Kitabı oku: «Abschied in Triest»
Hans Leip
Abschied in Triest
Novelle
Saga
Das ist aller Dichtung Sinn: Aus den Ereignissen die Fabel zu gewinnen und aus der Fabel das Anständige.
Wenn andere lebhaft von ihren Schicksalen aus den Jahren der Furchtbarkeit zu berichten wußten, pflegte er, von dem hier die Rede sein wird, zu schweigen und so, als betrachte er mit erworbener Gelassenheit eine undurchdringlich gepanzerte Wand. Man hatte gehört, er sei weit in der Welt herumgekommen, sei zur See gefahren und an Zeitungen tätig gewesen. Und jemand behauptete, ihn während des Krieges als Offizier in Triest gesehen zu haben. Danach befragt, lächelte er abwesend. Doch schien behördlich nichts gegen ihn vorzuliegen. Nicht mehr jung, hatte er ein anstrengendes Studium erfolgreich beendet, immer gleichmäßig auf eine fleißige Gegenwart beschränkt, dabei stets hilfsbereit und in gewisser stiller Weise heiter. Es mußten unerquickliche persönliche Gründe sein, so nahm man an, die ihn hindern mochten, die Vergangenheit anders als für sich ausgelöscht zu betrachten.
Eines Tages nun erreichte ihn ein gewisser Brief, und danach fand man ihn seltsam erschüttert, obschon er es zu verbergen suchte und unablenkbar wie bisher seiner Pflicht nachging.
Aber an jenem Abend begann er einiges aufzuschreiben und setzte es mehrere halbe und ganze Nächte fort, um sich über ein Erlebnis klar zu werden, das durch einen besonderen Vorfall sich seinem Gedächtnis so lange entzogen hatte.
Und nachdem er eine ganze Weile in einer Mischung aus Erstaunen, Zärtlichkeit und Wehmut den ungewöhnlichen Namen Solana kreuz und quer über ein Blatt Papier gekritzelt, schrieb er wie folgt:
Der Wind weht über Süd. Ich wache auf. Ein kleiner Name ruft mich wach und will nichts von mir. Tröstliches blüht aus der Finsternis. Ich lebe. Ich lebe? Ja, ich lebe. Und so will ich bedenken, wie ich gelandet bin.
*
Eben vorm Kriege befand ich mich als Berichterstatter für Kulturereignisse in London, hatte aber die Fäden in meine norddeutsche Heimat zurückgesponnen und kam dort gerade rechtzeitig, einen Posten zu übernehmen, der durch die Mobilmachung verwaist war, den Posten eines Schriftleiters für den Unterhaltungsteil bei einem der vormals angesehensten der Tagesblätter meiner Vaterstadt.
Meine Probezeit verlief unter günstigem Stern. Ich verliebte mich in die mir zugeteilte Sekretärin, und durch sie entfacht und in dem Ehrgeiz, mein ganzes Können zu beweisen, vermochte ich das Ungewöhnliche, der alten biederen Hafenstadt ein anregendes Feuilleton zu gestalten.
Das tüchtige Fräulein jedoch schien keineswegs aus der sachlichen Kühle unseres geschäftlichen Betriebes aufzutauen. Ich mußte bald einsehen, daß es geratener sei, mich zurückzuhalten, da ich nämlich sah, wie der Hauptschriftleiter selber ein Augenmerk auf die treffliche Kraft richtete, obgleich sie nicht von jener landläufigen Schönheit war, daran jedermann alsbald den Grund für ein gesteigertes Herzklopfen nachzufühlen imstande gewesen wäre.
