Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 81
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Kufalt huscht wie ein Wiesel durch die Schreibstube, im Vorbeilaufen flüstert er Maack zu: »Hat doch nicht gelogen, der Patzig«, und ist schon aus der Tür. – Sicher hat Maack sein hastiges Flüstern gar nicht verstanden.
Mantel und Hut – was das alles dauert! Jauchs Schritt ist schon nicht mehr auf der Treppe zu hören, ach, alles kommt darauf an, dass Jauch nicht fährt, dass er zu Fuß geht. Kufalt kann nicht fahren, er kennt seinen Kassenbestand in der Tasche genau: ein Groschen gleich drei Juno. (Lieber nicht mehr mitnehmen, man kommt doch nur in Versuchung, es auszugeben.)
Straße. Blick nach rechts, Blick nach links: kein Jauch mehr. Unschlüssig stehen hilft nichts, nach dem Stadtinnern zu? Nach den Vororten zu? Textilhaus – also ins Zentrum! Kufalt läuft.
An der nächsten Straßenecke sind es schon drei Möglichkeiten. Kufalt rennt blindlings rechts um die Ecke. Die reine Wilde-Gänse-Jagd – es ist sinnlos.
Kein Jauch. Kein Jauch. So viele Menschen. Kein Jauch. Umkehren? Umkehren!
Kufalt läuft zurück, er kommt wieder an die Kreuzung, die Verkehrsampel ist rot, aber hat er Zeit zu warten? Er hat keine Zeit. Er stürzt zwischen Autos und Elektrische, ist plötzlich eingekeilt, einer flucht, er drängt zurück, wieder auf das alte Trottoir – und, als er sich umsieht, siehe, wer kommt aus dem Eckzigarrengeschäft, eine Zigarre qualmend? Nu, nu, der Herr Jauch!
»Na, Kufalt, wo gehen Sie denn lang?«
»Hier rauf.« Er deutet. Er weiß ja kaum in Hamburg Bescheid, wenn der nach der Straße und dem Namen des Zahnarztes fragt …!
Aber er fragt nicht.
»Machen Sie nur schnell. Sie wissen, Sie haben diese Woche achtzehn Mark zu schaffen. Mit oder ohne Zahnschmerzen. Sie verstehen mich doch? Entschuldigungen gibt’s nicht.«
»Ja«, sagt Kufalt demütig, zieht seinen Hut und bleibt zurück.
Dann schiebt er Jauch, gedeckt von einem Pärchen, nach. Der wandelt dahin, mit dem federnden Zehenspitzenschritt der Dicken, wohlgemut paffend, und wenn er sich einmal umdreht, so sicher nicht nach Kufalt sondern mehr nach den jungen Mädchen in ihren leichten Blusen, mit ihren bloßen Armen, auf ihren raschen Beinen.
»Pickelhengst, verdammter«, flüstert Kufalt und entert sicherheitshalber die andere Straßenseite, um sich besser zu verbergen.
Jauch entert sie ebenfalls. Kufalt wechselt zurück und sieht Jauch um eine Ecke drüben verschwinden. Kufalt nach – oh, welch unangenehm leere Straße! Hier wird’s schwer. Er muss ziemlich zurückbleiben. Jauch um die Ecke, Kufalt Dauerlauf nach. Und Herr Jauch ist weg. Wie sagt man? Vom Erdboden verschluckt!
Kufalt steht keuchend. Also war es doch umsonst! Weg, endgültig weg, in einem dieser Häuser.
Schließlich besinnt sich Kufalt auf seinen Verstand und bedenkt, dass eine Textilfirma einen Laden oder mindestens ein Schild an der Haustür hat, dass höchstens zehn, zwölf Häuser in Frage kommen – und er fängt an zu suchen.
Laden? Nein, keiner. Und Firmen – an fünfzehn Häusern finden sich zwei Schilder, die in Frage kommen: »Lemcke & Michelsen, Kinderkonfektion en gros« und »Emil Gnutzmann, Stielings Nachf., Textil-Versand«.
