Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 64

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Die Tage gingen, einer nach dem anderen, und an einem von ihnen, eher, als ich es gedacht, war ich ein ganz leidlicher Bürstenmacher. Ich hatte es gelernt, ich machte Nagelbürsten und Handbürsten und Haarbürsten und Molkereibürsten und Brauereibürsten und Fensterbrettbürsten. Ich konnte auch Besen machen, Piassavabesen und feine Haarbesen. Schließlich lernte ich es auch, Pinsel herzustellen, Rasierpinsel und Staubpinsel und alle Arten von Malerpinseln. Meine Finger waren nun genauso geschickt wie die Lexers, sie griffen genau so viele Borsten, wie nötig waren, keine mehr, keine weniger, und der Draht machte mir keine Beschwerden mehr.

Wenn ich mich jetzt mit Lexer in der Freistunde traf, und er schrie mich mit seiner gellen Stimme an: »Na, Sommer, wie viel hast du geschafft?«, so antwortete ich: »Achthundert Löcher«, oder auch: »Tausend«, oder gar: »Elfhundert«. Dann feixte Lexer wütend und gellte: »Willst dich wohl beliebt machen oben? Deswegen kriegst du auch keinen anderen Fraß als wir, du Arschkriecher!«

Ich arbeitete aber nicht so viel, um mich oben beliebt zu machen, ich arbeitete so um meinetwillen. Die Arbeit vertrieb mir die Zeit. Ehe ich es dachte, klirrte der Schlüssel, und die Stimme des Wachtmeisters rief: »Mittag!« Die Tage, so lang ein jeder einzelner manchmal auch sein mochte, vergingen schnell genug; eine Woche, ein Monat war vorübergegangen, ich sagte zu mir: ›Nun bin ich schon einen Monat hier, nun zwei, nun bald drei …‹

Jetzt, da meine Hände die Arbeit von selbst taten, da ich nicht ununterbrochen über sie nachdenken und mich hetzen musste, war der Kopf wieder frei für Nachdenken und Grübeln über das eigene Schicksal. Aber die Arbeit gab selbst diesem Grübeln eine andere Note. Manchmal stellte ich mich eine Weile ans Fenster und sah hinaus in das Land, in dem sie nun schon das Korn mähten, dann einfuhren, dann die Stoppeln pflügten, dann zur Grummetmahd51 übergingen. Ich hatte eine gute, helle Arbeitszelle, die auch im Winter gut warm sein sollte, wie man mir gesagt hatte. Ich sah hinaus, und wenn mein Herz mich wieder mit zorniger Ungeduld plagte und drängte, endlich wieder in der Freiheit schlagen zu dürfen, so machte es wohl die Arbeit, dass ich mir sagte: ›Nur Geduld, es wird alles schon kommen. Erst einmal wäre es wohl wirklich gut, wenn ich noch diesen Satz Abwaschbürsten fertigbekäme!‹

Ja, meine Arbeit machte mir Freude, es war eine niedrige Arbeit, die wirklich jedes Kind und fast jeder meiner schwachsinnigen Kameraden verrichten konnte, aber in einer gut ausgeführten Arbeit liegt immer ein Trost, sie mag so gering sein, wie sie will.

Ich hatte jetzt auch keine Angst vor dem Arrest und dem Arbeitsinspektor; er kam manchmal in meine Zelle und nahm die fertige Arbeit ab, und er sagte mir nie ein böses Wort, sondern oft: »Gut, gut, Sommer.« Oder auch: »Sie müssen nicht über das Pensum arbeiten, Sommer, das ist nicht nötig.« Und einmal schenkte er mir auch einen mit Marmelade bestrichenen Kanten.

