, lachte ich. »Außerdem haben Sie schlecht aufgepasst, ich habe auf der Bank nicht einen Pfennig Geld bekommen, meine Frau hat das Konto für mich sperren lassen, ich darf dort kein Geld mehr abheben, verstehen Sie?«

Er hörte mir mit düsterem Schweigen zu.

Ich griff in die Seitentasche des Jacketts und zog den Rest des Geldes hervor, das ich aus Magdas Kassette genommen hatte. »Da, sehen Sie selbst, das ist alles Geld, das ich noch besitze.« Ich hielt ihm das Geld hin.

Sein dunkler argwöhnischer Blick wanderte von meinem Gesicht zu dem Geld in meiner Hand. »Wie viel Geld ist das?«, fragte er mit stockender Stimme. »Zeigen Sie mal!« Er stand ganz nahe vor mir, die Augen nahe über dem Geld.

Dann, mit einer mich völlig überraschenden, plötzlichen Bewegung, griff er in meine Brusttasche und riss die Geldpakete heraus. Ein oder zwei fielen zur Erde, auf den nassen, schmierigen Steinboden des Pissoirs – wir bückten uns gleichzeitig nach ihnen. Seine Hände waren schneller, aber ich griff, das Vergebliche meiner Nachsuche einsehend, nach seinem Hals, ich krallte mich an ihm fest, ich war entschlossen, nicht eher loszulassen, bis er nachgegeben, bis ich das Geld zurückhatte … Er versuchte, sich zu wehren, aber an der Abwehr hinderte ihn seine Gier, in beiden Händen hielt er Geld, das er nicht wieder loslassen wollte … Er schnellte das Knie hoch, gegen meinen Bauch … Einen Augenblick später wälzten wir uns beide am Boden, ich immer noch an seinem Hals hängend, er wild mit den Gliedern zuckend, wie ein Fisch, den der Angler an Land gezogen … Dann wurden seine Glieder schlaff, aus seiner Kehle kam ein schreckliches Röcheln … Ich ließ ihn los und mühte mich, seine Hand aufzubrechen …

Ich möchte wohl wissen, was der biedere Postvorsteher Winder sich gedacht hat, als er da zwei Männer auf dem Boden des Pissoirs vorfand, in wildem Kampf begriffen, während er doch nur ein friedliches Morgengeschäft verrichten wollte! »Aber meine Herren! Ich bitte Sie!« rief er mit hoher erschrockener Stimme aus. »Hier auf der Toilette! Meine Herren!«

Polakowski, der wieder Luft bekommen hatte, sah seine Chance – mit einem Satz war er hoch, griff sich den Koffer und war, den Postvorsteher zur Seite stoßend, aus der Toilette, keiner hatte bis drei zählen können, so schnell ging das.

Ich stand taumelig und benommen auf, zu irgendeinem raschen Entschluss unfähig. Ich trat an eines der Becken, dem verstörten und empörten Vorsteher den Rücken kehrend. Der sagte: »Herr Sommer, wenn ich nicht irre? Ich wundere mich, Herr Sommer, ich muss mich sehr über Sie wundern!« Einen Augenblick fühlte ich noch seinen stechenden Blick in meinem Rücken, dann klappte eine Lokustür, ein Riegel klirrte, Kleider raschelten – ich war allein, meinen Abgang zu bewerkstelligen.

Und gerade in diesem Moment, da ich, völlig verzweifelt, ohne Geld, die Anstalt verlassen wollte, fiel mein Blick seitlich auf ein blaues Bündel, und – siehe da – hier lag, verdrückt und beschmutzt, ein Paket Hundertmarkscheine, ein runder Tausender in zehn Hundertmarkscheinen!

21

Keiner, der soeben einen schönen rindsledernen Handkoffer mit seinen besten Sachen und allem Silber, keiner, der soeben von fünftausend Mark viertausend verloren hat, kann sich auch nur eine leise Vorstellung davon machen, ein wie glücklicher Mann in einem Abteil zweiter Klasse eine Viertelstunde später von seiner Heimatstadt fortfuhr. Weiß es der Himmel, wie das in mir funktionierte, aber ich bildete mir wahrhaftig ein, ich sei den elenden Polakowski ausnehmend billig losgeworden und könne dem Himmel gar nicht genug danken, dass ich wenigstens noch tausend Mark aus diesem Zusammenbruch gerettet hatte.

