Kitabı oku: «Miß Lind und der Matrose»
Hans Leip
Miss Lind und der Matrose
Roman
Saga
Verborgen ist der hohen Mühen Sinn,
verborgen ist die Schaukel, die uns hebt.
Ohn’ Ziel und Kompaß rauschen wir dahin.
Ein Wellen-Spielzeug ist der Mensch, der lebt.
So will ich dies beginnen, ich, der Matrose Schareko, wie sich mich nannten, und sie nannten mich so, weil einer den Film gesehen hat zu Antwerpen, worin ein Mörder so hieß und mir ähnlich sah. Ich fluche dem Schicksal nicht, das mich krank gemacht hat in der fremden Welt, hier zu Rabaul auf Neupommern bei Australien, wo ich sitze in einem reinlichen Bett wie ein Kajütspassagier.
Zwei Wochen sind es schon.
Geduld ist eine elende Sache. Ich will meinen Kopf nicht hinlegen; ich habe gelernt, die Feder zu führen; es war in Hamburg, wo ich aufwuchs. Doch daran zu denken ist verlorene Mühe; gibt es doch manche genug, die wimmern zu ihrer Zeit, daß sie ein Kind sein möchten wie einst, um es neu anzufangen, dies verfluchte Leben.
Dies verfluchte Leben! Keiner ist unter uns, der es nicht liebt.
Im offenen Fenster seh ich das Gebirge. Dahinter liegt das Gold an den Bulolobächen. Ich höre die Schritte derer, die sich aufgemacht haben. Bald wandere ich zwischen ihnen über die Pässe. Der Württemberger ist schon vorweg. Ich rieche den Staub. Die Wege sind schlecht. Es ist Sommer ringsum. Wer Geld hat, nimmt ein Flugzeug.
Bald wird mein Bein aus der Gipsschiene genommen. Die Schwester lächelte, als sie hinter dem Arzt hinausging. Denn das Bein war es nicht, das schwarze Fieber war es, das in mich fuhr mit dem ablandigen Wind die Nacht, als wir die Küste erreichten. Da sah ich ein Gespenst — die Toten leben nicht — aber sie stand gleichsam im Vorschiff wie damals, Cläre, das »suchende Fräulein«, und ich ging auf sie zu voll Erstaunen, jedoch wo sie stand war die offene Luke; es war alles bereit zur Landung, aber ich war blind vor Fieber und Gram; ihr süßes Gesicht schwebte über mir, und so fiel ich herab in den Laderaum auf die Kisten. Und hätte ich mir das Genick gebrochen, es wäre aus gewesen und gut.
Aber ich soll leben.
Ich schreibe dies, meine Finger sind ungelenk; wer soll es lesen? Ich weiß nicht, warum ich es schreibe: gut, es vertreibt die Zeit, sage ich mir, die elenden Tage. Ich könnte auch wohl auf dem Rücken liegen, die Mücken zählen überm Netz, bequem hingelegt wie ein Dollarfürst und mit den andern reden in diesem traurigen Saal. Doch das, was nachts ist, genügt mir davon. Zum Satan!
Das ist kein Fluch, und wenn schon, es steht niemand hinter mir, um mich anzusehen deswegen. Ich will es schreiben, wie alles war; es liegt wie in Klotz auf meiner Luft. Ich will es aufschreiben, es wird mir leichter.
Damals kam ich notgedrungen wieder nach Hamburg, weil der Dampfer Oranta den Kurs hatte und nicht unsertwegen nach Kapstadt gehen konnte, wie unser armer Kasten wollte mit Stückgut von Halifax, wobei er leck sprang nach drei Tagen schon. Und das wegen der Versicherungssumme, sagten alle. Es war ein Glück, daß es in der Nähe des großen Weges von New York nach Europa war, wo Schiffe genug liefen, uns aus der elenden See zu fischen. Einige holten sie auf die »Bengaria«, mit der die Millionäre fahren, die an der Reling standen und wetteten, ob es gelinge mit uns, und somit kamen einige zurück nach USA. Aber ich mußte mit nach Hamburg, wo es keine Dollars und nur Erinnerungen für mich gab.
