Kitabı oku: «Weihnachtstraum»

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2020

© 2020 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelillustration: Sebastian Schrank, München

Lektorat: Christine Rechberger, Rimsting

Satz: SATZstudio Josef Pieper, Bedburg-Hau

eISBN 978-3-475-54867-3 (epub)

Worum geht es im Buch?

Hans-Peter Schneider

Weihnachtstraum

24 bezaubernde Geschichten für Weihnachten

Die wunderbare Vielfalt des Weihnachtsfestes wird von Hans-Peter Schneider in humorvollen, nachdenklichen, besinnlichen, fröhlichen und aufmunternden Texten abgebildet. 24 Geschichten werden garniert mit 24 guten Gedanken für die Advents- und Weihnachtstage und zahlreichen Gedichten. Das Buch verspricht unbeschwerte, stimmungsvolle Lesefreude im Kreis der Familie und Freunde bei Feierlichkeiten oder nur für sich alleine am Kamin. Ein reicher Schatz an Werken, der uns auf diese zauberhafte Zeit einstimmt und Weihnachten mit all unsren Sinnen und in unsren Herzen wahr werden lässt.

Für Antonia, Emma, Sebastian, meine Eltern und meine Weihnachtsfreunde

Inhalt

1

Träume sind die Wunschzettel des Herzens.

Das Märchen vom Weihnachtstraum

Weihnachtstraum

2

Brems dich selbst! Dann bremst das Weihnachtsglück für dich!

Die Wahrheit am Heiligen Abend

3

Genießen. Besinnen. Innehalten!

Bastelanleitung für die Weihnachtszeit

NICHTS zu Weihnachten

4

In der Zeit, in der du dich über verpasste Chancen ärgerst, kannst du schon unzählige neue ergreifen.

Mia san Weihnachten

5

Dein Herz verrät dein Alter, nicht dein Pass.

Lasst Seppi froh und munter sein

6

Ein Regenbogen ist das Lachen des Himmels.

Die Argumentationskette am Nikolaustag

Nikolauswärme

7

Fantasie ist ein Geschenk, das man nicht kaufen, sondern nur auspacken kann.

Das Weihnachtsmärchen von der Bedeutung

Geborgenheit

8

Jeder Mensch hat im Schnitt nur 80 Weihnachtsfeste. Willst du wirklich noch eines ungenutzt lassen?

Christbaumkugeln vom Fachmann

9

Wer nicht zugreift, wenn Gott wunderbare Augenblicke bereitstellt, ist selbst schuld!

Rezept zur Zufriedenheit in Zeiten der Klimaerwärmung

Fenster zu deinem Herzen

10

Es gibt keine Sorge, die mit einem Lächeln größer wird.

Herr Rammelmeyer genießt den Advent

11

Den Sinn von Weihnachten erkennt man im Strahlen von Kinderaugen.

Weihnachtslichter

Weihnachtsruhe

12

Wer immer in der Reihe tanzt, verpasst die Kür.

Echte Weihnachtsliebe

13

Eine Schneeflocke ist das Geschenk Gottes, der dir sagt: »Geh raus! Freu dich!«

Weihnachtsabend

Wenn Ochs und Esel …

14

Sterne sind das Funkeln in den Augen der Engel.

Die selbstgebackenen Plätzchen des Chefs

15

Handy aus! Herzen auf! (Familie an!)

WhatsApp Weihnachts-Chat

16

Glanz in den Augen bringt Glanz im Herzen.

Das Weihnachtsmärchen vom Glück

Sternlein schön

17

Rede nicht immer von Weihnachten! Lebe es!

Der Familienadventsabend

18

Wer den Sinn von Weihnachten nicht versteht, hat noch nie mit einem Kind auf dem Arm einen leuchtenden Christbaum betrachtet.

Weihnachtsmarkt mit den alten Freunden

19

Auf die kleinen Dinge zu achten, heißt, den Blick für die großen geschenkt zu bekommen.