Kralicke, so hieß unser Chef, war der Typ der aufgereckten eleganten Wetterfahne, jeder behördlichen Verordnung willfährig, geltungsbedürftig und von angestrengter, zu Mut und Ausharren auffordernder Haltung, sicher auch ehrlich überzeugt von seiner Meinung, die doch nichts als den jeweils von oben wehenden Wind anzeigte. Kein Wunder, daß er als unentbehrlich für die Heimatfront galt und bedeutendes amtliches Vertrauen genoß. Es gab Männer, die ihn beneideten und achteten, und eine Weile gehörte ich selber dazu. Hätte er sich im Kleinen genügen lassen, wäre er glücklicher gewesen. Sein Übereifer aber brachte seine eigentliche Dürftigkeit hin und wieder peinlich zutage, und somit hatte er in nächster Umgebung wenig Freunde. Bei Frauen war er beliebt. Sie ließen sich gerne neben seiner blendenden blonden Erscheinung blicken, und er gab ihren Launen nach. Da er aber in nichts eigenartig war als in seiner innerst kalten und kahlen Struktur, was an seinen mehligen ausdruckslosen Händen unschwer abzulesen ging, und alles, womit er sich charmant ins Licht setzte, ein fremdes Gebrause und Gesäusel blieb, hielten Frauen von echter Linie nicht lange bei ihm aus. Denn es ist das ursprünglich und natürlich Schöpferische, und sei es noch so gering, was dem unverbildbaren Herzen der Frau einen Mann auf die Dauer wertvoll macht. Somit sah er sich öfter betrogen als geliebt, ohne daß er sich eine Verletzung seiner oder anderer Belange eingestand. Immer waren es Frauen gewesen, die öffentlich anerkannt waren, Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen.
Geheiratet aber hatte ihn eine skrupellos berechnende Kabarettistin, die von deren überdrüssigem Freunde ihm als Wunder und Juwel lange genug angepriesen worden war. Ausgenutzt und hintergangen, was jeder im Hause wußte, bewahrte er dennoch eine unverdrossene Haltung, als sei es so und nicht anders in Ordnung, ganz wie in der Politik. Doch heimlich mußte ihm daran liegen, sich öfter neu bestätigt zu sehen. Und sobald ich seinem Stabe zugeteilt war, suchte er auch meine Anerkennung, indem er sich bemühte, mich anzuerkennen.
Und da er gelegentlich merkte, wie ich meine Mitarbeiterin schätzte, begann er auch sie zu sehen, die ihm vormals nicht aufgefallen war. Es mag sein, daß er zum ersten Male das Unöffentliche als etwas Besonderes zu wittern vermeinte, das Unbekannte, Unverbrauchte, ja, Ungeweckte, das, da er bisher nur Widerhalle geliebt, noch nicht zu ihm gedrungen gewesen. Eher als ich wagte er nun, sie zu Konzert und Theater einzuladen, bald auch ohne seine Frau, und sie war unerfahren genug, sich einige Male hier und da neben ihm zu sonnen. Auch wußte er ihr Mitleid aufzuwecken, und nicht nur wegen seiner Ehe. Er hatte, auf Rat eines Gewiegten, sich ein Asthmaleiden eingebildet, das ihn vor dem Frontdienst schützte, und er vermochte, plötzliche Anfälle andeutend, unversehens mit atemlosem Ausdruck ein Geländer, eine Stuhllehne oder einen Arm zu umklammern und sich den Anstrich eines heroischen Dulders und Überwinders zu geben. Doch als er den Vorzug, sich einmal auf ihre Schulter gestützt haben zu dürfen, auszuweiten unternahm, war es vorbei. Denn eher als ich hatte sie seine innere Dürre erspürt und ahnte, daß nicht nur seine Redewendungen, sondern auch seine Zärtlichkeiten aus zweiter Hand stammten.
Die Gunst, die ihr der Chef zugewandt, hatte meine Neigung verständlicherweise nicht abgekühlt. Aber ich hielt mich zurück, auf eine langsame Gewöhnung ihrerseits rechnend, voll Sorge, voreilig zu sein und ähnlich zurechtgewiesen zu werden wie er.
