Kitabı oku: «Tagebuch aus der Okkupationszeit der britischen Kanalinseln»

Yazı tipi:

Hans Max von Aufseß

TAGEBUCH

aus der Okkupationszeit der britischen Kanalinseln 1943–1945

Mit einem Geleitwort von

John Nettles

Herausgegeben, kommentiert

und mit einer Einführung versehen von

Tobias Arand


Übersetzung des Geleitworts von John Nettles aus dem Englischen:

Ilka Schlüchtermann

Erste Auflage 2020

© Osburg Verlag Hamburg 2020

www.osburgverlag.de Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN 978-3-95510-217-3 eISBN 978-3-95510-225-8

Inhalt

Geleitwort

John Nettles

Der gute Deutsche von Jersey? Hans Max Freiherr von Aufseß und seine Tagebücher von den Kanalinseln

Tobias Arand

Hans Max Freiherr von Aufseß: Tagebuch 1943–1945 Kommentierte Edition

Tagebuch 1: 8. Oktober 1943 bis 1. September 1944

Tagebuch 2: 3. September 1944 bis 5. November 1944

Tagebuch 3: 6. November 1944 bis 23. Februar 1945

Tagebuch 4a: 1. März 1945 bis 9. Mai 1945

Tagebuch 4b: 19. April 1945 bis 9. Mai 1945

Anhang

Quellen und Literatur

Bildnachweis

Danksagung

Geleitwort

Im Laufe der Recherche zu meinem Buch ›Jewels and Jackboots‹ (›Hitlers Inselwahn‹) über die deutsche Besetzung der britischen Kanalinseln stieß ich auf die englische Übersetzung eines Tagebuches des Barons von Aufseß – Besatzungsoffizier und Leiter der Zivilverwaltung der Inseln –, das die letzten Monate des Krieges von August 1944 bis Mai 1945 beleuchtet. Das Tagebuch vermittelt uns das Bild eines Mannes mit großer Energie und Leidenschaft, dessen größtes Glück darin bestand, auf seinem prächtigen Pferd, ›Satan‹, an der Brandung entlang über die weiten Strände der Inseln zu reiten – und, was ihm sicher noch mehr gefallen haben dürfte, seine Zeit in Begleitung der Ladys zu verbringen. Er war ein gebildeter Mann mit einem gewissen Verständnis für die Unbill, die die Inselbewohner zu ertragen hatten; er half ihnen – jedenfalls sofern sie keine Juden oder Zwangsarbeiter waren – im Rahmen seiner Möglichkeiten und versuchte, die schlimmsten Widrigkeiten, die mit der Besetzung der Inseln über sie hereinbrachen, von ihnen fernzuhalten. Er kümmerte sich um die Inselbewohner durchaus mit Anteilnahme, aber immer wieder auch aus einer Position des Besatzers. Viele Bewohner der Inseln hatten Grund, dieser sehr ambivalenten und gerade deshalb interessanten Persönlichkeit zu danken, andere hingegen sahen auch seine kritische Rolle als Teil eines Militärregimes, das mit in Lagern kasernierten Zwangsarbeitern auf den Inseln Betonbunker des Atlantikwalls bauen ließ. Immer wieder war Aufseß ein gescheiter und einsichtsvoller Kommentator des Krieges, seine Gedanken sind zum Verständnis des Kriegsverlaufs von unschätzbarem Wert. Dennoch lässt sich nicht behaupten, dass er den Krieg und den Nationalsozialismus auf Grundlage einer eindeutig humanistischen Gesinnung abgelehnt hätte.

Das Team, das an der deutschen Übersetzung von ›Jewels and Jackboots‹ arbeitete, war einer Meinung, dass die Original-Tagebücher aufgespürt werden mussten, um Baron Aufseß authentisch und präzise zitieren zu können. Seine liebenswürdige Enkeltochter, Freifrau Cornelia von Aufseß, besaß ein Manuskript des Tagebuches und gewährte uns gerne Einblick. Mehr noch, sie wies uns auf weitere Manuskripte hin, die im Fränkische-Schweiz-Museum in Tüchersfeld archiviert sind. Wir machten uns an die Übertragung der Handschrift und nach einem langwierigen, mühevollen Prozess, für den ich dem Lektor Bernd Henninger und dem Herausgeber Prof. Arand sehr danke, liegt nun diese Gesamtfassung als Buch vor.

Diese Tagebücher einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen, war ausgesprochen wichtig, stellen sie doch einen wertvollen und aufschlussreichen Beitrag zur Forschung dar und rücken zudem eine Persönlichkeit wieder ins Licht der Öffentlichkeit, die mit der Geschichte der sechs Jahre andauernden Okkupation eng verbunden war.

John Nettles

Der gute Deutsche von Jersey?
Hans Max Freiherr von Aufseß und seine Tagebücher von den Kanalinseln

In der 2004 vom britischen Sender ITV produzierten Fernsehserie ›Island at War‹ spielt ein fiktiver ›Heinrich Baron von Rheingarten‹ als deutscher Besatzungskommandeur der ebenfalls erfundenen Kanalinsel St. Gregory eine wichtige Rolle. Nach der Eroberung der Kanalinseln errichten die deutschen Okkupanten rasch ein rigides Unterdrückungsregime. Der Baron wird dabei allerdings als ein gefühlvoller, verheirateter Mann gezeichnet, der die deutsche Heimat und seine Frau vermisst. Er tritt zwar als energischer Offizier auf, nimmt aber dennoch humanitäre Rücksichten auf einen Teil der Einwohner. Dabei distanziert er sich mit überheblicher Attitüde und aus Perspektive eines Adeligen und Militärs ›alter Schule‹ vom fanatisierten Nationalsozialismus. Sein eigenes Tun als feindlicher Besatzer und seine Rolle im großen Eroberungs- und Vernichtungskrieg stellt er jedoch nicht in Frage. In die Figur des ›Heinrich von Rheingarten‹ sind unverkennbar einige Charakterzüge eines realen Barons bzw. ›Freiherrn‹ und Vertreters des deutschen Repressionsapparats eingeflossen: Hans Max Freiherr von und zu Aufseß. Von Aufseß leitete von 1942 bis 1945 die Zivilverwaltung während der deutschen Besatzung auf den britischen Kanalinseln. Der Unterschied zwischen beiden Baronen liegt allerdings im Ausmaß der Kompetenzen. Während der fiktive Baron der TV-Serie die Inseln beherrscht, ist der reale Baron letztlich eine Randfigur, die nur über ihre zum ersten Mal nun auf Deutsch veröffentlichten Tagebücher in der Geschichte der Kanalinseln eine gewisse Bekanntheit erlangen konnte.

Die immerhin fünf Jahre lang währende Okkupation eines direkt der Krone unterstellten Teils Großbritanniens ist ein in Deutschland noch immer wenig bekanntes historisches Ereignis. Ganz anders ist dies auf den britischen Inseln. Der gewonnene Zweite Weltkrieg, der siegreiche Kampf gegen das häufig verkürzt sogenannte ›Hitler-Deutschland‹ ist noch immer für die britische Identität von größter Bedeutung. Die Erinnerung an beide Weltkriege hat in Großbritannien und den Ländern des Commonwealth bis heute die Funktion, eine ruhm- wie verlustreiche Geschichte des Sieges von Recht, Freiheit und Zivilisation gegen die vermeintlichen deutschen ›Hunnen‹ zu tradieren. Man kann die Wirksamkeit dieses Narrativs für Briten aller Altersstufen nicht hoch genug einschätzen. In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass die insgesamt für beide Seiten wenig heroische Geschichte der deutschen Besatzung eines kleinen Teils Britanniens dort noch immer überaus präsent ist. In Deutschland hingegen ist dieser Teil der Kriegsgeschichte als kleine Episode vor dem Hintergrund des großen Dramas aus Bombenkrieg, Vertreibung und Menschheitsverbrechen lange Zeit weitgehend vergessen worden.

Dieses Ungleichgewicht in der Wahrnehmung lässt sich auch in der nach 1945 veröffentlichten Literatur zu den Ereignissen auf Jersey, Guernsey, Sark und Alderney erkennen. Bereits 1945 publizierten erste britische Zeitzeugen ihre Erinnerungen1, wobei diese Berichte von unmittelbar Handelnden im Hinblick auf die eigene Rolle und das Verhalten der Deutschen apologetische Züge tragen. Unmittelbar nach den Ereignissen scheint auch die englische Seite kein Interesse an Kritik oder gar Selbstkritik gehabt zu haben. Auch später noch veröffentlichen Zeitzeugen ihre Erinnerungen, so wie beispielsweise der aus Guernsey stammende und 1944 deportierte Journalist Frank Falla, der seine Erinnerungen 1967 unter dem Titel ›The Silent War‹ herausbringt.2 Auch in der schon 1961 erschienenen Autobiographie Sibyl Hathaways, als ›Dame of Sark‹ Feudalherrin des gleichnamigen Kanalinselchens, spielt die Okkupationszeit eine große Rolle.3 Die Erinnerungen des ›Bailiff‹, des britischen Verwaltungschefs auf Jersey, Lord Coutanche, werden 1975 publiziert.4

Auf deutscher Seite erscheint 1963 lediglich eine grob verharmlosende Schrift von der Hand Dr. Wilhelm Caspers, eines ehemaligen Gestapo-Beamten5 und von 1940 bis 1942 Vorgänger des Freiherrn von Aufseß als Leiter der zivilen Besatzungsverwaltung.6 Casper versucht in seinem Buch, das vorgeblich tadellose Verhalten der deutschen Besatzer mit englischen Zeugenaussagen zu belegen. Er bezieht sich dabei vor allem auf die direkt 1945 veröffentlichten Schriften britischer Zeitzeugen. Über das »Insel-KZ Alderney«7, Tausende Zwangsarbeiter und deportierte Juden verliert Casper dabei aber kein Wort. Sein Buch ist, trotz aller Einwände gegen ein typisches Produkt deutscher Verdrängungs- und Verleugnungskultur der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg, eine gute Quelle für das Verständnis der deutschen Verwaltungszusammenhänge während der Besatzung.

Schon in den 50er-Jahren setzt in Großbritannien eine Welle mehr oder weniger sachlicher Sekundärliteratur zum Thema ein. Den Anfang machen zehn Jahre nach Kriegsende Alan und Mary Wood, die 1955 ihre Studie ›Islands in Danger‹ veröffentlichen.8 Es folgen seit den 70er-Jahren weitere Überblicksdarstellungen9, aber auch Spezialabhandlungen zu den Zwangsarbeitern, zu Deportationen von Inselbewohnern10 und zu den deutschen Befestigungsanlagen11. Mit Roy McLoughlins Buch ›Living with the Enemy‹12 aus dem Jahr 1995 und Madeleine Buntings im selben Jahr erschienener Studie ›The Model Occupation‹13 setzt eine zunehmend kritischere Sicht auch auf die Rolle der Kanalinselbewohner zur Zeit der Besatzung ein. Bunting betont 1995 in der englischen Wahrnehmung der Kanalbesetzung bis dahin verdrängte Schattenseiten, insbesondere das Desinteresse der Insulaner am Schicksal jüdischer Mitbürger. Diese Kritik Buntings veranlasste im Folgenden weitere Untersuchungen zur Zusammenarbeit der englischen Behörden bei der Verfolgung der kleinen jüdischen Inselgemeinde.14 Wegen der starken, in Großbritannien durchaus umstrittenen Wirkung, die das nicht immer exakt recherchierte Buch von Bunting entfaltete, wird es 2004 ein zweites Mal aufgelegt. Im Jahr 2004 wird mit Joe Mières Buch ›Never to be forgotten‹ ein zwar anekdotenhaftes, dabei zum Teil mit präzisen Angaben überzeugendes Erinnerungsbuch eines Zeitzeugen vorgelegt.15 Ebenfalls von Bedeutung sind die neueren Darstellungen von Barry Turner, ›Outpost of Occupation‹16 aus dem Jahr 2010, Michael Ginns ›Jersey Occupied‹17, eine 2009 erschienene Gesamtdarstellung, und von Paul Sanders, der 2005 ›The British Channel Islands Under German Occupation‹18 veröffentlicht. Sanders’ akribisch auf Grundlage der umfangreichen Akten erarbeitete Studie stellt wohl die bis heute gründlichste Darstellung der Besatzungszeit dar. Mit Bunting, der er bescheinigt, für »a lot of bad blood«19 gesorgt zu haben, geht Sanders stellenweise hart ins Gericht. Mit den unterschiedlichen Formen des Widerstands einiger Inselbewohner beschäftigt sich zuletzt 2014 der umfangreiche und detaillierte Sammelband ›Protest, Defiance and Resistance in the Channel Islands‹ von Gilly Carr, Paul Sanders und Louise Willmot.20 Simon Hamon legt 2015 einen Band mit Zeitzeugenberichten zur Invasion der Insel vor.21 Die neueste Veröffentlichung zum Thema stammt von Duncan Barrett, der 2018 ein Buch mit dem Titel ›Hitler’s British Isles‹ auf den Markt bringt.22

Dem deutschen Publikum allerdings bleiben die Ereignisse auf den Kanalinseln und damit auch die Rolle des Freiherrn Hans Max von Aufseß nach dem schmalen Büchlein von Casper lange unbekannt. Erst die reich bebilderte deutsche Ausgabe des Buches von McLoughlin, die 2003 unter dem schon häufig ähnlich variierten Titel ›Britische Inseln unterm Hakenkreuz‹23 erscheint, ändert dies. Im Jahr 2012 veröffentlicht der weltweit als ›Inspector Barnaby‹ bekannte und mit Jersey eng verbundene Schauspieler John Nettles eine Darstellung zum Thema, die unter dem Titel ›Jewels and Jackboots. Hitler’s British Channel Islands‹24 für größere Aufmerksamkeit sorgte. Im Osburg Verlag Hamburg wird dann 2015 die deutsche Übersetzung des Buches von Nettles unter dem Titel ›Hitlers Inselwahn‹25 veröffentlicht und erreicht mit ungefähr 3000 verkauften Exemplaren die bis dahin größte Aufmerksamkeit für das Thema in Deutschland. 2017 zeigt das Zweite Deutsche Fernsehen im Rahmen der Reihe ›ZDF-History‹ eine TV-Dokumentation, in der John Nettles auf Grundlage seines Buches von der Besatzungszeit berichtet und das Thema so noch einem breiteren Publikum vorstellt. Ein Roman der populären deutschen Schriftstellerin Charlotte Link mit dem Titel ›Die Rosenzüchterin‹, der im Jahr 2000 veröffentlicht wird, handelt zumindest in Teilen von der Okkupationszeit auf Guernsey.26

Den Bekanntheitsgrad, den das historische Ereignis der Okkupationszeit auf den Kanalinseln bis in die Gegenwart in der englischsprachigen Welt besitzt, erreicht das Thema in Deutschland trotz ›Inspector Barnaby‹ alias John Nettles, Charlotte Link und TV-Dokumentationen nicht. Die für die deutsche Identität zentrale, aus nationalsozialistischen Verbrechen, Jahrzehnte währender Teilung, gewissenhafter Aufarbeitung der Schuld und schließlich glücklich wiedergewonnener Einheit zusammengesetzte Erzählung ist so dominant, dass das Schicksal unscheinbarer britischer Inseln westlich der Normandie dagegen als Kleinigkeit erscheinen muss.

Das stellenweise sehr persönliche Tagebuch von Aufseß, das dieser vielleicht während eines Teils seiner Zeit auf Jersey verfasste, ist in Großbritannien bereits seit 1985 präsent, als Kathleen J. Nowlan auf Grundlage eines maschinenschriftlichen und überarbeiteten Typoskripts von Hand des Freiherrn eine englischsprachige Ausgabe veröffentlicht. Diese erscheint unter dem Titel ›The Von Aufsess Occupation Diary‹.27 Von Aufseß steuert zu dieser Ausgabe ein Vor- und Nachwort bei. Seine Initiative, das Tagebuch in Deutschland zu veröffentlichen, scheitert mehrmals.28 Dass eine kritische Einordnung des Tagebuches in den historischen Zusammenhang oder eine Untersuchung der Glaubwürdigkeit des Textes 1985 unterbleiben, kann bei der direkten Beteiligung des Freiherrn nicht überraschen. In John Nettles’ Darstellung ist das Tagebuch prominent eingeflossen – ebenso wie offensichtlich in das TV-Drama ›Island at War‹.

Freiherr von Aufseß ist in Deutschland vor allem im bayerischen Raum bekannt, trat er doch nach dem Krieg vor allem als Autor populärwissenschaftlicher Bücher zur fränkischen Heimat- und Kulturgeschichte hervor.

Diese nun vorgelegte deutsche Edition seiner in vielerlei Hinsicht interessanten und aufschlussreichen Tagebücher soll das Thema der Besatzung der Channel Islands ein wenig auch in den Mittelpunkt deutschen Interesses rücken, gleichzeitig aber auch der ambivalenten Figur des Freiherrn von Aufseß neue Facetten hinzufügen.

Die deutsche Okkupation der Kanalinseln

Am 4. Juni 1940, wenige Wochen nach seinem Amtsantritt und kurz nach der gefährlichen Evakuierung der ›British Expeditionary Forces‹ aus Dünkirchen, formuliert der Premierminister Winston Churchill berühmte Worte, die den Widerstandswillen seiner Bevölkerung stärken sollen: »Wir werden kämpfen bis zum Ende. Wir werden in Frankreich kämpfen, wir werden auf den Meeren und Ozeanen kämpfen (…). Wir werden auf den Stränden kämpfen, wir werden an den Landungsabschnitten kämpfen, wir werden auf den Straßen kämpfen, wir werden in den Bergen kämpfen (…).«29 John Nettles fügt in seinem Buch mit trocken-britischer Ironie hinzu: »(…) außer auf den Kanalinseln«.30 In der Tat sind die Kanalinseln Churchill und den britischen Militärführern 1940 zunächst keinen Schuss wert. Der Großteil der eigenen Truppen konnte unter legendären Umständen gerettet werden – wovon mit ›Dunkirk‹ (2017) einer der eindrucksvollsten und innovativsten Kriegsfilme der jüngeren Filmgeschichte erzählt –, und Großbritannien steht im Sommer 1940 nach dem Zusammenbruch Frankreichs allein im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht. Die westlich der Normandie gelegenen, strategisch bedeutungslosen Kanalinseln werden ihrem Schicksal überlassen. Doch bei der Evakuierung weiterer britischer Truppen, die bei St. Malo, in der nördlichen Bretagne, von der Wehrmacht eingeschlossen sind, müssen die Bewohner der Kanalinseln trotzdem zuvor helfen. Am 16. und 17. Juni werden die britischen Truppen mit Hilfe eilig auf den Inseln organisierter Fischkutter und Jachten nach dem Vorbild von Dünkirchen aus St. Malo evakuiert und auf größeren Schiffen Richtung Südengland gebracht. Am 19. Juni werden die Kanalinseln entmilitarisiert und die letzten dort zur eventuellen Verteidigung verbliebenen Soldaten ebenfalls nach England verschifft. Die lokale Miliz wird aufgelöst. Die Kanalinseln sind damit seit dem 20. Juni 1940 wehrlos. Allerdings informieren die Briten die deutschen Aggressoren nicht von diesem Zustand. Aus welchen Gründen eine lebensrettende Information der deutschen Behörden unterbleibt, ist bis heute ungeklärt. In den Folgetagen fliehen Zehntausende Inselbewohner in Panik nach England.31 Die Insel Alderney wird bis auf 19 Einwohner entvölkert, von Guernsey fliehen 17 000 der 42 000 Einwohner, von Jersey 6600 Einwohner.32 Wehrfähige junge Männer verlassen fast komplett die Inseln. Am 28. Juni greifen deutsche Flieger mit Heinkel He 111-Mittelstreckenbombern die Häfen von Jersey, St. Helier, und Guernsey, St. Peter Port, an. Bei diesem Angriff der Deutschen, die davon ausgehen, dass die Inseln verteidigt würden, sterben 44 Menschen, viele werden verwundet.33 Die Angriffe treffen Guernsey mit 33 Toten stärker als Jersey. Nettles schildert die Dramatik des Tages mit Augenzeugenberichten. Auf Guernsey werden Fahrer von mit Tomaten beladenen Lastwagen angegriffen: »Sie warfen sich unter ihre Fahrzeuge, in der Hoffnung, sich so vor dem deutschen Terror zu retten. Aber natürlich boten diese minderwertig konstruierten, größtenteils aus Holz bestehenden Lastwagen keinerlei Schutz. Ein Bombenhagel ging nieder. Mörderischer Beschuss folgte. Die vollen Tanks explodierten. Die Männer starben auf grausame Weise, ihr Blut mischte sich mit dem Saft der Tomaten, der über den Hafendamm rann und Pfützen bildete.«34 McLoughlin lässt einen Krankenhausarzt auf Jersey berichten: »(…) und ging durch das Krankenhaus zur Notaufnahme. Als ich dort ankam, wurde gerade der erste Verwundete eingeliefert. In seiner Brust klaffte ein großes Loch, und er starb schon wenige Augenblicke später. Fünfzig Prozent der Verwundeten, die im Krankenhaus starben, wurden durch Bomben getötet. Die andere Hälfte fiel Maschinengewehrkugeln zum Opfer.«35 Nach den Bombenangriffen besetzen die Deutschen schließlich Ende Juni/Anfang Juli 1940 die Kanalinseln. Am 9. August wird in St. Helier auf Jersey die Feldkommandantur 515 eingerichtet, die dem Militärbefehlshaber in Frankreich – erst General Otto von Stülpnagel, ab 1942 dessen entferntem Verwandten General Carl-Heinrich von Stülpnagel – unterstellt ist. Guernsey erhält eine Nebenstelle der Feldkommandantur. Diese ist eine militärische Einrichtung, hat aber vor allem die Funktion der deutschen Zivilverwaltung für die gesamten Inseln. Sie ist zuständig für die Feldpolizei, Propaganda, Zensur, Arbeitsverwaltung, medizinische und tierärztliche Versorgung, Lebensmittel-, Strom- wie Treibstoffversorgung auf den Inseln. Passkontrolle, Landwirtschaft, Textilproduktion und Viehzucht werden ebenfalls von ihr kontrolliert und koordiniert. Für jede Aufgabe gibt es eigene Abteilungen mit eigenen Sachbearbeitern, die wiederum alle dem Leiter der Zivilverwaltung innerhalb der Feldkommandantur unterstellt sind. Die Feldkommandantur 515 ist die Schnittstelle zwischen deutschem Militär und den britischen Behörden auf den Inseln. Sie ist direkt an die Befehle aus Paris und indirekt des ›Oberkommandos der Wehrmacht‹ gebunden und nur in begrenztem Rahmen zu eigenständigen Entscheidungen befähigt. Eine reine Konzentration auf zivile Angelegenheiten ist in einer solchen Konstruktion allerdings grundsätzlich eine Fiktion, da die militärischen Bedürfnisse, z. B. Bau und Unterhalt von Straßen, Beschaffung von Treibstoffen, häufig nur mit Hilfe der zivilen Besatzungsstellen durchgeführt werden können. Auf jeden Fall ist die Feldkommandantur Bestandteil der Umsetzung eines Angriffskrieges und der verbrecherischen nationalsozialistischen Ideologie. Ihre Mitarbeiter tragen zwar Uniform, sind aber mehrheitlich keine Berufsmilitärs, sondern einberufene Zivilisten mit bürgerlichen Berufen. Es ist davon auszugehen, dass auf diesem für die nationalsozialistische Führung in Berlin sehr prestigeträchtigen, kleinen britannischen Besatzungsteil nur Personen zur Verwaltung herangezogen werden, die im Sinne von Staat und Partei als zuverlässig gelten bzw. von denen zumindest kein Widerstand zu erwarten ist.

An der Spitze der Feldkommandantur steht zunächst mit Oberst Friedrich Schumacher als Inselkommandant ein gelernter Soldat. Auch Schumachers Nachfolger sind Militärs. Schumacher wird 1941 von Oberst Friedrich Knackfuß36, dieser 1944 von Major Dr. Wilhelm Heider, dann als Platzkommandant der verkleinerten Feldkommandantur, abgelöst. Die Außenstelle der Feldkommandantur leitet bis 1943 Eugen Fürst zu Oettingen-Wallerstein, dem Dr. Jacob Kratzer nachfolgt.37 Militärischer Ansprechpartner für die Feldkommandantur ist Oberst Rudolf Graf von Schmettow, der Befehlshaber auf den Inseln und damit ranghöchster Wehrmachtsoffizier ist. Schmettow wird 1942 zum Generalmajor befördert. Gegen Kriegsende wird von Schmettow, mittlerweile Generalleutnant, abgelöst und durch Vizeadmiral Friedrich Hüffmeier ersetzt. Leiter der zivilen Verwaltungsgruppe der Feldkommandantur wird zunächst Oberkriegsverwaltungsrat Dr. Gottfried Stein von Kaminski, ihm folgt im August 1941 der schon erwähnte Oberkriegsverwaltungsrat Dr. Casper.38 Auf britischer Seite sind die jeweiligen Insel-Bailiffs – für Jersey Alexander Moncrieff Coutanche, für Guernsey Victor Carey – die wichtigen Gesprächspartner. Für Guernsey sind noch die Vorsitzenden des dortigen sogenannten »Kontrollrats«, des ›States Controlling Committees‹, Ansprechpartner. Das ist zunächst Ambrose Sherwill und nach dessen Deportation John Leale. Coutanche ist auf Jersey ebenfalls noch Vorsitzender des ›Supreme Courts‹. Bedeutsam ist weiterhin noch die Rolle von Charles Duret Aubin, des Generalstaatsanwalts auf Jersey, auf dessen Mithilfe bei der Durchsetzung ihrer Verordnungen die deutschen Invasoren angewiesen sind. Auf Alderney gibt es für die Feldkommandantur 515 keine direkten britischen Ansprechpartner, befindet sich die entvölkerte Insel doch komplett in der Hand von Wehrmacht und SS. Die Interessen von Sark hingegen vertritt die selbstbewusste Lady Sibyl Hathaway, die ›Dame of Sark‹, die gern deutsche Offiziere auf ihrem Anwesen empfängt und mit ihnen geistvolle Gespräche führt. Sark und Alderney gehören zum Verwaltungsbereich von Guernsey und liegen so auch noch im Einflussbereich Victor Careys und der Vorsitzenden des dortigen Kontrollrats.

Rasch machen sich die Mitarbeiter an die Errichtung eines deutschen Besatzungsregimes. Vermutlich auf Anordnung Hitlers, der auf britischem Gebiet eine Art zivilisiertes ›Vorzeigebesatzungsregime‹ einrichten möchte39, verhalten sich die Deutschen gegenüber den Inselbewohnern zunächst so zurückhaltend wie möglich. Allerdings gilt dies nicht für die kleine Gruppe jüdischer Inselbewohner, mit deren Verfolgung die Feldkommandantur schon im Herbst 1940 beginnt. Im Oktober werden die ersten Verordnungen gegen die jüdischen Einwohner erlassen. Die englischen Inselbehörden rufen die jüdischen Mitbürger auf, sich registrieren zu lassen. Die Inselparlamente von Jersey und Guernsey bestätigen im November die antisemitischen Maßnahmen.40 Die Inselbewohner müssen im November ihre Funk- und Radiogeräte abgeben. Außerdem müssen sich die Bewohner registrieren lassen. Die dabei entstandenen ›Occupation Registration Cards‹ sind überliefert und bis heute eine wichtige Quelle zur Erforschung der Besatzungszeit.