Unsre Retter waren Helden; selbst ein Steward war mit im Boot gewesen, aber auch uns gab man zehn Mark durch einen Senator, sowie fünf durch die Seemannskommission und zwei Flanellhemden. Doch als es sich herausstellte, daß ich kein Amerikaner war, hörte ich nichts mehr von Ersatz für meine Sachen, die alle im Seesack geblieben waren und auf dem Meeresgrunde ruhen. Aber der Württemberger, der drüben Bäcker gewesen war und das Bürgerrecht hatte, war besser daran, wie auch sonst oft. Er hielt sich gerne zu mir, war auch mit demselben Boot gerettet worden. Sein Name war Fisher, und er schrieb es so, um als Yankee zu gelten, was ihm seines käsigen Gesichts wegen jedoch nicht gelang. Auch konnte er sich von einem kleinen Schnurrbart nicht trennen, so strohig er war.
Das Heuerbüro ließ uns erstaunlicherweise den Vortritt, anzumustern, wann wir wollten, und ich tat es bald, war mir doch alles fremd geworden in den Straßen, und zu Hause erst recht. Meine Fahrzeit reichte längst; der Baas rechnete es in meinem Buch zusammen, und ich heuerte voll als Matrose an, mit einem gehörigen Vorschuß wegen der Ausrüstung, und ich kam auf die »Radiance«, wo zwei Leute durch eine Keilerei auf St. Pauli ausfielen. Die Kompagnie war gut, das Schiff war gut, fast wie die »Bengaria«, und war für zweitausend Passagiere nach New York, wenngleich bezüglich der Getränke damals trocken, da es unter den Sternen und Streifen fuhr, wo es eine Weile nichts Berauschendes gab. Das Berauschende, o meine Seele, fing mich dort anderweitig ein.
Ich hatte das, was übrig war von meinem Vorschuß, in der Peterstraße gelassen, es versoffen und versaut; denn meine Mutter war gestorben während der Zeit, als ich weg war. Und von den Mädchen, die ich vordem gekannt hatte, war die eine verheiratet, und es reizte mich nicht; die andere war in der Peterstraße bei einer öffentlichen Wirtin, und obschon ich sie verachtete wegen ihres Gewerbes, winselte sie mir doch das letzte ab wie eine richtige Hure, und da alles, was ich vorgefunden hatte, dazu angetan war, mich weichmütig zu stimmen, versprach ich ihr, sie zu heiraten, wenn ich zurückkäme. Sie versprach auch, einen anderen Lebenswandel zu beginnen. Somit ging ich an Bord und sah mich noch einmal um nach dem Michelturm und einmal nach den Hügeln bei Blankenese, wo es schön gewesen.
Wir hatten genug zu tun von Anfang an. Es war ein piekfeines Schiff, und wir jagten umher mit dem Seifenlappen und Maleimer, rieben, putzten und pinselten. Nachtsüber wuschen wir die Decks, wo tags die zarten Schuhe der Passagiere promenierten.
Der Württemberger war gleich mir auf die »Radiance« gegangen, und das für den zweiten Mann, der dem andern das Messer in den Bauch gerannt hatte. Schon den andern Tag suchte der Obersteward jemanden, der bei der Ladung mit Ordnung halten sollte, weil darunter achttausend lebende Kanarienvögel, Affen und Papageien waren. Dazu hätte ich wohl Lust gehabt, denn ich liebe Tiere von Jugend auf. Aber ich bin zögernd im Entschluß, wenigstens in Dingen, die mein Wohlergehen betreffen, somit kam mir der Schwab zuvor und erhielt den Druckposten, hatte aber nachdem mehr Arbeit und Gestank von dem Viehzeug, als ihm recht war, während mein Schicksal dort unten nicht hätte so verlaufen können, wie es verlaufen sollte. Und daß wir getrennt waren voneinander, ich begrüßte es, war gerade er es doch gewesen, der mir den Spottnamen Schareko eingetragen hatte und mich nie anders nannte, so daß auch hier es alle gleich hörten und mich gar nicht anders kennenlernten. Ich unterließ es, sie aufzuklären, sie hätten mich sicher erst recht so genannt und mit ganzer Lust und Freude, wie es die Art einfacher Menschen ist, die ihresgleichen hochnehmen, wo sie können. Womöglich hätten sie auch noch die ganze Geschichte meiner Ähnlichkeit mit diesem albernen Filmtheater von dem Württemberger aufgetischt bekommen; denn er aß natürlich in unsrer Messe, wenn auch in der zweiten Backschaft.
