Kitabı oku: «Hans Fallada – Gesammelte Werke», sayfa 98

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Er hatte mal gesagt zum Direktor, damals war er noch in Haft, er sei doch jetzt wie ein Mann ohne Hände. Der Direktor hatte das bestritten, aber es war doch so. Fünf Jahre war ihm alles abgenommen, nicht einmal selbstständig denken durfte er, er hatte nur zu tun, was ihm befohlen wurde, und nun sollte er alles allein tun … nein, es wurde nichts, ohne Hände!

Was hatte Arbeiten, Demütigsein, Entbehren für einen Sinn, wenn man doch scheiterte?!

Er dachte an den langen Zug bekannter Gesichter, die er ins Gefängnis hatte zurückkehren sehen während seiner fünfjährigen Haft. Sie kamen wieder, alle kamen sie wieder. Oder sie saßen in anderen Gefängnissen, oder sie taten grade das, was sie eines Tages wieder ins Gefängnis bringen würde. Batzke hatte tausendmal recht, man musste etwas anfassen, aber zur rechten Zeit, irgendetwas Großes, dass es sich dann auch wirklich gelohnt hatte, wenn man wieder Knast schob.

Da war der Fall Emil Bruhn. Kufalt wusste jetzt aus den Zeitungen, er würde seinen alten Emil nie wieder treffen in Hamburg oder sonst wo, nie würde er in die Versuchung kommen, ihn in die Pfanne zu hauen. Emil war mit eingeklopftem Schädel unter dem Brandschutt gefunden, und irgendein polnischer Wanderarbeiter war geständig, ihn totgeschlagen und die Fabrik angesteckt zu haben.

Also Emil Bruhn: elf Jahre Ducken, immer freundlich, roboten wie ein Tier, kleine spärliche Ansprüche ans Leben: Kino, ein Mädel, eine Gesellenstelle. Schiefgegangen, wurde nichts draus. Vorbestraft bleibt vorbestraft. Die humanste Strafe war: Man richtete alle gleich hin.

Wann hatte er sich so recht in seinem Fahrwasser gefühlt, wann ist er in diesen Monaten obenauf gewesen und hat genau gewusst, was er zu tun und zu sagen hatte? Wo war Heimat?

Jawohl, der Herr Kriminalsekretär Specht hat sich über ihn beim Untersuchungsrichter beschwert, der Polizeioffizier hat ihn rausgepfeffert, der Kriminalassistent Brödchen ist vor Wut über ihn zerplatzt.

Als sie ihn wie einen richtigen Ganoven nahmen, da war er wieder zu Haus, da konnte er reden und frech tun, das lag ihm, das hatte er nun gelernt.

Wenn es aber so war, wenn er wirklich ein Ganove geworden war während seiner Strafzeit, wenn er doch wieder hineinkam, dann hatte er sich zusammenzureißen für drei, vier Wochen, bis der große Coup gelandet war. Dann hatte er nicht mehr rumzuzittern an den Grenzen der Anständigkeit, dann hatte er einen großen Coup mit aller Bedachtsamkeit vorzubereiten, solange er noch Geld hatte. Und das hatte er nun noch. Schwer war das auch, seine Feigheit, seine Unentschlossenheit waren ihm auch da hinderlich, von Natur aus war er kein Verbrecher, er war es nur geworden, er hatte Verbrechen gelernt.

Und Kufalt ging dahin, er ging bis in die Walddörfer, er ging in die Vierlande, er stieg auf den Süllberg, er sah Elbe, Schiffe, Dörfer, winterliches Land, er war ein Mensch wie alle, unterschiedlich vom Äußern aus nicht, er war kein Verbrechertyp, aber – mitgefangen, mitgehangen. Nun schmiedete er also seinen Plan.

Da aber wurde er der Schauspieler Ernst Lederer, mietete sich bei dem armen Haubenhühnchen Frau Pastorin Fleege ein, ging nächtlich regelmäßig über den Jungfernstieg und schickte das Strichmädchen Ilse auf die Suche nach Batzke.

6

»Schick die Nutte weg, Willi«, sagte Batzke.

»Ist ein nettes Mädchen, heißt Ilse«, antwortete Kufalt.

»Sie vermasselt uns hier alles«, sagte Batzke.

»Habe nichts zu vermasseln«, antwortete Kufalt.