Freilich darf ich nicht verschweigen, dass zu diesem Glücksgefühl ganz wesentlich der Umstand beitrug, dass ich in meiner Hosentasche trotz des Ringkampfes die Kornflasche heil und unausgelaufen vorgefunden hatte. Ich hatte bereits einen kräftigen Schluck aus ihr genommen, und dieser Schluck trug wohl wesentlich zu meiner optimistischen Beurteilung der Sachlage bei. Ich sah behaglich in das vorübergleitende grüne Land mit weidenden Kühen und ruhenden Wäldern und machte mir über meine Zukunft auch nicht die geringsten Sorgen mehr. Vorderhand hatte ich genug zu leben (und zu trinken), und was dann kam, würde sich auch finden. Irgendwie würde ich schon durchkommen; ich bildete mir nämlich ein, dass ich die Abenteuer des heutigen Tages mit vollem Erfolg bestanden hätte, wobei ich die Besuche im Wartesaal und auf der Bank als Siege zu meinen Gunsten buchte, während ich die Niederlage bei Polakowski als unvermeidbares Naturereignis mit gelassenem Achselzucken hinnahm.

Gegen Mittag war ich an meinem Bestimmungsort (den ich nur gewählt hatte, um etwaige Nachforscher irrezuführen) angelangt. Es war ein kleiner, noch wenig bekannter, aber sehr gepflegter Luftkurort. Ich aß in einem Hotel am Wasser grünen Aal mit einer Dillsauce und Gurkensalat, wobei ich mir die Sonne, ohne zu rücken, aufs Haupt scheinen ließ, trank einen schönen, voll ausgereiften Burgunder und stellte Betrachtungen darüber an, ein wie behagliches Leben ich doch jetzt als ein von den Geschäften zurückgezogener Privatmann und halber Junggeselle führen könnte.

Nach dem Essen bummelte ich durch das Städtchen, kaufte eine Aktentasche, zwei bunte seidene Pyjamas, wie ich sie nie so papageienhaft besessen, raffiniertestes Toilettenzeug, eine wohlriechende Seife und ein französisches herbes Parfüm, mit dem ich mich versuchsweise gleich begießen ließ – und scherzte dabei in einer so weltmännisch überlegenen, liebenswürdigen Art mit den jungen Verkäuferinnen, dass ich jedenfalls einen lebhaften Respekt vor meinen bislang ungenützten Talenten als Herzensbrecher und Schwerenöter bekam. Als logische Folgerung kaufte ich mir sofort danach in einer Drogerie wieder einmal wohlriechende Mundpillen.

Dann suchte ich das angesehenste Hotel am Platze auf, das auch mit einer Weinhandlung verbunden war, um dort einigen Schnaps zu kaufen. Ich hatte das Glück, den Besitzer selbst anzutreffen, einen wohlbeleibten, weißhaarigen Mann, dessen blühend rotes Gesicht von mancher in stiller Behaglichkeit geleerten Burgunderflasche Zeugnis ablegte. Er lächelte ein wenig über meinen primitiven Kornwunsch, empfahl und verkaufte mir einen bernsteingelben sächsischen Korn und lenkte dann meine Aufmerksamkeit auf ein sehr hochprozentiges Schwarzwälder Zwetschgenwasser, einen richtigen Holzfällerschnaps bei eisiger Winterkälte, wie er ihn nannte.

Er schenkte mir ein Probegläschen ein, und ich muss gestehen, dieser Probeschluck begeisterte mich so, dass ich dem ersten Glas in rascher Folge eine ganze Reihe weiterer folgen ließ. Dies war gerade das Richtige für mich, eine Steigerung weit über meine bisherigen primitiven Erfahrungen hinaus: Brennend und scharf und doch etwas von der Süße reifen Obstes in sich bergend. Ich kaufte gleich fünf Flaschen, ein handliches Paket wurde aus meinem Einkauf gemacht, und so wanderte ich, nachdem ich in einem Laden noch einen besonders kräftigen Korkenzieher erstanden hatte, wohlausgerüstet und in munterster Stimmung wieder dem Bahnhof zu.