Der Kanal schäumte wie neues Seifenwasser. Es war mühselig, nach Boulogne hineinzukommen, wo der Anker schlecht faßt auf den Felsen, und es gefährlich ist in dem schmalen Hafen. Die Brandung stieg höher als der Leuchtturm auf der Mole und spritzte bis auf unser Bootsdeck. Der Tender langte an und hüpfte vor unsrer Pforte, so daß die zukommenden Passagiere mit Hängen und Würgen die Außenbordtreppe enterten, und selbst wir schleppten unter Anstrengung das große Gepäck herauf, da die Stewards es schon sauer genug mit den Handtaschen hatten. Eine See kämmte in den Spalt zwischen Schiffswand und Tenderbord; die Smutjes rollten mit ihren halben Ochsen auf der Schulter wie ein Haufen Dreck durcheinander mitsamt den Fischkörben und Gemüsekisten. Ich hielt mich krampfhaft im Lot, biß in den Koffer, der groß war wie ein Sarg, wie es mir vorkam, und ich gurgelte meinen Vordermännern zu, nicht loszulassen. Denn der Koffer war sehr schön aus grauem Wildleder, und es wäre so lachhaft wie schade gewesen, wenn wir damit hinabgekippt wären ins Nasse.
Als wir oben waren, sprach mich eine Dame an und sagte, es sei brav gewesen, und der Koffer gehöre ihr. Ich wandte mich um, maß geringschätzig das Zurückgelegte, da, mir schien es weiß Gott sonderbar, kam wirklich ein regelrechter Sarg den Steg empor, sie trugen ihn mit vier Mann, Billy Scott vornweg mit seiner noch von Hamburg funkelnden Gurke; die Dünung schien sich bei dem Anblick zu verkriechen, so daß sie ungefährdet emporgelangten. Im Gepäckraum sah ich, daß sie den Sarg nicht weit von dem feinen Koffer weg hinpackten, denn alles geht eilig bei solchem Wetter. Ich hörte nachdem vom Läufer, daß der Alte bläßlich geflucht habe über diese Art Ladung, denn ein wenig spökengläubig ist jeder zuzeiten. Ich klemmte mir allerdings den Finger am Ankerspill mehr aus Gedankentranigkeit, und war in Southampton schon wieder oben. Hatte zudem Wache die Nacht und beim Tauwerk zu tun. Auf einmal steht die Dame neben mir, die, welche sich bedankt hatte wegen des Koffers; ich dachte, es sei Zeit zum Schlafen für ein Fräulein um Mitternacht, da ja keine Tanzmusik war bei dem schlechten Wetter. Sie redete mich an, nachdem sie mir eine Weile bei den Tenderleinen zugesehen hatte, und fragte nach meinem Finger, den ich umwickelt trug. Ich entgegnete, daß es nichts auf sich habe, und mir war teils unbehaglich, teils gerinschätzig zumute, wie immer, wenn die Leute aus der ersten Kajüte kommen, um dies und das wissen zu wollen. Der Regen wehte herein. Das Fräulein stand da in einem dünnen grauen Mantel und blickte auf die Lichter der Küste, und ich merkte, daß ihr Gesicht ganz naß war vom Regen. Als sie noch mehr sagen wollte, mußte ich hinunter, weil man gewohnt war, mich zu dem schweren Gepäck zu rufen, und nachdem hatten wir Schwimmwestenprobe und machten auch ein Boot flott, wie es gesetzliche Vorschrift ist auf diesem Zweige der Seefahrt.
Andern Tags wandelte mich das Bedürfnis an, den Württemberger bei seinen Käfigen zu besuchen. Sei es, daß ich Bemerkungen hatte fallen hören über mich, die nur er veanlaßt haben konnte, sei es, daß ich wegen meines geklemmten Fingers Langeweile empfand. Vielleicht war es auch das Gefühl, einer Seele zu begegnen, die nicht von gestern war und mit der man ohne lange Erklärungen ein vernünftiges Wort wechseln konnte. Nebenbei wollte ich mir seinen Posten ansehen, um mich zu vergewissern, was mir da entgangen sei. Ich stieg also den Niedergang hinunter. Der Württemberger tat nach seiner Art überaus wichtig und trug eine weiße Jacke. Im Raum war ein Gezwitscher und Affengekreisch, daß man kaum seine eigene Stimme vernahm. Der Gute schob gleich mehreren andern die Käfigböden hin und her, schabte den Schmutz in einen Kübel und tat frischen Sand auf das Blech. Er benahm sich groß dabei, nannte die Piepmätze mit Namen, kraulte die Meerkatzen und erklärte es als pure Zärtlichkeit, wenn ihm die Kakadus abwehrend und erbost in die Hand hackten. Es gefalle ihm vorzüglich, sagte er, und er habe sich schon immer Hagenbeck anschließen wollen, was er hiernach auszuführen gedenke, denn dies sei menschenwürdiger, als sich auf Deck zu schinden und sich den Hals bei der ewigen Pinselei in den Marsen zu brechen. Überdies könne sich kein blutiges Grünhorn denken, wie mancher Leckerbissen bei der so auserlesenen Fütterung der Affen abfalle.