Der Sessel

20

Lächeln schenken, Freude ernten.

Die Weihnachtsgurke

21

Stille ist die kleine Schwester der inneren Zufriedenheit.

Das Weihnachtsmärchen von der Sehnsucht

Weihnachtsstille

22

Wärme. Wohlfühlen. Weihnachten.

Die letzte Stunde vor den Weihnachtsferien

Weihnachtswichtel Konstantin

23

Weihnachten bin ich ganz weit weg! Ohne Stress, Handy und Telefon. Ich bin in mir.

Zwerg Isegrimms Weihnachtswunder

24

Zu Weihnachten leuchten für dich unzählige Sterne. Du musst nur dein Herz für sie öffnen.

Der Blick aus dem Fenster

Wenn ich mir vorstelle

Nachwort

Weihnachten nach dem Ausbruch des Corona-Virus 2020

1

Träume sind die Wunschzettel des Herzens.

Das Märchen vom Weihnachtstraum

Es war die Nacht des Heiligen Abends. Ein Mann mittleren Alters stand am Fenster und blickte hinaus. Die Lichter aus den Nachbarhäusern erhellten warm die Dunkelheit. Leise und sacht klopften kleine Schneegraupel an die Fensterscheibe und ein unerbittlicher Wind ließ die Sträucher tanzen.

Seine Frau und seine Kinder schliefen bereits tief und fest. Er konnte sich nicht vom Fenster lösen. Schemenhaft erkannte er die Umrisse der Kirche und dahinter die gemächlich ansteigenden Hügel. Die Schneegraupel klopften weiter unablässig an die Scheibe.

»Worauf wartest du?«

Wer hatte das gesagt? Wer war da?

Er kannte die Stimme nicht. Er sah auch niemanden.

»Gib mir deine Hand!«

Hier musste jemand sein! Oder einfach nur ein Hirngespinst nach einem langen, erfüllten Weihnachtstag?

Der Mann blickte sich im dunklen Raum um. Zu seinen Füßen entdeckte er seinen Teddy, sein Kuscheltier, ohne das er in Kindertagen nicht ins Bett gegangen wäre. Seine Mutter hatte den Teddy letzte Woche in einer Erinnerungsschachtel auf dem Dachboden gefunden und ihm freudestrahlend zu Weihnachten geschenkt.

»Lass uns aufbrechen!«

Nun hatte er es ganz deutlich gehört: Der Teddy hatte zu ihm gesprochen. Das Kuscheltier blickte ihn an und zwinkerte ihm sogar lächelnd zu.

»Mach dir keine Gedanken!«, befahl sich der Mann und gab dem Teddy seine Hand.

Plötzlich strahlte durch das Fenster gleißend helles Licht, als würde die Sonne direkt davorstehen. Doch der Mann konnte in die Helligkeit hineinblicken. Er musste sich keine Hand vor die Augen halten und empfand keinen Schmerz.

Er merkte, wie er an der Hand des Teddys langsam zu schweben begann. Wie von Geisterhand öffneten sich die Flügel des Fensters. Sie flogen hinaus ins Licht. Der Mann spürte, wie die Last der vielen Gedanken und Sorgen, die das Erwachsenenalter so mit sich bringt, langsam von seinen Schultern wich. Er empfand Freiheit.

Wie lange sie flogen, konnte er nicht sagen. Waren es Sekunden? Waren es Stunden? Auf einmal erkannte er, dass das helle Strahlen, das alles um ihn herum erleuchtete, aus einem anderen geöffneten Fenster kam. Auf dieses bewegten sie sich zu.

Es war ein älteres Flügelfenster aus Holz. Die Lackfarbe blätterte schon etwas von den Sprossen ab. Aber es sah gemütlich und einladend aus.

Sie flogen hindurch und hinein in ein Zimmer, das der Mann aus allen Zimmern auf der ganzen weiten Welt herauskennen würde. Sie landeten im Wohnzimmer seiner Eltern, und zwar in dem, wie es vor Jahrzehnten ausgesehen hatte.

