Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 91
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Punkt neun Uhr betritt Kufalt die Redaktion des »Stadt- und Landboten«. Er trägt seinen besten Anzug – den blauen mit den weißen Nadelstreifen –, einen noch sehr anständigen schwarzen Ulster, einen schwarzen steifen Hut. In der Hand hat er eine braune Aktentasche, und in der Aktentasche liegt ein Paketchen, Inhalt goldene Damenuhr: Man kann nie wissen, wem man unterwegs begegnet.
Hinter der Barre im Expeditionsraum sitzt der große knochige Mann mit dem Pferdegesicht, dem gegenüber ein Fräulein an seiner Maschine.
»Kufalt«, stellt sich Kufalt vor.
»Das weiß ich nun«, knurrt der andere los. »Davon habe ich die Nase schon voll.« Und als Kufalt etwas bestürzt dareinblickt, setzt er wesentlich milder zu: »Was denken Sie, was ich für einen Stunk Ihretwegen mit dem Dietrich gehabt habe!«
»Aber ich hab das doch nicht gewollt«, protestiert Kufalt. »Herr Freese hat’s gesagt, und ich weiß überhaupt nicht, wieso.«
Kraft sieht ihn mit einem langen Blick an.
»Kommen Sie mit«, sagt er dann. »Ich will Ihnen Bescheid sagen.«
Kufalt wird in ein kleines Loch geführt, in eine Art Rumpelkammer mit Eimern, Besen, Regalen voll vergilbten Zeitungsstößen. Auf dem Tisch steht eine zerbrochene Petroleumlampe, in der Ecke ein verknautschtes, verludertes Sofa, in der anderen Ecke Flaschen, leere Flaschen, sogar Sektflaschen sind darunter.
»Na, Sie müssen sehen, dass Sie das hier gelegentlich zurechtkriegen. Hier können Sie arbeiten.« Mit einem Blick auf Sofa und Flaschen: »Das war früher das Paschazimmer, als der Olle« – Blick nach dem Nebenraum –, »als der Olle noch mochte.«
Kufalt schaudert bei dem Gedanken an das grau-versoffene Alkoholgespenst und Frauen.
»Hier haben Sie Listen«, sagt der Herr Kraft. »Da stehen alle Handwerksmeister drauf. Sie müssen sich nur noch die einzelnen Berufe geordnet rausziehen. Nehmen Sie immer eine Innung alleine vor, erst mal die Fleischer oder Bäcker, und dann immer weiter, systematisch jeden Beruf durch. Mitarbeiter unseres Blattes ist nämlich der Syndikus sämtlicher Handwerkerinnungen. Jede Woche schreibt er einen langen Riemen über Handwerkerfragen. Damit müssen Sie bohren: Wir unterstützen euch, also müsst ihr uns auch unterstützen. Den ersten Abonnementsbeitrag kassieren Sie gleich gegen Quittung aus diesem Block. Das ist Ihr Werberlohn. Abends melden Sie mir die Neuabonnenten, damit die schon am nächsten Morgen ihre Zeitung bekommen. So …«
Kraft geht gegen die Tür. Dann sagt er gelangweilt: »Es wird aber doch nichts mit Ihnen, wenn Sie den Dietrich auch rausgebissen haben.«
Und schiebt ab, ehe Kufalt noch antworten konnte.
Der macht sich den Tisch frei, reißt von dem Sofa – nach Umhersuchen – die Schmierdecke, wischt den Tisch ab und beginnt sein Tagewerk. Er stellt die Meister nach Berufskategorien zusammen, die Versuchung ist groß, mit den Glasern anzufangen, aber er widersteht und beginnt mit den Malern.
Nein, er wird nicht mit Bäckern oder Fleischern anfangen, er hat sich überlegt, da muss man in einen Laden gehen, und er hat sich erinnert: Wenn er früher mal in einen Laden kam und da stand gerade ein Reisender, wie der mitten im Satz abschnappte und mit einem höflich-ernsten Lächeln zurücktreten musste, dem Kunden freie Bahn zu lassen. Die Maler sind schon schwierig genug für den Anfang.