Nun, was sollte ich ihm dagegen halten: die frische Luft beispielsweise. Er aber lachte überlegen, als wenn es das sei, gerade dies nämlich, diese Luft in diesem Raume sei das einzig richtige für alle Organgefäße, denn es sei der reine Salmiak, und mir sei es natürlich bisher verborgen geblieben, daß gerade der Salmiak so vorzüglich sei für die menschlichen Organgefäße. Jedes Schulkind wisse das in Amerika.
Ob er recht haben mochte oder nicht, ich ärgerte mich über sein Weisheit, und ich hätte gern etwas zum Übertrumpfen gehabt bezüglich seines so gesunden Postens. »Gewiß«, warf ich hin, »das ist ja ein altes Ei, und du hast es auch nötig, du siehst immer etwas käsig aus, aber oben, da ist doch mehr los als hier. Die Tiere sind ja ganz nett, aber weißt du, dies ist ein Schiff für Passagiere, und darunter sind schon einige, die wert sind, daß sie mitgenommen werden und deren Gesellschaft angenehm ist. Auch Weiber, sag ich dir, Damen wie aus den Modegeschäften, und eine hat mich schon glattweg angeredet, und keine solche, wie du denkst, sondern eine, die es in sich hat wie die Photographie von einer Lady, und jung, mit einem Gesicht wie ein Kind, und Beine, was man so nennt, fabelhaft, und Geld, daß es nur so kracht. Allein der Koffer war tausend Mark wert, ich habe ihn selbst getragen, und sie hat sich extra bei mir bedankt.«
Der Württemberger machte wohl einige hämische Randbemerkungen, aber ich fühlte, wie es giftig bei ihm wirkte. Ich ließ nicht locker, ihm ein Bild vorzumalen aus Zuckerguß und Gloria, bis er plötzlich ein schiefes Auge in meinen Atemzug stach und sagte: »Mensch, Schareko, die ist wohl auch aus deinem Film!« — Ich schnappte ein wenig belämmert in mich zurück, ließ es ihn aber nicht merken, sondern wandte mich einem feuerroten Ara zu, der andauernd schrie: »Küß mich! Küß mich!«— Der Württemberger mochte die Bresche ahnen. »Haha«, grinste er, »das hörst du wohl nicht zum erstenmal, die feine Lady hat es dir wohl auch schon geflüstert. Gottsverdonnerstag, man sollte das unschuldige Kind warnen, denn du bist doch Schareko und wirst sie abschlachten, wenn du sie genossen hast.«
Erzürnt drehte ich mich zu ihm um und erstarrte. Denn ich sah auf einmal in das Gesicht jener Dame, von der ich eben klobig genug geprahlt hatte. Und sie ging vorbei in der Obhut des Zahlmeisters, der ihr den Raum zeigte und die Sorten der Tiere erklärte. Ab und an hielt sie ihr zartes Tuch vor die Nase. Der Württemberger hatte sich verdrückt und ging übereifrig seiner Beschäftigung nach; er war immer ein Gunstlecker und Offiziersliebling gewesen. Ich wünschte nun auch, fort zu sein, aber im Handumdrehen war das Fräulein wieder da, sichtlich von dem Gekrächz des Aras angezogen. »Was ruft er da?« fragte sie mich, der ich noch immer albern genug dastand. »Küß mich!« stotterte ich hervor, und der Zahlmeister lachte halbwegs, halbwegs schien er sich verdammt zu wundern, was ich hier unten wolle. »Aha«, sagte sie, »das ist der Mann, der meinen Koffer so ordentlich behandelt hat. Wie heißt er?« — »Schareko heißt er!« antwortete der Württemberger, der sich wieder herangeschlängelt hatte, den fragenden Blick des Zahlmeisters dienstbeflissen auffangend, und der Zahlmeister ließ mir einen dreckigen Augenzwink zukommen, so daß ich, ungeachtet des verwunderten Gesichts des Fräuleins, verschwand, weil es das beste war.
