Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 55
»Im Grunde«, fuhr er wohl fort und bemitleidete sich dabei selbst, »hat mich bloß meine Gutmütigkeit dazu gebracht. Ich bin eben einfach ein gutmütiger Dussel. Ich konnte es nicht sehen, dass die Leute weiter in einer so baufälligen, verwanzten Baracke hausten. Anständige Wohnungen wollte ich ihnen schaffen – und das habe ich nun von meiner Gutmütigkeit!«
Dieser Düstermann also machte es, dass ich mich freiwillig zur Arbeit meldete, und seines beißenden Hohnes war ich dabei sicher. Wenn ich abends von der Arbeit in die Zelle zurückkam, mit müden Knochen, aber doch friedlicher im Herzen, so begrüßte er mich etwa so: »Da kommt ja der Musterknabe! Na, hast du fleißig gearbeitet? Hast dich bei dem Schwein von Inspektor beliebt gemacht? Du wirst dich schön geschnitten haben! Der Staatsanwalt schickt dich deshalb doch genauso lange ins Kittchen, wie wenn du hier ruhig in der Zelle sitzen bliebest! Solche Arschkriecher wie du verderben das ganze Kittchen. Solche wie du erreichen es noch, dass für uns alle die Arbeit als Pflicht eingeführt wird! Aber warte, ich besorge es dir schon noch!«
Ich hörte kaum noch auf sein Gerede und sprach nie mehr ein Wort mit diesem gemeinen Menschen. Das störte ihn natürlich gar nicht, er hatte eine Rhinozeroshaut und redete ruhig mit mir fort, ich mochte ihm antworten oder nicht.
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Also, ich hatte mich freiwillig zur Arbeit gemeldet. Der Oberwachtmeister Splittstößer gab mir eine ganz neue blaue Jacke der Gefängniskluft heraus, und ich wurde mit zehn oder zwölf anderen auf einen von hohen Mauern umgebenen Gefängnishof geführt, wo Berge von Holz lagen. Auch wir hatten wohl früher das Anmachholz für unsere Zentralheizung, das wir in Klaftern auf der Försterei gekauft hatten, zum Gefängnis fahren und dort zerkleinern lassen. Ich hatte mir nie einen Gedanken darüber gemacht, wer da wohl mein Holz gesägt und gehauen hatte.
Nun stand ich selber alle Tage acht Stunden am Sägebock, mir gegenüber ein vielfach vorbestrafter gewohnheitsmäßiger Einbrecher, Mordhorst mit Namen; gemeinsam zogen wir acht Stunden lang die Säge durch Kiefern-, Buchen- und Eichenholz. Ein Posten ging bei uns auf dem Hof hin und her und passte auf, dass nicht gar zu viel geredet und gar zu wenig gearbeitet wurde – aber nun war ich es, der das Holz für die Bürger meiner Vaterstadt sägte, und diesmal würde der Kaufmann Hölscher, für den wir gerade arbeiteten, auch nicht mit einem Gedanken daran denken, dass es sein langjähriger Kunde Sommer war, der ihm diese Arbeit verrichtete.
Zu Anfang störte es mich noch sehr, dass die vierte Seite des Hofes vom Landgerichtsgebäude begrenzt war, viele Fenster sahen auf mich und meine in blauer Gefängniskluft steckenden sägenden Arme herab, aber in wenigen Tagen war ich daran gewöhnt und drehte kaum den Kopf, wenn Mordhorst flüsterte: »Der Staatsanwalt steht mal wieder am Fenster und will sehen, ob wir uns auch unseren Fraß verdienen. Säg langsamer, Kumpel. Wenn der kiekt, will ich gar nicht arbeiten.«
Mordhorst war ein kleiner, drahtiger Mann mit einem verbitterten, faltigen Gesicht und pfeffergrauem Haar. Weit über die Hälfte seines Lebens hatte er in Zuchthäusern und Gefängnissen verbracht. Das war ihm so selbstverständlich, dass er gar nicht davon sprach. Er bereute nichts, sehnte sich nie nach einem anderen Leben. Von seinen Straftaten erzählte er nie etwas, so wie ein Handwerksmeister auch nicht von seiner beruflichen Tätigkeit spricht. Einbrechen war für ihn wie Hosennähen für einen Schneidermeister. Erst von anderen Gefangenen hörte ich, dass Mordhorst in der sogenannten Verbrecherwelt ein weit berühmter Mann war, er konnte den modernsten Geldschrank bewältigen, und er war bekannt dafür, dass er stets ohne »Kumpel«, ohne Gehilfen arbeitete. Er war ein Einzelgänger, ein typischer Feind der Gesellschaft.