Er hat sie beisammen, und nun sucht er sich auf dem Stadtplan, wo sie alle wohnen, entwirft eine Tour – der Weg geht hin und her durch die ganze Stadt –, wie wird er die Stadt kennenlernen in den nächsten Wochen!
Er ist noch bei dieser Arbeit, als sich die Tür auftut und der Herr Chefredakteur Freese hereinkommt: grau, zerknittert, mit roten, blinzelnden Augen. Er trägt ein paar Zeitungsblätter in der Hand. »Da«, krächzt er. Er räuspert sich, mehrmals, viele Male. »Von unserm Syndikus. Bockmist! Aber dass Sie wenigstens das kennen, was Sie empfehlen.«
»Ja«, sagt Kufalt gehorsam und greift nach den Blättern.
»Schön«, sagt der andere. Er sieht Kufalt an, o welch böses bitteres Gesicht, welch fischiger kalter Blick!
»Jung«, murmelt er. »Zu jung«, murmelt er. Und plötzlich wie ernstlich besorgt: »Glauben Sie, Sie werden es schaffen?«
»Was schaffen?«
»Abonnenten, jeden Tag sechs.«
»Ich weiß es ja noch nicht, hab’s noch nie gemacht.«
»Weiß es nicht, hat’s noch nie gemacht, schafft es nicht, und die anderen werden größer und größer …« Er steht da, der alte Freese, mit hängendem Kopf, seine dicken blauen Lippen zittern unter dem Walrossschnurrbart.
Dann besinnt er sich. »Wo sind übrigens die zwanzig Mark von dem Dietrich?« fragt er. »Sie haben mir das Geld doch mitgebracht?«
»Ich habe keine zwanzig Mark mehr«, erklärt Kufalt.
Der Freese sieht ihn lange an. Ein Funke Spott erwacht in seinem Auge. »Traut mir keine zwanzig Mark mehr zu und geht für mich werben … Wie sie sich abstrampeln! Wie sie strampeln!« flüstert er entzückt.
Der Funke erlischt. Ein böser, galliger Mann bleibt. »Die Decke gehört aufs Sofa, verstehen Sie, junger Mann«, sagt er grob. »Das ist ’ne wichtige Decke, verstehen Sie, von der kann ich träumen, he!«
Er kreischt das He unnatürlich laut heraus, als schrie ein Vogel, dann schrammt er die Tür zu. Und Kufalt macht sich an einen Artikel über die Folgen des Nachtbackverbots für den mittelständischen Bäcker. Dann irrt er in den Roman ab.
15
Es ist elf Uhr geworden, und nun ist es soweit: Kufalt hat keinen Grund mehr, länger zu zögern. Er nimmt seine Aktentasche, sagt zu Herrn Kraft ganz geschäftsmäßig: »Also, ich geh jetzt auf die Tour«, und marschiert los.
Die ursprüngliche Tour fing eigentlich zehn Häuser vom »Stadt- und Landboten« an, beim Malermeister Retzlaff; aber das hat Kufalt eben im letzten Augenblick noch umgestoßen: Seinen ersten Besuch wird er bei Malermeister Benzin machen, in der Ulmenstraße, ziemlich an der Peripherie der Stadt. Hinausgeschoben ist Schonzeit, und auf dem Wege kann er außerdem noch seine Rede memorieren.
Unterwegs kann er seine Rede nicht mehr memorieren, denn Herr Dietrich stößt zu ihm. Drei Häuser vom »Boten« tritt er an Kufalt heran und sagt: »Guten Tag, Herr Kufalt.«
»Guten Tag, Herr Dietrich«, sagt Kufalt, lüftet den Hut und marschiert weiter. Dietrich marschiert mit. Dietrich sieht heute nicht so gesund rotbraun aus wie am gestrigen Mittag. Dietrich ist fleckig und übernächtig, die Spitze seiner langen Nase ist ganz weiß.