Die Deutschen reagieren mit den Registrierungen auf ein gescheitertes britisches Kommandounternehmen, in dessen Verlauf einige englische Soldaten als Spione auf den Inseln landen wollten. Widerstand gegen die Verordnung bestrafen die Deutschen mit Haft und im schlimmsten Fall mit Deportation ins ›Reich‹.41 Die ›Geheime Feldpolizei‹ durchsucht die Inseln nach oppositioneller Literatur und beweist auch in diesem Detail, dass die Besetzung der Inseln keine skurrile Posse der Weltgeschichte, sondern durchaus Akt nationalsozialistischer Gewalt und Unterdrückung ist.

Im Verlauf des Jahres 1941 werden weitere Zwangsmaßnahmen durchgesetzt. Die britische Inselverwaltung hilft bei der Verfolgung des jüdischen Bevölkerungsteils, indem sie den Deutschen Namenslisten jüdischer oder auch vermeintlich jüdischer Mitbürger vorlegt. Mit Übereifer werden auch strittige Fälle, bei denen sich die Inselbehörden über den Status der Betreffenden unsicher sind, übermittelt – eine Form der Kollaboration oder Kooperation42, wie sie ähnlich auch im besetzten Frankreich und im von der Vichy-Regierung kontrollierten unbesetzten Frankreich zu beobachten ist. Die wenigen jüdischen Geschäfte werden nach dem bereits im ›Deutschen Reich‹ seit 1933 erprobten Muster ›arisiert‹, also zu einem lediglich symbolischen Preis an nichtjüdische Käufer veräußert.43 Dass die englischen Inselbehörden nicht mehr oder weniger antisemitisch waren als der britische Bevölkerungsdurchschnitt, darf angenommen werden. Zumindest kann ihnen kein besonderes Interesse nachgewiesen werden, ihren jüdischen Inselbewohnern gegen die deutschen Repressionen zu helfen. Selbst vergleichsweise zaghafte Formen des Widerstands werden durch die Inselbehörden unterdrückt. Als Unbekannte auf Guernsey Churchills berühmtes ›V‹ für ›Victory‹ auf Gebäude malen, lobt Bailiff Carey 25 Pfund für die Ergreifung der Täter aus.44

Das britische Narrativ vom heroischen Kampf gegen ›Nazideutschland‹ will auf die Zeit der Inselbesatzung nicht recht passen, wie auch Madeleine Bunting feststellt: »What has always made the Channel Islands’ record so important is that it punctures that British complacent assumption of a national immunity to this combination of amoral bureaucracy and anti-semitism.«45

Im September 1941 verlangt der ›Führer‹ Adolf Hitler die Deportation von Inselbewohnern, allerdings unterbleiben die Deportationen aus ungeklärten Gründen zunächst. Ob hier die Feldkommandantur oder die britischen Behörden den Befehl hintertrieben haben, wie später immer wieder behauptet wurde, bleibt unklar. Eventuell hat auch ein Brand im Führerhauptquartier die Weitergabe des Befehls verhindert.46 Ab November 1941 arbeiten dann 16 00047 Zwangsarbeiter der ›Organisation Todt‹, viele davon aus Russland, aber auch Franzosen, Spanier, Nordafrikaner, unter menschenunwürdigen Bedingungen am Bau von Festungsanlagen, mit denen Hitler die ganze französische Westküste zubetonieren lassen möchte. Die Betonburgen und ihre Geschütze sollen die Inseln in uneinnehmbare Festungen verwandeln.

Therese Steiner, Opfer der antijüdischen Maßnahmen. Sie wird ebenso wie Marianne Grünfeld und Auguste Spitz deportiert und stirbt im Vernichtungslager Auschwitz.

Im Jahr 1942 befinden sich 35 000 Deutsche auf den Inseln, womit auf zwei Inselbewohner ein deutscher Wehrmachtsangehöriger kommt.48 Kinos, Buchhandlungen mit NS-Propaganda, Bordelle, Theateraufführungen und eine deutschsprachige Inselzeitung dienen zur Zerstreuung für die kaum beschäftigten Landser. Für viele Deutsche erscheint der Aufenthalt auf Jersey und Guernsey weniger Krieg als vielmehr Urlaub zu sein.

Anders sieht es dagegen auf Alderney und auf den Festungsbaustellen aus. Die SS richtet auf Alderney mehrere Konzentrationslager ein, denen sie zynischerweise die Namen der deutschen Ferieninseln Norderney, Helgoland, Borkum und Sylt gibt. In diesen Lagern werden Zwangsarbeiter, Oppositionelle und Juden gefangen gehalten und misshandelt. Bei unzureichender Ernährung müssen die Gefangenen 12 Stunden am Tag an den Festungsbauten arbeiten. Die SS-Wachmannschaften prügeln wahllos Insassen zu Tode. Gefangene, die an Tuberkulose erkranken, werden erschossen. Viele Lagerinsassen sterben an Unterernährung und Auszehrung.49

Hans Max Freiherr von Aufseß ist als Kriegsverwaltungsrat seit Januar 1942 Stellvertreter Caspers in der Feldkommandantur 515. Im September des Jahres werden doch noch die ersten Inselbewohner in die deutschen Internierungslager Biberach, Laufen, Dorsten und Wurzach deportiert.50 Die Behandlung in den deutschen Lagern, welche die britischen Deportierten erfahren, ist allerdings wesentlich rücksichtsvoller als jene, wie sie die von der NS-Propaganda als ›slawische Untermenschen‹ bezeichneten russischen Kriegsgefangenen oder gar Juden erleiden müssen. In der kruden nationalsozialistischen Ideologie sind die britischen Gefangenen zwar Feinde, aber zumindest ›rassisch‹ nicht ›minderwertig‹. Dennoch sterben knapp 50 Inselbewohner in den deutschen Lagern.51 Weitere Deportationen folgen im Dezember 1942. Am 21. April 1942 werden die drei jüdischen Ausländerinnen Auguste Spitz, Marianne Grünfeld und Therese Steiner – Grünfeld ist Polin, Spitz und Steiner stammen aus Österreich – deportiert. Sie sterben später im Vernichtungslager Auschwitz.52

Marianne Grünfeld

Im Jahr 1943 verschärfen sich die deutschen Zwangsmaßnahmen. Bei einem Schiffsunglück im Januar lassen zahlreiche Zwangsarbeiter, die ins französische Cherbourg gebracht werden sollen, ihr Leben. Weitere Inselbewohner werden deportiert. Insgesamt werden während der gesamten Besatzung Hunderte britischer Staatsbürger verschleppt.53 Bürger, die noch immer eigene Radiogeräte besitzen, werden verhaftet und zu Haftstrafen verurteilt. Unter der britischen Bevölkerung wächst der Ärger über die Besetzung. Im November werden auf Guernsey englische Matrosen bestattet, die bei einem erfolglosen Angriff auf einen deutschen Konvoi durch U-Boot-Torpedos ums Leben gekommen sind. Dabei versammeln sich 5000 Inselbewohner und verwandeln die Beerdigung in eine Demonstration des Protestes.54 Vereinzelte Protestaktionen, z. B. wirft eine Frau Pferdemist auf deutsche Armeeangehörige, werden mit Haftstrafen verfolgt. Von einem kämpferischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung, wie ihn die Partisanen Titos in Jugoslawien oder die Résistance in Frankreich leisten, kann allerdings für die Kanalinseln zu keinem Zeitpunkt der Jahre 1940 bis 1945 gesprochen werden. Die jungen Männer, die einen solchen Widerstand hätten tragen können, sind 1940 überwiegend geflohen und kämpfen nun an den Fronten des Krieges, die älteren Einwohner arrangieren sich und versuchen, die Besetzung ›auszusitzen‹. Zwar werden vereinzelt Sabotageakte verübt, z. B. Einbrüche in Geschützstellungen, und besonders mutige Inselbewohner verstecken geflüchtete Zwangsarbeiter und Juden, doch wie in jeder vergleichbaren Situation sind auch auf den Kanalinseln die ›Helden‹ in der Minderheit.55 Die wohl häufigste Form von Widerstand ist das Hören von sogenannten ›Feindsendern‹, also BBC. Die Suche nach Radios beschäftigt die deutschen Besatzer daher die ganzen Jahre der Okkupation.

Einen vollkommenen Gegensatz zu Widerstandsaktionen stellen die zahlreichen Liebesbeziehungen zwischen deutschen Männern und Inselbewohnerinnen dar.56 Vielen jungen Frauen auf den Inseln fehlen mögliche britische Partner.57 Sexuelle Not, Abenteuerlust, ein Überangebot an attraktiven, wenig beschäftigten jungen Männern in Uniform58, in denen viele nicht den Feind, sondern einen Menschen sehen, führen zu intimen Verhältnissen, von denen auch Freiherr von Aufseß in seinen Tagebüchern ausführlich berichtet. Manche Frauen werden aber auch aus purer Not und aus Überlebenswillen Beziehungen zu deutschen Landsern eingegangen sein. Aus dieser Art von Liebesverhältnissen oder, wie Sanders formuliert, »horizontal collaboration«59 gehen ca. 470 uneheliche Kinder hervor.60 Die meisten Menschen hoffen aber einfach nur auf ein baldiges Kriegsende, werden in dieser Hoffnung jedoch enttäuscht. Frauen, die sich mit Deutschen einlassen, werden von den Inselbewohnern verächtlich als ›Jerrybags‹61 bezeichnet.

Im Juli 1943 sinkt ein Schiff, das Sklavenarbeiter und französische Prostituierte auf die Inseln bringen soll, wobei erneut 250 Menschen sterben. Freiherr von Aufseß wird im November als Nachfolger von Wilhelm Casper Leiter der Zivilverwaltung in der Feldkommandantur 515. Casper wechselt in das Besatzungsregime nach Dänemark, wo er in den Stab des ›Reichsbevollmächtigten‹ und Kriegsverbrechers Werner Best eintritt.62

1944 ist das Jahr einer rasanten Verschärfung der Umstände. Die Inseln werden zu ›Festungen‹ erklärt, die im Falle englischer Angriffe entschlossen zu verteidigen sind. Von englischer Seite werden zunehmend erfolgreich deutsche Konvois, die Lebensmittel und Treibstoff zu den Inseln bringen sollen, angegriffen. Durch diese Attacken verschärfen sich die Lebensbedingungen der Inselbewohner. Die Feldkommandantur wird verkleinert und in ›Platzkommandantur‹ umbenannt. Ihre kampffähigen Mitarbeiter werden zur Wehrmacht eingezogen. Nach der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 kommt es keineswegs zu einem von den deutschen Militärs erwarteten Angriff auf die Inseln. Die Channel Islands werden einfach ›links liegen gelassen‹ und stattdessen ausgehungert. Zu diesem Zeitpunkt sitzen 26 000 deutsche Soldaten untätig auf den Inseln herum, benötigen aber wie die Inselbewohner Nahrung, Medikamente, Treibstoff.63 Nach der Eroberung der normannischen Häfen durch die Alliierten bricht der Versorgungsnachschub für die Inseln völlig zusammen. Deutsche Soldaten, die in den Kämpfen in der Normandie verwundet wurden und auf die Inseln gebracht werden konnten, finden in den dortigen Lazaretten keine angemessene Versorgung mehr.

Hans Max Freiherr von Aufseß

In der allmählich unhaltbar werdenden Lage informieren die Deutschen im September 1944 das Rote Kreuz der neutralen Schweiz über das absehbare Ende der Nahrungsvorräte. Viele Inselbewohner hungern bereits. Die Deutschen bieten die Evakuierung der Zivilbevölkerung an, wären aber auch mit der Hilfe des Roten Kreuzes einverstanden. Premierminister Churchill lehnt beide Vorschläge zunächst ab. In sicherer Erwartung der abweisenden deutschen Antwort verlangt er stattdessen die Kapitulation der Besatzer. Gas- und Stromleitungen zu den Inseln werden von den Alliierten gekappt. Die Deutschen beginnen nun unter der Zivilbevölkerung nach verbliebenen Nahrungsmitteln zu suchen und gefundene Nahrung einzuziehen, um die eigenen Soldaten ernähren zu können. Dieser Bruch des Völkerrechts erzürnt die zunehmend verzweifelten Insulaner. Deutschen Landsern wird Zwangsruhe verordnet, um Kalorien zu sparen. Die Truppe ist kaum noch kampffähig. Im November erlaubt das britische Kriegskabinett doch noch Hilfslieferungen durch das Rote Kreuz. Das schwedische Rot-Kreuz-Schiff ›Vega‹ erreicht allerdings erst im Dezember 1944 die Inseln. Im Februar und März 1945 bringt die ›Vega‹ noch einmal dringend benötigte Nahrungsmittel auf die Inseln.64 Einerseits bleibt die Mehrheit der Menschen auf den Inseln, Briten wie Deutsche, von Krieg und Tod verschont – anders als Millionen Europäer auf dem Festland während des erfolgreichen Vorstoßes der Alliierten auf das ›Deutsche Reich‹ –, andererseits müssen die Menschen hungern und große Ungewissheiten ertragen.

Oberst von Schmettow wird im Januar 1945 durch den überzeugten Nationalsozialisten und kampfwilligen Admiral Friedrich Hüffmeier abgelöst. Dieser hält markige Durchhaltereden und unternimmt am 8. und 9. März 1945 einen erfolg- wie verlustreichen Angriff auf die Hafenstadt Granville, die am Westufer der normannischen Halbinsel Cotentin liegt. Es gelingt den Deutschen, Kohle zu erbeuten und einige Amerikaner gefangen zu nehmen. Am 9. Mai kapitulieren die Deutschen aber schließlich trotzdem kampflos. Selbst Hüffmeier muss einsehen, dass seine Truppe keinen Widerstand mehr leisten kann und ein Gemetzel nach dem Selbstmord des ›geliebten Führers‹ und der einen Tag zuvor erfolgten Kapitulation der Wehrmacht ebenso lächerlich wie tragisch wäre. Nach fünf Jahren endet die Zeit der deutschen Besatzung auf den Kanalinseln nicht in einem dramatischen Finale, sondern in einer banalen Übergabe auf einem englischen Kriegsschiff. Die deutschen Besatzer gehen in Kriegsgefangenschaft, während gleichzeitig englische Truppen die Inseln wieder in Besitz nehmen.

Das Verhalten der Inselbewohner während der fünfjährigen Okkupation ist ein heute umstrittenes Thema in der britischen Öffentlichkeit. Unmittelbar nach dem Krieg wird über die Kollaboration oder zumindest Kooperation vieler Insulaner, wie sie auch die Tagebücher des Freiherrn von Aufseß deutlich dokumentieren, zunächst lange Zeit der Mantel eines gnädigen Schweigens gebreitet. Frauen allerdings, die sich mit Deutschen ›eingelassen‹ haben, werden von vielen Insulanern, vor allem von jenen, die den Krieg in England verbracht haben, geächtet.65 Auch dieses Muster ist mit den Vorgängen in Frankreich vergleichbar. Dort werden Frauen nach der Befreiung stellvertretend für den Abgrund an Kollaboration, dessen sich große Teile der französischen Gesellschaft schuldig gemacht haben, gedemütigt und geschlagen.66 Auch die Kinder aus diesen Verhältnissen werden ausgegrenzt. Männer wie Carey oder Coutanche aber, deren Verhalten mindestens diskussionswürdig war, können nach 1945 als geachtete Mitglieder der Inselgemeinschaft weiterleben.

Auf den Kanalinseln gibt es keine Massenerschießungen von Geiseln, und selbst die Repressalien sind im Vergleich zu den Menschheitsverbrechen von SS und Wehrmacht in anderen Teilen Europas weniger dramatisch, dabei aber keineswegs harmlos. Auch auf den britischen Kanalinseln werden zwischen 1940 und 1945 Juden verfolgt, Einwohner deportiert und sterben Hunderte Zwangsarbeiter67. Die Deutschen verwickeln biedere und mit der Situation überforderte Beamte, aber auch viele Inselbewohner in einen Zwiespalt zwischen Widerstand und Überlebenswillen, der manche, aber keineswegs alle Insulaner in die Grauzonen von Kollaboration und Kooperation führt. Der Mikrokosmos der deutschen Okkupation der Channel Islands im großen Makrokosmos des Zweiten Weltkriegs verdient es, auch in Deutschland, im Land der Täter und ihrer Nachfahren, genauer betrachtet zu werden. Es gibt dabei vielleicht aus englischer, ganz gewiss aber aus deutscher Sicht keinen Grund, sich die Jahre 1940 bis 1945 auf Jersey, Guernsey, Sark und Alderney ›schönzureden‹.

Hans Max Freiherr von und zu Aufseß (1906–1993)

Hans Max Freiherr von und zu Aufseß ist vielleicht ein Stück weit, aber sicherlich nicht ganz und gar der ›gute Deutsche‹, als der er sich in seinen veröffentlichten Tagebüchern darzustellen versucht und als der er in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg auch in englischen Publikationen geschildert wird. Als Teil eines Besatzungsregimes gehört er zu den Mittätern, wobei der Begriff des ›Täters‹ selbstverständlich differenziert werden muss. Freiherr von Aufseß ist kein Mörder, aber ein Rädchen im Getriebe eines Mordapparats.

Es ist nicht die Aufgabe des Historikers, die Menschen der Vergangenheit mit erhobenem moralischen Zeigefinger zu beurteilen und ihnen ihre Schwächen vorzuhalten. Doch der Mühe einer kritischen Einordnung in den historischen Kontext und einer Abwägung der Handlungsmöglichkeiten und -spielräume, die diesen Menschen in schwierigen, potentiell verbrecherischen Umständen zur Verfügung standen, sollte man sich als Historiker doch unterziehen. Das gebietet schon allein der Respekt vor den Subjekten der Untersuchung. Folgt man aber der einzigen umfassenderen deutschsprachigen Biographie, die 2015 in den ›Fränkischen Lebensbildern‹68 erschien, war Hans Max Freiherr von Aufseß ein bruchlos tadelloser Mann, der auf den Inseln sein Möglichstes tat, um die Einwohner vor den größten deutschen Repressalien zu schützen. Der Verfasser dieser Biographie folgt dabei dem von Aufseß selbst geschaffenen, von Casper, dem Hauptverantwortlichen für die Durchführung der von seinen Vorgesetzten in Paris angeordneten antijüdischen Maßnahmen auf den Inseln69, und einigen englischen Autoren nach dem Krieg weiter tradierten Bild einer ›guten Okkupation‹ durch gebildete und distinguierte Besatzer von adeligem Geblüt. Casper verweist in seinem wenig glaubwürdigen Verteidigungsbüchlein auf englische Zeugen, die von Aufseß als tadellosen Besatzer schildern: »Er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten von deutscher Seite, soweit es die Zivilbevölkerung betraf, und eine der interessantesten (…).«70 Auch die 2014 publizierte Chronik der Familie von Aufseß unterlässt eine Einordnung in den historischen Kontext und erwähnt die Tätigkeit des Freiherrn auf den Kanalinseln nur in dürren Worten.71 Selbst im Jahr 2015, 70 Jahre nach Kriegsende, sind noch die alten Mechanismen von Verdrängung und Verleugnung der unmittelbaren Nachkriegszeit wirksam. Doch nur selten präsentiert sich die Vergangenheit, wenn man sie gründlich betrachtet, als eindimensionale Angelegenheit ohne Widersprüchlichkeiten und Brüche. So ist es auch bei Hans Max Freiherr von und zu Aufseß, der sich gern selbst mit ›HMA‹ abkürzte.

Die Quellenlage zur Biographie des Freiherrn von Aufseß ist gut, wurde bisher aber in Teilen übersehen oder ignoriert. Die Zentrale Mitgliederkartei der NSDAP im Bundesarchiv Berlin gibt Auskunft über eine Parteimitgliedschaft, die aussagekräftige Spruchkammerakte des Entnazifizierungsverfahrens befindet sich im Staatsarchiv Coburg. Unterlagen des Kriegsgefangenenlagers ›Camp 18 – Featherstone Park‹ mit Informationen zu Hans Max von Aufseß’ Zeit als ›Prisoner of War‹ (›PoW‹) lagern im National Archive im Londoner Stadtteil Kew. Im Fränkische-Schweiz-Museum Tüchersfeld befindet sich der Nachlass des Freiherrn mit Manuskripten, privaten Aufzeichnungen und Korrespondenzen. Schließlich sind auch die zahlreichen Publikationen, die Hans Max von Aufseß nach dem Krieg veröffentlicht hat, weitere Quellen zum Verständnis und zur Einordnung seiner Person. Viele im ›Jersey Archive‹ befindliche Unterlagen, die seine Tätigkeit auf den Inseln dokumentieren, wurden von britischen Autoren, vor allem von Paul Sanders, gehoben, akribisch gesichtet und in der schon erwähnten umfangreichen Literatur verarbeitet.

Hans Max Otto Hermann Karl Gustav Freiherr von und zu Aufseß wird am 4. August 1906 in Berchtesgaden geboren. Er ist Teil einer fränkischen Adelsfamilie, die sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Noch heute zeugen eine Burg, ein Schloss und ein Dorf in der Fränkischen Alb von der Geschichte der Familie von Aufseß. Seine Vorfahren waren Bischöfe, freie fränkische Ritter – Raub-, aber auch Ordensritter – Reichsfreiherren, Verwaltungsbeamte und Militärs. Zuletzt erlangte Markus von Aufseß, 1987 bis 1990 Fußballprofi beim Zweitligisten SpVgg Bayreuth, eine gewisse Bekanntheit. Das Haus Aufseß trennt sich im 18. Jahrhundert in die Linien ›Unteraufseß‹ und ›Oberaufseß‹. Hans Max Freiherr von Aufseß gehört zur Linie ›Oberaufseß‹. Sein bis heute bekanntester Vorfahr ist sein Großonkel Hans von Aufseß aus der Linie ›Unteraufseß‹, der Begründer des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg. Sein Vater Ernst Moritz Leopold, verheiratet mit Caroline Freiin von Hohenfels, ist zur Zeit der Geburt von Hans Max Leiter des Bezirksamts in Berchtesgaden.72 Bei seiner Geburt hat Hans Max bereits zwei Schwestern, Anna und Elisabeth, und 1925 folgt mit Bruder Albrecht noch ein ›Nachzügler‹. Der Freiherr wird in die festgefügte Provinzadelswelt des späten bayerischen König- und deutschen Kaiserreichs hineingeboren. In dieser Welt gibt es Privilegierte und Gesinde. Seine glückliche Kindheit auf Burg Aufseß schildert Hans Max 1930 als junger Mann in einem romantisch-naturbewegten Gedicht: »Der Hof lag groß und breit, leicht im Gefälle/Hinauf zum Schloß, hinunter in die Ställe/Lief ich wohl hundertmal in Knabenschnelle/Und als Jüngling wieder hundertmal. (…) Hell überflattert von den Wolkenfahnen:/Das Tal, der Wald und Flur und Burg der Ahnen./Ich war daheim, Du gütiges Geschick.«73 Schon in diesem Jugendwerk spiegeln sich eine schwärmerische Ader und eine virile Lebensbejahung, die auch im Tagebuch der Okkupationszeit immer wieder durchscheinen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht und auch das Leben in der fränkischen Provinz berührt, ist Hans Max von Aufseß acht Jahre alt. Mit Rittmeister Otto-Walter von Aufseß, der im November 1914 fällt, und Major Siegfried von Aufseß, beide aus der Linie ›Unteraufseß‹, der 1917 an den Folgen einer Verwundung stirbt74, verliert, wie viele andere auch, diese Familie im Krieg Menschenleben. Bei Beginn der ersten deutschen Republik, welche 1919 die Standesprivilegien des deutschen Adels abschafft und so die Lebensverhältnisse der ganzen Familie verändert, ist Hans Max zwölf Jahre alt. Er gehört damit zu jener sogenannten ›Kriegsjugendgeneration‹75 der zwischen 1900 und 1912 Geborenen, die, zu jung für eine Bewährung im Fronteinsatz, das Ende von Kaiserreich und alter Ordnung sowie die schwierigen Anfangsjahre der deutschen Republik als Verlusterfahrung wahrnehmen, gegen die sie sich machtlos fühlen. Diese Generation radikalisiert sich und ihr entstammt ein Großteil der späteren nationalsozialistischen Funktionsträger, u. a. Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich oder der schon erwähnte Werner Best. Auch der fast gleichaltrige Hans Werner von Aufseß aus der Linie ›Unteraufseß‹, der wie Hans Max in München Jura studiert, gehört zur ›Kriegsjugendgeneration‹. Mitglied in der SS und der NSDAP macht er Karriere als persönlicher Referent des Reichslandwirtschaftsministers Walter Darré. Bei den ›Nürnberger Prozessen‹ nach 1945 sagt Hans Werner von Aufseß als Zeuge aus.

Hans Max von Aufseß besucht die Volksschule sowie Gymnasien in Bayreuth und München. Anschließend studiert er Rechtswissenschaften und Forstwissenschaften in München, Erlangen, Wien, Hamburg und Paris.76 Im Wintersemester 1927/28 schließt er sich dem ›Verband der Vereine Deutscher Studenten – Kyffhäuserverband‹ in München an.77 Der Verband ist zu diesem Zeitpunkt zwar nichtschlagend, aber antisemitisch und antirepublikanisch eingestellt. Seit 1926 bestehen Kontakte des Verbands zum ›Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund‹. Der junge Student Hans Max von Aufseß bewegt sich damit in einem politisiert-antidemokratischen Umfeld.

Am 1. Mai 1933 tritt Hans Max Freiherr von und zu Aufseß mit der Mitgliedsnummer 2524705 in die NSDAP, Ortsgruppe Heiligenstadt, Gau Bayerische Ostmark, ein.78 Als Wohnort gibt er Oberaufseß, als Beruf »Assessor« an.79 An diesem 1. Mai 1933, dem im ganzen Reich aufwendig begangenen ›Tag der Nationalen Arbeit‹, treten überdurchschnittlich viele Deutsche in die NSDAP ein, um so noch knapp einer Aufnahmesperre der Partei entgehen zu können, die mit Wirkung dieses Datums gilt. Der Freiherr gehört damit der sehr großen Zahl von Neumitgliedern an, die nach der nationalsozialistischen ›Machtergreifung‹ am 30. Januar 1933 und den unfreien Wahlen vom 5. März d. J. in die Partei eintreten und die der Volksmund spöttisch als ›Märzgefallene‹ bezeichnet. Hatte die Partei Ende 1932 719 446 Mitglieder, sind es im Mai 1933 bereits 2,5 Millionen.80 1,3 Millionen der 2,5 Millionen Mitglieder treten erst zwischen der Märzwahl 1933 und dem 1. Mai d. J. in die NSDAP ein.81 Altgedienten Nationalsozialisten sind diese Neumitglieder ein Ärgernis, werden doch hinter vielen Eintrittsgesuchen mit Recht Opportunisten und ›Glücksritter‹82 vermutet, wie das Oberste Parteigericht mit Blick auf die ›Märzgefallenen‹ urteilt: »Wer vor dem 30. 1. 1933 zu uns kam, war willens für die Bewegung zu opfern. Jetzt kamen nicht mehr nur Menschen, die für die Ziele des Führers kämpfen wollten, es ließen sich auch Leute aufnehmen, die nun an der Bewegung verdienen wollten.«83 Die Aufnahmesperre, die erst 1937 wieder aufgehoben wird, soll diese Entwicklung stoppen. Am Ende des ›Dritten Reichs‹ sind dennoch 8,5 Millionen Deutsche Parteimitglieder.84

Nachweis über die Mitgliedschaft in der NSDAP in der Berliner Zentralmitgliederkartei

Der Umstand, dass von Aufseß der NSDAP beitritt, bedeutet nicht zwingend, dass er ein von allen ideologischen Inhalten überzeugter Nationalsozialist ist. Vielmehr ist anzunehmen, dass der am Anfang einer möglichen Karriere stehende 26-jährige ›Assessor‹ für seine Pläne, sich als Jurist zu etablieren und eine Familie zu gründen, die Parteimitgliedschaft für hilfreich hält. Des Freiherrn Berufsstart fällt genau in die Zeit der Etablierung der nationalsozialistischen Diktatur und ähnlich wie z. B. für viele frisch examinierte und häufig arbeitslose Junglehrer ist auch für Juristen am Anfang der Laufbahn die Einfügung in das neue System Voraussetzung für Erfolg. Diese Argumentation bemüht von Aufseß 1947 dann auch in seinem späteren Entnazifizierungsverfahren. Es muss jedoch deutlich gesagt werden, dass auch nach dem Beginn des ›Führerstaats‹ ein Parteieintritt immer freiwillig ist und niemand gezwungen wird, sich aus Gründen beruflicher Opportunität der NSDAP anzuschließen.85 Es war im ›Dritten Reich‹ möglich, moralisch integer zu bleiben, wenn man bereit war, auf Vorteile des Systems zu verzichten. Ungeachtet der Frage, ob Hans Max von Aufseß beim Parteieintritt überzeugter Nationalsozialist ist, kann festgestellt werden, dass er nicht zögert, in eine aggressiv antisemitisch, rassistisch und demokratiefeindlich orientierte Organisation einzutreten, die im Mai 1933 ihre brutale Gewaltbereitschaft bereits hinlänglich nachgewiesen hat.

