Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 56

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Von Mordhorst hörte ich es dann, zwei oder drei Tage später (sie ließen sich Zeit mit meiner Überweisung in eine Heil- und Pflegeanstalt; auf dem Gericht haben überhaupt alle Zeit, bloß die Gefangenen nicht, denen doch die Zeit so langsam vergeht) – also, von Mordhorst hörte ich es, dass ich mich wie ein vollkommener Idiot benommen hatte.

»Mensch«, sagte er, »wie konntest du nur so dämlich sein? Der alte Fuchs hat sich ins Fäustchen über dich gelacht, als du eine Flasche Korn nach der anderen auspacktest. Der hat dich fein mit seiner verstellten Freundlichkeit gefangen! Sagen hättest du müssen, schwören hättest du müssen: Ich bin gar nicht besoffen gewesen, keine Spur war ich angetrunken! Ich hab’s bei vollem Bewusstsein, nach reiflicher Überlegung getan, was ich getan habe! Und warum musstest du so sagen? Weil du so am wenigsten riskiertest! Sieh mal, für einen versuchten Totschlag bekommst du ein halbes, höchstens ein Jahr Kittchen. Die reißt du ab und stehst wieder draußen als freier Mann, und keiner kann dir an den Wagen fahren.

Und was geschieht dir nun? Erst kommst du auf sechs Wochen in die Anstalt zur Beobachtung auf deinen Geisteszustand. Denkst du, die Anstalt ist besser als ein Kittchen? Schlechter ist sie! Alles Drum und Dran ist genau wie hier, Fressen und Arbeit und Wachtmeister, aber du bist nicht mehr mit vernünftigen Menschen zusammen, sondern mit lauter Idioten! Und dann gibt der Arzt sein Gutachten ab, und du kriegst den § 51, und das Verfahren gegen dich wird eingestellt. Aber du wirst für geisteskrank und gemeingefährlich erklärt und deine dauernde Unterbringung in solcher Heilanstalt angeordnet, und da sitzt du, fünf Jahre, zehn Jahre, zwanzig Jahre, kein Hahn kräht nach dir, und langsam wirst du unter all den Idioten auch ein Idiot. Das ist es ja aber wohl auch, was sie von dir wollen. Wie du mir erzählt hast, hat deine Alte viel fürs Geschäft übrig; dann hat sie das Geschäft und alles, was dir gehörte. Du bist dann bloß noch ein armer entmündigter Trottel, und wenn sie dir zu Weihnachten ein Stück Kuchen und eine Rolle Priem schickt, so ist das schon viel …«

So redete Mordhorst, der Erfahrene, zu mir, und zu jedem seiner Worte sagte es in meinem Innern »Ja«. Wie ein Trottel hatte ich mich benommen, aufs Glatteis hatte ich mich locken lassen, und nun saß ich drin. Ich hatte es doch immer schon geahnt, was Magda plante, von allem Anfang an, aber dann hatte ich es vergessen; ich hatte nicht mehr dran denken wollen. Ich hatte mir etwas vorgelogen, dass sie meine Frau sei, dass sie mich doch einmal lieb gehabt habe und mich nicht verraten würde … Aber sie hatte mich verraten, schon lange hatte sie auf dieses Ziel hingearbeitet! Erst hatte sie mir die Ärzte nachgeschickt, und dann hatte sie diese verheerende Aussage über mich gemacht, in der sie all mein betrunkenes Geschwätz wie puren Ernst behandelt hatte!