In meiner Koje, im Schnarchen der andern, ging eine Melodie in meinem Hirn umher von einem Karussell auf dem Hamburger Dom, es war ein abgetakelter Schlager, und ich quälte mich mit dieser vermotteten Sache herum und hätte lieber den neuesten Blackbottom im Kopf gehabt. Es war etwas so gänzlich Dummes wie: Du sollst der Kaiser meiner Seele sein! Und der üble Geruch von den Vogelkäfigen lag mir noch in der Nase, und auch mein Finger verdroß mich, da gerade die kleinen Wunden, wie auch Sticheleien, nachts die rebellischsten sind. Auch fiel mir ein, wie wir als Schnösel von Jungens auf der Berg- und Talbahn uns hinter den Mädchen herdrückten und ihnen unter den Armen durch an die Busen zu fassen trachteten. Mir war das alles zuwider, ich hätte verheiratet sein mögen und an Land mit einer von denen, die ich einst geliebt, und die mich jetzt kalt ließen, weil die eine verheiratet war und die andere es gewerbsmäßig getrieben hatte und selten etwas Bestand hat in dieser Welt. Wie lächerlich kam ich mir vor wegen meines Benehmens dort vor dem Zahlmeister, und die Wut saß mir trokken im Halse, so daß ich dem Württemberger Rache anschwor, wo ich ihn träfe. Auch hatte ich nicht mehr als einen Grog bei dem Getränkesteward ermeckern können, denn es war ein dicker Verpaß gekommen, uns alle stramm zu halten wegen der Passagiere, da es überall Mucker gibt. Auf einmal summte es mir so im Schädel, als sei es gut für mich, an die frische Luft zu kommen, mußte doch sowieso die Steuerbordwache, zu der ich gehörte, bald fällig sein. Ich wartete auf die Glasen, schlief aber darüber ein. Als ich aufschreckte, deuchte mir, die Wache habe schon abgelöst, und dammelte rasch in die Hose und nach oben. Jedoch schon von weitem merkte ich, daß mein Platz auf dem Achterdeck noch ausgefüllt war. Ich stellte mich in den Schatten und so ein bißchen am Wind, der wieder sachte war. Die Sterne schwebten geruhig um den Besan, nach Süd vom Schlotrauch überdunstet. Alles war still bis auf die gewöhnlichen Geräusche der Planken, der Maschinen und des Wassers. Ich horchte umher und war eigentlich enttäuscht; das schienen die rechten Schlafmützen zu sein, diese Passagiere. Zum mindesten hätte ich erwartet, noch irgendwo ein wenig Musik zu vernehmen, denn zu was zahlten sie dies Hundegeld für ihre Tickets.
Ich ging ein wenig die Promenade entlang. Hier hatte das Fräulein gestanden. Ihr Gesicht war naß gewesen vom Regen, und es war Mitternacht. Im Rauchsalon war noch Licht; drei einsame Herren erhoben sich vom Skat, ich sah es durch die Gardine; der Steward knipste am Schalter, alles war dunkel. Und heute war das Wetter weit geeigneter, dazustehen und hinauszublicken in die Nacht, wo ein Dampfer seine Lichter zeigte, denn wir waren eben erst aus dem Kanal. Auch wäre die Gelegenheit weit günstiger gewesen, einen einfachen Matrosen nach diesem und jenem zu fragen, niemand würde zu dieser Zeit hinter ihm herbrüllen wegen Mangels an ein paar kräftigen Armen. Und mir fiel das alles ein, auch, was der vermaledeite Papagei für ein Zeugs gekrächzt und sie mich danach gefragt hatte, und daß sie meinen Namen wußte und ich ihr sagen würde, das sei mein richtiger Name nicht.
Damit schlug es gerade acht Glasen; die Ablösung stolperte umher, und mein Bootsmann knurrte mich an, ich sei ja verdorri ein verteufelt nasser Streber.
