Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 97

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9

Zwei Stunden später sitzt Kufalt im Zuge nach Hamburg.

Es ist wie am Entlassungstage im Mai: Er muss wieder von vorne anfangen, alles ist ungewiss.

Es ist nicht ganz wie im Mai: Er weiß, so wie damals fängt er nicht wieder an.

Diesmal geht es auf die andere Tour. Er hat keine Lust mehr, sich Mühe zu geben, es geht doch schief. Lebe schön, denkt er.

»Sehen Sie mal«, hat Herr Kraft gesagt, »das hatten wir ja nun auch schon von Brödchen gehört, dass Sie das Geld nicht genommen haben, aber trotzdem …«

»Wissen Sie eigentlich, wer es genommen hat?« hat Kufalt neugierig gefragt.

»Das weiß er noch nicht einmal! Der Maurer Zwietusch doch selbst! Ja, da staunt er!«

»Und der wollte mir alle Knochen zu Brei schlagen«, wundert sich Kufalt wirklich. »Wieso hat er’s denn genommen?«

»Weil er ein oller Süffel ist. Anderthalb Jahre ging’s, da war er bei den Guttemplern, aber jetzt ist er wieder auf Touren. Jetzt holt er alles auf einmal nach.«

»So ein Aas!« sagt Kufalt mit Nachdruck. »Und ich hätte Knast schieben dürfen für den! Hat das Brödchen rausgekriegt?«

»Nee, nee. Der Gastwirt, bei dem Zwietusch das Geld deponiert hat, damit er immer saufen kann, und die Alte findet es nicht bei ihm – der Gastwirt hat sich von selbst gemeldet, als er von Ihrer Geschichte gehört hat.«

»Dann ist die also rum im Städtchen, meine Geschichte?« fragt Kufalt.

»Ja!« sagt Herr Kraft mit Nachdruck. Und setzt hastig dazu: »Und sehen Sie, Kufalt, darum können wir Sie auch nicht weiter beschäftigen. Solange es nicht bekannt war, Sie verstehen …? Aber jetzt, wo es rum ist, Sie verstehen! So in die Wohnungen, uns macht man womöglich haftbar!«

Kufalt sieht ihn einen Augenblick stumm an. »Bisher ist nichts weggekommen!« sagt er.

»Nein, nein, nein, nein, das sage ich auch nicht. Aber es kann doch viel behauptet werden, es ist doch auch für Sie unangenehm.«

»Ich hab gut geworben.«

»Haben Sie! Darüber kein Streit, haben Sie! Unser bester Werber! Aber wie die Verhältnisse nun einmal liegen … wir wollen Ihnen auch gerne einen Abstand zahlen, dreißig Mark, nein, fünfzig Mark, nicht wahr, Herr Freese …? Trotzdem Sie ja ein schönes Geld bei uns verdient haben. Aber Sie verstehen …«

Es konnte gar nicht eilig genug gehen, dass er Abschied nahm.

»Mein Zimmer hier müssen Sie mir aber auch noch bezahlen«, sagt Kufalt mürrisch. »Ich bleibe nicht hier, ich fahr wieder nach Hamburg.«

»Aber …«, fängt Herr Kraft an.

»Mach schon, Mensch«, sagt Freese. »Gib ihm. Und, Kufalt, zu Harders würde ich nicht gehen, mich verabschieden …«

Kufalt sieht ihn mit großen Augen an.

»Brödchen ist auch bei Harders gewesen.«

Aus. Ab dafür. Ende. Auch gut.

»Nehmen Sie sich unsere neue Ausgabe mit«, eilt Freese ihm nach. »Gerade fertig. Riesenschadenfeuer; auch von einem Ihrer …« Bricht ab. Sagt dann: »Also alles Gute, Kufalt.«

»Trehne ist nicht«, sagt Kufalt und versucht zu lachen.

»Ach, die Trehne, die Trehne«, sagt Freese. »Die fließt Ihnen nicht weg, die bleibt Ihnen immer noch. Und in Hamburg haben Sie übrigens auch die Flete …«

»Nee, nee«, sagt Kufalt. »In Hamburg steigt nun ein anderer Laden, vielleicht hören Sie mal von mir …«

Und lachend geht er los, hebt auf der Sparkasse sein Guthaben ab, soweit es ohne Kündigung geht, packt die Sachen, die knurrende, aber angstvolle Wirtin streicht immer im Gelände herum – »Dass man so was frei rumlaufen lässt!« –, und endlich in den Zug!

Adieu.

Hilde, Harder, Bruhn, Bunker, »Bote« – Adieu!

Nun kommt ein anderer Film.

Und er entfaltet die neueste Ausgabe des »Boten«.

»Dreckblatt«, murmelt er.