Und wie hatte sie sich zu mir benommen, seit ich im Kittchen saß? Hatte sie da so gehandelt, wie es einer Ehefrau geziemt, deren Mann im Unglück sitzt? Hatte sie nur ein einziges Mal den Versuch gemacht, Sprecherlaubnis mit mir zu bekommen, mich zu besuchen und dabei Gelegenheit zu Aussprache und Versöhnung zu geben? Nichts von alledem! Ich hatte an Magda geschrieben. Ich hatte einen ernsten, freundlichen Brief an sie geschrieben, ich musste ja an sie schreiben. Ich brauchte frische Wäsche und Toilettenzeug, ich brauchte eine Decke auf meinem Strohsack, ein Leinentuch und ein Kopfkissen. Ich brauchte auch eine Zeitung und etwas zu essen. Jawohl, sie hatte mir die Sachen, die ich brauchte, geschickt, aber von Esswaren und Zeitung war nichts in dem Koffer! Und nicht mit einer Zeile hatte sie mir geantwortet!

Jetzt saß ich in Nummer Sicher, jetzt ließ sie die Maske fallen, jetzt fühlte sie sich schon als die Besitzerin meines Eigentums, jetzt glaubte sie mich schon für ewig aufgehoben in einer Irrenanstalt!

Aber sie sollte sich in mir geirrt haben, noch gab ich den Kampf nicht auf! Nein, ich fing ihn erst an! Ich war klarsehend geworden, ich war das Kind nicht mehr, das sich von Magdas Tüchtigkeit gängeln ließ, jetzt beriet mich Mordhorst, und den besten Rechtsanwalt der Stadt, den Herrn Dr. Husten, ließ ich mir auch kommen!

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Der Herr Rechtsanwalt Dr. Husten, den ich bislang nur vom Ansehen kannte, war ein Mann Ende der Dreißiger, eine schon etwas behäbige Gestalt mit dem faltigen und fahlen Gesicht eines erfolgreichen Mimen. Er praktizierte noch nicht lange in meiner Vaterstadt und galt für gerissen, ein wenig unbedenklich und sehr teuer. In meinen geschäftlichen Angelegenheiten hätte ich ihn natürlich nie zum Berater gewählt, aber in einer solchen Strafsache schien er mir gerade der rechte Mann.

Ich wurde von meiner Holzarbeit hereingerufen und fand Herrn Dr. Husten im Büro des Inspektors meiner wartend; er war fast sofort meinem brieflichen Ruf gefolgt. Dr. Husten schüttelte mir fast emphatisch die Hand, versicherte mir mit einer tiefen Stimme, die das »R« rollte, er freue sich ungemein, meine Bekanntschaft zu machen, und wandte sich dann an den Inspektor mit der scherzhaft vorgetragenen Bitte, uns ein lauschiges Plätzchen zu vertraulicher Aussprache anzuweisen. Der Inspektor grinste und gab dem Wachtmeister den Auftrag, uns in meine Zelle zu führen.

Der empörte Düstermann wurde solange auf den Hof zum Spazierengehen gejagt. »Dass ihr mir nicht an meine Sachen rührt!« Mit diesen Worten ging er.

Statt sich nun meiner Sache zu widmen, erkundigte sich Dr. Husten flüsternd, wer der imposante, grobe Herr eben gewesen sei, und nickte, als ich ihn kurz orientiert hatte, tiefsinnig mit dem Kopf: »Ach, der ist das! Ich habe von ihm gehört. Wer macht denn seine Verteidigung – der Kerl hat Geld wie Heu. Aus der Sache ist was zu machen.«

Mich interessierte mehr, was aus meiner Sache zu machen sei, und ich erlaubte mir, den Dr. Husten etwas gereizt daran zu erinnern.

»Ach, Ihre Sache?«, rief er erstaunt und volltönig aus. »Ihre Sache ist in bester Ordnung! Ich habe bereits die Akten eingesehen – Sie bekommen den § 51 und gehen straffrei aus, dafür lassen Sie mich nur sorgen, mein lieber Herr Sommer!«

Ich fragte noch gereizter: »Und was wird aus mir, wenn ich den § 51 bekommen habe?«

Erstaunt rief der Anwalt: »Was aus Ihnen wird? Strafrechtlich ist die Sache für Sie dann endgültig zu Ende. Und persönlich? Ich nehme an, dass Sie dann für ein Weilchen in eine Heil- und Pflegeanstalt gehen werden, und das ist Ihnen ja schon aus Gesundheitsgründen nur zu wünschen!«