»Ihr blaues Wunder werden Sie erleben«, sagt Dietrich, »beim Abonnentenwerben.«
Kufalt antwortet nicht und geht weiter. Es ist dumm, der Mann hat ihm nichts getan, nein, der Mann hat ihm noch zwanzig Mark geborgt, aber eine Wut hat er doch auf ihn.
»Ich würde nicht mit so ’ner Aktentasche gehen«, sagt Herr Dietrich missbilligend. »Das sieht immer so nach Reisendem aus. Den Quittungsblock stecken Sie einfach in die Manteltasche, und jeder Dienstbolzen lässt Sie glückstrahlend als neuen Kunden ein.«
»Danke schön«, sagt Kufalt höflich und geht weiter. Aber dann kann er seine Neugier doch nicht bezähmen und fragt: »Wieso hat der Freese Sie eigentlich rausgeschmissen? Wegen der fünfundzwanzig Prozent, die Sie von mir abhaben wollten?«
»Wissen Sie was«, schlägt Dietrich vor, »ich gebe Ihnen alle Tipps, namentlich für die Inseratenwerbung, und dafür geben Sie mir doch die fünfundzwanzig Prozent. Wegen der Abrechnung vertraue ich Ihnen vollkommen.«
»Ohne Kaution?« fragt Kufalt.
»Ohne Kaution«, bestätigt Dietrich.
»Ich brauch keine Tipps«, erklärt Kufalt.
»Auch schön«, sagt Dietrich gleichmütig. »Man weiß nie, manchmal sind die Menschen noch dusseliger, als man denkt. Dem Freese tränk ich es aber ein. Ich gehe jetzt auf den ›Freund‹.«
»Hier geht es aber nicht zum ›Freund‹«, sagt Kufalt.
»Wissen Sie was, Herr Kufalt«, sagt Dietrich. »Sie brauchen mir meine zwanzig Mark noch nicht wiederzugeben. Ich habe Ihnen gesagt: Wir arbeiten zusammen, und wir arbeiten noch zusammen. Aber dem Freese geben Sie die auch nicht, verstanden? Sagen Sie dem Freese ruhig, Sie haben die mir gegeben.«
Pause.
»Der kauft sich nämlich doch bloß Kognak dafür.«
Pause.
Dietrich lacht, aber etwas kümmerlich. »Ich kauf mir allerdings auch bloß Kognak dafür.« Er lächelt beglückt. »Hier ist Der Tannenbaum von meinem Freunde Schmidt. Wollen wir uns Mut antrinken, ich für den ›Freund‹, Sie für den ersten Kunden?«
»Ich trinke nicht …«
»Ach nee, ach ja, Sie trinken nicht am Vormittag«, sagt der andere hastig. »Weiß ich, goldene Grundsätze, aber ich geh rein …«
Er bleibt stehen, sieht nach dem Fenster der Kneipe. »Sagen Sie, haben Sie das auch, wenn Sie zu viel gesoffen haben, dass Sie es am nächsten Tage gar nicht abwarten können, dass Sie wieder saufen? Davon wird der Magen so gelinde …« Er lächelt. Dann trübe: »Aber es hält nicht vor, immer rascher wird er wieder böse …« Abbrechend: »Also, ich hebe einen. Oder kippe.« Nachdenkend: »Mal sehen, ob das Bier schon gelaufen ist bei meinem Freunde Schmidt. Sonst kippe ich.«
Er streckt die Hand aus. »Dann: Hals- und Beinbruch.«
»Danke, danke«, sagt Kufalt und schüttelt die Hand. Der Zorn ist weg, er ist sogar ein bisschen gerührt. »Wenn Sie heute mal gar nicht tränken, Herr Dietrich …?«
»Wissen Sie was«, sagt Herr Dietrich, »wenn sie mich da auch rausgefunkt haben, den ollen ›Boten‹ muss ich doch weiterlesen. Schreiben Sie ’ne Quittung aus: Dietrich, Wollenweberstraße 37 III.«
Kufalt fasst zögernd Block und Bleistift.
