Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 82

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FÜNFTES KAPITEL – Schreibstube Cito-Presto

1

Es war die herrlichste Sache von der Welt …!

Einer hatte gerufen: »Zuerst einmal gehen wir futtern! Ich habe Kohldampf noch und noch.«

»Ich auch!«

»Und ich!«

Die mahnende Stimme »Warmessen am Wochentag« verhallte ungehört, und sie verschwanden acht Mann hoch in einem Bräukeller.

Von dem sparsam besonnenen Maack, der saure Linsen für fünfunddreißig Pfennig aß, bis zum wildverfressenen Jänsch, der ein Gulasch und noch ein Eisbein vertilgte, dazu zwei Helle (drei Mark sechzig), waren alle Temperamente vertreten.

Montes helle Stimme schrie überschnappend: »Ich zahl euch allen ein Bier! Gott sei Dank, dass ich da raus bin aus diesem Affenstall!«

»Dankend abgelehnt«, brummte Jänsch. »Ich zahl mein Bier alleine.«

Und Maack: »Trinken dürfen Sie in einem Monat, wenn’s geklappt hat.«

»Uch«, sagt Monte. »Seid doch nicht so ete. Ich bin ja sooo froh, dass die verfluchte Adressenschmiererei vorbei ist. Angekotzt hat mich das schon. Gearbeitet habe ich im Kittchen wahrhaftig genug.«

Die sieben anderen sitzen und sehen, Essgerät in den Händen, den Knaben Emil Monte, dann einander ernst an.

»Also sagt schon, was ihr für eine Sache auf der Pfanne habt. Quatscht euch rein aus, ich mach jeden Dreck mit.«

»Aber wir nicht!« ruft Fasse und bekommt einen strengen Blick von Jänsch.

Schon zeigt sich, dass sich hier zwei die Führerrolle streitig machen werden, denn statt Jänsch sagt Maack: »Was wir für ein Ding auf der Pfanne haben, Monte? Adressenschreiben!«

»Und zwar«, sagt Jänsch hastig, um auch sein Wort zu sagen, »und zwar Adressenschreiben, wie du es noch nicht erlebt hast: fünfzehn Stunden täglich, und wenn dir das nicht passt, den Arsch voll!« Er hebt seine große, schaufelbreite Pratze und zeigt sie drohend dem Monte.

»Ich bin allerdings der Ansicht«, sagt Maack eilig und leise, »dass es noch sehr zweifelhaft ist, ob wir Monte überhaupt mitnehmen. Er gehört nicht zu uns.«

»Ogottogott«, flüstert der hübsche, blondlockige Monte, völlig überwältigt, »ihr wollt richtige, solide Arbeit machen, ihr?! Ogottogott, was bin ich für ein Dussel gewesen!«

»Über all das werden wir zu sprechen haben«, sagt Jänsch.

»Ich bin satt. Ober, zahlen!«

»Wir auch!«

»Wir gehen zu dir, Kufalt, deine Bude liegt am bequemsten.«

2

Es war die herrlichste Sache von der Welt …!

Zuerst wurde mit zwei Stimmen Mehrheit der ruhige Herr Maack zum Schreibstubenvorsteher gewählt.

»Ich nehme die Wahl mit Dank an«, sagte Maack rasch und sicher und gab seiner Brille auf dem Nasenrücken einen kleinen Schubs, »und werde mich bemühen, immer eure Interessen wahrzunehmen. Aus der Reihe tanzen«, sagte er noch rascher, denn Jänsch fing eifersüchtig an zu brummen, »gibt es nicht. Ich werde möglichst wenig anordnen, aber was ich anordne, muss unbedingt befolgt werden. Wer sich widersetzt …«

»Arsch voll«, brummte Jänsch.

»Ungefähr, Jänsch, ungefähr so dachte ich es mir auch«, sagte Maack lächelnd. »Dabei fällt mir Monte ein. Ich habe mir den Fall noch einmal überlegt. Ich bin jetzt anderer Ansicht …«

»Ich auch …«, brummte Jänsch.