Im Jahr 1934 zieht von Aufseß in das 90 Kilometer von Oberaufseß entfernte oberfränkische Industriestädtchen Naila und lässt sich dort als Anwalt nieder.86 Im selben Jahr heiratet er Marie Luise (Marilies) von Klipstein; dem Paar werden 1936 und 1939 die Töchter Uta und Cordula geboren.87 Ein Sohn, Hans-Michael, folgt noch während der Zeit des Freiherrn auf den Kanalinseln. Von Aufseß tritt später noch dem ›Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps‹ (NSKK) und dem ›Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund‹ (NSRB) bei.88 Die Mitgliedschaft im NSRB ist für Juristen keine Zwangsmitgliedschaft, aber faktisch unerlässlich, will man im ›Dritten Reich‹ als Anwalt tätig sein.

Die ältere Tochter Uta erinnert sich im Rückblick an die Vorkriegszeit in Naila: »So begann er mit einer Anwaltskanzlei in Naila und zog mit seiner kleinen Familie dort hin. Hier gab es Industrie, und es lebten Freunde und Verwandte in der Umgebung. Als 1939 Cordula geboren wurde und die Eltern mittlerweile ein kleines Haus mit Garten gebaut und ihr Eigen nannten, schritten die Kriegsvorbereitungen immer weiter voran und die Eltern hielten das Leben in dieser Industriestadt mit kleinen Kindern für nicht mehr angebracht und sinnvoll. Außerdem wurde mein Vater auch gleich eingezogen, und wir zogen mit Sack und Pack nach Altaussee in Österreich zu Freunden der Eltern, die dort schon eine Wohnung in einem Bauernhof besorgt hatten.«89

Hans Max von Aufseß wird nach Kriegsausbruch zu einer FLAK-Abteilung der Luftwaffe eingezogen und an »verschiedenen Fronten im Osten und Westen eingesetzt.«90 Im Mai 1941 erhält er den Rang eines Unteroffiziers.91 Ab November 1941 wird er Stabsunteroffizier bei der Luftwaffe in Frankreich, jedoch wegen seiner guten Französischkenntnisse bei der Spionageabwehr in Paris eingesetzt.92 Als Kriegsverwaltungsrat kommt der Freiherr schließlich 1942 auf die Kanalinseln, zunächst als Stellvertreter Caspers. Diese Versetzung verdankt von Aufseß nun seinen Englischkenntnissen.93

Marilies von Aufseß. Bildunterschrift: »Die Reisebegleiterin / ›Wer will eine Reise tun / der muss mit der Liebsten fahren‹ Eichendorff«.

Seine Haltung zum Nationalsozialismus ist trotz der Parteimitgliedschaft bereits 1940 kritisch. In einem unveröffentlichten Essay aus dem Jahr 1940 mit dem Titel ›Die sanfte Gewalt‹ schreibt von Aufseß: »Wir Deutschen sind nach dem Weltkrieg lange genug durch eine Zeit der Schwäche geschritten, um uns nach einem starken Willen zu sehnen. Wir haben ihn bekommen. Das SA Gesicht auf dem Plakat hat in Reinform die Züge des Männlichen und Willensmässigen getragen. Wir Deutsche sind wie so oft in unserer Geschichte von einem Extrem in das andere gefallen. Vom uferlosen Liberalismus ging es über in die Begrenztheit des totalen Staates, von der Disziplinlosigkeit in die höchste Ausrichtung und von der Planlosigkeit in das doktrinäre Programm. (…) Das Preussisch-Nationalsozialistische Deutsche bricht über von Tatkraft, seine Sprache ist befehlsmässig abrupt, seine Meinungsäusserungen zu laut (…) Es fordert heraus, weil es einseitig den Kampf, den Willen und die Pflicht bejaht und anbetet, – weil es keine sanfte Gewalt ist.«94 Der Freiherr spricht einem sanften, christlich geprägten autoritären Staat das Wort: »Es ist der ganze wärmere Blutstrom des deutschen Südens auf den Plan zu rufen, damit das Unharmonische im Deutschen nicht beherrschend wird.«95

Diese vollzogene innere Distanz zum Nationalsozialismus hindert von Aufseß jedoch nicht an der Zusammenarbeit mit dem Regime. Nach dem Krieg schildert Hans Max von Aufseß seine Tätigkeit auf den Inseln allerdings auf günstigste Weise: »Es ist mir dort gelungen, alle Nazimethoden in der Verwaltung des Landes, auch alle Nazidienststellen fernzuhalten.«96 Folgt man dem Urteil von Paul Sanders, der die englischen Quellen am besten kennt, überzeichnet von Aufseß seine Rolle allerdings ein wenig: »Von Aufsess’ power (…) was limited to deploring and intervening in the cutting down of old trees. Von Aufsess clearly had too much time on his hands to have been part of the inner political circle. (…) devouring every genre of books and films that got into in his hands and criss-crossing the island, often on horseback, cultivating relationships with compatriots and a select few islanders alike.«97

In Briefen, die von Aufseß nach 1945 von den Kanalinseln erhält, wird aber deutlich, dass er sich durchaus im Rahmen seiner Möglichkeiten um die Bedürfnisse der Inselbewohner bemüht hat und dabei auch Erfolge erzielen konnte. In einem Brief einer Inselbewohnerin vom 2. Januar 1947 an den Freiherrn heißt es: »I shall never forget your great effort in 1945 in trying to give us civilians our vegetables when that detestable Nazi admiral did his best to starve us all.«98 Edward Le Quesne, Präsident des ›Committee of public health States of Jersey‹, schreibt an von Aufseß im November 1947: »As minister of Labour during the whole of the Occupation of the Islands I can bear witness to the moderation you showed in putting into operation the orders of your superiors.«99

Doch ist Sanders’ Einschätzung ebenfalls zutreffend. In der Tat findet von Aufseß neben der mit begrenzten Kompetenzen versehenen Verwaltungstätigkeit viel Zeit für Gespräche, Frauenbekanntschaften, Ausritte oder entspannte Stunden am Strand. Im Auftrag der Feldkommandantur 515 gibt der Freiherr sogar einen Bildband mit dem Titel ›Bilderbogen‹100 über die Kanalinseln heraus. Die Texte und Bilder stammen vom Freiherrn, der dafür viele Stunden müßig über die Inseln gezogen sein muss. Das Buch erreicht drei Auflagen und wird in insgesamt 36 000 Exemplaren ausgeliefert. Nach Kriegsende ist es ein gesuchtes Souvenir englischer Soldaten. Sogar Adolf Hitler soll ein Exemplar erhalten haben, wie von Aufseß im Oktober 1943 berichtet: »Es wurde vom Chef des Fuehrerhauptquartiers, General Schmundt dem Fuehrer in den schweren Tagen vor Stalingrad im Januar 43 vorgelegt. Trotz des besonderen Interesses des Fuehrers für die Kanalinseln habe er begreiflicherweise keine Zeit dafuer gehabt, denn der Russe habe wider alle Regeln der Kriegskunst eine ungeheure Winteroffensive gestartet, stand woertlich gleich einem Eingestaendnis des Ueberraschtseins darin. (…) Die Engländer auf den Inseln haben es in grosser Menge gekauft und den oeffentlichen Bibliotheken eingereiht, wobei sie zugestanden haben, dass es das beste bisher erschienene illustrierte Buch der Inseln sei. Eine englische Uebersetzung des Textes ist hinzugefuegt worden.«101 Das Buch selbst ist eine unkritische Lobpreisung der Inseln und stellt dabei die deutsche Besatzung als freundliches Idyll dar.

Im Oktober 1943 beginnt von Aufseß mit den Eintragungen in seine Tagebücher. Vor seinen Mitarbeitern hält von Aufseß in diesem Jahr immer wieder programmatische Vorträge, in denen er sich für die schon aufgezeigte Mäßigung im Umgang mit den Inselbewohnern ausspricht, aber durchaus auch Identifikation mit den deutschen Zielen im Zweiten Weltkrieg beweist. So führt er am 15. Juli 1943 unter der Überschrift ›Vom Takt und Rücksichtnahme im Krieg‹ aus: »(…) denn zum totalen Krieg gehört nicht nur die Mobilisierung aller materiellen Güter der Nation, sondern ebensosehr der volle Einsatz aller geistigen, zu denen zweifelsohne als Tochter der Vernunft auch die echte Rücksichtnahme zählt. Wieviel in der Welt schon durch kluge Rücksichtnahme erreicht und wieviel durch ihr Fehlen zerstört wurde, darüber ließen sich Bände füllen. Wir Deutschen, die wir heute zur Lenkung und Verteidigung des Schicksals der europäischen Völker berufen sind, müssen uns dies besonders klar vor Augen halten. Denn so wenig die Waffen allein uns zum Siege bringen werden, so wenig wird uns die blosse Gewalt die Vormachtstellung in Europa sichern. (…) Wo es die Verteidigung und die höchste Ausnützung des Landes für den Krieg bedingt, gibt es natürlich keine persönliche Rücksichtnahme. Für wen soll es aber z. B. gut sein, dem Engländer sein Tennis- und Golfspielen zu verbieten, wenn er die ganze Woche für uns gearbeitet hat. (…) So muss sich die deutsche Geradheit mehr in Geschmeidigkeit wandeln (…). Es wird dann nicht mehr die Rede vom taktlosen oder rücksichtslosen Deutschen sein. Dem Augenblick nur immer richtig angepasst, müssten wir sogar mit unseren guten Grundeigenschaften allen wahrhaft überlegen sein.«102 Ähnliche Gedanken formuliert von Aufseß in einem Vortrag im August 1944. Der Vortrag trägt den Titel ›Die Kanalinseln im Belagerungszustand‹: »Wir handeln hier als Besatzungsmacht auf rechtlicher Grundlage. (…) Alles, was hier geschieht, steht unter der Glasglocke der Weltöffentlichkeit. Unser Handeln wird nicht nur als ein Verhalten der Deutschen in einem besetzten Staat schlechthin gewertet, es hat auch eine unmittelbare Auswirkung auf die weit grössere Anzahl von Deutschen, die unter englischer und amerikanischer Herrschaft lebt. Nicht dass wir deswegen in unserem Handeln vom Urteil der anderen abhängen (…). Aber es gibt eine Bindung an das Recht und eine Rücksichtnahme aus Vernunft, deren wir uns bei allen Handlungen bewusst sein müssen. (…) Als Grundsatz des Rechts einer Besatzungsmacht gilt die Erhaltung des fremden Volkes. Man muss die fremde Zivilbevölkerung leben lassen und ihr nicht das Letzte nehmen. Dieser Grundsatz wurde von Herrn General Schmundt bei seinem Besuch der Kanalinseln als ausdrücklicher Wunsch des Führers bestätigt. Der Militärbefehlshaber in Frankreich, General von Stülpnagel, der Befehlshaber Nordwestfrankreich, General Vierow und General von Mühlendorf vom AOK VIII haben endlich wiederholt der hiesigen Militärverwaltung zum Ausdruck gebracht, dass für die Bedürfnisse der englischen Zivilbevölkerung in ausreichendem Mass gesorgt werden müsse.«103

Bei allen Appellen zur Mäßigung scheint aber auch dieser angeblich so moderate Besatzer von Aufseß nicht frei von Herrenmenschenallüren gewesen zu sein. Joe Mière, damals 15 Jahre alt, berichtet von einer Begegnung und charakterisiert den Freiherrn ausgesprochen negativ. Mière arbeitet in einem Hotel, das deutschen Offizieren als Unterkunft dient. Er hat schwer zu tragen, als ihm von Aufseß begegnet: »We start to cart away the plates from the plant room which was at the back of the Hotel through a very narrow passage leading to the roadway. We had to wear gloves, because there was still acid dripping from the plates (…). On one trip I was half way down the long narrow passage when a German officer started to come in the passage from the roadway. He told me to go back so that he could pass up the passageway without the plates that were still dripping acid splashing his very highly polished boots. The plates were very heavy, so I did not feel like retreating back up the passage. I told him to pass me and I did try not to let the wet plates touch his boots but my hand slipped and one of the plates did touch his boots. He went mad, and like all the so-called master race, he started to shout in English, but mostly German. Curly came along (his mother was German so he spoke German like a native). He tried to calm the officer down who was still shouting and laying down the law to me. Curly translated what the officer was going on about. He told me that he would have me arrested the next time I caused any trouble and if his high boots were damaged I would have to pay for a new pair (…). Curly told me later (…) that the officer was Baron von Aufsess (…). I was only just over 15 years old at this date and thought what a bully this Baron was, and made a note in my mind to remember his face and keep out of his way.«104 Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Das Bild eines cholerischen Offiziers, der nicht zögert, einen Jugendlichen wegen einer Kleinigkeit mit seiner ungesetzlichen Machtfülle zu bedrohen, ist jedenfalls überaus unsympathisch und gegensätzlich zu dem Bild, um das von Aufseß nach 1945 so bemüht war. Die auch an anderer Stelle bezeugte Eitelkeit des Freiherrn wird in der Anekdote Mières allerdings deutlich illustriert. Auch eine weitere Begegnung Mières mit von Aufseß nimmt nicht für den Freiherrn ein: »The next time I saw this German baron was in January 1944 we were up Westmount and in passing helped an old couple to cut the branch off a pine tree. A German staff car pulled up and out came two officers, one of them was the German Baron von Aufsess. We made a run for it up towards the old football field. As we looked back we saw the Baron was taking the old couple’s identity cards away from them.«105

Manchmal muss der Freiherr einige Tage nach Paris reisen, um dort weitere Maßnahmen abzustimmen. In einem Brief berichtet er von einer neuntägigen Reise. Dieser undatierte und nicht namentlich markierte Brief zeigt ebenfalls eine inhaltliche Übereinstimmung mit Teilen der nationalsozialistischen Ideologie. Von Aufseß berichtet über die Tätigkeit der Résistance in Frankreich, aber auch von Treffen mit Kollaborateuren: »In verschiedenen groesseren Waldgebieten sind bereits Truppen gegen die von den Englaendern mit reichen Waffen ausgestatteten Banden eingesetzt. Die wenigen Mutigen unter den Franzosen, die sich in Tat und Wort fuer das neue Europa einsetzen, sehen ihr Leben vielfach von Terror bedroht. (…) Am letzten Tag vor der Rueckreise auf die Insel haben wir wieder die reizende Graefin du Cor (…) besucht, denn sie gehoert auch noch zu den wenigen, die an unsere Sache glauben und sich dafuer einsetzen.«106 Doch fern solcher Ausflüge nach Frankreich dominieren für von Aufseß Mangel und friedliche Abgelegenheit das Leben auf den Inseln: »Es gibt nichts, aber auch nichts zu kaufen. Die Insel wurde in der Anfangszeit der Besatzung völlig ausgepowert. Außer den Soldatenheimen kann man weder Cafés noch Restaurants besuchen. Die Zeitungen sind so alt, dass sie nicht mehr interessieren. Die Briefe brauchen je nach Schiff oft noch viel länger. Das Stückchen Wasser trennt wie zweitausend Kilometer. Die kleine Frontbuchhandlung ist am 1. Tag nach Ankunft einer Bücherkiste sofort ausverkauft. (…) Manchmal liegt tiefste Friedlichkeit und Krieg nebeneinander, wenn ich daran denke, wie in einem Gartenhäuslein mitten in einem blühenden Garten am Meer die ersparten Geldscheine eines Soldaten zum Trocknen ausgelegt wurden, der auf einem von den Engländern versenkten Urlauberschiff mit der gesamten Besatzung ertrunken war.«107

Trotz der Verschärfung der Situation im Jahr 1944 findet der Freiherr auch jetzt noch Zeit für Frauen und Ausritte. Wenige Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie, die das Ende des ›Dritten Reichs‹ einläutet, schreibt er am 30. Juli 1944 an eine Verehrerin und gibt dabei einen Eindruck von der sich zuspitzenden Situation: »Auf dem Pferd allein ist man ein wilder Naturbursche und die boesen Naechte werden dann abgeschuettelt. Ich habe mich gestern ueber manches vergraemt gehabt, aber heute bin ich wieder frisch und wohl. Es ist ein Kampf ununterbrochen mit der Verschlagenheit der Englaender, dem Egoismus der Truppe, der Kurzsichtigkeit und Denkfaulheit der ueberall vorherrschenden Mittelmaessigkeit, der Unzuverlaessigkeit aller Statistiken und bestehenden Zahlenreihen, der Fatalitaet der immer mehr sich verringernden Vorraete und der Unberechenbarkeit der Zukunft. (…) Wir haben uns gestern einmal abends im kleinen Kreis ueber unser voraussichtliches Weihnachten hier unterhalten ohne Kohle, ohne Licht, ohne Brot ohne Nachrichten usw. und wir haben dabei einen schaurigen Humor entwickelt. Der Krieg ist ja ein Feld fuer den Zynismus und was wir so am Rande der grossen Schlacht drueben alles hoeren beweist es taeglich.«108 Als von Aufseß diesen Brief schreibt, befindet sich seine Frau bereits im Gefängnis. Am 19. August 1944 wird Marilies von Aufseß wegen regimekritischer Äußerungen in Altaussee festgenommen.109 Nach dem Krieg wurde Marilies von Aufseß als ›politisch Verfolgte‹110 eingestuft. In der Chronik der Familie erinnert sich erneut Tochter Uta: »Meine etwas unvorsichtige Mutter hatte bald erkannt, was Hitler vorhatte und sprach mit allen Freunden und Bekannten recht unverblümt davon. Sie erzählte von den Briefen, die mein Vater von den englischen Kanalinseln sandte. Das sprach sich schnell herum. Eines Tages (…) tauchten zwei Gestapomänner in Ledermänteln auf und durchsuchten unser Haus. Meine Mutter versuchte noch in aller Eile, die Briefe aus England zu verstecken, was leider nicht gelang. Ich versteckte in meinem Eifer noch ½ Pfund Butter unter meinem Kopfkissen … wussten wir doch nicht, was diese Männer eigentlich wollten. Diese fackelten nicht lange, nahmen unsere Mutter in ihre Mitte und führten sie so durch das ganze Dorf ab. (…) 9 Monate saß unsere Mutter in Salzburg in einem Frauengefängnis. (…) Für uns Kinder war das keine schöne Zeit, da Mutter uns schon sehr früh beigebracht hatte, dass wir in der Schule nicht Heil-Hitler sagen müssten und die Nazis sowieso alles Ganoven wären. (…) Wir hörten nichts von ihr, bis in den letzten Kriegstagen die Gefängnisse geöffnet wurden und sie (…) nach Altaussee gebracht wurde.«111

Nicht mehr beweisbar ist die im Zuge des späteren Entnazifizierungsverfahrens aufgestellte Behauptung, Hans Max von Aufseß sei vom sogenannten »Volksgerichtshof« wegen der bei seiner Frau gefundenen regimekritischen Briefe angeklagt worden. Lediglich die abgeschnittene Lage der Kanalinseln habe ihm dabei das Leben gerettet. Eine gewisse Skepsis ist aber bei den so präzisen Erinnerungen einer bei Festnahme der Mutter Achtjährigen genauso angebracht wie bei den vielen, nach Kriegsende ähnlich erzählten Geschichten von vermeintlichem Widerstand und NS-Opposition.112

Im März 1945 enthebt Hüffmeier den ihm zu kritischen von Aufseß und versetzt ihn zur Nebenstelle nach Guernsey. Das Kriegsende und die Übergabe der Inseln an die englischen Sieger lässt die militärische Führung durch von Aufseß und damit durch den Leiter der Zivilverwaltung verkünden. In einer von zwei Versionen des letzten Bandes der Tagebücher reflektiert der Freiherr über die Jahre auf den Kanalinseln und die düstere Zukunft: »Über allem lag ein gnädiger Segen, auf den ich dankbar zurücksehe. (…) Fast trostlos sieht die Zukunft der Liebsten, der Heimat und der eigenen Person aus. Dennoch will ich mich nicht danieder beugen lassen, denn wenn mich schon der Krieg so gesund bewahrt hat, so werde ich schon langsam in Friedenzeiten (sic!) die Heimat die Liebsten und mich wieder hochbringen. Das ist die grosse Verpflichtung aus diesem wohlüberstandenen Krieg.«113

Nach der Befreiung der Kanalinseln gerät von Aufseß in Kriegsgefangenschaft. Folgt man Madeleine Bunting, die allerdings keinen Beleg für die Behauptung nennt, steht sein Name sogar auf der ›Central Registry of War Criminals and Security Suspects‹-Liste (CROWCASS) für Kriegsverbrecher, welche die Vereinten Nationen führen: »The Bailiffs of both Guernsey and Jersey were anxious that a small number of German officers in the islands’ military governments should be brought to trial for war crimes committed against islanders. They claimed there had been two war crimes: the deportation of islanders to German internment camps and the cutting back of civilian rations during the last year of Occupation. Evidence was collected, detailed physical descriptions of the alleged culprits were taken, and a list of about half a dozen names, including Baron von Aufsess and Oberst Knackfuss, was drawn up and registered with CROWCASS (…).«114 Die Ausbeutung der ausländischen Zwangsarbeiter scheinen die Bailiffs allerdings nicht als Kriegsverbrechen betrachtet zu haben. Auch die Verfolgung, Entrechtung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, zu der die Inselbehörden Beihilfe geleistet haben, wird von ihnen nicht als Kriegsverbrechen angesehen.

Hans Max von Aufseß kommt am 10. Juni 1945 in das bekannte ›Camp 18 – Featherstone Park‹, das unweit des römerzeitlichen Hadrianswalls im nordenglischen Northumberland liegt.115 ›Camp 18‹ ist mit fast 5000 Inhaftierten, die große Mehrzahl davon Offiziere, eines der größten Kriegsgefangenenlager auf der britischen Insel. In diesem Lager werden überwiegend besonders überzeugte Nationalsozialisten gefangen gehalten. Eine Verfolgung wegen der von den Bailiffs geschilderten Kriegsverbrechen unterbleibt laut Bunting aber aus heute unbekannten Gründen: »No documents survive as to why the prosecutions were abandoned.«116

Von Aufseß schildert die Zeit der Kriegsgefangenschaft 1985 im Nachwort seiner englischen Tagebuchausgabe als behagliche Anekdote. Mit dem Bus fährt er täglich in das Örtchen Bardon Mill nahe der römischen Grenzfestung, kehrt in den Pub ›Fox and Hounds‹ ein, bevor er sich freiwillig seiner Arbeit in einem Landschaftsgarten widmet und dabei die Bekanntschaft eines singenden Postboten macht, die gänzlich ohne Worte auskommt. Der Freiherr hat das Talent, auch in schwierigen Momenten, das Sentiment zu entdecken und zu literarisieren: »But even this difficult period had in retrospect its humorous moments and compensating memories, such as my encounter with the local postman, a tough character. (…) At last my date of repatriation was announced and I caught the early bus to the village for the last time. My good hosts at the Fox and Hounds loaded me with gifts. There was also a packet of cigarettes left there for me by the postman! This time, I was resolved, I would certainly speak to him. But the postman was too clever for me. Why spoil a friendship with unnecessary talk? Instead he made a long and laborious detour. I saw him pass the distance but heard no song. What the words had been I shall never know, but perhaps after all the were meant to cheer me with some consolatory allusion to the hard lot of the soldier in a foreign land.«117

Das ›Featherstone Park‹-Lager ist bekannt für sein ambitioniertes demokratisches Umerziehungsprogramm, das bei Hans Max von Aufseß erfolgreich gewesen zu sein scheint.118 Im Lager gibt es eine eigene Form der ›Lageruniversität‹, in der die Insassen in akademischen Kursen mit den Prinzipien der freiheitlichen Demokratie vertraut gemacht werden. Sogar Berufsabschlüsse können im Rahmen dieser ›Universität‹ erlangt werden.119 Zum Teil werden die Gefangenen von Briten unterrichtet, zum Teil unterrichten sie sich wechselseitig selbst, sobald ihre freiheitliche Gesinnung gesichert ist. Die Leitung des Lagers hat unter britischer Kontrolle der deutsche Generalleutnant Ferdinand Heim, der sich engagiert mit der Aufgabe der Demokratisierung der Gefangenen identifiziert. Hans Max von Aufseß nimmt an der ›Politischen Arbeitsgemeinschaft‹ im Lager teil und hält dort Vorträge und Vorlesungen. Vor seiner Entlassung aus Kriegsgefangenschaft ist der Freiherr sogar Leiter der Arbeitsgemeinschaft.120

Besonders zuverlässigen Gefangenen erlaubt die Lagerleitung Arbeiten außerhalb des Lagers, meist auf Bauernhöfen.121 Dass von Aufseß eine solche Arbeit in Bardon Mill erlaubt wird, zeigt, dass die Lagerleitung ihn als erfolgreich demokratisiert einschätzt. Am 10. Mai 1946 hält Hans Max von Aufseß vor der ›Politischen Arbeitsgemeinschaft‹ einen Vortrag über ›Die Überschätzung des Gebildeten‹, in dem er ein christlich grundiertes Programm von Schlichtheit und Herzensgüte zur Überwindung des vergifteten nationalsozialistischen Erbes entwirft: »Was unsere Lage schon hier und erst recht in der Heimat erfordert, ist nicht der sogenannte Gebildete. Wir werden ihn weniger gebrauchen denn je. Was wir brauchen ist die Schlichtheit und Echtheit guter Gedanken (…).«122 Am 1. August 1946 hält er einen Vortrag über ›Europa als Nation von Nationen‹ und bekennt sich dabei nun ganz anders als während der Besatzungszeit, als er noch eine deutsche Hegemonie in Europa wünschte, zur europäischen Idee: »Ich möchte von Mensch zu Mensch wirken und nur die Richtung eines Gedankens befördern, der von dem übertriebenen Nationalismus weg zu einem weiteren europäischen Denken führt. Wenn jeder in seinem Kreis weiter wirkt, auf seine Kameraden, auf seine Gemeinde, auf seine Partei, dass nichts gegen diesen guten Gedanken geschähe, so betreiben wir die [unleserlich] und fördern etwas, was mir die gesunde Entwicklung unserer deutschen Nation innerhalb der grösseren europäischen zu sein scheint.«123 Von Aufseß besucht im Lager Vorlesungen und hält dann sogar selbst Vorträge zum Thema ›Völkerrecht‹, in die er seine Erfahrungen als Jurist und Inselverwalter einfließen lässt.124

Die sehr engagiert um die politische Bildung ihrer Insassen bemühten Lagerleiter um Generalleutnant Heim ermöglichen den deutschen Gefangenen auch die Gestaltung einer Lagerzeitung, die den Titel ›Die Zeit am Tyne – Stimme Kriegsgefangener Deutscher‹ trägt.125 Hier erscheint in Ausgabe Nr. 5 vom 15. Oktober 1946 ein Beitrag des Freiherrn von Aufseß mit dem Titel ›Widersprueche unserer Zeit‹. Darin äußert er sich in einer Mischung aus grundsätzlich konservativ-christlichem Menschenbild und einem kommunitär verstandenem Sozialismus: »Allen Widersprüchen liegt wohl der Hauptwiderspruch zugrunde, dass die Menschheit im Genusse des technischen Fortschritts entscheidend gehindert ist durch das Zurückbleiben des menschlichen und völkerverbindenden Fortschrittes, also durch die Unfähigkeit der Lösung durch einen aufbauenden Weltsozialismus und eine überstaatliche Lösung. (…) Der Mensch muss (…) zurückfinden aus dem technisierten Massenmenschen in das, was er immer war. Wenn er sich in dem Neuen zurechtfinden will, muss er im echten und wahren Menschentum verbleiben.«126

Im Gefangenenlager erscheint 1946 ein ›Leitfaden Staatsbürgerkunde‹127, an dem von Aufseß nach eigener Aussage mitgearbeitet hat. Allerdings sind die Beiträge nicht namentlich gekennzeichnet, sodass der Anteil des Freiherrn nicht genau benannt werden kann. Im Vorwort stehen aber Auffassungen, die inhaltlich und stilistisch durchaus von ihm stammen könnten. Über die Absicht des Leitfadens ist dort zu lesen: »(…) das Vakuum auszufüllen, das in unserer Erziehung dadurch entstanden war, dass man den jungen Menschen wohl Trigonometrie und griechische Prosa lehrte, nicht aber die Gleichungen seiner Stellung innerhalb der Gesellschaft.«128

In einem Visitationsbericht des Lagers vom 20. Dezember 1946 heißt es über den Freiherrn: »The leading spirit in political work is Aufsess.«129 Seine Wandlung und seine große prodemokratische Aktivität in englischer Kriegsgefangenschaft steht damit außer jedem Zweifel.