Ein glänzender Christbaum stand in der Mitte des Raums. Er war mit roten und goldenen Kugeln sowie mit Lametta geschmückt. Echte rote Kerzen brannten. Es roch nach Wachs, nach Räucherkerzen, nach Fichte, nach Orangen, nach … Kindheit.

Leise hörte er ein Glöckchen klingeln. Vor der Tür war freudiges Lachen und aufgeregtes Reden zu vernehmen. Er sah, wie die Türklinke vorsichtig nach unten gedrückt wurde.

Da sprang auch schon ein Junge im Vorschulalter fröhlich und nervös herein. Der Mann erkannte ihn. Er erkannte sich selbst.

Dem Jungen folgten lachend seine älteren Geschwister und seine Eltern. Der Mann sah, wie sich die ganze Familie aneinandergekuschelt um den Christbaum setzte und den wunderschönen Baum bestaunte. Er hörte, wie alle gemeinsam Weihnachtslieder sangen und wie die Kinder darum baten, endlich die Geschenke auspacken zu dürfen. Er roch den perfekten Weihnachtsduft. Ein Duft, der unbeschreiblich und doch ganz einfach, der besonders und doch ganz selbstverständlich ist.

Er spürte das Glück in diesem Raum und die Unbeschwertheit der Kindertage. Er erkannte, wie sicher, behütet und wohl sich er und seine Geschwister als Kinder fühlen durften. Er sah, wie sein kindliches Ich völlig überwältigt vom Zauber des weihnachtlichen Augenblicks zu seinem Vater aufschaute. Und er erkannte, wie glücklich und stolz sein Vater auf seine Familie hinunterblickte, ein Gefühl der vollkommenen Sicherheit.

Genauso stolz und glücklich hatte er vor wenigen Stunden auf seine Familie hinuntergeblickt. Ein Blick aus einer anderen, einer erwachsenen Perspektive. Aber ein Blick, der in ihm so viele wundervolle Augenblicke der letzten Jahre und Jahrzehnte aufleben ließ. Ein Blick, der seinen Kindern nun die vollkommene Sicherheit schenkte. Ein Blick voller Zufriedenheit und Glück und Dankbarkeit. Für alles.

Plötzlich stand der Mann wieder in seinem Haus am Fenster. Der Teddy saß zu seinen Füßen und schaute zufrieden aus. Er hob ihn auf, lächelte ihn an und flüsterte ihm zu:

»Alles zu seiner Zeit. Ein Traum.«

Weihnachtstraum

Ein Traum ging auf Reisen,

ein Traum flog ins Glück

er wollte sich reißen

vom Himmel ein Stück

Er flog zu den Sternen

er küsste den Mond

zu Bergen und Meeren

mit Freude belohnt

Nicht ruh- und doch rastlos

zieht er hin und her

erlebt dies und das

und dazu noch mehr

Erfüllt und doch leer

kam er dann zurück

es fehlte ihm sehr

das wichtigste Stück

Als er nun so saß

in Heiliger Nacht

sang, lachte und las

da war es vollbracht

Er spürte in sich

vollkommen und ganz

das liebliche Licht

den liebenden Glanz

Das Herzstück des Traums

es liegt gar nicht weit

das Herzstück des Traums:

Familie und Zeit

2

Brems dich selbst! Dann bremst das Weihnachtsglück für dich!

Die Wahrheit am Heiligen Abend

Der Auslöser war eigentlich völlig lächerlich. Ich habe meiner Schwester Finni heute Nacht während des Schlafens schwarze Schuhcreme auf ihre Handinnenflächen geschmiert. Soweit also alles ganz normal.

Natürlich hat Finni sich über Nacht das ein oder andere Mal im Gesicht gekratzt und beim Aufstehen ihre Haare aus dem Gesicht gestrichen. Natürlich hat sie in der Nase gebohrt und anscheinend auch in ihren Zähnen gepuhlt. Natürlich fand Finni es beim Hinausgehen aus ihrem Zimmer komisch, dass ihre rosa Pferdebettdecke und ihr Kissen überall schwarze Flecken hatten. Und natürlich hat Finni völlig unverhältnismäßig laut geschrien, als sie sich kurze Zeit später im Badspiegel betrachtet hat. Schwarze Flecken im Gesicht, auf den Zähnen und in der Nase schienen ihr nicht zu gefallen. Mir schon, es unterstrich ihren Teint. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.

Wie gesagt, soweit war also alles ganz normal. Wie zu erwarten war.

Auch zu erwarten war, dass Mama wieder nichts anderes einfiel, als mir die Sache in die Schuhe zu schieben: »Hannes, gib es zu, das warst du!«

Aber natürlich war auch klar, wie ich auf diese unverschämte Unterstellung reagieren musste: »NEIN, Mama, das war ich nicht! Ganz ehrlich! So was würde ich NIE tun!«

Bis hierhin ist somit alles perfekt und wie geplant verlaufen. Doch dann ist alles anders gekommen.

Anstatt mich kräftig zu schimpfen und danach irgendwann die Sache wieder auf sich beruhen zu lassen, sagte Mama: »Hannes, heute ist Heiliger Abend. Ich habe keine Lust auf einen solchen Unsinn von dir. Ich werde jetzt gar nicht schimpfen, sondern ich will von dir ein einfaches Versprechen: Versprich mir, dass du zumindest heute einmal einen ganzen Tag lang nur die Wahrheit sagst! Versprich mir das auf Weihnachten!«

Was war denn das für ein neumoderner, antiautoritärer Ansatz. Hatte meine Mama einen Workshop bei veganessenden, ringelsockenstrickenden, rastahaareflechtenden Sozialarbeiterinnen mit lebenslanger Erfahrung an Waldorfschulen belegt, von dem ich nichts wusste?

Sie brachte mich in eine üble Lage. Ja, natürlich kam es ab und zu vielleicht ganz selten mal vor, dass ich eine klitzekleineminimale Notlüge verwende. Aber was ich definitiv nie getan habe und auch nie tun würde, ist ein Versprechen zu brechen. Und ich hatte auch nicht vor, damit am Heiligen Abend anzufangen.

Meine Mama wusste das selbstverständlich und konnte mich richtig einschätzen. Schließlich kennt sie mich schon länger als ich mich selbst kenne.

Ich befand mich in einer Zwickmühle. Wenn ich es nicht verspreche, würde mich Mama nicht gehen lassen. Wenn ich es verspreche, würde ich einen üblen Tag erleben. Es war ausweglos.

»Hannes, ich kann dich nicht hören.«

Meine Mama wurde ungeduldig. Mein Hirn ratterte auf Hochtouren. Doch es gab keinen anderen Ausweg: »Na gut, Mama, ich verspreche es dir. Aber nur für heute, weil Heiliger Abend ist.«

Meine Mama lächelte mich zufrieden an.

Meine Schwester grinste bösartig mit ihren schwarzgefleckten Zähnen und ihren schwarzverschmierten Nasenlöchern zu mir herüber und fragte: »Gib’s zu, Hannes, du warst das, oder?«

Ich blickte mit meinem finstersten Blick in ihre hinterhältigen Augen, schluckte, atmete tief ein und wieder aus. Es war ja sowas von klar, dass sie diese Situation wieder schamlos ausnutzte. Schließlich drückte ich ein »Ja« heraus.

Mama nickte zufrieden lächelnd in meine Richtung. »Sehr schön, Hannes, dein Versprechen scheint tatsächlich zu funktionieren.«

Damit war die Sache mit der Schuhcreme für Mama erledigt. Auch wenn meine Schwester natürlich versuchte, sie noch davon zu überzeugen, mich zu bestrafen. Meine Mama allerdings meinte, dass einen Tag nicht zu lügen für mich schon Strafe genug sei.