»Und wie lange wird das ›Weilchen‹ in einer solchen Anstalt für mich dauern, Herr Dr. Husten?« fragte ich böse. »Fünf Jahre? Zehn Jahre? Lebenslänglich?«

Der Anwalt lachte. »Aha! Irgendein Mitgefangener hat Ihnen einen Floh ins Ohr gesetzt! Lebenslänglich! Wenn ich so etwas nur höre! Für Sie kommt das doch nie infrage. Sie sind doch ein vernünftiger Mensch, im Vollbesitz Ihrer Geisteskräfte …«

»Ganz meine Ansicht«, stimmte ich ihm bei, »und darum kommt eben der § 51 nicht für mich infrage. Nein, Herr Dr. Husten, ich trage die volle Verantwortung für alles, was ich getan habe, und bin bereit, alle Folgen zu tragen.«

»Aber, mein lieber Herr Sommer!«, rief er beschwörend. »Sie würden dann auf ein Jahr ins Gefängnis gehen müssen, mindestens auf ein Jahr! Sie kehrten als entehrter Mann zurück! Die Leute würden mit den Fingern auf Sie zeigen!«

»Trotzdem!« beharrte ich als getreuer Schüler Mordhorsts. »Trotzdem ziehe ich ein Jahr im Gefängnis einem unbegrenzten Aufenthalt in der Heilanstalt bei Weitem vor …«

»Unbegrenzt! Sie werden ein halbes Jahr, ein Jahr dort bleiben müssen, Herr Sommer …«

»Würden Sie mir das schriftlich geben, Herr Dr. Husten? Mit Ihrem Wort als Anwalt …?«

»Das kann ich natürlich nicht, mein lieber Freund«, sagte der Anwalt. Er schien jetzt auch reichlich verärgert und trommelte mit den Fingern nervös auf dem Tisch. »Ich bin kein Arzt. Nur ein Arzt kann beurteilen, wie weit der Alkoholismus bei Ihnen vorgeschritten ist, wie viel Zeit für eine völlige, rückfallsichere Heilung notwendig ist. – Aber, mein lieber Herr Sommer!« rief er und riss sich wieder zusammen, ließ den eingelernten sieghaften Optimismus wieder die Oberhand gewinnen, »geben Sie dieses finstere Misstrauen auf. Vertrauen Sie sich unbedenklich den heilenden Händen der Ärzte an. Bedenken Sie auch, dass Sie sowohl seelisch wie körperlich kaum den Anforderungen einer längeren Gefängnishaft gewachsen sein werden. Ich glaube auch kaum, dass ein solcher Aufenthalt, dass diese Wahl im Sinne Ihrer lieben Frau sein würde …«

Das war ein falsches Wort am falschen Ort!

»Herr Dr. Husten!«, rief ich, empört aufspringend. »Was vertreten Sie hier: meine Interessen oder die Interessen meiner Frau? Woher wissen Sie, was im Sinne meiner Frau ist? Haben Sie etwa vor unserer Rücksprache meine Frau aufgesucht?« Ich zitterte am ganzen Leibe vor Erregung.

»Aber, mein lieber Herr Sommer«, sagte er beruhigend und legte mir die Hand auf die Schulter. »Warum erregen Sie sich so? Natürlich habe ich Ihre Frau aufgesucht; das war für mich als Ihren Anwalt doch ganz selbstverständlich. Und ich kann Ihnen mitteilen, dass Ihre Frau wohl mit Trauer, aber doch ohne eigentlichen Groll an Sie denkt. Ich bin überzeugt, dass sie Ihr Schicksal auf das Lebhafteste bedauert …«

»Ja, und dieses grollfreie Bedauern spricht sich am deutlichsten in dem Protokoll aus, das von ihr bei den Akten ist!«, rief ich immer empörter. »Haben Sie denn das Protokoll nicht gelesen, Herr Dr. Husten? Nein, ich finde es einfach unverantwortlich, dass Sie als mein Verteidiger, ohne mich zu fragen, die Hauptbelastungszeugin aufgesucht haben.«