Gegen Morgen nach dieser Hundewache kamen zwei Heizer aus ihrem Niedergang, um eine Mütze voll Horizont zu schnappen, als ich gerade hinunter wollte. Der eine schnackte mich an, ob da ein gewisser Schareko bei uns sei. Ich schnupperte gleich heraus, daß sie mich nicht kannten, aber sicherlich steckte eine Äppelei dahinter. Daher entsann ich mich nicht, den Namen je gehört zu haben. »Es scheint ein Spaniole zu sein dem Namen nach«, meinte der eine, »dies Kaliber von blauhaarigen Hastawaswista-Affengeköter hat die besten Aussichten bei den unbefriedigten Ladies, die ihnen nachlaufen wie heiße Butter.« — Was sein Gefasel eigentlich bedeuten solle, fragte ich nicht ohne heimliche Besorgnis. »Nichts, gar nichts weiter!« sagte der andere, »aber solltest du einen gewissen Schareko unter euch ausfindig machen, so kannst du es ihm ruhig erzählen, da hat ein Fräulein gestern bei uns nach ihm gesucht. Aber vorm Feuer ist er nicht und nirgends bei uns. Ein feines Fräulein und mächtig scharf, ja dazu hätte wohl jeder Lust und wäre bereit gewesen, wenn nicht die Ingenieure dazwischen geschnüffelt hätten.« — »Ja, ja«, sagte ich und warf mich gleichgültig auf, so sehr etwas in mir zu brennen begann, »die Zwischendecker, die biedern sich leicht mit jedwedem an.« — »Oho«, erwiderten sie, »von wegen Zwischendekker! Diese gehörte nicht dazu, sondern kam glatt von den Kaviarschluckern allererster Güte, das konnte sogar ein Ölstinker riechen, du Sacklöwe.« —
Ich fragte nicht weiter, ich ahnte mein Teil, ließ mir aber nichts anmerken, sondern riß meinen Witz dazu und bemühte mich, schamloser zu sein als die Maschinenwichser, aber im Innern war mir nicht wohl dabei.
Ich las irgendwo im Vorbeigehen den Zettel angeschlagen, der Kofferraum sei von elf bis zwölf geöffnet für die Passagiere, welche dort großes Gepäck haben, eine Mitteilung, die mich nicht zu kratzen brauchte. Aber schließlich hat es nie geschadet, alles zu wissen, was vorgeht. Ich sah die feinen Leute auf Deck und in den Gängen. Dicke Herren, deren Zigarrenqualm teuer duftete, und die Hosen trugen gleich zwei kurzen Unterröcken und einen Sweater, in den ein Loch geschnitten war, damit sie ihre täglich reine Wäsche vor aller Augen präsentieren konnten, und sie gingen auf Gummisohlen wie Elektrizitätsarbeiter, was vermutlich gut war, um bei heimlichen Anlässen unhörbar zu gehen, wovon die Stewards manches Lied zu singen wußten, welches anrüchig ist, obgleich die Buljongschwenker von Natur zum Aufbinden neigen. Die Damen lagen in Waschbärenpelzen auf ihren Gartenstühlen, ihre Strümpfe waren kaum sichtbar wie Spinngewebe, so daß man die nackte Haut zu sehen meinte, wennschon das Strumpfband eines Besseren belehrte, was manchmal schon unterm Knie war, und dann war das Knie tatsächlich bloß. Dies alles sah ich wohl, wenn ich, den Farbentopf am Henkel, vorbeipendelte, denn wir sind gewohnt, mit dem halben Auge mehr zu sehen als die Puppen der Welt durch ihre gestielten Brillengläser. Aber soviel zu sehen, namentlich was Frauen betrifft, und es doch nicht ganz sehen, da macht unruhig im Blut, und man schläft ruhiger, wenn man nichts oder alles genossen hat.
Nur so erklärt es sich auch, daß ich auf den unnützen Gedanken kam, mich gegen halb zwölf Uhr in die Gegend des Gepäcksraums zu verfügen. Es gelang mir, da mich der Gepäckmeister anrief, bei einer Sache mit anzufassen.