Wieder reiste ich und fuhr dieselbe Strecke, die ich heute früh gekommen war; ich fuhr wieder meiner Vaterstadt zu. Eine Station vorher aber stieg ich aus und marschierte, schon fiel die Nacht ein, kaum eine halbe Stunde weit zu jenem Landgasthof, in dem Elinor, die Königin des Alkohols, wohnte. Vergessen war die missglückte Nacht in ihrer Kammer, vergessen das beschämende Gelage, in dem mich vor den Augen der Ärzte alle meine Zechkumpane verlassen hatten, vergessen waren die so boshaft ins Auto hineingereichten Schuhe! Der Alkohol hat kein Gedächtnis, macht er zornig, so kann ein Wort, ein Gläschen schon diesen Zorn wieder auslöschen – ich wusste nur, dass nach meinen Erfahrungen mit Magda und Polakowski jetzt Elinor meine Zuflucht war. Bei ihr wollte ich bleiben, oder mit ihr wollte ich reisen – das war alles, was ich noch an Lebensglimmen hatte, und es schien mir völlig genug.

22

Ich war zu spät gekommen. Vor den Fenstern der Gaststube lagen schon die Läden, und kein Lichtschein drang hindurch. Ich legte die Hand auf die Klinke, aber die Tür war verschlossen. Einen Augenblick stand ich überlegend. Dann ging ich leise um das Haus herum in den Obstgarten und sah zu Elinors Fenster empor. Auch dort alles dunkel, aber das machte nichts. Ich hatte alle Zeit, die Gott werden ließ, und wir würden uns schließlich auch im Dunkeln gut verständigen. Besser! Besser!

Erst einmal setzte ich mich ins Gras und fing an, mein Paket zu öffnen. So ein geschickt verpacktes Paket ist etwas sehr Gutes, aber es hat den Nachteil, dass man an seinen Inhalt nicht heran kann. Zu lange hatte ich schon gedurstet, große Leistungen vollbracht – und jetzt der gute Holzfällerschnaps! Nachdem ich mich ausgiebig, sehr ausgiebig gestärkt hatte, fing ich an, meine Habseligkeiten auf dem Schuppendach, das ich gerade mit den Händen erreichen konnte, aufzubauen. Zuerst die Aktentasche, dann eine Flasche nach der anderen: eine Flasche sächsischen Korn, dann vier unangebrochene und eine angebrochene Flasche Schwarzwälder Zwetschgenwasser. Alles schön ordentlich nebeneinander auf dem Dachrand. Nun war ich fertig zum Aufstieg.

Ich hängte mich an die vorstehende Dachkante und versuchte, mich hochzuziehen. Aber ich hatte meine turnerischen Fähigkeiten über- und die Wirkung des Schnapses unterschätzt: Eine Weile hampelte ich hilflos in der Luft, dann verlor ich den Halt und stürzte schwer ins Gras. Ächzend blieb ich liegen, der Fall hatte mir nicht gutgetan. Aber mit jener Hartnäckigkeit, die Betrunkene gerade beim aussichtslosesten Tun entwickeln, erneuerte ich meine Versuche, stets, nachdem ich mich erst neu und ausgiebig gestärkt hatte – der Rest der ersten Flasche ging dabei drauf. Aber jedes Mal stürzte ich wieder schwer zu Boden. Als ich das letzte Mal aufstand, war mir klar, dass ich so mein Ziel nie erreichen würde. Außerdem verstand selbst ich, dass ich schwer betrunken war.

»Ich bin komplett besoffen, ich bin völlig blau …«, murmelte ich immer wieder stumpfsinnig vor mich hin und lehnte mich schwer atmend gegen einen Baum. Dann erinnerte ich mich dunkel, dass ich vor dem Gasthof Eisentische und Eisenstühle hatte stehen sehen. Mühsam schleppte ich einen Stuhl herbei, kletterte vorsichtig auf ihn (ich hatte jetzt schon Furcht vor einem neuen Fall) und versuchte nun, aufs Dach zu kommen. Und wieder stürzte ich.