Als aber der erste Monat meines Arbeitens vorüber war, trat ich mit den anderen Arbeitern am Glaskasten an und empfing das an Rauchwaren, was man für meine »Arbeitsbelohnung« gekauft hatte (vier Pfennig am Tag, eine Mark im Monat), nämlich ein Paket Feinschnitt und ein Paket Krüllschnitt. Für die Hälfte des Krüllschnittes handelte ich mir eine kleine Tabakspfeife ein, denn ich mochte nicht wie manche anderen Zigaretten mit Zeitungspapier drehen, das immer entweder lichterloh brannte oder kohlte und abscheulich schmeckte. Der Kopf meiner Pfeife war ganz klein, er fasste nicht mehr Tabak als für zehn oder zwölf Züge; das war gut, so konnte ich am Tage fünfmal rauchen und reichte doch den ganzen Monat. Freilich im ersten Monat nicht, weil ich noch dumm war und mir allerlei abschwatzen und abborgen ließ, was ich nie wieder zu sehen bekam.

Auch lernte ich die Furcht aller Besitzenden vor Dieben kennen; nichts, was in den Zellen war, blieb vor ihnen sicher, man mochte es noch so geschickt verstecken. Immerfort wurde wieder im Bau die wütende Klage laut: »Mir haben sie Tabak geklaut!«

So war man denn gezwungen, all seinen Besitz vom Löffel an, der unser einziges Essgerät war, in den Taschen herumzutragen, was wieder dem Oberpfleger missfiel, der die Ausbeulungen in unseren Kleidern tadelte. Ich beschaffte mir also einen kleinen Karton, in den ich all meine Habseligkeiten tat, ein bisschen Salz, ein etwa gespartes Stück Brot, die Pfeife und den Tabak. Diesen Karton hatte ich immer bei mir, beim Essen und auf dem Klo, im Bett und sogar bei meinen Arztbesuchen. Später machte mir der wohlgesinnte Qual, der ja in der Tischlerei arbeitete, ein kleines Holzkästchen mit Schiebedeckel und einen Bindfadengriff und nahm nicht einmal was dafür.

Ja, ich war nun wirklich eingereiht und gehörte dazu, und wenn ich die Wahrheit gestehen soll, fühlte ich mich nach den ersten Wochen der Eingewöhnung nicht einmal so schlecht. Ich hatte mich an Hungern und ständigen Streit, an schlechte Luft und Schweinsbeulen gewöhnt, viele meiner Kameraden, die ganz unausgiebig und stumpf waren, sah ich gar nicht mehr. Ich gehörte dazu, und doch gehörte ich nicht ganz dazu, ich war nur »vorläufig untergebracht«, und später war ich sogar nur »zur Begutachtung« untergebracht. Eines Tages würde es Termin für mich geben, ich würde meine Strafe für die Bedrohung erhalten, und dann würde ich – hoffentlich, hoffentlich! – wieder in die Freiheit zurückkehren können. Was ich dort anfangen würde, das wusste ich noch nicht. Ziemlich sicher aber schien mir, dass ich nicht wieder in mein Haus und zu Magda zurückkehren würde, auch in meinem alten Geschäft wollte ich nicht wieder arbeiten.

Der Aufenthalt in der Zelle hatte mich ein wenig menschenscheu gemacht, dieses ständige Isoliertsein, ich war gerne im engen Raum bei meinen Bürsten und dachte mit Abneigung an die lärm- und menschenerfüllten Straßen meiner Vaterstadt. Mir schwebte so etwas vor, auf ein stilles Dorf zu ziehen und dort als ein unbekannter, rasch alternder Mann meinen Lebensabend zu verbringen, in einer stillen Stube, in der ich immer weiter Bürsten machen würde …

So etwas schwebte mir vor. Ja, es war ein wenig Freude in mich eingekehrt, eine fast behagliche Selbstgenügsamkeit erfüllte mich – am besten ist diese Zeit mit jener zu vergleichen, die ich auf dem Holzhof des Untersuchungsgefängnisses verbrachte. Freilich fehlte hier der Mordhorst, aber eigentlich fehlte er mir nicht. Mordhorst hatte immer getrieben, getadelt und gehetzt – und ich liebte jetzt den Frieden. Der Bau mit seinem Schmutz und Geiz und Neid war entsetzlich, aber er war nun einmal so – was hatte es für einen Zweck, sich dagegen aufzulehnen? Wir Gefangene, wir Kranke galten doch gar nichts!

