Kitabı oku: «Der Gast»

Yazı tipi:

Hans Leip
Der Gast

Erzählung

Saga

Sie stammte von der nördlichen Küste und hieß Möne Braaken, hatte Musik studiert und auf der Hochschule jemand kennengelernt, der zu Großem berufen schien, aber ins Leichtere geriet. Darüber entzweite sie sich mit ihm. Sie war damals dreiundzwanzig und heiratete bald einen Maler, der eben zu Erfolg kam, und zog mit ihm gen Süden in seine Heimat.

Nun wohnte sie schon runde zehn Jahre viele hundert Meter höher als der ferne krause Spiegel der See und hatte sich eingewöhnt. Es war dort unterhalb des Pursenjochs im Londagog, südwestlich vom Montafongebiet, unweit der heute durch ihre Malereien berühmten Kapelle Birgitt im Gschwand, wo es auf der Flunt heißt für den, der es weiß. Dort hatten sie die kleine Jagdhütte, die Pirmin Scheufelrainer schon als Junggeselle besessen, erweitern lassen und für dauernd eingerichtet.

Die pfeifenden Murmeltiere und das Gekrächz der gelbschnäbeligen Bergdohlen, das mag ein trefflicher Ersatz sein für die Kaninchen der Heide und die Möwen der See. Über das Herz aber wollen wir schweigen, bis der Wind vorm Fenster leise ist, damit der Pulsschlag zu hören sei, der durch das Unbegrenzte tickt.

Sehnsüchtiges Herz! Unersättliches Herz!

Wer die beiden kannte, mußte sie für glücklich halten. Und sie selber versicherten oft — und nicht nur in Gesellschaft — daß kein Ort in der Welt so schön und geruhig sei wie der erwählte. Hatte Pirmin sie im Anfang ihres Beisammenseins manchmal scherzhaft, seiner behutsam täppischen Art gemäß, das Seufzerl genannt, so war das lange her und stand in keinem Zusammenhang mit ihrer klaren innersten Entscheidung. Sie war aufgeblüht wie ein Busch Almrausch, und blieb sie auch ohne Kinder, so hatte sie doch auch keine Sorgen, pflegte Haus und Garten, soweit dort oben von Garten die Rede sein konnte, mit Geschmack und brachte manche freie Stunde, falls sie nicht musizierte, damit hin, ein Tagebuch umständlich mit der Beschreibung der Alltäglichkeit zu füllen, wobei ihr nichts gleichgültig erschien, sei es der Zustand des spärlichen selbstgezogenen Gemüses oder die Übungen am Klavichord oder die Blumen im Krug, sei es die Art und der Anklang der Suppe oder des Puddings oder die Gespräche bei Tisch oder sonstwo oder die Inhaltsangabe gelesener Bücher und Zeitschriften, ganz abgesehen von den seltenen Besuchern, deren Erwähnung viele Seiten beanspruchte, übertroffen höchstens von den Schilderungen neuer Gemälde ihres Mannes, zumal bei seinem steigenden Ruhme. Pirmin wußte übrigens in diesen Geheimblättern seiner Frau, ohne daß sie es ahnte, gut Bescheid. Sie pflegten beide nichts voreinander abzuschließen und hätten nie daran gedacht, in den Schubladen nach gegenseitigen Entdeckungen zu fahnden, denn ihr Vertrauen und Takt schien fest gegründet, so daß es reiner Zufall war, als beim Suchen einer Freimarke der Wind durchs offene Fenster fuhr und von dem säuberlichen Stapel dicker, in rotes Wachstuch gebundener Hefte, die ein Schreibtischfach ziemlich füllten, das oberste aufschlug und Pirmins raschem Auge, ob er wollte oder nicht, einen höchst freundlichen Satz über sein letztgeschaffenes Bild enthüllte. Er war, wie alle Maler, so dankbar als mißtrauisch über jedes Wort, das versuchte, etwas, das für ihn einzig in Form und Farbe auszudrücken war, mundgerecht zu erläutern, und so war es vielleicht verständlich, wenn er dem Windstoß ein wenig nachhalf und, da er sich unbeobachtet sah, ein paar Sätze mehr las, die alle noch vom gleichen Gegenstand handelten und ihn maßlos erstaunten. Denn gesprächsweise pflegte Möne sich keineswegs so ausführlich zu äußern, namentlich nicht über das, was seine Sachen anging, und es hätte ihn auch mehr bedrängt als erbaut. Hier aber, so still und ohne Zeugen, rührte und schmeichelte es ihm, und er hörte erst auf zu lesen, als ohne Übergang etwas Belangloses von dem täglichen Weg zur Schlü-Alm dastand, wo Möne Butter und Milch bezog.