Ja, aber nun findet er etwas, über anderthalb Seiten lang, in dem Dreckblatt, das ihn die Bahnfahrt vergessen macht.

Die Holzwarenfabrik ist abgebrannt.

»Von dem Brandstifter, dem mit elf Jahren Gefängnis vorbestraften ungelernten Arbeiter Emil Bruhn, hat man trotz eifrigster Fahndung der gesamten städtischen Polizei und der Landjägerei noch keine Spur. Man nimmt an, dass er sich noch in der Nacht nach Hamburg gewandt hat. Vermutlich ist ihm auch der Diebstahl eines während des Brandes vor der Wirtschaft von Kühn gestohlenen Herrenrades zuzuschreiben, mit dem er sich …«

Nun, oller Emil, wenn ich dich in Hamburg treffen sollte, ich mach nicht Kippe oder Lampen, ich verpfeif dich nicht!

ACHTES KAPITEL – Ein Ding wird gedreht

1

Es ist erstes Februardrittel, Hamburg liegt in Regen und Nebel, nasser Kälte und schnell zergehendem Schnee.

Wenn der Wind nächtlich über die Außen- und Innenalster pfeift, schlagen die Leute den Mantelkragen hoch und machen, dass sie schneller nach Haus kommen. Umsonst strahlen die Luxusgeschäfte am Jungfernstieg im schönsten Glanz, kaum je, dass ein junges Paar, noch warm und belebt von Theater oder Kino, musternd vor einer Auslage stehenbleibt. »Sieh doch, wie schön der große Aquamarin ist! Nein, da, der in Altsilber gefasste …«

»Ja, herrlich! – Komm, wir wollen sehen, dass wir nach Haus kommen, diese nasse Kälte kriecht durch die Schuhsohlen!«

Zehn Minuten, und der Strom der Theater- und Kinobesucher hat sich verlaufen, die Lichter in den Auslagen erlöschen, Scherengitter schieben sich rasselnd vor, Stahlgitter senken sich auf der Innenseite der Scheiben herab – die Straße verödet, und nur noch die frierenden Mädchen stehen an den Ecken und warten auf Freier.

»Na, Schatzi, was wird mit uns?«

»Keine Zeit, Mädi, keine Zeit«, sagt der junge Mann in Ulster und Melone eilig. »Ein andermal.«

Er geht rasch weiter, auch er hat den Mantelkragen hochgeschlagen, aber Nässe und schneidender Wind scheinen ihm nichts auszumachen. Er pfeift vergnügt vor sich hin und tritt fest mit den Hacken auf, dass der Schneematsch zerknallt.

Wird sich morgen früh freuen über meine Büxen,70 die Fleege, denkt er flüchtig.

Vor dem Alsterpavillon steht ein Schupo. Er steht dort dunkel und drohend und hat die Straße streng auf dem Kieker, aber der junge Mann pfeift nur umso lauter …

Steh du nur. Du stehst um zweihundert Meter zu weit!

Und er biegt ab in die Große Bleichen.

Nun hat er es nicht mehr so eilig. Er schlendert ganz vergnügt dahin, pfeift auch mal wieder, bleibt vor dem Schaufenster eines Herrenausstatters stehen und lässt sich mit einem Mädchen in ein Gespräch ein. Zum Schluss schenkt er ihr eine Zigarette und verspricht, nächsten Abend um acht am gleichen Laden zu sein. Jetzt hat er leider eine Verabredung.

Nach den Großen Bleichen kommt die Wexstraße.

Es ist, als brennten die Straßenlaternen düsterer hier, es ist auch kaum noch ein Mensch zu sehen. Vom Michel her schlägt es Mitternacht.

Der junge Mann hat zu pfeifen aufgehört, er geht sachte. Düster ragen über ihm die Häuser, unbeleuchtet, ein Dampfer heult vom Hafen her mit dem Nebelhorn: Es hallt in der feuchten Luft, als führe der Dampfer an der nächsten Straßenecke.

Als der Mann beim Großen Neumarkt ankommt, bleibt er unschlüssig stehen. Er brennt sich wieder eine Zigarette an, dann geht er rasch in ein Speiselokal, stellt sich an die Theke und lässt sich einen Grog mit doppelter Rumportion geben.

Als er den intus hat, ist die Uhr zwölf Uhr zwanzig geworden. Er zahlt und geht wieder auf die Straße. Er geht nicht weiter, er geht zurück, wieder sucht er die Wexstraße auf.

An der Ecke vom Trampgang steht auch so ein einsames Mädchen. Aber diesmal wartet er nicht ab, dass er angesprochen wird, er spricht sie gleich selber an.

Lang ist seine Ansprache nicht.

»Na?« fragt er bloß.