Womit sie mehr als recht hatte, fand ich.

Nach dem Frühstück fragte mich mein Papa: »Hast du Lust, mit mir den Christbaum reinzuholen und dann mit Finni und Mama zusammen zu schmücken?«

Aus der Tradition heraus wollte ich bereits unbedacht zusagen. Zum Glück fiel mir aber noch rechtzeitig mein Versprechen ein und deswegen antwortete ich wahrheitsgemäß: »Nein, Papa, ich hab keine Lust. Ich will lieber Computer zocken.«

»Das kann doch nicht dein Ernst sein, Hannes!«

»Doch, das ist die Wahrheit, Papa«, nickte ich, drehte mich um und wollte in mein Zimmer gehen, um mich ungestört meiner Spielekonsole zu widmen.

»Du kommst sofort her und hilfst mir«, befahl in diesem Augenblick mein Vater. Somit musste ich gegen meinen Willen und gegen meine innere Überzeugung doch anpacken.

Als wir gerade mit dem Dekorieren fertig waren, klingelte es an der Tür. Zu viert gingen wir hin und Mama öffnete. Draußen standen Frau und Herr Wachter, unsere netten Rentner-Nachbarn, beide mit einer durchaus beachtlichen Bauchrundung ausgestattet.

»Hallo ihr Lieben«, begann Frau Wachter, »wir wollten euch noch eine kleine Weihnachtsfreude vorbeibringen«.

Sie reichte uns eine Dose Plätzchen und einen in orange-blau Tönen gehäkelten, großmaschigen Schal.

»Oh, schaut mal, Kinder, ist dieser Schal nicht wunderschön?«, lächelte Mama uns an.

»Oh ja«, sagte Finni zurücklächelnd.

»Ich finde ihn übelst hässlich«, sagte ich stirnrunzelnd. »Aber als Putzlumpen, da kannst du ihn bestimmt gut hernehmen. Das hast du ja mit den anderen Häkelsachen von Frau Wachter auch gemacht.«

Meine Mama funkelte mich böse an. »Was redest du denn da für einen Schmarrn, Hannes. Der Schal ist herrlich und mit den Putzlumpen täuschst du dich natürlich, sowas würde ich nie tun.«

»Probiert doch mal meine leckeren Plätzchen«, meinte Frau Wachter, die sich auch nicht so richtig wohl in ihrer Haut fühlte. Wir mussten alle vier zugreifen.

»Wow, sind die fein«, sagte meine Mama, »Sie müssen mir unbedingt das Rezept geben. Oder, was meint ihr?«

Meine Mama blickte uns drei auffordernd an.

»Die sind ja sensationell«, lobte mein Papa.

»Sowas von lecker«, schmatzte meine Schwester.

»Boah, ich krieg die Teile kaum runter«, würgte ich, »ich glaube, das sind die schlechtesten, härtesten Plätzchen, die ich jemals gegessen habe«.

Entsetzt haftete der Blick meiner Mama auf mir. Genau in diesem Augenblick sprang der Kater von den Wachters, Pablo, zwischen den Beinen unserer Nachbarn durch herein in unser Haus.

»Oh, das tut mir aber leid«, entschuldigte sich Frau Wachter und versuchte Pablo wieder herauszulocken. Der Kater sträubte sich aber und versteckte sich hinter der Schuhkommode.

»Das ist doch kein Problem, so ein süßer Kater darf immer zu uns ins Haus«, meinte da mein Papa und versuchte gleichzeitig, dieses Fellknäuel irgendwie zu fassen zu bekommen.

»Schön, tierliebe Nachbarn zu haben«, freute sich Herr Wachter und schaute zu Finni und mir. »Na, habt ihr beide unseren Kater Pablo auch so gern wie euer Papa?«

»Oh ja, ich liebe Katzen«, sagte Finni.