Es gab eine längere Pause, einesteils, weil ich mich wirklich ziemlich schwer geschlagen hatte, zum anderen, weil ich den Korkenzieher suchen musste, um eine neue Flasche zu öffnen. Ich hatte ihn bestimmt auch auf den Dachrand gelegt, aber von dort war er ganz unbegreiflich verschwunden. Ich suchte ihn, leise vor mich hin scheltend, auf allen Vieren im Grase. Er war nicht aufzufinden. Schließlich besann ich mich darauf, dass auch an meinem Taschenmesser ein Korkenzieher war, der mir bisher recht gute Dienste geleistet hatte. Ich suchte das Messer in den Taschen, fand es nicht, fand aber stattdessen in ihnen den Korkenzieher, den ich auf den Dachrand gelegt hatte.

Nachdem ich wieder getrunken hatte, war mir doch eines klar: dass ich über das Dach das Kammerfenster nie erreichen würde. Also ging ich wieder nach vorne und versuchte von Neuem die Vordertür. Sie war noch immer verschlossen. Ich zog mein Schlüsselbund aus der Tasche und versuchte meine Schlüssel, einen nach dem anderen. Sie waren alle viel zu klein für dieses derbe ländliche Schlüsselloch, aber mit einer stupiden Hartnäckigkeit versuchte ich sie immer wieder in der festen Erwartung, schließlich werde ein Wunder geschehen und die Tür sich öffnen.

Ich hatte bei all diesen völlig betrunkenen Anstalten schon lange nicht mehr die geringste Rücksicht auf den Nachtschlaf der Hausbewohner genommen, und so war es denn kein Wunder, dass schließlich über mir ein Fenster aufging und eine recht ärgerliche Frauenstimme scharf sagte: »Wer ist denn da?«

Ich stand ganz still, rührte mich nicht, wie ein ertappter Einbrecher.

»Wollen Sie wohl machen, dass Sie fortkommen!«, rief es wieder von oben ärgerlich. »Ich seh Sie ja da ganz deutlich stehen! Hier wird nichts mehr ausgeschenkt, hier ist geschlossen!« Damit flog das Fenster oben wieder zu, und ich stand allein im Dunkeln, noch immer ausgeschlossen.

Eine Weile verharrte ich bewegungslos, dann schlich ich auf Zehenspitzen zurück in den Hintergarten und fing leise an, meine Habseligkeiten vom Schuppendach fort- und vorne zum Eingang hinzutragen, wo ich sie wieder pedantisch ordentlich auf einem Eisentisch aufbaute. (Dass ich bei dieser Beschäftigung nicht das Trinken vergaß, versteht sich von selbst.) Kaum hatte ich dieses Werk, das wegen meiner Zerfahrenheit und meines unsicheren Ganges viel Zeit beanspruchte, vollendet, fing ich wieder mein idiotisches Spiel mit Schlüsselbund und Schlüsselloch an.

Ich hatte noch nicht lange gearbeitet, so flog oben mit einem Krach wieder das Fenster auf, und die Frauenstimme rief jetzt sehr zornig: »Das wird mir jetzt aber doch zu bunt. Wollen Sie jetzt machen, dass Sie wegkommen? Oder soll ich die Polizei holen?!«

Das Wort »Polizei« löste meine schwer gewordene Zunge. »Ach bitte«, rief ich verwirrt nach oben, »wollen Sie mich denn nicht hereinlassen? Ich bin nämlich der Professor …!« Wie ich dazu kam, mir den Titel »Professor« beizulegen, ahne ich nicht, es war eine höhere Eingebung.