»Er sitzt bei Lütt«, flüstert sie hastig.

»Bestimmt?«

»Heilig und bestimmt! – Krieg ich meine fünf Mark?«

»Zwei«, sagt der Mann nach kurzem Überlegen. »Hier. – Die anderen drei, wenn er wirklich da sitzt.«

»Pass bloß auf, Ernst«, sagt sie warnend. »Das ist ein Rabe! Die Emma hat er gestern halbtot geschlagen und ihrem Stenz die ganze Marie aus der Tasche geprügelt!«

»Dann hat er also Geld?« Der Mann ist enttäuscht.

»Ja, zwanzig Mark sicher.«

»Hmmm! Hmmm!« macht er. »Also denn auf nachher.«

»Bestimmt?«

»Heilig und bestimmt!« äfft er ihr nach, lacht und geht weiter.

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2

Er geht nicht in den Trampgang, er geht geradeaus weiter, beim Rademachergang hält er an, sieht in die dunkle Schlucht, in der eine trübe Gaslaterne brennt, sieht nach rechts, sieht nach links – und taucht ein ins Gängeviertel.

Er geht rechts, noch einmal rechts, überquert wieder die Wexstraße, verschwindet im Langen Gang, geht ein Stück die Düsternstraße und verschwindet wieder im Schulgang.

Er geht immer in der Mitte der schmalen Gänge, manchmal streckt er die Arme aus und versucht, ob er die Hauswände rechts und links fassen kann. Manchmal kann er es, manchmal ist der Gang zu breit.

Bisher ist ihm kein Mensch begegnet. Die alten Fachwerkhäuser stehen still und unbeleuchtet, als seien sie längst ausgestorben, sie neigen ihre Giebel einander zu, als wollten sie vornüber fallen, vom Himmel ist nichts zu sehen.

Manchmal fällt aus einer Kneipe Lichtschein auf die Steine, über die er geht, ein Orchestrion lärmt mit Zimbeln und Schellen, ein Grammophon kreischt. Die Fenster der Kneipen sind gelb oder rot verhängt.

Dem Mann ist nicht mehr nach Pfeifen zumute, so langsam er geht, er schwitzt leicht, einmal fasst er nach seiner Gesäßtasche. Alles in Ordnung, aber – der Entschluss ist doch nicht leicht, wenn man auch noch so sehr vor den Mädels angibt.

Man könnte immer noch nach Haus gehen!

Er ist direkt vor Kugels Ort, er sieht schon den rötlichen Schein aus Lütts Kneipe. Also nun los!

Zwei Schupos, baumstarke Kerls, den Sturmriemen des Tschakos unterm Kinn, gehen gerade auf ihn zu, feste umgeschnallt, und die Polizeiknüttel am Riemen wippen im gleichen Takt.

Sie mustern den späten Spaziergänger scharf.

»Guten Abend«, sagt der und lüftet höflich seinen schwarzen Steifen.

»Schlechte Nacht«, sagt der eine Schupo überraschend sanft und leise. »Schlechtes Wetter. Schlechte Gegend.«

Der Mann, der an ihm vorüber auf Kugels Ort wollte, muss stehenbleiben. Die beiden Riesen halten vor ihm und sehen auf ihn hinunter wie auf eine Puppe.

»Kann man da rein?« fragt der Mann leicht und deutet mit dem Kopf auf den Lichtschein der Lüttschen Wirtschaft.

»Warum wollen Sie denn da rein?« fragt der Schupo mit der sachten holsteinischen Aussprache freundlich.

»Es würde mich interessieren«, sagt der Mann. »Ich habe so viel vom Gängeviertel gehört.«

»Da gehen Sie man lieber nicht rein«, flüstert der Schupo sacht, aber mit Nachdruck. »Die könnten Ihren Bregen – verkleistern!«

Er lacht sich selbst Beifall.

»Ach!« macht der Mann enttäuscht, »wo kann man denn noch hingehen?«

»Nach Haus!« brüllt überraschend der andere Schupo. »Schleunigst nach Haus. Uns hier noch extra Schwierigkeiten machen …!«

Er will weiterreden. Aber der Mann sagt hastig gute Nacht, lüftet wieder den Hut, überquert schnell Kugels Ort, läuft durch den Ebräergang, biegt sofort in den Amidammachergang, taucht zum dritten Mal auf der Wexstraße auf. Das Mädchen ist nicht mehr da, er geht rasch die Wexstraße hinunter und ist nur vier Minuten später schon wieder auf Kugels Ort, jetzt von der anderen Seite kommend.

Kugels Ort ist leer, der Schein von Lütts Wirtschaft liegt ruhig und rötlich auf den Kopfsteinen.