Ihn wurmte allein, dass er in einem solchen »Drecknest«, wie er meine Vaterstadt nannte, hängen geblieben war, bloß wegen »Mist«. Er war auf der Reise nach Hamburg, wo er etwas Großes durchführen wollte, hier für einen Tag hängen geblieben und hatte bloß nachts, weil er angetrunken war und nichts zu rauchen in der Tasche hatte, den Rauchwarenkiosk auf unserem Marktplatz aufgebrochen. Dabei hatten sie ihn geschnappt. »Denk doch bloß an, Mensch«, konnte sich Mordhorst ereifern. »Ich hatte drei Blaue in der Tasche, ich hätte mir in meiner Absteige so viel zu rauchen kaufen können, wie ich nur wollte. Bloß weil ich dun war! Und nun werden sie mir wegen so einem Mist fünf Jahre Zet aufknacken, in die Luft könnte ich gehen, wenn ich daran denke!«
Bei mir fand ich es ganz egal, ob Mordhorst wegen einer großen Geldschrankknackerei oder wegen eines kleinen Rauchwarendiebstahls fünf Jahre Zuchthaus bekam, fünf Jahre würden es unter allen Umständen. Aber ich hütete mich wohl, das laut auszusprechen, denn Mordhorst war auch ein hitziger, jähzorniger Mann und hatte mir im Anfang gewaltig mit Wutausbrüchen zugesetzt, wenn ich unerfahrener Neuling die Säge wieder so ungeschickt geführt hatte, dass sie klemmte. Einmal wollte er mir sogar in seiner Wut mit einem Stück Holz über den Schädel schlagen, nur das Dazwischentreten des Wachtmeisters rettete mich vor einem Niederschlag.
Aber nach fünf Minuten war Mordhorst dann wieder normal und vernünftig, ich glaube, ihn hatten die langen Haftjahre so hemmungslos und wild gemacht. An seinem Hirn nagte bestimmt ein Wurm; wer Jahre und Jahre in einer Zelle umhergeht, immer nur auf den Tag der Entlassung, der Freiheit wartend, und wer dabei im tiefsten Innern weiß, dass auch der längste Aufenthalt in der Freiheit nur ein Gastspiel von höchstens einigen Monaten sein wird, dem wieder Jahre und Jahre härtesten Wartens folgen werden – der kann nicht normal bleiben.
Ich selbst habe viel von Mordhorst gelernt. Er wusste alles über Gerichte, Gefängnisse und Zuchthäuser. Es war ganz erstaunlich, wie gut dieser kleine, schweigsame Mann, der mit niemandem Gemeinschaft zu haben schien, über alles und jedes unterrichtet war. Er wusste, was für Fleisch wir am Sonntag bekommen würden und was der neu eingelieferte Mann in Zelle 21 ausgefressen haben sollte. Er kannte die Familienverhältnisse, das Gehalt und die Sorgen jedes Wachtmeisters. Er konnte mit einem Hosenknopf, einem Zwirnsfaden und einem Stein Feuer machen für eine Zigarette. Er hatte immer zu rauchen und immer etwas extra zu essen, obgleich niemand Fresspakete für ihn abgab. Er hatte stets Geld in der Tasche, was streng verboten war, er besaß ein Messer (ebenfalls verboten) und hatte irgendeinen Weg, Briefe ohne die Zensur des Staatsanwaltes aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Er kannte eben all die unterirdischen Wege, die mit der Zeit sich in jeder menschlichen Gemeinschaft eröffnen, sie mag noch so streng beaufsichtigt sein.