Inzwischen war durch die Bombenangriffe ein großer Teil der Stadt zerstört worden, und die steigende Unsicherheit des Lebens ließ in jedem, sofern er sich freizügig genug fühlte, das Bestreben aufkommen, den Schauplatz zu wechseln. Ich hätte nach Österreich versetzt werden können oder gar nach Rom. Aber ich schlug beides lächelnd in den Wind, wohl wissend, was die Empfehlung meines Hauptschriftleiters bezwecken sollte, nämlich mich von der zu entfernen, auf die er erst durch mich aufmerksam geworden war und deren Abneigung er anscheinend nicht ernst nahm. Kein nächtlicher Alarm übrigens, keine schuttversperrte Straße, keine ausfallenden Verkehrsmittel hinderten sie, tagtäglich an ihrem Pult zu erscheinen und sei es mit begründeter Verspätung. Sie war unzweifelhaft von der erfolgreichen Gestaltung meiner Arbeit so begeistert wie ich selber, und obwohl sie anfangs wenig mehr als eine Stenotypistin war, also nach Diktat die Briefe zu erledigen und überdies die Kartei zu führen hatte, lockte die gemeinsame Bemühung ihre Fähigkeiten so sehr ans Licht, daß ich ihr mit Lob und Vergnügen die gesamte Korrespondenz allein überließ und mich, wie in den meisten freien Stunden meines Daseins, meiner privaten Liebhaberei, der Beschäftigung mit musikalischen Neigungen, widmete.
Manchmal entdeckte ich meine Sekretärin in Darbietungen des Scheck-Wenzinger-Kreises, eines lobenswerten Orchesters, das alte Musik auf alten Instrumenten brachte. Sie saß dort mit ihrer Mutter, einer milden grauhaarigen Dame, auf bescheidenem Platz. Und mit ihrer Mutter lebte sie bescheiden aber freundlich zusammen, wie ich hörte. Es ist gut, die Mütter der Mädchen zu kennen, die man gern hat; denn so ähnlich werden sie eines Tages.
Wohl hätte ich allmählich etwas mehr Zutrauen von meiner Mitarbeiterin erwartet. Aber ihr Verhalten blieb gleichmäßig kameradschaftlich. Wohl war ich älter als mein Chef, aber ich hoffte, meine entschiedenere Reife und im Ausland erworbene Gewandtheit und Kenntnis würden ihn langsam aus dem Felde stechen. Doch mußte die Enttäuschung, die sie bei ihm erfahren, sie übermäßig vorsichtig gemacht haben. Und als ich mich endlich zu Einladungen entschloß, die über den Dienst hinausgingen, lehnte sie derlei auch mir in ihrer sanften und bestimmten Weise ab.
Alles, was sie betraf, hatte ich mit wacher Anteilnahme beobachtet, und ich mußte schon aus Selbstachtung sie schließlich für gänzlich unberührbar halten in allem, was das Herz betrifft, oder für außerordentlich wählerisch. Und letzteres konnte mir nur sympathisch sein. Sie war aber sichtlich noch ein Kind in manchem. Und gern wollte ich, sofern die Zeit es gestattete, auf ihr Erwachen warten.
Bis mir schließlich auffiel, daß die Antwortzeilen an einen unserer Mitarbeiter mehr und mehr einen Hauch über die rein sachliche Geschäftlichkeit hinausgingen. Ich kannte den Mann, er war in meinem Alter und ohne Glanz in Benehmen und Gespräch, von leichtgebeugter Figur und verschlossener Geste, auch schwer herzkrank und wahrhaftig kein Adonis, kein Schürzenbrecher und kein sprühender Gesellschafter; ja, ich durfte mich ohne Anmaßung rühmen, in manchem sein Gegenteil zu sein. Aber er war ein begabter Schreiber. Seine nicht ungewagten Beleuchtungen der Weltlage pflegten nicht mein schlechtestes Gewürz unterm Strich auszumachen. Ich hatte sehr zu bedauern, dieses plötzlich vermissen zu müssen, und fühlte mich zugleich erleichtert, als er vorzog, „das wachsende Trümmerfeld nicht um seinen Kadaver zu bereichern“, und sich in den ruhigeren Süden entfernte.