»Sie sind jetzt gegen Behalten?«

»Ja, jetzt bin ich gegen Behalten.«

»Ich bin«, sagt Maack, »anderer Ansicht. Wir haben in einem Monat dreihunderttausend Adressen abzuliefern. Zwei Mann müssen ständig falzen und kuvertieren. Bleiben, Monte eingerechnet, sechs Mann zum Tippen. Sechs mal zehn ist sechzig, sechs mal sechs ist sechsunddreißig, neuntausendsechshundert …«

»Was rechnest du für ’nen Mist?«

»Muss, selbst wenn Monte bleibt, jeder Mann jeden Tag zwischen sechzehn- bis siebzehnhundert Adressen schreiben.«

»Au Backe!«

»Das zieht hin!«

»Ich schreib zweitausend«, erklärt Jänsch.

»Ich auch«, sagt Maack, »und Deutschmann bestimmt auch. Aber es gibt genug unter uns, die weniger schreiben. Ich schlag also vor: Wir setzen den Monte ans Falzen und Kuvertieren, mit Kufalt zusammen. Sonst schaffen wir es nicht.«

Verdrossenes Schweigen. Einer sagt ärgerlich: »Na ja. Und was soll der verdienen?«

Monte setzt ein: »Ich möchte aber gar nicht mitmachen. Ich habe nicht deswegen …«

Jänsch steht auf und geht quer durch das Zimmer auf Monte los. Er fasst ihn an den Schultern, drückt ihm die Arme an den Leib und schüttelt ihn hin und her. »Pupenjunge«, sagt er dazu. »Pupenjunge!«

»Genug, Jänsch«, sagt Maack. »Also du weißt Bescheid, Monte. In einem Monat kannst du machen, was du willst. Bis dahin …«

»So!« sagt Jänsch, hebt den Monte hoch und setzt ihn mit einem Krach auf den nächsten Stuhl.

Monte reißt sein Taschentuch heraus, trocknet sich die Stirn, reibt sich den Oberarm, sieht albern-empört von einem zum anderen, und plötzlich fängt er weibisch an zu kichern …

»Was der für Kräfte hat!« kichert er.

»Ehe wir an die Arbeitsverteilung gehen«, sagt Maack, »müssen wir feststellen, welche Geldmittel wir als Betriebskapital zur Verfügung haben. Wir müssen sechs Schreibmaschinen auf Abzahlung kaufen, ich rechne dreißig Mark pro Stück die erste Rate, ein Zimmer mieten, dreißig Mark, Tische, Stühle, sechzig Mark …«

»Aber das können wir uns doch alles so« – Handgriff – »besorgen.«

»Tische und Stühle sechzig Mark! – Das wäre wohl alles. Hundertachtzig die Maschinen, zweihundertzehn die Miete, zweihundertsiebzig alles in allem … Wie viel kann jeder von euch dazu geben?«

Stille.

Noch viel stiller. Jeder sieht krampfhaft vor sich hin.

»Wir sind acht Mann«, sagt Maack. »Es würden auf jeden vierzig Mark entfallen. Wer hat so viel?«

Stille. Stille. Stille.

»Ich zeichne also vierzig Mark«, sagt Maack. »Na, und du, Kufalt?«

»Ich habe doch den Auftrag gebracht«, sagt Kufalt hilflos. Er fürchtet, gibt er jetzt vierzig Mark her und die anderen sehen, er hat dann noch immer dreihundertvierzig in der Brieftasche – so muss er alles zahlen.

»Und Sie, Jänsch?«

»Ich fress all mein Geld immer gleich auf«, sagt Jänsch mürrisch. »Sie sind doch der Schreibstubenvorsteher, Maack.«

»Und Sie, Fasse? – Deutschmann? – Sager? – Öser? – Monte?«

»Geld soll ich auch noch geben«, schreit Monte. »Wo ich so behandelt werde!«

Langes, verdrossenes Schweigen.

»Ja, wozu sind Sie denn der Schreibstubenvorsteher?« sagt Jänsch noch einmal.

»Der Kufalt hat uns überhaupt reingerissen«, sagt Öser böse. »Schön blöd sind wir gewesen. Siebzehnhundert Adressen den Tag, so ein Quatsch!«

»Scheiße!« schreit Sager und haut auf den Tisch.

»Scheiße!« schreit auch Fasse.

Und plötzlich schreien sie alle: »Scheiße!« Sind wie wild, trommeln auf den Tisch, geraten in einen Paroxysmus62 von Verzweiflung: ach, die schöne, so leichtsinnig aufgegebene Schreibstube dahinten!

»Einen Augenblick«, sagt Maack, und langsam wird es still.