Von da an hatte er öfters den Wind gespielt, wie er es bei sich nannte, indem er es sich verschmitzt und lustig machen wollte. Denn zu bösem Gewissen spürte er von Natur keine Neigung. Er war von gedrungener Bauart innen und außen, nicht gerade stiernackig, aber von genügender Härte und Gutmütigkeit, auch in Bezug auf sich selber, um ohne viel Umschweife und Quälereien durchs Dasein zu kommen. Hätten ihm die Redewendungen so vortrefflich zu Gebote gestanden wie seiner Frau in den Tagebüchern, er hätte wohl eine Möglichkeit gefunden, die Näscherei zu beichten. So aber druckste er ein paarmal herum, kam darüber hinweg und gewöhnte sich an die gelegentliche Lektüre auf Zehenspitzen wie an irgend ein freundliches Laster und Narkotikum, ja, diese insgeheime Beleuchtung seines Schaffens, die, obwohl kindlicher, doch um vieles liebenswürdiger und inniger war als das, was die Kritiker der Ausstellungen zu sagen wußten, wurde ihm bald zu einer unentbehrlichen Anregung. Und lange Zeit beschränkte er sich streng einzig auf das, was ihn so persönlich anging.

Aber die Grenzen des Persönlichen sind in einem gemeinsamen Haushalt schwer festzulegen, und je mehr er das freigebige geheime Mitteilungsbedürfnis der ihm lieben Frau als Echo und Anreiz seiner Arbeit genoß, desto begieriger wurde er, nicht nur sein Werk, sondern auch seine Person gespiegelt zu finden, was denn in den Berichten über die Mahlzeiten und über Spaziergänge und Ausflüge hin und wieder sich ergab, ohne jedoch mehr als äußerliche Erwähnungen, etwa des Anzuges oder ob rasiert oder nicht, und der pünktlichen Wiedergabe seiner kargen Gesprächsbrocken zu bieten. Was er suchte, war natürlich etwas Herzliches, etwas, das ihre eigene aufrichtige Meinung über ihn recht sichtbar ins Licht stelle. Nicht, daß er erst Beweise ihrer Zuneigung hätte erfischen brauchen. Er konnte sich nicht über mangelnde Freundlichkeit und Gefälligkeit beklagen und entsann sich auch manch zärtlichen freimütigen Wortes. Aber schriftlich vermißte er es, dort, wo es ohne jede Schämigkeit wie zu sich selber gesagt hätte hervorquellen dürfen, der ungezwungenen Genauigkeit des Übrigen gemäß, und wäre es nur die Andeutung dessen gewesen, daß sie sich zufrieden und geborgen bei ihm fühle. Er las nach und nach, immer, wenn sie zur Alm zum Milchholen war, die gesamten Hefte durch, und es waren mehr als zwei Dutzend. Was er gewann, war ein sonderlich getreues und behagliches Abbild seiner zehnjährigen Ehe und Werkstatt, und doch schien ihm schließlich, als habe er trotz allen Reichtums des Ausdrucks in nichts mehr als in einem Foto-Album geblättert.

Gewiß, er war klug genug, sich zu sagen, daß unbefangenere Leser als er nichts als den Eindruck einer angenehmen und heiteren Erscheinung in jeder Zeile bestätigt gefunden haben würden, denn wie ein wahrhaft Gesunder kaum je von seiner Gesundheit spricht, so ein wirklich Glücklicher kaum von seinem Glück. Er schalt sich töricht, überhaupt noch zu fragen, wo jeder Tag ihm bewiesen hatte und bewies, wie prächtig Möne zu ihm gehöre. Er ertappte sich, daß er auf der Lauer lag nach ihren Bemerkungen, ihren Blicken, ihren Gesten, ja, ihren Atemzügen, daß er keine ihrer Freundlichkeiten mehr hinnahm wie sonst, sondern sie abschätzte und verglich, bis sie es denn merkte und sich still wunderte und zurückhaltender wurde und noch weniger redelustig als sonst, so sehr hingegen er sein Gespräch zu beleben anhub und keine Mühe und Holperei scheute, anregend zu wirken.