Einen Augenblick verpustet der Mann, wischt sich sein schwitzendes Gesicht mit einem Taschentuch ab, fasst noch einmal nach dem Stahlklotz in der Gesäßtasche, steckt ihn in die Manteltasche und drückt dann entschlossen auf die dünngegriffene Messingklinke zu Lütts Wirtschaft.

3

Eine Stimme rief schrill: »Achtung, Schmiere!«

Tiefe Stille trat ein.

Der Mann hatte die Tür hinter sich zugezogen und sah mit blinzelnden Augen in den Dampf. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet.

Er nahm den Hut ab und sagte: »’n Abend!«

Der breite Wirt mit dem dicken bläulichen Gesicht, das von einer tollen blauroten, formlosen Nase entstellt war, sagte breit: »’n Abend, Heideprim«, und deutete kaum merklich in einen hinteren Winkel seiner Wirtschaft.

»’n Abend, Herr Kriminaler«, sagte ein Bursche. »Schenken Sie mir Ihre Kippe.«

»Selber Rabe!« sagte der Mann forsch und versuchte zu lächeln.

Hinter ihm – er stand nun an der Theke – waren zwei Burschen aufgestanden und schoben sich gegen ihn.

»Hände weg von der Mutter!« befahl der Mann.

»Lasst den Jungen in Ruh, ihr«, kommandierte auch der Wirt. »Der ist stiekum.«

Die Burschen standen zögernd.

»Du Seelenverkäufer«, sagte der eine. »Brauchen wir ’ne neue Fresse? Es gibt für die anderen schon nichts zu tun.«

»Halt den Rand, setz dich! Sollst dich setzen, oder ich schmeiß dich raus. Bin ich Wärmehalle?«

Die Burschen setzten sich, böse miteinander flüsternd.

Der Mann an der Theke hatte einen großen Kognak getrunken. Und noch einen.

Die jungen Burschen sahen ihm neidisch zu: Der hat’s!

Aus dem Hintergrund des Lokals kam jetzt langsam ein großer, düsterer Mann mit schweren Knochen, mit Händen wie Waschhölzer.

Er ging langsam auf den Mann an der Theke los, pflanzte sich vor ihm auf und sah ihn an. Es war ein böser, hasserfüllter Blick, die niedrige Stirn unter dem schwarzen Haar bucklig und faltig, der dicklippige Mund stand halb offen und ließ die schwarzen verdorbenen Zähne sehen.

»’n Abend, Batzke«, sagte der Mann an der Theke und tippte an seinen Steifen.

Batzke sah den Mann an, sein Mund bewegte sich. Dann hob er langsam die ungeheure Hand …

»Zwecklos«, sagte der Mann leichthin, aber seine Stimme zitterte etwas. »Kanone!«

Und die Hand in der Manteltasche hob sich an, dass der Lauf durch den Stoff trat.

Batzke lachte auf. »Jungeken – und mit ’ner Kanone! Eh du schießt, biste hin.«

Seine Hand hob sich wieder.

»Ich habe die Vierhundert für dich«, sagte der Mann rasch.

Das Gesicht des anderen veränderte sich, die Hand sank herunter. Noch einmal sah Batzke den Mann an.

Dann ging er, die Hände fest in die Jackettaschen gebohrt, wortlos in seine Ecke zurück.

Der Mann sah ihm nach. Dann wischte er sich über die Stirn, die schweißnass war, und sagte zum Wirt: »Noch ’nen Kognak, ja?«

Er fühlte, dass die Blicke aller vorne im Lokal auf ihm lagen, jetzt mit anderm Ausdruck. Er trank seinen Kognak und sah dabei den Wirt fragend an.

Der bewegte verneinend den Kopf.

»Jetzt nicht«, flüsterte er. »Er hat jemanden da.«

Der Mann trank seinen Kognak aus, bezahlte, tippte an seinen schwarzen Hut und sagte wieder: »’n Abend.«

»’n Abend, Heideprim«, sagte der Wirt, und der Mann schob ab.

4

Draußen stand das Mädchen.

»War er da?« fragte sie.

»Hier hast du deine drei Mark«, sagte der Mann. »Du wartest, bis er rauskommt. Sag ihm keinen Namen, sag ihm, der Vierhunderter wartet auf ihn. Verstehst du das?«

»Ja«, sagte das Mädchen. »Der Vierhunderter wartet auf dich.«

»Dann bring ihn zu mir.«

»Und was krieg ich?« fragte das Mädchen. »Es ist kalt, und meine Sohlen sind kaputt.«

»Noch mal drei Mark«, sagte der Mann. »Oder du lässt es.«

»Gemacht«, sagte das Mädchen.