Am Schluss des zweiten Monats vertauschte ich mein ganzes Paket Feinschnitttabak gegen ein ungefasstes Brennglas und konnte mir nun, auch in meiner Arbeitszelle, die Pfeife immer anbrennen, wenn die Sonne schien. Da kam ich mir reicher und glücklicher als je in meinem Leben vor, wenn ich so an meinem Fenster lehnte und mit tiefer Freude meine zehn oder zwölf Züge Tabakrauch in mich hineinsog. Es war mir, als habe ich in meinem Leben noch nie so tief genossen und mich gefreut wie hier in der warmen Zelle. Vielleicht hatte da die Genügsamkeit meines Schlafkameraden Holz, seine Gabe, sich auch an den kleinsten Dingen zu freuen, schon auf mich abgefärbt.

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Unruhe trugen in den stillen Frieden dieser Tage nur meine Unterhaltungen mit dem Arzt, meist dauerte es ein paar Tage, bis ich mich nach ihnen wieder völlig beruhigt hatte und zu meinem stillen Behagen zurückgekehrt war. Im Ganzen verliefen sie nicht günstig für mich, wenn auch keine so schlimm wurde wie jene Erste. Es war mir leider ganz unmöglich, mich ihm gegenüber so zu geben, wie ich wirklich war. Nie gewann ich im Verkehr mit ihm jene Freiheit und Selbstsicherheit, die mir doch draußen selbstverständlich gewesen waren. Immer bedrückte mich ein dunkles Schuldgefühl, als müsste ich vor ihm um jeden Preis etwas verbergen und verheimlichen. Nie wurde ich ganz meine Furcht vor seinen geheimen Listen und Kniffen los; bei der harmlosesten Frage plagte mich der Gedanke: ›Wie will er dich jetzt wieder reinlegen?‹ Nie sah ich den helfenden Arzt in ihm, sondern immer den Gehilfen des Staatsanwaltes, der mich in schwerer, verworrener Stunde des Mordversuchs an meiner Frau beschuldigt hatte und der alles aufbieten würde, mich in diesen Mauern zu halten.

Wenn ich mich wirklich einmal überwand und dem Medizinalrat erzählte, was mein Herz bewegte, fiel ich auch damit regelmäßig herein. Zum Beispiel erzählte ich ihm eines Tages ganz freimütig von meinen so veränderten Zukunftsplänen, mich auf ein stilles Dorf zurückzuziehen und ganz der Bürstenmacherei zu leben. Ich hatte geglaubt, für diese Pläne die Billigung des Arztes zu finden, ja sein Lob, und war überrascht und maßlos enttäuscht, als er energisch den Kopf schüttelte und sagte: »Das sind ja bloße Fantastereien, Sommer. Sie streuen sich ja selbst Sand in die Augen. So können Sie nicht leben, und so wollen Sie auch gar nicht leben. Sie brauchen Ihre Mitmenschen, und vor allem, Sommer, brauchen Sie eine führende, helfende Hand. Nein, das haben Sie sich wieder nur in Ihrer ganz unbegründeten Aversion gegen Ihre Frau ausgedacht. Machen Sie sich doch einmal von dem Gedanken frei, dass Ihre Frau Ihnen schaden will! Sie, Sie allein haben ihr viel Böses getan, und wenn Ihre Frau nicht ein so anständiger Mensch wäre, hätte sie alle Ursache, ein bisschen böse über Sie zu sein. Aber nicht ein abfälliges Wort über Sie hat sie zu Protokoll gegeben, immer sucht sie, Sie zu entschuldigen! Und da erzählen Sie mir, dass Sie nicht mehr mit ihr leben und arbeiten wollen! Was für ein Mensch sind Sie doch, Sommer! Können Sie denn nie eine Sache sehen, wie sie wirklich ist? Müssen Sie sich immer Flausen vormachen?«

Ich war natürlich verwirrt und empört über diesen ganz unmotivierten Angriff; da Magda mir keine Zeile geschrieben, nie einen Versuch gemacht hatte, mich zu sehen, musste ich wohl mit Recht annehmen, dass ich ihr lästig, dass ich für sie tot und begraben war. Und wie es eben Sitte ist, sprach sie über einen Toten nichts Schlechtes. Aber anständig war es von mir, ihr daraufhin still aus dem Wege zu gehen, ihr keine Schwierigkeiten zu machen, sie im freien Besitz meines Eigentums zu lassen.