Und was er sonst kaum je fertig gebracht, er setzte sich nun bisweilen zu scheinbarer Andacht in die Nähe, wenn sie Klavichord spielte. Die Räume der einstigen Jagdhütte gestatteten kein größeres Instrument und, da ihn beim Malen jedes Geräusch störte, auch kein lauteres. Er war ziemlich unmusikalisch und höchstens fürs Zuschauen und nicht fürs Zuhören geduldig genug, und so hatte er denn auch bald das Skizzenbuch dabei, recht wie ein Verliebter, sie zu konterfeien, wobei er, nach seiner Art, bald vor sich hin zu stöhnen und zu fluchen begann, auch verlangte, sie solle sich weniger bewegen.

Aber selbst über derlei Ungewöhnlichkeit fand er keineswegs eine persönlichere Stellungnahme in Mönes Tagebuch, sondern einzig die üblichen kargen Beobachtungen wie: P. heute sehr unruhig. Es ist Föhnwetter. Auch liegt ihm das Figurenzeichnen nicht. Ich spielte: Vier weiße Reiter ...

Und die wörtliche Aufbewahrung seiner stolprigen Erklärungen zur Weltlage und gar seines bemühten tapsigen Liebesgeflüsters drohten ihm nicht nur das heimliche Lesen, sondern auch das Haus und alles, was er so trefflich geschildert fand, ja, seine ganze Malerei und die Berge und sogar die Jagdausflüge und schließlich sich selbst zu verleiden. Seine Neigung zu der Schreiberin dagegen entfachte sich mehr denn je, und das weniger zu seinem Vergnügen als zu seiner Last, als entpuppe sie sich, die ihm so selbstverständlich und nichts als lieb gewesen, erst jetzt als eine Aufgabe und wie ein gänzlich aus dem Blauen neu zu schaffendes anspruchsvolles Bild.

Denn die Ungerührtheit ihrer Darstellungen damit zu erklären, daß ihr die wärmere seelische Tiefe fehle, aus der alle echte Anteilnahme zum Ausdruck drängt, ließ die Eitelkeit in ihm nicht zu. Er hatte sich geschmeichelt und in den Bestätigungen seiner Freunde gesonnt, daß er ein ausnehmend feinfühliges Geschöpf zu seiner Gefährtin erjagt habe, so, wie es einem nervigen Künstler zur Ergänzung gebühre und wohltue. Kurz, seine Gleichmäßigkeit, die ihn in allen Verrichtungen ausgezeichnet hatte, sein Fleiß, seine Schaffensfreude, sein Appetit, sein guter Schlaf und sein derber schlichter Humor, seine ganze sichere, bequeme und einträgliche Grundlage geriet ins Wanken. Er wurde unerquicklich. Und eine aufbegehrende wilde Art, sich der eigenen und ihrer Liebe machtvoll zu versichern, mußte, da das Täppische nie sanft gewesen war und das Behutsame weniger verständnisvoll als verlegen, sich nunmehr als gewaltsam und kaum als überwältigend zeigen.

Möne widerstrebte zwar nicht, sie war gesund genug, es sogar zu genießen. Er aber, dem sonst der Zuklang offener Sinnlichkeit ein unvergleichliches Labsal bedeutet hatte, schien jetzt darüber hinweg zu lauern nach verborgenerer Harmonie. Ihm wollte es trübe dünken, daß sie gänzlich nur von sich erfüllt sei anstatt von ihm. Und es sengte ihn, bis er, sich selber zur Verachtung, wieder an ihren Schreibtisch schlich, ob denn nicht dennoch auch dort nun endlich ein Funke angegangen sei, ein funkelnder Bogen zwischen ihm und ihr, von dem er träumte, er, der sonst den Träumen abhold gewesen. Aber er entdeckte nicht viel mehr als sonst. Und geradezu verletzt fühlte er sich durch die nüchterne Bemerkung: P. ist augenscheinlich in einer Krise und sehr anstrengend. Er übernimmt sich, geht kaum aus dem Haus, kränkelt. Möge es einen neuen Aufschwung seines Schaffens einleiten!

Ihre Schrift allerdings schien ihm weniger klar und zierlich als sonst, und dem Tagesbericht war, wie oft in den ersten Jahren, doch diesmal in auffällig großen Zügen angefügt: Ich hoffe, was ich schon manchmal gehofft ...