Der Mann trat rasch in die Wexstraße, spähte nach beiden Seiten (er wäre ungerne jetzt den Schupos begegnet) und ging dann rasch die Wexstraße hinunter nach der Fuhlentwiete.

Er ging ein Stück hinein, sah sich aufmerksam um, sie war leer, er schloss rasch eine Haustür auf und trat in das Haus. Sorgfältig schloss er wieder ab. Ohne Licht tastete er sich eine Treppe hinauf, öffnete eine Etagentür, knipste Licht an und sagte halblaut: »Alles in Ordnung, Frau Pastorin. Schlafen Sie weiter.« Er hörte die Frau im Bett rascheln, dann sagte eine alte helle Frauenstimme: »Ist gut, Herr Lederer – wie war’s im Theater?«

»Schön, schön«, sagte der Mann und hängte Ulster und Hut in einen Schrank. »Es ist übrigens möglich, dass ein Kollege mit seiner Frau noch kommt – lassen Sie sich nicht stören, Grogwasser kriege ich allein warm.«

»Danke schön«, sagte die alte Frau. »Schlafen Sie auch gut. Frühstück wie immer?«

»Frühstück wie immer«, sagte der Mann. »Gute Nacht.«

Er knipste das Licht aus auf dem Flur und ging in sein Zimmer. Dort stand er einen Augenblick nachdenklich im Dunkeln.

Der Wind brauste ums Haus, heulte an den Scheiben, dann strich es dagegen wie scharfer Schnee.

»Schlechte Nacht. Schlechtes Wetter. Schlechte Gegend«, wiederholte er und seufzte.

Er steht eine Weile da im Dunkeln, lauscht auf den Wind und Schnee. Vielleicht kommt er gar nicht, denkt er.

Auch gut, denkt er. Kommt er morgen. Kommen tut er. Zwanzig Mark hat er – dann ziehen vierhundert immer.

Er macht Licht an.

Es ist ein nettes, anständiges Zimmer, dunkle Eiche, dunkle große Klubsessel, ein richtiger Gewehrschrank, eine Krone aus Abwurfstangen mit einem Leuchterweibchen. Das Bett steht hinter einem großen grünseidenen Schirm.

Der Mann nimmt aus dem Bibliotheksschrank eine Schachtel Zigaretten, ein Kistchen Zigarren und stellt das auf den Rauchtisch. Er holt eine Flasche Kognak, noch eine Flasche Rum aus dem Büfett, stellt sie auch hin. Dann drei Schnapsschalen, drei Teegläser, eine Dose mit Zucker.

Er steht einen Augenblick nachdenkend da, er lauscht. Diese alten Häuser sind zu still, denkt er. Dann holt er noch drei Teelöffel.

Er denkt wieder nach und geht langsam gegen die Tür.

Macht wieder kehrt, nimmt seine Brieftasche aus dem Jackett und zählt acht Fünfzigmarkscheine ab. Er knifft sie zusammen, legt sie auf den Rauchtisch und setzt darüber einen großen, schweren, marmornen Aschenbecher. Er überzeugt sich genau, dass die Scheine nirgendwo unter dem Aschenbecher hervorsehen.

Wieder denkt er nach.

Er verschwindet hinter dem Schirm und taucht auf mit Hausschuhen und in einem Rauchjackett. Die Pistole trägt er offen in der Hand.

Er sieht sich die beiden Klubsessel an, ist aber nicht zufrieden, er rückt noch einen Stuhl aus Rohrgeflecht an den Tisch. Der Stuhl hat Armlehne und im Rücken und auf dem Sitz Kissen, auf das Sitzkissen legt er seitlich die Pistole und deckt ein Taschentuch darüber.

Er nimmt zwei Schritte Abstand und sieht das an. Es sieht richtig aus: Von der Pistole ist nichts zu sehen, und das Taschentuch liegt da, als sei es vergessen.

Er seufzt leicht auf, schaut nach der Uhr (ein Uhr fünfzehn) und geht in die Küche, wo er auf ganz kleine Gasflamme einen Topf mit Wasser aufsetzt.

Wieder im Zimmer, nimmt er ein Buch und fängt an zu lesen.

Es vergeht eine sehr lange Zeit, es ist totenstill im Haus, der Wind aber scheint stärker zu werden. Er sitzt da und liest, sein blasses, verzogenes Gesicht mit dem schwachen Kinn, dem sinnlichen Mund ist müde, aber er liest weiter.

Dann sieht er wieder auf die Uhr (zwei Uhr siebenundfünfzig), betrachtet unschlüssig die Anrichtung auf dem Rauchtisch, steht auf, lauscht auf den Flur. Nichts. Er geht leise über den Flur, sieht in die Küche, gießt Wasser in dem halb leer gekochten Topf nach, öffnet die Etagentür und lauscht ins Treppenhaus.