»Aber ich musste es doch, mein lieber Freund«, widersetzte der Anwalt, über meine Weltfremdheit milde lächelnd. »Ich musste mich doch auch über den Punkt orientieren, wer das Honorar für Sie bezahlt. Sie sind im Augenblick gewissermaßen mittellos …«

»Sie irren sich, Herr Dr. Husten«, sagte ich jetzt ganz kalt. »Alles da draußen: das Geschäft, das Bankguthaben, die ausstehenden Forderungen, das Haus, all das gehört mir, mir allein. Nicht meiner Frau. Noch bin ich in keiner Heilanstalt, noch bin ich nicht entmündigt …«

»Gewiss, gewiss«, sagte der Anwalt beruhigend. »Das ist natürlich vollkommen richtig. Ich habe mich leider falsch ausgedrückt, ich hätte nicht ›mittellos‹ sagen dürfen. Drücken wir es so aus, dass Sie in der Verfügung über Ihr Vermögen im Augenblick gewissermaßen ein wenig behindert sind, während Ihre Frau als Ihre getreue Sachwalterin …«

»Ich werde dafür sorgen, Herr Dr. Husten«, sagte ich und stand endgültig auf, »dass meine Frau nicht mehr lange diesen Posten als Sachwalterin ausüben kann. Dann vermindert sich wahrscheinlich auch ihr Interesse rapide, mich auf Lebenszeiten in ein Irrenhaus zu sperren. Ich werde meiner Frau mitteilen, dass Ihr Besuch mich völlig von der Notwendigkeit einer sofortigen Scheidung überzeugt hat.«

»Mein lieber Freund«, sagte der Anwalt volltönend und schüttelte das große Mimenhaupt. »Wie jung Sie doch sind mit Ihren vierzig Jahren! (Nicht wahr, Sie sind doch vierzig Jahre?) Immer mit dem Kopf durch die Wand! Immer das Kind mit dem Bade ausschütten! Nun, nun, Sie werden unter geeigneter ärztlicher Pflege auch noch ruhiger werden!« Sein widerlich freundliches Grinsen hatte jetzt etwas unaussprechlich Höhnisches. »Im Übrigen gehe ich wohl nicht fehl in der Annahme, dass ich mich nicht als der Anwalt Ihres Vertrauens betrachten darf?«

»Ganz richtig, Herr Dr. Husten.«

»Ich bedaure es aufrichtig, ich bedaure es nicht für mich (Ihr Fall ist nur ein kleiner Fall für mich, Herr Sommer, ein sehr kleiner Fall), ich bedaure es für Sie und für Ihre Frau! Sie rennen blindlings in Ihr Unglück, Herr Sommer, und wenn Ihnen die Augen aufgehen, wird es zu spät für Sie sein. Schade.« Er fasste schnell meine Hand und schüttelte sie. »Aber wir scheiden nicht als Feinde, Herr Sommer. Wir haben uns kennengelernt, wir haben uns begrüßt, wir trennen uns wieder. ›Schiffe, die sich nachts begegnen‹ – Sie kennen doch dieses vorzügliche Buch der Britin Beatrice Harraden?42 – Es möge Ihnen gut gehen, Herr Sommer!« Damit verließ Herr Dr. Husten erhobenen Hauptes meine Zelle.

Ich aber folgte ihm erst in einigem Abstand und begab mich wieder zu meiner Sägerei auf den Holzhof. Dort berichtete ich Mordhorst haarklein die stattgehabte Unterredung, wurde von ihm zum ersten Male belobt und in meiner Absicht bestärkt, eine eilige Scheidung von Magda zu betreiben und ihr die Verwaltung meines Eigentums zu entziehen.