Ja, ich fühlte mich beruhigt, jene etwas zu sehr betonten Annahmebestätigungen meines Fräuleins nicht mehr benötigt zu sehen. Und ich selber nun schrieb den Ersatz für das Fehlende, gewagter noch als er, und das erschrockene Aufblicken vom Stenogrammblock, das Zögern ihres Bleistiftes bei mancher gleichsam auf der Spitze einer Injektionsnadel tanzenden Bemerkung war mir Bewunderung genug und wog die runzelnden Bedenken des Chefs reichlich auf. Den Verwarnungen, die ihm von gewissen Dienststellen zugingen, standen die – privat gehaltenen – Zustimmungen anderer Dienststellen auswägend entgegen, so daß ich letzten Endes in den Ruf einer unverletzlich jonglierenden Geschicklichkeit geriet. Und nochmals erging die Anfrage an mich, und diesmal direkt aus Rom, ob ich nicht übersiedeln wolle. Ich legte das Schreiben wortlos vor sie hin. Sie blickte hinein. In ihrer Miene war keine Bewegung und kein Urteil.
Doch als ich sie geradewegs fragte, äußerte sie weniger kühl als gewöhnlich, ja, sogar mit einer gewissen jähen Leidenschaftlichkeit: „Ich würde sofort ...“
„Nur mit Ihnen“, rief ich aus, ohne meine angestaute Neigung verdecken zu können. Und ich begann, die Vorzüge des Südens zu schildern. Meine an sich unpoetische Phantasie, die sich höchstens ein wenig auf das Musikalische verstand, setzte zu ungewohnten Flügen an. Mir war schwindlig. Ihre Augen, die grau wie die Erinnerung an meine Seefahrt mich angeblickt hatten, bekamen ein sonderbares Leuchten, aber sie wandte sich ab, ehe ich es recht erfassen konnte und blickte durchs Fenster über die Ruinen der Stadt. Ich beugte mich vor, faßte leise ihre schmale Schulter.
„Noch sind Sie hier“, sagte sie mit dem Lächeln einer geschnitzten Heiligen, und dann erinnerte sie mich an die dringend fällige Betrachtung der Weltlage, auf die der Setzer schon wartete.
Doch entdeckte ich nach einiger Zeit zufällig eine italienische Sprachlehre auf ihrem Schreibtisch. Mein Blut sang mir einen törichten Hymnus. So sicher war mein Herz. Ich reichte meine Kündigung ein und zugleich die für meine Sekretärin, wobei ich erfuhr, daß sie selber schon gekündigt habe. Mein Chef ließ durchblicken, seiner Ansicht nach müsse der Grund ihrer Kündigung in der Nichtachtung der strengen Gewohnheiten des Hauses liegen, Angestellte unter Ausschluß jeder persönlichen Annäherung zu behandeln.
Nun, ich lächelte in mich hinein, äußerlich den Hausregeln peinlicher denn je folgend, genau wie sie. Nur einmal vergaß ich mich, indem ich stillschweigend Verse Novaros, seinen schönen Nachlaßband „Tempietto“ auf ihren Schreibtisch gelegt hatte. Ich tauschte dafür, als ich das Zimmer wieder betrat, einen flüchtigen, schwebenden, ja, leise betroffenen Blick ein, so, als sollten alsbald Tränen auf dieses Buch fallen, darin sie schon geblättert haben mußte. Und so kam es, daß ich mich erkühnte, ihr leise eine der Vertonungen vorzusingen, die ich in einsamen Abendstunden zur Gitarre, ja, zur Sanftheit der gezupften Saiten lieber als am Klavier, mir zu erspinnen pflegte.
Freschezza azzurra
effusa chiarità
luce infinita
da non so quale
miracolo esplosa.
Nur diesen einen Vers sang ich. Ich sah, sie war bewegt. Ich aber hielt an mich, und mit bemüht dürren Worten sagte ich ihr, als sei es belanglos wie ein Frontbericht und unwiderruflich wie ein Parteibefehl, daß sie als meine Sekretärin zu Rom gemeldet und bestätigt sei. Mein Herz bebte. Sie würde mir nicht entrinnen.