Dass der Arzt diesen meinen Edelmut nicht sehen wollte, sondern mit harten, bösen Worten über mich herfiel, das bewies mir, wie voreingenommen er gegen mich war, und das verschloss für die Zukunft noch fester meinen Mund, machte mich noch befangener und unfreier. Eigentlich war er nichts anderes als mein Feind, ein erbarmungsloser Feind, der danach trachtete, mich mit allen Mitteln zu überlisten, und der das Übergewicht als Anstaltsleiter rücksichtslos mir gegenüber ausnutzte. Die anderen Gefangenen hatten ganz recht, mich immer wieder vor ihm zu warnen. »Trau nur dem Stiebing nicht! Ins Gesicht freundlich, und hinter deinem Rücken macht er ein Gutachten über dich, dass du dein Lebtag nicht wieder aus diesem Kasten herauskommst.« Recht hatten sie.

Allzu oft ließ der Arzt mich in diesen Wochen nicht zu sich rufen, und seine Anforderungen nach mir wurden auch nicht häufiger, nachdem er mir eröffnet hatte, er sei jetzt aufgefordert, ein Gutachten über mich zu erstatten. Eher das Gegenteil, auch ein Beweis dafür, dass er eine vorgefasste Meinung von mir hatte und gar nichts mehr zulernen wollte. Im Allgemeinen kam der Medizinalrat, wenn nichts besonders Dringendes vorlag, zweimal wöchentlich in die Heil- und Pflegeanstalt, jeden Dienstag- und Donnerstagabend. Ich wurde aber vom Oberpfleger viel seltener zu ihm gerufen, nicht einmal jede Woche einmal. An sich begrüßte ich das natürlich, denn jeder Besuch bei ihm war, wie ich schon gesagt habe, eine Marter für mich, nach der ich tagelang nicht wieder zur Ruhe kam. Aber dieses seltene Holen zeigte doch auch, wie leicht er über dieses Gutachten, das über mein Lebensschicksal entscheiden sollte, dachte.

An sich war mein Fall doch gerade für einen Psychiater besonders interessant, ich stand bildungsmäßig weit über dem Niveau der anderen Anstaltsinsassen, hatte in meinem Leben etwas vor mich gebracht, war ein angesehener Mann – und nun in diesem Totenhaus! Der Medizinalrat hätte doch eigentlich sehen müssen, dass es bei mir um viel mehr als bei den anderen ging, ich hatte mehr zu verlieren, ich war auch empfindlicher und leidensfähiger als diese meist recht stumpfen Gesellen! Aber nein, er behandelte mich völlig wie Hinz und Kunz, war oft geradezu grob mit mir, schalt mich einen unverbesserlichen Lügner und Flausenmacher! Ich hatte alles Recht, ihm zu misstrauen und vor ihm auf meiner Hut zu sein. Wenn er mir dann wieder meinen Mangel an Offenheit vorwarf, so war das einer seiner inkonsequenten Vorwürfe, zu denen ich völlig zu schweigen vorzog.

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Eine Änderung in meinem Verhältnis zum Arzt trat erst ein, als er mich eines Tages zu ganz ungewohnter Stunde, nämlich am frühen Nachmittag, in meiner Zelle aufsuchte. Ich hatte gerade geraucht, was auf den Arbeitszellen verboten ist, aber, obwohl die Luft noch von Tabaksrauch erfüllt war, machte er keine Bemerkung darüber, so streng er sonst auf die Befolgung der Hausordnung sah. Er trug an diesem Tage nicht seinen hellen Ärztemantel und war auch nicht von seinem ewigen Schatten, dem Oberpfleger, begleitet.