Hans Max von Aufseß wird am 14. Februar 1947 aus ›Camp 18 – Featherstone Park‹ entlassen und kommt so nach fast zwei Jahren wieder zurück in die Heimat.130 Zuvor bescheinigt ihm die Lagerleitung in Person noch einmal seine großen Leistungen bei der politischen Bildungsarbeit im Lager: »(…) he assisted very successfully by his willingness especially to help young and still hesitating Ps.o.W. [Prisoners of War] (…) His influence on denazification in this camp was very great.«131

Als von Aufseß im März 1947 auf der Rückreise in den Bunkern des zerstörten Bahnhofs von Hannover erschütternde Bilder der von Krieg, Flucht und Bomben verwirrten, traumatisierten Menschen sieht, bestärkt ihn das in seinen guten Absichten, am Aufbau eines besseren Deutschlands mitwirken zu wollen: »Es ist eine Trift von Vertriebenen und ein grosser Schmelztiegel erschütterter und durcheinandergeworfener Menschen. Aber gerade darin liegt auch etwas Hoffnungsfrohes in dieser Herausgerissenheit der Menschen (…) Als Künstler möchte man diesen selben Menschen einen ergreifenden, ja, einen erschütternden Film drehen, als Missionar (…) möchte man seinen Glauben frisch auspflanzen. Aber auch als politisch verantwortlich eingestellter Mensch möchte man glauben, dass aus diesem Schmelztiegel Deutschland endlich etwas besseres Neues geschmiedet werden kann, indem man die Hoffnungslosen wegführt aus dem Verfolgungswahn der letzten Jahrzehnte und sie bereit macht für das Denken in einer friedlichen europäischen Gemeinschaft.«132

Nach der Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft gelingt Hans Max Freiherr von Aufseß wie vielen ehemaligen Funktionsträgern des ›Dritten Reichs‹ die Integration in die junge bundesrepublikanische Gesellschaft. Er ist zunächst bis 1960 Anwalt am Oberlandesgericht Bamberg, verwaltet die heimatlichen Güter, engagiert sich im Gemeinderat von Oberaufseß und im Kreistag von Ebermannstadt, bevor er 1960 Generaldirektor der Herzoglich Coburg’schen Güter wird.133 Diese Stellung hat Hans Max von Aufseß bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1975 inne. Abschließend widmet er sich der Verwaltung der von Aufseß’schen Güter und der schon früher begonnenen Schriftstellerei. Er beschäftigt sich dabei in zahlreichen Aufsätzen und Büchern vor allem mit der fränkischen Heimat, die in einem zuweilen altväterlichen, meist aber nonchalant-eleganten Ton, dem immer wieder antimodernistisch-gegenwartskritische Nebenbemerkungen beigefügt werden, gepriesen und gespiegelt wird.

Konkrete politische Aussagen stehen hinter allgemeinen Betrachtungen und einem Schwelgen in unproblematischeren deutschen Vergangenheiten zurück. So veröffentlicht er z. B. 1966 eine Kurzbiographie Ulrich von Huttens, den er anerkennend einen ›Publizisten und Partisan‹ nennt, nachdem er nur elf Jahre vorher jeden ›Partisanen‹ auf den Kanalinseln bekämpft hätte.134 Wenn sich von Aufseß an wenigen Stellen über die Zeit des Nationalsozialismus äußert, tut er dies im typischen widersprüchlichen Gestus seiner Generation – er war zwar dabei, aber für nichts verantwortlich. In einem 1986 erschienenen Essay ›Der Konformismus‹ bemüht von Aufseß millionenfach wiederholte deutsche Entschuldigungsmuster: »Auch mit dem Mitläufertum aus der Nazizeit hat er [der Konformismus, d. Vf.] nichts gemein, denn diese Einstellung kam unter dem massiven Druck eines totalitären Regimes zustande. Es gab nur die Alternative, Mitläufer zu sein oder in das Konzentrationslager zu kommen.«135 In einem mit leichter Hand ansprechend illustrierten Bildband über das alte und neue Nürnberg des Jahres 1963 formuliert von Aufseß über den Nationalsozialismus, seinen ehemaligen Parteivorsitzenden Hitler und die Nürnberger Reichsparteitage Sätze, die aus der Feder eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds erstaunen: »So kann es nur als einer der vielen Irrtümer Hitlers bedauert werden, daß dieser fatale Halbgebildete und größte Scharlatan aller Zeiten, in Schändung des Gastrechts, das einst den deutschen Kaisern dort gewährt worden ist, und in Verkennung des fürsichtigen Altnürnberger Stadtgeistes der Mäßigung, seine Paraden und Mammutgebäude der überschwänglichen Hybris dorthin verlegte. Er hat aus Nürnberg, dem einstigen Hort der segensreichen Kleinodien einen Ort des unseligen Drittreichsgrößenwahns gemacht. Nürnberg mußte als Stadt der Reichsparteitage mit der tiefsten Demütigung seiner Geschichte am Ende des Krieges dafür bezahlen.«136 Um 1965 veröffentlicht von Aufseß ein Büchlein über die Stadt Coburg, die bereits 1929 von der NSDAP regiert wurde und daher im ›Dritten Reich‹ den Titel ›Erste Stadt des Nationalsozialismus‹ tragen durfte.137 Die Jahre 1933 bis 1945 finden in diesem Buch mit keinem Wort Erwähnung.

Seine eigene ambivalente Vergangenheit thematisiert von Aufseß in seinen literarischen Werken mit einer bemerkenswerten Mischung aus Offenheit und Verharmlosung. Einerseits hat er den Mut, im Jahr 1985 das Tagebuch eines Besatzungsoffiziers der englischen Öffentlichkeit vorzustellen, andererseits steht er nur ansatzweise zu seiner Rolle als Diener einer menschenverachtenden Diktatur. Im Vorwort schildert er sich vielmehr als fairen Vermittler zwischen ›guten‹ Besatzern und ›guten‹ Besetzten, die gemeinsam alle unvermeidbaren Schwierigkeiten des Krieges meistern konnten. Gewisse Härten der Deutschen, 1945 noch als Kriegsverbrechen verurteilt, verschweigt er dabei nicht: »Food and fuel reserves for the troops and the civilian population were sufficient for only a limited period, which could be prolonged only by the small gains from intensified agriculture and ever more frequent reductions in rations. This created tensions and gave rise to special problems, inherent in the situation between occupiers and occupied, of a magnitude which could not have been for[e]seen and which seemed impossible to overcome. Yet, they were overcome, by agreement between the occupying forces and the island governments. In these small islands agreement between nations was actually put into practice.«138 Kritische Nachfragen, die nach der Veröffentlichung der ›Diaries‹ aus England an ihn gestellt werden, beantwortet von Aufseß nicht, wie Joe Mière mit deutlicher Verbitterung berichtet: »The diary starts in August 1944 when at this date the Germans were on the way out. I did write to him but he never had the decency to reply. I wrote again asking him to publish his diary from 1939 when the Germans were on the top. Again no reply. I think he would not dare publish a diary from 1939 because, like a lot of top German officers, they were all for their beloved Fuehrer in those days when he was winning the war. But as the end was in sight, they changed horses.«139

Aufseß’ »Kleine Fibel der Politik«, 1949

In einem weiteren Essay berichtet von Aufseß, wie er nach 33 Jahren 1978 erneut die Kanalinseln besucht. Er verschweigt dabei seine Funktion als ehemaliger Besatzer nicht, verweigert aber auch hier eine offene Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der Zeit, sondern flüchtet in eine unbelastete vorgeschichtliche Vergangenheit. Er besucht die Museen zur Besatzungszeit: »Da ich es weder erhebend noch schaurig empfand, in den häßlichen unterirdischen Betonbunkern Hitler, Göring etc., Wachspuppen von zwei deutschen Landsern, Uniformstücke, Waffen, vergilbte Dokumente und Urkunden, also die eigene Vergangenheit der Besatzungsjahre gegen Eintrittsgeld zu besichtigen, habe ich mich umso intensiver dem Glanzstück der vorgeschichtlichen Dolmenbauer zugewendet.«140 Anschaulicher könnten die Verdrängungsmuster der deutschen Kriegsgeneration nicht formuliert werden!

Von Aufseß ist nach dem Krieg eine wichtige und bundesweit gut vernetzte Persönlichkeit in Franken, die ihre Beziehungen auch einsetzt. So entwirft er 1949 eine ›Kleine Fibel der Politik‹, die bei der ›Bundeszentrale für Heimatdienst‹ – der heutigen ›Bundeszentrale für politische Bildung‹ – erscheinen soll, von deren Leiter aber, dem im Nationalsozialismus verfolgten Dr. Paul Franken, abgelehnt wird. Der Freiherr will mit der Fibel in wohl aufrichtiger Weise einen Beitrag zur politischen Bildung leisten. Doch ist die Schrift in Diktion und Inhalt stellenweise diskussionswürdig, z. B. wenn er Opfer und Täter in eine Reihe stellt: »Wenn wir schreien, die Kapitalisten, die Freimaurer, die Juden oder die Nazis sind an allem schuld, sind wir nicht anders als die Primitiven, die das Wasser peitschen, wenn der Sturm ihre zu schwachen Boote verschlang.«141 Insgesamt ist die Fibel aber von den Werten der freiheitlich-westlichen Demokratie durchdrungen. Grundrechte wie Freiheit, Versammlungsrecht, freie Meinungsäußerung, Rechtsstaatlichkeit werden vom Autor besonders betont. Hans Max von Aufseß ist in ›Camp 18‹ glaubwürdig zum Demokraten bekehrt worden. So äußert er sich z. B. deutlich zum Einparteienstaat und Totalitarismus: »Die Einpartei kann sich nur durch Liquidierung der Gegner und Intoleranz aufrechterhalten.«142

Die Kritik Frankens ist dennoch deutlich: »(…) der Text ist an vielen Stellen inhaltlich und sprachlich so wenig treffsicher, dass vermutlich auch durch umfassende Reparaturen das Ganze nicht mehr zu retten ist.«143 Die Ablehnung seiner Fibel ist dem verärgerten von Aufseß allerdings Grund, sich an den Bundesjustizminister Dr. Thomas Dehler (FDP) zu wenden, den ehemaligen Leiter des Oberlandesgerichts Bamberg und daher ein alter Bekannter des Freiherrn. Von Aufseß gibt dem Minister sein Antwortschreiben an Franken zur Kenntnis. Er schreibt in selbstbewusstem Duktus am 26. Januar 1953 an Franken: »Der Autor wäre wohl nicht dazu gekommen die Fibel zu schreiben, wenn nicht sein lehrbuchartiger ›Leitfaden der Politik‹ in 30 000 Exemplaren für die Kriegsgefangenen in England gedruckt worden wäre, weil er für besonders verständlich und klar formuliert angesehen wurde. (…).«144 Dehler antwortet am 28. Januar 1953 an von Aufseß: »Ihr Schreiben an Herrn Direktor Franken hat mir große Freude gemacht. Es ist köstlich, wie diese Bürokraten immer daneben greifen. Ich verspreche Ihnen, niemals dieser Krankheit zu erliegen.«145 Die Zeichnungen in der Fibel, die immerhin auch Frankens Anerkennung finden, stammen von Günther Behnisch, dem später mit der Gestaltung des Münchner Olympiageländes berühmt gewordenen Architekten. Behnisch war auch Kriegsgefangener in England und möglicherweise daher mit von Aufseß bekannt.

Bevor Hans Max von Aufseß allerdings seine schon skizzierte Rolle als anerkanntes Mitglied der westdeutschen Gesellschaft und landesweit bekannter Heimatschriftsteller einnehmen kann, muss er, wie jedes ehemalige NSDAP-Mitglied und trotz seiner schon im Kriegsgefangenenlager hinlänglich nachgewiesenen politischen Wandlung, im Rahmen der ›Entnazifizierung‹ von Mai bis November 1947 ein Spruchkammerverfahren durchlaufen. Sein Verfahren findet vor der Spruchkammer Naila in der amerikanischen Besatzungszone statt. Aufgrund der Aktenlage wird von Aufseß als ›Minderbelasteter‹ angeklagt.146 Wie Millionen anderen ehemaligen Parteimitgliedern auch gelingt es von Aufseß jedoch mit Hilfe sogenannter ›Persilscheine‹ – eidesstattlicher Erklärungen von Freunden und Kollegen über die Unbedenklichkeit des Angeklagten –, als ›Entlasteter‹ eingestuft zu werden. Die Begründung des Urteils folgt vollständig den Aussagen der Zeugen und des Freiherrn, der als Jurist seine Verteidigungsschrift selbst erstellt.147 Darüber, dass ›Persilscheine‹ zum gegenseitigen Nutzen der Beteiligten ausgestellt wurden und man in ihnen nur selten die reine Wahrheit finden kann, herrscht in der historischen Forschung heute Konsens.148 Das bedeutet keineswegs, dass von Aufseß zu Unrecht freigesprochen wurde, aber eine vollständige Entlastung nach heutigen juristischen Maßstäben ist das Urteil der Spruchkammer auch nicht. So sind deren Mitglieder nicht immer juristisch vorgebildet und vor allem sind sie in hohem Maße auf die Richtigkeit und Vollständigkeit der Aussagen der Angeklagten und ihrer Zeugen angewiesen. Viele Behauptungen lassen sich in den Wirren der Zeit nach Kriegsende nicht überprüfen. Seine Tätigkeit bei der Spionageabwehr in Paris z. B. verschweigt von Aufseß und es liegen keine Dokumente vor, die dieses Verschweigen genauer erklären könnten. Wie glaubhaft die Aussagen des Freiherrn über seinen Parteieintritt sind, die er in der Verteidigungsschrift vom 5. Mai 1947 anführt, können die Mitglieder der Spruchkammer schlichtweg nicht überprüfen. Es ähnelt allerdings zahllosen vergleichbaren Erklärungen anderer ehemaliger ›Parteigenossen‹. Betrachtet man die private wie berufliche Situation des Freiherrn im Jahr 1933, sind seine Ausführungen zumindest nicht unplausibel: »Im Frühjahr 1933 habe ich das grosse juristische Staatsexamen gemacht und mich zu gleicher Zeit verlobt. Ich stand also gerade vor dem Aufbau meiner Existenz. Um Politik hatte ich mich bis dahin (…) nicht gekümmert. Ich wurde daher von der Entwicklung überrumpelt. Ich liess mich daher mit mehreren anderen Kameraden zusammen von einem Herrn des Prüfungsausschusses überzeugen, dass wir als zukünftige Staatsbeamte (…), die Pflicht hätten, in die Partei einzutreten. (…) Meine Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus beruhte damals weder auf eigenem Urteil noch auf Kenntnis des Ideengutes (…). Mit den Millionen anderen im In- und Ausland erlag ich einer gewissen initialen Verführung teils durch die geschickte damals noch nicht durchschaute propagandistische Aufmachung, teils durch den allgemeinen Überdruss an dem unerfreulichen Parteigehader.«149 Sein Schuldeingeständnis am Ende der Verteidigungsschrift wirkt allerdings vor dem Hintergrund seiner Mitarbeit bei der ›Politischen Arbeitsgemeinschaft‹ im Lager aufrichtig: »Ich empfinde es heute als Schuld, nicht dass ich zur Partei eingetreten bin, denn damit wollte ich nichts Schlechtes fördern. Meine Schuld sehe ich vielmehr darin, dass ich mich früher nicht um Politik gekümmert habe und damit mitgeholfen habe, das Feld den Verantwortungslosen zu räumen.«150

Das Ehepaar Aufseß in den 50er-Jahren.

Die Äußerungen der Zeugen schildern von Aufseß übereinstimmend als Gegner des Nationalsozialismus, der nach bestem Gewissen und im Rahmen seiner Mittel versucht hat, das Schicksal der Inselbewohner günstig zu gestalten. Es kann nicht erstaunen, dass weder die Zwangsarbeit noch die Deportationen oder das Schicksal der jüdischen Bevölkerung thematisiert werden. Manche Behauptungen sind sicherlich zutreffend, andere vor dem Hintergrund des schon Gesagten aber auch unaufrichtig oder beschönigend. Angesichts der deutlichen antisemitischen Tendenzen in seinen Tagebüchern ist z. B. das Zeugnis, das der Notar Albert Bauer aus Hof (Saale) von Aufseß ausstellt, eher unglaubwürdig: »Betonen möchte ich, daß Herr von Aufseß den Kampf gegen die Kirche und das Judentum stets scharf abgelehnt hat.«151 Von Aufseß hat den Nationalsozialismus nach anfänglicher Zustimmung vor allem habituell aus adeliger Perspektive und in gewisser Weise ästhetisch abgelehnt. Eine durchdachte politische Überzeugung, die eine wirkliche Ablehnung des Nationalsozialismus hätte begründen können, ist in seinen Vorträgen und Tagebuchnotizen nicht zu erkennen. Vielmehr hat von Aufseß im Krieg zumindest einige der Ziele des Nationalsozialismus geteilt und auch prinzipiell keine Einwände gegen die Besetzung und Ausbeutung der Insel erhoben. Seine Redemanuskripte aus der Inselzeit zeigen das deutlich. Wenn von Aufseß in seinen Vorträgen und Briefen noch 1944 vom ›neuen Europa‹ spricht, ist damit ein Europa unter deutscher Führung gemeint. An der nationalsozialistischen Ideologie mag ihn alles Brutale und Vulgäre abgestoßen haben. Die Ablehnung von Demokratie und Liberalismus hingegen teilte er mit dem Nationalsozialismus ebenso wie den gesteigerten Nationalismus. Wenn daher ein Rechtsanwalt Dr. Walter Pätzel von Aufseß in seiner eidesstattlichen Erklärung zum »Feind des nationalsozialistischen Hitlerregimes«152 erklärt, ist das eine typische, so vielfach wiederholte ›Persilschein‹-Gefälligkeit. Derartig unglaubwürdige Erklärungen sind der Grund dafür, dass das Verfahren der Entnazifizierung heute im Ganzen als gescheitert betrachtet wird. Vielleicht kann die Aussage von Brunhilde Krauss, Angestellte im Rechtsanwaltsbüro des Freiherrn, als die aufrichtigste betrachtet werden. Sie schildert Hans Max von Aufseß so, wie er dem Leser auch an vielen Stellen in den Tagebüchern begegnet: »Herr v. Aufsess war vorwiegend künstlerisch tätig und unpolitisch eingestellt und trat seinem Wesen nach überall für Mässigung und Ausgleich ein.«153 An seinem für die britische Inselbevölkerung in gewissem Rahmen mäßigenden Einfluss kann insgesamt trotz seiner begrenzten Kompetenzen kein Zweifel bestehen. Dass seine Ablehnung des Nationalsozialismus aber eher unpolitischen Überlegungen und keinen tatsächlichen demokratischen oder humanitären Prinzipien folgte, ist ebenso gewiss. An keiner Stelle äußert er Abscheu über die Behandlung der Zwangsarbeiter oder die Deportationen der jüdischen Inselbevölkerung. Joe Mière kommt aufgrund seiner persönlichen Erfahrung zu einem harten Urteil über von Aufseß, den er für einen typischen ›Wendehals‹ hält. Er vergleicht die Tagebücher des Freiherrn und reiht sie in die zahlreichen weiteren apologetischen Schriften ehemaliger Wehrmachtsoffiziere ein: »You read their diaries and memories since the war end and they write as if they were on our side and against Hitler. Well, if that is the case, who the hell were our people fighting against? Give me every time a German who states that he was in those days a Nazi.«154 Bei aller Kritik an von Aufseß muss aber auch festgestellt werden, dass er im Verfahren vor der Spruchkammer seine NSDAP-Mitgliedschaft immerhin nicht leugnet, sondern sie als Fehler eingesteht. Mières Urteil wirkt daher sehr harsch.

Dass die Familie von Aufseß sich aber zu Unrecht durch das Verfahren verfolgt fühlt, zeigt ein unveröffentlichter Essay Marilies’ von Aufseß zum Thema. Unter der Frage ›Wo bleibt die Gnade?‹ schreibt die Freifrau: »Es ist selbstverständlich, dass alle wirklich Schuldigen strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden (…). Es bedeutet aber eine grosse Gefahr, die Ueberzahl der kritiklos einem Wahn Verfallenen ihrer Existenzgrundlage zu berauben und sie verletzend aus der Gemeinschaft auszuschliessen. (…) Das Fragebogen- und Massenverfolgungssystem übersieht, dass sich die menschliche Entwicklung nicht in den Daten eines Fragebogens rubrizieren lässt, weil sie sich auf Grund persönlicher Erlebnisse und Einsichten bildet und wandelt. Sie verkennt vor allem das lautere und reine Evangelium Christi, das nicht rechnet und rechtet, sondern an die Stelle der Verfolgung die Gnade setzt. (…) Ich möchte mir wünschen, dass an Stelle der Fragebogen und der ›Reinigung‹ mehr die Worte Einsicht und Gnade kämen.«155

Den alten Freiherrn von Aufseß schildert eine ironisch-freche Reportage der ebenfalls blaublütigen Journalistin Charlotte von Saurma über den fränkischen Adel: »›Angst vor der Berührung mit dem gemeinen Volk, Herr Baron?‹ ›Da haben sie schon gestanden und gebrüllt: Enteignen sollte man Euch!‹ Ach nein, nur schlicht rechts denkt der 80jährige Baron Aufseß nicht. Aufrechten Ganges kommt er das Tor öffnen, hellwach bis in die wasserblauen Augen. Alles ist groß an ihm, Kopf, Körper, Bildung, seine Vorfahren sollen gut zugeschlagen haben. Sie dienen ihm noch immer als Chefideologen seiner Alltagsphilosophie. Jenem Leben nach mâze [kursiv im Original], mittelhochdeutsch für Maß. Also gibt’s zum Empfang nur den zweitbesten Cognac (…). Seit seiner Pensionierung lebt Hans Max von Aufseß gut von seinen Essays und Büchern, der schriftgelehrte Rittersmann hält Lesungen, Festreden. In altmodischer Lust am Umgang mit Sprache plaudert er daher, was sein Fundus an Wirtschafts-, Sozial-, Regional- und Familiengeschichte hergibt. (…) Adelige sind Hobby-Historiker, und jedes Weltgeschehen ist immer nur ein Familienhistörchen.«156 Als charakteristisch kann die Reaktion des in seiner Eitelkeit gekränkten Freiherrn auf diese etwas respektlose Schilderung bezeichnet werden. Wie schon bei der Ablehnung seiner Fibel Jahrzehnte zuvor, zögert er nicht, seine vielfältigen Beziehungen spielen zu lassen. Die vorlaute Journalistin wird anschließend gerügt.157

Hans Max von Aufseß stirbt drei Jahre nach seiner Frau Marilies am 22. November 1993 im Alter von 87 Jahren. Er hinterlässt eine kaum überschaubare Zahl an Publikationen. Heute würdigt ihn eine ›Hans-Max-von-Aufseß-Kammer‹ im Fränkische-Schweiz-Museum Tüchersfeld. Charakteristisch für die Bedeutung des Freiherrn nach 1945 und seine lange Zeit ausschließlich unkritische Rezeption ist ein Beitrag zu seinem 80. Geburtstag in der Süddeutschen Zeitung. Dort heißt es bewundernd im Titel nur: »Eine Stimme Frankens«.158

Hans Max von und zu Aufseß im Spiegel der Tagebücher

Tagebücher sind aus Sicht der Geschichtswissenschaft eine nicht unproblematische Quellengattung. Auf der einen Seite suggerieren Tagebücher Unmittelbarkeit und Unverfälschtheit, auf der anderen Seite filtern und literarisieren auch Tagebuchschreiber die berichteten Ereignisse. Auch Tagebücher folgen literarischen Regeln des ›roten Fadens‹, des Spannungsaufbaus, des rhetorischen Satzbaus und der geschickten Wortwahl. Je gebildeter der Schreiber ist, desto größer ist die Gefahr, dass hinter den sprachlichen Kompetenzen die tatsächlichen Ereignisse verschwinden. Selbst die Adressaten von Tagebüchern sind keineswegs immer nur die Schreiber selbst. Ein Diarium kann geführt werden, damit der Autor, und zwar ausschließlich er, sich später besser an die Ereignisse erinnern kann. Doch sind auch Fälle bekannt, in denen Tagebücher vom ersten Wort an für einen größeren Lesekreis konzipiert wurden. So behauptet von Aufseß in seinem Tagebuch, dieses vor allem für seine Frau zu führen. Voller Sentimentalität schreibt der Freiherr am 25. September 1944: »Wenn nicht ich, so bleibt vielleicht mein Tagebuch am Überleben und dann soll meine Frau sehen, wie ich mein Getrenntteil von ihr gelebt habe.«159 Auch die inneren Beweggründe, Tagebuch zu schreiben, sind oft unklar. Ihre Kenntnis wäre aber wichtig, um den jeweiligen Quellenwert besser beurteilen zu können. So macht es einen Unterschied, ob der Schreiber traumatische Ereignisse festhält, um sie besser verarbeiten zu können, oder Erfolge, um sich in diesen zu sonnen. Von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels ist z. B. bekannt, dass ihm seine Tagebuchnotizen eine wichtige ›Egostütze‹ waren und er die Rechte an den Tagebüchern zum Zweck der Veröffentlichung an den Hausverlag der NSDAP, den Eher-Verlag, verkauft hat. Goebbels legte seine Tagebücher damit auch auf ihre Wirkung in der Öffentlichkeit an.