Alles in Butter, denkt Kufalt erleichtert, fasst hinter einer Anschlagsäule Posto und sieht richtig zwanzig Minuten später Herrn Jauch aus dem Haus treten, stehenbleiben, gegen den Himmel schauen, eine Zigarre aus der Tasche holen, sie abschneiden, anbrennen, zur Straßenecke gehen, rumsteuern …
Und Herr Jauch macht kehrt, geht schlank auf Kufalts Anschlagsäule zu, Kufalt zirkuliert angstvoll, immer rum um die Säule. Von welcher Seite kommt er? Wenn ich ihm nun direkt vor den Bauch renne?! Hat das Aas mich gesehen – und schon verschwindet Herr Jauch in einem hübschen, kleinen, verhängten Café, und Kufalt begreift plötzlich: Jauch ist direkt vor dem Abschluss, er telefoniert nur noch Marcetus!
Kufalt steht da, immer noch hinter der Litfasssäule, er denkt ganz schnell: Es geht uns weg, es geht uns weg! So ’ne schöne Chance, solch großer Auftrag kommt höchstens zweimal im Jahr … Ich müsste raufgehen. In einer Woche sitze ich doch auf der Straße, achtzehn schaffe ich nicht, solange Liese … Wenn er da hinter den Gardinen sitzt, komme ich nicht mal ungesehen über die Straße. Es ist Wahnsinn, ich gehe um die Ecke, ich gehe auf die Schreibstube, Berthold müsste hier sein, vielleicht schaffe ich doch achtzehn …
Und wagt es und läuft schon und steht im Eingang von Emil Gnutzmann, Stielings Nachfolger, und schielt nach dem Café, ob dort die Tür sich öffnet, ob hinter den Gardinen Jauchs verfluchende Faust erscheint …
Langsam steigt Kufalt die Treppe empor. Beruhigend ist es wenigstens zu wissen, dass man einen tadellosen Anzug trägt, den blauen, mit den weißen Nadelstreifen, dass man ein schickes Oberhemd anhat, dass man überhaupt nicht nach Vorbestraftheit riecht (wenn man sich nur richtig benimmt), sondern dass man so aussieht, wie ein Kufalt eben in seinen besten Tagen aussehen kann.
»Chef zu sprechen?« fragt Kufalt in dem gemacht munteren Ton, den er vor manchem Jahr auf manchem Büro von manchem Geschäftsreisenden gehört.
»Um was handelt es sich denn, bitte?« fragt das nette blonde Fräulein in der Anmeldung mit jenem gemacht höflichen Ton, der in jedem Büro für jeden Unerwünschten von jedem Angestellten mühelos bereitgehalten wird.
»Um den Adressenauftrag«, sagt Kufalt und horcht nach dem Treppenhaus, in dem ein Schritt hörbar wird.
»Das bearbeitet Herr Bär«, sagt das Fräulein. »Aber ich glaub, der Auftrag ist schon vergeben. Augenblick mal. Wenn Sie solange Platz nehmen wollen?«
Der Schritt ist vorbeigegangen, aber deswegen wagt Kufalt doch nicht, sich hinzusetzen, jeden Augenblick kann Jauch eintreten. Er geht auf und ab, sein Herz klopft gewissermaßen im Halse, der Mut der Feigen ist mal wieder weg.
O Gott, in was habe ich mich da eingelassen!
»Herr Bär lässt bitten«, sagt das Fräulein und geht Kufalt voran. Die Tür der fatalen Anmeldung schließt sich hinter ihm, erst einmal ist Kufalt sicher.
»Sie wünschen?« fragt Herr Bär kurz und schneidig.
Kufalt verbeugt sich. Er hat sich Herrn Bär als einen ältlichen, sorgenvollen, dicken Herrn vorgestellt und findet einen jungen, gutgepflegten Sportsmann.
»Wir haben gehört«, sagt Kufalt, aus seiner Verbeugung auftauchend, »dass Sie einen größeren Adressenauftrag zu vergeben haben. Meiner Firma würde sehr viel an diesem Auftrage liegen. Wir sind eine ganz junge Firma, wir machen Ihnen daher Kampfpreise, die von keiner Seite unterboten werden können.«
»Und diese Preise …?«
»Wenn das Adressenmaterial einigermaßen glatt zu schreiben ist, würden wir sagen: zehn Mark fürs Tausend.«
Das Gesicht des jungen Herrn Bär verdüstert sich. »Der Auftrag ist so gut wie vergeben. Ich bin gewissermaßen im Wort.«
Er sieht Kufalt fragend an.
»Nun«, sagt Kufalt hastig. »Wir würden es schließlich für neun Mark fünfzig machen.«
»Neun Mark«, sagt Herr Bär. »Und ich würde sehen, dass ich aus meinem Worte komme.« Kufalt zögert, und Bär erklärt: »Wenn ich mir die Unannehmlichkeiten schon mache, muss es sich wenigstens lohnen.«
»Neun Mark fünfundzwanzig«, setzt Kufalt an, als die Tür sich öffnet, die hübsche Anmeldedame hereinschaut und sagt: »Herr Jauch ist jetzt da, Herr Bär.«
Kufalt sieht fassungslos zur Tür … gleich wird sie sich öffnen … sein Schreibstubenvorsteher … und er in Konkurrenz mit ihm … er ist doch bloß ein entlassener Strafgefangener … und außerdem ist er beim Zahnarzt … Aber gesetzlich ist es verboten, dass man jemandem öffentlich vorwirft, er ist vorbestraft … oder ist es in so einem Falle erlaubt …?
»Soll warten«, knurrt Herr Bär. Und zu Kufalt: »Ihr Konkurrent, wissen Sie. Der macht es für achteinhalb.«
»Nicht unter zehneinhalb«, sagt Kufalt. »Den kenn ich doch.«
»So«, sagt Herr Bär. »Wie heißt übrigens Ihre Schreibstube?«
Kufalts Gehirn versagt … schnell einen Namen! Nur schnell einen Namen!
»Cito … Presto«, sagt er atemlos. Und ruhiger, es war gewissermaßen ein Kurzschluss in seinem Hirn: »Schreibstube Cito-Presto.«
»Ach nee!« lacht Herr Bär. »Sie überbieten Ihre Konkurrenz doppelt. Na ja. Und wann könnten Sie anfangen?«
»Morgen früh«, sagt Kufalt und ihm schwindelt. Keine Schreibmaschinen – kein Geschäftslokal – und Telefon müsste eigentlich auch sein.
»Und wie viel würden Sie täglich abliefern?«
»Zehntausend.«
»Schön. Macht einen Monat. Nee, noch fünf Tage drüber, wenn wir die Sonntage abrechnen.«
»Wir würden in einem Monat dreihunderttausend liefern.«
»Sch-ö-n«, sagt Herr Bär nachdenklich und betrachtet Kufalt, denkt dabei aber sichtlich an etwas anderes. »Sie können dann morgen früh Umschläge und Adressenmaterial abholen lassen. Wo, sagten Sie, ist Ihr Geschäftslokal?«
»Wir sind gerade im Umzug«, sagt Kufalt hastig. »Wir sind noch nicht dort und nicht mehr hier. Sobald wir übergesiedelt sind, gebe ich Ihnen unsere Adresse.« Und denkt verzweifelt: Welch ein Stuss, ich muss doch wissen, wohin wir ziehen!
Aber Herr Bär ist noch immer mit seinen Gedanken anderswo.
»Na schön«, sagt er gedankenvoll. Und plötzlich lebhaft: »Wissen Sie, hören Sie mal …« Er unterbricht sich: »Ich weiß noch nicht mal Ihren Namen, Herr …«
Es kann ja irgendwie schiefgehen, wozu soll ich mir die Sache ans Bein binden? Draußen sitzt Jauch …, denkt Kufalt. Und sagt hastig: »Meierbeer ist mein Name. Meierbeer!«
»Mit dem Komponisten verwandt? Oder hinten mit mir? Hähä!« Herr Bär lacht. »Also, Herr Meierbeer, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie über den Lieferantenausgang hinausließe? Sie wissen, Ihr Konkurrent, Herr Jauch … ich bin da gewissermaßen im Wort … ich muss das irgendwie drehen – Sie verstehen?«
»Aber gerne!« lacht Kufalt erleichtert, und sein Herz beginnt ruhiger zu klopfen. Er begreift plötzlich, dass er heute seinen Glückstag hat. »Wäre mir ja auch peinlich, wenn die Konkurrenz sähe, ich habe ihr den Auftrag weggeschnappt.«
»Na also!« sagt Bär. »Dann kommen Sie man.«
»Wie viel Drucksachen legen Sie denn überhaupt ein?« fragt Kufalt plötzlich.
»Ach, nicht schlimm«, tröstet Herr Bär. »Einen achtseitigen Prospekt falzen und eine Bestellkarte in den Falz.«
»Bestellkarte einlegen macht auch wieder Extraarbeit.«
»Ist ja nicht so schlimm«, tröstet Herr Bär.
»Na, erlauben Sie mal, bei dreihunderttausend! Das sind mindestens vier, fünf Arbeitstage extra!«
»Also neun Mark«, sagt Herr Bär und hält die Hand hin. »Neun Mark fünfzig ist das Äußerste«, sagt Kufalt und versteckt die seine.
Herr Bär entrüstet sich: »Erlauben Sie mal, Sie haben schon neun Mark fünfundzwanzig gesagt.«
»Nicht mit einer Antwortpostkarte«, sagt Kufalt. Er steht auf der obersten Treppenstufe, Herr Bär auf einem Absatz vor der Tür.
»Also lassen wir es«, sagt Herr Bär und nimmt seine Hand wieder an sich. »Herr Jauch wartet.«
»Sie müssen uns auch leben lassen«, sagt Kufalt, sicher, dass Jauch es nie für den Preis tut. »Und Sie bekommen von uns Adressen sauber wie von keiner Firma.«
»Das sagen Sie alle!« grollt Herr Bär. »Nachher kommt die Hälfte unbestellbar zurück.«
»Dann kann es nur am Adressenmaterial liegen.«
»Nicht bei uns, unsere Adressen stimmen alle.«
»Das sagen nun wieder alle Adressenauftraggeber«, lächelt Kufalt.
»Also sagen Sie ein vernünftiges Wort, Herr Meierbeer«, sagt Herr Bär und lächelt, von Neuem bezwungen durch den Namen. »Schreiben Sie sich eigentlich mit a-Umlaut wie ich?«
»Nein, mit Doppel-e«, erklärt Kufalt. »Neun fünfzig.«
»Also sagen wir neun fünfundzwanzig, hier ist meine Hand.«
»Ich will ja auch nicht so sein«, besänftigt sich Kufalt. »Neun vierzig.«
»Herr Jauch sagt, er kann nicht länger warten«, erklärt die Anmeldedame.
»Herr Jauch kann mir …!« schreit Herr Bär wütend. Und einlenkend: »Nein, halt, nein, Fräulein, er kann nicht. Er soll nur noch drei Minuten warten.« Bittend zu Kufalt: »Neun dreißig.«
»Neun fünfunddreißig«, sagt Kufalt. »Meinethalben. Aber bar Kasse alle Zehntausend bei Ablieferung.«
»Abgemacht«, sagt Bär. »Bestätigen Sie mir das schriftlich. Ich gegenbestätige es Ihnen dann.«
»Gemacht«, sagt Kufalt. Und nun treffen sich die Hände. »Also morgen früh …«
»Ich danke auch namens meiner Firma bestens für den Auftrag«, sagt Kufalt, plötzlich wieder sehr formell. Er schüttelt nochmals die Hand des anderen. »Auf weitere gedeihliche Geschäftsverbindung!«
Er steigt würdig treppab, während Herr Bär sich zögernd dem Falle Jauch und seinem zu drehenden Worte zuwendet.
11
Es ist kurz nach der halbstündigen Mittagspause, ein brennend heißer Sommermittag. In der Schreibstube ist es stickig und schwül, die weißen Scheiben lassen nicht einmal den Trost blauen Himmels und heller Sonne ein – erstickende heiße Luft, nichts sonst.
Die Finger tanzen schlaff auf den Tasten, ist der Wagen am Ende, wird er langsam, träge zurückgezogen, eine Sekunde, zwei Sekunden Pause, und die Finger beginnen neu.
Heiße feuchte Stirnen, verschlossene, verkrampfte Gesichter, kein Geschwätz, kein Flüstern, nur Schlaffheit und Verdrossenheit.
Im Nebenzimmer, die Weiber von der Vervielfältigungsmaschine, die schwatzen. Sie haben nichts zu tun, sie haben schon den dritten oder vierten Tag keine Arbeit, nichts da zu vervielfältigen. Aber ihr Gehalt bekommen sie darum doch, sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, manchem wächst das Fressen wirklich ins Maul, wer sich aber nicht satt essen kann, kann sich auch nicht satt schlecken.
Jawohl, zwanzig Schreibmaschinen klappern, aber darum hört man doch: Drüben, in Jauchs Büro, ist die Tür gegangen, und nun fliegt sie zu, mit einem donnernden Getöse: bumm, bumm!
Es schüttert.
Kufalt wirft Maack einen Blick zu. Maack wirft Kufalt einen Blick zu. Maack senkt die Lider über die Augen zum Zeichen, dass er den Blick verstanden hat.
Hinundhergelaufe drüben im Büro, ein Fenster wird aufgerissen, nun fängt Jänsch an, unterdrückt vor sich hin zu lachen, denn der Jauch da drinnen schimpft mit sich. Aber er wird sofort wieder stille, denn die Tür geht auf, Jauch brüllt mit aller Kraft, nur den blauroten Kopf durchsteckend: »Fräulein Merzig!! Fräulein Merzig!!!«
»Ja, Herr Jauch?«
Auf der anderen Seite der Schreibstube öffnet sich die Tür, Fräulein Merzig (die Große, Zibbe) steckt ebenfalls den Kopf durch: »Ja, bitte, Herr Jauch?«
»Das Hamburger Adressbuch, aber ein bisschen flott, ja?«
»Sofort, Herr Jauch!«
Jeder merkt: Sturm im Anzug, Gewitterbö am Himmel. Fräulein Merzig läuft eilig in der Schreibstube von Platz zu Platz, zu sehen, wo das Hamburger Adressbuch liegt.
Jauch, immer mit dunkelrotem Gesicht, folgt ihr mit seinem Blick. »Wer, zum Donnerwetter, hat es denn! Kann der sich nicht melden?!«
Sie findet es bei Sager und nimmt es ihm fort.
»Hören Sie mal, Fräulein, ich muss arbeiten«, protestiert Sager matt.
Sie läuft schon damit zu Herrn Jauch, der drohend verkündet: »In Kürze werden sehr viel großkotzige Herren ohne Arbeit sitzen.«
Er reißt das Adressbuch an sich und verschwindet.
»Sie können wenigstens ›Entschuldigung‹ oder ›Bitte‹ sagen, Fräulein«, grollt Sager.
»Mit Ihnen rede ich überhaupt nicht«, erklärt Fräulein Merzig, und sie meint nicht etwa nur Sager, sondern alle in diesem Zimmer. Sie geht und verschwindet bei ihrer Kollegin, nicht ohne die Tür einen Spalt offenzulassen –: »Denn heute gibt’s was, so habe ich Jauch noch nie gesehen, sicher wirft er einen von denen raus!«
Vorläufig flucht er weiter in seinem Zimmer, raschelt mit dem Adressbuch und erscheint wieder in der Tür, diesmal in voller Figur.
»Kann ich mein Adressbuch wiederhaben, Herr Jauch?« fragt Sager hartnäckig.
»Kennt jemand von Ihnen eine Schreibstube Cito-Presto?« fragt Herr Jauch und kommt bis in die Mitte des Zimmers.
Stille.
Dann lässt sich eine Stimme vernehmen: »Schreibstube Cito, Herr Jauch …«
»Cito-Presto habe ich gefragt, Sie Idiot«, brüllt Herr Jauch los und ist beim Nebenzimmer, wo er seine Frage wiederholt.
»Schreibstube Cito …«, sagt Fräulein Merzig.
»Gänse!« brüllt Jauch, besinnt sich und sagt milder: »O Pardon«, schmettert aber immerhin die Türe zu.
Er dreht sich um, nun hat er die ganze Schreibstube wie eine Schulklasse vor sich, alle mit den Gesichtern zu ihm hin. Er lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür, steckt die Hände in die Taschen, spielt in der einen mit seinen Schlüsseln, in der anderen mit Silbergeld und nagt dabei an der Unterlippe, die Stirn in Querfalten.
»Hol mal einer die Zigarre aus meinem Aschenbecher …«
Er überlegt, sieht die Reihe entlang, bleibt bei Maack hacken – der tippt. Jauch überlegt wieder, springt dann zu Maacks Hintermann und ruft: »Lammers!«
Lammers steht ängstlich auf, geht beinahe laufend in das Chefbüro, kommt wieder mit einem Zigarrenstummel, reicht ihn Herrn Jauch.
»Feuer!« sagt der.
Lammers sucht in seinen Taschen, findet Streichhölzer, brennt eins an, gibt Jauch Feuer, alles in angstvoller Haltung. Jauch zieht, pafft dann. »Sie wissen doch, dass das Rauchen hier verboten ist? Wenn ich das noch einmal sehe, dass Sie Streichhölzer bei sich haben …!«
»Ich habe aber nicht geraucht, Herr Jauch«, stammelt Lammers.
»Hältst du den Mund?! Hältst du den Mund?! Soll ich dich rausschmeißen, oder hältst du den Mund?!!!« brüllt Jauch den aschfahlen Lammers an.
Der steht einen Augenblick, läuft dann torklig an seinen Platz, setzt sich hastig, zieht den Kopf zwischen seine Schultern und tippt los.
Einen Augenblick Stille. Jauch schnauft. Jeder fühlt, es war erst der Windstoß vor dem Losbruch, es soll erst losgehen. Jauch sucht sein nächstes Opfer mit dem Auge, sein Blick fällt auf Kufalt, der wie verzweifelt tippt. Jauch bewegt schon die Lippen, da klingt ein kräftiger Bass aus dem Hintergrund: »Stinkt, der Affenstall!«
Jauch fährt herum, sein Mund steht töricht halb offen, er fragt atemlos, als sei ihm von einem Magenschlag die Luft weggeblieben: »Wie bitte?! Wer sagte da was?«
Jänsch steht auf hinter seiner Schreibmaschine, wie ein kleiner Junge zeigt er mit dem Finger hoch. »Ich, Herr Jauch.«
Er steht einen Augenblick abwartend da, sieht zu, wie Jauch sich aus seiner Fassungslosigkeit zu einem Ausbruch sammelt, dann, gerade als er loslegen will: »Hab gesagt, dass der Affenstall hier stinkt, Herr Jauch. Und das tut er denn ja auch bei so ’ner Affenhitze, nicht?«
»Kommen Sie mit!« schreit Jauch. »Kommen Sie mit in mein Zimmer! Ihre Papiere. Sie sind entlassen, Sie Mensch, Sie, Sie undankbares Geschöpf! Ihre Papiere!«
»Und mein Geld«, sagt Jänsch unerschütterlich und geht gleichzeitig mit Jauch auf dessen Zimmer los.