»Nein, ich mag keine Katzen«, sagte ich, »und Papa hasst Ihren Kater auch voll. Der wirft immer fluchend Holzscheite nach ihm, wenn keiner hinschaut.«

Erschrocken starrten Herr und Frau Wachter zu meinem Papa. Gleichzeitig blickten Papa und Mama mich entsetzt an. Ich schaute zu unseren Nachbarn und war zufrieden, dass ich mein Versprechen bisher so gut eingehalten hatte.

»Da schwindelt der Hannes natürlich, der will Sie nur reinlegen«, meinte mein Vater und lächelte verlegen.

Unsere Nachbarn lächelten peinlich berührt zurück.

»Ja, der Hannes ist halt ein kleiner Witzbold«, nickte Frau Wachter.

»Oh ja, das ist er«, nickte meine Mama unsicher und drückte ihre Hand auf meine Schulter. Durchaus deutlich zu fest, wie ich fand.

»Nun, wir werden uns dann mal wieder verabschieden«, lächelte Frau Wachter, »wir belohnen uns heute Abend mit einem Weihnachtsfestmahl, weil wir in den letzten Wochen jeder sieben Kilo abgenommen haben.«

»Das ist ja wunderbar«, meinte da meine Mama, »ich habe mir gleich gedacht, dass Sie viel frischer und gesünder aussehen. Großes Kompliment! Und Ihre neue Frisur, Frau Wachter, die ist einfach klasse. Nicht wahr?«

Wieder blickte meine Mama uns drei auffordernd an.

»Sie sehen richtig gut aus, richtig vital. Die Frisur unterstreicht das«, bestätigte mein Vater.

»Sie schauen total sportlich aus, Frau Wachter!«, bestätigte auch Finni.

»Also mir wäre nicht aufgefallen, dass da sieben Kilo weg sind«, sagte ich, »aber wahrscheinlich fällt das bei der Masse halt nicht so ins Gewicht wie bei anderen. Und Ihre Haare, naja, also, Ihre lila Haare, puh, die sind einfach nur richtig schei …«

»Schick! Richtig SCHICK, möchte Hannes sagen!«, fiel mir meine Mama einfach ins Wort. Unglaublich, dass einen die Erwachsenen nie ausreden lassen. Aber da verabschiedeten sich die Wachters dann doch tatsächlich freundlich lächelnd. Meine Eltern und Finni lächelten höflich zurück, sahen dabei aber so aus, als würden sie am liebsten im Boden versinken. Ich lächelte nicht, denn schließlich wäre das in dieser Situation gelogen gewesen. Ich grinste stattdessen zufrieden über den Erfolg meiner Ehrlichkeit. Ehrlichsein war doch gar nicht so schlimm, wie ich das erwartet hatte.

Kaum war die Tür zu, schrien mich meine Eltern an: »Was fällt dir ein, Hannes, so unverschämt zu sein?!?«

»Mama, ich habe dir versprochen, ehrlich zu sein. Und versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen!«

Kurz vorm Explodieren schienen meine Eltern tatsächlich innezuhalten und zu überlegen. Meine Worte hatten gesessen. Endlich war ich wieder voll im Spiel!

Es erklärt sich von selbst, dass ich von meinem Wahrheitsversprechen noch vor dem Mittagessen höchst offiziell von meiner Mama erlöst wurde. Wobei, eigentlich hat sie sich damit ja nur selbst erlöst, denn nachmittags sind noch weitere Besucher zu uns gekommen, die uns in neuen Kleidungsstücken und mit neuen Topffrisuren Geschenke und Plätzchen und vieles mehr vorbeibrachten.

Ich fand übrigens alle Geschenke, Plätzchen, Frisuren, Klamotten, Witze und so weiter einfach nur sensationell und schön, ist doch klar – etwas anderes würde mir ehrlicherweise (oder eigentlich UNehrlicherweise) nie über die Lippen kommen. So ehrlich muss ich dann doch sein.

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