„Ach“, sagte sie nach einer Pause, darin ihre Gestalt wie eine dunkle Wolke langsam sich erhob:
„Rom? ... Ich gehe nach Triest.“
Kein krachender Einschlag hätte betäubender wirken können; ich hätte vernichtet hinsinken mögen, wäre nicht in ihren Augen ein jäher Funke Bedauern aufgeleuchtet. Es reichte hin, mich alsbald wieder zu beseligen. Und nun sank ich doch nieder, sank in die Knie, die ihren umklammernd, und bedeckte ihre abwehrenden Hände mit Küssen.
Die Tür öffnete sich, ich hatte das Klopfen überhört. Der Hauptschriftleiter sah herein:
„Alarmstufe ...“ sagte er und das Wort blieb ihm im Halse stecken.
Ich, die Beschämung mit Unverschämtheit zu erschlagen, sprang auf, und in ein haltloses Gelächter ausbrechend, schrie ich: „Gratulieren Sie mir! Wir sind verlobt!“
Das Geheul der Sirenen übertönte in gleicher Sekunde jede Auseinandersetzung. Mein Büro lag im oberen Stock. Schon knallte die Abwehr. Das Fräulein folgte dem Chef hinaus, den Bunker aufzusuchen. Ich blieb. Ich brüllte in den ausbrechenden Tumult der Abwürfe flehentlich hinein, mich auszulöschen. Die oft geflickten Fenster zersprangen. Ein Minensplitter fuhr durch die Straßenwand und zerschlug einen Teil der Decke. Ich aber blieb verschont.
*
Über dem Schuttqualm stand die Sonne wie zuvor. Mein Arbeitszimmer lag nun einen Stock tiefer. Der Lärm des Verkehrs drang kräftiger herein und das dumpfe Murmeln der Rotationspressen. Die große Stadt lebte immer noch und wollte nach wie vor gefüttert sein mit dem Sud aus entkeimten, gefärbten und vergifteten, amtlich gelenkten Leitartikeln und Nachrichten, belanglosen Anzeigen und den billigen Reiz- und Schlafmitteln des mir obliegenden sogenannten Unterhaltungsteils.
Sie war nicht mehr ins Büro zurückgekommen. Mit Erlaubnis der Verlagsleitung hatte sie ihre Abreise vorverlegt. Jedoch hatte ich ein kleines Andenken von ihr im Besitz, ohne daß sie davon ahnen mochte.
Jedermann tummelt irgend ein Steckenpferd. Was mich betrifft, war ich, bis auf meine Neigung zur Musik, frei davon. Als Junge hatte ich Rattenzähne gesammelt, das heißt, nur die Vorderzähne; ich hatte es bis auf hundert bringen wollen. Gärtner Hipps, der damals unweit wohnte, war krumm vor Gicht. Hundert Rattenzähne könnten mich heilen, hatte ich ihn sagen hören. Aber bei einer Rattenjagd fiel ich in den Kanal und wäre fast ertrunken. Damit hielt ich meine Sammlerleidenschaft fürs Leben abgekühlt, selbst auf die Gefahr hin, eines Tages meine gerade Figur zu Schreck und Spott der Mitwelt durch Gicht verkrümmt zu sehen.
Sie aber sammelte Gesteine, ohne sich, wie andere Damen, auf edle zu beschränken. Sie mochte diese mineralogische Grille aus der Lektüre des „Wilhelm Meister“ haben und darin vielleicht eine unbewußte Notwehr gegen die Panik der Zerstörung finden, indem die Trümmerfelder ihr ein unabsehbares, täglich sich erweiterndes Forschungsgebiet eröffnet hatten. Es war kein Morgen vergangen, daß ihr nicht auf dem Wege zum Büro irgendeine dieser bescheidenen Beuten in die Hand geraten wäre. Ich allerdings hatte versäumt, die Brocken Granit, Schiefer, Quarz oder Marmor, die der sonst so untadeligen Ordnung ihres Schreibtisches zuwiderstanden, anders als mit wohlwollender Nichtachtung zu bemerken. Jetzt nahm ich das, was zuletzt noch von ihrer Hand aufgehoben und von ihr vergessen worden war, wie einen Talisman an mich, und ich hatte es andern Tages aus dem Mörtelschutt herausgelesen, der unseren einstigen Arbeitsplatz bedeckte.