Aha, war es das? War es je eine wichtig zu nehmende Hoffnung gewesen? Reichte er nicht aus? Immer noch nicht? Mußte es ein Würmchen sein? Er sehnte sich nicht darnach, er malte Berge und keine Putten. Er hielt ganz und gar nichts von einer körperlichen Fortsetzung bei Künstlern, die nur eine Enttäuschung oder eine Übertrumpfung ergeben konnte. Ihm war es mit der Einmaligkeit seines Namens und Ruhmes ernst. Und er brachte, so geschickt er es vermochte, ganz allgemein das Gespräch darauf, und da sie nur seufzte, wie in alter Zeit, vergaß er alle einstige Zärtlichkeit und polterte seine Ansicht hervor, gröblich wie nie. Es war kein ersprießlicher Zustand.

Und als der Schnee kam und man auf gute Weise zu Tal gelangen konnte, nahm Pirmin seine letzte Würde, wie er sich sagte, zusammen und reiste seinen Bildern nach in die Ausstellungen.

Bis dahin war er stets mit seiner Frau gereist. Es wäre ihm wohl auch sauer geworden, ihr rundweg zu empfehlen, diesmal daheim zu bleiben. Sie hatte aber vorgebaut und ihre Mutter zu Besuch gebeten. Und da diese eine muntere und kluge Dame war, ließ er bei seiner Abfahrt durchaus keine geballte Trauerwolke zurück. Er wußte nicht, sollte er sich freuen oder ärgern.

Ihre Mutter liebte den Winter in den Bergen und verstand sich, wie die Tochter, auch ein bißchen aufs Schilaufen, schlank und emsig, wie sie trotz der grauen Haare geblieben war. Sie hatte die Heimatstadt längst mit einer südlicheren vertauscht, um ihrem einzigen Kinde näher zu sein. Immer hatte sie sich bereitgehalten, zu irgend welchem Beistand gerufen zu werden. Bislang aber war sie nur ungerufen und zögernd erschienen und nie länger als zwei Tage, behauptend, sie sei nur eben mal auf dem Wege nach hier oder dorthin vorbeigesprungen. Die Jagdhütte deuchte ihr zu prall gefüllt mit Wohlsein, da fühlte sie sich überflüssig. Aber nun hatte Möne geschrieben, die übliche Winterreise in die Städte, deren erster Aufenthalt immer ihrer Mutter gegolten, falle für sie diesmal aus.

O Möne! hatte die immer leicht aufgeregt hin und her Brausende gleich gefragt: Kriegst du endlich eins ...? Aber Möne hatte ihr den Mund zugehalten und vor sich hingelächelt. Nein, sie schüttelte nicht den Kopf, wie sie es aufrichtig hätte tun sollen, und wer weiß, welch merkwürdige wirre Vorstellungen, welch verderbliche nebelhafte Absichten schon gleich oder von da an in ihr spannen, ihr selber schrecklich und fremd und dennoch betörend, daß sie ihre gute Mutter in so entzücktem Zweifel beließ. Vielleicht aber wollte sie sich nur daran erholen und einmal wieder auf andere Art verhätschelt und inniger umsorgt sein als ihr Mann es zu bieten hatte. Auch sah sie nun die jähen Ausbrüche an Tränen und wortloser Verzagtheit, denen sie ein paarmal haltlos ausgeliefert war, verständnisvoll aufgenommen. Denn daß es nicht gerade an einem Zerwürfnis mit Pirmin liegen konnte, glaubte ihre Mutter in den Briefen bestätigt zu finden, die sie alle mitlesen durfte, und darin, so hölzern auch es sich anließ, wenig von den Ausstellungen, viel von der Unbequemlichkeit einsamen Hotellebens und noch mehr von Liebe stand.

Verwunderliches Herz! Möne schrieb gleichmütig freundlich zurück, so daß er meinte, in ihren Tagebüchern zu lesen. Er entsann sich gut der paar Briefe, die sie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft gewechselt; die ihren waren damals nicht anders gewesen, und gerade die klare Sachlichkeit daran hatte ihn begeistert, indes seine Briefe so großartig, als er es eben aufbrachte, ohne lange Umstände ein frohes und freies Zupacken gepriesen hatten. Und er schämte sich dessen nachträglich nicht. Aber jetzt war nicht mehr so offen die Rede davon. War er, wenn er es recht bedachte, erst letzthin zu einer kräftigen Anwendung seiner vormals so heftigen schriftlichen Vorsätze gelangt und hatte also lange gebraucht, um eine gewisse Schüchternheit gegenüber dem »figürlichen Objekt« gerade bei seiner eigenen Frau zu überwinden, jetzt kehrte es sich um, und seine Briefe waren nach zehnjähriger Pause, in der kein Anlaß gewesen, welche zu schreiben, voll gehemmten blumigen Gestammels: Liebe Möne, kleines Seufzerl, ich sitze verlassen, dein Bild vor mir. Möchte es nachzeichnen. Will sogar die Musik gern haben. Laß mich’s verstehen. Ich bin ein Grobian, aber verliebt, ein maßloser Krug. Klopfe dran, es klingt hohl, vor Kummer! Und möchte viel sagen, aber du lächelst. Du sagst es richtiger. Ich könnte es in Kobalt und Ocker legen, wenn es mir nicht jetzt auch zweifelhaft ist, plötzlich, elend unsicher ohne dich, o Veilchen, o Mönel, o Möhnchen! ...

