Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 65
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So vergingen mir die nächsten Wochen in verhältnismäßigem Frieden und Behagen, einem anderen Frieden, als ich vor dieser Unterredung mit dem Arzt empfunden hatte, einem aktiveren, mit Plänen und Hoffnungen ausgefüllten Frieden. Ich schlief wieder schlechter, aber das konnte meine gute Stimmung nicht mehr beeinträchtigen: Ich war nur noch zu Gast in diesem Totenhaus.
Ich erwartete täglich die Anklageschrift und die Ansetzung des Termins, und wenn sie doch wieder nicht gekommen waren, so hoffte ich auf den nächsten Tag. Das Hoffen im Menschen ist wohl unverwüstbar, ich glaube, was als Letztes im Hirn eines Sterbenden vergeht, ist eine Hoffnung. Der Arzt ließ mich nicht mehr zu sich kommen, ich sah ihn nach dieser Unterredung nicht mehr, ein Zeichen, dass er sein Gutachten abgeschlossen und der Staatsanwaltschaft eingereicht hatte.
Umsonst versuchten meine Kameraden, mich ängstlich zu machen. »Trau du dem falschen Hund! Ins Gesicht sagt er es dir so, und auf dem Papier macht er es ganz anders.«
Ich lächelte überlegen. So etwas machte der Arzt vielleicht mit ihresgleichen, mir gegenüber hatte er sich so positiv ausgesprochen, dass an einem günstigen Ergebnis überhaupt nicht zu zweifeln war. Überhaupt wurde der Mann ganz falsch beurteilt – auch ich war ihm in der ersten Zeit nicht gerecht geworden. Das lag an seinem manchmal überheblichen, höhnischen Wesen, das einen abstieß. Aber er war ein Mann von Kenntnissen und Einsicht, wo er konnte, gab er jedem eine Chance. Wo es freilich ganz unmöglich war …
Eine einzige Sache nur wirkte sich störend in dieser Zeit aus: Die Folgen der Unterernährung machten sich auch bei mir bemerkbar, ich wurde ebenfalls von einer recht störenden Furunkulose befallen. Solange die meist unter der Epidermis sitzenden »Schweinsbeulen« nur an den Armen und Beinen auftauchten, ging es noch einigermaßen, als sie aber auch im Nacken und auf dem Rücken auftauchten, litt ich doch recht unter ihnen. Namentlich, dass ich nachts nun auf dem Bauch liegen musste, eine Stellung, in der ich nie habe schlafen können, war sehr unangenehm.
Nun gehörte auch ich zu der langen Reihe derer, die jeden Morgen vor dem Arztzimmer antraten und von dem Oberpfleger gesalbt oder geschnitten und schließlich verpflastert wurden. Ich bin überzeugt, eine etwas vernünftigere Ernährung mit frischem Gemüse und Obst hätte die Ursache dieser als ganz selbstverständlich angesehenen Pest eher beseitigt als dieses ewige Herumdoktern an den Folgen. Aber daran dachte niemand. Uns wurde unser Pflaster gegeben und damit fertig! Im Ganzen konnte auch diese Plage mir freilich in meiner jetzigen hochgemuten Stimmung wenig anhaben.
›Wenn ich erst draußen bin …‹, das war der Gedanke, den ich jeden Tag hundertmal hatte. Es war auch ganz selbstverständlich, dass ich mich jetzt wieder mehr mit meinem Äußeren zu beschäftigen anfing, da ich nun in vielleicht schon kurzer Zeit entlassen werden würde. Ich fing wieder an, meine Hände, besonders meine Nägel, zu pflegen, die unter der Arbeit gelitten hatten. Ich ließ mir die Haare schneiden und wusch zwei-, dreimal wöchentlich meine Füße. Vor allem aber beschäftigte ich mich mit meinem Gesicht. Zu jener Zeit war der Verband gefallen und meine Nase längst verheilt. Ich hatte mich immer gescheut, mein Gesicht zu besehen, und das war mir leicht gemacht, da es keinen offiziellen Spiegel in der Anstalt gab und das Rasieren von Lexer mit dem »Clipper« besorgt wurde. Nun aber wurde das anders. Ich wusste, der Kalfaktor Herbst besaß einen kleinen Spiegel, den er beim Haarscheiteln ständig zurate zog. Ich borgte ihn mir jetzt manchmal von ihm aus.