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Aber zu alledem kam ich vorläufig nicht mehr, andere, mir wichtiger erscheinende Ereignisse schoben sich dazwischen. Als am Morgen nach dem Besuch des Rechtsanwalts Dr. Husten der Wärter unsere Zellen aufschloss und ich mit dem gefüllten Kübel zum Spülbecken eilte, blieb ich plötzlich verblüfft stehen. Ich traute meinen Ohren nicht, und doch, es war keine Täuschung: Aus einer eben geöffneten Zelle drang eine einschmeichelnde, leise flüsternde Stimme, jene Stimme, die so unzertrennlich mit meinen Alkoholräuschen verknüpft war, jene Stimme, die ich aus meines Herzens tiefstem Grunde hasste: Polakowskis Stimme!

Ich wagte einen eiligen Blick. Ja, da stand er mit dem sanften, mehr gelblichen als bräunlichen Gesicht, mit dem dunklen Vollbart und dem schlicht zurückgestrichenen dunklen Haupthaar, das einen goldig-rötlichen Schimmer hatte, stand da und redete einschmeichelnd sanft auf seinen Zellengenossen ein, wobei er an den Fingern zog, dass sie knackten. Sicher wollte er dem anderen etwas abschnacken, er, der arme, aber ehrliche Arbeiter!

Ich eilte, so schnell ich nur konnte, an der Zelle vorbei, leerte und säuberte meinen Kübel und schlich in meine Zelle zurück, achtsam, nicht gesehen zu werden. An diesem Morgen musste Düstermann, so sehr er auch murrte, den »Außendienst« beim Zellenreinigen machen, Besen und Scheuertuch holen und frisches Waschwasser herbeischaffen: Ich hatte nicht den Wunsch, von Polakowski gesehen zu werden.

Innerlich aber erfüllten mich Schadenfreude und Triumph: Sie hatten den listigen, heuchlerischen Polakowski erwischt, sie hatten ihn gekitscht, und nur ein Gedanke beunruhigte mich noch: Ob es denen auch gelungen war, Polakowski die Beute oder doch einen wesentlichen Teil von ihr abzujagen. Doch auch darüber sollte ich nicht lange im Ungewissen bleiben. Wie immer ging es auf den Holzhof, ohne Polakowski, entweder, weil er sich nicht zur Arbeit gemeldet hatte oder weil beim Inspektor bekannt war, dass wir »in derselben Sache saßen«. In solchen Fällen wird sorgfältig vermieden, zwei Komplizen miteinander in Kontakt kommen zu lassen.

Mordhorst und ich, wir stellten uns an unseren Sägebock und begannen unser Tagewerk, diesmal der angenehmsten Art: glatte, schwache Kiefernrollen, ein Kinderspiel für trainierte Männer, wie wir es waren. Die erste Rolle war zersägt, und während ich die zweite auf dem Bock zurechtlegte, stellte ich meinem Arbeitskameraden die jeden Morgen wiederholte Frage: »Was Neues im Bau?«

»Mhm!« machte Mordhorst und setzte die Säge an. Dann: »Eine neue Einlieferung. Ein Gauner, wie es aussieht. So ein Scheißpolacke.«

Wir begannen zu sägen.

Dann hielt ich wieder inne. »Was hat er denn ausgefressen?«

»Wer? Was ausgefressen?« fragte Mordhorst, der mit seinen Gedanken längst woanders gewesen war, wahrscheinlich wieder bei seinem ewigen bitteren Vorwurf an das Schicksal, warum er gerade in einem solchen Drecknest bei solcher unwürdig kleinen Mauserei hochgegangen war. »Wer? Was ausgefressen?«

»Der Scheißpole doch!«, erinnerte ich. Mit einer wahren Inbrunst wiederholte ich die grobe Bezeichnung.

»Ach der? Was trauen sich denn solche Brüder schon? Alle Polen sind feige …« Und er wollte wieder zu sägen anfangen. Ich aber hielt den Sägebügel fest.

»Nee, sag mal, Mordhorst, das interessiert mich wirklich. Ich glaube, ich habe den Bruder heute früh gesehen.«

»Das kann angehen; auf deiner Station liegt er. Also was er ausgefressen hat? Leichenfledderei natürlich, zu was anderem hat solch ein Polacke doch keine Traute. Leichenfledderei an einem betrunkenen Speckjäger, so einem besoffenen Bürger, verstehst du?«

»Verstehe«, antwortete der betrunkene Speckjäger. »Und hat er seinen Raub in Sicherheit gebracht?«

»Keine Ahnung. Wird er doch – so doof ist selbst ein Polacke nicht!«

»Erkundige dich mal, Mordhorst. Mich interessiert das nämlich sehr.«

»Warum interessiert dich das denn so? Ich finde das komisch.«

»Ich aber gar nicht. Weil ich nämlich der betrunkene Speckjäger gewesen bin, den der Kerl gefleddert hat. Du erinnerst dich doch, Mordhorst, das ist der Wirt, der mich in meiner Besoffenheit hoppgenommen hat. Ich habe dir doch von ihm erzählt.«

»Ach, so ist das!«, sagte Mordhorst und grinste vor Vergnügen. »Der wird ja einen schönen Rochus auf dich haben, wenn er dich zu sehen kriegt. Wo du ihn in den Bunker gebracht hast!«

»Also erkundige dich, Mordhorst, ob er die Sachen beiseite gebracht hat. Er hat zwei goldene Ringe und eine goldene Uhr von mir, Tafelsilber für zwölf Personen, einen rindsledernen Koffer mit Sachen, eine lederne Aktentasche und viertausend Mark.«

»Ganz hübsch«, grinste Mordhorst. »Für einen elenden Polacken viel zu viel. Na, ich sage dir dann Bescheid.«

Und wir sägten, nunmehr schweigend, drauflos – der Wachtmeister guckte schon sehr.

Es dauerte einige Tage, ehe ich Polakowski wieder zu sehen oder seine Stimme zu hören bekam. Morgens, wenn ich kübeln ging, blieb seine Zelle immer geschlossen und wurde erst geöffnet, wenn wir fertig waren, ein Zeichen, dass bekannt war, wir saßen in derselben Sache. Auch von Mordhorst erfuhr ich nichts Näheres. Wenn ich drängte, sagte er nur: »Wart’s ab, Kumpel. Ich muss erst Genaues baldowern, der Mordhorst knackt keinen Schrank, ehe er nicht alles baldowert hat.«

Aber dann war es schließlich soweit.

»Über sechstausend Mark hat er bei sich gehabt, als ihn die Polente kitschte«, sagte Mordhorst. »Und das stimmt. Nicht bloß, weil er’s selbst erzählt hat, sondern ich hab’s vom Kalfaktor,43 der das Büro saubermacht. Das Geld ist hier eingeliefert.«

»Dann hat er all meine Sachen verkauft, und ich sehe sie nie wieder«, sagte ich, und plötzlich tat es mir um die Gold- und Silbersachen sehr leid. »Mir hat er in bar nur viertausend abgenommen, nicht mehr.«

»Er kann doch auch so Geld gehabt haben«, widersprach Mordhorst. »Das ist noch nicht raus, dass er deine Sachen schon verscheuert hatte. Er kann sie auch versteckt haben.«

»Möglich ist das«, gab ich zu. »Aber ich glaube nicht recht dran.«

Eine lange Zeit sägten wir schweigend, eine Stunde oder zwei, einen Buchenkloben nach dem anderen. Dann plötzlich sagte Mordhorst: »Was gibst du aus, Kumpel, wenn ich ausbaldowere, wo der Polacke die Sore44 versteckt hat?«

»Sore …? Was ist das?«

»Deine Sachen doch! Was gibst du aus?«

»Was soll ich ausgeben hier im Bunker? Ich habe doch selbst nichts!«

»Aber du hast draußen was!«

»Darüber kann ich nicht verfügen, da lässt mich meine Frau nicht ran!«

Und wieder sägten wir.