Insgeheim vergoß Möne andere und heißere Tränen über solchen hilflosen Zeilen, als sie ihrer Mutter vorweinte und die gut sind, Erschöpfung und Sehnsucht und Enttäuschung davonzuschwemmen. Tränen, die aussichtsloser waren und die vergebens Trost unter sanften Händen gesucht hätten. Eine merkwürdige Vorstellung hatte sich ihr aufgedrängt, als werde ein Gefangener ewig hinter ihr drein getragen, und er strecke die Hände, diese breiten tastenden, nach Ölfarbe duftenden Malerhände durchs Gitter nach ihr aus, und sie wich zurück und weinte vor Mitleid mit sich, da sie nicht absah, wann er je seinen wahren Zustand erkennen würde, in dem er sich wohlbefand und der ihn ernährte und ihm erlaubte, sich eine bescheidene Frau zu halten, er, der für hinreichend erachtete, die Oberfläche der Dinge immer deutlicher zu erfassen und sie in rechtwinkligem Ausschnitt überraschend und geschmackvoll wiederzugeben. Dieser treuliche Pirmin, der sich weltweit fühlte im Käfig seiner Grobdrähtigkeit, so trefflich er doch sonst zu sehen vermeinte. Sollte er nun etwa Anstoß genommen haben an seinen eigenen Schranken, in die sie nicht hineinzuzwängen ging? Wäre er doch ahnungslos geblieben, seiner schmalen Lücke froh, die seiner Anschauung Raum ließ und an deren Stäben er vorbeisah und nichts davon bemerkte! Sie hatte sich längst daran gewöhnt, kaum noch die Hinderungen zu spüren im Spiel der Finger, im Kuß, in der äußersten Berührung, in allen Außenbezirken dessen, was Liebe genannt wird. Warum mußte sie wach liegen, von seinen Gittern bis zum Ersticken bedrückt, enger und enger von den Gitterzeilen seiner Briefe, bis sie aufschreiend verging und in Schluchzen sich löste und auf tränenfeuchten Kissen ins Unbewußtere sank, wo die Ergebung in alles Schicksal naturhaft wohnt. Ach, auch das bebende kleine Licht versank dahin, das aus dem fröhlichen Verdacht ihrer Mutter, kaum eingestanden, auch bei ihr wundergläubig und übersüchtig entzündet worden war.

Sie versuchte endlich, ihrer Mutter das nächtliche besorgte Lausdien zu entgelten und sich zu erklären. Aber wie sollte sie ein wirkliches Verständnis erwarten? Die Liebevolle war, kaum vermählt, schon Witwe gewesen, ihre Meinung vom Manne war dunkel hochachtungsvoll und beklommen, ein stiller Huldigungsdienst an einem rasch und heldisch Davongegangenen. Sie war tief erschrocken über die sonderbaren Ansichten, die hier bei ihrer Tochter, ihrem einzigen lieben Kinde, betreffs der Ehe aufgesprossen waren, wie wenn der wackere tüchtige und berühmte Pirmin geradezu ein Raubtier oder Verbrecher sei. Wohl entsann sie sich eines eigenen allgemeinen Mißtrauens gegen die Fügung, ja, und sogar gegen das gepriesene Heldentum des Kriegers und dessen Voraussetzungen, die ja schließlich im Manne selber wurzeln mußten, entsann sich sogar eines vorübergehenden würgenden Hasses gegen den Gefallenen, dessen wahre Liebe doch in ungeheurer Einmaligkeit hätte Mittel und Wege gefunden haben müssen, bei ihr zu bleiben trotz aller grausamen Pflichten und Ehrbegriffe. Sie versuchte, davon zu sprechen, sie beherrschte die Worte in einer gescheiten und erfahrenen Art, war aber gleich, nach so langer Entfernung abgeklärt und dem wieder aufkeimenden Zwiespalt betroffen ausweichend, mit begütigenden Nutzanwendungen bereit, der Tochter zur Mahnung, des Glückes sich zu freuen, solange es noch lebendig vorhanden sei, und alle hohlen qualvollen und frivolen Gespinstereien zu lassen, die aus dem Umstand wohl verzeihlich seien, aber dem Kinde unweigerlich schaden dürften.

Es stach Möne in der Kehle zu sagen, daß sie nur zu gut nachfühlen könne, was eben von Haß gegen jemanden erwähnt worden, der ausgelöscht sei, wenn auch nicht im Herzen. Aber sie verbarg es noch und fragte, weich von aufsteigender unaufhaltsamer Inbrunst zu etwas Fernem und Verlorenem, ob denn die Mutter nachdem niemals wieder eine neue Neigung empfunden habe, und sie sah die Gute abwehrend erröten und umhalste sie und küßte sie, als küsse sie wer weiß wen. Preßte dann die Stirn zärtlich an das kleine wohlgeformte grau umkrauste Ohr, das ihre ersten stammelnden Laute sicher mit mehr Entzücken vernommen hatte als die erwachsene kummervolle Frage nun, ob sie denn nicht wenigstens vorher je einen anderen geliebt. Sie erstickte die auffahrende langgedehnt empörte Gegenfrage »Ich?« unter neuen Küssen, darunter denn schließlich ein bißchen mütterliche vormärzliche Backfisch-Schwärmerei zur Beichte gedieh, allzu rosig und verhaucht jedoch, um sich daran klammern zu können, wie Möne es wohl wünschte, begehrlich und angstvoll dem Sturm entgegenfiebernd, der in den Tiefen schon lauerte, noch lauerte, und aufzurauschen drohte mit zerstörender Gewalt.

Ihr Blick lag starr im Fenster, wo die verschneiten Zacken des Amillengrates vier weißen Reitern gleich in das sengende Blau ragten und verhielten, als wüßten sie nicht, sollten sie sich zu ihr talab oder auf ewig ins Unendliche von dannen wenden. Hätte sie nicht selber handeln müssen, entgegenlaufen mit wild vorgeschleuderten Armen diesem Phantom von einst, das gegenwärtiger und greifbarer, ja, immer begreifbarer in ihre kleinste Gebärde hineinzuragen gedachte und Helbert Doß hieß, und ohne Gitter und Wände sich ihr mitteilte über alle Unmöglichkeit hinweg? War dies nicht die letzte, höchste Gelegenheit, zurückzufinden, und sei es für Augenblicke, und Forderung zu erheben und Erfüllung zu finden und zu gewähren, wie es angebahnt gewesen und zerbrochen war um der Größe und Würde willen? Jetzt war es gleich, vergessen der Anlaß und Abfall, nur das Brausende war geblieben, nur das Eigentliche, das zwischen Himmel und Erde im Unermeßlichen schwang und nun höher schwang denn je.

In ihrem Tagebuch stand davon nichts, wie bislang niemals etwas davon über ihre Fingerspitzen hinausgelangt war, so wenig wie über ihre Lippen.