Natürlich spottete er: »Wozu brauchst du denn einen Spiegel? Willst dir wohl deine Gurke betrachten? Das lass man, die ist auch ohne Ansehen schön genug!« Er hatte genau das Richtige mit seiner Vermutung getroffen, aber das brauchte er nicht zu wissen. Ich murmelte etwas von meinen Schweinsbeulen.
Als ich meine Nase zuerst im Spiegel sah, erschrak ich sehr. Sie war durch den Biss völlig deformiert, kurz vor der Nasenspitze hatte sich ein tiefer Sattel gebildet, aus dem sich die Spitze schief und mit brandroten Narben bedeckt erhob. Sie sah wirklich abscheulich aus, ich war völlig entstellt. (Dieser verdammte Polakowski! An meinem ganzen Unglück ist eigentlich dieser Polakowski schuld!)
Auch die weitere Prüfung meines Gesichtes befriedigte mich nicht, die Folgen des Hungers prägten sich bereits deutlich in ihm aus. Es war fast aschfarben, die Augen tief in die Höhlen gesunken. Ein fünf Tage alter spitzstoppliger Bart bedeckte den unteren Teil des Gesichtes. Der Spiegel verriet nur, dass ich auch in diesem Sinne in dieses Totenhaus eingereiht war: Ich sah wahrhaftig nicht besser aus als seine schlimmsten Gespenster! Nicht besser? Vielleicht schlimmer!
Und ich war einmal ein leidlich gut aussehender Mann gewesen, gewohnt, einen guten Anzug unseres besten Schneiders mit Chic zu tragen. »Was haben sie aus dir gemacht?!«, sagte ich traurig zu meinem Spiegelbild. Mit einem tiefen Seufzer gab ich den Spiegel an Herbst zurück.
»Na, nicht schön genug?«, fragte er mit gespieltem Erstaunen.
»Diese verdammten Schweinebeulen!«, schimpfte ich. »Wenn wir wenigstens anständig zu fressen kriegten! Aber die Mohrrüben heute Mittag waren wieder das reine Wasser! Dabei kann kein Mensch gesund bleiben!«
Damit hatte ich ihn bei dem unerschöpflichen Thema des Hauses: dem Fraß, und von meinem persönlichen Aussehen wurde nicht mehr gesprochen.
In der Folge borgte ich mir noch öfter den Spiegel des Kalfaktors aus, von nun an aber in seiner Abwesenheit und ohne ihn zu fragen. Ich fand schon beim dritten oder vierten Mal heraus, dass ich mein Aussehen zu ungünstig beurteilt hatte. Als ich mich erst ein paarmal im Spiegel betrachtet hatte, fand ich, dass ich eigentlich ganz erträglich aussah. Jedenfalls gewöhnte man sich rasch an diese kleine Entstellung, ich hatte mich dran gewöhnt, Magda würde sich daran gewöhnen wie meine Mitbürger, wie jedermann. Es gab Teilnehmer des Weltkrieges, die viel schlimmer entstellt waren, und doch hatten sie hübsche junge Frauen heiraten können und lebten glücklich mit ihnen. Ich war völlig davon überzeugt, dass diese zernarbte Nase meinem Glück mit Magda keinen Eintrag tun würde.
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Ich sollte sehr bald Gelegenheit bekommen, einige Erfahrungen darüber zu sammeln. An einem Nachmittag kam der Oberwachtmeister Fritsch in meine Zelle und befahl mir kurz: »Mitkommen!« Fritsch, ein fleischiger Mann mit blühendem Gesicht, war einer jener Aufsichtsbeamten, denen man auch einmal eine Frage stellen konnte. Er sah in uns nicht nur Verbrecher.