»Der Professor …?«, fragte es von oben im Tone höchsten Erstaunens. »Welcher Professor denn? Der hier vorigen Sommer Bilder gemalt hat?«

»Ja, natürlich«, sagte ich im selbstverständlichsten Tone von der Welt, als sei es ganz normal, dass ein bildermalender Professor zur Nachtzeit fremde Türen mit seinen Schlüsseln aufschließen will. »Lassen Sie mich doch rein! Ich stehe hier schon zwei Stunden!«

»Hätten Sie doch eine Postkarte geschrieben, Herr Professor!«, sagte die Stimme von oben, noch nicht gerade sehr freundlich, aber doch milder. »Warten Sie einen Augenblick, ich schließe Ihnen dann gleich auf.«

Erleichtert setzte ich mich auf einen Eisenstuhl, trank schnell noch einmal und schloss dann die Augen. Ich war sehr müde, fast betäubt, und doch ahnte ich, dass hinter dieser Ruhe in mir etwas Gefährliches steckte: ein wilder unbändiger Zorn, der jeden Augenblick hervorbrechen konnte. Es fehlte nur der Anlass, und Anlass konnte eigentlich alles sein. Dieses Zwetschgenwasser war viel gefährlicher als der vergleichsweise harmlose Korn, es ging tiefer ins Blut, führte zu ungeahnten Abgründen.

Schließlich drehte sich der Schlüssel in der Tür, ein Lichtschein fiel heraus zu mir. »Na, dann kommen Sie man rein«, sagte die Frauenstimme. »Aber nett ist das nicht, Herr Professor, dass Sie uns so die Nachtruhe stören.«

Ich stand auf und folgte meiner Führerin in die Gaststube, die jetzt im Schein nur einer Glühbirne mit den auf die Tische gestellten Stühlen höchst unwirtlich aussah. Meine Begleiterin drehte sich jetzt nach mir um, es war die weißhaarige Wirtin, die ich schon einmal einen Augenblick gesehen hatte.

Sie musterte mich erstaunt. »Aber Sie sind ja gar nicht der Professor!«, rief sie ärgerlich. »Sie sind ja der Herr, der neulich hier die große Zecherei gemacht hat und den der Kreisarzt weggeholt hat. Das ist doch eine Unverschämtheit, mir hier vorzulügen …« Sie verstummte unter meinem drohenden Blick.

Ich fühlte eine ungeheure Wut in mir. Ich wusste, ich würde jeden Widerstand brechen, der sich mir jetzt noch entgegenstellte; ich war imstande, das wusste ich, diese Frau zu schlagen, zu Boden zu werfen, zu töten gar, wenn ich es für notwendig befand, wenn es der Teufel in mir für notwendig hielt. Ich sah diese Frau an und befahl: »Rufen Sie Elinor!« Und als sie eine Bewegung des Widerspruchs machte: »Auf der Stelle rufen Sie Elinor, oder«, meine Stimme wurde leise und drohend, »es passiert was!«

Die Frau machte eine hilflose Gebärde und sagte dann rasch und bittend: »Mein Herr, machen Sie mir doch keine Schwierigkeiten. Es ist jetzt Nacht, und das Mädchen schläft. Ich will Ihnen hier gerne auf dem Sofa ein Bett zurechtmachen. Sehen Sie, jetzt haben Sie einen kleinen Rausch.« Sie versuchte zu lächeln, aber es war Angst in ihrem Lächeln, ich erkannte es wohl. »Schlafen Sie Ihren Rausch aus, und morgen soll Elinor so viel mit Ihnen zusammen sein, wie Sie nur wollen. Sie sind doch ein gebildeter Mann, mein Herr!«

»Sie rufen das Mädchen!«, sagte ich hartnäckig, und als sie wieder dagegenreden wollte: »Nun gut, dann gehe ich selbst zu ihr hinauf!« Ich schob die Wirtin beiseite.

»Ich werde die Elinor rufen«, sagte die Wirtin rasch. »Bitte setzen Sie sich einen Augenblick dort in das Sofa, Elinor wird sofort kommen.«

»Halt!«, rief ich, als die Wirtin treppauf gehen wollte. »Sie rufen von hier unten, Sie verlassen diese Gaststube nicht. Wer diese Stube verlässt, wird erschossen!« Ich griff in die Tasche, als hätte ich eine Schusswaffe bei mir.

Die Wirtin kreischte leise auf.

»Sie wissen Bescheid«, sagte ich finster. »Also jetzt rufen Sie!«

Die Wirtin rief, sie musste viele Male rufen, ehe Antwort von oben kam, Elinor hatte einen festen Schlaf. »Sollst runterkommen, Elinor!«, rief die Wirtin. »Mach ein bisschen schnell, du!«

»So«, sagte ich mit der Miene eines Untersuchungsrichters, »und nun eine Frage: Haben Sie Schwarzwälder Zwetschgenwasser?«

»Das nicht«, sagte die Wirtin, und als sie meine zornige Miene sah, »aber ich habe ein Kirschwasser, das noch besser ist.«

»Besser als Zwetschgenwasser ist nichts«, erwiderte ich, »aber bringen Sie immerhin Ihren Kirsch.«

Sie brachte ihn; Flasche und Glas zitterten in ihrer Hand.

»So«, sagte ich und trank. Meine Stimmung hellte sich auf; dies war wirklich beinahe noch besser. »So, und nun setzen Sie sich dorthin und sagen Sie mir, wer außer Ihnen noch hier im Haus ist.«

»Nur die Elinor, wirklich, außer mir nur die Elinor!«

»Sie lügen!«, rief ich wütend. »Lassen Sie sich nicht einfallen, mich noch einmal anzulügen, oder es passiert was.« Und wieder griff ich in meine Tasche.

Die Wirtin kreischte wieder leise.

»Ich habe«, fuhr ich unerbittlich fort, »das letzte Mal hier noch ein Mädchen gesehen, mit Zottelhaaren und einer roten Nase …«

»Ach, die Marie meinen Sie«, rief die Wirtin erleichtert. »Aber, Herr, warum regen Sie sich so auf und ängstigen mich so? Ich will Sie doch nicht anlügen! Die Marie hilft hier nur aus, die wohnt im Dorf bei ihren Eltern …«

»So«, sagte ich zufrieden, »dann will ich Ihnen diesmal noch verzeihen, wenn es so ist.« Ich trank. »Und Ihr Kirsch ist wirklich auch nicht schlecht, gut ist er sogar …«

»Nicht wahr, nicht wahr?«, sagte die Wirtin eifrig. »Ich tue ja alles, um Sie zufriedenzustellen. Mitten in der Nacht hole ich das Mädchen aus dem Bett. Nun müssen Sie aber auch nett sein und nicht mehr mit dem Schießeisen drohen. Am besten legen Sie es erst mal weg, so ein Ding kann so leicht losgehen, und das wollen Sie doch nicht; Sie sind doch ein guter, anständiger Herr …«

Ehe ich noch gegen diese neue Beleidigung hatte protestieren können, denn ich war entschlossen, nicht gut, sondern furchteinflößend und böse zu sein und meine Macht über die Menschen zu zeigen, ehe ich also wieder zornig geworden war, tönte Elinors fester Schritt auf der Treppe; und da trat sie in den Lichtschein, völlig angezogen, nur das dunkle Haar hatte sie nicht frisiert, sondern trug es locker nach hinten gekämmt. So sah sie noch schöner aus.

»Elinor!«, rief ich. »Meine Königin!«

Nur einen Augenblick stutzte sie, als sie mich da so in dem unordentlichen Lokal mit der Wirtin sitzen sah, und dann tat dieses erstaunliche Mädchen genau das Richtige, als hätte sie alles, was vorher geschehen, gewusst: Sie lief auf mich zu, umarmte mich, gab mir einen Kuss rechts und einen Kuss links auf die Backe und rief vergnügt: »Ach, das Papachen! Das gute, immer betrunkene Papachen! Jetzt wollen wir aber fidel sein, was, Mutter Schulzen? Nun gibt’s Sekt!«

»Sekt?«, rief ich begeistert. »Natürlich gibt’s Sekt, soviel ihr wollt. Ich habe Geld wie Heu. – Elinor, du bist die Beste, du weißt, dass ich dich liebe. Du bist meine Königin, und jetzt werden wir auf Reisen gehen. Elinor, gib mir noch einen Kuss, aber mitten auf den Mund!«

Sie tat es, ich fühlte ihre Brust an der meinen, ich war selig, endlich hatte mir doch der Alkohol die volle Seligkeit geschenkt! Ich sah nur Elinor, ich fühlte nur Elinor, ich dachte und redete nur Elinor. Ich merkte gar nicht, dass die Wirtin trotz meiner strengen Todesdrohungen längst die Gaststube verlassen hatte.

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