Nichts.

Als er ins Zimmer zurückkommt, schaudert er vor Kälte, er gießt sich einen Kognak ein, einen zweiten, einen dritten …

Auch das Buch wird über die Pistole gelegt, der Mann fängt an, hin und her zu gehen. Er geht leise und rastlos, eine Diele knackt, wenn er darauftritt, und so tief er in Gedanken ist, nach dem dritten Knack weiß sein Fuß Bescheid und vermeidet die Diele.

Draußen auf dem Flur ist ein leises Geräusch, er öffnet die Tür zu seinem Zimmer und sagt halblaut: »Hierher. Bitte recht leise!«

Batzke kommt vor dem Mädchen herein, er scheint aufgeräumter als vorhin.

»Na, altes Haus, Kufalt …«

»Nicht, keinen Namen!« sagt der Mann rasch. »Ilse, hol das Grogwasser, es muss längst kochen.«

Und als sie draußen ist: »Ich heiße übrigens Ernst Lederer …«

»Scheibe«, sagt Batzke. »Also gieß mir ’nen Kognak ein, Lederer. Oder darf ich die Flasche nehmen?«

5

Die verwitwete Frau Pastorin Fleege hatte noch nie einen so netten Mieter gehabt wie den Herrn Schauspieler Ernst Lederer, der seit Ende Januar bei ihr wohnte. Nicht nur, dass er ein großzügiger Mieter war und von selbst erklärt hatte, fünfzig Mark seien viel zu wenig für solch schönes Zimmer, auch noch mit Heizung, auch noch mit Frühstück, er gäbe fünfundsiebzig, nein, er war auch der freigebigste Mann in Blumensträußen, Konfektschachteln, Theaterbilletts. Und das alles für eine alte, siebzigjährige Frau!

Aber das Schönste war doch, dass er gerne bei ihr saß und mit ihr plauderte. Sie war alt, ihr lieber Mann war nun schon über zwanzig Jahre tot, ihre Tochter oben im nun dänischen Flensburger Land mit einem Gutsbesitzer verheiratet. Sie kam so selten, und die alte Dame hatte keine Freunde mehr, oder die Freunde waren ebenso alt und gebrechlich wie sie und konnten keine Besuchswege mehr machen.

Sie hatte schon so lange allein gesessen in ihrem Zimmerchen, und dazu noch hatte sie sich vor ihren jeweiligen Mietern oder Mieterinnen geängstigt. Sie waren laut und roh, zahlten schlecht, verdarben die Sachen, stellten immer neue Anforderungen … aber nun der Herr Schauspieler Lederer …!

Zuerst hatte er ihr nicht so übermäßig gefallen. Er war laut gewesen und zu vertraulich, als er mietete, er hatte grundlos viel gelacht, hatte sie frech angesehen und war dann plötzlich still und wortkarg geworden.

Aber dann hatte sie ihn besser kennengelernt. Frau Pastorin Fleege hatte eine kleine grauschwarze Katze »Pussi«, eine ganz gewöhnliche Hauskatze, die ihr einmal als junges Tier halb verhungert zugelaufen war. Sie hatte sich an Pussi gewöhnt, es war ein liebes, zutrauliches Tier, man konnte im Schummern mit ihr sprechen, und sie schnurrte dann so nett, wie zur Antwort …

Doch was einmal eine Straßenkatze gewesen ist, behält leider diese Neigung, sie war eine Herumstrolcherin, davon konnte sie nicht lassen! Frau Fleege mochte noch so sehr aufpassen, irgendwann entwischte Pussi doch einmal durch ein offenes Fenster, schob sich unten bei ihren Beinen an der Entreetür durch, während sie oben mit dem Milchmann redete – und fort war sie!

Da kamen dann Stunden, oft Tage des Kummers für Frau Pastorin. Soweit es ihr ihre alten Beine erlaubten, lief sie in den Nachbarhäusern umher und erkundigte sich. Aber so viele Leute waren roh, sie lachten sie aus und nannten sie »verdreihte Olsch« oder »Katzenmadam«! Sie begriffen nicht, wie sehr sie sich ängstigte, es gab so viele böse große Hunde in der Nachbarschaft. Sie wusste wohl, man sollte sein Herz nicht an die unvernünftige Kreatur hängen, aber wo ihr lieber Mann schon so lange tot war und die Tochter Hete so weit weg wohnte …!

An solchen Tagen weinte sie viel, die klaren großen Tränen liefen ihr lautlos über das Gesicht, sie schluchzte nicht dabei. Aber das Leben war schwer so allein, und der liebe Gott hätte sich ihrer doch längst erbarmen können.