Nur daß sich weniger kühl als sonst eine Beschreibung der Aussicht anfand, die man von der Jagdhütte aus genoß. Die Bemühung war erkennbar, die Landschaft mit mehr als offenen Augen, mit offenem Herzen aufzunehmen und ihrer teilhaftig zu werden, nicht nur, wie bisher, über die Bilder ihres Mannes. So war die Flunt eine samtene sanfte Woge genannt, die Jagdhütte darauf ein sicheres Hausboot, das auf- und niederschwebe, ohne je an der wilden Küste zu zerschellen, die vom Kadnertal, erst waldig harmlos verdeckt, sich immer nackter und gewaltiger sturmschief in riesigem Bogen heraufzieht bis an die gleißenden, im Stürzen erstarrten Ströme der Sandreißen am Pursen, daran die letzten schwärzlichen Freibeuter aus dem Wald sich lösen und im Wind drohend pfeifen und darauf lauern, sie, die verschwindend winzige allerkleinste hergewehte Gischtflocke Möne als Strandgut aufzulesen und an ausgerecktem Urväterfinger unter dröhnendem Lawinengelächter vergehen zu lassen. Bis an die untersten Stufen der ungeheuerlichen Gigla-Pagode waren sie gestiegen, gekrümmt und gierig Fichten und Zirbeln und das geduckte Knieholz, um besser nach ihr spähen zu können. Nein, nein, sie wollte nun nicht mehr verzagen und Angst haben, daß ihre Zuflucht durchschaut sei und ihr nichts nütze und keine Hilfe zu erwarten sei und nur das gerechte unbarm herzige Verderben. Sie wollte nicht mehr willenlos in die endlose unübersteigbare Einsamkeit geworfen werden, nicht vergehen an der Ungerührtheit der himmelhohen Wände. Sie wollte sie erweichen und sie streicheln mit bloßen Händen und Füßen. Sie hatte ja begonnen, sie lieb zu haben, das Grünende, Raunende, Duftende darin und das Schweigende auch. Es schlug der Puls der Erde ihr zu aus der dünnen Schicht Humus überm Gestein, es flüsterten die Rinnsale überall unterm Moos und Gewurzel und blinkten hervor und sammelten sich und stürzten von ihr fort, fort vom Gebirg heimatzu, den Strömen, der Tiefe, dem Meere zu. Sie aber wollte bleiben wie der Sichelsee, darin es sich eingoß in unergründlichen Kelch und klar und kühl war, und daraus es schleiernd wolkenzu schwebte, hin und her zwischen den Gipfeln und Scharten, und den Duft der Almen und des Gesteins in sich trug und ihrem eigenen Atem verschwistert war, und zu den hundertfachen lieblichen Arten der Blumen sich neigte in jedem Geröll und Geritze, als seien es alle ihre Kindlein, und sähen sie an, eins süßer als das andere, daß sie bei ihnen bliebe. Wie sollte ihre Mutter nicht spüren, was da in dem Bäumchen und Abzweig vor sich ging und gefährlich säuselte, als säusele und summe es wie einst vor dreieinhalb Jahrzehnten Herz unter Herzen bei ihr selber, als sei das bißchen Trennung und Entwachsensein und Wandeln auf eigenen Füßen in einer größeren, unsichtbaren, endlos dehnbaren Hülle geschehen, der sie niemals entrinnen würden, immer durchrauscht noch vom gleichen Strom und Puls des Blutes, dazu sich nun ein drittes, noch winziges Herz zu gesellen schien. Frau Braaken zögerte nicht, alle Begeisterung mit Argwohn zu dämpfen, sie war von Haus aus hansisch gewöhnt, nicht nur mit Gewinn zu rechnen. Es konnte sein, daß Möne sich täusche, daß Wunschbilder gaukelten, wo kühle Rechnung am Platze gewesen wäre, da doch nach der mütterlichen, wenn auch einmaligen Erfahrung, nicht nur das Gemüt sich anzuschicken und unbewußt zu sträuben pflegt, das Beste von sich abzugeben und zu teilen, sondern auch der Körper sich wehrt in unausrottbarer menschlicher Ichsucht mit Zahnweh und Übelkeit gegen die unaufhaltsame Beraubung und Umschichtung, und da dann viel Inbrunst dazu gehört, um den Zustand zwischen verfallender Blüte und ansetzender Frucht als köstlich anzusehen.

Aber Möne blühte heftiger denn je und üppig wie eine Amaryllis, die strotzend und unbestäubt sich gegen die Fensterscheibe drängt, abgeschieden von der Fülle der Bienen und vom Wind. Und nur ihre Seele schien betroffen vom ungestümen Werden eines Neuen, das begierig Anteil nahm an allem, was war, und sich daraus nährte und durch seine saugende Gier, sich mit Leben zu füllen, die tiefsten und nie erkalteten Säfte der allerheimlichsten uralten Ängste und Süchte aufstörte.

Frau Braaken erschauerte und lächelte dann tapfer. Was durfte sich da groß Befremdliches aufwerfen? Was sollte bedrohlich sein? Sie war von gefestigtem Gewissen, wie es sich in gutem Hause gut begründet, freundlich behütet, voll praktischer Nutzanwendung überkommener frommer Voraussetzungen, von reinlicher Natürlichkeit, vor der das Böse niederfällt. Der bürgerliche auskömmliche Glanz soliden Mahagonis hatte ihre Jugend gehegt und hatte noch bis in Mönes Mündigkeit hineingestrahlt, das wackere großangelegte rechtschaffene Hansische, die breite Ordnung des Kontors, auf drei Generationen Einfuhr und Ausfuhr gegründet, der Gewürzduft des Speichers, die Behaglichkeit der Stadtwohnung, wo das gute Porzellan und Silber nicht für die Gäste aller Kontinente aufgespart blieb, die unprotzenhafte Wohlhabenheit, die es sich leisten kann, großzügig und milde zu denken und gelassen zu sein, und Weltweite hat und Menschlichkeit pflegt ohne Schaden für das Geschäft.