Tagebücher können damit nicht ›naiv‹ als direkte Zugänge zu geschilderten Ereignissen gelesen werden. Vielmehr besteht ihr eigentlicher Quellenwert darin, dass sie Einblicke in zwei Aspekte erlauben, die jenseits von historischer Faktizität auf einer Metaebene liegen. Zum einen ermöglichen sie in begrenztem Maß Aussagen über die Wahrnehmung von Ereignissen durch den Tagebuchschreiber, zum anderen zeigen sie aber stärker noch, dass dieser Ereignisse erinnernd so gestaltet, wie er sie auch später noch rezipiert wissen möchte. Dieser bewusste oder unbewusste Wunsch nach Steuerung einer späteren Rezeption von Ereignissen, Gefühlen, Gesprächen kann sich an das in der Zukunft liegende Ich des Schreibers, aber eben durchaus auch an spätere weitere Leser wenden.

Die Tagebücher des Hans von Aufseß sind so nicht primär Quelle für die Ereignisse auf den Inseln. Diese Ereignisse ließen sich durch andere Quellen – Akten, dienstliche Briefe, Verordnungen, Verwaltungsakte – deutlich besser rekonstruieren. Die Tagebücher können in Einzelfällen bei bestimmten Ereignissen als Referenz oder zum Abgleich hinzugezogen werden, sie selbst erzählen aber nichts Ereignisgeschichtliches, das nicht durch andere Dokumente besser belegt wäre. Sie geben aber in begrenztem Umfang Bericht von der Sicht des Freiherrn auf die Besatzung und auf seine deutschen Kameraden. Sie legen ebenfalls begrenzt Zeugnis ab von seinen Interessen, Taten, Gedanken und Gefühlen. Sie zeigen bei oberflächlicher Betrachtung in gewisser Weise auch das zuweilen wenig gedankenvolle, dafür aber den schönen Seiten zugewandte Leben eines adeligen ›Dandys‹ und Flaneurs auf einer britischen Ferieninsel.

Am meisten verraten die Tagebücher aber zwischen den Zeilen darüber, wie sich Hans Max von Aufseß an die Zeit auf den Kanalinseln später erinnern wollte. Dass die Tagebücher im Hinblick auf eine 1943 bereits absehbare Kriegsniederlage einer apologetischen Stilisierung vor späteren Anklägern dienen sollten, ist denkbar. Sollte dies nicht schon 1943 im Blick des Freiherrn gelegen haben, wie Joe Mière vermutet, so doch spätestens 1985, als es ihm nach jahrelangem Bemühen gelingt, sie – wenigstens auf Englisch und in Großbritannien – veröffentlichen zu lassen. 1985 muss sich von Aufseß keinen juristischen Klägern mehr stellen, sein Bild von der Zeit auf den Inseln möchte er aber dennoch beeinflussen. Die zunächst unkritische Rezeption des Freiherrn und seiner Rolle auf den Kanalinseln zeigt, dass diese Stilisierung gelungen ist. Dieser Erfolg bedeutet keineswegs, dass alles im Tagebuch des Freiherrn Erzählte erfunden ist und er sich seinen guten Ruf nicht in Teilen verdient hätte. Für die Begründung seiner Reputation als ›guter Deutscher‹ kann nur bedauerlicherweise nicht das Tagebuch als Quelle dienen. Aus subjektiven Zeugnissen lassen sich kaum objektive historische Urteile herleiten.

Das Bild, das Hans Max von Aufseß in den Tagebüchern abgibt, ist von mehreren deutlich erkennbaren Tendenzen geprägt.

Der Freiherr dokumentiert in seinen Tagebüchern ein intellektuelles Dandytum in ständig wertender Auseinandersetzung mit Büchern und Filmen, die er im deutschen Kino auf Jersey sieht. Von Aufseß investiert dabei in erheblichem Umfang Zeit und Gedanken. Seine Urteile zeugen zwar von Bildung und Urteilsfähigkeit, aber auch von erheblichen Vorbehalten gegen die geistige Moderne seiner Zeit. So wettert von Aufseß am 28. Oktober 1944 in seinem Tagebuch gegen Bilder, die man in der Wohnung zweier festgenommener Französinnen findet, und damit gegen die zeitgenössische Kunst: »Nicht nur dass die Wohnung voll der sinnlosesten kubistischen Bilder war (…).«160 Bei dieser Gelegenheit zeigt sich noch eine weitere Tendenz der freiherrlichen Persönlichkeit. Hans Max von Aufseß ist Antisemit161. Einen der Kerngedanken des Antisemitismus teilt von Aufseß offensichtlich: Er hält Juden für Mitglieder einer degenerierten ›Rasse‹. Er bezeichnet die beiden festgenommenen Künstlerinnen, Lucy Schwob und Suzanne Malherbe, als Jüdinnen und befindet: »Wir haben auf den Inseln nur ganz wenig Juden. 2 verhaftete Jüdinnen gehören aber zu dem Schlimmsten, was diese Rasse hervorbringt. Sie verteilten lange Zeit Flugblätter an die Soldaten, in denen sie diese zur Erschießung ihrer Offiziere aufforderten. Endlich wurden sie entdeckt. Bei der Hausdurchsuchung fanden sich die widerlichsten Perversitäten. (…) Hier liegen mir einmal unverfälschte Dokumente vor, die allerdings alle gegen die Juden verhängten Maßnahmen rechtfertigen würden.«162 Die Textstelle lässt sich allerdings trotz ihres unverstellten Antisemitismus auch als eine dezente Ablehnung der bis zu diesem Zeitpunkt getroffenen antijüdischen Maßnahmen verstehen, für die er erst mit dieser Festnahme Argumente zu erkennen glaubt. In der englischen Ausgabe von 1985 hat von Aufseß seine antisemitischen Bemerkungen zum Teil getilgt, zum Teil abgeschwächt. Ob dies aus Einsicht oder aus Gründen der schon angesprochenen Stilisierung geschehen ist, muss offenbleiben. Der Antisemitismus des Freiherrn ist in deutschen Adels- und Militärkreisen sowie bei Akademikern im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bedauerliche Communis opinio.163 Von Aufseß ist hier vor allem das Produkt einer durch seinen Stand geprägten Sozialisation. Dass sich jedoch jemand, der sich so deutlich seiner geistigen Fähigkeiten und Bildung rühmt wie von Aufseß in seinen Tagebüchern, keine reflektierte Distanz zu den moralisch und intellektuell ohne größeren Aufwand als so abwegig wie intellektuell schlicht zu erkennenden Argumenten der Antisemiten findet, ist bemerkenswert. Das führt zu einer weiteren Tendenz in der Persönlichkeit des Freiherrn im Spiegel der Tagebücher. Von Aufseß ist bei freundlich-verbindlichen Manieren gleichzeitig dünkelhaft und bis zur Eitelkeit von sich eingenommen. Er urteilt zum Teil scharf aus ›Herrenreiterperspektive‹ über seine Mitmenschen. Häufig verbindet er dabei Charakterschilderung mit Bewertungen der Physiognomie der geschilderten Menschen. So schreibt er über den Bailiff von Guernsey, Carey: »Der Bailiff von Gy macht ein unbeholfenes, freundliches Gesicht und seine schlappen Gesichtszüge und die hängende Unterlippe geben ihm neben der sichtlichen Aufregung doch den Ausdruck des Nichtbegreifens und des Nichtgewachsenseins der Situation.«164 Einerseits steht von Aufseß damit in der Tradition der Lehren Johann Caspar Lavaters und der Physiognomik, andererseits zeigt sich hier auch ein nationalsozialistisches Ideologem in der Annahme, dass ›minderwertige‹ Menschen an ›minderwertigen‹, unschönen Körpern und mangelnden geistigen Fähigkeiten zu erkennen seien. Der Glaube, Menschen nach Kategorien der eigenen Überlegenheit kategorisieren und letztlich vernichten zu können, ist ein wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Später hat von Aufseß seine harten und oft ungerechten Urteile allerdings bedauert. Im Vorwort der englischen Ausgabe der Tagebücher schreibt er: »In retrospect, much of my censure (…) seems unduly harsh, but it was written under the stress of circumstance (…). The reader must exercise the forebearance which the diarist would do if he were writing today.«165


Lucy Schwob (Pseudonym Claude Cahun) und Suzanne Malherbe (Marcel Moore)

Hans Max von Aufseß zeigt sich in seinen Tagebüchern aber auch als äußerst sensitiver Naturbeobachter. Er hat ein Auge für die Schönheiten der Insel, der Felsformationen, der Strände und der Tiere. Diese Sensitivität verbindet er mit einem starken Körperempfinden, das er im Zusammenhang mit Ausritten auf seinem Pferd ›Satan‹ oder nach Badestunden im Wasser immer wieder thematisiert. Er hat aber auch ein sehr waches Auge für die Schönheit des anderen Geschlechts. So wie von Aufseß, ein nachweislich der Fotos dieser Zeit attraktiver Mann von Mitte dreißig, sich in seinen Tagebüchern präsentiert, muss man ihn wohl als ›Schürzenjäger‹ bezeichnen, der zahlreiche Liebschaften während der Besatzungszeit unterhalten hat. Diese Verhältnisse waren nicht nur geistiger Natur, sondern durchaus auch körperlich. Davon zeugen nicht nur die Tagebucheinträge des letzten Bandes, sondern auch weitere Dokumente aus dem Nachlass, unter anderem Liebesbriefe und Gedichte. Anfang Januar 1945 beginnt von Aufseß eine sehr intensive Affäre mit Elaine Fielding, die in den unveröffentlichten Tagebüchern, allerdings in der englischen Version von 1985 nur sehr dezent, inklusive ihrer sexuellen Komponenten offen angesprochen wird. Dieses Verhältnis ist sogar in einen fiktionalen Roman, der unter dem Titel ›The Occupation‹ im Jahr 2004 erschienen ist166, eingeflossen. Dort heißt Hans Max von Aufseß allerdings Max von Luck!

Politisch lässt sich Hans Max von Aufseß in den Tagebüchern nicht eindeutig fassen. An zahlreichen Stellen äußert er sich deutlich gegen den Nationalsozialismus, ohne mehr als ästhetische oder habituelle Gründe gegen die Borniertheit, mangelnde Einsichtsfähigkeit und Vulgarität seiner Vertreter anzuführen. Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung ist ihm ebenso gleichgültig wie jenes der Zwangsarbeiter, die in den Tagebüchern kaum Erwähnung finden.

Dem Adeligen von Aufseß ist in den Tagebüchern jedoch nicht nur der Nationalsozialismus zuwider. Demokratie, Liberalismus und ›Bolschewismus‹ werden nicht minder stark abgelehnt. Die Zerstörung der Heimat durch den Krieg sieht von Aufseß mit Wut und Trauer. Dass er am Untergang des »Deutschen Reichs« seinen eigenen Anteil als Offizier einer aggressiven Angriffsarmee trägt, thematisiert der Freiherr nicht. Schuld am deutschen Unglück haben bei ihm die ›Nazis‹, die immer nur die anderen sind. Diese Aussagen im Tagebuch korrelieren keineswegs mit jenen, die von Aufseß in Briefen oder Vorträgen trifft, und welche durchaus eine schon gezeigte Identifikation mit den deutschen Kriegszielen deutlich machen.

Beurteilt man die geistigen Interessen des Freiherrn im Spiegel seiner Buchlektüre und seiner dazu geäußerten Meinungen, zeigt sich eine Vorliebe für christlich geprägte, kulturkonservative Literatur. Von Aufseß macht den Eindruck, als seien wichtige Strömungen der intellektuellen Moderne an ihm vorübergegangen oder bewusst ausgeblendet worden. Auch seine umfangreiche Lektüre untermauert den Eindruck, den seine Ablehnung des Kubismus schon gezeigt hat: Hans Max von Aufseß lebt geistig eher im 18. und 19. als im 20. Jahrhundert. Seine kulturelle Bildung stellt er im Tagebuch immer wieder ein wenig gewollt aus. Allerdings gelingen ihm dabei nicht immer sichere Bilder und Bemerkungen. Seine Assoziationen sind zuweilen sprunghaft und treffen oft trotz einer etwas gezwungenen Originalität daneben, so z. B., wenn er von einer Krankenschwester behauptet, ihr Mund sei »sensibel halb geöffnet, wie der eines klassizistischen Mädchenepitaphs«167 – hier ist die Grenze zur unfreiwilligen Komik überschritten.

Wenn von Aufseß nicht über die Insel reitet, Vögel oder schöne Frauen beobachtet, liest, sich mit Kameraden oder Inselbewohnern von Stand zu Gesprächen, mit Inselbewohnerinnen zu Flirts und mehr trifft, muss er auch noch gearbeitet haben. Das Tagebuch vermittelt kein konkretes Bild über diese Arbeit und vor allem über die Kompetenzen des Schreibers. Das meiste, was von Aufseß dem Tagebuch über seine Arbeit als Leiter der Zivilverwaltung auf den Inseln anvertraut, zielt in eine eindeutige Richtung: Hans Max von Aufseß moderiert im Sinne eines menschlichen und erträglichen Besatzungsregimes. An manchen Stellen vermittelt das Tagebuch den Eindruck, nur dem Freiherrn und seinem maßvollen Temperament sei es zu verdanken, dass auf den Inseln eine NS-Terrorherrschaft vermieden werden konnte. Dass diese auf Alderney sehr wohl bestand, ist nicht Thema der Tagebücher. Großen Raum nehmen die Versorgungsfrage ab 1944 und die Kontakte zum Internationalen Roten Kreuz ein. Bei diesen Themen erscheint der Freiherr im Spiegel des Tagebuches als Mann von Courage und Durchsetzungskraft.

Nach der Festnahme seiner Frau stellt sich von Aufseß in den Tagebüchern als politisch Verfolgter dar, was sicherlich als Übertreibung bezeichnet werden muss. Tatsächliche Gegner des Nationalsozialismus wurden unabhängig von den äußeren Umständen liquidiert. Auch auf einer abgeschnittenen Kanalinsel wäre dies nicht weiter schwierig geworden. Dass Vizeadmiral Hüffmeier ihn nach Guernsey versetzt, mag Ausdruck von Zweifeln an der hundertprozentigen Zuverlässigkeit des Freiherrn und Unwillen über dessen kritische Haltung gewesen sein. Wie von Aufseß dies in den Tagebucheinträgen als eine Art lebensgefährdende Strafversetzung eines politischen Widerständlers darstellen möchte, wirkt jedoch stark übertrieben.

Liest man die Tagebücher nicht als authentische Quelle zur Geschichte der deutschen Okkupation der Kanalinseln, sondern als Psychogramm eines deutschen Offiziers von Adel in einer für den Zweiten Weltkrieg ungewöhnlichen Besatzungssituation, versteht man dabei die Einträge als Ausdruck von Literarisierung des Geschehens und Stilisierung der Person, kann die vorliegende Edition interessante und aufschlussreiche Einblicke verschaffen. Von Aufseß ist – trotz der von Mière geschilderten Szene – insgesamt alles andere als ein typischer fanatisiert-brutaler ›Klischee-Nazi‹. Er ist im Gegenteil mitfühlend, gebildet, verfügt meist über gute Umgangsformen und gesteht sich sogar eigene Schwächen ein. Trotzdem ist er in dem Sinne ein ›Nazi‹, als er unleugbar ein Besatzer ist, der sich im Rahmen eines völkerrechtswidrigen Angriffs- und Vernichtungskriegs auf den Kanalinseln befindet. Kein Deutscher, unabhängig von Nähe oder Distanz zum nationalsozialistischen Regime oder von seinen persönlichen Eigenschaften, hatte zwischen 1940 bis 1945 das Recht, Menschen zu deportieren, in Zwangsarbeit zu versklaven oder hinzurichten – auch Hans Max von Aufseß nicht, der ein Teil jenes Systems war, in dem diese Verbrechen begangen wurden. Ob er dabei persönliche Schuld auf sich geladen hat, ist zwar in Bezug auf ihn bedeutsam, nicht aber im Blick auf das große Ganze eines von Deutschland entfesselten Weltkriegs, der 40 Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

Das Wissen um seine Entwicklung im Kriegsgefangenenlager und sein späteres Bemühen bei der Demokratisierung seiner Landsleute lassen den heutigen Leser bei aller Distanz vielleicht dennoch mit einer gewissen Milde auf die Tagebuchnotizen des Freiherrn Hans Max von und zu Aufseß schauen.

Zur Überlieferung und Edition der Tagebücher

Die Tagebücher sind in fünf handschriftlichen Bänden überliefert. Alle Bände befinden sich im Fränkische-Schweiz-Museum Tüchersfeld. Diese Originaltagebücher werden in den Kommentaren der Edition als Version ›A‹ bezeichnet. Auffällig ist jedoch, dass die Bände 4 und 5 in Teilen einen identischen Zeitraum (März 1945–9. Mai 1945 bzw. April 1945–9. Mai 1945) abdecken, dabei aber keineswegs in allen Details inhaltlich übereinstimmen. Band 5 beginnt mit dem Satz: »Die letzten 3 Tagebücher haben unter Sturmzeichen begonnen und jedesmal habe ich dabei die vorhergehenden beiseite geschafft.«168 Das bedeutet, dass der vermeintliche Band 5 in Wirklichkeit ein Band 4 ist. Band 1 ist eine auffällige Kladde mit geriffeltem grünen Kunstledereinband und einem Kaufetikett aus München. Die Bände 2 bis 4 bestehen hingegen aus identisch gestalteten einfachen Heften mit verstärktem roten Papiereinband, die große Ähnlichkeit mit jenen Heften haben, in denen Hans Max von Aufseß in der Zeit der Kriegsgefangenschaft Vorlesungen mitgeschrieben bzw. eigene Vorträge handschriftlich entworfen hat. Band 5 besteht hingegen aus groben weißen, fadengebundenen Blättern. Es liegt der allerdings nicht endgültig beweisbare Verdacht nahe, dass lediglich Band 1 und Band 5 auf den Inseln geschrieben wurden, während die äußerlich homogenen Bände 2–4 in Kriegsgefangenschaft verfasst worden sind. Auffällig und die Unklarheit verstärkend ist der Umstand, dass sich die Schrift ab Band 3, S. 17, deutlich verändert. Die Bände 1 und 2 sind in deutscher Kurrentschrift geschrieben, während in den Bänden 3–5 bis auf kurze Passagen Normalschrift Verwendung findet. Ab Tagebuch 3, S. 17, wechselt schließlich auch noch die Schreibung des ›scharfen s‹ von ›ß‹ zu ›ss‹! Ob die anderen Bände verloren gegangen sind und der Freiherr – sich gewissenhaft erinnernd – versucht hat, die Lücken wieder zu füllen, oder ob es sich um einen Versuch der nachträglichen Änderung handelt, muss bis zur Auffindung neuer Quellen ungeklärt bleiben.

Band 5 wird als Konsequenz aus dem Gesagten in der Edition als Variante von Band 4 mit publiziert und dabei als Band 4b bezeichnet, während Band 4 die Bezeichnung ›4a‹ erhält. Wichtige Abweichungen zwischen den Bänden 4a und 4b werden im Kommentar kenntlich gemacht.


Schriftprobe 1: Deutsche Kurrentschrift. Tagebuch 1, Seite [35].


Schriftprobe 2: Normalschrift. Tagebuch 3, Seite [83].

Weiterhin gibt es eine maschinenschriftliche Version der Tagebücher, die Hans Max von Aufseß auf Grundlage der Bände 1–4a im Jahr 1975 anfertigte. Diese Version wird im Kommentar als Version ›B‹ bezeichnet. Sie befindet sich ebenfalls im Museum von Tüchersfeld, aber auch im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte in München. Diese Version ›B‹ entstand wohl im Zusammenhang mit dem letztlich gescheiterten Bemühen des Freiherrn, die Tagebücher zu seinen Lebzeiten in Deutschland zu publizieren.169 In den maschinenschriftlichen Text hat Hans Max von Aufseß handschriftliche Korrekturen vorgenommen, die u. a. seine antisemitischen Bemerkungen aus Version ›A‹ tilgen. Neben handschriftlichen Korrekturen finden sich aber auch Hinzufügungen und Auslassungen, die im Einzelfall im Text vermerkt werden.

Schließlich gibt es mit dem englischen Text der ›Von Aufsess Occupation Diaries‹, die einzige bisher veröffentlichte Version. Charlotte von Saurma schreibt in ihrer Schilderung des alt gewordenen von Aufseß anerkennend über diese englische Version: »Sein außergewöhnlichstes Buch sind die exklusiv im Vereinigten Königreich erschienenen Tagebuchnotizen über seine Zeit als Verwaltungschef auf den besetzten Kanalinseln. Die Briten lieben dieses Buch, verbreitet er sich doch fluently english [kursiv im Original] über seine deutschen Mitbesatzer, selbst in der Ironie noch freundlich diskret.«170 Die englische Version wird im Folgenden als ›C‹ bezeichnet. Diese folgt weitgehend der Version ›B‹ inklusive ihrer nachträglichen Korrekturen und Auslassungen. Abweichungen der korrigierten und nachträglich beschönigten Version ›C‹ von der eigentlichen Version ›A‹ werden in den Kommentaren kenntlich gemacht, wenn sie mehr als nur nebensächliche Details betreffen. Ansonsten sind die Abweichungen so zahlreich, dass ein ständiges Anmerken der Unterschiede zwischen Version ›A‹ und ›C‹ den Rahmen dieser Edition sprengen und dem Tagebuch auch zu viel Bedeutung beimessen würde. Wer die Versionen dieser Edition und von ›C‹ nebeneinanderhält, wird eine unüberschaubare Zahl an Abweichungen feststellen müssen, die nicht nur formaler, sondern auch inhaltlicher Art sind. Sehr viele Textstellen in ›C‹ stehen in ›A‹ an ganz anderen Stellen als im Original. Andere Textstellen aus ›A‹ sind gestrichen – vor allem, wenn sie geeignet waren, den Freiherrn in einem ungünstigen Licht im Hinblick auf Krieg und Nationalsozialismus erscheinen zu lassen. Weitere Textstellen in ›C‹ sind offensichtlich frei erfunden oder auch aus Briefen übernommen. Hans Max von Aufseß hat aus Version ›A‹ über Version ›B‹ mit Version ›C‹ ein eigentlich neues Werk kompiliert. Die vermeintliche Authentizität von ›C‹ ist in Teilen ein Betrug am Leser und an der Forschung zur Besatzungszeit auf den Kanalinseln, die sich auf diese Version bisher einzig berufen konnte. Bei aller Ironie, die von Saurma so anerkennend beschreibt, ist das ›Occupation Diary‹ eine ›Mogelpackung‹. Bedauerlicherweise haben es aber auch diese verfälschten Textstellen immer wieder in die Sekundärliteratur geschafft.

Die hier vorgelegte Edition gibt die ursprüngliche Version inklusive der Bände 4a und 4b wieder. Dort, wo im Original Textstellen unleserlich sind, wird an manchen Stellen auf die Versionen ›B‹ und ›C‹ zurückgegriffen, ohne dies im Einzelfall kenntlich zu machen. Bei unleserlichen Textstellen, die nicht mit den Versionen ›B‹ und ›C‹ überprüft werden können und die nicht eindeutig sind, wird eine mögliche Lesart in [Klammern] und Kursivschrift angegeben. Bei vollständiger Unleserlichkeit wird [unleserlich] angegeben. Offensichtliche Verschreibungen aus Unachtsamkeit, die keine Auswirkungen auf das Grundverständnis eines Satzes haben, werden stillschweigend korrigiert. Ebenso werden Worte oder Wortteile, die der Freiherr wegen Verschreibungen oder Formulierungsänderungen durchgestrichen hat, getilgt, da sie den Lesefluss stören und ihre Kenntnis keinen Zugewinn zum Textverständnis ergibt. Erkennbare Schreibfehler hingegen, die auf Unsicherheiten des Verfassers zurückgehen, werden beibehalten. Fehler in der Syntax werden ebenfalls abgebildet.

Anmerkungen

1Leale, John: Report of Five Years of German Occupation. St. Peters Port 1945; Mollet, Ralph: Jersey under the Swastika. London 1945; Sinel, L. P.: The German Occupation of Jersey 1940–1945. A complete Diary. Jersey 1945; Durand, Ralph: Guernsey under German Rule. London 1946.

2Falla, Frank: The Silent War. London 1967.

3Hathaway, Sibyl, Dame of Sark: An Autobiography. London 1961.

4Pocock, Hugh: The Memoirs of Lord Coutanche. A Jerseyman Looks Back. London, Chichester 1975.

5Vgl. auf der offiziellen Seite der Gedenkstätte Yad Vashem: http://db.yadvashem.org/deportation/agencyDetails.html?language=en&itemId=9297338 [Zuletzt eingesehen am 9. 5. 2019].

6Casper, Wilhelm: Britische Stimmen über die deutsche Besatzungszeit auf den britischen Kanalinseln, 30. 6. 1940–8. 5. 1945. Hamburg, Berlin 1963.

7Paul Sanders, E-Mail an den Vf. v. 8. 4. 2019.

8Wood, Alan und Mary: Islands in Danger. The fantastic Story of the German Occupation of the Channel Islands 1940–1945. London 1955.

9U. a. Cruickshank, Charles: The German Occupation of the Channel Islands. London 1975.

10Harris, Roger E.: Islanders deported. Ilford 1980.

11Stephenson, Charles: Fortification of the Channel Islands 1941–1945. Oxford 2006.

12McLoughlin, Roy: Living with the Enemy. Jersey 1995.

13Bunting, Madeleine: The Model Occupation. The Channel Islands under German Rule 1940–1945. London 1995, Zweite Auflage 2004.

14Cohen, Frederick E.: The Jews in the Channel Islands during the German Occupation. London 1998; Fraser, David: The Jews of the Channel Islands and the Rule of Law, 1940–1945. Brighton 2000.

15Mière, Joe: Never to be forgotten. Jersey 2004.

16Turner, Barry: Outpost of Occupation. How the Channel Islands Survived Nazi Rule 1940–1945. London 2010.

17Ginns, Michael: Jersey Occupied. The German armed forces in Jersey 1940–1945. Jersey 2009.

18Sanders, Paul: The British Channel Islands Under German Occupation. Jersey 2005.

19Sanders, S. 167.

20Carr, Gilly; Sanders, Paul; Willmot, Louise: Protest, Defiance and Resistance in the Channel Islands. German Occupation, 1940–1945. London, New Delhi, New York, Sydney 2014.

21Hamon, Simon: Channel Islands Invaded. The German Attack on the British Islands in 1940 Told through Newspaper Reports, Official Documents and the Accounts of Those Who Were There. Barnsley 2015.

22Barrett, Duncan: Hitler’s British Isles. The Real Story of the Occupied Channel Islands. London 2018.

23McLoughlin, Roy: Britische Inseln unterm Hakenkreuz. Die deutsche Besatzung der Channel Islands. Berlin 2003.

24Nettles, John: Jewels and Jackboots. Hitler’s British Channel Islands. Jersey 2012. Nettles standen als erstem Autor die Aufzeichnungen des hier veröffentlichten Originaltagebuches zur Verfügung.