Diese Sache war der regelrechte schwarze Sarg, der mehr in den Hintergrund gestellt werden sollte, weil einige Damen sich darüber beschwert hatten und es sie gruselte. Der Sarg war schwer und also wohl gefüllt, es verlautete auch nebenbei, der reiche Onkel eines Mitreisenden liege darin. Ich mußte daran denken, daß mir einst ein gewisser Koffer genau so schwer und groß vorgekommen war, obwohl er aus grauem Wildleder bestand, und es mochte am Wetter gelegen haben. Als der tote Onkel nun seinen Platz in der dunkelsten Ecke gefunden hatte, wo sowieso mehrere Särge standen, leer allerdings, den Fahrgästen für plötzliche Fälle verfügbar, sah ich mich im Raume um, wo einige Passagiere, zumeist Damen, an ihren geöffneten Gepäckstücken hantierten. Ich spähte daran vorbei nach einem gewissen grauen Koffer und fand ihn auch; er stand unberührt da; ich trat wie zufällig heran und betrachtete ihn. Im Grunde war ich erleichtert, niemanden anzutreffen. Plötzlich jedoch bückte sich etwas neben mir und jemand schloß an den silbernen Beschlägen. Es war dasselbe Fräulein, welches mir nicht das erste Mal begegnete. Jetzt allerdings bekümmerte sie sich durchaus nicht um mich, hob den Deckel, ohne daß eine Hilfe nötig gewesen wäre, und kramte in mancherlei wohlgeordneten Sachen, nahm sodann ein Stück heraus, von dem ich aus feineren Schaufenstern in New York wohl wußte, es war ein Pyjama oder Nachtanzug, und er war aus rosa Seide mit chinsesischen Stickereien. Wie ich so dastand und mich nicht von der Stelle zu rühren wagte, gleichsam, um nicht störend anzudeuten, ich sei überhaupt vorhanden, da fiel mir ein, was der Heizer den Morgen erzählt hatte, und es kam mir unglaubwürdig vor.
Nun schlug das Fräulein den Kofferdeckel wieder zu, schnappte die herrlichen Schlösser ein, schloß ab und richtete sich auf, und ich wäre gern am hintersten Heck oder sonstwo außer Reichweite gewesen.
Sie blickte mich ohne Erstaunen an, das seidene Kleidungsstück hing ihr überm Arm. »Da ist ja Schareko, mein Helfer!« sagte sie freundlich. »Sehen Sie dort!« — Ihr Finger wies auf das Ende des Koffers. »Dort sieht man noch den Eindruck Ihrer Zähne, und ich bin stolz darauf! Sie haben übrigens ein gutes Gebiß.«
»Ich heiße nicht Schareko!« sagte ich beklommen. »Nicht?« entgegnete sie, und bei Ihrer enttäuschten Stimme dünkte mir zum erstenmal dieser mein verfluchter Spitzname christlich und schön, und ich verwünschte meine Albernheit, und hätte ich sonstwie geheißen. Und darum fügte ich rasch hinzu: »Aber einige nennen mich so.«
»Ich auch!« sagte sie. »Denn wegen dieses Namens schon kann man einen Schareko liebhaben. Aber ein Heizer sind sie nicht, darin hat sich der Zahlmeister wohl geirrt.« — »Ich bin Matrose«, sagte ich betreten.— »Das ist ein Beruf, den heiligen Fischern ähnlich:, lächelte sie, »jenen, von denen geschrieben steht, daß sie ihr Netz nahmen und Menschen fingen.«
Das sagte sie. Und ging hinaus. Während ich so stehenblieb und auf die Kofferkante starrte, um den Eindruck meiner Zähne zu erkennen. Ihre Worte hallten in mir nach und schienen mir dazu angetan, mich zu verwirren, bis der Gepäckmeister laut in meinem Nakken hustete, ob ich etwa hier im Gepäckraum Logis beziehen wolle.
So ist es oft: Was man erlebt, es wird deutlicher, wenn es vorbei ist, und manches erfährt erst seine Bedeutung, wenn die Gelegenheit unveränderbar dahin ist. So standen mir beispielsweise, als längst jeder Schimmer Landes hinter die Kimm gesunken war, die Scilly-Inseln, das letzte, was man von England sieht, deutlich vor der Seele, und ob ich wollte oder nicht, ich mußte mich mit ihnen befassen wie mit manchem anderen, was vorgegangen war. Die Scilly-Inseln standen wie eine Herde Walfische hintereinander, die Brandung war üppig zu erkennen. Wir hatten blauen Himmel, östlichen Wind, günstige Dünung von achtern. Ich habe gehört, sie pflanzen dort Narzissen auf diesen kleinen Eilanden, und sie gedeihen das ganze Jahr. In London kauft man sie an den Straßenecken. Ein bißchen Fischfang, ein kleines Haus oben auf den Felsen, einen Garten voll gelber Blumen, und einmal die Woche nach Kap Lizzard segeln und an die Eisenbahn, Teufel, ja, das schien mir plötzlich ein gangbares Leben. Und eine Frau, was sollte man ohne Frau dort, nicht eine von denen, die sie alle haben mit den dicken Strümpfen, mit den dicken Hüften. Es gibt auch zarte, ein Fräulein gewissermaßen, und es kann sein, daß sie nach Narzissen duftet das ganze Jahr wie eine feierliche Konfirmation und gebildet spricht und wie ein schöner Blumentopf vorm Fenster steht. Ich heiße Schareko? So heißen sie im Film; es klingt nach Lokken und Pomade und nach großen Bewegungen. Es klingt auch, als sollte man fromm sein. Es war ein Haken dabei. Jemand schien fromm zu sein, der mir nahe gekommen war. Oder meinte sie mit den Fischern eine Anspielung auf den Namen des Württembergers? Ich wußte es von der Schule her, die Stelle mit dem Menschenfangen war mir immer unverständlich, und nunmehr fand ich noch weniger Vernunft darin, was mir Beweis genug war, daß ich mich inzwischen den himmlischen Dingen ziemlich oder ganz entfremdet haben mußte, denen man als Kind von Natur näher steht, und ob ich mich auch dagegen wehrte, es bedrückte mich wie die Nähe einer unübersichtlichen Gefahr.