Ich war für ihn immer ein Neuling, ein wahrer Säugling, er gab mir ein bisschen von seiner Lebenserfahrung ab, ließ sich aber nie mir gegenüber zu irgendwelchen Geständnissen hinreißen. Ich sah aber wohl, dass er mit anderen Gefängnisinsassen anders umging. Alte Kittchenbrüder verständigen sich mit einem Blick und einem Augenzwinkern. Sie gehen hintereinanderher, sie haben kaum die Lippen bewegt, und schon ist irgendwas von der einen in die andere Hand geglitten.
Die Wachtmeister ließen Mordhorst viel mehr Freiheit als zum Beispiel mir. Sie drückten bei ihm ein Auge zu, er konnte sich vieles erlauben. Vielleicht hatten manche Angst vor ihm, weil er so viel wusste, ich glaube aber eher, sie scheuten die Scherereien, die das Anbinden mit einem so gefährlichen Mann notwendig mit sich bringen musste.
Wenn er fünf Minuten lang tatenlos am Sägebock gestanden hatte und ich flüsterte ihm zu: »Du, Mordhorst, säg wieder los! Der Wachtmeister guckt ständig her«, tat Mordhorst nichts dergleichen.
Und kam dann der Wachtmeister wirklich zu uns und sagte: »Na, Mordhorst! Nun ist’s aber genug gefaulenzt, nun mal wieder ran!«, so sagte er hitzig: »Schinde ich mich nicht schon genug für meine dreißig Pfennig am Tage?« (Wir bekamen nämlich dreißig Pfennig »Arbeitsbelohnung« am Tag, die für den Tag der Entlassung gutgeschrieben wurden.) »Soll ich mir die Haut von den Pfoten schuften für die Speckjäger, die?!« Und er sah böse zu den Fenstern des Landgerichts hinüber.
Der Wachtmeister lachte dann meist und sagte: »Du hast wieder mal deinen Koller, Mordhorst! Der Staatsanwalt wird von deinem Sägen nicht fetter und nicht magerer …«
Mordhorst aber murrte: »Man weiß, was man weiß«, griff in den Sägebügel, den ich ihm hinhielt, und weiter sägten wir, Schnitt um Schnitt, Kloben um Kloben, Stunde um Stunde.
Es waren eigentlich gute Stunden, die wir dort auf dem Holzhof abmachten. Heute denke ich nicht ungern an sie zurück, so endlos und schwer sie mich damals auch dünkten. Nach den unvermeidlichen Gliederschmerzen, die mir die ungewohnte Arbeit erst eintrug, gewöhnte sich mein Körper rasch an die Sägerei, die Arbeit half mir, die Abstinenzerscheinungen leichter zu überwinden.
Der Frühling ging jetzt so langsam in den Sommer über, auf dem Hof standen hohe Obstbäume, Birnen und Äpfel, in deren Schatten wir den Sägebock rückten, wenn die Sonne gar zu heiß brannte; die Sägen knirschten und schrien manchmal, wenn sich ein Span gegen das Blatt stemmte, eintönig klang das Klopfklopf der Holzfäller zu uns herüber; jenseits der Mauer, unsichtbar, lärmten Kinder bei ihren Spielen auf der Straße. Wir zogen erst die Jacken, dann die Westen aus; manche arbeiteten auch mit ganz entblößtem Oberkörper, wozu ich mich nie entschließen konnte; die Stunden flossen vorüber, das Leben glitt dahin, ich lebte in einem – täuschenden – Gefühl von Sicherheit und Regelmäßigkeit. Die Zeiten der Unordnung und Gefahren schienen vorbei, und es kam mir so leicht vor, dieses Leben auch draußen fortzusetzen, ein stilles, friedliches Leben, fast ohne Zukunft.