»Ach, Geld?« lacht Dietrich. »Geld! Natürlich kriegen Sie Ihre Mark fünfundzwanzig. Hier …« Er fischt in den Taschen. »Eine Mark fünfundzwanzig. Stimmt gerade.«
Kufalt schreibt. »Ich danke auch schön«, sagt er und gibt die Quittung an Herrn Dietrich.
»Keine Ursache«, sagt der. »Keine Ursache. Wir arbeiten noch zusammen, ich habe es Ihnen gesagt.«
Und er verschwindet in der Kneipe, den Quittungszettel hat er sich unters Hutband gesteckt.
16
Das Herz klopfte dem Kufalt doch, als er vor der Tür seines ersten richtigen Kunden stand. Er wartete eine Weile, ehe er die Klingel zog: Es sollte erst ruhiger gehen, aber es ging immer stärker.
Schließlich entschloss er sich zum Klingeln, Schritte kamen auf dem Flur, die Tür ging auf, und ein junges Mädchen stand da.
»Bitte«, fragte sie.
»Kann ich wohl Herrn Malermeister Benzin sprechen?« fragte Kufalt.
»Bitte schön«, sagte sie.
Sie ging voran über den Flur, sie machte eine Tür auf. »Vater, da ist ein Herr.«
Im Zimmer saß eine ältere, nette Frau am Tisch und schnitt Kohl in eine Schüssel. Der Meister, ein bärtiger Mann, stand am Fenster mit einem anderen Herrn.
»Was steht zu Diensten?« fragte der Meister.
Kufalt, in der Mitte des Zimmers, machte eine Verbeugung. Das Herz zog sich krampfhaft zusammen. Werde ich denn überhaupt reden können …? fragte er sich erschrocken.
Aber schon hörte er sich reden. Guten Tag, ja, und er käme von der Redaktion des »Stadt- und Landboten«. Man erlaubte sich die Anfrage, ob Herr Malermeister Benzin sich nicht entschließen könnte, das Blatt, vielleicht erst einmal probeweise, zu beziehen.
»Wir«, sagte Kufalt gesteigert, »wir sind ja in erster Linie das Blatt des gewerblichen Mittelstandes, und ganz speziell treten wir für die Interessen des Handwerks ein. Ihr Syndikus, Herr Benzin, ist unser ständiger Mitarbeiter. Wir haben in den letzten Wochen Artikel über Handwerkerfragen von ihm gebracht, die bis zur Handwerkskammer Aufsehen erregt haben. In diesen schweren Zeiten müssen Freunde zusammenhalten, und da wir speziell fürs Handwerk kämpfen …«
Er verhedderte sich. Aber er kam gleich wieder frei. Er warf einen Seitenblick auf die Frau, er sagte: »Und was unsere Romane angeht, so werden unsere Romane erster Autoren gerade in Familienkreisen besonders gern gelesen. Wir haben jetzt einen Roman, dessen hundertsiebenundsechzigste Fortsetzung läuft. Es handelt sich da um den Gegensatz zwischen Förstern und Wilderern …«
Plötzlich war er alle. Er war ausgepumpt, er hatte zum Schluss noch einen Schwung machen wollen, einen dringenden Appell, aber nein, nichts, alle. Er stand da und sah sich etwas verwirrt im Zimmer um. Alle sahen ihn an, der Regulator an der Wand tickte unerhört laut, dann hörte er Kinder auf der Straße rufen.
»Man kann es vielleicht mal versuchen, Vater?« sagte die Frau schließlich. »Was kostet denn der ›Bote‹?«
Nun kam Kufalt wieder in Fahrt, der Quittungsblock erschien. Geld wechselte seinen Besitzer, ein höfliches »Danke auch. Guten Tag.«
Und Kufalt stand wieder auf der Straße, fünf Viertel Mark reicher. Fünf Viertel Mark in fünf Minuten. Zweihundertfünfzig Adressen!! Mindestens drei Stunden tippen!