Sie sind im Begriff, dort zu verschwinden, als in einer anderen Ecke der Schreibstube einer aufsteht, Deutschmann diesmal, und schreit: »Herr Jauch, ich finde auch, dass dieser Affenstall stinkt.«
Jauch steht fassungslos, er bewegt wortlos die Lippen, er sieht von einem zum anderen, er fängt an nachzudenken, dann hebt er die Hand. »Kommen Sie auch, Herr Deutschmann, Sie sind beide entlassen.«
»Schön«, sagt Deutschmann, »geht in Ordnung.«
Aber sie kommen noch immer nicht in Jauchs Zimmer, denn nun steht Sager auf und sagt höflich und bescheiden: »Darf ich mir wohl mein Hamburger Adressbuch holen, Herr Jauch? Ich muss arbeiten.«
»Lassen Sie mich zufrieden!« brüllt Jauch den Höflichen an.
»Dann bin auch ich der Ansicht, dass dieser Affenstall stinkt«, sagt Sager mit derselben lächelnden Höflichkeit. Und etwas schneller: »Ich stell mich von selbst zu den anderen, Herr Jauch, ich komme schon.«
»Das ist Meuterei!« schreit Herr Jauch. »Das ist …«
»Meuterei gab’s im Kittchen, Herr Jauch, da täuscht Sie Ihre Erinnerung«, sagt Maack kühl und steht nun auch seinerseits auf. »Hier sind wir doch nicht mehr im Kittchen, nicht wahr?«
»Natürlich der Herr Maack«, sagt Jauch langsam, und nun ist seine ganze Wut weg. Er sieht auch nicht mehr rot aus, er ist fahl. Er ist sehr aufgeregt, aber er hat sich wieder am Bändel. Er sagt langsam: »Darf ich, zur Abkürzung des Verfahrens, fragen, wer von Ihnen noch der Ansicht ist, dass es in – diesem – Affenstall – stinkt? Bitte, meine Herren, nicht genieren. Ja, bitte?!«
Es stehen noch auf: Kufalt, Fasse, Öser.
»Ich übrigens auch«, sagt Maack.
»Nun, natürlich. Herr Fasse, Herr Öser. Und der Herr Kufalt. Aber ich weiß Bescheid, meine Herren, so leicht ist es nun doch nicht. Ich weiß Bescheid …«
Die Herzen der Verschwörer bleiben stehen. Wenn das Aas wirklich Bescheid weiß, wenn er uns die Arbeit vermasselt …!
»Das ist eine Verschwörung, und der liebe, gute, demütige Herr Kufalt ist der Anführer. Ich habe wohl gehört, wie Sie sich heute am Farbbandkasten verabredet haben, ein Ding zu schieben. Ich werde die Kriminalpolizei benachrichtigen, ich werde …«
»Ich finde auch, es stinkt in diesem Affenstall«, sagt eine helle, überschlagende Stimme. Siehe da, es erhebt sich noch einer, Emil Monte, Hundertfünfundsiebziger,61 schlanker, blonder Pupenjunge …
»Mensch, bleib du doch bloß sitzen, du gehörst doch nicht zu uns!« schreit unbedacht Jänsch.
»Der Beweis ist erbracht«, sagt Jauch feierlich, »dass eine planmäßige Verabredung vorliegt. Kommen Sie einer nach dem anderen in mein Zimmer, und holen Sie Papiere und – Geld. Das Weitere werde ich mit Herrn Pastor Marcetus besprechen. Sie werden schon sehen, wie Ihnen das bekommt.«