Leise sprachen Mordhorst und ich davon, was es heute Abend zu essen geben würde und wie das Essen heute Mittag gewesen war – das Essen spielte eine Hauptrolle in unseren Gesprächen, auch ich bekam wie Mordhorst keine Fresspakete und war noch mehr als er auf die Gefängniskost angewiesen. Dabei war er ein besserer Kamerad als Düstermann, der Wohlversorgte; fast jeden Tag brachte er mir etwas mit, eine Kleinigkeit, die draußen gar keinen Wert gehabt hätte, etwa eine Zwiebel, die ich mit dem Löffel zerstückelte und mir aufs Brot legte, oder eine Zigarette und ein Streichholz; dann rauchte ich abends nach dem Einschluss, wenn der Bau ruhig geworden war, behaglich meinen Glimmstängel.
Ja, im Gefängnis habe ich das Rauchen gelernt, sehr zum Ärger Düstermanns, der die Luft stets mit dem Qualm seiner Zigarren erfüllte und Zigarettenrauchen als weibisch verachtete. Ich ließ ihn aber ruhig reden, damals war mir das schon ganz egal.
Ja, Mordhorst, ein solcher Menschenfeind er auch war, half mir viel, er wurde auch ein ausgezeichneter Berater in »meiner Sache«, ein besserer als der Rechtsanwalt, der zu mir kam. Leider bin ich in die erste Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter noch ohne Mordhorsts Rat gegangen und machte dabei einen schweren Fehler, wie ich später begriff.
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Es war am dritten Tage meiner Haft, und ich arbeitete noch nicht auf dem Holzhof, als Oberwachtmeister Splittstößer nachmittags um vier Uhr auf der Zelle erschien und zu mir sagte: »Kommen Sie mit, Sommer. Ziehen Sie Ihr Jackett an und kommen Sie mit.«
Ich ging hinter dem »Ober« her und war damals noch so unerfahren in Gefängnisdingen, dass ich ihn höflich fragte: »Wohin bringen Sie mich denn, Herr Oberwachtmeister?«
Ich wusste damals noch nicht, dass ein Gefangener nie fragen soll, dass er auf Fragen nie Antwort bekommt, dass er nur zu warten hat, was das Schicksal, das ein Wachtmeister, das aber auch ein Staatsanwalt sein kann, über ihn beschließt.
Ich bekam denn auch die recht grobe Antwort: »Was geht das Sie an? Das werden Sie ja alles erleben!«
Drüben auf dem Landgericht herrschte eine richtige Sommernachmittagsstimmung: Viele Zimmertüren standen offen, und ich sah auf unbesetzte, aufgeräumte Schreibtische. Es stellte sich heraus, dass der Justizwachtmeister des Landgerichts zur Post gegangen, also auch nicht imstande war, mich aus den Händen meines Gefängnisbeamten zu übernehmen; mein Beamter aber hatte es eilig, wieder in seinen Bau zurückzukommen, und es erhob sich ein kleiner Streit zwischen einer dicken, ältlichen Büroangestellten und meinem Wachtmeister.
»Ich bin nicht dazu da, auf eure Gefangenen aufzupassen«, sagte die Angestellte ärgerlich. »Immer versucht ihr solche Sachen. Wenn einer fortläuft, bin ich nachher schuld.«
»Ja, aber euer Justizwachtmeister braucht auch nicht gerade immer fortzulaufen, er weiß doch, dass der Gefangene um vier zur Vernehmung bestellt ist.«
So ging der Streit eine Weile hin und her, keiner wollte mich haben, bis schließlich das ältliche Fräulein ganz überraschend sagte: »Na ja, heute will ich’s noch mal tun, Herr Sommer wird mir schon nicht weglaufen.« Und damit sah sie mit einem freundlichen Lächeln auf mich, sie kannte mich also.
Ich wurde auf einen Stuhl gesetzt, Splittstößer zog ab, und zum ersten Mal seit Tagen sah ich wieder durch unvergitterte Fenster auf eine Straße meiner Vaterstadt, sah die Kinder spielen, und jetzt rollte gar ein Wagen des Bierverlags Trappe vorüber. Der mir sehr gut bekannte, fast befreundete Trappe saß selbst auf dem Bock.
Nun ging ein junges Mädchen, wohl auch eine Angestellte, durch das Zimmer, in das ich gesetzt war, es sah mich an, lächelte freundlich und sagte: »Guten Tag, Herr Sommer.«
Sie kannte mich also, sie war freundlich zu mir, obgleich ich unter der Beschuldigung des Mordversuchs an meiner eigenen Frau in Haft saß.