Einen Augenblick sah Dr. Stiebing auf meine Arbeit und fragte dann etwas zerstreut: »Nun, wie kommen Sie mit der Bürstenmacherei zurecht, Sommer?«

»Ganz gut, Herr Medizinalrat«, antwortete ich. »Ich glaube, der Arbeitsinspektor ist zufrieden mit mir.«

Er nickte, wieder recht zerstreut, meine guten Arbeitsleistungen schienen ihn nicht weiter zu interessieren. Er griff in seine Tasche, nahm eine silberne Zigarettendose heraus und tat nun etwas, was mich völlig überraschte, ja beinahe umwarf: Er bot mir die Dose an. »Bitte schön, Herr Sommer!«

Ich sah ihn ungläubig an, ein feines, dünnes Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er sagte: »Sie dürfen sich ruhig eine nehmen, Sommer, wenn Ihr Arzt sie Ihnen anbietet.« Er gab mir sogar zuerst Feuer und stand dann einen Augenblick behaglich rauchend unter dem hoch angebrachten Zellenfenster, schweigend. Dann sagte er: »Ich habe gestern einmal ausführlich mit Ihrer Frau über Sie gesprochen, Herr Sommer. Ich hatte sie gebeten, einmal bei mir vorbeizukommen, und gestern war sie bei mir.«

Ich antwortete ihm nicht, ich sah ihn nur an, mein Herz klopfte stark. Dass dieser Mann gestern erst mit Magda zusammen gewesen war, das bewegte mich, das erschütterte mich sehr. Ich konnte nicht reden, ich glaube, ich zitterte am ganzen Leibe.

»Ja«, sagte der Arzt nachdenklich. »Ich habe mir von Ihrer Frau noch einmal alles im Zusammenhang erzählen lassen, vom ersten Anfang Ihrer Ehe an bis zu jenem unseligen Abend. Ein Psychiater hört ja vieles aus den Worten von Angehörigen heraus, was sie selbst nicht ahnen.«

Eine Welle zornigen Unmuts wollte sich wieder in mir erheben. ›Also auch Magda hast du überlisten wollen und wahrscheinlich überlistet‹, dachte ich. ›Magda ist ja so harmlos, die hat keine Ahnung, was für ein Mann du bist!‹ Aber die Welle verebbte wieder.

Er sagte: »Ich habe im Ganzen keinen ungünstigen Eindruck nach diesem Bericht Ihrer Frau. Ich halte es wirklich für möglich, dass wir es mit Ihnen noch schaffen, Sommer. Sie haben eine sehr tapfere und tüchtige Frau …«

Wieder ein Gefühl der Abwehr in mir: Es wäre mir lieber gewesen, wenn der Medizinalrat nicht gerade das Wort »tüchtig« im Zusammenhang mit Magda gebraucht hätte.

»Ja, Sommer, ich kann heute natürlich noch nichts Endgültiges sagen, ich möchte Sie hier noch ein paar Wochen weiter beobachten. Aber wenn Sie sich weiter ruhig und fleißig verhalten und wenn nichts Besonderes vorkommt …«

»Es wird nichts Besonderes vorkommen, Herr Medizinalrat!«, rief ich erregt aus. »Ich will hier weiter ganz still und fleißig leben …«

Der Arzt lächelte wieder, selbst in dieser Minute, da er sehr gütig zu mir war, mochte ich dieses überlegene Lächeln nicht. »Nun«, meinte er, »hier halten wir Ihnen ja auch alle Versuchungen fern, Sommer! Hier sich zu bewähren, bedeutet nicht viel. Sie müssen sicher sein, dass Sie auch draußen allen Versuchungen widerstehen können, besonders dem Alkohol …«

»Ich werde nie wieder Alkohol trinken«, versicherte ich. »Das habe ich mir schon lange vorgenommen. Nicht einmal ein Glas Bier. Ich werde ganz abstinent leben, das kann ich Ihnen fest versprechen, Herr Medizinalrat.«

»Ach, Sommer«, sagte der trübe, »versprechen Sie mir besser nichts! Was, glauben Sie, bekomme ich für Versprechungen zu hören, wenn die Leute aus diesem Bau heraus wollen?! Und ein Vierteljahr draußen, vier Wochen erst draußen, sind die Versprechungen vergessen, und der eine stiehlt wieder, und der andere trinkt. Nein, auf Versprechungen gebe ich nichts – da bin ich schon zu oft hereingefallen.«

»Aber ich habe mich wirklich geändert«, sagte ich und konnte zum ersten Mal frei mit dem Arzt sprechen. »Ich habe doch früher nie geglaubt, dass mir das passieren könnte. Ich habe geglaubt, ich könnte mir fast alles erlauben, und Magda hat mich auch verwöhnt. Aber nun habe ich gesehen, was aus meiner Trinkerei geworden ist, und das wird mir für ewige Zeiten eine Lehre sein. Wenn ich in der Versuchung an die Wochen und Monate in diesem Hause zurückdenke …« Ich schauderte.

