Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 92
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In seiner Schlafhöhle, diesem miesen Loch, saß am ungestrichenen Holztisch der Bruhn, den Kopf auf den Armen, und heulte. Ja, er hob den Kopf, antwortete: »’n Abend«, und ließ dabei ohne Scham seine blanken Tränen, das rot verheulte Gesicht sehen – und weinte weiter.
»Nanu!« sagte Kufalt leichthin. »Wo brennt’s?«
Aber in seines Herzens tiefstem Grunde war er ehrlich erschrocken, denn er dachte daran, dass er in fünf Jahren Knast den Emil nie hatte heulen sehen, im Gegenteil, immer lustig, immer munter – und Knast, das sagte schon der Name, war doch wirklich ein harter Ast im Lebensbaume.
Nun heulte er also ganz still vor sich hin, ließ die Tränen laufen, die Ärmel der feldgrauen Arbeitsjacke waren schon ganz nass. Weinte ganz kindlich, ließ sie laufen, ihm war so, »uah!« weinte er, »ach Gott, uah!«
»Was ist denn los, Emil?« fragte Kufalt.
Keine Antwort, uah und nichts weiter.
»Haben sie dich aus der Fabrik gestenzt?«
Nichts. Heulerei.
»Ist was mit ’nem Mädchen?«
Nichts. Uah.
Kufalt überlegte, er setzte sich auf die Bettkante neben den Tisch, legte seinen Arm auf Bruhns Arm und sagte: »Ich hab heute schönes Geld verdient, wollen wir ins Kino?«
Einen Augenblick schien das Heulen zu stocken, aber dann ging es doch weiter.
Kufalt bekam Angst.
»Bruhn, Emil, bist du krank?«
Nein, nichts, keine Äußerung.
Kufalt stand auf, würdig: »Also, wenn du mit mir nicht reden willst, kann ich ja gehen …«
Pause, nichts erfolgte, kein Protest.
»… und ich hatte dir gerade von meiner Unterredung mit dem Alten erzählen wollen …«
Das wirkte!
Mit einem plötzlichen Schnüffeln brach das Weinen ab, pielgerade saß Bruhn da, zwinkerte mit den Lidern, über denen die weißblonden Brauen knallrot angelaufen waren, und fragte atemlos: »Bist du bei ihm gewesen? Tut er’s?«
»Sachte! Sachte!« erklärte Kufalt. »Glaubst du, so was geht in einer halben Stunde? Der Mann muss sich das doch erst einmal überlegen.«
»Also Neese«, sagte Bruhn, wieder trostlos, »wenn der Direktor sich was überlegen will, wird es immer nein – das weiß ich von den Vorführungen.« Und er war schon dabei, den Kopf wieder auf die Arme sinken zu lassen.
Kufalt bekam gerade noch den Ärmel zu fassen. »Halt, Emil, fang doch nicht wieder an. Du sollst Mittwoch oder Donnerstag um zwölf zu ihm kommen, er will mit dir selbst reden.«
»Da ist doch gar nichts mehr zu reden!« bockte Bruhn. »Entweder tut er’s, oder er tut’s nicht. Reden ist immer Scheiße.«
»Sei kein Dussel, Emil«, sagte Kufalt streng. »Natürlich muss er erst mit dir reden. Vor allem muss er doch einen Meister für dich finden. – Das ist schon nicht so einfach, da kannst du ihm vielleicht helfen.«
»Ja«, sagte Bruhn, schnüffelte, ging an die Waschkommode, zog das Schubfach auf, sah rein, murmelte: »Hat das Schwein von Nachtwächter doch mein Taschentuch genommen!« und nahm den Ärmel.
»Siehst du!« sagte Kufalt. »Und dann muss er doch sehen, wie’s mit dem Gelde wird. Es hat doch keinen Zweck, er fängt die Sache an, und nach einem halben Jahre kann er dir kein Geld mehr geben.«
»Och«, sagte Bruhn ungläubig, »der hat doch immer Geld, wenn er will.«
»Nein, das hat er nicht«, entschied Kufalt. »Du weißt doch, wie die Brüder sind, mal wollen sie ’nen neuen Anzug von der Hilfe und mal Schuhe, oder sie brauchen Handwerkszeug, oder ein Koffer mit Sachen muss eingelöst werden – nein, Geld hat er nicht immer, da muss vorgesorgt werden.«
»Und wenn er’s Geld und den Meister hat – fehlt dann noch was?«
»Dann muss die ganze Beamtenkonferenz zustimmen, dass du würdig bist.«
Bruhn atmete erleichtert auf. »Wenn’s weiter nichts ist. Das ist das wenigste! Da ist keiner gegen mich, nicht einmal der Pfaffe.«
»Ach nee …«, sagte Kufalt gedehnt. »Denkst du das?! Aber du hast doch …« Und besann sich. Warum sollte er es Bruhn erzählen. Womöglich fing der wieder mit Heulen an.