Es war ein mageres Krümchen Porphyr und mochte von der zerborstenen Wandplattung eines besseren Mietshauses stammen. Ich hatte es gereinigt. Es war von purpurfarbenem, trockenem Glanz an den zackigen Bruchstellen; auch zeigte sich ein Rest dunkler Politur, nicht größer als die von einem Locher herausgestanzte Scheibe Papier. Ich nahm mir wahrlich Zeit für den Rest einstiger Anknüpfungsmöglichkeit, und die kleine blanke Fläche zeigte bei näherer Betrachtung eine eigentümliche Zeichnung, hervorgerufen durch eingesprengte Feldspatkristalle – ich hatte meine Weisheit aus dem Lexikon –, und mit einigem guten Willen waren deutlich die drei Buchstaben SOL zu erkennen.
Man muß wissen, ich hatte ihr einen Namen gegeben. Denn was besagen die Eintragungen der Pässe viel für den, der liebt? Liebe will das einmalig nur für sich allein Geschaffene. Auch im Namen. Somit also hatte ich sie, wenn auch völlig unausgesprochen, für mich Solana genannt, als sei sie die Schwester des Sonnenwindes und zugleich den betäubenden Nachtschattengewächsen verwandt. Gewiß, ich war lange ohne Mädchenfreundschaften gewesen, die mich doch in jüngeren Jahren rasch und heiß begeistert, aber ebenso rasch, ja so rasch wie die Seefahrt enttäuscht hatten, da ich das rechte Echo für meine gewiß empfindliche Einstellung nirgends glaubte gefunden zu haben und desto weniger, je lauter die jeweilige Partnerin mir zuzustimmen geneigt gewesen. Bis nun solch törichte und im Grunde genommen spießige Ungenügsamkeit und Anmaßung gerade an der Kühlheit Solanas sich in eine verzweifelte Begierde gewandelt und – was mir nie geschehen war – sich ungezügelt ans Licht getraut hatte und – was vielleicht schlimmer war – ungeletzt weitersengte.
„Es wird nun etwas einfacher für uns sein“, sagte mein Chef.
Ich wies seine augenzwinkernde Vertraulichkeit zurück mit der Wirkung, daß meine Kündigung abgelehnt wurde. Ich hatte zu bleiben. Nun, was sollte ich auch in Rom? Aber mein Ansporn war dahin. Ich versagte. Zudem wurde meine kleine Wohnung unbewohnbar, meine Gitarre und mein Klavier waren dahin, meine Noten verbrannten, und am gleichen Tage wurde meine Unabkömmlichkeit widerrufen, so daß ich nicht lange für ein anderes Asyl zu sorgen brauchte. Ich wurde zur Marine eingezogen.
*
In dem brutalen Zwang auf gewitzte Vernichtung hinzielender Verrichtungen erwachte jedoch meine alte Zähigkeit. Die See war mir nicht lieber geworden, und ich erreichte meine Versetzung zu einer Nachrichtentruppe an die Küste, nahm meine Sprachstudien wieder auf, bestand meine Dolmetscherprüfung in Englisch und Italienisch und kam an die Südfront. Mein auf ständige Beschäftigung gerichteter Geist, aus der Vielfalt der schriftleiterischen Arbeit entfernt und ohne Neigung, sich an Frontzeitungen zu beteiligen, abgestoßen vom Soldatischen und seinen Nebenaufgaben, hatte sich – es ist fast müßig zu sagen – auch noch ein wenig der Mineralogie zugewandt. War es in früheren Jahren die ewige Jugend der Meere gewesen, mich zu locken, jetzt war es das Uralte der Gesteine, und sie funkelten aus der Tiefe herauf, belebt von dem einen verschollenen Lächeln, das über dem Krumen Porphyr geweilt, den ich noch immer bei mir trug. Doch geriet ich, meiner Art nach, vom Theoretischen bald aufs Praktische, angeregt durch eine Betrachtung des Berliner Geologie-Professors Haalck über Strahlungslotung von Erzen. Ich bastelte einen kleinen Empfänger mit Kopfhörern zu einem primitiven Ortungsgerät um. Ich gebe zu, wie ein Blitz hatte mich die Gier getroffen, das mehr und mehr weltbewegende unscheinbare Mineral, die Pechblende, auf neuartigem Wege von der Erdoberfläche aus in seinen verborgenen Lagern zu ertasten, und ich zauberte mir eine Fata Morgana vor, darin ich, reich und glücklich, mit Solana ein kleines Haus abseits aller Behinderungen bewohnte. Es leuchtete das anmaßend hilflose Wort, das ich als letztes in ihrer Gegenwart hatte äußern können, dieses: Wir sind verlobt ... immer dringlicher in mir als eine verbindliche Verheißung, ja, als eine beglückende Tatsache und als ein vollzogenes Ereignis, und es bestand, wie in manchen Träumen, in einer anderen Selbstverständlichkeit, unfaßbar wie luftiges Glas außerhalb des wirklichen Tages.
Ich war ein mäßiger Soldat. Weder Furchtlosigkeit noch Schläue noch Ehrgeiz stimmen zu meiner ursprünglichen Veranlagung, und das Markige und das Heldische liegen meiner Natur nicht. Das Anständige gelassen zu üben, dem Nebenmenschen so wenig Leid wie möglich zuzufügen, ja, Leid zu lindern, das war es, was mir vorschwebte. Nun merkte ich wohl, wie in der Verderbnis des Krieges unübersehbare Mächte in mir den Kummer meines Herzens und das Ungestillte zum Vorwand nahmen, meine Menschlichkeit zu unterhöhlen und jene schauernd böse Lust heraufzubeschwören, mit der ich als Knabe den erlegten Ratten die Zähne ausgebrochen hatte. Und so erspähte einer meiner Vorgesetzten Möglichkeiten in mir, die mich für abgefeimte Dienste geeignet scheinen ließen. Er, ein Oberfeldwebel, der, marinegedient, in flauen Jahren bei der Kriminalpolizei angestellt gewesen war, setzte mich, ohne daß ich die Reichweite gleich ahnte, auf eine Fährte der Untergrundbewegung, bezweckend, den Verfasser einiger heißblütiger Pamphlete zur Strecke zu bringen. Die Spur wies nach Triest. Kein Zweifel, es handelte sich um jemanden, der mir nicht unbekannt sein konnte.
Nun war – das muß ich einfügen – eben vor meinem Abgang von der Zeitung ein Beitrag eingegangen jenes Autors, der eher als ich dem Süden zugestrebt war und entgegen seiner vormaligen Veranlagung beizender Zeitglosse plötzlich sehr sanfte Töne angeschlagen hatte, die Süße der Einsiedelei in großer Landschaft preisend. Der Absendeort Tirsino war nahe Triest gelegen, wo er auch bei der neugegründeten Istriazeitung mitarbeitete. Jetzt stand er, Ernst Ruber, im Verdacht, den Gegnern behilflich zu sein, hatte sich aber bislang geschickt und nicht ohne Rückhalt bei hochmögenden Personen, die ihn als Lyriker schätzten, allen Beweisen zu entziehen gewußt. Ich nun, das merkte ich bald, sollte ihn auf dem Wege kollegialer Freundlichkeit in die Schlinge locken. Man wußte sehr gut über mich Bescheid. Man wußte sogar von meiner vormaligen Verehrung für eine gewisse Dame, Sekretärin bei der Istriazeitung, die besagtem Poeten sehr nahe stehen sollte.
Ich hätte also auf diese Weise rasch nach Triest kommen können.
Es gibt in der Chemie Kontaktstoffe, die das Zustandekommen mancher Verbindungen beschleunigen. Und ich bildete mir mit einiger Gewaltsamkeit ein, Ruber sei vom Schicksal ersehen, ihr und mir auf diese Weise zu dienen.