Herr Lederer wohnte erst drei oder vier Tage bei ihr, als Pussi wieder einmal ausriss. Erst wollte sie ihm gar nichts erzählen, Pussi war ja noch immer wiedergekommen, aber dann, als sie – erschöpft von den ersten Nachfragen – auf ihrem Fenstertritt saß, und ein Auto schrie so schrill draußen, und sie war zusammengefahren, weil sie dachte, es sei Pussi gewesen, die so schrie – also dann war sie doch zu ihm gegangen.

Erst hatte er wohl gar nicht recht begriffen, er hatte mit dem Kopf in den beiden Händen am Schreibtisch gesessen, dass sie dachte, es sei ihm nicht gut … Aber dann, als er den Kopf hob, hatte sie gesehen, er hatte Kummer. Sie hätte nun gerne gar nichts gesagt, aber er hatte schon genickt und zugestimmt: »Machen wir …«

Nun wollte sie ihn zurückhalten und hatte gesagt, so sei es doch nicht gemeint gewesen, und der Herr Lederer müsse sich doch sicher noch seine Rolle für den Abend aufsagen …

Sie trug so ein komisches schwarzes Häubchen auf dem Kopf, ein flaches Ding aus schwarzen Glasperlen, wie es kein Mensch heute mehr trug, darauf musste Herr Lederer immer sehen. Es war auch verrutscht …

Also, er ging jetzt sofort suchen!

Er kam wieder zu ihr, alle viertel oder halbe Stunde machte er Bericht. Da hatte er Pussi gesehen, aber nicht gekriegt; jetzt hatte er einen Bückling gekauft, um sie zu locken, traf er sie noch einmal; und nun hatte Frau Lehmann, die Gemüsehändlerin, gesagt, sie habe Pussi bei den Abfalltonnen auf dem Hof gesehen …

Nun gut, sie, die Frau Pastorin Fleege, hatte ihn daran erinnern müssen, dass es höchste Zeit für ihn war, ins Theater zu gehen. Er war ein komischer Mensch, übereifrig, er hatte die Achseln gezuckt und gesagt: »Ach was, Theater!« – dann aber hatte er sich besonnen und war doch gegangen.

Und war um halb zwölf – sonst war er nie so früh zu Haus – wieder dagewesen und hatte gegen ihre Türe geklopft – sie schlief noch nicht – und hatte nur gesagt: »Ich hab Pussi!«

Sie war herausgekommen, auf dem kleinen, dünnen weißen Scheitel saß nun eine Nachthaube aus Spitze, in einer weißen Nachtjacke und in einem Unterrock, so hatte sie zum letzten Male ihr lieber Mann gesehen, aber sie hatte sich nicht geniert, nur die Tränen liefen wieder.

»Nicht, nicht, Frau Pastorin«, hatte er gesagt. »Da ist ja die Pussi. Sie hat übrigens unter der Haustür gesessen. Ich hab nichts dazu getan.«

Nein, von Dank wollte er nichts wissen, nie. Er nahm ihr den Weg zur Polizeiwache ab und meldete sich selbst an (»die sind oft so grob zu ’ner alten Frau«), er bestellte Briketts für sie und stand morgens um acht auf, als sie abgeliefert wurden, und zum ersten Mal bekam sie ihr volles Quantum und lauter heile, er steckte die Gardinen an und trug den Abfalleimer auf den Hof …

Und nie etwas von Dank. Nein, wenn sie ihm danken wollte und griff nach seiner Hand, dann wurde er richtig verlegen und ging ohne ein Wort in sein Zimmer. Oder er wurde auch böse und konnte sagen: »Nichts zu danken, Frau Pastorin, danken soll man immer erst am Ende …«

Und sie überlegte sich lange, ob das bedeuten sollte, dass er bald wieder auszog?

Ja, er war ein gefälliger, stiller, friedlicher Mensch, aber am schönsten war es doch, dass er nachmittags, während es dunkel wurde, bei ihr saß und zuhörte, wenn sie von ihrem Mann erzählte und von der schönen Pfarre in der Wilstermarsch, wo die Hete geboren wurde, wo sie ihre glücklichste Zeit verlebt hatte.

Er saß so still da oder ging auch ganz leise auf und ab und rauchte eine Zigarette. (Sonst mochte sie keine Zigaretten, aber seine Zigaretten, fand sie, rochen gut.) Er konnte zuhören, es wurde ihm nie zu viel, er fragte auch so verständig zwischenhinein, und in allem waren sie einer Ansicht.