»Was ist denn los?«, fragte ich ihn. »Zum Medizinalrat?«
»I wo«, antwortete er. »Besuch. Ihre Frau. Der Medizinalrat hat erlaubt, dass Sie Zivil anziehen. Ein bisschen schnell, Sommer, Ihre Frau wartet, und ich habe wenig Zeit.«
Er führte mich auf die Kleiderkammer, wo auf einem Regal mein Koffer ziemlich einsam dastand – die meisten Kranken waren ja auf Lebenszeit untergebracht und brauchten keine Zivilsachen mehr. Auf einem Tisch sitzend, sah der Oberwachtmeister mir zu, wie ich mich erst auskleidete, dann wieder ankleidete. Immer wieder trieb er zur Eile. Aber es ging nicht so schnell. Meine Hände zitterten so sehr, mein Herz läutete Sturm. Magda zu Besuch in diesem Totenhaus, das Leben kam, mich zu besuchen, bald würde ich wieder bei ihr sein …
Und eine tiefe Rührung, eine unendliche Liebe für meine Frau erfüllte meine Brust. Sie war zu mir gekommen, endlich, die lange Zeit der Prüfungen war vorbei. Die Liebe kehrte wieder ein bei mir. Und ich war fest entschlossen, ihr gleich beim ersten Zusammensein zu zeigen, wie tief ich sie liebte, dass die Zeit der Entfremdung vorüber war und dass ich mich rückhaltlos und voller Vertrauen ganz in ihre Hand gab.
Plötzlich fiel mir etwas Schreckliches ein! Es war ja Freitag, und am Sonnabend wurden wir erst rasiert: Mein Stoppelbart war im allerschlimmsten Zustand! »Herr Oberwachtmeister!«, rief ich flehend, »darf ich mich noch schnell rasieren? Hier im Koffer ist mein Rasierapparat. Ich mache wirklich ganz schnell. Erlauben Sie es doch.«
»Ganz ausgeschlossen, Sommer«, sagte Oberwachtmeister Fritsch kühl. »Was denken Sie wohl, wie viel Zeit ich habe? Und außerdem: Sie können doch Ihre Frau nicht so lange warten lassen!«
»Aber es ist doch so wichtig, dass ich bei diesem ersten Zusammensein wenigstens einigermaßen anständig ausschaue! Was soll denn meine Frau von mir denken?«
»Was das angeht, Sommer«, meinte der Fritsch kühl, »glaube ich, dass auch Rasieren Sie nicht wesentlich verschönt. Hat Ihre Frau sich mit Ihrer Nase abgefunden, wird sie die paar Haare auch schlucken!«
»Aber sie hat die Nase doch noch nie so gesehen!«, rief ich immer verzweifelter. »Das ist doch erst im Untersuchungsgefängnis passiert!«
Aber alles half mir nichts, Fritsch blieb unerbittlich, und ich musste mit ihm, die traurigste Figur von der Welt; auch das gnädigst vom Arzt bewilligte Zivil konnte daran nichts ändern, außerdem war es vom langen Liegen im Koffer völlig zerdrückt.
Ich trete mit dem Beamten in das Verwaltungsgebäude ein. Der Gang vor mir ist lang, trübe und dunkel, mir zittern die Knie, ich möchte mich an die Wand lehnen und um eine Minute der Sammlung und Ruhe bitten. Aber die Stimme des Oberwachtmeisters klingt befehlshaberisch hinter mir: »Los! Los, Sommer! Die dritte Tür rechts!« Wenn er jetzt nur nicht so militärisch laut brüllen würde, jetzt kann ihn doch Magda schon hören!
Die Hand auf die Klinke und aufgemacht die Tür! Kein Zagen hilft, unbarmherzig wirst du vorwärts gezwungen in diesem Leben, du Armer, es gibt nicht Ruhe, nicht Verweilen!
Ich sehe Magda, sie hat am Fenster gesessen, nun ist sie aufgestanden und schaut mir entgegen. Einen Augenblick bemerke ich den Ausdruck von fragendem Erstaunen in ihrem Gesicht.
Aber schon eile ich auf sie zu, die Arme ausgebreitet, ich rufe: »Magda, Magda, dass du gekommen bist! Ich danke dir so …« Ich schließe sie in meine Arme, ich will sie auf den Mund küssen wie in jenen alten Tagen, die nun wieder neu werden sollen …
Und ich bemerke einen Ausdruck schaudernder Abwehr in ihrem Gesicht. »Bitte, nicht!«, flüstert sie, noch in meinen Armen, plötzlich fast atemlos. »Bitte nicht hier!«
Ich habe sie losgelassen, alle Freude ist aus mir gewichen, ein kaltes drohendes Schweigen ist in mir.
Sie sieht mich an, noch immer liegt ein Ausdruck verwirrten Staunens auf ihrem Gesicht. »Ich hätte dich beinahe nicht erkannt«, flüstert sie, noch immer atemlos. »Was ist mit dir geschehen? Was hat dich da …«, sie wagt nicht einmal das Wort auszusprechen, »was hat dich da so verändert?«
Oberwachtmeister Fritsch hat sich in unserem Rücken auf einen Stuhl gesetzt und räuspert sich jetzt recht laut.
Ich weiß, dass es unzulässig ist, wenn wir beide hier so am Fenster stehen und miteinander tuscheln. Mit gespielter Leichtigkeit sage ich: »Wollen wir beide uns nicht hier an den Tisch setzen, Magda?« Wir tun es.
Dann: »Du findest, dass ich mich verändert habe? Dir gefällt mein Aussehen nicht? Nun, um dir die Wahrheit zu gestehen, es gefiel mir selber nicht, als ich mich vor Kurzem zum ersten Male wieder in einem Spiegel sah.« (Das hätte ich nicht sagen dürfen, Oberwachtmeister Fritsch kann mich nachher fragen, woher ich den Spiegel hatte, und gleich habe ich den Kalfaktor Herbst in die Pfanne gehauen. Spiegel sind doch auf der Station verboten! Man kann eben nicht vorsichtig genug sein auf dieser Station!)
Ich lache rasch: »Aber man gewöhnt sich dran, Magda, ich sehe nicht so schlimm aus, wie du jetzt denkst; ich bin eher besser als schlimmer geworden …« Bei den letzten Worten, in die ich eine tiefere Bedeutung legte, habe ich die Stimme bezeichnend gesenkt.
Aber Magda achtet nicht darauf. »Was ist denn mit deiner – Nase geschehen?« Endlich kann sie das Wort aussprechen, wenn auch erst nach kurzer Hemmung. »Sie sieht wirklich böse aus, Erwin!«
»Ein Mitgefangener wollte sie mir abbeißen, das war noch im Untersuchungsgefängnis«, berichte ich. »Es war jener Polakowski, der dein Silberzeug stahl, Magda, du weißt.« Sie sieht mich nur an, mit einem leichten Zucken um den Mund. Vielleicht hätte ich das wieder nicht sagen sollen, vielleicht denkt Magda jetzt, dass ich es war, der zuerst ihr Silberzeug stahl. Aber nein, so töricht und ungerecht kann Magda nicht denken, das Silber war von meinem Gelde gekauft, es war also mein Silber, von Diebstahl kann nicht die Rede sein. »Ich habe ja versucht, es dir wiederzubeschaffen, aber leider vergeblich. Du hast nichts mehr davon gehört, Magda?«
Sie bewegt verneinend den Kopf, als sei das alles ganz unwesentlich. »Du bist auch sonst verändert, Erwin«, beharrt sie, »deine Stimme klingt ganz anders, viel lauter …«
»Wir sind sechsundfünfzig Männer auf meiner Station, Magda«, erkläre ich ihr, »über dreißig essen mit mir in einem Raum, da muss man seine Stimme schon etwas anstrengen, wenn man verstanden werden will.«
»Ich verstehe.« Sie lächelt schwach, abwehrend. »Du führst ein sehr verändertes Leben, du, der immer so für Zurückhaltung und Isolierung war.« Aber wieder, mit einer störenden Hartnäckigkeit, kommt sie auf mein Aussehen zurück, sie kann sich gar nicht daran gewöhnen. »Du siehst aber auch sonst schlecht aus, Erwin. Fehlt dir was?«
»Nichts«, antworte ich überlegen. »Fast nichts. Ein paar Furunkel, sieh hier, im Nacken habe ich auch welche, und auf dem Rücken … Aber daran gewöhnt man sich, alle in diesem Bau haben sie …«
(Der Oberwachtmeister Fritsch räuspert sich mahnend. Das ist wohl schon unziemliche Kritik an der Anstalt. Aber ich denke nicht daran, darauf zu achten.)
Ich fahre fort: »Und wenn ich mager geworden bin und etwas grau aussehe, nun, Magda, wir bekommen hier nicht alle Tage gerade Gänsebraten mit Rotkohl, in der Hauptsache werden wir mit gutem, heißem Wasser ernährt …«
Nun ist meine Wut doch mit mir durchgegangen. Diese Wut über die Zurückweisung meiner Liebe, über das Entsetzen Magdas vor mir: Mit einer vor Hohn zitternden Stimme habe ich gesprochen, ich will ihr Herz verletzen, da ich es nicht rühren kann.
Oberwachtmeister Fritsch sagt drohend: »Noch eine solche Bemerkung, Sommer, und ich breche die Sprechstunde ab und melde Sie!«
Magda wendet sich an ihn: »Ach, bitte, nehmen Sie es ihm doch nicht übel! Sie ahnen nicht, wie er sich verändert hat, er muss Schreckliches durchgemacht haben!« Ihre Stimme zittert, ich lausche dieser schwachwerdenden weiblichen Stimme mit gierigem Entzücken. »Er war doch vor Kurzem noch ein blühender, gut aussehender Mann – und jetzt, ich hätte ihn auf der Straße nicht gekannt!« Ein paar Tränen tauchen aus der Tiefe ihrer Augen auf und rinnen langsam über ihre Wangen.
Auch diese Tränen beobachte ich mit gierigem Entzücken. Nein, sie rühren mich nicht. Nichts kann mein Herz mehr weichmachen, zu schwer hat sie mich beleidigt! Aber ich genieße es, dass nun auch sie leidet; sie soll es auch fühlen, endlich fühlt sie es, was sie mit mir angerichtet hat, wie schwer sie sich durch ihre Spionage, ihre unbedachte Rederei gegen mich vergangen hat, welches Verhängnis sie auf mein Haupt herabgezogen hat.
Magda fährt fast fieberhaft erregt, halb zum Oberwachtmeister, halb zu mir gewendet, fort: »Aber ich kann dir doch schicken, Erwin, was du brauchst! Hätte ich das geahnt! Darf ich ihm ein Paket mit Esswaren schicken, Herr …?«
»Das dürfen Sie, Frau Sommer«, sagt Fritsch gnädig. »Auch Rauchwaren sind erlaubt. Hier ist überhaupt vieles erlaubt. Aber«, fährt er fort und sieht Magda augenzwinkernd aus seinem fetten Gesicht an, »Sie müssen bedenken, viele von diesen Kranken wissen wirklich nicht, wann sie satt sind. Sie fressen und fressen – ein ganzes Paket voll, zwei Brote an einem Tag! Und nachher sind sie krank, und wir haben unsere Mühe mit ihnen. Man darf nicht alles glauben, was diese Kranken erzählen.«
Und ich muss still dabeisitzen und mir diese Gemeinheiten mit anhören, der fette Fritsch ist mein Vorgesetzter, ich darf ihm nicht widersprechen. Ich denke an die Hungergestalten drüben, die Kartoffelschalen fressen und jeden verspritzten Tropfen Sauce vom Tisch ablecken, und die Wut steigt wieder in mir hoch. Aber ich bezwinge mich, ich sage rasch und lächelnd: »Ich danke dir vielmals für deine guten Absichten, Magda, aber ich brauche wirklich nichts. Herr Oberwachtmeister Fritsch hat ganz recht: Die Kranken kennen kein Maß. Gott sei Dank gehöre ich nicht zu ihnen, gottlob werde ich wohl schon in kurzem von hier fortkommen …«
Verwirrt sieht mich Magda an. »Aber du sprachst doch eben selbst von Wasser, Erwin …«, sagt sie.
»Ich sprach von Gänsebraten«, lache ich, »und das Wasser habe ich nur um des Kontrastes willen dagegengesetzt. Nein, nein, Magda, mach dir nur keine Gedanken, wir werden vollkommen ausreichend ernährt, wie dir eben Herr Fritsch auch gesagt hat. Schließlich tue ich ja auch keine schwere Arbeit, ich mache Bürsten, Magda, ich bin ein richtiger Bürstenmacher geworden. Hättest du das je von mir gedacht, Magda? Du sitzt auf meinem Stuhl im Kontor, und dein Mann macht unterdes Bürsten. Gibt es nicht ein Lied vom munteren Bürstenmacher, ach nein, das ist ein munterer Seifensieder. Aber auch ich bin munter und vergnügt in meiner Zelle beim Bürstenmachen, ich pfeife und singe den ganzen Tag, ach nein, das tue ich natürlich nicht, denn das ist in diesem Haus der vielen Erlaubnisse verboten. Aber innerlich pfeife und singe ich …«
Ich habe immer rascher und höhnender gesprochen, mein Zorn riss mich fort, aber dabei beherrschte ich mich doch, äußerlich sah alles ganz glatt und zufriedenstellend aus. Ich bemerkte die steigende Verwirrung in Magdas Gesicht, sie hat ein paarmal während meiner Worte das Taschentuch benutzt und an ihren Augen gewischt. Fritsch hat sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt und betrachtet gelangweilt die Fliegen an der Zimmerdecke. Er ist viel zu grob besaitet, um den ironischen Unterton meiner Worte herauszuspüren.
Übrigens hat Magda ein Kostüm an, das ich noch nicht an ihr kenne: ein dunkelgraues, sehr schickes Kostüm mit einem hellen Nadelstreifen. Ich denke mit Bitterkeit daran, dass meine zu mir gehörende Frau in einer Zeit, da ich Maßloses litt, Zeit und Lust hatte, an ein neues Kostüm zu denken, zur Schneiderin zu gehen, Anproben zu halten … So ungerecht sind die Lose verteilt, so gedankenlos sind selbst die besten Ehefrauen! – Übrigens sieht Magda gut aus, sie hat sich in der Zeit unserer Trennung wesentlich erholt, sie ist ausgesprochen hübsch. Während ich in dieser Zeit …
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Nach meinen raschen, höhnischen Worten ist eine tiefe Stille eingetreten, ich habe es nicht eilig, sie zu unterbrechen. Magda bewegt sich etwas unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, ich bin gespannt, was sie nun vorbringen wird. Aber als sie dann zu sprechen anfängt, ist es nur ein Dank für die übersandte Generalvollmacht.
»Ich brauchte sie eigentlich gar nicht. Weder auf der Post noch auf der Bank haben sie wegen meiner Unterschrift Schwierigkeiten gemacht. Aber ich verstehe es schon, wie du es meintest, Erwin, und ich danke dir für deine gute Meinung.« Sie reicht mir ihre Hand über den Tisch, und ich fasse sie vorsichtig und kühl, hüte mich, sie wärmer zu drücken. Die Hand kehrt etwas enttäuscht zu ihrer Besitzerin zurück.
»Und wie gehen die Geschäfte?«, frage ich, um nur etwas zu fragen.
Magda aber belebt sich. »Ich freue mich, dir sagen zu können, Erwin, dass die Geschäfte gut gehen, jawohl, ausgesprochen gut. Die Ernte ist recht befriedigend ausgefallen, und wir haben einen sehr schönen Umsatz erzielen können. Besonders in Hülsenfrüchten habe ich ein unglaubliches Glück gehabt. Ich kaufte, ehe die Preise dann so plötzlich anzogen …«
Eine Weile reden wir nun ruhig von den Geschäften. Wirklich eine tüchtige Frau, ganz unbestreitbar. Wie ihr Auge leuchtet, ihre Stimme lebendig wird, wenn sie davon spricht! So leuchtete ihr Auge vorher nicht, als es um ihren Mann ging. Aber so war es schon immer bei ihr – das Geschäft, der Garten, das Haus: Alles war ihr wichtiger als der Mann. Ich könnte eifersüchtig werden auf diese toten Dinge, wenn das nicht doch ein bisschen lächerlich wäre. Aber vielleicht nicht so lächerlich wie diese auch vom Arzt gerühmte Tüchtigkeit. Würde sie einigermaßen vernünftig überlegen, sie machte sich die ganze Plage nicht, verpachtete das Geschäft gegen eine kleine Rente und lebte behaglich in unserem Eigentum. Aber auf so etwas kommt natürlich so eine Frau nicht.
So gehen meine Gedanken immer weiter, während ich zerstreut Magdas eifrigem Reden lausche, das die Erinnerung an alte Kunden wachruft, an Fahrten durch abseits liegende Dörfer, glückliche Abschlüsse … Aber plötzlich werde ich hellhörig, denn Magda hat plötzlich von »unserer Konkurrenz« gesprochen, jenem jungen Anfänger, der sich mir zum Trotz in meiner Vaterstadt etablierte und mir schon ein paarmal recht zu schaffen machte. Irre ich mich, oder klingt jetzt noch ein ganz besonderer Unterton in Magdas Stimme, etwas Wärmeres als vorher? Ich höre sehr aufmerksam an, was Magda da erzählt.
»Ja, denke dir, Erwin, ich habe Herrn Heinze jetzt persönlich kennengelernt. Ich hatte mich eines Tages doch zu sehr über dieses ständige gegenseitige Unterbieten geärgert, bloß um einander die Kunden abzufangen, an denen wir schließlich gar verloren. Da bin ich einfach zu ihm auf sein Büro gegangen und habe ihm gesagt: ›Ich bin Frau Sommer, Herr Heinze, und nun wollen wir doch einmal sehen, ob wir beide nicht zu einem vernünftigen Abkommen gelangen können! Für beide Firmen gibt es ein Auskommen hier in der Stadt, aber wenn wir uns weiter so unterbieten, werden wir alle beide Pleite machen!‹ Das habe ich ihm gesagt!« Magda sieht mich triumphierend an.
»Und was antwortete er?«, frage ich gespannt.
»Nun«, sagte sie, und wieder fiel mir der warme Unterton in ihrer Stimme auf, »Herr Heinze ist nicht nur ein gebildeter, sondern auch ein kluger Mann. In fünf Minuten waren wir zu einem Abkommen gelangt. Jeden Morgen, Mittag und Abend verständigen wir uns über die Preise, die wir zahlen, keiner bietet auch nur einen Groschen mehr oder weniger, und nach Kunden angeln gehen ist überhaupt abgeschafft!«
»O du Ahnungslose«, rief ich. »Der wird dich schön reinlegen, der Heinze ist doch ein ganz gerissener, mit allen Salben gesalbter Halunke! Ins Gesicht verspricht er dir natürlich alles, aber hintenrum fischt er dir einen Kunden nach dem anderen weg. Schließlich hat er das Geschäft fest in Händen, und du stehst ohne alles da!«
»Armer Erwin«, sagte Magda, »immer noch so voll Misstrauen! Nein, ich habe Herrn Heinze recht gut kennengelernt – ich bin auch so manchmal mit ihm zusammen …«
Ich wunderte mich, was hinter diesem »auch so« wohl steckte, aber Magda war nicht errötet.
Sie fuhr fort: »Soweit kenne ich die Menschen doch, dass ich sagen kann: Herr Heinze ist ein innerlich vollkommen sauberer, anständiger Mann, auf den ich mich jetzt blindlings verlasse. Und wenn du mich für vertrauensselig hältst, Erwin, so genügt dir vielleicht der Beweis aus unseren Büchern: Wir haben unseren Umsatz in diesem Herbst um das Anderthalbfache gesteigert. Das wäre doch wohl kaum der Fall, wenn Herr Heinze uns die Kunden weggeschnappt hätte!« Sie sah mich mit triumphierenden, freudeglänzenden Augen an.
Ich sagte eisig: »Die Zahlen allein beweisen auch noch nichts. Du sagst, die Ernte war gut, und das Wetter war einem frühen Drusch bestimmt günstig, da kann der Umsatz für eine kurze Zeit sehr wohl steigen und einem dabei doch Kunden verlorengehen … Übrigens, ich erinnere mich gar nicht, war dieser Heinze nicht verheiratet?«
»Doch!« nickte Magda. »Aber er ist seit einem Jahr geschieden.«
»Soso«, antwortete ich möglichst gleichgültig. »Also geschieden. – Natürlich schuldig geschieden?«
»Wie du auch fragen kannst!«, rief Magda beinahe zornig. »Ich habe dir doch gesagt: Er ist ein ganz sauberer Mann. Natürlich lag die Schuld auf der anderen Seite!«
»Natürlich …«, wiederholte ich ein wenig spöttisch. »Entschuldige nur, du bist ja direkt begeistert von diesem Mann, Magda!«
Einen Augenblick zögerte sie, dann antwortete sie mit fester Stimme: »Das bin ich auch, Erwin!«
Wir sahen uns eine lange Zeit stumm an. Viel Ungesagtes lag in der Luft. Selbst Oberwachtmeister Fritsch hatte was gemerkt, er hatte sich auf seinem Stuhl vorgelehnt, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und betrachtete uns beide gespannt. Übrigens war die übliche Sprechstundenzeit längst überschritten.