Am nächsten Tage sagte Mordhorst zu mir: »Du kommst sicher bald vor den Richter und wirst wegen des Polacken vernommen. Dann musst du sagen, dass du das gestohlene Geld, das hier liegt, für dich beanspruchst.«

»Darauf kannst du dich verlassen, dass ich das sagen werde, Mordhorst«, sagte ich grimmig.

»Und der Staatsanwalt muss dir das Geld freigeben, das ist klar«, sagte Mordhorst.

Eine Weile schwieg er wieder. Dann fragte er: »Würdest du eine Anweisung ausschreiben, dass fünfhundert Mark an den Überbringer auszuzahlen sind, wenn ich rauskriege, wo der Polacke die Sachen versteckt hat?«

Ich überlegte. »Fünfhundert Mark ist mir die Sache schon wert«, sagte ich schließlich. »Ich müsste aber alles wiederkriegen, auch die Goldsachen, und daran glaube ich nicht.«

»Wenn du weniger zurückkriegst, sollst du auch weniger zahlen müssen; ich bin ein reeller Mann«, antwortete der unverbesserliche Geldschrankknacker.

»Aber, Mordhorst!«, sagte ich, und mich jammerte seine Einfalt. »Glaubst du denn wirklich, dass die hier an dich oder einen aus dem Kittchen Geld auszahlen werden, bloß weil ich eine Anweisung ausschreibe?«

»Dafür lass mich nur sorgen«, gab er unerschüttert zur Antwort. »Du hast doch ein Getreidegeschäft?«

»Habe ich auch«, gab ich zurück. »Woher weißt du denn das schon wieder, Mordhorst?«

»Ich weiß alles«, gab er mit der ganzen Überheblichkeit des kleinen Mannes zurück. »Und wenn da nun einer von draußen kommt mit einer Rechnung über Getreide, das er dir vor einem Vierteljahr geliefert hat, und verlangt sein Geld, und du erkennst die Rechnung an – ich will wetten, die Brüder zahlen.«

»Möglich«, gab ich zu. »Aber wer soll von draußen mit solcher Rechnung kommen?«

»Dafür lass mich nur sorgen«, gab Mordhorst gleichmütig zurück. »Die Hauptsache ist, ich habe dein Wort, du erkennst die Rechnung an.«

»Das hast du«, sagte ich. »Und ich halte auch mein Wort.«

»Das wird auch besser sein«, gab Mordhorst zurück und fing wieder an mit Sägen. »Du kannst dich drauf verlassen, ich schnappe dich, wenn du mich in die Pfanne haust, schnappe dich morgen oder in fünf Jahren, draußen oder drinnen, ich selbst oder einer, dem ich’s sage.«

So begann dies Spiel, ein Spiel, wie es nur in Gefängnissen gespielt werden kann, unterirdisch, mit vielen Mittelsmännern, mit Flüstern der Kalfaktoren an verriegelten Türen, mit unendlichem Scharfsinn, der von vielen Hirnen in vielen Stunden aufgewandt wurde: Und der heuchlerische, listige Polakowski war das Ziel.

Ich habe dieses Spiel nie ganz durchschauen können, nie habe ich begriffen, wie der besonders streng bewachte Mordhorst ständigen Verkehr mit allen Gefangenen, sogar mit der Außenwelt unterhalten konnte. Aber er konnte es.

Manchmal fiel ein halbes Wort, aus dem ich mir einen Vers machen konnte. Es gab zum Beispiel vier sorgfältig ausgewählte Gefangene, die in einem überdimensionalen Handwagen das von uns zerkleinerte Holz in die Stadt und in die Häuser fuhren, unter Aufsicht eines Wachtmeisters natürlich. Und es gab den bewährten Gefängniskoch, einen alten Gefangenen, der manchmal von dem Inspektor in seinen Garten vor der Stadt zum Graben und Hacken und Gießen mitgenommen wurde. Vielleicht waren diese Gefangenen doch nicht ganz so zuverlässig, wie sich die Gefängnisverwaltung träumen ließ. Und dann gab es die Klappen in der Tür, durch die uns die Essenschüsseln hereingereicht wurden, und immer gab es an diesen Klappen, wenn sie zur Essenausgabe aufgeschlossen waren, heimliches Geflüster und verstohlenes Hin-und-her-Gereiche.