Kufalt ging beschwingt weiter zum Malermeister Herzog.
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»Wie viel haben Sie?« rief das Fräulein an der Maschine, als Kufalt gegen vier durch die Expedition stürmte.
»Wie viel«, fragte Herr Kraft, der im Redaktionszimmer neben Freeses Stuhl stand, und sah aufmerksam in Kufalts Gesicht.
»Na?« fragte Freese und zwinkerte mit den Augen.
»Raten Sie!« rief Kufalt, warf den Hut auf den Tisch, die Aktentasche auf einen Stuhl, als sei er hier schon zu Haus.
Aber er wartete es nicht ab. »Ich hab heute die Maler genommen. Ich hab mir das überlegt, Herr Kraft, die Maler sind der beste Anfang, morgen nehme ich die Tapezierer, Sattler, Dekorateure …«
»Und wie viel?« fragte Kraft.
Freese guckte bloß.
»Ja, wie viel – neunundzwanzig Maler gibt es hier, fünf waren nicht zu Haus – klappere ich beim nächsten Male mit ab. Mit vierundzwanzig gesprochen …«
»Und wie viel?«
»Übrigens sind vierundzwanzig viel zu viel an einem Tag. Von morgen an nehme ich höchstens fünfzehn. Bei den letzten war ich viel zu müde, habe ich bloß geleiert. Überzeugen muss man die Leute …«
»Von was …?« fragte Freese.
»Na, dass es richtig für sie ist, den ›Boten‹ zu abonnieren.«
»Haben Sie denn den ›Boten‹ schon gelesen? Heute haben Sie nur die Leute davon überzeugt, dass Sie nötig Geld brauchen.«
»Auch schön«, lachte Kufalt. »Also raten Sie doch bloß, meine Herren, von vierundzwanzig habe ich …«
»Also sechs«, sagte Kraft, der zum Schluss kommen wollte.
»Zeigen Sie mal Ihren Block!«
»Gar nicht sechs!« rief Kufalt. »Neun!! Bitte, neun!! Von vierundzwanzig neun, beinahe vierzig Prozent!«
Er strahlte.
»Neun«, sagte Kraft, »neun – na ja, das ist tüchtig …«
»Neun«, krächzte Freese. »An einem Tag neun neue Abonnenten …«
Seine Hand tastete über den Tisch nach der Kognakflasche, er sagte: »Darauf wollen wir alle drei mal einen …« Er unterbrach sich, die Hand landete nicht bei der Flasche, beim Federhalter hielt sie an. »Gar nicht wollen wir darauf. Kraft, ich glaube, ich nehme meine Aufsatzreihe über die Geschichte der Stadt wieder auf … Es ist doch Interesse bei den Leuten. Neun, sagen wir, fünfzig neue Abonnenten in der Woche … Der ›Freund‹ wird spucken …«
»Dietrich geht an den ›Freund‹«, meldete Kufalt. »Will jetzt für den werben.«
Die lachten bloß.
»Den werden sie da gerade nehmen! Den Windhund, der nie abrechnet und immer nur losläuft, wenn er keinen Pfennig mehr hat.«
»Ihm habe ich auch noch ein Abonnement angedreht«, prahlt Kufalt. »Hat sogar bar bezahlt … Dietrich … Wollenweberstraße …«
»Raus!« sagt Freese. »Ich will jetzt arbeiten. – Kraft, nehmen Sie die Kognakbuddel mit, gießen Sie sie ins Klo.«
Kraft grinste, er klemmte die Flasche achtsam und zärtlich unter den Arm.
»Nee, recht haben Sie. Schließen Sie die Buddel in Ihren Schreibtisch ein, vielleicht wirbt der aufgeblasene Kaffer morgen nur zweie. Oder keinen.«
Freese seufzte. Über die Klemmergläser schielte er skeptisch auf Kufalt.
»Außerdem habe ich heute Skatabend. Ich kann auch morgen mit Arbeiten anfangen. Man muss erst sehen, wie der Hase läuft. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Stellen Sie die Flasche wieder auf meinen Tisch, Kraft, mehr wird sie auch nicht in Ihrem Schreibtisch. Guten Abend, die Herren.«
18
Manche Strafentlassene kommen gerne wieder in ihr Kittchen – zu Besuch. Es ist wirklich wie ein Stück Heimat, als Kufalt an der Gefängnistür klingelt, zumal Oberwachtmeister Petrow, der Posener, öffnet.
»Tachchen, Kufalt, olles Haus. Is sich recht, dass du wiederkommst zu uns, jetzt wo Winter ist. Willst du Untersuchung, oder hast du schon Knast …?«
»Nee, nee, Herr Oberwachtmeister, vorläufig möcht ich nur zum Direktor.«
»Ah – is sich Hose kaputt auf dem Arsch? Brauchst du Pinunse von Fürsorge? Direktor gibt, Direktor gibt immer. Beamte schimpfen, ich sage: Lass Direktor machen, wird sich Geld alle so oder so, ob versoffen, ob sich angeschafft Mädchen oder Hose – Gefangener behält kein Geld …«
»Ist der Direktor da?«
»Geh zu, altes Haus. Weißt du den Weg, was soll ich klingeln?«
Es ist nur das Verwaltungsgebäude vom Bunker, nicht der Bunker selbst, aber es ist schon der altvertraute Geruch nach Kalk, einer etwas staubigen Sauberkeit. Das Linoleum spiegelt, man grault sich ordentlich, mit Gummiabsätzen darauf zu gehen.
Jetzt ist die stille Stunde, Kufalt hat sie sich ausgesucht, keine Vorführungen, kein Gerenne. Die Herren Beamten frühstücken. Einen Augenblick lauscht er an der Tür vom Alten, aber es scheint kein Besuch drin zu sein. So klopft er, hört das frische »Herein«, tritt ein …
Es ist nun Spätherbst geworden, beinahe Winter, der Dezember steht vor der Tür, aber der Direktor trägt noch immer einen hellen Sportanzug mit untadeligen Oberhemden. Kufalt kann sie gut sehen, denn der Direktor geht in Hemdsärmeln im Zimmer auf und ab.
Er bleibt einen Augenblick stehen und betrachtet den Kufalt. Drei-, vierhundert Gefangene hat der Direktor seit jenem Maitage sicher entlassen, aber er ist sofort im Bilde. »Tag, Kufalt. Ich hab schon gehört, dass Sie wieder im Städtchen sind. Was arbeiten Sie hier? Oder arbeiten Sie nichts?«
Dabei schüttelt er ihm die Hand. Wie damals fragt er gleich: »Zigarette?«, und wie damals ist es eine Sechserzigarette. Nur, dass dieses Mal Kufalt eine solche Zigarette nicht so imponiert wie damals.
»In Hamburg haben Sie also Schluss gemacht, nicht wahr? Wir hatten da mal eine Anfrage von der Polizei nach Ihnen, ich hab aber nichts mehr davon gehört. Haben Sie was abgekriegt, oder mögen Sie nicht davon sprechen?«
Doch, Kufalt mag, und er erzählt die Geschichte von Cito-Presto.
Der Direktor wiegt den Kopf. »Schade, ja, aber auch nicht schade, es hätte immer schiefgehen müssen, all ihr Vorbestraften zusammen, es wäre nie etwas Rechtes geworden. – Und was machen Sie nun?«
»Werbe Abonnenten für die hiesige Zeitung. Den ›Landboten‹, Herr Direktor.«
»Und davon können Sie leben?«
»Auf zweihundert im Monat komme ich sicher, Herr Direktor«, sagt Kufalt stolz.
»Soso! Ich hatte mal gehört, die Zeitung wär so gut wie pleite. Hab sie nie gesehen. Und nun wollen Sie mir ein Abonnement andrehen?«
»Nein, nein, Herr Direktor«, sagt Kufalt hastig und ein bisschen gekränkt. »Das habe ich wirklich nicht nötig, ich kriege meine Abonnenten schon so zusammen.«
»Und …?« fragt der Direktor. »Alte Schulden …? Ein Wintermantel? Ihrer ist übrigens noch sehr gut. Wo fehlt’s also?«
Kufalt ist wirklich ein wenig beleidigt. Kann man denn nicht zum Direktor kommen, ohne etwas für sich zu wollen, bloß mal, um ihm guten Tag zu sagen, aus Dankbarkeit also, aus Freundschaft …?!
Aber nein, ihm fällt ein, auch er will ja was vom Direktor, hier kommt wohl keiner, der nicht was will.
»Also, Kufalt …?« fragt der Direktor wieder.
»Bruhn«, sagt Kufalt. »Herr Direktor kennen doch den Bruhn?«
»Bruhn?« sucht Direktor Greve. »Ich weiß nicht recht, wir haben hier öfter Bruhns. Welcher war das zu Ihrer Zeit?«
»Der Emil, Herr Direktor, der Kleine mit dem runden Kopf, wegen Raubmord, Herr Direktor, aber es war kein Raubmord …«
»Ach ja«, sagt der Direktor, »ich erinnere mich jetzt, elf Jahre oder so was. Etwas Bewährungsfrist.« Seine Stirn zieht sich zusammen. »Das war doch der Bengel, der sich gleich am Entlassungstag sinnlos betrunken hat und mit ’ner Schlägerei und Weibern anfing? Leben Sie jetzt mit dem zusammen, Kufalt …?«
»Nein, nein, ich lebe allein, ich habe mein möbliertes Zimmer. Aber ich sehe ihn manchmal, Herr Direktor, er ist wirklich ein guter Junge und ein fleißiger Kerl …«
Und dabei denkt Kufalt: Der Direktor hat ein besseres Gedächtnis als du. Du hast den Emil nie danach gefragt, was das war am Entlassungstag, hast es ganz vergessen.
»Die Sache«, sagt der Direktor, »die der Bruhn am Entlassungstage gemacht hat, war jedenfalls nicht gut. Die haben da den Hauswirt die Treppe hinuntergeworfen, der Pastor hat sechs-, siebenmal laufen müssen, bis der Strafantrag zurückgenommen wurde. Sonst wäre Ihr Freund Bruhn seine Bewährungsfrist losgewesen …«
»Ich hab nichts davon gewusst, Herr Direktor«, sagt Kufalt bestürzt.
»Na ja, es ist gut – und nun erzählen Sie, was ist mit Bruhn?«
Und Kufalt erzählt, was für ein geschickter, begabter Tischler der Bruhn ist, wie er all die Jahre im Gefängnis nichts gemacht hat wie tischlern, und wie er es nun draußen nicht weitermachen darf, weil er die Gesellenprüfung nicht hat. Und dass er, der Kufalt, sich ausgedacht hat, vielleicht könnte man den Bruhn noch einmal zu einem Meister schicken in die Lehre, der Meister stünde sich doch nur gut dabei, einen perfekten Gesellen als Lehrling ohne Lohn, und dass dann der Bruhn einen richtigen Beruf hätte, in dem er vorwärtskommen könnte …
Kufalt erzählt das alles sehr eifrig, und aufmerksam hört der Direktor zu. Er wandert dabei in der Stube auf und ab, sagt einmal »ja«, seufzt auch einmal und gibt dem Kufalt zwischendurch die zweite Zigarette.