Die mächtige Erscheinung des Großvaters und der Duft der Importen, die er rauchte, das war zwar schon davongegangen, aber Möne hatte den Senator noch in seiner hoheitsvollen Amtstracht erlebt. Seine dunkle Stimme, ausgewogen und unbetont wie die Stimmen derer, die es nicht nötig haben zu lügen, und deren Klang in fünf Erdteilen unverfälschter gilt als Gold, drang manchmal in die Wirrnis der beiden Frauen, die seine Tochter und seine Enkelin waren, und sie lauschten ergriffen und wagten nicht, sich zu verstecken, aber auch nicht, um Rat zu bitten, denn dem Urgrund, der da herauftönte, konnte kein Fehl und Verlangen verborgen sein. Aber wenn auch nichts weiter erscholl im Hauch der Nacht als ein unendlich fernes: Min lütt Deern! ... es war Beistand genug. Denn dahinter grüßte die Abgeklärtheit des Einsamen, der allein und uneingeengt stehen muß, um die Gefilde seines Wirkens zu überschauen, und es war, als löse sich eine kleine erhitzte Kinderhand aus der großen hochgeäderten, pergamenten glänzenden des Alten, gesänftigt von der Kühle, die von dort in sie überströmte, als sei es die bewahrende Kühle der Frische, die alle Zersetzung hintanhält.

Denn Möne, obwohl sie allein blieb, war ohne viel Kummer erziehbar gewesen, aufgeweckt, lenkbar und beflissen, den Erwachsenen zuliebe rasch aus dem versponnenen Kinderland in den Besitz und die Knechtschaft des Gegenständlichen zu gelangen. Sie war gesund, nachdenklich, verläßlich und ausdauernd, von klein auf bis zum Eigensinn auf die Erreichung des Vorgefaßten versessen. Wenn das Ziel unerreichbar blieb, schien sie in jäher Abkehr fast zu zerbrechen und bewahrte dennoch Haltung. Ihr Gesicht wurde dann schlohweiß, da alles Blut die tausend verschlungenen Gänge blitzschnell zurückeilte und sich hilfsbereit und dämpfend in den innersten Pulsen versammelte und dort die Kraft herlieh, Aufschrei und Klage zu unterdrücken und in ein nicht vermeidbares Aufschlucken umzulenken und ein Lächeln siegreich über die angespannten Nerven emporzuzaubern. So vermochte sie früh schon, ihre Stimmungen zu verbergen, befähigt von dem kühl verhaltenen Geiste, der die Welthandelsfirma ausgezeichnet hatte und der sich bis in ihr Tagebuch hinein bewies.

Das Übersteigerte aber in Möne, das in ihrem Verharren bis an die Grenze der Katastrophe zu gehen vermochte, mußte aus anderem, heftigerem Erbgut gespeist sein. Das Elternhaus ihres Vaters hatte in der dritten Geschlechterfolge auf wagemutigen Unternehmungen kolonialer Wegbereiter gestanden. Glücksrittertum und Abenteuerei hatten sich dort längst zu fruchtbarer Stetigkeit verdichtet gehabt, aus Tollkühnheit und Ferngier war gewitzte Umsicht geworden in jenen unwiederbringlichen kaufmännischen Gelegenheiten der Ausbreitung dessen, was den unberührten Breiten sich als europäische Kultur aufgedrängt hatte.

Inzwischen waren die überseeischen Brachländer teils gesättigt und selbständig geworden, teils hatten die Ausbeuter gewechselt. Das angehäufte Vermögen der Braaken ließ den Namen eine Weile weiterleuchten, dann zerfloß es in verfehlten Spekulationen zahlreicher Erben. Der jüngste Sohn des Stammhauses, schon in Dürftigkeit geboren, hatte den achtbaren Hang zur Marine wahrgenommen. Die Lust, zu zerstören, war als Rückschlag des scharfen Aufbauens seiner Ahnen groß in ihm und verhalf ihm auf dem Umwege tadelloser Haltung, eifriger Pflichterfüllung und entschlossener Begabung zu rascher Beförderung und ließ ihn, eben daß er mit glänzenden zivilen Aussichten ins Kaufmännische zurückgeheiratet hatte, die Gunst des Krieges ehrgeizig nützen und ihn, zu immer Unerhörterem anfeuernd, heldischen Ruhm gewinnen, bis es ihn kurz vor Mönes Geburt vernichtete.

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160 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711467169
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