Eine kurze Pause entstand. Batzke musterte eindringlich das Zimmer, dann genehmigte er sich noch einen Kognak.

»Schnafte wohnst du«, erklärte er.

»Geht«, antwortete Kufalt.

»Wie wir damals zum Bunker nach Fuhlsbüttel fuhren, warst du mächtig abgebrannt«, erinnerte sich Batzke.

»Stimmt«, sagte Kufalt.

»Hättest du dir solches Zimmer nicht mieten können.«

»Mieten kann man immer.«

»Aber?«

»Aber die Miete bezahlen!«

»Und der Kognak? Und der Rum? Und die Zigaretten?«

»Kann Sore sein, Batzke.«

»Aber die Vierhundert hast du doch für mich?«

»Vielleicht, Batzke.«

Eine kurze Pause, dann beugte sich Batzke vor und sagte wütend: »Du hast mich kommen lassen, Jungeken, wegen der Vierhundert. Hast du sie, oder hast du sie nicht?«

Ihre Gesichter, einander zugeneigt, waren nur einen Meter auseinander. Batzkes Augen funkelten in besinnungsloser Wut, Kufalts Gesicht war bleich und zuckte, aber sein Blick hielt Batzkes Blick stand.

»Sieh mal, Batzke!« sagte er.

Er deutete kaum merklich mit der Schläfe auf die Pistole hinunter, in der rechten Hand.

Batzke sah, dann stand er auf, schüttelte die breiten Tischlerschultern, von denen die eine durch das Hobeln stärker entwickelt war. Er ging im Zimmer hin und her, er sagte: »Mit dir ist was los, Kufalt. Du hast dich mächtig verändert.«

Kufalt sagte: »Nimm das Zimmer hier, schnafte, sagst du. Und die Sachen. Und Geld hab ich auch noch. Und die Vierhundert für dich vielleicht auch – vielleicht, weil ich mir das alles verschafft habe« – Kufalt machte rundum eine Handbewegung –, »vielleicht bin ich darum anders.«

Batzke ging wieder auf und ab.

»Also sag schon, was du von mir willst, denn umsonst wirst du mich schon nicht von der Schneppe haben suchen lassen.«

Das Mädchen kam herein mit dem Grogwasser.

Kufalt sah sie gedankenvoll an, sah zu Batzke, wieder zum Mädchen und erklärte: »Nur zwei Gläser. Du kannst nach Haus gehen, Ilse. Hier sind fünf Mark.«

Batzke schielte nach dem Geld, es kam aber nicht mehr zum Vorschein als eben dieses Fünfmarkstück, das entschieden schon in Bereitschaft gehalten worden war.

Unzufrieden sagte er: »’nen warmen Grog könntest du ihr wenigstens geben, wo sie wieder auf die Straße muss. Übertreiben braucht man es auch nicht, Kufalt.«

Kufalt sah ihn an und grinste. »Ach nee! Nicht mehr so eilig? Trink einen Kognak, Ilse, und ab!«

»Wieso Kufalt?« fragte das Mädchen zögernd über dem Trinken. »Ich denke Lederer.«

»Habe ich Kufalt gesagt?« höhnte Batzke. »Wasch deine Ohren. Einfalt heißt er. Und so ist er auch.«

Das Mädchen sah argwöhnisch mit ihren eiligen, huschenden Augen von einem zum anderen und erklärte: »Also, dann geh ich.«

»Trink man noch einen, Mariechen«, sagte Batzke und zwinkerte Kufalt zu.

Aber das Mädchen wollte nicht mehr. Es sprach eilig und beleidigt davon, dass es sich nicht so behandeln lasse, und sie gehe nicht für fünf Mark und einen Kognak ins Kittchen, und außerdem hieße sie nicht Mariechen.

Batzke grinste.

Kufalt sagte: »Also hör zu, Ilse, wir sehen uns morgen wie immer.«

»Du kannst auch wegbleiben«, sagte sie, »du mit deinem falschen Freund und deinen zwei Namen.«

Dabei blieb sie im Zimmer stehen und sah die beiden immer herausfordernder an.

»Also nun mach schon«, sagte Kufalt ungeduldig.

»Ich gehe, wenn es mir passt«, sagte sie immer wütender. »Von solchen wie dir lasse ich mir noch lange nichts sagen. Und wenn ich jetzt zur Polizei gehe … Ich habe gut gehört, was du von Mieten und Sore gesagt hast …«

Aber sie kam nicht weiter.