Als der aber fertig ist, bleibt er stehen und sagt: »Also erstens einmal müsste man einen vorurteilslosen Meister finden, der sich nicht an dem Raubmord stößt. Sehr, sehr schwierig. – Ja, ja, ich weiß schon, Sie sagen, es war keiner, aber in den Akten steht Raubmord, und gebrummt hat er auch dafür, und Wiederaufnahme hat er auch nie beantragt …
Und dann müsste man für die lange Lehrzeit, wo er kaum was verdient, seinen Lebensunterhalt sicherstellen. Der Fürsorgefonds müsste herhalten, auf drei, vier Jahre, fünfzig Mark monatlich mindestens. Das wird noch viel schwieriger, denn wir wissen ja nicht, über wie viel Geld wir im nächsten Jahre verfügen können, und ob nicht viel, viel Bedürftigere da sind …«
Kufalt möchte etwas einwenden, aber der Direktor sagt: »Nein, noch nicht. Und dann müsste ich die Sache vor die Beamtenkonferenz bringen, und von allen anderen Schwierigkeiten abgesehen, müsste man da nun erreichen, dass alle Beamte den Bruhn solcher Auszeichnung und Hilfe für würdig halten. Und da, lieber Kufalt, sehe ich sehr schwarz, denn allein die Sache an seinem Entlassungstage …«
»Aber, Herr Direktor!« sagt Kufalt, »Herr Direktor wissen doch selbst, am Entlassungstage ist doch keiner normal. Jeder ist doch durchgedreht, wenn er rauskommt. Ich war’s auch.«
»Na ja«, sagt der Direktor. »Das wissen wir schon. Und darum haben wir uns ja auch für ihn eingesetzt, dass der Strafantrag zurückgenommen wurde. Aber eine Empfehlung ist es nicht, das müssen Sie schon zugeben, Kufalt.«
»Und im Hause hat Bruhn nie ’ne Hausstrafe gehabt! Und der fleißigste Arbeiter von allen ist er immer gewesen.«
»Man müsste das mal nachsehen«, sagt der Direktor. »Wenn er wirklich so tüchtig ist … Vielleicht … Aber nein, Kufalt, es ist eigentlich kaum zu verantworten, an einen Mann so viel Geld …«
»Aber er verdient es wirklich, Herr Direktor, er ist ein so netter Junge!«
»Jaaa …?« fragt der Direktor plötzlich sehr gedehnt und sehr laut und sieht Kufalt dabei scharf an. »Jaaa …? Ist er ein so netter Junge? – Haben Sie eigentlich ein Mädchen, Kufalt …?«
Kufalt läuft langsam, aber sicher sehr rot an. »Ja, ich habe ein Mädchen, Herr Direktor. Und wie Sie das denken, Herr Direktor, so ist das nicht. Ich will ja nicht lügen, vor vier oder beinahe fünf Jahren, da war es mal, aber seitdem nie wieder. Ganz bestimmt nicht, Herr Direktor. Deswegen bitte ich nicht für ihn, weil er so mein Freund ist.«
»Ist schon gut«, sagt der Direktor. »Und weswegen bitten Sie für ihn, Kufalt?«
Ja, warum bittet er für ihn? Kufalt fragt es sich hastig, er weiß es nicht. Was ist es denn …?
Doch da sagt es der Direktor schon. »Sie sind nicht mehr der Vertrauensmann der dritten Stufe, Kufalt«, sagt der Direktor. »Lassen Sie ruhig nur jeden für sich selbst reden, Bruhn kann gut alleine zu mir kommen, ich versteh schon, was er will, wenn er auch nicht so fließend spricht wie Sie, Kufalt.«
Aber als er Kufalt so beschämt dastehen sieht, sagt er noch: »Na ja, ich glaub’s Ihnen ja, es ist nicht nur Wichtigtuerei gewesen, auch Freundschaft war dabei. Und nun bestellen Sie dem Bruhn, er soll in den nächsten Tagen mal zu mir kommen. Mittwoch oder Donnerstag um zwölf. Auf Wiedersehen, Kufalt. Noch eine Zigarette? Auf Wiedersehen.«