Der Medizinalrat sah mich aufmerksam an. »Das war einmal ehrlich gesprochen, Sommer«, sagte er dann. »Wenn dieses Erlebnis einen solchen Schock in Ihnen hervorgebracht hat, dass er Sie ganz vom Alkohol abgebracht hat, dann könnte man es wohl wirklich wagen. Aber Sie müssen nun auch sehen, innerlich Ihr Verhältnis zu Ihrer Frau in Ordnung zu bringen. Sie sind ein sehr leicht gekränkter Mensch, Herr Sommer, aber ich muss Ihnen doch einmal ganz offen sagen, dass Ihre Frau in Ihrer Ehe die Führende und Überlegene ist. Sie ist Ihr guter Geist gewesen; als Sie von Ihrer Frau abfielen, fielen Sie selbst. Gewöhnen Sie sich doch an den Gedanken, dass Ihre Frau nur das Beste von Ihnen will, ordnen Sie sich ihr ein bisschen unter … Das hat gar nichts Verächtliches an sich, deswegen sind Sie noch lange kein Pantoffelheld. Es ist nur gut, wenn sich der Schwächere vom Stärkeren beschirmen und führen lässt …«

So redete der Medizinalrat noch lange auf mich ein. Es war mir nicht ganz leicht, ihm ohne allen Widerspruch zuzuhören. Denn ganz so, wie er es schilderte, war es ja doch nicht. Gewiss war Magda tüchtig, aber ich hatte doch, seit wir das Haus besaßen, das Geschäft ganz gut alleine, ohne sie führen können. Gewiss war es in der letzten Zeit nicht mehr so gut wie früher gegangen, aber das hatte an anderem gelegen, an ein paar unglücklichen Zufällen, nicht an meiner Leitung. Aber immerhin, wenn ich dadurch aus diesem verfluchten Hause kam, wollte ich mich auch dareinfinden. Mochte Magda also die Führende sein, ich wollte ihr schon keine Schwierigkeiten machen. So schwieg ich, und es söhnte mich mit meiner neuen Stellung zu Magda ja auch der Gedanke aus, dass sie so gut zum Arzt von mir geredet hatte. Sie liebte mich eben doch!

»Also«, schloss schließlich der Arzt, »ich habe Ihnen noch nichts Festes versprochen, das kann ich ja auch gar nicht. Ich werde in – sagen wir – drei oder vier Wochen mein Gutachten erstatten, dann wird das Gericht den Termin ansetzen, Sie werden eine kleine Strafe erhalten, vielleicht vier Wochen, vielleicht nur vierzehn Tage …«

»So wenig?«, rief ich erstaunt aus.

»Nun, darüber fragen Sie lieber einen Juristen, ich möchte Ihnen keine falschen Hoffnungen machen, ich bin nur Arzt. Und wenn Sie dann in der Freiheit sind …«

»Werde ich immer an dieses Haus denken, Herr Medizinalrat, das verspreche ich Ihnen!«, schloss ich.

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Dieser Besuch veränderte auf einen Schlag mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes Leben. Plötzlich sah ich diese jüngst vergangene Zeit mit ganz anderen Augen an: Nicht in einer fast behaglichen Wunschlosigkeit und Selbstgenügsamkeit hatte ich gelebt, sondern in einer Lähmung meines Willens, in einer fast völligen Hoffnungslosigkeit, in Apathie. Jetzt erst begriff ich, wie gering meine Hoffnung gewesen war, diesem grauenhaften Hause zu entrinnen, wie ich fast schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Holzens Freude an den kleinen Dingen dieser Erde schien mir nun billig und dumm, und ich elendete abends den Geduldigen mit langen Tiraden über all das, was ich nach meiner Entlassung tun würde. Denn ich hatte die Absicht, sehr tätig zu sein.