Ich sitze in diesem heißen Bett, mein Bein macht mir noch Mühe, aber es ist heil, und schon war ich ein wenig im Garten. Der Schweiß tropft auf dies Papier, das mir die Schwester besorgt hat, und ich weiß, was ich geschrieben haben, und mir ist es bitter im Munde.
»Wer ist denn diese Dame mit dem grauen Pelzbesatz am Mantel?« fragte ich den Decksteward, der alles kennt. (Nur die Besatzung kannte er nicht, die war ihm piepe, er hielt sich für zu gut als Steward und wußte auch nichts von mir, dachte ich.) — »Die dort?« sagte der magere, gichtknochige Stuhlsetzer gedehnt, »die ist sehr reich, und immer hat sie etwas zu suchen. Dreimal bin ich für sie auf der Brücke und in der Kantine gewesen, um nach verschiedenen Namen zu fragen, die, ich wußte es gleich, verrückt und nicht vorhanden waren. Man denke, ein gewisser Prophet Schareko sollte verkleidet unter der Mannschaft sein. Glaubst du, ich will mich lächerlich machen? Ich sagte, jawohl, gnädige Dame, wie es sich gehört, ging hin und trank ein Ginger-Ale und fragte nicht. Denn das Wohl der Passagiere ist mir anvertraut, ich mag nicht, wenn man lächerlich von ihnen denkt, sei es, wer es sei. Schareko? Einen solchen Namen gibt es ja überhaupt nicht. Habakuk, Maleachi, gut, die gibt es, aber Schareko ist unmöglich. Das sind eben, mußt du wissen, gewisse Angewohnheiten; es kommt häufig vor in unserm Dienst, und es sind die Damen von heute, die sich mit solcherlei Fragen die Langeweile vertreiben. Mit uns können sie es ja machen, treppauf, treppab. Übergedreht das sind sie, du brauchst sie nur anzusehen: dünn wie Kieler Sprotten und nichts als Luft in den Knochen und etwas Zitronenwasser und drum herum auch nicht viel mehr als Magermilch. Grauer Pelz? Das ist Miss Lind, in Boulogne an Bord gekommen, ihr Stuhl steht als siebzehnter außen steuerbord. Sie hat auch ein Kissen extra gemietet und sofort bezahlt und reichlich. Sie ißt morgens eine Grapefrucht und nachmittags nimmt sie eine Orangenlimonade.« — »Und abends?« fragte ich. — »Abends wird sie sich wohl eine Banane gönnen!« grinste er. »Du bist ein Dreckschwein!« sagte ich. »Und ich will dir etwas sagen«, entgegnete er, »ich habe ja auch Dienst bei dem Alten, ich bin seit fünf Jahren wie ein Sohn um ihn, und der Alte hat dich schon auf dem Glimps. Alles kommt ihm zu Bericht, ich will es dir sagen, wofür er dich hält: Für einen blutigen Spooner hält er dich. Du kennst das nicht so, wie es hier zugeht, hast wohl immer auf muffigen Frachtsteamern gebunkert, aber das sage ich dir, hier ist eine Grenze zwischen den Menschen. Den einen wird das Bett gemacht und das Essen vorn und hinten hineingestopft, und heben sie die Beine hoch, so muß ich hinspringen und sie ihnen in die Decke wickeln. Die andern aber machen ihnen das alles zurecht und schuften sich ab, und dazu gehörst du und ich. Das merk’ dir, sonst wirst du verflucht weit kommen bei dieser smarten Reederei und überhaupt in der Handelsmarine und im Passengerdienst.«
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