Mit einem Satz war Batzke auf, umfasste sie mit seinen beiden Armen, sagte wütend: »Mariechen«, und drückte sie so fest, dass sie vor Schmerz aufschrie.

»Hau ab«, sagte er. »Du kennst mich doch, was?!«

Er ließ sie los.

Sie stand noch einen Augenblick da, ungewiss, ob sie noch hier zu weinen anfangen sollte, und ging weg.

»Und wenn der Laden klappen soll«, sagte Kufalt, »kann ich mir jetzt eine neue Wohnung suchen. Bloß weil du nicht aufpassen kannst.«

»Welcher Laden klappen soll?« fragte Batzke. »Ich weiß noch von nichts.«

Wie hatte sich die Lage verändert! Kufalt war schon so schön obenauf gewesen, Batzke hatte nur Fehler gemacht. Und doch war Kufalt, rätselhaft wie, plötzlich der Schwächere. (Bloß, weil der das Mädel angefasst hatte?)

»Ich habe eine Annonce, Batzke«, sagte er.

»Wird schon eine feine Annonce sein«, höhnte Batzke. »Du kannst doch nicht baldowern.«

»Also hier«, sagte Kufalt wütend, riss den Aschenbecher weg und legte das Häuflein Fünfzigmarkscheine bloß. »Nimm dein Geld und schieb ab. Mach ich es eben mit jemand anders.«

Batzke sah das Geld, nahm es, zählte es gemütlich, steckte es in die Tasche und sagte hochzufrieden: »Also, Willi, trink deinen Grog, ehe er kalt wird. Und dann erzähl, was du rausgekriegt hast. Wir alten Knastschieber …«

7

Wieder stürmte es, wieder schneite es, wieder war es in der Nacht kurz nach elf.

Batzke und Kufalt kamen Arm in Arm den Jungfernstieg entlanggeschlendert, blieben vor dem und jenem Laden stehen, musterten gemütlich die Schaufenster und hielten schließlich auch vor dem Juweliergeschäft, in dessen Fenster am Abend zuvor das junge Paar den Aquamarinring bewundert hatte.

Kufalt hatte aber keinen Sinn für Aquamarine. Er hatte Sinn für Preise.

»Das Tablett meine ich«, sagte er.

Es war ein ziemlich großes, blausamtenes Tablett, das in der Mitte des Schaukastens dicht hinter der Scheibe stand. Auf ihm war ein Glitzern, Funkeln und Strahlen von vielen Brillantringen.

Batzke pfiff durch die Zähne. »Na ja«, meinte er, »das sind ganz hübsche Steinchen.«

»Es wird Zeit«, sagte Kufalt. »Komm.« Er ging mit Batzke bis zum Reesendamm, machte kehrt, und nun gingen sie ein Stückchen auf der anderen Seite des Jungfernstieges. Dann blieben die beiden, an das Geländer zur Binnenalster gelehnt, etwa schräg gegenüber dem Laden stehen.

»Elf Uhr dreißig«, sagte Kufalt. »Jetzt kommen sie gleich.«

Er unterbrach sich und sagte hastig: »Sieh, das ist der Wächter.«

Ein dicker Mann in Zivil, mit einem hängenden Schnauzbart, tauchte aus den Alsterarkaden auf, ging mit prüfendem Blick auf die Schaufenster an dem Geschäft vorüber, machte kehrt, passierte wieder den Laden und verschwand von Neuem in den Arkaden.

»Lässt den Laden nicht aus den Augen«, sagte Kufalt.

»Nicht sehr kräftig«, taxierte Batzke. »Ich denke, ein Tiefschlag, und er schnappt Luft.«

»Nee, nee«, sagte Kufalt eifrig, »du wirst schon sehen, es kommt noch viel besser.«

Der Jungfernstieg hatte sich belebt. Aus den Kinos, aus den Theatern kamen die Gäste in Abendmänteln, eilig oder langsam, bummelten noch ein paar Schritte, sahen auch in die Läden und verschwanden rasch im Alsterpavillon oder in der Richtung auf Hotel Esplanade oder die Vier Jahreszeiten.

Das Wetter war eben schlecht. Alles verlief sich rasch, wie gestern, und nach zehn Minuten lag der Jungfernstieg kaum belebt da.

»Nun wirst du sehen«, sagte Kufalt.

Er hatte die Uhr gezogen, sagte: »Elf Uhr zweiundvierzig. Da kommt er!«

Aus den Kolonnaden kam der dicke Wächter, sah die Straße auf und ab, holte langsam aus der Tasche ein Schlüsselbund, schloss die Ladentür auf und verschwand im Laden. Er schloss die Ladentür von innen ab.

Kufalt stand noch immer mit der Uhr in der Hand im fast Dunklen.

»Jetzt ist er im Laden«, sagte er. »Elf Uhr vierundvierzig – elf Uhr fünfundvierzig – warte, wir haben noch Zeit, elf Uhr sechsundvierzig – zehn Sekunden, zwanzig Sekunden, dreißig Sekunden – jetzt gleich – vierzig Sekunden – zum Donnerwetter – fünfzig Sekunden – da! Jetzt gehen die Gitter runter. Komm, Batzke!«

Er nahm Batzke unter den Arm und ging mit ihm rasch in der Richtung auf seine Wohnung zu.

»Hast du kapiert«, sagte er eifrig. »Die lassen das Geschäft mit so ’ner Bombenauslage natürlich Tag und Nacht bewachen. Aber an eins haben sie nicht gedacht. An die zweieinhalb Minuten, die der Wächter im Laden ist, um die Gitter herunterzulassen. Die Zeit kann er nicht auf die Auslage aufpassen. In zweieinhalb Minuten kann man schon eine Scheibe einschlagen, das Tablett nehmen und abhauen. Stimmt es nicht, ist das nicht eine glänzende Annonce?«

»Na ja«, sagte Batzke nachdenklich. »Und wo stehen die nächsten Schupos?«

»Weiß ich alles«, prahlte Kufalt. »Einer am Alsterpavillon und einer am Eingang zur Bergstraße. Das ist aber ein Verkehrspolizist.«

»Na schön«, sagte Batzke. »Man kann ja mal über die Sache reden.«

»Wieso reden«, empörte sich Kufalt. »Was ist da noch zu reden? Es sind mindestens für hundertzwanzigtausend Mark Ringe auf dem Tablett.«

»Da denk man vorläufig lieber nicht dran«, sagte Batzke. »Vorläufig liegen sie noch im Schaufenster. Und es wird eine Masse Arbeit kosten, eh wir sie da raushaben.«

8

Batzke und Kufalt saßen diese Nacht lange in der Fuhlentwiete beisammen.

Wieder war Batzke der große Mann, und Kufalt musste einsehen, dass er nichts verstand. Er hatte sich eingebildet, er hätte eine ganz große Entdeckung gemacht. Diese zweieinhalb Minuten schienen ihm ein glänzender Tipp zu sein. Nun saß Batzke da und lachte ihn einfach aus.

»Ja, du denkst dir das so. Einfach loslaufen, mit einem Backstein die Scheibe einschlagen, das Tablett nehmen, rum um die Ecke und weg! Als wenn das alles so einfach wäre.«

»Was ist denn daran noch schwierig?« fragte Kufalt ärgerlich. »Natürlich müssen wir ordentlich laufen, aber für hundertzwanzigtausend Mark kann man das auch.«

»Sag mal, Kufalt«, meinte Batzke gedankenvoll, »du sitzt ja hier so im Fett, das kommt wohl von einer eingeschlagenen Schaufensterscheibe?«

»Nee, das nun grade nich«, wehrte Kufalt ab.

»So. Es müsste ein ziemlich großes Loch werden«, sagte Batzke gedankenvoll, »damit man das Tablett glatt und schnell durchkriegt. Und diese ollen Scheiben – ich weiß nicht, vielleicht kriegt man nur ein kleines Loch mit einem Backstein rein – nur so groß wie der Backstein – und man müsste mit der Hand durchlangen und kriegte höchstens zwanzig, dreißig Ringe zu fassen, nee, das müsste zuerst einmal ausprobiert werden.«

»Wieso ausprobieren«, fragte Kufalt. »Willst du erst probeweise die Fensterscheibe einhauen?«

»Dussel«, sagte Batzke. »Es gibt doch genug Neubauten in den Vororten, wo die Läden noch leerstehen. Zwei, drei Nächte losgehen und sich mal ’n bisschen üben, dass der Kram auch klappt.«

»Na, weißt du«, sagte Kufalt, »da ist doch ein ziemliches Risiko bei. Ich möchte nicht wegen ’ner Scheibe von einem leeren Laden gekitscht werden.«

»Ohne Risiko hundertzwanzigtausend Mark gibt es nicht«, sagte Batzke. »Aber nun mal weiter. Woher weißt du denn eigentlich, dass man das Tablett so einfach rausnehmen kann? Vielleicht ist das von unten angeschlossen?«

Kufalt schwieg unzufrieden. Er hatte gedacht, morgen ginge es los. Und nun erfand Batzke Schwierigkeiten über Schwierigkeiten.

»Und dann weiter«, sagte Batzke. »Ohne Auto ist das nicht zu machen. Wie stellst du dir das überhaupt vor, mit einem Tablett, das gut einen halben Quadratmeter groß ist, durch die Straßen laufen, nachts um halb zwölf, wo doch noch Menschen genug unterwegs sind? Wenn die Bullen hinter dir her sind und knallen, dann pflückst du womöglich in aller Seelenruhe im Laufen die Brillantringe vom Tablett und steckst sie in die Tasche? So ungefähr hattest du dir das vorgestellt, nicht wahr?«

»Ach, wenn du nur Schwierigkeiten siehst«, sagte Kufalt immer unzufriedener.

»Na, Mensch«, sagte Batzke, »willst du die Ringe haben, oder willst du sie nicht haben? Wie du dir das denkst, so macht es ein Amateur, aber kein alter Ganove. Es kann ja auch mal bei Amateuren klappen, aber wahrscheinlich ist es nicht.

Nein, ein Auto müssen wir haben, und das muss denselben Nachmittag erst geklaut werden, damit die auf der Polizei noch nicht die Nummer kennen. Kannst du wenigstens Auto fahren?«

»Nein«, sagte Kufalt und kam sich immer kleiner vor mit seiner schönen Annonce.

»Und dann kommt das Schwierigste«, sagte Batzke. »Wie denkst du dir den Verkauf von der Sore?«

»Na, ich denke«, sagte Kufalt ärgerlich, »es gibt Schwärzer für so was.«

»Gibt es«, bestätigte Batzke. »Aber wenn du dich darum erst kümmern willst, wenn du die Ringe hast, dann gibt er dir höchstens tausend Mark für den ganzen Kitsch, weil er dich in der Hand hat. Und außerdem gibt er dir gar nichts, weil mindestens zehntausend Mark Belohnung ausgesetzt werden und er nicht so leicht wieder solche Chance hat, sich bei der Polizei beliebt zu machen.«

»Also lassen wir die Sache«, sagte Kufalt wütend. »Ich sehe schon, du willst nicht.«

»Wieso will ich nicht?« protestierte Batzke erstaunt. »Die zweieinhalb Minuten sind eine feine Sache, die kann man nicht so laufen lassen. So eine Annonce kriegt man nicht alle Jahre. Nein, keinen Kognak mehr. Ich gehe jetzt ein bisschen spazieren und überlege mir die Sache. Morgen früh um zehn bin ich wieder bei dir.«

9

Es wurde zehn, es wurde elf, es wurde zwölf, kein Batzke kam.

Kufalt schraubte den Ofen zu und schraubte ihn wieder auf, er goss sich einen Kognak ein und schüttete ihn wieder in die Flasche zurück (Ich muss einen klaren Kopf behalten) – kein Batzke kam.

Schließlich trank er doch einen Kognak, er trank auch noch einen zweiten und einen dritten, er war wütend.

Hat mich angeschissen, der Kerl, mit meinen vierhundert Mark über den Harz und versetzt mich! Ich kann es doch nicht allein machen. Oder doch?

Er kam sich sehr stark vor, einen Augenblick lang. Er würde es allein machen. Batzke würde sehen, mit all seinen lächerlichen Schwierigkeiten, mit dem Gerede von Amateuren, was er, Kufalt, leistete.

Die Ringe erglänzten in einem sanften verführerischen Schein, er sah sich unterwegs mit ihnen, dunkel und etwas verschwommen tauchten abseitige Lokale auf, in denen er mit Hehlern flüstern würde. Die Polizei war auf seinen Fersen. Er sprang durch ein Fenster und entrann ihr in die Nacht hinaus …

Is ja alles Quatsch, dachte er. Ich werde es nie tun. Vielleicht hätte ich es auch mit Batzke nicht tun können. Ich bin viel zu – ungeeignet dazu, aber …

Plötzlich hatte er die Idee, nein, er wusste ganz klar, dass Batzke seinen Tipp ausführen würde, dass er ausgeschaltet sein sollte, dass Batzke mit den hundertzwanzigtausend Mark losgehen würde, und er blieb allein zurück, ohne Geld, ohne Tipp, ohne Aussichten auf ein Leben, das sich wenigstens lohnen würde, bei der Frau Pastorin Fleege, wie lange noch … Er trank noch mehr Kognak, er warf sich auf sein Bett, er dämmerte ein.

Es war ihm im Halbschlaf, als käme Batzke in sein Zimmer. Er stand einfach plötzlich mittendrin, er sah sich nicht um, mit seinem bösen, finsteren Gesicht setzte er sich, wie der Herr dieses Zimmers, in einen Sessel, griff nach der Flasche und trank, nahm die Zigarrenkiste, eine Zigarre daraus, sah sie ärgerlich an und zerbrach sie, entzündete eine Zigarette.

Kufalt wollte aufstehen von seinem Bett, er wollte sich das verbitten. Eine namenlose Wut und Erbitterung erfüllten ihn, aber er konnte die Müdigkeit nicht abschütteln …

»Ich träume ja nur«, sagte er, sich beruhigend.

Batzke war aufgestanden. Er war im Zimmer hin und her gegangen. Dann schob er den grünen Bettschirm, hinter dem hervor ihn Kufalt beobachtet hatte, beiseite und stellte sich schweigend vor Kufalts Bett. Er sah hinunter auf den Schläfer.

Langsam schlug Kufalt die Augen ganz auf. Batzke sah ihn unverwandt an.

»Bist du doch noch gekommen« fragte Kufalt schwerfällig.

»Bist du etwa besoffen?« fragte Batzke. »So etwas gibt es nicht, hinterher kannst du dich besaufen.«

»Ich denke«, sagte Kufalt und setzte sich auf die Bettkante, »es ist noch nicht soweit.«

»Höre einmal zu«, sagte Batzke. »Ich habe mir die Sache überlegt. Das Ding lässt sich machen. Aber ich möchte es ohne dich machen. Du taugst nicht zu so was.«

»Wieso ohne mich?« sagte Kufalt. »Ich habe dir die Annonce gebracht, und ich will meinen Teil daran haben. Du hast selbst gesagt, so eine Annonce kriegt man nicht jedes Jahr.«

»Wer redet von der Annonce, du Flachkopf«, sagte Batzke böse. »Davon reden wir später. Ich rede von der Ausführung.«

»Und was ist mit der Ausführung« sagte Kufalt.

»Das ist mit der Ausführung, dass ich dich nicht dabei haben will. Wenn ich die Sache anfasse, wird es eine ganz große Geschichte. Alle Zeitungen werden davon schreiben. Ich werde ’ne große Nummer werden. Und ich denke nicht daran, mir die Sache von dir vermasseln zu lassen.«

»Aber ich vermassele dir nichts, Batzke«, sagte Kufalt bittend.

»Du vermasselst mir alles«, sagte Batzke. »Ich kenn dich doch aus dem Kittchen. Immer hintenrum, immer mit dem Direktor zusammenhocken, schmusen – das kannst du. Ich will nicht sagen«, setzte er milder hinzu, »irgend ’ne hübsche Urkundenfälschung oder ’ne Hochstapelei bei Weibern oder hier bei deiner ollen Wirtin, wo man keinen Mut zu braucht und keine Geistesgegenwart, darin bist du vielleicht tüchtig. Sicher bist du jetzt auch so zu Geld gekommen …«

Kufalt schwieg beschämt. Er wagte nicht zu sagen, dass auch dies Kompliment noch übertrieben war, er konnte nicht gestehen, auf welche ehrliche Weise er zu seinem Geld gekommen war.

»… aber«, fuhr Batzke unerbittlich fort, »von dieser Sache musst du die Finger lassen. Ich geb zu, du hast ’nen feinen Tipp gepfiffen. Ich will dir was sagen: Ich geb dir für deine Annonce die vierhundert Mark wieder, trotzdem ich grade jetzt für die Sache Geld brauche.«

»Ausgeschlossen«, sagte Kufalt.