Wie gesagt, ich weiß fast nichts von dem Spiel, das da gespielt wurde, sonst würde ich schon davon erzählen. Ich war ein Grüner, und vor allem war ich in den Augen der anderen kein »richtiger Verbrecher«, ich hatte mich nicht am Eigentum anderer vergangen.

Mordhorst hütete sich wohl, mir zu viel zu sagen. Ich erfuhr nur, dass Polakowski unter Druck gesetzt wurde. Sie brachten es fertig, ihm unter den Augen der Wachtmeister sein Essen zu kürzen. Sie ließen ihn ein bisschen hungern. Und sein Zellengenosse hatte immer Fraß die Hülle und Fülle, gab aber nichts ab. Das war das eine. Und das andere war, dass Polakowski wirklich zu Haus Frau und Kinder hatte, und dass er so unvermutet gefangen gesetzt worden war, dass die ohne einen Pfennig und ohne Brot dasaßen.

Da wurde es ihm vorgestellt, dass ein Gefangener in wenigen Tagen entlassen werden würde, und dieser Gefangene könne ja die versteckten Sachen holen und verscheuern und den Erlös der Frau geben – nach Abzug einer angemessenen Belohnung natürlich. Ich glaube wohl, dass der listige, argwöhnische Polakowski einen schweren Kampf mit sich kämpfte, aber sie machten ihn weich. Sie zwickten ihn, sie schrieben ihm Kassiber, und dann ließen sie ihn ganz ohne Nachricht, und wenn er sie fragte, sagten sie: »Ist erledigt. Du willst ja nicht.« Und auch ein Polakowski liebt wohl seine Kinder und sieht sie nicht gerne hungern und betteln.

Es kam der Tag, da Mordhorst zu mir sagte: »Also ich habe dein Wort?«

»Das hast du! Weißt du schon was?«

»Ich weiß alles. Die Sachen …«, Mordhorst sah mich scharf an, »… liegen in der ersten Feldscheune auf dem Weg nach Vehne.45 Hinten sind ein paar Bretter kaputt, und da liegen sie unter dem Stroh. So, nun weißt du es. Dein goldener Ehering fehlt, den hat er verscheuert, aber sonst ist alles da, genau, wie du es angegeben hast. Ist das fünfhundert Mark wert, Kumpel?«

»Das ist fünfhundert Mark wert«, gab ich zur Antwort. Komisch, wie unlogisch ein Herz empfindet, ich freute mich beinahe, dass Magda ihr Silber zurückbekommen sollte, und ich hasste Magda doch wirklich von ganzem Herzen. »Ja«, sagte ich dann. »Aber was fang ich nun mit meinem Wissen an? Ich darf doch nicht verraten, dass ich’s von dir habe.«

»Du wirst heute, wenn du dein Brot bekommst«, sagte Mordhorst, »einen Kassiber drin finden, auf dem das steht, was ich dir eben gesagt habe. Den zeigst du dem Wachtmeister, und dann läuft die Sache von selbst.«

»Und wer soll mir den Kassiber geschrieben haben?«

»Das weißt du nicht. Es ist eben einer gewesen, den du nicht kennst, der den Polakowski hasst und ihn in die Pfanne hauen will. Da zerbrich dir nur nicht den Kopf drüber.«

42.Beatrice Harraden (1864–1936), britische Frauenrechtlerin und Autorin.
43.Hilfsdiener, Hilfsarbeiter
44.Raubgut (Ganovensprache)
45.Flussbadeanstalt am gleichnamigen Fluss
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