25Nettles, John: Hitlers Inselwahn. Die britischen Kanalinseln unter deutscher Besatzung 1940–1945. Hamburg 2015.

26Link, Charlotte: Die Rosenzüchterin. München 2000.

27Nowlan, Kathleen J.: The Von Aufsess Occupation Diary. Stroud 1985.

28U. a. lehnt 1980 das angefragte Militärgeschichtliche Forschungsamt in Freiburg i. Br. ab. Weitere Ablehnungen folgen 1981. Briefwechsel im Nachlass Aufseß im Fränkische-Schweiz-Museum Tüchersfeld (FSM).

29Zit. n. Nettles 2015, S. 17.

30Nettles 2015, S. 17.

31Zeitzeugenberichte hierzu bei Hamon, S. 62 ff.

32Vgl. Nettles 2015, S. 376.

33Vgl. ebd. Abbildungen der Flucht der Bewohner und der Bombenangriffe im Bildteil bei Hamon, o. S. Zeitzeugenberichte der Bombardierung von Jersey bei Hamon, S. 107ff.

34Zit. n. Nettles 2015, S. 38.

35Zit. n. McLoughlin, S. 21.

36Knackfuß war Sohn des bekannten Historienmalers Hermann Knackfuß. Friedrich Knackfuß starb 1945 in serbischer Kriegsgefangenschaft.

37Weitere Informationen zu einigen Biographien deutscher Angehöriger in der Feldkommandantur 515 in Bunting, S. 80 f.

38Strukturübersicht über die Feldkommandantur 515 in Ginns, S. 45.

39Paul Sanders, E-Mail an den Vf. v. 8. 4. 2019. Vgl. dazu ebenfalls maschinenschriftliches Redemanuskript von Aufseß vom 1. 9. 1944 ›Die Kanalinseln im Belagerungszustand‹, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

40Vgl. Bunting, S. XVII.

41Vgl. Mière, S. 25 ff.

42Zur Komplexität des Begriffs ›Kollaboration‹ im Allgemeinen und im Fall der Kanalinseln im Besonderen vgl. Sanders, S. 57 ff. Sanders reagiert hier insbesondere auf Bunting 2004, S. 191 ff. Vgl. auch Kellmann, Klaus: Dimensionen der Mittäterschaft. Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich. Wien, Köln, Weimar 2019, S. 11 ff.

43Vgl. Bunting, S. 108 und Fraser, S. 61 ff.

44Vgl. Bunting, S. 206.

45Bunting, S. XV.

46Hinweis Paul Sanders, E-Mail v. 2. 7. 2019.

47Vgl. Nettles 2015, S. 379.

48Vgl. Nettles 2015, S. 380.

49Vgl. McLoughlin, S. 61 ff. – Einen Bericht über neue Forschungen zu Alderney veröffentlichte Megan Gannon in National Geogaphic: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2020/04/archaeologen-werfen-licht-auf-ein-vergessenes-kz-auf-kanalinseln.

50Vgl. Nettles 2015, S. 380.

51Die Namen der Deportierten und der Verstorbenen in Harris, S. 188 ff.

52Vgl. Bunting, S. 109 ff.

53Vgl. Mière, S. 131, der von 621 Einwohnern spricht.

54Vgl. Nettles 2015, S. 382.

55Vgl. hierzu Carr/Sanders/Willmot.

56Vgl. McLoughlin, S. 70 ff.

57Vgl. Turner, S. 67.

58Vgl. Turner, S. 57: »The first Germans to arrive – young, fit, confident – made an impressive sight (…).«

59Sanders, S. 169.

60Vgl. McLoughlin, S. 72.

61›Jerry‹, eine Slangform von ›German‹, wohl im Ersten Weltkrieg entstanden, und ›bag‹, herabsetzender Begriff für ›ugly woman‹. Zu Jerrybags vgl. Nettles 2015, S. 75.

62Vgl. Sanders, S. 184 f.

63Vgl. Nettles 2015, S. 383.

64Vgl. die irrige Darstellung bei Nettles 2015, S. 385.

65Vgl. Bunting, S. 257 f. Völlig gegensätzlich Nettles 2015, S. 76 f.

66Vgl. hierzu Kellmann, S. 152 f.

67Vgl. Bunting, S. 293. Es liegen keine genauen Todeszahlen für Zwangsarbeiter vor, doch muss von mehreren Hundert ausgegangen werden. Allein für den Zeitraum Februar 1942 bis Februar 1943 sind für den Westmount Strangers’ Cemetery auf Jersey über hundert Beerdigungen von Zwangsarbeitern registriert.

68Bachmann, Harald: Hans Max Freiherr von und zu Aufseß (1906–1993), in: Fränkische Lebensbilder 24 (2015). S. 245–264.

69Vgl. Sanders, S. 184, und Mière, S. 89, der sehr deutliche Worte zu Casper findet: »From the way that Dr Casper states his case anyone would think that he was kind and helpful to the Jews. Yes, helpful to get them to a concentration camp and murder them. This so called officer made me sick with his lies.«

70Casper, S. 17. Casper zitiert in deutscher Übersetzung Wood, S. 133.

71Familie der Freiherrn von und zu Aufseß (Hrsg.): Die Familie der Freiherrn von und zu Aufseß. Eine 900-jährige Geschichte. o. O. 2014, S. 24.

72Vgl. Bachmann, S. 248.

73Zit. n. Familienchronik, S. 76.

74Vgl. Familienchronik, S. 47 ff.

75Vgl. Herbert, Ulrich: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989. Bonn 1996. In dieser Studie entwickelt Herbert den Begriff der ›Kriegsjugendgeneration‹.

76Vgl. Zirlewagen, Marc: Biographisches Lexikon der Vereine Deutscher Studenten. Bd. 1. Norderstedt 2014, S. 22, und Bachmann, S. 249.

77Vgl. Zirlewagen, S. 22.

78Bundesarchiv Berlin (BArch), NSDAP-Zentralkartei, R 9361-VIII Kartei/170474. In keiner Biographie wurde bisher eine NSDAP-Mitgliedschaft vermerkt, auch bei Bachmann 2015 nicht.

79Ebd.

80Vgl. Weigel, Björn: ›Märzgefallene‹ und Aufnahmestopp im Frühjahr 1933. Eine Studie über den Opportunismus, in: Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, hrsg. v. Wolfgang Benz. Frankfurt a. M. 2009, S. 92.

81Haar, Ingo: Zur Sozialstruktur und Mitgliederentwicklung der NSDAP, in: Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, hrsg. v. Wolfgang Benz. Frankfurt a. M. 2009, S. 71.

82Vgl. ebd.

83Zit. n. Weigel, S. 104 f.

84Benz, Wolfgang: Einleitung: Die NSDAP und ihre Mitglieder, in: Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, hrsg. v. Wolfgang Benz. Frankfurt a. M. 2009, S. 7.

85Zu anders lautenden Legenden vgl. Kellerhoff, Sven Felix: Die Erfindung des Karteimitglieds. Rhetorik des Herauswindens: Wie heute die NSDAP-Mitgliedschaft kleingeredet wird, in: Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, hrsg. v. Wolfgang Benz. Frankfurt a. M. 2009, S. 167–180.

86Vgl. Bachmann, S. 249, der 1933 als Jahr der Niederlassung in Naila angibt. Auf der NSDAP-Mitgliedskarte ist allerdings vermerkt: »11/34 Wohnung Naila«, BArch Berlin, NSDAP-Zentralkartei, R 9361-VIII Kartei/170474. Im Meldebogen der Spruchkammerakte gibt von Aufseß 1933 als Jahr des Zuzugs nach Naila an, anders jedoch Schreiben Albert Bauer v. 24. 4. 1947 an die Spruchkammer, der 1934 angibt, vgl. Spruchkammerakte, Staatsarchiv Coburg (StACo) Spruchkammer Naila 31.

87Vgl. Bachmann, S. 249.

88Vgl. Meldebogen, StaCo, Spruchkammer Naila 31.

89Familienchronik, S. 77.

90Verteidigungsschrift von Aufseß, StACo, Spruchkammer Naila 31.

91Vgl. Meldebogen, StaCo, Spruchkammer Naila 31.

92Vgl. ebd. und maschinenschriftliches Manuskript ›Der Fall Canela – von Haidenburg‹, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

93Vgl. Verteidigungsschrift v. 5. 5. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

94Maschinenschriftliches Manuskript v. 10. 2. 1940, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

95Ebd.

96Verteidigungsschrift v. 5. 5. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

97Sanders, S. 165 f.

98Brief ohne Absender und schwer lesbarer Unterschrift »Doris« (?) v. 2. 1. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

99Brief November 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

100Aufseß, Hans Max von im Auftrag der Feldkommandantur 515 (Hrsg.): Ein Bilderbogen von den Kanalinseln. Jersey 1942. Das Werk erfuhr 1991 eine englische Übersetzung, die um eine erneut verharmlosende Darstellung von der Hand Wilhelm Caspers erweitert wurde: Aufsess, Baron Hans Max von: Impressions of the Channel Islands. Translated by F. J. Turpin. Jersey 1991.

101Maschinenschriftlicher Text, eingeklebt in den Vorsatz eines Buchexemplars, datiert Oktober 1943, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

102Maschinenschriftliches Manuskript, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

103Maschinenschriftliches Manuskript, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

104Mière, S. 117.

105Ebd.

106Maschinenschriftlicher Brief, undatiert und nicht adressiert (1944), FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

107Manuskript zum ›Inselbogen‹, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026. Diese Passage wurde dann nicht in die gedruckte Version aufgenommen.

108Maschinenschriftlicher Brief an ein unbekanntes ›sisses [sic!] Iffilein‹ v. 30. 7. 1944, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

109Vgl. Tagebucheintrag v. 19. 11. 1944.

110Brief von Aufseß an die Spruchkammer Naila v. 4. 5. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

111Familienchronik, S. 77. Gegen diese Version spricht allerdings der Tagebucheintrag vom 12. 10. 1944.

112Vgl. Welzer, Harald; Möller, Sabine; Tschuggnall, Karoline (Hrsg.): Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt a. M. 2002.

113Tagebucheintrag vom 9. 5. 1945 in Tagebuch 4b. S. 67 f., FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

114Bunting, S. 313. Paul Sanders bestätigt allerdings, den Namen von Aufseß ebenfalls auf der CROWCASS-Liste gesehen zu haben. E-Mail Paul Sanders v. 2. 7. 2019.

115Brief der Lagerleitung v. 18. 1. 1947 an Hans von Aufseß, StACo, Spruchkammer Naila 31.

116Bunting, S. 313. Vermutlich hatten die britischen Behörden angesichts der deutschen Verbrechen außerhalb Großbritanniens Wichtigeres zu tun, so jedenfalls die Einschätzung von Paul Sanders; E-Mail v. 2. 7. 2019.

117Nowlan, S. 191.

118Vgl. zum Lager ›Featherstone Park‹ Held, Renate: Kriegsgefangenschaft in Großbritannien. Deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs in britischem Gewahrsam. München 2008, S. 193 ff.

119Vgl. Held, S. 194.

120Visitationsbericht über ›Camp 18‹ v. 18. 9. 1947, National Archive (NA) FO 1120/208: »Leader of the General Section of the PAG, since the repatriation of Aufsess, is Lt. Wolfgang Semler.«

121Vgl. ebd.

122Handschriftliches Manuskript, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

123Handschriftliches Manuskript, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

124Handschriftliche Vorlesungsmitschriften und handschriftliches Vortragsmanuskript ›Völkerrecht‹, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

125Vgl. Held, S. 195.

126Die Zeit am Tyne – Stimme deutscher Kriegsgefangener Nr. 5 v. 15. 10. 1946, S. 2.

127Arbeitsgemeinschaft Staatsbürgerkunde des Lagers 18 (Hrsg.): Leitfaden zur Staatsbürgerkunde. o. O. (Magor/Wales) 1946.

128Staatsbürgerkunde, Vorwort, o. S.

129Visitationsbericht über ›Camp 18‹ v. 15./20. 12. 1946, NA FO 1120/208.

130Vgl. Meldebogen, StaCo, Spruchkammer Naila 31.

131Brief der Lagerleitung v. 18. 1. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

132Maschinenschriftliches Manuskript, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

133Vgl. Bachmann, S. 252, und Zirlewagen, S. 22. Zirlewagen datiert den Beginn der Tätigkeit als Generaldirektor abweichend auf das Jahr 1959.

134Aufseß, Hans Max von: Ulrich von Hutten. Publizist und Partisan. Nürnberg 1966.

135Aufseß, Hans Max von: Im Rückspiegel. Essays. Hof 1986, S. 95.

136Aufseß, Hans Max von: Nürnberg schaut nicht mehr durch Butzenscheiben. Altes und Neues in 24 Aquarellen und 35 Zeichnungen von Heinz Michel. München 1963, S. 55 f.

137Aufseß, Hans Max von: Coburg spielt seine eigene Rolle. Coburg o. J. (um 1965).

138Nowlan, S. VII f.

139Mière, S. 118.

140Ebd., S. 168.

141Manuskript der Fibel. S. 10, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

142Manuskript der Fibel. S. 23, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

143Brief Franken an Dr. Lüders, Bundesinnenministerium v. 12. 12. 1952, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

144Brief von Aufseß an Franken v. 26. 1. 1953, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

145Brief Dehler an von Aufseß v. 28. 1. 1953, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

146Klageschrift vom 3. 11. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

147Begründung vom 7. 11. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

148Zur Entnazifizierung in Bayern vgl. Niethammer, Lutz: Die Mitläuferfabrik. Die Entnazifizierung am Beispiel Bayerns. Berlin, Bonn 1982.

149Verteidigungsschrift v. 5. 5. 1947, StAC, Spruchkammer Naila 31.

150Ebd.

151Aussage Albert Bauer v. 24. 4. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

152Aussage Dr. Walter Pätzel v. 25. 10. 1946, StACo, Spruchkammer Naila 31.

153Aussage Brunhilde Krauss v. 22. 4. 1947, StACo, Spruchkammer Naila 31.

154Mière, S. 118.

155Maschinenschriftliches Manuskript, undatiert (1947?), FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

156Saurma, Charlotte von: Adel verpflichtet. In Franken ist der Adel edler als anderswo. Alles Weltgeschichtliche ist für ihn nur ein Familienhistörchen, in: Merian v. 7. 7. 1987. Bamberg – Fränkische Schweiz, S. 78 ff.

157Information Dr. Jens Kraus, FSM, persönliches Gespräch vom 1. 5. 2019.

158Süddeutsche Zeitung v. 4. 8. 1986, S. 18.

159Tagebucheintrag v. 25. 8. 1944 in Tagebuch 1, S. 65, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

160Tagebucheintrag v. 28. 10. 1944 in Tagebuch 1, S. 160, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

161Zuletzt instruktiv zu diesem Thema Aly, Götz: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 bis 1933. Frankfurt am Main 2011.

162Tagebucheintrag v. 28. 10. 1944 in Tagebuch 1, S. 160, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

163Vgl. Kampe, Norbert: Studenten und »Judenfrage« im Deutschen Kaiserreich. Die Entstehung einer akademischen Trägerschicht des Antisemitismus. Göttingen 1988.

164Tagebucheintrag v. 28. 12. 1944 in Tagebuch 2, S. 100, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

165Nowlan, S. VII.

166Walter, Guy: The Occupation. London 2004.

167Tagebucheintrag v. 12. 10. 1943 in Tagebuch 1, S. 10, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

168Tagebucheintrag v. 19. 4. 1945 in Tagebuch 4b, S. 2, FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026.

169Version ›B‹ befindet sich im FSM, Nachlass von Aufseß, E 3026 und im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München (AIZM), 6708/83 ED 183.

170Saurma, S. 78.


KOMMENTIERTE EDITION
Tagebuch 1

Tagebuch 1 ist eine Kladde im Stil und mit den Maßen eines Poesiealbums. Der Einband besteht aus geriffeltem, grünem Kunstleder. In der Innenseite des Einbands befindet sich unten links eine Reklame-Prägemarke mit weißer Schrift auf blauem Grund. Inschrift ›M. Gruber Papierhandlung München Georgenstr. 41‹. Die Einträge sind mit energischer, häufig flüchtiger und von individuellen Abweichungen geprägter deutscher Kurrentschrift abgefasst. Zum Schreiben wurde blaue Tinte und in wenigen Ausnahmen Bleistift verwendet.

Allen Tagebüchern ist gemeinsam, dass der Autor immer wieder Personen mit Klarnamen oder auch Abkürzungen nennt, die nicht mehr sicher ermittelt werden können, jedenfalls nicht, ohne einen unverhältnismäßigen Aufwand zu betreiben, der der mangelnden welthistorischen Bedeutung einzelner Handelnder nicht gerecht würde; dies gilt auch für einige geschilderte Zusammenhänge. Damit müssen Herausgeber und Leser bzw. Leserin leben. Dort aber, wo Personen oder Zusammenhänge ermittelt werden konnten, durch die Schilderung des Autors aber nicht dem Leser bzw. der Leserin sofort erkennbar oder verständlich sind, werden in den Anmerkungen erklärende Informationen angeboten. Die Rechtschreibung folgt dem Originaltagebuch und wurde nicht an heutige Regeln angepasst. Fehler der Grammatik und Rechtschreibung wurden nur in Ausnahmen korrigiert.

Nicht immer sind die Buch- und Filmzitate sowie literarischen Anspielungen des Freiherrn eindeutig aufzulösen. Wo dies aber möglich ist, werden entsprechende Angaben in den Fußnoten vorgenommen. Historische Personen, die als allgemein bekannt vorausgesetzt werden dürfen, werden in den Fußnoten nicht weiter erklärt. Ansonsten erfolgen Erklärungen im Anmerkungsapparat.

Enthält: Einträge vom 8. Oktober bis 31. Oktober 1943 und vom 5. Juni bis 1. September 1944. Lücke zwischen 1. November 1943 und 4. Juni 1944. Es geht dann mit einem Eintrag zum 11. August 1944 weiter, womit sich eine weitere Lücke vom 6. Juni bis zum 10. August 1944 ergibt. Die Versionen ›B‹ und ›C‹ beginnen am 30. Juli 1944. Tagebuch 1 ist somit in Teilen nicht veröffentlicht bzw. bewusst von Hans Max von Aufseß vor der Öffentlichkeit zurückgehalten worden.

Hans Max Frhr. v. u. z. Aufseß.

Aufsess Oberfranken

Schloß Oberaufseß

Tagebuch I

[1] Tagebuchnotizen.

08. 10. [19]43

Rückfahrt von Paris nach Granville.1 Ein leichter herbstlicher Schleier liegt über dem Land, durch den die Sonne ungewiss durchdringt. Das grüne Weideland zwischen den herbstlichen Baumumzäunungen gefällt mir innig. Ich stehe oft auf in meinem leeren Coupé, um noch direkter noch im stärkeren Gegenüber alles zu beschauen. Vom Schauen leicht ermüdet lese ich wieder und nicke ein wenig ein. Der Wechsel ist so erfrischend, daß ich mich tief ausgeruht und befriedigt fühle und zu klaren Rückblicken auf die Urlaubstage alles angeregt finde. Das fruchtbare landschaftlich schöne Frankreich gäbe überall ein tragbares Dasein. Ich schaue mir kleine Hütten an und beobachte einen alten Mann, der am Stock schwer durch den Obstgarten zum Hause zu hinkt, um einen Apfelkorb hineinzutragen. Es kommt mir über, daß der Mann wenig an den Krieg und alle Verheerungen denken wird. Gewiss ist er wunschlos u. glücklich. Eine Bauernhütte ist zu einem Viertel mit neuem Stroh überdeckt. Ich denke an die niedergebrannten Ruinen in Deutschland. Wäre es in meiner Heimat, so möchte ich auch unter einer Strohkate dort gern leben. Vielleicht führt der Krieg uns zum einfachen Leben zurück und ich sehe darin kein Unglück, soweit es das Landleben auf eigenem Boden ist. Die Natur müsste ein Mittel erfinden gegen die Unnatur der Großstädte. Die Technik, die sie [2] ermöglicht hat, zerstört sie folgerichtig nun wieder.2

9. 10. [1943]

In Granville mit Schwester3 Irmgard große Tauschgeschäfte zugunsten der Lieben zu Hause abgeschlossen. (19 kg Butter, 10 kg Leberwurst). Es ist so nett mit ihr dieser Handel, denn im Grunde ist sie genau so uneigennützig wie ich selbst dabei. Wir führen uns als große Geschäftsleute auf und der Handel sind doch nur Liebesgaben.

Da kein Dampfer nach Jersey fährt, Autofahrt nach St. Malo. Wieder herrlicher duftiger Herbsttag. Nur Auto fährt zu schnell. Es gibt viel zu viel zu schauen. Es liegt zu viel Poesie ringsum bereit und die verträgt kein rasendes Fahren. An der Küste gegen Cancale4 entlang blüht der freie Meerboden rot, weit draußen stürmt das Meer an. Herrliche Farben. Das Auto rast. Wie möchte ich gern hier halten und die Farben näher betrachten. Vielleicht ist der Meerboden immer so rot. Es sind die Farben von Frankreich, blaues Meer, weiße Brandungswellen und roter Strand.

In Malo steigen ein paar hundert junge Rekruten auf das Schiff. Es ist ihre erste Fahrt. Ich denke daran, wie schwärmerisch u. begeistert ich [3] gewesen wäre und finde nur wenig in ihnen. Manche freilich saßen die ganze kühle Mondnacht auf der Aussichtsbank und sie mögen in ihrem jungen Herzen wohl manches Gefühlvolle zur Heimat zurückgeschickt haben. – Wir liegen bis zum Eintritt völliger Dunkelheit auf Reede mit dem herrlichen Anblick des Hafengolfs, der in seinem interessanten Aufbau, der befestigten alten Stadt in Insellage, der Hafen, der Flußmündung, der reich bebauten Villenufer und der vorgelagerten kleinen Felseninseln an die Reihe französischer Meister aus dem 18. Jahrhundert erinnert.5 Es müßten nur unsre grauen Dampfschiffe Segelschiffe sein. Die Überfahrt im Mondlicht ist wunderschön. Unser Schiff fuhr schnell (12 Seemeilen). Es treibt majestätisch durch das glitzernde ungewisse Mondlicht über dem Meer. Ein bescheidener General ohne jede Begleitung ist an Bord. Er hat den sympathischen Zug nach unbedingtem Alleinsein und hinkt mit seinem Holzbein einsam am Oberdeck hin u. her. Er hat sich jeden Empfang verboten. Ich erfahre, daß es niemand [4] weniger als unser kommandierender General Marx vom Korps6 ist. (Spätere Bem. 31. 8. Marx am Anfang der Invasion gefallen.)

Wache vor der Platzkommandantur

10. 10. [1943]

Empfang der Kameraden sehr herzlich. Welch friedlicher Ort hier. Alles geht seinen gemütlichen Lauf. Die Post aus aller Richtung der Heimat ist viel trüber.7 Zu Hause nicht hier ist Front. Ich sehe und beurteile manche Menschen wieder neu und plastischer. Welch junges Kind ist doch Schwester Marie8. Zweifellos wechselt Reifsein oder es vollzieht sich schwingungsartig. Eine weite Reise bringt einen weiter, langes Bleiben dagegen an einem Ort bringt zurück.

Max Barthel9 schickt mir ein Buch von sich von erstaunlicher Kindlichkeit. Sein Erfolg liegt nur im einfachen Lied. Ein Liedersänger kann keine Novelle schreiben. Zur Novelle gehört eine anderer ich möchte fast sagen völlig [unleserlich] mondäner Mensch. Wie werde ich es ihm danken!

Nachmittags zum Tee bei Casper10. Wir reden immer ein bisl zuviel gescheite Sachen über Bücher, Politik, dienstliche Dinge, die seelischen Spalten zwischen diesen gewaltigen Schichtungen bleiben zu sehr ver- [5] schlossen, nicht weil er sie nicht hätte, sondern weil er wohl ein zu norddeutscher Mensch ist, der sich und damit unwillkürlich auch andere zu viel verschließt u. verbietet, weil auch irgendwie die schöpferische treibende vulkanische Macht zu wenig stark ist, um das warme Innere dabei durchkommen zu lassen. Trotzdem alles nett und anregend war, gehe ich mit dem erleichterten Gefühl, etwas abgesessen zu haben.

11. 10. [1943]

Der Tag war grau in grau ohne Wind. Das Wetter überlegt sich, was es werden soll und vielleicht hat es noch schöne sonnige Nachherbsttage im grauen Sack.

Unser Hausgenosse Kriegsgerichtsrat v. [Treskow] ist ein geradezu hassender Pessimist. Alle Dinge wenden sich bei ihm zu einer verfolgerischen bösen Art. Sein türkensäbelkrummer scharfer Mund steht gefährlich unter den stechenden Augen, von denen das eine ein blindes Glasauge ist. Vielleicht kommt ihm die bittere Art, alles anzusehen, vom einen Auge. Mit zweien sieht man allemal mehr hinter die [6] Dinge. Ist es doch ein physiognomisches Gesetz11, daß weitauseinanderstehende Augen Fantasie bedeuten. Pessimismus ist aber eine Art von Flachheit und zwar die Schlimmste. (»Und trank sich Hass aus einem Meer von Liebe.«)

Die hinter mir liegende Reise hat mir eine große Aufmunterung gebracht. Ich arbeite froher, zupackender und ich beteilige mich an allen Reden frischer. Auch die Sphäre der Gewohnheit liegt dünner um mich herum. Ich sehe die Zeit hier als eine gestreckte Frist, die es noch glücklich auszunützen gilt. Es folgen schwere Zeiten. Heute fühlte ich fast sinnlich ihr unheimliches Herannahen. Es kam nur die Nachricht durch, daß sämtliche Schwestern die Inseln verlassen müßten. Ist das der Vorakt einer Räumung? Wann naht unsre Zeit? Ein Ende wird hier ja alles nehmen. Wie viele sah ich schon scheiden. Das erst- [7] malige Dunkel in meinem Büro, in dem nur die Schreibtischfläche hell beleuchtet strahlt, war mir so ungewohnt und machte mich unruhig.12 Ich ging auf u. ab, packte zuletzt nichts mehr an. Der helle Schreibtisch im Dunkel rings war mir wie das bisschen erleuchtete Gegenwart im Dunkel der Zukunft ringsum. Ein französischer Sender brachte hübsche Chansons und ich war froh, ihnen lauschen zu können.

Beim Abendessen viel zu langes Sitzen und ein Ereifern über das Gespräch, ob wir die Engländer zu mild behandelten13, wobei wir die Gegner, die ja alle nicht in unsere Reihen sitzen, leicht abfertigten.

Ich habe mir 3 Bücher gekauft: Von Jakob Burkhardt die Kulturgeschichte Griechenlands14. Ich liebe die freie Persönlichkeit dieses Mannes, von dem jemand schrieb, daß er vielleicht als letzter unabhängig lebte. »Seht [8] ihn nur an, niemand war er Untertan.«15 Ein zweites Buch von Macdonald: Selbstbildnis eines Gentleman.16 Und ein drittes von Manfred Hausmann: Salut gen Himmel.17 Ich habe für Monate zu lesen und meine Büchermenge geht weit über alles Soldatengepäck. Es werden nicht weniger als 60 Bücher schon wieder um mich sich angesammelt haben. Wie der Oberst18 dauernd daran leidet in der Furcht zu dick zu werden, so plagt mich bei jedem Buch die Sorge wohin damit, denn ich will sie alle lesen.