Die ältliche Angestellte eben war auch freundlich gewesen, sie hatte gesagt: »Herr Sommer läuft nicht weg« – alle waren freundlich zu mir, der beste Beweis, dass meine Sache gutstand. Wahrscheinlich erließ der Untersuchungsrichter keinen Haftbefehl gegen mich, vielleicht war ich schon in einer halben Stunde frei! Mein Herz klopfte stark und froh.
Nun kam ein älterer Mann ins Zimmer, ein langer, dürrer, grauhaariger Herr, der etwas zerstreut und etwas sorgenvoll blickte.
»Das ist Herr Sommer, Herr Direktor!«, sagte die ältliche Angestellte und deutete mit dem Kopf auf mich.
»So, so«, hüstelte der ältliche Herr, der der Amtsgerichtsdirektor war, wie ich später erfuhr. Er sah mich einen Augenblick mit seinen müden, etwas sorgenvollen Augen an und gab mir dann die Hand. »Dann kommen Sie mal mit, Herr Sommer.«
Wieder eitel Freundlichkeit, Händegeben, mit »Herr« anreden, ach, all dies Getue hat mich Unerfahrenen gewaltig getäuscht, ich vergaß vollkommen, dass dies alles meine Feinde waren, nur gesonnen, mich zu verurteilen, mich gefangen zu halten, mich zu überlisten. Ich vergaß den eben erst gelernten Satz: »Du kommst leicht hinein, aber schwer raus.« Ich meinte, das Herauskommen werde mir noch leichter als das Hineinkommen gemacht, ich öffnete dem Herrn Amtsgerichtsdirektor ganz mein Herz, sagte alles so, wie es wirklich gewesen war, und dann sollte ich es ja erfahren, was für Folgen meine Vertrauensseligkeit hatte!
Der Herr Amtsgerichtsdirektor ging mir voran in ein ganz behaglich eingerichtetes Arbeitszimmer mit vielen, vielen Büchern an den Wänden, ich wurde auf einen Stuhl vor den Schreibtisch gesetzt, der Direktor setzte sich hinter ihn, eine Dame mittleren Alters erschien und spannte einen großen Bogen in die Schreibmaschine, der Direktor fuhr sich mit der Hand durch die Haare, rückte an seiner Brille hin und her, sah mich an und sagte: »Sie machen uns viele Sorgen, Herr Sommer«, hüstelte und gab dem Fräulein auf: »Nun nehmen Sie mal die Personalien von Herrn Sommer auf.«
Dieses Gefrage war leicht genug beantwortet, nur den Geburtstag Magdas habe ich vielleicht falsch angegeben (ich genierte mich, zu gestehen, dass ich ihn nicht genau wusste), und als ich gefragt wurde, ob Vermögens- und Einkommensverhältnisse geordnet seien, antwortete ich schlankweg mit »Ja«, worüber ich nachträglich schwere Bedenken bekam. Denn es schien mir jetzt doch zweifelhaft, wie Magda nach meiner Entnahme von fünftausend Mark mit dem Geschäft zurechtkommen würde. Ich kam aber nicht mehr dazu, das richtigzustellen, denn nun fing der Herr Direktor an zu fragen, oder vielmehr, er nahm einen großen Bogen, der eng mit Schreibmaschine betippt war, zur Hand, fuhr sich wieder durch die Haare, rückte wieder an seiner Brille, hüstelte und sagte: »Sie sind also unter dem Verdacht, einen Mordversuch an Ihrer Frau begangen zu haben, festgenommen, Herr Sommer. Was haben Sie dazu zu sagen?«
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon ein solches Zutrauen zu allen Leuten hier gewonnen, dass ich ganz harmlos rief: »Um Gottes willen, wird denn das noch immer aufrechterhalten, dass ich meine Frau habe ermorden wollen? Nie im Leben habe ich daran gedacht. Ich liebe doch meine Frau, und wenn ich auch …«
»Nein, nein, Herr Sommer«, sagte der Amtsgerichtsdirektor beruhigend, »ein Mordversuch kommt natürlich nicht infrage. Es war ein versuchter Totschlag, nicht wahr? Sie haben im Affekt gehandelt, Sie waren betrunken, nicht wahr?«
»Aber, Herr Direktor, ich habe meine Frau doch auch nicht totschlagen wollen, das war doch nur so betrunkenes Gerede, weil ich gern den Koffer haben wollte und weil meine Frau doch stärker als ich ist.«
»Nun, nun«, meinte der Direktor und lächelte dünn. »Ein bisschen mehr als eine harmlose betrunkene Katzbalgerei war es wohl doch. Sie haben in der letzten Zeit ein bisschen viel getrunken, nicht wahr, Herr Sommer? Nun erzählen Sie mir mal, was Sie so alles getrunken hatten, ehe Sie den nächtlichen Besuch bei Ihrer Frau machten.«
So kamen wir langsam in die Vernehmung hinein, ich erzählte alles, wie es gewesen war, ich zergrübelte meinen Kopf, um auch nicht eine einzige Flasche Korn zu vergessen, ich sagte die ungeschminkte Wahrheit, und ich Narr glaubte, ich könne es mit solcher Wahrheitsliebe schaffen. Ich beharrte aber dabei, dass ich nie die Absicht gehabt habe, meiner Frau ernstlich etwas zu tun, ich wollte nur die Sachen haben, so sagte ich.
Der Amtsgerichtsdirektor hüstelte stärker, er las in dem maschinengeschriebenen Bogen, er sagte: »Ich will Ihnen da doch einmal vorhalten, was Ihre Frau ausgesagt hat. Hier: ›Er würgte mich am Halse und versuchte, mir mit den Füßen in den Leib zu treten!‹ Und hier: ›Er flüsterte mir ins Ohr: Morgen Nacht besuche ich dich und bringe dich um!‹ Das klingt doch aber alles gewaltig nach etwas mehr als bloßen Drohungen, nicht wahr, Herr Sommer?«
Ich war sprachlos über Magdas Gemeinheit, das alles so darzustellen; zum Mindesten hätte sie doch hinzusetzen müssen, dass sie dies nur für bloßes betrunkenes Gerede gehalten habe. Ich versuchte, es dem Direktor so zu erklären, ich wies ihn auch darauf hin, dass auch Magda erregt gewesen sei und vieles vielleicht in ihrer Erregung schwerer genommen habe, als es gemeint gewesen sei.
Der Direktor nickte und seufzte, wischte an seiner Brille, ob ich ihn überzeugt habe, weiß ich nicht. Schließlich sagte er: »Nun gut, ich will Sie heute auch gar nicht länger vernehmen. Das wird erst einmal genügen.«
»Sie erlassen also keinen Haftbefehl gegen mich?!«, fragte ich in überströmender Freude.
Der Direktor hüstelte schon wieder. »Nein, keinen eigentlichen Haftbefehl, sozusagen. Sozusagen. Sehen Sie, Herr Sommer, Sie waren nach Ihren eigenen Aussagen übermäßig betrunken …«
»Nicht übermäßig betrunken, Herr Direktor. Ich vertrage sehr viel.«
»Sie hatten«, fuhr der Direktor, sich verbessernd, fort, »übermäßig viel getrunken, und da besteht nun einmal der Verdacht, dass Sie bei Begehung Ihrer Tat nicht im Vollbesitz Ihrer Geisteskräfte waren. Was wollen Sie jetzt zu Haus? Sie würden wieder mit Ihrer Frau Streit anfangen, Sie würden wieder zu trinken anfangen. Nein, Herr Sommer, erst müssen Sie wieder richtig gesund werden. Ich werde Sie erst einmal in eine Heil- und Pflegeanstalt einweisen, da werden Sie unter ärztlicher Betreuung stehen und richtig gesund werden …«
»Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, Herr Direktor«, rief ich Trottel und wäre am liebsten dem alten Herrn um den Hals gefallen. Für seine große Güte, jawohl, für seine große Güte.