Sie erzählte mit ihrer hellen hohen Altweiberstimme, die manchmal wie Singen klang, von der Pfarrei, zu der auch Land gehört hatte, sechzig Morgen. Wohl hatte ihr lieber Mann nichts von der Landwirtschaft verstanden, aber das hatte ihn doch so glücklich gemacht, den Boden selbst zu bewirtschaften, natürlich mit einem Knecht. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst zu pflügen, und hinterher hatte er ganz erschlagen, aber unendlich glücklich gesagt: »Hete« (sie wurde auch Hete genannt, genau wie die Tochter), »Hete, jetzt kann ich ganz anders am Erntedankfest predigen als früher.«

»Hatten Sie auch Wasser da?« hatte Herr Lederer gefragt.

»Aber natürlich! Wir hatten alles da.«

Und sie erzählte, wie die kleine Hete einmal im Januar, sie war damals grade fünf Jahre alt, in den Teich gefallen war. Und ganz allein und ohne zu weinen war sie heraus und in den Wagenschuppen gekrochen, hatte sich in den alten staubigen Landauer gesetzt, sich splitterfasernackt ausgezogen und ihre Sachen Stück für Stück sorgfältig zum Trocknen aufgehängt. Sie hatte nicht eher ins Haus gehen wollen, bis alles trocken war.

»Und sie hatte doch ihr schwarzes Samtkleidchen an, das so in drei Wochen noch nicht trocken gewesen wäre. Und kein Schnupfen, kein Garnichts. – Jetzt freut sich Hete an ihren eigenen Kindern, sie müssen schon ganz groß sein … Da ist die Älteste, Ingrid – wie finden Sie den Namen Ingrid? Es sind jetzt Dänen, die Kinder leben in Kopenhagen, verstehen Sie, Herr Lederer?«

Ja, aber manchmal besann sich Frau Pastorin Fleege, dass sie immer nur von sich selbst redete, und sie wurde rot und entschuldigte sich, und nun sollte Herr Lederer berichten.

Aber das wurde nicht viel, er hatte nicht viel zu berichten. Er war eben Schauspieler, jeden Abend ging er ins Theater, und hinterher probten sie noch die halbe Nacht. Nein, er war keine große Nummer, so grade noch in der Mitte, sie hatte ihn ja auf der Bühne gesehen …

Ja, das hatte sie, er schenkte ihr öfter Karten. Sie hatte ihn zuerst gar nicht erkannt, aber das erklärte er ihr, dass das grade die Kunst sei, sich vollkommen unkenntlich zu machen. Einmal war er ein General gewesen und einmal, in einem Märchenstück, ein Wassermann, ein Nickelmann – da war es ja klar, dass er ganz verschieden aussehen musste und dass sie ihn nicht erkannte, ihre Augen waren ja auch nicht mehr gut. Sein Name, Ernst Lederer, hatte richtig auf dem Theaterzettel gestanden, und sie war sehr stolz auf ihren Mieter und schloss jedes Programm sorgsam weg.

Kufalt aber …

Kufalt war nicht gleich, als er in Hamburg angekommen war, zu der verwitweten Frau Pastorin Hete Fleege gezogen: Das war erst einige Tage später gewesen, als er schon einen festen Plan hatte, und die weltfremde Frau Pastorin war eben auch ein Teil dieses Planes gewesen.

Nein, zuerst war er in einem kleinen, ziemlich unsauberen Hotel abgestiegen und hatte da ein paar Nächte geschlafen. Am Tage aber war er weit umhergelaufen und hatte gegrübelt und sich überlegt, was er nun eigentlich mit seinem Leben anfangen sollte.

Er hatte das letzte Dreivierteljahr, seit er frei geworden war, Revue passieren lassen, und gut waren sie nicht gewesen, diese neun Monate. Keine Stunde gut, keine Stunde! Er hatte sich Mühe gegeben, er hatte sich geduckt, er war feige gewesen und schmeichlerisch, aber er war auch fleißig gewesen – zu nichts nutze!

Nein, das sah er ein, es hatte nicht nur an den anderen gelegen, an den Teddy, Jauch, Marcetus, Maack, Hilde und so weiter – es hatte an ihm gelegen. Eine Weile schien immer alles glatt zu gehen, aber regelmäßig kam dann etwas dazwischen. Er konnte keinen ruhigen Weg gehen, er spielte sich selbst Streiche, er duckte sich dutzendmal und war feige, wo es gar nicht nötig gewesen wäre, aber plötzlich begehrte er unsinnig auf und gab an und zerschlug alles, wo es wieder gar nicht nötig war.

Warum war er so? War er früher schon so gewesen?

Nein, sagte er, es ist nicht nur, weil ich etwas zu verbergen habe, das ist das Wenigste. Nein, weil ich mit etwas noch nicht fertig bin, eigentlich bin ich immer noch im Kittchen. Und immer fühle ich, wie leicht es ist, wieder hineinzukommen.

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