Die Frontbuchhandlung in der King Street, St. Helier, Jersey (Aus: von Aufseß, Ein Bilderbogen von den Kanalinseln)

12. 10. [1943]

Mit Dr. Auerbach19 den Abend verbracht. Ein ausgezeichnetes »intelligibles«20 Verstehen. Keiner langweilt den anderen. Alles bleibt in starker gegenseitiger Korrespondenz lebendig. Später kam Dr. Caspar dazu. Er war nicht geladen, kam aber, weil die Nachricht vom Tod seines Bruders ihn an diesem Tag schwer getroffen hatte. [9]

Er lief weinend bei Empfang der Nachricht im Büro auf u. ab und wir waren fast beängstigt, er könnte in seiner rasch entschlossenen Art sich etwas antun. Die Überredung, daß er doch heimfahren solle, hat ihn am besten abgelenkt. Als er in unseren kleinen gemütlichen Kreis um den Kamin saß, vergaß er alles für Augenblicke und strahlte manchmal wie an seinen vergnügtesten Tagen. Ich glaube, wenn ein Schmerz auf eine gereifte und harmonisch gebildete Seele trifft, so beschlägt sie sich so vollkommen, daß ein so rasches Vergessen aber auch ein so deutlich sichtbarer Schmerz nicht möglich ist. –

Ich liebe ein wenig die Schwester Marie v. Wedel. Eigentlich habe ich mich über sie geärgert, weil sie beim Wiedersehen nach 3 [10] Wochen so ungeschickt und fast albern war. Aber es waren andere dabei und so war ja alles nur Geniertheit. Unmöglich hätte sie vor anderen auch nur für den Kartengruß danken können. Sie hat ein so starkes Innenleben, daß sie nur in wenigen Augenblicken ganz sie selbst ist. Ihre Stirn hat etwas männlich Kühnes, ihre Augen besitzen eine Schalkhaftigkeit, die für eine ganze Mädchenoberklasse ausreichen würde, ihre Nase hat die feine Witterung eines Rehs, ihr Mund ist sensibel halb geöffnet, wie der eines klassizistischen Mädchenepitaphs21, ihr schlanker Körper hat die Bewegungslust und feinen Fesseln der Vollblüterrasse. Die durch so hohe [Dotationen] entstehenden Spannungen in ihrem Wesen werden zusammenge- [11] halten von einer ganzen Genealogie von preußischem Pflichtbewußtsein22 und überstrahlt von einem großen mädchenhaften Scharm. Sie ist wahrhaftig nicht leicht zu nehmen, hängt von Umgebung und Kleinigkeiten sehr stark ab und flieht mit ihren Worten rasend dahin, wie mit ihrem ganzen Wesen, weil alles überlebendig und geladen ist. Ich benenne sie für mich mit dem Beinamen »la Fugitive«23 die Enteilende, Dahinfliehende. Es muß sie erst einmal das Feuer einer großen Liebe ausbrennen und ausbacken, damit alles ruhiger und gesetzter wird, damit ihre prärafaelitisch steifen und abrupten Bewegungen der langen Glieder Weichheit und Harmonie bekommen. In einem guten Sportkostüm müßte sie hervorragend aussehen, so viel läßt die Schwesterntracht ahnen, [12] ja sie verrät sogar süße weibliche Formen und die Geniertheit wäre wohl gar nicht so groß, wenn nicht eine starke natürliche Sinnlichkeit dahinter verborgen läge, die sich in ihrer Unberührtheit als Fliehkraft äußert, das Fliehende zieht ja besonders an und nichts ist lockender für den Jäger als das Verfolgen des fliehenden Wildes. (Zeus u. Daphne24)

Im Dienstsitz White Lodge. »Plauderecke am englischen Kamin«, so lautet von Aufseß’ Bildunterschrift. (Foto: H. M. von Aufseß)

13. 11. [Verschreibung für 10.] [1943]

Ein neuer Hausgenosse, ein Kriegsgerichtsrat aus Sachsen25, ist vertretungsweise gekommen. Es ist ein gemütlicher kleiner Sachse, findet sich sehr schnell hinein und ist in kleinen praktischen Dingen zu Haus. Im Badezimmer hat er neue Nägel u. Haken angebracht, überall auf Serviettenring, Zuckerdose u. s. w. klebt fein säuberlich schon ein Schildchen mit seinem Namen. Er hat eine neue [13] Antenne gelegt und Birnen im Haus verschraubt, alles zum Besten von uns und sich. Auch in seinem Leben scheinen überall kleine Schildchen mit Lebensweisheiten angebracht, fein säuberlich und ganz lange Sprüchchen oft, so wie er am Abend auf eine eigene ersonnene Weise seine Stiefel vor die Türe hängt und jedem Tag- und Nachthemd im Badezimmer seinen mitgebrachten besonderen Bügel gibt. Ich muss mich über seine überraschend auftretenden kleinen Zweckmäßigkeiten an allen Orten innerlich schief verlachen. Heute Mittag stellte er sich den Aschenbecher wie einen Dessertteller vor sich hin, weil nach Befragung das Deckblatt seiner Zigarren schlecht sei und [14] immer etwas Asche herunterfalle, die nun gleich in den Becher abtropfe. Gegen Verspottung als Sachse u. s. w. hat er bereits auch etwas in seinem Geistesschatz angebracht, es ist aber zu kompliziert und ich habe mir die sinnvolle etwas lange Wendung nicht gemerkt.

14. 11. [Verschreibung für 10.] [1943]

Der Bailiff26 besuchte mich. In meiner Abwesenheit ist wieder einmal etwas ohne die Überlegung befohlen worden, ob wir bei Weigerung der Landesstaaten es erzwingen können und wollen.27 Der Erfolg ist, daß wir einen gegebenen Befehl zurückziehen und ihn nicht oder schlecht u. recht selbst durchführen müssen. Der [mit Elan gestrichenes Wort, vermutlich aber Bailiff, darüber nur ein ›H‹] mit seinem kalten, jüdischen Gesicht28 hat einen billigen Triumph davongetragen. Er ist [15] unser wahrer Feind, nicht weil er uns haßt, sondern weil er sich maßlos liebt. Er wird uns später einmal maßlos herein- und ohne alle Anständigkeit heruntersetzen. Wenn wir ihn nicht von der Insel herunterschmeißen, wir würden uns an den Kopf schlagen können, welche Schriften und jüdisch advokatischen29 Ankläger wir uns da [drei energisch durchgestrichene, nicht mehr lesbare Wörter] hochgezogen haben. Ich fasse den Oberst bei seinem nicht großen Mut, d. h. bei seiner Angst und ich werde es noch durchsetzen und einen echt englisch kalten Weg zu finden wissen, um diesen Mann zu entfernen.

15. 10. [1943]

Casper ist in Sonderurlaub gefahren. Es fällt wieder doppelte Arbeit an. Mit Oberst im Auto weit auf den Strand hinausgefahren. Wir durften den Wagen nicht stehen lassen, da er sonst versunken wäre. Außer- [16] gewöhnlich tiefe Ebbe. Besuch des Rocco-Towers, eines weit im Meer draußen liegenden imposant gebauten Forts aus dem Jahr 180030. Architektonisch sehr schön. Ich bin tief verletzt, daß er von der Artillerie willkürlich als Zielscheibe verwendet wurde und erhebliche Schäden an den Zinnen entstanden sind. Gegenüber den heutigen betonierten Festungsbauten ist es noch ganz aus riesigen Granitquadern gebaut. Es gibt ein Rätsel auf, wie sie auf dieses unzugängliche Rock hinausgebracht wurden.

16. 10. [1943]

Ich lese Jakob Burkhardt Griechische Kulturgeschichte das Kapitel über Untergang u. Zerstörung Griechenlands. Es ist interessant, wie die Geschichte schon gleiche Scherbengerichte abgehalten hat, wie in [17] unserer Zeit. Die Worte eines Komikers gelten für alle Städte des damaligen Griechenland: »Eine große Einsamkeit ist die große Stadt«31. Einige bei Homer genannte Orte zu finden, wäre schwer und für den Findenden wegen ihrer Verödung nutzlos.32

St. Brelade's Bay auf Jersey (Aus: von Aufseß, Ein Bilderbogen von den Kanalinseln)

17. [10. 1943]

Wer ist nun die Anziehendere der beiden Schwestern Wedel? Ich weiß es nicht, ich liebe sie beide gleich und es könnte mir wie in heißen Jugendtagen gehen, wo ich mich in die beiden Schwestern [unleserlich] verliebte und die eine immer auf die andere wartete, bis ich sie beide wieder verküßte. Damals liebte ich sie sogar nur alle beide zusammen, eine allein war mir sofort langweilig.

Ich fuhr mit dem Rad in das entferntere Soldatenheim in der Brelades bay33 hinaus und wir plauderten 2 Stunden, die sich Schwe- [18] ster Heidi34 freigemacht hatte. Sie hat die gleiche gute Rasse und famose Erziehung, aber sieht bis auf die große schlanke Figur doch ganz anders aus. Ihre Augen sind kleiner, bestimmter und realer. Sie ist klüger, ruhiger, reifer, hat nicht das Fliehende in sich, sondern stellt einen klaren faßbaren Mittelpunkt dar. Während die andere einen prachtvollen Tänzer und Reiteroffizier heiraten könnte, ist diese für einen Juristen, Gelehrten oder Professor bestimmt. Marie reißt mit, Heidi zieht an. Marie macht zu viele Seitensprünge Heidi zu wenig. So ist die eine dynamisch, die andere statisch. Bei aller Ähnlichkeit ist daher doch ein großer Unterschied und da beide äußerlich gleich hübsch und rassig ist die Entscheidung schwer. Meiner Natur [19] läge im Ende doch mehr Heidi. Ich bin nicht passionierter Jäger genug, um mein Leben lang Wild zu jagen. Im übrigen bin ich viel zu gut verheiratet35, um dieses Problem mich beschäftigen zu lassen. Aber es geht doch ein starker Ausstrom gegenseitig aus. Alle Ehelichkeit in Ehren, die Strahlungen sind da und sie sind ungeheuer stark, aber unsre gute Erziehung und unsre Selbstdisziplin sind ja immer noch größer. Es werden schon alte Gedanken einer Annäherung weit abgewiesen, so weit jedenfalls, daß sie nicht schaden und nur die angenehme Wärme eines Flirts davon ausgeht.

Der General36 rief mich an und wollte mit mir den Abend verbringen. Leider bin ich schon beim Oberst eingeladen.

18. 10. [1943]

Dr. Auerbach war beim Oberst miteingeladen. [20] Dadurch war schon der Abend gerettet. Wir ziehen den kleinen sächsischen Kriegsgerichtsrat37 mit seinem praktischen Sinn für die kleinen Umweltsdinge auf. Die Wirkung aber ist überraschend. Er zieht vor und aus allen Hosentaschen besonders darin aufgehängte Dinge wie Messer, Schlüssel, Feuerzeug heraus, und erklärt ganz hochgenommen u. begeistert, wie er die Sachen weder verlieren noch sie ihm die Taschen kaputt machen können. Heut beim Frühstück begann er mit einer langen Geschichte, wie er den Abfluß seines Dunges auf den Garten konstruiert habe. Im Eifer beginnt er neben dem Sächsisch noch zu stottern, daß sich die am Morgen noch nicht angestimmten Sinne aesthetisch geradezu empören über dieses botokudische38 Gestammle eines deutschen Zwergstammes.

[21]

31. 10. [1943]

Das Buch lag fast 14 Tage in der Schublade. Die Tage sind zu sehr ausgefüllt39, um die Arbeit zu erledigen, die Bewegungslust zu stillen, den Lesehunger zu befriedigen, die Natur im Herbstkleid zu genießen und last not least mich mit den entzückenden beiden Schwestern Wedel zu befassen, ganz abgesehen davon, daß Briefe zu schreiben waren, Briefe der verschiedensten Art. Meine geliebte Frau schreibt mir, daß wider alle Erwartung u. Absicht womöglich ein Kindlein aus dem letzten Urlaub sich anmelde. Nun bin ich noch mehr in das Wohl u. Wehe dieses 5ten Kriegsjahres verflochten. Die Auspizien für einen Sohn sind günstig. Ich war kühl. Verstimmungen der letzten Zeit, die übertriebene Geselligkeit in Altaussee hatten mich vorsichtig u. reserviert gemacht. Es sollte diesmal in den kurzen Tagen des Sonderurlaubs sicher keine Enttäuschung geben. Ein wenig teile ich aber den indischen Glauben, daß der mehrliebende Teil das ihm entgegengesetzte Geschlecht herbeizieht u. bestimmt. Außerdem [22] liegt der September auch an meinem Sternbild. Ich bin nicht abergläubisch und weiß nichts. Aber wenn es Ahnungen gibt, so sind sie diesmal für einen Sohn eingestellt.40 Es wird uns ein drittes Kind noch enger zusammenschließen, denn die Überlegungen dazu haben uns manche Verstimmung in den letzten Jahren gebracht. Die große Sorge rund um Marilies und das Kind erfüllen alles in allem mich aber mit einem geradezu fanatischen Willen, mein Leben in dieser gefährlichen und sich in den Grundfesten verändernden Zeit zu beziehen und gut durchzustehen. Ich beginne es mit unendlichen Einkäufen und bin im Päckchenpacken schon ein Meister geworden, wobei ich zugeben muß, daß die handliche Arbeit mich nach langer Büroarbeit geradezu erfrischt. Es fand die Einweihung des neuen Soldatenheimes La Houge statt, das [23] Schwester Heidi als Heimleiterin übernimmt. Ich war mit Oberst geladen. Eine Menge Offiziere stand am Gang – was fehlt nicht bei einer so [unleserlich]haften Angelegenheit – ein steifes Gegrüße begann, eine die erstickende militärische Steifheit voller Rangbewußtsein und Enge beklemmt mich, daß ein revolutionäres indessen wohlverhaltenes inneres Lachen mich ankam. Endlich war alles verstummt an den hübsch gedeckten Tischen. Ausgerechnet saß ich zwischen Schwester H.41, die ich schon ein halbes Jahr fast ostentativ gemieden hatte, weil sie gar so viel Selbstbewußtsein in ihrem Heim hat und mit ihrem schmutzigen Karpfengesicht nicht mit [unleserlich] eine zu primitive Sinnlichkeit in ein Heim bringt, weil sie außerdem noch auf eine Junge spielt, die ihr nicht mehr zukommt. Jedes Alter verlangt eine gewisse Hal- [24] tung und es steht zu 40 Jahren nicht, was einer 20jährigen erlaubt ist. Wir schwiegen nach mühsamen Redethemen ausgiebig am Tisch. Der Oberst hielt eine ganz nette leichte Rede und ich war froh, daß sie nicht so dürftig wie seine übrigen war. Der General war aufgehalten durch Sturm auch noch auf Jersey. Er bewegte sich mit einer natürlichen Eleganz durch die Runden, die dem Selbstbewußtsein und der Gutgelauntheit eines gutgewachsenen alten Offiziers u. Gentleman entsprang. Auch ohne alle rote Streifen hätte ihm niemand die absolute Führereigenschaft absprechen können. Nach einer Weile ging ich hinaus auf den Gang Schwester Heidi nach, um sie zu begrüßen. [25]

Es war niemand draußen. Sie pustete und schüttelte sich in der entzückendsten Weise und griff mit beiden Händen nach den glänzenden Backen. Eine reizende Vertraulichkeit mir gegenüber lag darin. Ich durfte wie eine Freundin ein wenig hinter die Fassade dieses ihres Einweihungsfestes sehen, das eine große heiße und anstrengende Angelegenheit war. Auf ihre Frage, ob ich die übrigen Räume schon gesehen habe, schwindelte ich und verneinte ich gern und ließ mich von ihr nochmals überall durchführen. Das hätte Marie nie getan, sie hat einen im Trubel eher übersehen und ich glaube, es war eher weniger ihre Kurzsichtigkeit als ihre Geniertheit und Schroffheit, die auch allen ihren Bewegungen anhaftet. – Die Räume waren mit großem Geschmack mit den vor- [26] handenen Mitteln eingerichtet. Es strahlte überall etwas Persönliches aus, wie die Bilder hingen, die Schränke standen u. s. w. Ich wurde gefragt und durfte Ratschläge geben. Es waren entzückende Minuten, so privat beiseitegenommen worden zu sein und in diesen Augenblicken fand von einem menschlich warmen Gesichtspunkt gesehen, die wahre Einweihung des Heimes statt. Ich schrieb Schwester Heidi einen Brief in französischer Sprache darauf, weil man darin graziöser die Wohlgelungenheit des neuen Heimes nochmals nachfeiern konnte.42 Er enthielt nichts Anzügliches – ich würde gegen Heidi nie anzüglich sein, sie verdient nur gerade Offenheit oder völlige Zurückhaltung – es [27] sei denn, daß die Tatsache eines Briefes am gleichen Tag geschrieben auf einer kleinen Insel sich zugesandt etwas Anzügliches enthielt.43 Und so war mir es sehr recht, daß wir später den Brief nie erwähnt haben. Ich vergesse von diesem Tag nicht einen wunderschönen Strauß im Flur aus Heidis Hand und ihr neckisches mich Anlachen mit den beiden Handrücken auf den glühenden Backen.

Der Oberst ließ sich von mir zu allem leiten und wenn niemand nach mir herein kommt, gelten auch meine Vorschläge. Oft berechne ich auch die möglichen späteren Einflüsse und es gelingt mir sie auszuschalten. Ich kenne ihn viel zu gut in all seinen eitlen Schwächen und, wenn ich nicht mein Ziel für richtig hielte, müßte ich [28] über die raffinierten Mittel der Beeinflussung mich für schmutzig halten. Die Notwendigkeit der Ausweisung der B.44 aus verschiedenen Gründen war mir klar, obwohl die Folgen sehr hart45 sind. Die B. hatte persönlich bei ihm vorgesprochen und ihn für ihr Bleiben erweicht. Ich trug dem Oberst die objektiven Gründe für eine Ausweisung vor, verschwieg dagegen die subjektiven, die in ihrer Person lagen, denn ich wußte ja, daß er darin umgestimmt worden war von ihr. Ich verließ ihn mit dem Resultat, daß sie aus Menschlichkeitsgründen bleiben könne, im Grunde war er nur von der hübschen Person46 bestrickt [29] worden. Nach mir schickte ich Herrn K. zu ihm in einer anderen Angelegenheit und nebenbei erzählte dieser nun, wie die B. es dick mit allen Männern treibe und verschiedene Offiziere eingefangen hätte47. Ich hatte das in Vorbedacht nicht selbst gesagt, denn er hatte sie reizend gefunden und hätte von mir nicht gern gehört, daß er sich hier gründlich getäuscht hatte. Der Erfolg war, daß er sofort zu mir schickte und nun doch plötzlich für die Ausweisung war. Er war nicht belehrt und in seiner Eitelkeit verletzt worden, sondern war gleichsam selbstständig auf die Schliche der B. gekommen. Zur Zeit möchte ich ihn in einer mir wichtig erscheinenden Sache beeinflussen, aber ich kenne noch nicht den wahren Grund seiner Ablehnung, sodaß mir die richtigen [30] Mittel zum Ansatz fehlen. Gestern nach dem Essen habe ich die Pferde besucht, die alle im Freien in Boxen standen. Udo kennt mich von Weitem an meinem Schnalzen und spitzt die Ohren, weil ich ihm immer etwas mitbringe. Ich hatte aber diesmal nichts dabei, und ließ mir einen Blechkübel voll Hafer geben. Ich habe ihn reihum an meine Lieblinge vergeben und es gab viel Aufregung, Eifersucht und langgestreckte Mäuler und scharrende Hufe. Dabei zeigte sich, daß jedes Pferd eine ganz andere Maulgröße, Lippenbewegung und eine verschiedene Art von Gier und listiger Anheimsung der immer weniger [31] werdenden Körner hatte. Satan legte die Ohren weit zurück und sein Ausdruck bedeutete gleichzeitig Befriedigung wie auch Abwehr gegen Einmischung seiner Nachbarn, Pferdeköpfe sind wundervoll ausdrucksvoll und gute langschädelige Menschenköpfe gleichen ihnen oft nicht wenig.

Der Hengst »Satan«, mit dem von Aufseß Ausritte unternahm. (Foto: H. M. von Aufseß)

Wir waren in einem englischen Film: Dr. Auerbach hat dazu angeregt und ihn so gelobt, daß er sich schließlich verpflichtet zur Teilnahme fühlte. Ich meinerseits hatte den Oberst und die Wedelschwestern zur Teilnahme mit veranlaßt und so durfte also keinesfalls ein Reinfall eintreten. Es handelte sich um eine Geschichte aus der englischen Gesellschaft des vorigen Jahrhunderts. Ein Dichter und eine Dichterin lernen sich durch ihre Sonette kennen, die draus entstehende Liebe heilt die gelähmte Frau und die Tochter verläßt das Haus des egoistisch [32] sie liebenden Vaters, das Stück war getragen von 2 reizenden Schauspielerinnen und hatte große Feinheiten und einen geschickt bemessenen Wechsel zwischen heiteren und ernsten Szenen.48 Vor mir saß Heidi, neben mir flüsterte mir Dr. A schwer verständliche Sprachstellen übersetzend zu. Heidi beugte sich dabei zurück und nahm auch oft die hastigen Bemerkungen auf. So war sie ganz gestraffte Aufmerksamkeit nach beiden Seiten und vor dem Bild der Leinwand und der sympathischen hübschen Schauspielerin selbst ein mitspielendes Wesen. Oft sah ich auf sie, auf dieses hellwache, lebendige schöne Mädchen in der Halbdunkelheit der Loge, das auf jedes Wort anspielte und ein kluges und sensibles Geschöpf in einer ungewohnten neuen Nähe und Ansprechbarkeit für mich darstellte. Die Anwesenheit zu vieler Kinder brachte Lachsalven an rührend verkehrten Punkten [33] und auch der Oberst saß in einer Weise in seiner Ecke, daß man ihm die fehlende Beteiligung deutlich anmerkte. Tragik u. Seelengröße sprechen ihn nicht an, denn er ist für die mittleren praktischen Lösungen in allen Dingen und darin liegt auch viel Geschick und Verdienst von ihm.

Wir fuhren – Pelz49, Kriegsgerichtsrat und ich – Heidi in ihr Soldatenheim nach Hause u. besuchten draußen eine schöne große Farm, um zu entscheiden, ob der Pächter gegen den Willen der Verpächterin verbleiben sollte. Die alte 84jährige [Dame] Lady Vernon50 empfing uns in dem sehr englischen Landhaus am Kamin, daß mir alles wie die Fortsetzung des soeben gesehenen Films vorkam mindestens im Milieu der Einrichtung und des Geschmacks. Danach kehrten wir bei Heidi im Soldatenheim ein.

Es war reizend aber einfach vorgerichtet. Die [34] Extrasachen aus besonderen Schubladen, die es bei anderen Schwestern gibt und die man eigentlich nur mit schlechtem Gewissen gegenüber dem einfachen Soldaten annehmen kann, unterbleiben unangenehmerweise.51 Wir unterhielten uns vergnügt. Ich habe das stete Bestreben, in der Unterhaltung nie zu gewichtiges Ernstes zu sagen, mehr zu spielen und am liebsten ganz gegenwärtig und vergnügt zu sein. Es kommt mir nicht auf philosophische Gespräche als vielmehr auf eine phil. Einstellung an. Nun gibt es aber seltener Menschen, die einen im inneren Bestreben so ähnlich sind, daß man sich plötzlich mehr aufdeckt und bekennt. Wenn mich Heidi mit ihren blauen klaren Augen voll Sagens und träumerischen Ernsts etwas fragt, denn wäre mein Scherzen eine zu billige Antwort gewesen. Denn sie ist nicht ein Kind und nicht unreif in der Frage, die sie stellt, sondern eine geistige Per- [35] sönlichkeit steht dahinter und die gute Stirne, die feine Nase und die klaren Augen sind der Tempelsitz hiervon. Gleich reagiert sie auf die Antwort herrlich richtig und findet fehlende Worte und Vergleiche dazu. Ich komme manchmal nicht davon ab, sie gegenständlich als etwas ungeheuer richtig und Wohlgelungenes zu betrachten, an dem ich meine reine Freude habe, wie an einem edlen Kunstwerk. Nur lebt dies alles und erwidert und ist beweglich folgend und hat eine eigene Seele und seine Gefühle und Hoffnungen und Sorgen. Ja müßte meine seltsam starke Berührung durch sie nicht auch eine Erwiderung in ihr finden. Ich werde mich nie verraten und sie auch niemals ausfragen. Ich beherrsche meine Sinne und meine Worte so sehr wie sie die ihrigen. Ich liebe meine Frau und ich werde nie etwas zerstören oder auch nur stören, was [36] unsre Ehe oder die offene Zukunftsbahn von Heidi berühren würde.52 Beherrschte Leidenschaften sind Tugenden heißt es irgendwo.53 Jetzt, wo ich dieses nachsage komme ich mir unangenehm brav moralisch vor. Bin ich immer so beherrscht und müssen Leidenschaften sich immer gleich wie tobende Stiere gebärden? – Diese fürchte ich nicht, aber sind es nicht die stillen Passionen, die sich ansammeln und eines Tages überbrechen, die gefährlichen? –

Es sind nun schon wieder viel zu viel Tage verflossen, ohne daß ich zum Schreiben kam. Nie mehr kann ich alles so nachholen und ich versuche das Wesentliche nur noch nachzuholen.

Am Mittag vor der Abreise nach Paris fuhr ich mit Pelz zu Heidi hinaus, um [37] Bilder von ihr zu machen. Sie saß erst neben mir am Tisch und der gut gelaunte Pelz brachte an sich die besten Voraussetzungen, um bei aller Natürlichkeit die ersten Versuche zu machen. Aber welches sensible Geschöpf ist schon Heidi. Jeden Augenblick anders und von einer entzückenden Spanne vor jedem festhaltenden Blick der Kamera. Also gingen wir in das Freie. Aber nun durfte ich auch nicht mehr vom Photographieren reden, wenn es nicht den schönen Tag unter einen einzigen unbeliebten Zweck setzen sollte. Es war ein greller Sonnentag mit hellen weißen Wolken und einer weiten Fernsicht, ein frischer Wind blies aus dem Wasser, ein idealer Tag zum Photographieren. Heide nahm ihr klösterliches Häubchen ab und [38] nun flatterten ihr wild die gelockten dunklen Haare um den Kopf. Jeder Augenblick bot neue reizvolle Bilder. Ich war so entzückt von den entzückenden Bewegungen und dem Aussehen, daß meine Kamera nur schwer nachkommen konnte. Wenn mich bisher ihr Wesen stark angezogen hatte, so hat mich diesmal ihr Aussehen völlig betört. Nach lustigem Herumklettern über den senkrechten Küstenabfall zum Meer fuhren wir noch auf dem Meeresgrund 5 Seemeilen weit durch die Aubinsbucht54. Es war ein glücklich schöner Nachmittag voll Lebenslust, Freude und versteckter Verliebtheit.