Wohl hatte mich der Arzt wegen seiner Offenheit um Entschuldigung gebeten, aber die Bemerkung von der überlegenen Tüchtigkeit Magdas konnte ich ihm nicht verzeihen. Je länger ich darüber nachdachte, um so falscher schien sie mir. Wenn ich erst wieder draußen war, würde ich ihm und Magda und aller Welt beweisen, wie tüchtig ich erst sein konnte. Und ich plagte den guten Holz mit langen Schilderungen über die Möglichkeiten des Landesproduktenhandels, Möglichkeiten, die ich natürlich alle blitzschnell erfassen und ausnutzen würde.

Umsonst warnte mich der durch langes Dulden Erfahrene. »Sommer, du bist noch nicht draußen! Mach nicht zu viel Pläne! Wer weiß, was nicht noch alles passieren kann!?«

Ich rief: »Was soll denn noch passieren? Von mir hängt jetzt alles ab, und meiner selbst bin ich sicher.«

Auch in meinem Arbeiten an den Bürsten hatte ich mich sehr geändert. Nicht, dass ich schlechter gearbeitet hätte, das konnten meine Hände schon nicht mehr, sie konnten schon den leitenden Verstand entbehren, und meine Ablieferung wurde auch kaum geringer. Aber ich arbeitete ganz stoßweise.

Einen halben Tag stand ich am Zellenfenster, sah stundenlang die rasch ziehenden Wolken am Himmel an, freute mich an Wiese, Vieh und Wald und sah lächelnd den auf ihren Rädern vorüberflitzenden Mädels nach. Bald würde ich wieder zu alledem gehören, ein Teil der Welt sein, nicht mehr herausgelöst aus ihr und bei lebendigem Leibe schon tot!

Dann wieder dachte ich an die Worte des Medizinalrates und stürzte mich mit Feuereifer in die Bürstenmacherei. Die Arbeit flog mir nur so durch die Hände. Jeder Griff saß, in zwei Stunden war die feinste Nagelbürste fertig. Manchmal dachte ich dabei mit Sehnsucht an Magda und empfand den lebhaften Wunsch, sie möchte mir bei meiner Arbeit einmal zusehen. Auch ich konnte tüchtig sein, ungewöhnlich tüchtig!

Selbst das Verhältnis zu meinen Arbeitskameraden war seit dieser Unterredung wesentlich verändert. War ich ihnen bisher still aus dem Wege gegangen, hatte mich nie in ihre Streitereien gemischt und jedem seine Art gelassen, sie mochte noch so abstoßend sein, so befähigte mich meine jetzige gute Laune, lebhaft in die Unterhaltung einzugreifen und auch einmal einem unangenehmen Menschen zuzurufen: »Thiede, leck doch nicht den Tisch mit der Zunge ab! Ist Sauce verkleckert, so nimm deinen Löffel!«

Ich kann nicht behaupten, dass meine Leidensgenossen diese Veränderung meines Wesens ins Lebhafte günstig aufnahmen. Meine witzigen Bemerkungen wurden meist mit tiefem, ablehnendem Stillschweigen aufgenommen, und meine Ermahnungen zu guter Sitte lenkten wüste Beschimpfungen auf mein Haupt. Das focht mich aber in meiner guten Stimmung fast gar nicht an. Ich dachte nur bei mir: ›Ihr armen Irren! In ein paar Wochen werde ich draußen sein, während ihr euer ganzes Leben in diesen Mauern hinbringen werdet. Was geht mich da euer Schimpfen an?! Ihr existiert einfach nicht für mich!‹

Die Veränderung meiner Denkart zeigte sich aber nicht nur in meinem Benehmen innerhalb der Heilanstalt, sie sollte auch nach außen wirken. Nachdem ich ein paar Nächte mit mir gerungen, auch den Fall gründlich mit Holz besprochen hatte, der mir entschieden abriet, ließ ich den alten Justizrat Holsten kommen, einen schon etwas altmodisch gewordenen Herrn, der aber bei den angesehenen Bürgern der Stadt größtes Ansehen genoss und der auch meiner Firma bei gelegentlich auftauchenden Rechtsfragen mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte.

Ich setzte mit ihm eine Generalvollmacht für Magda auf und verfasste ein Testament, in dem ich Magda zu meiner Alleinerbin einsetzte. Ich beauftragte den alten Herrn, die Vollmacht schon am nächsten Tage in die Hände meiner Frau, das Testament aber an Gerichtsstelle zu hinterlegen. Dies war mein Dank an Magda für die schöne Art, in der sie über mich mit dem Medizinalrat geredet hatte, ich freute mich, dass ich ihr so wirkungsvoll danken konnte.

Holz freilich, der in dieser Zeit gar nicht mit mir gehen wollte, stöhnte: »Wenn du das nur nicht eines Tages bereust, Sommer! Man soll sich nie einem Menschen ganz in die Hände geben, das verbietet doch die einfachste Vorsicht. Und wozu auch? Es hat keiner von dir verlangt, warum tust du es also.«

»Ich bin immer ein großzügiger Mensch gewesen, Holz«, antwortete ich ihm. »Ich habe immer eine Leidenschaft für Schenken gehabt.«

Ich muss übrigens noch bemerken, dass der Justizrat ganz und gar nicht damit zufrieden war, diese beiden Urkunden für mich abzufassen und mit seinem Notariatssiegel zu versehen. Nicht, als ob er mit ihrem Inhalt nicht einverstanden gewesen wäre, im Gegenteil. »Es ist immer gut, wenn man sein Haus bestellt, Herr Sommer«, sagte er. »Und Ihre Frau ist natürlich die Nächste. Sie sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Haben Sie schon einen Verteidiger für Ihren Termin gewählt, oder wünschen Sie, dass ich Ihre Verteidigung übernehme?«

»Danke, danke!«, sagte ich leichthin. »Ich beabsichtige, mich selbst zu verteidigen. Im Übrigen ist die ganze Geschichte nur eine Kleinigkeit, die meine lieben Mitbürger viel zu sehr aufgebauscht haben.«

Der Justizrat war entsetzt über meine »Leichtfertigkeit«, wie er es nannte. »Es ist nie eine Kleinigkeit«, rief der alte Mann fast empört, »wenn ein angesehener Bürger ins Gefängnis gehen muss, nicht nur seinetwegen, sondern vor allem auch um des bösen Beispiels willen! Lassen Sie mich Ihre Verteidigung übernehmen, Herr Sommer, vielleicht, beinahe sicher kann ich Bewährungsfrist für Sie erwirken. Dann vermeiden Sie wenigstens die entehrende Gefängnishaft.«

»Meine Ehre liegt allein bei mir«, sagte ich stolz. »Die können mir andere nicht nehmen.«

Der alte Mann schüttelte mit einem trüben Lächeln verneinend den Kopf.

»Im Übrigen handelt es sich um ein im Affekt begangenes Vergehen, und die Folgen eines solchen Vergehens können nie entehrend sein.«

Wieder schüttelte der alte Mann traurig den Kopf. »Das ist eine Sprache«, sagte er, »die ich in solchen Mauern häufig genug gehört habe, aus Ihrem Munde hätte ich sie lieber nicht gehört. Wie steht es denn mit dem Gutachten des Kreisphysikus? Wissen Sie etwas davon?«

Ich versicherte, dass alles äußerst günstig stehe und dass der Medizinalrat meine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt nicht für notwendig halte.

»Ich will es hoffen, hoffen will ich es von Herzen«, rief der Justizrat Holsten. »Nun, Herr Sommer, jetzt muss ich mich verabschieden. Und wenn Sie mich gegen Ihr jetziges Erwarten doch brauchen sollten, Sie können mich jederzeit rufen. Ich scheue trotz meiner Jahre den weiten Weg aus der Stadt in diese Anstalt nicht, wenn ich Ihnen nur helfen kann.«

Ich dankte ihm fast gerührt, war aber überzeugt, dass ich seinen Rat nie brauchen würde und dass ich mich in einem wirklichen Notfalle unbedingt an einen jüngeren und geschickteren Anwalt als an ihn wenden würde.

51.der zweite Grasschnitt
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