Wie so mancher war ich längst von der Haltlosigkeit unserer Lage überzeugt, glaubte aber nicht befugt zu sein, dem abrollenden Schicksal beschleunigend oder hemmend, zumal auf hinterhältige Weise in die Speichen zu fallen. Und in dem Augenblick, da ich ohne eigenen Wunsch mit den Dunkelmännern der Befreiung in Berührung gekommen war, war ich gewillt, sie nicht zu verraten. Wer immer diese Leute sein mochten, die in verächtlicher Verballhornung ihrer Selbstbezeichnung, aber nicht ganz unanschaulich, in meiner Abteilung „Feger“ genannt wurden, und mochte ihre Neigung zu getarnten Heldentaten aus Geltungstrieb, Opfersucht, Begeisterung, Kränkung, Rachgier oder mit revolutionären Redensarten verblümten verbrecherischen Gelüsten herstammen, ich gab meine Stellung offen zu erkennen, um sie zu warnen.
Sie dankten es mir nicht, da ich mich hinwieder nicht verstand, ihre Handhabe zu sein, und kein Hehl daraus machte, wie verabscheuenswert mir die ganze Bluthackerei dünke, hüben wie drüben. Und den Abend, da ich von Chioggia nach Triest abreisen sollte und in Venedig Aufenthalt hatte und bewegten Herzens, von der Nähe des Wiedersehens erregt, durch die wundersame Stadt hin und her streifte, merkte ich, daß ich „beschattet“ wurde, und dachte, es wäre einer unserer Leute und Spitzel, und mußte lächeln über die Umstände, die man sich mit mir machte. Aber unweit der Chiarabrücke wurde plötzlich auf mich geschossen. Die Kugel jedoch prallte an der kleinen silbernen Kapsel ab, darin ich das kleine Stück Porphyr aufbewahrte.
Diese Kapsel trug ich in der kleinen Tasche unterhalb des Gürtels, wo man die Uhr trug, bevor man das Handgelenk dafür benutzte. Es war eine kleine antike Puderdose mit einer strahlenden Sonne darauf, bei einem Händler in Chioggia erworben, und sie mochte aus einer Zeit herrühren, da das Symbol der Sonne, dem Gotte Sol geweiht, so üblich als Schmuck und Heilszeichen gewesen war wie später etwa die Madonna. (Kein Zweifel, daß unser Sonntag aus dieser Verehrung herrührt.) Ich hätte mir keinen passenderen Schrein vorstellen können für mein Bröckchen Angedenken, worauf der Name des Lichtes so natürlich gebildet stand und mir mehr war als das und dennoch von Vorzeiten her mit meiner innersten nachtschattenden Sonne Solana verknüpft, die mir, je mehr ich mich ihr zugehörig fühlte, doch desto unerreichbarer schien.
Wohl hatte ich bald nach ihrer Abreise einmal an sie geschrieben, mich entschuldigt und das Stücklein Porphyr erwähnt, aber keine Antwort erhalten, hatte aber auch, einer Enttäuschung vorzubeugen, den Brief so gefaßt, als sei mir an einer Antwort nicht gelegen. Denn das Verletzliche und das Eitle in mir hofften, das gelegentliche flüchtige Aufleuchten ihres Blickes hätte angedeutet, daß meine Person ihr in ein unvergeßliches und achtbares Fluidum gesetzt sei.
Die abgeprallte Pistolenkugel hatte mir den linken Oberschenkel aufgerissen. Man brachte mich in das nahe gelegene Lazarett.
Nachdem ich soweit genesen war, fanden sich dort einige zum Singen Geneigte zusammen, und ich ersah meine ersprießlichere Möglichkeit, machte mich nützlich und hatte bald einen kleinen gepflegten Chor zu leiten, selber erstaunt über meine Fähigkeit, das Private so weit ins Öffentliche und Gemeinsame zu treiben. Der Chefarzt ließ mich gewähren. Er war ein Bayer der kultivierten Schicht, der das Künstlerische von der gebirglerischen Natur her, von den Herrgottschnitzern, Zitherspielern und Bauerntheatern im Blute liegt. Er verurteilte gleich mir den Raubbau des Krieges am Geistigen. Denn die Essenz des Geistigen ist empfindlicher, als Diplomaten und Ministerien oder gar Heerführer es ahnen.
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