»Ich will nicht so sein«, sagte Batzke, und seine Stimme nahm einen ganz rührenden Klang an. »Schließlich haben wir ja im Kittchen lange genug zusammengesessen. Klappt die Sache, sollst du noch mal vierhundert Mark von mir kriegen.«

»Du bist ja verrückt«, sagte Kufalt wütend. »Hundertzwanzigtausend Mark und achthundert Mark für mich, der ich dir die Annonce gebracht habe! Das meinst du doch nicht im Ernst!«

»Wer ist verrückt?« fragte Batzke, nun auch aufgebracht. »Wer quatscht hier von hundertzwanzigtausend Mark? Glaubst du im Ernst, irgendein Schwärzer zahlt uns den Ladenverkaufspreis?!«

»Aber doch mindestens die Hälfte«, sagte Kufalt eindringlich.

»Ich glaube, du hast von gar nichts ’ne Ahnung«, sagte Batzke verächtlich. »Ich habe heute Morgen schon rumgehorcht. Brillanten sind sehr schwer zu verkaufen, und noch dazu solch ein Posten auf einmal. Man wird sie ins Ausland bringen müssen. Nach Amsterdam oder London. Die Fassungen sind überhaupt nichts wert. Wenn wir fünftausend Mark im Ganzen kriegen, wird das viel sein, und ich brauche mindestens vier Mann zur Hilfe.«

»Und mich brauchst du nicht?«

»Wozu dich? Willst du die Scheibe einschlagen? Willst du das Tablett rauslangen? Willst du in den Laden gehen und erreichen, dass dir das ganze Tablett mit den Ringen vorgelegt wird, ohne dass sie gleich auf den Gedanken kommen, der Käse stinkt? Willst du im Hundert-Kilometer-Tempo abhauen? Was willst du nun eigentlich?«

»Ich will unter allen Umständen mitmachen«, sagte Kufalt erbittert. »Red nicht, Batzke, ich kenn dich doch, du willst mich versetzen, an deine fünftausend Mark glaube ich nie im Leben, fünfzigtausend hättest du sagen sollen.«

»Ach was«, sagte Batzke verächtlich, »mit Dummen ist eben nichts zu machen.«

Er wandte sich zum Gehen.

»Lasse ich die Sache also sausen.« Er stand unter der Tür. »Es gibt bessere Tipps, das kannst du mir glauben.«

»Schön«, sagte Kufalt, »aber das schwöre ich dir, ich stehe jeden Abend am Laden, und wenn du das Ding drehst, haue ich dich in die Pfanne.«

Batzke drehte sich rasch um. Er sah Kufalt erbittert an und ging rasch mit erhobener Faust auf ihn zu.

»Ja, schlag nur«, schrie der wütend, »schlag mich zusammen. Deswegen kannst du das Ding doch nicht drehen. Oder du musst mich gleich ganz totschlagen.«

»Also, Willi«, sagte Batzke plötzlich, »wir machen das Ding zusammen. Du gehst heute Nachmittag los und besorgst dir erst einmal einen hartgebrannten Ziegelstein. Und dann kannst du noch einen Pflasterstein beschaffen. Überleg dir schon, wie du die Dinger am besten unauffällig verpackst, dass du sie doch immer griffbereit hast. Heute Abend um elf treffen wir uns an der Hochbahnhaltestelle Lattenkamp. Da in der Gegend müssen nette neue Siedlungen sein. Da kannst du tüchtig üben.«

Es war nicht so, dass Kufalt von diesem Auftrag entzückt war. Ihm hatte es vorgeschwebt, dass er der Mann sein würde, der durch das Loch ins Schaufenster langte und das Tablett mit den Ringen ergreifen würde. Aber er war müde jetzt, abgekämpft von seinem Streit mit Batzke, froh, dass er wenigstens dies erreicht hatte.

Hat mich reinlegen wollen, dachte er. Hat kein Schwein gehabt. Fünftausend Mark. Lächerlich! Zehntausend müssen mindestens allein auf meinen Anteil fallen. Wo kriegt man nur Pflastersteine her? Man kann doch nicht so einfach Pflastersteine von der Straße mitnehmen! Und hartgebrannte Ziegelsteine – gibt es denn auch weiche? Wie soll ich die Dinger denn unterbringen? Das wird doch eine Last …

»Also dann um elf, auf Wiedersehen, Kufalt«, sagte Batzke, der ihn die ganze Zeit prüfend angesehen hatte, und grinste über sein ganzes Gesicht.

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