Maack sagt – und er sieht ja wirklich tadellos aus, dieser Maack mit dem weißen, selbstbeherrschten Gesicht, mit der schmalen Goldbrille –, also er sagt: »Unter der Voraussetzung, dass uns die Geldbeschaffung gelingt …«

»Scheiße!«

»Bitte! Ich bin überzeugt, ihr alle habt Geld – ausgenommen vielleicht Monte.«

»Hab auch keines«, sagt Monte. »Wenn ich hier mitarbeiten soll, muss ich Vorschuss haben.«

»Also – unter der Voraussetzung, dass das Geld zusammenkommt und wir morgen mit Arbeiten anfangen, so bekommen wir übermorgen von der Firma dreiundneunzig Mark fünfzig für die ersten Zehntausend und jeden weiteren Tag weitere dreiundneunzig Mark fünfzig Arbeitslohn …«

»Ja, wenn …!«

»Ich schlage nun vor, dass wir vorläufig jedem nur einen Wochenlohn von fünfundzwanzig Mark auszahlen, bis die Geldgeber ihre Einlagen zurückhaben. Und zwar bekommt jeder Geldgeber für hergegebene zehn Mark fünfzehn Mark aus den Eingängen zurück, als Belohnung für sein Risiko.«

Höher atmendes Schweigen.

»Wird dieser Vorschlag von mir«, sagt Maack hurtig, »angenommen, so bin ich bereit, hundert Mark zu zeichnen.« Einen Augenblick Stille – und Maack setzt träumerisch hinzu: »Ich würde dann hundertfünfzig zurückbekommen.«

»Wieso hundert Mark?« sagt Jänsch brummig. »Wieso gerade Sie hundert Mark? Dann zeichne ich auch hundert Mark!«

»Ich auch!«

»Ich auch!«

»So viel brauchen wir doch gar nicht.«

»Ich hundertfünfzig«, schreit Kufalt.

»Und ich habe nicht mehr als vierzig Mark«, klagt Monte. »Wieso soll gerade ich so wenig verdienen?«

Brüllendes Gelächter.

»Kiek, der Pupe, der wittert auch was!«

»Will Vorschuss, der Goldjunge! Nachschuss, mein Süßer.«

»Da also«, sagt Maack, »die Geldfrage in dem Sinne geregelt ist, dass jeder von uns vierzig Mark zahlt …«

»Aber wir kriegen sechzig wieder!«

»Natürlich! … So bitte ich erst einmal alle, möglichst schnell nach Hause zu gehen und das Geld zu holen. Wir haben heute noch einen Haufen zu erledigen.«

Alles eilt fort.

»Junge, Monte – wenn du nicht wieder anzitterst – wir finden dich!«

»Ich komm schon«, sagt Monte. »Wenn ich sechzig Mark für vierzig kriege!«

Kufalt und Maack bleiben zurück. Maack liniiert einen Bogen, schreibt die Namen der acht untereinander, zuoberst den seinen, neben jeden Namen die Zahl vierzig. Dann nimmt er aus einer abgegriffenen roten Brieftasche zwei Zwanzigmarkscheine, legt sie vorsichtig vor sich hin und quittiert sich selbst: »Erhalten, Peter Maack.«

Dann empfängt er von Kufalt ebenfalls vierzig, quittiert wieder und sieht lächelnd zu Kufalt auf. »Ein bisschen dumm seid ihr ja alle. Denkt, ihr verdient zwanzig Mark jeder, und merkt nicht, dass die euch allen gleichmäßig vom Arbeitsverdienst abgezogen werden.«

»Mensch«, sagt Kufalt atemlos. »Das hast du die ganze Zeit gewusst! Wenn das die anderen wüssten!«

»Ich erzähl’s auch dir alleine«, sagt Maack. »Hoffentlich kommt keiner von den anderen darauf, bis sie wieder hier sind mit ihrer Marie.«

3

Und nun wurde es wirklich und wahrhaftig die herrlichste Sache von der Welt.

Es zeigte sich, dass – von dem immer schmierig aussehenden Öser und von dem ewig pupenjungenhaft gekleideten Monte abgesehen –, dass alle anderen Würde und Ernst der Stunde begriffen hatten: Nicht nur das Geld brachten sie mit, nein, auch umgekleidet hatten sie sich. Selbst der wilde Jänsch sah nahezu elegant und fast glatt rasiert aus, und Deutschmann kam sogar, trotz des glühenden Sommernachmittags, im Cut und mit einem schwarzen steifen Hut.

Sie umstanden ihn und stimmten einen Brummgesang an:

»Die Melone …«

»Und der Judenhelm …«

»Ach, dein süßer, steifer Schwarzer …« (Natürlich Monte.)

»Mit dem Bibi, kleiner Schelm …«

Deutschmann ertrug diese etwas lärmende Bewunderung mit lächelnder Gelassenheit. Maack belohnte ihn. »Du, Deutschmann, gehst mit Fasse und mietest uns ein Geschäftslokal. Möglichst in der Nähe von der Firma – wie heißt sie doch?«

»Emil Gnutzmann, Stielings Nachfolger«, half Kufalt aus.

»Also schön. Ein Zimmer genügt. Meinethalben unterm Dach. Gutes Licht. Nicht mehr als dreißig Mark …«

»Ob ich das schaffe?«

»Keinesfalls mehr als dreißig Mark!!! Hier hast du Geld, unterschreib die Quittung. Und lass dir eine von unserem neuen Hauswirt geben …«

»In Ordnung«, sagt Deutschmann. »Mach ich. Wer sorgt für Lampen?«

»Wart’s ab. Sie, Herr Jänsch …«

»Hör bloß mit dem Getu auf! Hier nennen wir uns jetzt alle du, wo wir schon unser Geld zusammengeschmissen haben.«

Maack sagt höflich: »Danke schön, Jänsch. Also, ich bitte dich, geh mit Sager und Monte los und besorg die Möbel. Vielleicht kriegt ihr Leihmöbel, sonst kauft ihr einfach Böcke, über die man Bretter nageln kann. Dazu drei, vier alte Ziehlampen. Hier ist Geld und Quittung. Und bitte Belege mitbringen.«

»Versteht sich alles. Sabbel bloß nicht so viel.«

»Ich geh mit Kufalt und besorg die Maschinen. Um sieben Uhr dreißig treffen wir uns hier bei Kufalt wieder und melden, wie alles erledigt ist.« Mit ernster Besorgnis: »Aber, Jungens, ihr wisst, es muss klappen, morgen müssen wir unbedingt sitzen und tippen.«

»Besorg du nur die Maschinen, ich schaff die Möbel schon an.«

»Und ich die Wohnung.«

»Und was mach ich?« fragt Öser.

»Ja, du«, sagt Maack und wird von einer fast verlegenen Feierlichkeit ergriffen. »Für dich hab ich einen Spezialauftrag …«

»Quatsch dich rein aus. Dass ich die dreckigste Arbeit machen soll, ist mir schon klar.«

»Gar nicht. Nur, ich weiß nicht, ob es dir unangenehm ist. Ich muss dich was fragen, ich habe mal so was gehört …«

»Nu aber los, Maack«, sagt Jänsch.

»Ich hör zu«, sagt Öser. »Zuhören kann man, man muss nicht gleich hauen.«

»Also, ich hab so was gehört, Öser«, fängt Maack wieder an, »aber es kann natürlich Gesabbel gewesen sein …«

»Jetzt hau ich aber gleich!« erklärt Jänsch.

»Falschmünzerei?« fragt Maack.

Öser ist ein langer, schlenkriger Mann, Mitte der Dreißiger, mit einem kantigen, scharfen Gesicht, fuchsroten Haaren, langen Händen mit komischen Fingern, die überall Buckel zu haben scheinen.

»Sabbel nur weiter«, sagt er. »Ich hör schon zu …«

»Ihr wisst doch, der Kufalt soll morgen eine Bestätigung abgeben über die Vereinbarung zwischen unserer und deren Firma. Nun haben wir doch keine Briefbogen mit Firmeneindruck und kriegen so schnell keine und wissen noch nicht mal, wo wir wohnen. – Ob du das wohl kannst, dass du uns einen oder zwei Briefbogen machst, mit der Hand, weißt du, dass sie genauso wie gedruckt aussehen? Hast du mal die von Presto gesehen …?«

»Red nur weiter, ich schlag dir schon zur rechten Zeit hinter die Löffel.«

Aber Öser grinst.

Darum fährt Maack auch eifriger fort: »Briefbogen müssen wir haben, es macht sonst einen zu schlechten Eindruck. Und, weißt du, es müsste ein bisschen nett aussehen, so was Modernes, vielleicht ein junges Mädchen an der Schreibmaschine, Schreibstube Cito-Presto, modernster Betrieb des Kontinents, und dann noch: Unerhört rasch – unerhört billig – unerhört genau, und ein Blitz vielleicht durch alles. Weil wir so schnell arbeiten. Aber es müsste genau wie Gedrucktes aussehen …«

»Arschloch!« brüllt Öser los, aber begeistert, »Hund, dämlicher! Ich habe Zwanzigmarkscheine gemacht, mit den Guillochelinien, das sind die ganz feinen verschlungenen Linien, die kein Mensch nachmachen kann, und ich hab sie nachgemacht, und kein Mensch hat’s gemerkt, und die Reichsbank hat sie in Zahlung genommen – und ich soll nicht so ’nen Pimpel-Pampel-Pumpel-Druck-Briefbogen nachmachen können?!!! Kohlköppe ihr, von wegen Blitz, weil wir so schnell arbeiten! Haut bloß alle ab, lasst mich allein, und heute Abend um sieben Uhr dreißig sollt ihr Bauklötzer husten! Gib fünf Mark her, ich unterschreib, kriegst nachher die Belege … Geht doch los, ihr, glotzt nicht so – Kindersch, so ’ne Arbeit, das ist doch ’ne Arbeit für ’nen Facharbeiter! Ich hab immer gedacht (glotzt nicht so!), wenn ich so ’ne Arbeit noch mal im Leben kriege, aber solide, solide, denn bei mir stinkt’s immer nach Zet … ach, haut bloß ab, lasst ’nen Arbeiter seine Arbeit alleine arbeiten … Haut bloß ab!«

»Der ist ja rein durchgedreht!«

»Na, mach’s gut, Öser!«

»Mach man bloß keine Zwanzigmarkscheine auf die Bogen!«

Und lachend ziehen sie los.

4

Sicher war die Aufgabe keiner Abteilung ganz leicht, aber ebenso sicher – darüber waren sich Maack und Kufalt ganz einig –: Ihre Aufgabe war die schwerste. Sechs Schreibmaschinen für hundertachtzig borgen, leihen, kaufen – das war schon so eine Sache.

Sie hatten ihre Hoffnung auf Herrn Louis Grünspohm gesetzt.

Louis Grünspohm inserierte regelmäßig in den Hamburger Zeitungen, dass man auf seinem unerhört reichhaltigen Lager gebrauchte und neue Maschinen, die modernsten Maschinen aller Systeme, kaufen könne. In Monatsraten von zehn Mark an!

Es erwies sich, dass das Geschäftslokal des Herrn Grünspohm in einer etwas abgelegenen, dunklen Trödelgasse lag, dass Herr Grünspohm ein langer, bleicher, strubbelbärtiger Mann war, der über Schreibmaschinen aller Modelle seit Erfindung der Schreibmaschine an befehligte, dass man aber mindestens einen Ministerpräsidenten oder Bankdirektor als Referenz aufgeben musste, um in den Genuss einer Monatsrate von zehn Mark zu gelangen.

Grünspohm sah die beiden Kunden mit seinen eiligen, trüben, schwarzen Äuglein unverwandt an und sagte dabei: »Nehmen Sie doch die! So eine schöne Maschine! Neunzig Mark, zwei Drittel Anzahlung bar, der Rest auf Vierteljahreswechsel mit einem guten, sicheren Giranten.«

Die beiden sahen die schöne Maschine an: Sie trug auf ihrer Stirn eine Tabelle mit Buchstaben, eine Nadel tippte den gewünschten Buchstaben, eine Walze kam ins Trudeln und wackelte gegen das Papier, oho, oho, schon stand ein Buchstabe auf dem Papier – Kufalt und Maack bewegten die Schultern.

»So ein schönes Maschinchen«, versicherte Herr Grünspohm. »Wie eine Puppe schreibt es, wie eine Puppe!« (Und das war nicht einmal gelogen.)

»Ich will Ihnen was sagen«, erklärte Maack. »Wir machen eine Schreibstube auf, wir sind eine junge Firma, wir haben gute Aufträge, wir haben sogar glänzende Aufträge. Aber wir brauchen innerhalb drei Stunden sechs Maschinen, große, moderne Büromaschinen, verstehen Sie! Wir zahlen Ihnen pro Maschine dreißig Mark an und den Rest in Monatsraten von dreißig – nun, was meinst du? – von vierzig Mark.«

Kufalt nickt beistimmend, Herr Grünspohm bewegt nachdenklich den Kopf. »Von wem sind denn die großen, glänzenden Aufträge, wenn ich die Herren fragen darf?«

Kufalt und Maack wechseln einen Blick.

Kufalt sagt: »Zum Beispiel von einer Textilfirma. Emil Gnutzmann, Stielings Nachfolger.«

Grünspohm nickt beistimmend. »Eine schöne Firma. Eine solide Firma. Schreibt Adler, kauft direkt beim Vertreter. Ich hab ihr ein paar alte Maschinen abgekauft – handeln kann der Herr Bär – grausig!«

»Da haben Sie recht«, lacht Kufalt. »Mit mir hat er auch so gehandelt. Hab ich geschwitzt, bis ich den Auftrag hatte!«

Herr Grünspohm ist fröhlicher geworden, ist nicht mehr so bekümmert. »Und wie groß ist der Auftrag, wenn ich die Herren fragen darf?«

»Ungefähr dreitausend Mark reiner Arbeitsverdienst«, sagt Maack feierlich.

Herr Grünspohm denkt nach. Er geht hin und her, dann hat er einen Entschluss gefasst, er bleibt vor den beiden stehen.

»Weil Sie jung sind, und Sie wollen arbeiten, und Sie sehen ehrlich aus und anständig, will ich Ihnen ein Angebot machen: Ich liefere Ihnen morgen früh um zehn sechs Maschinen, so gut wie neu …«

»Nicht so gut wie neu – neu!« sagt Maack.

»So gut wie neu«, sagt Herr Grünspohm unbeugsam. »Gute Ware: Mercedes, Adler, Underwood, AEG … Sie zahlen mir dreihundert Mark an und bringen mir eine Bescheinigung von Herrn Bär, dass ich mir heut in einem Monat tausendfünfhundert Mark von Ihrem Arbeitsverdienst abholen kann …«

»Ausgeschlossen!« schreit Kufalt. »Wovon sollen wir denn leben?«

»Das sind dreihundert Mark für ’ne alte Maschine! Sie sind ja nicht ganz in Ordnung!« protestiert Maack.

»Sie schneiden uns den Hals ab, weil Sie merken, wir haben den Auftrag und keine Maschinen.«

»Nu, nu«, sagt Grünspohm. »Es ist ein Angebot. Gehen Sie durch ganz Hamburg, und horchen Sie, ob Ihnen noch jemand so ein Angebot macht.«

»Das glaub ich«, höhnt Kufalt. »So was riskiert keiner!«

»Überlegen Sie sich’s, die Herren«, sagt Grünspohm. »Eine schöne, nette Bescheinigung von der Firma Gnutzmann, mit dem Namen des Herrn Bär, und ich will …«, er gibt sich einen Stoß, »… ich will nicht so sein, ich will sagen, zweihundert Anzahlung.«

»Das möchten Sie«, sagt Kufalt.

Aber Maack, plötzlich sehr höflich: »Also guten Tag, Herr Grünspohm, vielleicht überlegen wir es uns wirklich.«

»Maack …!« sagt Kufalt.

»Guten Tag, die Herren«, sagt Grünspohm. »Sie kommen.« Er geleitet sie zur Tür. »Sie kommen wieder. Und ich gebe Ihnen auch wirklich schöne Maschinchen …«

*

Sie sitzen auf einer Bank und rauchen.

»Ich versteh dich nicht, Maack«, sagt Kufalt, »wenn wir zwölfhundert Mark abtreten und ziehen dann noch dreihundertzwanzig Mark ab, die wir für die Unkosten aufgebracht haben, dann bleiben kaum noch dreizehnhundert Mark Arbeitslohn für uns, das macht auf die Nase …«

Er rechnet.

»Hundertsechzig Mark und eine bezahlte Schreibmaschine«, sagt Maack. »Das ist gar nicht schlecht, wenn man eine eigene Schreibmaschine hat.«

»Aber wir sind acht, und es sind nur sechs Maschinen«, beharrt Kufalt.

»Der Monte guckt in den Mond, der Dussel – wozu drängt er sich auf?«

»Und ich …?!«

»Dir geben wir deinen Anteil in Geld.«

»Da kann ich lange drauf warten, da seh ich auch in den Mond«, sagt Kufalt bitter.

Eine Weile schwiegen sie.

»Und ich geh nicht zu Bär«, ruft Kufalt plötzlich. »Und ich hol mir die Bescheinigung nicht. Der schmeißt mich einfach raus, wenn er erfährt, ich hab den Auftrag geholt, und wir haben nicht einmal Maschinen. Ich geh nicht hin! Ich tu’s und tu’s nicht.«

»Sollst du auch nicht«, sagt Maack langsam.

»Wieso?«

»Ich sag: sollst du auch nicht.«

»Wieso …?!«

»Öser kriegt so ’ne Bestätigung schon hin.«

Lange, lange Stille. Sie sehen sich nicht an.

Da sitzen sie auf ihrer Bank, sie sind eigentlich sehr nett gekleidet, sie sehen gar nicht übel aus, die beiden, an diesem schönen Sommernachmittag. Sie rauchen Juno, sie sind Menschen mit Arbeitskraft und Hirn, zu was zu brauchen, äußerlich sieht man ihnen nichts an.

»Öser …«, hat Maack gesagt.

Nein, sie sind gehandikapte Menschen, verkorkste Menschen, in ihnen sitzt – mit einer Straftat fing es an, im Kittchen ging es weiter, nach der Entlassung wurde es vollendet –, in ihnen sitzt das Gefühl, dass sie es doch auf dem normalen Wege nicht schaffen, dass sie nie, nie wieder in ein ruhiges, bürgerliches Leben zurück können. Sie leben am Rande des Daseins, jeder Klatsch bedroht sie, jeder Schutzmann, jeder von der Krimpo,63 Briefe bedrohen sie, Kittchengenossen bedrohen sie, Reden im Schlaf bedroht sie, der Beamte auf dem Wohlfahrtsamt bedroht sie – am schlimmsten bedroht sie ihr eigenes Ich. Sie glauben nicht mehr an sich, sie trauen sich nicht mehr – es geht ja doch einmal schief, wer einmal aus dem Blechnapf frisst, frisst immer wieder daraus.

»Öser«, hat Maack gesagt.

Und nun setzt er eilig hinzu: »Versteh doch, wir wollen den ollen Grünspohm ja gar nicht bescheißen. Der kriegt sein Geld am Monatsende eben von uns. Das kann ihm doch egal sein, von wem er sein Geld kriegt. Oder wir geben ihm die Maschinen zurück. Das können wir dann alles sehen, ein Monat ist eine lange Zeit.«

»Warum eigentlich?« fragt Kufalt. »Wir können es doch in anderen Geschäften noch mal versuchen.«

»Nein«, sagt Maack hartnäckig. »So ist es sicher am besten. Man weiß dann immer, dass man noch tun kann, was man will.«

»Das sagst du!« sagt Kufalt. »Maack, du hast gesagt, du willst nichts anfassen, und jetzt, wo wir Arbeit kriegen, willst du doch was anfassen? Ich versteh dich nicht.«

Maack brennt sich eine Zigarette an. Er blinzelt etwas, aber er sagt ganz ruhig: »Dussel du, ich sag dir doch, ich will nichts anfassen. Ich will nur sehen, wie es am Monatsende ist.«

»Ich will dir sagen, was du möchtest«, schreit Kufalt plötzlich erleuchtet, »du willst die Maschinen verscheuern und willst stiftengehen mit dem Gelde!«

Maack ist keine Spur beleidigt. Er rückt die Brille zurecht, spuckt etwas Tabak aus und sagt: »Und ich will dir sagen, was mit dir ist: Du hast hier eine, und darum hast du keine Traute.«

»Und du? Und deine Liese?« fragt Kufalt aufgeregt und denkt an das nette Ding mit den grellen Kirschenaugen und den Korkzieherlocken.

»Ach, die Weiber!« sagt Maack. »Weiber gibt’s überall.«

Er ist still und setzt dann hinzu: »Übrigens hat’s bei meiner geschnappt.«

Kufalt schweigt bestürzt still. Denn das ist schlimm für Maack, da verliert das kleine Lieschen seine Stellung – und was machen die beiden dann zu dreien? Aber – und er denkt immer hastiger – warum hat denn der Maack gerade jetzt seine Stellung in der Schreibstube aufgegeben – die war doch wenigstens was Sicheres, so glänzend, wie der schrieb!

Und plötzlich durchschießt ein Gedanke seinen Kopf, und er sagt aufgeregt: »O Maack, ich weiß es jetzt: Du hast uns alle bescheißen wollen um das ganze Geld! Wie du es hast machen wollen, weiß ich noch nicht. Aber du hast’s gewollt und hast abhauen wollen damit!«

»Ein bisschen hätte ich euch schon gelassen«, sagt Maack und grinst.

»Und warum erzählst du es mir jetzt« fragt Kufalt verblüfft.

»Weil ich es überhabe!« schreit der stille, selbstbeherrschte Maack plötzlich. »Weil ich es zum Kotzen überhabe! Das ganze Leben hier draußen stinkt mich an. Siehste, Kufalt, ich spiele immer den großen Ganoven, aber ich hab nur drei Monate abgerissen, noch weniger als der Patzig – und vier Jahre ist das schon her, und ich strample mich ab und arbeite wie ein Vieh und gönne mir nichts – und komme nicht weiter und komme nicht weiter! Sorgen über Sorgen, und der Jauch, das Schwein, und der scheinheilige Marcetus – alle treten sie rum auf einem, und zweimal hab ich ’ne Stellung gehabt und denke: Nun geht’s los mit Anständigkeit und aufwärts. Aber dann erfährt’s doch irgendeiner, und dann geht das los mit den schiefen Gesichtern und den Stichelreden, und dann sagt einer, sein Gummi ist weg, kann nur der Maack haben, und dem anderen fehlt Geld aus der Manteltasche – natürlich der Maack, der Maack, nur der Maack …«

Er ist aufgestanden und schreit beinahe. Vorübergehende gucken. Kufalt zieht ihn wieder auf die Bank und redet ihm zu.

Der Maack reißt die Brille ab und trocknet sich die Stirn.

»Und dann lässt einen der Chef kommen und sagt: ›Sie sehen selbst, es geht nicht. Ich will Ihnen nichts vorwerfen, aber Sie sehen selbst ein, nicht wahr?‹ Und nun, wo mein Mädchen den dicken Bauch hat, und sie sagt, sie lässt es sich nicht wegmachen, sie freut sich noch, das dämliche Aas, weil es von mir ist, ausgerechnet von mir …«

Maack schluckt, Kufalt sagt gar nichts.

»Und gestern früh, wo ich die Stellung im Export haben sollte, freue ich mich noch wie ein Stint und denke: Alles geht gut, und ich kann mit Lieschen irgendwo unterkriechen, und wir können ein Kind haben wie alle anderen …«

Er schluckt wieder. Und dann sagt er noch: »Und wie mir die wieder aus der Nase gegangen ist, weil bloß die Arschkriecher vorwärtskommen, da hab ich gedacht: Nun ist mir alles egal, jetzt sehe ich, dass ich schnell ein bisschen Geld ranschaffe, ganz egal wie. Da sorge ich doch noch ein bisschen fürs Lieschen, dass sie auch was vom Sitzen hat.«

Er hockt da, auf einer Bank im Grünen, zwischen den Bäumen des Zoos leuchtet die Sonne.

»Ich will dir was sagen, Peter«, sagt Kufalt, »jetzt sehen wir im Branchentelefonbuch nach, was es alles für Schreibmaschinenfirmen gibt. Und die klappere ich ganz allein ab, und du sollst sehen: Um sieben habe ich meine Schreibmaschinen …«

Maack schüttelt den Kopf.

»Doch! Doch!« protestiert Kufalt eifrig. Er lächelt.

»Ich glaube, es ist gar nicht so schwer. Wir haben bloß den Fehler gemacht, dass wir gleich alle sechs auf einmal verlangt haben. Du sollst sehen, wie schön es mit unserer Schreibstube klappen wird, und wir werden neue Aufträge bekommen, und du wirst noch mal ganz richtiger Schreibstubenvorsteher mit Gehalt bei uns und kotzt uns alle an, genau wie der Jauch. Und dein Lieschen kriegt ihr Kind, sollste sehen!«

62.anfallartiges Auftreten einer Krankheitserscheinung
63.Kriminalpolizei
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