»Was habe ich?« fragte Bruhn.
»Nee, nichts. Ich dachte nur … Bist du denn auch immer zur Kirche gegangen?«
»Selbstredend – und zum Abendmahl auch immer.«
»Dann klappt es ja«, sagte Kufalt befriedigt. »Geh man morgen gleich um zwölf zu ihm.«
»Um zwölf muss ich in der Fabrik sein.«
»Du wirst dir doch mal ’ne Stunde frei nehmen können?«
Bruhn antwortete nicht, einen Augenblick sah es so aus, als wollte er wieder losweinen. Aber dann wurde nichts daraus, die traurige Stimmung war verflogen, Wut kam stattdessen.
»Frei nehmen …? Am liebsten schmissen die mich ganz raus. Bloß, ich hab gesagt, so hintenrum, dass Holzfabriken wunderschön brennen.«
»Bruhn!«
»Na, Mensch, was denn …?! Wie die mit mir Schindluder spielen! Erst haben sie mich um mein Sparkassenbuch gebracht! Und dann sollte ich Vorarbeiter werden mit Vorarbeiterlohn und bin Vorarbeiter geworden mit Ungelerntenlohn. Und immer neue Abzüge haben sie mir gemacht, bloß weil sie denken, der Bruhn kriegt keine andere Arbeit, der Bruhn ist vorbestraft, der muss – bei dem machen wir’s.«
Er sieht Kufalt an, bitterböse, als sei sein Freund der Herr Steguweit von der Holzwarenfabrik, ja, in seine wasserblauen, freundlichen Augen kommt ein richtiger Ausdruck von Wut, von besinnungsloser Wut …
»Na und …?« fragt Kufalt. »Das bist du doch alles längst gewöhnt, Emil!«
»Aber ich will nicht!« schreit der plötzlich. »Wo ich mir die Schwarte von den Händen arbeite und soll weniger kriegen als jeder grüne Stiesel, der keinen Nagel richtig einschlagen kann! Und bloß, weil ich vorbestraft bin, weil das nie aufhören soll, und ich habe doch meinen Knast abgerissen …!«
»Arbeite doch auch langsam«, rät Kufalt.
»Hab’s versucht«, sagt Bruhn ruhiger. »Kann’s nicht, liegt mir nicht. Wühler bleibt eben Wühler, ich muss drauf wie Blücher, richtig roboten.« Er holt Atem. Dann: »Nein, ich hab mich hinter die Jungens gesteckt, und wir haben so gearbeitet, dass immer Reklamationen kamen, da ein Nagel gespießt, da ein Brett lose, da eine Klappe nicht in Ordnung. Und wie sie gekommen sind und gemeckert haben, was wir bloß arbeiten, und alle Ware kommt wieder zurück, da haben wir gesagt, für solchen Lohn kann man nicht anders arbeiten, da laufen eben Fehler mit unter, wenn man sich so hetzen muss …«
»Na und …?«
»Die Brüder!« sagt Bruhn verächtlich. »Speckjäger, die! Einen Aufpasser haben sie neu eingestellt zur Kontrolle, wo wir mit dem Gelde, was der verdient, heile zufrieden gewesen wären. Der revidiert jetzt die Ware, und immer sagt er ›Ausschuss‹, ›Zurück, Ausschuss‹.«
Bruhn schnauft wütend.
»Weiter! Weiter!« drängt Kufalt.
»Na, da habe ich wieder gesorgt, dass alles tadellos abgeliefert wird. Zurück, Ausschuss? habe ich gedacht; warte, Anschiss! habe ich gedacht. Und wenn alles abgeliefert war und stand unten fertig zum Versand, da bin ich nachts eingestiegen, jede dritte, vierte Nacht, mit zwei, drei anderen von den Jungens – und wir haben die Ware wieder schön fertiggemacht für Reklamationen.«
»Dinger drehst du!« sagt Kufalt.
»Wo sie mir mein Geld, das mir zukommt, nicht geben? Was würdest du denn tun, Willi?«
»Weiß ich nicht«, sagt Kufalt. »Erzähl fertig. Deswegen hast du doch vorhin nicht geheult?«
»Nein, aber die Brüder haben natürlich Lunte gerochen, dass ich dahinterstecke, und die Jungens, mit denen ich’s gemacht habe, das sind natürlich Achtgroschenjungens –: Es hat mich einer in die Pfanne gehauen. Und weil sie das wissen von mir, dass ich das mal gesagt habe, Holzwarenfabriken brennen so gut, da haben sie’s gedreht, dass ich von selber die Arbeit hinhauen soll …
Und wie ich da heute Morgen hinkomme und zeige dem Stachu, dass er die Deckel immer zu lose annagelt, schlägt er mit dem Hammer nach mir und schreit, Pierunna,65 dreckiger Raubmörder hat nichts zu sagen, hat er kein Blut an den Händen – der lausige Polacke, der! Und wie ich still werde und arbeite für mich, fragt einer, was die Zeit ist, ob die Mörder nicht die goldene Zwiebel zeigen wollen. Und in der Mittagspause haben sie mir mein ganzes Handwerkszeug gestohlen, und ich steh den ganzen Nachmittag da und muss es suchen und kann keinen Handschlag tun und muss die Reden hören, mit einem Raubmörder haben sie es nicht nötig zu arbeiten. Und der Werkmeister sagt noch, jeder soll auf seine Sachen sehen, die Firma kommt für nichts auf …«
Bruhn schweigt, er starrt vor sich hin.
»Mach doch Schluss da, Emil«, sagt Kufalt, »das hat doch keinen Zweck. Eine Weile wirst du ja zu leben haben, und vielleicht klappt mit dem Direktor der Laden, und dann können die dir alle im Mondschein begegnen.«
»Nee, Willi, nee«, sagt Bruhn langsam, »das verstehst du nicht. Sollen die immer recht behalten und ich immer unrecht? Wenn ich gehe, dann …!«
Er schweigt.
»Aber wenn es was wird mit dem Direktor, gehst du doch auch?«
»Ich denk oft«, sagt Bruhn, »mit uns wird es sowieso nichts mehr. Manchmal denkt man, es geht, aber es geht doch nie.« Leiser: »Und dann denkt man an den Bunker, da hat niemand einem was vorzuwerfen, und sein Fressen hat man, und arbeiten tu ich gerne …«
»Mach doch keine Geschichten, Bruhn«, warnt Kufalt. »Vielleicht bist du in ein paar Wochen schon bei einem Tischler und lachst über die lausigen Fallennester.«
»Und wenn es nun beim Tischler auch nicht anders geht …?« fragt Bruhn langsam. »Die riechen doch auch den Braten, wenn einer mit neunundzwanzig Jahren in die Lehre geht, nicht?«
aus dem Polnischen, etwa: Verdammt oder Zur Hölle! <<<
20
Die Lütjenstraße liegt im Zentrum der Stadt, Kufalt muss sie jeden Tag auf seinen Werbegängen vier-, fünfmal durchqueren. Er durchquert sie zehn-, zwölfmal.
Oben im ersten und einzigen Stock des Hauses, sechs Fenster Front, ist ein Spion angebracht. Kufalt denkt bei jedem Vorübergehen: Vielleicht schaut sie gerade hinein und sieht dich!
Dann bleibt er vor dem Schaufenster des Glasermeisters stehen, zum dreißigsten Mal betrachtet er das dem Herbst angemessene Prunkstück »Kämpfende Hirsche« – könnte sie ihm nicht einen Wink geben? Nein, sie bleibt verschwunden.
Die Damenuhr in der Aktentasche, jeden Morgen aufgezogen und wieder sorgfältig eingepackt, tickt umsonst. Keine Gelegenheit … Aber er kommt immer wieder, es wird Dezember, und die Hirsche weichen dem Bild »Schwesterchens Weihnachtstraum«, und immer noch läuft er umsonst. Diese Uhr wäre ein so schönes Geschenk gewesen am Tage danach, jetzt, anderthalb Wochen später, sieht sie wie ein Anbandelversuch aus, auch nach Reue, nach Bestechen, nach Kleinbeigeben.
Und doch musste sie ihr gegeben werden!
Am Tage danach, ja, am Tage danach war die Versuchung groß gewesen, die Glaser auf die Liste zu setzen – jetzt wurde es immer wieder hinausgeschoben. Kraft hatte schon gefragt: »Die Glaser vergessen Sie wohl ganz?« Aber womöglich in ihrer Gegenwart dem Vater sein Sprüchlein betreffs Abonnement aufsagen, und dieser Grobsack gab ihm ein derbes »Nein« …?
»Wollen Sie denn nie zu den Glasern gehen?«
»Doch, ja, morgen.«
Morgen kamen dann die restlichen Bäcker … Es gab da einen Bäcker, Süßmilch hieß er, einen jungen glatt- und mehlgesichtigen Kerl mit dicken, schwarzen Brauen, der bestellte sich öfters den Kufalt. »Ich möchte ja gerne Ihren ›Boten‹ abonnieren, aber ganz bin ich noch nicht überzeugt. Vielleicht überlegen Sie sich noch einen Grund, der völlig durchschlägt, und kommen damit am Freitag …?«
Kufalt wusste gut, er wurde einfach durch den Kakao geholt, aber als Abschluss seiner Tour ging er doch immer wieder mal gerne zu Süßmilch. Dann kam der Meister schläfrig aus dem Backraum gelatscht, mehlbestäubt, die nackten Füße in mehlbestäubten Pantoffeln, und fragte: »Na, junger Mann, wie ist es mit einem kräftigen Grund?«
»Der beste Grund ist mein Block«, sagte Kufalt. »Sehen Sie, was für Meister heute wieder alles unser Blatt bestellt haben!«
Und Süßmilch sah an und rieb sich das Gesicht, und Kufalt dachte: Jetzt könnte ich eigentlich in Harders Laden stehen.
Nein, dieses Mal bestellte Süßmilch auch noch nicht, an sich war alles in Ordnung, aber er musste heute noch Mehl bezahlen, bis Dienstag war dann vielleicht wieder so viel Geld zusammen, um die Zeitung zu bestellen … »Also am Dienstag, junger Mann!«
Und damit latschte der Meister wieder schläfrig in seinen Backraum, und Kufalt trabte zur Redaktion, die Lütjenstraße ließ er links liegen.
Geld wäre jetzt schließlich genug dagewesen für zwei Kinokarten, und übrigens hatte Freese auch mal gesagt, ins Kino könne er immer »so«, auch mit Braut. Er solle nur sagen, er käme vom »Boten« … Wieso übrigens Braut? Er dächte, Kufalt hätte die Trehne vornotiert? Mit weiblicher Braut wäre die auch nicht wärmer …
Also wieder mal besoffen, mit der Arbeit hatte er auch immer noch nicht angefangen, trotzdem die gegebenen Sechs fast jeden Tag überschritten wurden – aber Geld für zwei Kinobilletts wäre jedenfalls dagewesen.
»Schwesterchens Weihnachtstraum« – und besonders schön ist der Hampelmann auf der Bettkante. Er hat ein richtiges Nussknackergesicht wie Kraft, aber die Tür zum Laden ist mit einer Milchglasscheibe versehen, in der Mitte. Drum herum sind bunte Butzenscheiben, mit roten, blauen und gelben Glasknöpfen …
Ach Gott, es ist ja ganz egal, in so vielen Läden und Wohnungen bist du nun schon gewesen – und in diesen traust du dich nicht?
Das ist nun schon wieder die nächste Ecke, der Laden vom Konsumverein, und umsonst hat er sich Ruck um Ruck gegeben … Soll er diese verdammte Siebenundsechzig-Mark-Uhr denn ewig spazieren tragen, oder soll er sich wegen so einer Butterglocke ein anderes Mädchen anschaffen …?
Sie war doch süß!
Kehrt! Marsch, marsch! Besinnungslos in die Kugeln, Bomben und Granaten, Geschwindschritt, im Spion kann sie dich vielleicht sehen; nicht so mit der Tasche schlenkern, das ist der Uhr nicht gut …
Was du auch rennst, am Laden wirst du abbremsen und beim »Weihnachtstraum« enden, oder durchgaloppieren bis zur Redaktion …
Feierabend! Heute nur fünf, Herr Kraft. Übrigens gehe ich morgen zu den Glasern, bestimmt!
Vorbei! Nicht vorbei! Vorbei! Nicht vorbei!
Was die Klingel scheppert! Wie ein Komet funkt er in den Laden! O Gott, wie sieht der Töchterverklopper Harder anders aus! Ein kleiner Mann mit einem dicken Bauch und einem schwarzen Bart, fast wie ein Bruder von Wolle-Teddy …
»Und Sie wünschen …?«
»Ich komme im Auftrage …«
In diesem Augenblick sah er sie, seitlich hinten im Laden. Sie ordnete was, sah nicht her, ihr Gesicht war sehr bleich.
Er riss sich zusammen, der Satz wurde nie zu Ende gesprochen.
Bleich? Tränen? Nie, nie wieder! Wir wissen nicht, was wir tun. Nie wissen wir, was wir tun werden.
Er riss sich zusammen.
»Herr Glasermeister Harder?«
»Ja – und für welche Firma«
»Könnte ich Sie vielleicht einen Moment unter vier Augen sprechen?«
»Meine Tochter stört nicht.«
»Doch! In diesem Falle doch!«
»Also, Hilde, geh mal rauf.«
»Könnten wir nicht raufgehen? Was ich zu sagen habe, lässt sich schlecht im Laden abmachen.«
»Aber um was handelt es sich denn? Ich kauf doch nichts.«
»Es ist ganz privat.«
Der kleine Mann sagt: »Hilde, pass auf den Laden. Du kannst mich aber jederzeit rufen.«
Er betont »jederzeit«!
Kufalt sieht sie an beim Hinausgehen, ihre Lippen bewegen sich, er versteht nicht, was sie sagen will, aber ihr Gesicht, ihre ganze Gestalt sind ein Flehen: Oh, bitte nicht!
Sie gehen die Treppe hinauf, die Fenster sind schön verglast. Parterre: Trompeter von Säckingen. Erster Stock: Die Lorelei. Höher geht es nicht.
Das Zimmer mit dem Spion ist das Wohn-Esszimmer. Am Spion sitzt eine dürre Frau, beinahe blaugesichtig, so durchscheinend …
»Also!« sagt der Glasermeister Harder fast drohend. Plötzlich versteht Kufalt, dass der kleine Mann schlagen kann.
Die Frau, ihre Mutter, hat sich für den Gast halb erhoben und wieder rasch auf den Stuhl gesetzt, als sie das böse »Also« gehört hat.
Nein, zum Sitzen wird er nicht aufgefordert. Sie stehen einander gegenüber, der Glaser hat »Also« gesagt, und nun antwortet Kufalt ruhig (seltsam, hier ist er ganz ruhig, aber beim Abonnentenwerben noch lange nicht jedes Mal), sagt er also ruhig: »Mein Name ist Kufalt, Wilhelm Kufalt. Ich bin zurzeit als Annoncen- und Abonnentenwerber beim ›Stadt- und Landboten‹ beschäftigt. Mein Einkommen beträgt zwei- bis dreihundert Mark im Monat …«
»Und …?! Und …?!« schreit der kleine Bärtige und fährt mit rechten Wutaugen auf ihn los. »Was geht mich das alles an! Ich abonniere Ihr Käseblatt doch nicht!!!«
Kufalt holt tief Atem. »Ich bitte um die Hand Ihrer Tochter!« sagt er.
»Wie …???«
Dann ist es lange still.
Die erfrorene Frau am Fenster hat sich umgedreht und starrt den jungen Mann fassungslos an.
Der wiederholt: »Ich bitte um die Hand Ihrer Tochter.«
»Stuhl!« sagt der Bart, sieht die Stühle an um den Esstisch, den Mann vor sich. Er entscheidet sich: »Also setzen Sie sich.« Und springt gleich wieder auf. »Wenn Sie mich aber veräppeln …!«
»Eugen!« ruft die Frau warnend.
»Wie hießen Sie?« fragt der Glaser und setzt sich wieder.
»Kufalt«, sagt Kufalt, »aber ohne h, einfach u f.« Und er lächelt beruhigend.
»Kufalt, ja. Und was sagten Sie, verdienten Sie?«
»Zwei- bis dreihundert Mark im Monat. Aber das ist leicht steigerungsfähig.«
»Steigerungsfähig«, murmelt der Mann. Und plötzlich: »Woher kennen Sie denn die Hilde?«
»Eugen!« ruft die Frau wieder warnend.
»Das ist unsere Sache«, lächelt Kufalt.
Harder reibt sich den Bart, steht auf, setzt sich wieder, wirft einen raschen Blick zur Frau, zur Tür, flüstert (und es ist, als kröche sein Kopf dabei in die Schultern): »Und Sie wissen auch …?«
»Von Willi? Weiß ich. Übrigens heiße ich auch Willi.«
Die Hand im Bart stockt. Der kleine Mann steht auf, baut sich vor Kufalt hin, er scheint immer größer zu werden, drohender vor Kufalt emporzuwachsen. »Dann sind Sie also der Lump …«
»Kommt gar nicht in Frage«, antwortet Kufalt rasch. »Ich bin erst seit sechs Wochen hier in der Stadt. – Aber es stört mich auch nicht.«
»Es stört ihn auch nicht«, sagt der Glaser verständnislos, hilfeflehend zum Fenster.
»Und wenn wir jetzt einmal die Hilde fragten, ob sie einverstanden ist?«
»Ob sie einverstanden ist …?!« schreit der kleine Mann. »Das will ich Ihnen zeigen!«
Er stürzt zu seinem Sekretär, wühlt in einem Fach, holt ein Blatt weißesten Bilderkarton, malt darauf, hebt es triumphierend: »Da!«
»Wegen Familienfestlichkeit geschlossen«, liest Kufalt.
»Ich mache es gleich an die Ladentür«, flüstert der Kleine feierlich. »Die Hilde bringe ich dann auch mit.«
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Er hatte nichts erwartet, denn er hatte nicht gewusst, dass er sich dazu entschließen würde.
Nun hatte sie da am Tisch gestanden, sehr bleich, und als ihr Vater zu reden begonnen und sie zu begreifen angefangen hatte, hatte sie geschrien: »Nein! Nein! Nein!«
Und dann war sie hingefallen auf einen Stuhl wie ein Klotz aus Blei und den Kopf auf den Tisch und geweint, so geweint …!
Da kannst du dabeistehen. Du hast es nicht gewollt, und dass du einmal verheiratet sein wirst mit ihr, du glaubst es noch jetzt nicht. Nein, an dir soll es nicht liegen, wer so fassungslos weint vor Erlösung, den kann man nicht willentlich kränken. Aber es wird doch nichts, immer wird alles anders. Die Sache mit Batzke kommt ans Tageslicht, wie lange kann ihrem Vater verborgen bleiben, wer du warst, hier im Städtel – ach, dass sie sich nicht so freute! Dass sie nicht so glücklich wäre!
»Was haben wir heute zum Essen, Mutter?«
Und dann geht die Mutter selbst und holt noch frische Blutwurst zur Linsensuppe, denn Hilde darf bei ihrem Bräutigam bleiben. Und der zweijährige Willi wird gebracht und soll Papa sagen, und es gibt einen Süßwein, einen Malaga, achtundachtzig Pfennig die Flasche, etwas wirklich Gutes, Reines …
Aber immer, bei allem Essen und Trinken und Reden und Lachen, hat Kufalt ein Gefühl, als träumte er: Wenn sie unter dem Tisch nach seiner Hand tastet, ist ihm, als müsste der Hauptwachtmeister mit dem Schlüssel gegen die Glocke schlagen …
Doch er schlägt nicht, und Kufalt träumt weiter, und in seinem Traum sagt er, dass er noch auf die Redaktion müsse, damit die neuen Besteller auch morgen früh ihre Zeitungen hätten, und zum ersten Male brächte er nur fünf …
Und in tiefem Bass lachend, abonniert Glasermeister Harder, Lütjenstraße 17, das Käseblatt und bricht damit sein Wort und bleibt seinem Schwiegersohn die eine Mark fünfundzwanzig schuldig. »Ich zieh’s dir von der Aussteuer ab, Willi …« Und Hilde darf ihn zur Redaktion begleiten …
Aber drinnen, als Kufalt aufgeregt erzählt, was er getan hat, und die Herren bittet, ja doch dichtzuhalten und eine gute Auskunft über ihn zu geben, er würde es selbst mal erzählen, in einem passenden Augenblick … Drinnen also ist er einmal dicht vor dem Aufwachen aus seinem Traum, denn die beiden sehen ihn so seltsam an, und Freese sagt ganz unmotiviert als Antwort: »Stört Sie der Ofen nicht? Ist er Ihnen nicht zu heiß …?«
Aber schon geht der Traum weiter, denn Hilde hängt sich bei ihm ein, und es ist ihr unterdes wohl eingefallen, dass auch sie etwas zu sagen hat, und sie sagt es: »Du bist so gut! Nicht wahr, du hast verstanden, warum ich damals so geweint habe …?«
Und die Uhr wird übergeben, und im Goldwarengeschäft von Linsing werden Ringe gekauft. Und dann kommt der Abend, und die Verwandten sind da, und es ist eine sehr diskrete, gefühlvolle Verlobung mit manchem Seitenblick von Tante Emma zu Tante Bertha …
Und schließlich geht er nach Haus in sein Bett, und der Traum ist aus, und er wacht auf und weint: Was habe ich getan!