Am Abend fuhr überraschend früh unser Boot aus.55 Es stürmte inzwischen [39] immer mehr und unser Vorpostenschiff begann bald mächtig zu schwanken. Schwester Elisabeth, die leibgewordene Pflichterfüllung und Tüchtigkeit, saß schweigend in sich gekrümmt und heftig mit sich kämpfend im Freien mit auf der Kommandobrücke. Ich wollte ihr etwas Ablenkendes sagen, aber leider wurde dies gerade zum Anlaß für die ausbrechende Übelkeit. Oberst Prahl56 mit seinen abstehenden Ohren und dem Wichtigtuergesicht des hochgekommenen Halbgebildeten redete große Töne von »meinem« Stab und »meiner« Batterie und »meiner« Stellung, weiter reicht es ja nicht bei ihm. Der Oberst hatte auch zwischen den Pausen des über Bord sich Aussprechens genügend mit sich zu tun. So konnte ich das [40] Meer genießen, die abziehenden sich überschlagenden Wellen beobachten und an den zauberhaften Nachmittag zurückdenken, in dem der hübscheste Mädchenkopf mit wirbelnden Haarlocken noch so frisch und anziehend darinstand.57

Nach fünfstündiger Überfahrt und vielem vorigem Lichtverständigen58 stiegen wir an Land und es erwartete uns in dem Küchennebenzimmer von Monsieur und Madame im Hotel Modern ein geradezu fantastisches Essen. Das Zimmer war gerade nur so groß, daß der große Tisch und die Stühle darum Platz hatten. An die bildlose Wand gedrängt, stand das größte Durcheinander von Kinderstühlen, Schuhen, [40] Strickzeug, Kartons u. s. w. herum. Der Raum war also ausschließlich für konzentriertes Essen gedacht. Der Hauptzug des alternden französischen Ehepaars nach gutem Essen war geradezu drastisch an dem riesengroßen Tisch in dem winzigen fenster- bilderlosen Zimmer verkörpert.

Die Reise nach Paris verging viel zu rasch. Die Sonne war durch Nebel hindurchgebrochen und nun glänzte alles saftig grün und golden feucht. Ich ging nicht mehr vom Fenster weg und genoß diese letzten schönen Herbsttage, die nirgends köstlicher als in Frankreich erschienen. Paris lag dagegen im dicken Dunst und wie wir die Wälder von Versailles59 verließen verschwand die Sonne.

[41] [1944]

5. 6. Nach vielen Monaten dahinfließender Zeit setze ich meine Aufzeichnungen fort:

Am frühen Sonntag Morgen geritten. Satan war herrlich geputzt und wie stolz darauf. Ich klatschte ihm liebevoll die edle Linie der Kammmähne und flüsterte ihm eigenerfundene Koseworte, die er so wenig verstand, wie ich sie hätte erklären können. Nach der Hindernisbahn lief ungerade, häßlich quer ein schwarzer Kater über die Bahn. Kurz drauf verlor Satan u. [unleserlich] einen Huf. Er hatte den Vorzug, ich verließ den Pulk und bummelte nun ganz für mich nach Hause. Man sieht immer mehr allein und führt mehr Zwiegespräche mit den Dingen.

[42]

11. 8. [1944]60

Ich mache mir innerlich Vorwürfe, so wenig Aufzeichnungen gemacht zu haben. Die Zeit ist äußerst spannend und Stoff in Überfülle in der Zwischenzeit angelaufen. Aber zur Entschuldigung dient, daß noch immer ein Briefverkehr möglich war. So habe ich die letzten Möglichkeiten so ausgiebig ausgenützt, daß schon zeitlich nichts für ein Tagebuch übrig blieb. Gestern ist St. Malo gefallen.61 So sind wir endgültig abgeschnitten.62 Bei dem äußerst klaren Tag sehen wir deutlich die Rauchwolken über der zerstörten Stadt. Gedenke, welche Herrlichkeit und Stolz einer alten Seestadt hier so bildlich in Rauch vergeht. Unsre Lage ist seltsam: Engländer und wir sind beide Gefangene. Auf der Karte anzusehen, liegen nur die kleinen Inseln unbedeutend weit mitten im englisch beherrschten Land. Der Schlachten- [43] lärm rückt von uns ab. Wir spaßen über die Vergeßlichkeit der Engländer, uns hier liegen zu lassen.63

Vormittags bei Oberst Heine64 im stickigen Bunker. 1400 Marineleute haben uns als zusätzliche Esser von St. Malo beglückt. Sie hätten dort dem schwer kämpfenden Heer lieber helfen sollen. Aber man soll nicht inselhaft egoistisch sein. Die wären schon tot oder in Gefangenschaft und dürfen nun hier in den Straßen scharwenzelnd ihr Leben genießen. Gefangene Amerikaner sind auch gekommen. Man möchte mehr von ihnen wissen. Mit welchen Überzeugungen kämpfen sie [44] eigentlich in Europa. Vorläufig scheinen sie nur anmaßend nach mehr u. besseren Zigaretten und nach Süßigkeiten zu verlangen, die wir alle längst nicht mehr haben. Einer hat das ganze Gesicht von einem Flammenwerfer verbrannt und rechts u. links in der Schulter Durchschüsse. Rührend wie der Feind durchgepflegt wird. Er wird am Ende durchkommen.65

6 Propaganda Leute der Marine sind gleichzeitig mitgekommen und stellen sich dem Festungskommandanten vor. Sie wollen Dienststelle aufmachen und große Berichterstattung hier aufziehen. Ich wüßte nicht, was auf unsrer rettungslos belagerten Festung überflüssiger wäre. [45]

Delikate Frage der Zuteilung der letzten Gasspeicherung für Volksküche und für Zeitung. Sonderführer Hohl66 (nomina sunt omina)67 giftet in Propaganda und verhindert objektives Abwägen. Ich spüre dahinter den tiefen Konflikt, der mit dem Attentat auf den Führer durch das Volk geht. Jedes Maß und jede Vernunft wird als reaktionär verdächtigt. Es genügt nicht mehr, gut deutsch zu denken. Der Galgen steht als Verzerrung über allen und besonders über dem Adel.

Ersten Reichweitenbericht für die belagerten Festungen übergeben. Auskommen bis Ende Dezember, danach große Not unabwendbar. Eigenartig klares Erkennen, der Lebensbedürfnisse und Leistungsfähigkeit eines Landes. [46]

Mittag am Strand. Die Holzrippe eines Schiffes halbverkohlt wurde angeschwemmt. Großes Interesse der Kinder, die darum herumspielen. Bestätigt mir bildlich den oft gefühlten Gedanken, daß Krieg ein böses Kinderspiel und Bubenstück. Liebe am Zerstören und Zerstörten Soldaten und Kindern im gleichen Maße liegend.

Lese zur Zeit Hans Jünger »Blätter und Steine«68. Anregender Gedankenreichtum.

Besuche Kriegsgerichtsrat Dr. H.69 Ein kluger juristischer Kopf, aber trocken und etwas Hämisches im ausgezehrten Gesicht. In der Rechtsfindung stimme ich mit ihm überein nicht aber im Strafmaß. Hier gehört ein Bogen Herz, Gemüt u. warmer Humor dazu, um für das Befremdliche der Abgleichung von verbotenen Handlungen mit Wochen u. [47] Monaten von Gefängnis dennoch eine Lebensnähe zu bewahren. Wir achten uns beide gegenseitig, wenngleich jeder im andern gerade dort Schwächen sieht, die dieser für seine Stärke hält.

Abends die Verhandlungsberichte über Generalfeldmarschall v. Witzleben u. s. w.70 gelesen, die zum Tod durch Erhängen verurteilt wurden. Verhandlungsführung des Vorsitzenden71 entspricht nicht der sonst an höchsten deutschen Gerichten üblichen objektiven Sprache. Entweder hat Propaganda die Verhandlung in ihre Sprache übersetzt oder es sind die Formen, die man von einem hohen Gericht verlangt, durch den Zeitgeist abhanden gekommen. [48]

Es ist zu befürchten, daß dieser Prozeß die letzten Sympathien des Auslandes für das neue Deutschland genommen hat.72

11. 8. [1944]73

Ich schreibe am Abend am Fenster meines Büros. Habe weiten Überblick über das Meer. Die Bäume leuchten grüngolden in der Abendsonne. Von Malo kommt ununterbrochenes dumpfes Geschützgrollen herüber. Manchmal wackelt das ganze Gebäude und Türen schlagen. Es wird der Endkampf um die Küstenforts und Dünen sein. Dann wird der Krieg von uns weit weggehen, bis wir in einem Nachholen selbst daran kommen werden.

Empfinde den Abend viel schöner, als meine innere Stimmung. Er ist so einer [49] der von mir so geliebten Augustabende, an dem ich wohl sonst mit der liebsten Frau zu Hause innig glücklich gewesen wäre. Es waren zu viel Anfechtungen und Anforderungen. Früh Sof. [Sonderführer] Hohl mit seiner Zeitung.

Mittags verlangt Heider74 wegen Entweichen eines englischen Strafgefangenen75 Bestrafung der Zivilbevölkerung durch Schließen des Strandes. Ich bin über die Absurdität dieser Forderung zunächst zu sehr empört. Ärgere mich danach über mich selbst. Irgendwelche freilich angemessenen Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung wegen des Verbor- [50] genhaltens einer ganzen Menge von uns gesuchter Personen müssen wohl ergriffen werden. Doch ist es im Augenblick unsrer hoffnungslosen Lage ein gefährlicher Fehdehandschuh, der einmal hingeworfen sofort vielfach aufgegriffen werden wird. Wo liegt das Maß zwischen zu großer Strenge u. Schwäche? Niemand kann mich hier darüber beraten. Auerbach und General sind nicht da. Es kann nur das richtig sein, was ich in mir selber finde. Dabei ist es aber von vornherein klar, daß es keine ideale Lösung gibt.

[51]

Nachmittags im Kino. Ein Film mit Luise Ulrich76 nach dem Ibsen-Stück Nora77. Luise Ulrich packt mich immer ganz. Eigenes fernes Eheglück wird weh wach. Über dem Trennungsschmerz ruht sonst der Alltagsstaub u. deckt ihn zu. Aber deswegen ist er immer da und wird nicht heilen, nicht in 10 Jahren Gefangenschaft und nicht beim Sterben in einem fernen Land.

Es beschleichen einen melancholische Gedanken bei diesem untätigen Zusehen, wie die Schlinge der Gefangenschaft um uns gezogen wurde und es kein Aus [52] mehr geben wird. Gar nicht zu denken an die Familie in einer Niederlage, denn aus dieser flössen 1000 Leiden, wie nur einem siechen Körper in alle Adern.

12. 08. [1944]

Am Badestrand herrscht noch völliges Einvernehmen zwischen den deutschen Soldaten und den englischen Mädchen. Wenn es nur verborgen genug geschieht, gibt sich jedes Mädchen mit wenigen Ausnahmen ihm auch hin. Die Engländerin ist auffallend klar, mühelos und schnell in Liebesdingen. Während die Französin immer noch mehr ihre Person dabei einsetzt und das Spiel auch geistig getrieben haben will, ist es bei der Engländerin eine erstaunlich nüchterne Körpersache. Es ist nicht zu verkennen, daß in dieser geschwinden, mühelosen Art des Lie- [53] bens eine gewisse Helle, eine Geradheit, Aufrichtigkeit, Unverdecktheit und ein Freisein von Schwüle und Zwielicht liegt. Wenn die Französin nach langem Kuß ein Wort oder eine Verszeile über die Liebe findet oder singt, die Engländerin lacht gewiß über das lange Verküssen. Auch die Deutsche, wie schwer gefühlsam, schweigend ist sie dennoch und wie innig und zärtlich auch.

Ich möchte es nicht vermissen dieses langsame Auf- und Zueinanderdämmern zweier Seelen, die Unwissenheit, das zaghafte Ahnen, das Geheime, Fremde, Zarte im Sichbegegnen, dem Zauber inniger Berührungen und die goldenen Reize inniger Schüchternheiten verhaltener Scham. Wo ist dagegen der Gewinn zu [54] schnellen Sichfindens, zu frühen Erkennens und zu aufgedeckter Sinnlichkeit.

Ich denke an die Rückkehr zur eigenen Frau und zu den Kindern. Ich spüre dabei vorausahnend wie jedes Wort, jeder Blick und jede Bewegung zu einer Quelle der Freude werden wird, wie alles an die Heiligkeit der ersten Ehe erinnern wird, wie sich darin das Einmalige, das für alle Zeiten Bedeutende ausdrücken muß, das durch den Alltag webt, und wie hinter den Schmerzen das Glück des Lebens in einer neuen Tiefe aufleuchtet.

13. 08. [1944]

Lange Besprechung bei Oberst Heine. Es ist ein vornehmer alter Herr, bescheiden und auf Form bedacht, aber auch militärisch, über- [55] vorsichtig, gehemmt und tiffelig78. Schon wie sein Kopf so steif zwischen dem hohen Kragen sitzt, macht er den Eindruck des Steifen, Unbeweglichen. Seine mangelnde Frische und Elastizität hat aber den Vorzug, daß er nicht unbedacht handelt. Für die Militärverwaltung ist das aber wichtiger als Überheblichkeit, Anmaßung und Darauflosgehen. Oberstleutnant Lindner79 ein gutmütiger ostelbischer Riese mit riesigem runden Schädel und winzigen Äuglein. Er leistet im Grunde nichts, ist ganz auf seine Mitarbeiter angewiesen. Dafür wiederholt er und schreit so laut bei Besprechungen das, was er gerade einmal begriffen hat. Er überschreit seine Bedeutungs- [56] losigkeit.

Delikate Angelegenheit der Sühnemaßnahmen gegen Bevölkerung besprochen wegen Verborgenhaltens von Entwichenen. Bin als einziger für Zurückhaltung. Dürfen nicht wegen ein paar wertloser Entwichener den Fehdehandschuh hinwerfen, der vielfach in dieser Lage aufgegriffen werden würde. Wir verbrauchen unsere Mittel vorzeitig für Lappalien.

Mittags kam Sanitätskompagnie wieder mit Pferden an den Strand. Zuerst ritt ich mit Toni, einem zierlichen kleinen Pferd, beim Galopp wie ein Eselchen. Danach kam der Schimmel Froni, ein wildes unbändiges Mädchen, das nie müd wird und nur immer losschießen möchte. Ich ritt mit ihr in der Badehose ohne Sattel und beherrschte sie schwer aber doch vollkommen. Ein herrliches [57] Gefühl, so ein wildes Pferd und den Strand in Kilometerlänge vor sich, dazwischen ritt ich mit Froni immer wieder in das Meer hinein. Sie schwamm weit in das Tiefe hinaus und ich saß dabei auf ihrem Rücken u. gab ihr weite Zügel. Manchmal kamen furchterregende große Wellen und dann kamen ihre Lefzen unter Wasser und nur die geblähten Nüstern schauten noch wie eine Nilpferdschnauze heraus. Aber schon schnob sie ihren Brustkasten tief voll Luft, daß es sie wieder hoch heraushob. Sie öffnete nun das Maul mit offensichtlich schlechtem Geschmack, machte lange Zähne. Es war doch etwas Meerwasser eingedrungen, das ihr nicht gut geschmeckt [58] hatte. Ein paarmal nahm ich kleine Buben mit auf das Pferd, die glühend begeistert waren. Aber Froni ist zu gefährlich, für solche Wagnisse. Wir beide Froni und ich waren allgemeine Sensation am Strand. Bleul80 erzählte mir nachher den Eindruck. Sie fragten »who is it« und es wußten genug, daß es der »Baron« war. (Nach Schopenhauer ergab sich somit ein doppelter Genuß an dem, was einer an sich selbst hat, und an dem, was einer vorstellt für andere.81 So habe ich mich in der eigenen Bewegungslust u. Freude am Pferd und in der Vorstellung eines kühnen Reiters der anderen ausgelebt.)

Auf den herrlichen tiefblauen Nachmittag folgte ein ebenso wunderbarer Abend. Ich [59] besuchte in meinem zweiten Bungalow das dem jungen englischen Paar geliehene Häuschen. Spielte seit langem einmal wieder Violine, brachte Tim herrliche Knochen eines rabbit mit und kehrte müd und ausgebrannt von Sonne schließlich an mein Abendfenster im Büro zurück. Es war eine selten schöne letzte Abendstimmung mit tiefroten Wolken. An diesem Abend ist in St. Malo drüben der letzte Widerstand erloschen.

14. 08. [1944]

Wenn man an die Lieben zu Hause denkt – und wie oft geht einem das in der weiten Abgeschnittenheit jetzt – so entdeckt man, wie sehr zu ihnen allen ein Stück Landschaft und Natur [60] gehört, was wir Deutschen für ein naturverbundenes Volk sind. Mama gehört in eine Enge überreich blühender Gärten. Ein Blumenparadies darf nicht weit sein. Es muß geschützt vor Winden, von Mauern und Hecken umgeben die Blumen in ihrer kleinen Welt mit ganzer Pracht aufleuchten lassen. Der Garten in Oberaufseß entspricht in seiner Abgeschlossenheit von Mauern und hohen Bäumen weitgehend diesem Bild. Es entsteht dadurch das Glück einer Weltabgeschlossenheit und innigen Freude am Kleinen und einer höheren Empfindlichkeit gegen alles von Außen Kommende. Wie anders dagegen meine Frau. Sie liebt die Weite, den Anstieg [61] auf hohe Berge, das Liegen vor weiter Sonne, den weiten großzügigen Park. All dies macht ein Stück ihres eigenen feinen Wesens aus und es hat so unendlich viel des Schönen, Großen, Kühnen und wieder des Lieblichen und des Vielseitigen darin seinen rechten Platz. Zu Herbert82 gehört das kleine pfälzische Städtchen mit seinem Selbstbewußtsein und engem wohlgehüteten Stolz. Ich bin überall da zu Hause, wo alte kraftstrotzende Bäume wachsen können und sie ihre starke Persönlichkeit vor den lichten Himmel stellen.

Die Nacht war sehr unruhig. Ein Geleit nach Gy83 muß in eine Seeschlacht verwick- [62] elt worden sein84. Alle Lazarette sind schon mit Verwundeten aus St. Malo gefüllt.85 Flieger flogen so tief über uns, daß ich den Atem anhielt, ob nicht etwas geschähe und sie im nächsten Augenblick in den Hausgiebel hineinschössen. Es waren ausnahmsweise einmal wieder deutsche und sie haben die Nachschubwege der Amerikaner bombardiert.

15. 8. [1944]

Ein Buch Churchills über seine großen Zeitgenossen in die Hand bekommen.86 Zuerst das Kapitel über Hitler gelesen, das im Jahr 1935 abgeschlossen ist. Ich habe mir mehr persönliche Kritik erwartet, während das Buch Hitler in die ablaufenden Geschehnisse hineinstellt und daraus allgemeine Schlüsse zieht. Ich neige zu der Ansicht, daß die Persönlichkeit H’s. [63] als Thema zu einem Buch gar nicht so anziehend sein kann, nicht entfernt wie die Napoleons oder gar Bismarck. Es fehlt in seinem Leben zu sehr das Private. Seine Eigenschaften sind weniger kompliziert und vielseitig, als vielmehr plump, ungeistig, einseitig, ausgerichtet und von Willensenergien wie von hartangezogenen Federn geglättet. Es wird vielmehr die Zeit selbst um ihn sein, die interessiert. Sie hat ihn einmal gerufen. Sie forderte den dynamischsten aller Menschen heraus, um den verfahrenen Karren herauszuziehen. Wenn aber die wilde Kraft nicht einhält, immer weiter zerrt und sich nicht wandelt, so muß sie anecken und schließlich zu- [64] grunde gehen.87 »Nur wer sich wandeln kann, dem gehört die Zukunft« sagt einmal Stefan George88. Das aber kann Hitler nicht. Er bleibt maßlos in seinem Glauben und Wollen. Er opfert damit von Stalingrad begonnen eine Armee und Division nach der anderen dahin.89 Auch wir hier in unsrer fatalen Lage auf der weitum abgeschnittenen Insel sind ein Opfer dieses Sichnichtwandelnkönnens, dieses Starrsinns und der zu späten Einsichten.

Zu starkes Wollen, sich nicht Bescheidenkönnen das ist aber weder weise noch christlich und es steht nur einem Halbgott und einer königlichen Figur zu, wie sie der junge Alexander90 im höch- [65] sten Maß war. Sie steht nicht einem Emporkömmling, dem Weltkriegsgefreiten und dem Anstreicher aus Böhmen91, so viel fatale Zauberkraft auch in seiner Persönlichkeit liegt.

Französisches Buch über Histoires drôlatres von Monfigny92 gelesen. Leichtestes erotisches Geplauder mit erdachtem und gestelltem Ausgang. Erinnert an Boccaccio93.

Vom Bathing Pool bis zu meinem Bungalow geschwommen. Weit im Meer draußen gegen leichten Ostwind, der kurze Wellen in das Gesicht schlug. Angenehmes Vertrauen auf Körperkraft im weiten Element [66] draußen.

Kinder bauen Sandburgen vor das hereinkommende Meer, die von Wasser bestürmt und schließlich zerstört werden. Am aufregendsten der Augenblick, in dem die Sanddämme noch halten und man bereits in einer trockenen Insel im Meer rings steht.

Schwerstes Bombardement auf St. Malo. Die Insel zittert wie von Erdbeben. Erstaunlich langer Widerstand in dieser Hölle.

Heute 2te Invasion in Südfrankreich.94 Man ist gar nicht mehr entsprechend beeindruckt. Das allge- [67] meine Zurück und Abwärts schon zur Gewohnheit geworden.

Polizeibesprechung, mit untergeordneten Problemen zeigt Friedlichkeit auf dieser Insel und rechtfertigt mich innerlich, daß alle überreizte Provozierung wegen Lappalien nicht am Platze ist. Besprechung mit Bailiff über Lichteinschränkung, Austausch von ziv. Schlachtpferden gegen bessere Truppenpferde usw.

16. 8. [1944]

In Sof95 Wölcken96 steht ein klares Beispiel des Intellektuellen vor mir. Er ist sehr belesen und beschlagen auf allen Gebieten. Hat überviele Ansichten, aber kein Urteil. Sein Verstand gleicht einer ausgezeichne- [68] ten Spieldose, die oben auf seinem unbeteiligten Körper sitzt. Es ist keinerlei Verbindung zwischen Verstand und Gefühl, wo doch nur beide im ständigen Kampf untereinander die Persönlichkeit bilden. Physiognomisch und körperbaucharakterlich drückt sich das gleich aus. Eine hohe Stirn, ziemlich uninteressant gewölbt. Ihre Spannung liegt über der Nasenwurzel und den scharfbebrillten Augen. Betonung also auf dem kritischen, beobachtenden, nicht schöpferischen, philosophischen Denken. Die Backen sind kindlich dick gefüllt, ein Zeichen für mangelnde seelische Durchlebtheit. Der Körper, der an sich wohl gebaut ist, hat [69] völlig schlaksige unharmonische Bewegungen. Auch er ist von nichts Geistigem oder Persönlichem angehalten oder geführt. Seine Neigung ist Büchersammeln. Sein Verhältnis zum Buch ist stärker als zu allem Lebenden, wie zu Frauen, Hunden oder Natur. Seiner Freundin, die seine starke Eitelkeit befriedigt, liest er am liebsten Bücherstellen vor, natürlich nur englische, denn zu seiner nun mal etwas charakterlosen Art gehört es, daß er restlos in das gegnerische englische Lager gehört und im Grunde nur alles Englische bewundert und das Deutsche verachtet. Da wir [70] ihm dies vielfach vorgehalten haben, hat er eine aus seinem Mund paradox klingende Dialektik entwickelt, die ihn immer gleichsam als Deutschfreund beweisen soll. Er ist kein durchhaltender Arbeiter, hat oft schon den Beruf gewechselt und war nach einem Jahr in Schottland als Lektor zuletzt Buchhändler in München. Seine Dinge sind ausgeklügelt und übergescheit. Dabei ist nicht zu verkennen, daß manchmal auch sehr Gutes herauskommt. Seine geistige Beweglichkeit hebt die Dinge gleichsam auf verschiedene Stühle und läßt sie von vielen Seiten sehen. Es spricht hervorragend englisch und besitzt eine [71] Fertigkeit, selbst erst halbausgesprochene Gedanken u. Ideen sofort in ihre Vollständigkeit zu übersetzen. So ist er mehr ein gutes Instrument als ein guter Mitarbeiter und mehr ein Nachschlagwerk als ein Berater.

Ganz anders dagegen ist Sof Bleul. Er macht zunächst mit seinen engen bebrillten Augen und seinem strengen Ausdruck mit der hasenhaft vorstehenden Oberlippe den Eindruck eines humorlosen Schullehrers. Er ist von Beruf auch Studienrat und hat etwas Schulmeisterliches an sich, was [72] überall eine sichere Art ist, um zunächst Abneigung zu erwecken. Bei näherem Kennenlernen und in seiner Arbeit zeigen sich aber mehr Vorzüge als Nachteile. Seine pedantische Sturheit ist im Gesamteinsatz einer Verwaltung unbedingt notwendig. Da gibt es Preisdurchrechnungen, unklare Statistiken, verwickelte Lappalien. Hierfür ist der Ansatz eines bissigen nicht nachlassenden Mannes geradezu wunderbar. Sind dagegen Dinge mit der leichten Hand und einem gewissen Scharm und Witz besser zu lösen, so nur nicht ihn dafür einsetzen. Persönlich ist er sehr gefällig und innerlich anhänglich u. verbunden weil ich zu den wenigen gehöre, die seine Vorzüge aner- [73] kennen und einen freundschaftlichen Kontakt über vieles gemeinsames Baden mit ihm halte. Auch dabei zeigen sich bei ihm plötzlich leichtere und liebenswürdigere Seiten. Die durch seine Lehrtätigkeit im Ausland gewonnene größere Beweglichkeit kommt dann vorteilhaft heraus. So lohnt es, zu ihm nett zu sein, weil hinter dem äußerlich und anfänglich zu leicht abstoßenden Schulmeister ein umgänglicher Mensch hervorkommt. Er hat einen leidenschaftlichen Hang zu Sonnenbädern u. kann den Stolz des braunsten Mannes der Insel für sich in Anspruch nehmen. [74]

Seine braunen Körperfarben sind so tief, daß selbst der bei der stark ausgeprägten Eßlust nicht vermeidbare embonpoint97 nicht so auffällt. Seine Art zu Mädchen ist ein wenig eigenartig. Er schnalzt gern mit dem Daumen und hat eine Weise des Nachblickens, die etwas Kompromittierendes hat u. aus südlicheren Landstrichen genommen scheint.

17. 8. [1944]

Am Morgen bei den herrlichen Augusttagen erfaßt mich immer wieder ein wehmütiger Schmerz nach den Lieben zu Hause. M. ist nun einmal meine einzige große Liebe im Leben und ich bejahe sie mit meinem ganzen Wesen. Zur Zeit bedrückt mich noch weniger die Sorge um [75] ihr materielles Ergehen als die Sorge um ihre Seele, um dies schwertragende Wort zu gebrauchen. Ich habe die Anwesenheit der Schwiegermutter schon einmal mit einem Katalysator verglichen, der den Anstoß zu einer völligen seelischen Umbildung gibt. Bei der Anwesenheit Mamis98 wird aus ihrer Milde und Heiterkeit Widerspruchsgeist und Gereiztheit. Die gerade feine Stirn faltet sich in hundert Runzeln und der ganze Ausdruck verändert sich zum Nachteil. Was aber eine Frau jung erhält, ist nur eine schöne Seele. Die wird ihr aber genommen. So fürchte ich, daß meine Frau von dieser Seite alt u. abgebraucht wird in der langen Trennungszeit, die noch bevorstehen könnte. Sie wird [76] vermehrt in das übergesellige Leben Altaussees flüchten. Wenn ich zurückkomme wird nicht mehr die alte Zärtlichkeit und Innigkeit da sein. Um dies fürchte ich am meisten.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
574 s. 41 illüstrasyon
ISBN:
9783955102258
Yayıncı:
Editör:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar