Kitabı oku: «Der Findling»

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Heinrich von Kleist

Der Findling

Saga

Der FindlingCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1811, 2020 Heinrich von Kleist und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726755695

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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Der Findling

Antonio Piachi, ein wohlhabender Güterhändler in Rom, war genötigt, in seinen Handelsgeschäften zuweilen grosse Reisen zu machen. Er pflegte dann gewöhnlich Elvire, seine junge Frau, unter dem Schutz ihrer Verwandten daselbst zurückzulassen. Eine dieser Reisen führte ihn mit seinem Sohne Paolo, einem elfjährigen Knaben, den ihr seine erste Frau geboren hatte, nach Ragusa. Es traf sich, dass hier eben eine pestartige Krankheit ausgebrochen war, welche die Stadt und Gegend umher in grossen Schrecken setzte. Piachi, dem die Nachricht davon erst auf der Reise zu Ohren gekommen war, hielt in der Vorstadt an, um sich nach der Natur derselben zu erkundigen. Doch da er hörte, dass das Übel von Tage zu Tage bedenklicher werde und dass man damit umgehe, die Tore zu sperren; so überwand die Sorge für seinen Sohn alle kaufmännischen Interessen: er nahm Pferde und reiste wieder ab.

Er bemerkte, da er im Freien war, einen Knaben neben seinem Wagen, der nach Art der Flehenden die Hände zu ihm ausstreckte und in grosser Gemütsbewegung zu sein schien. Piachi liess halten, und auf die Frage: was er wolle? antwortete der Knabe in seiner Unschuld: er sei angesteckt; die Häscher verfolgten ihn, um ihn ins Krankenhaus zu bringen, wo sein Vater und seine Mutter schon gestorben wären; er bitte um aller Heiligen willen, ihn mitzunehmen und nicht in der Stadt umkommen zu lassen. Dabei fasste er des Alten Händ, drückte und küsste sie und weinte darauf wieder. Piachi wollte, in der ersten Regung des Entsetzens, den Jungen weit von sich schleudern, doch da dieser in eben diesem Augenblick seine Farbe veränderte und ohnmachtig auf den Boden niedersank, so regte sich des guten Alten Mitleid: er stieg mit seinem Sohn aus, legte den Jungen in den Wagen und fuhr mit ihm fort, obschon er auf der Welt nicht wusste, was er mit demselben anfangen sollte.

Er unterhandelte noch in der ersten Station mit den Wirtsleuten über die Art und Weise, wie er seiner wieder los werden könne: als er schon auf Befehl der Polizei, welche davon Wind bekommen hatte, arretiert und unter einer Bedeckung, er, sein Sohn und Nicolo, so hiess der kranke Knabe, wieder nach Ragusa zurücktransportiert ward. Alle Vorstellungen von seiten Piachis über die Grausamkeit dieser Massregel halfen zu nichts; in Ragusa angekommen, wurden nunmehr alle drei unter Aufsicht eines Häschers nach dem Krankenhause abgeführt, wo er zwar, Piachi, gesund blieb und Nicolo, der Knabe, sich von dem Übel wieder erholte; sein Sohn aber, der elfjährige Paolo, von demselben angesteckt ward und in drei Tagen starb.

Die Tore wurden nun wieder geöffnet, und Piachi, nachdem er seinen Sohn begraben hatte, erhielt von der Polizei Erlaubnis, zu reisen. Er bestieg eben, sehr von Schmerz bewegt, den Wagen und nahm bei dein Anblick des Platzes, der neben ihm leer blieb, sein Schnupftuch heraus, um seine Tränen fliessen zu lassen: als Nicolo, mit der Mütze in der Hand, an seinen Wagen trat und ihm eine glückliche Reise wünschte. Piachi beugte sich aus dem Schlage heraus und fragte ihn mit einer von heftigem Schluchzen unterbrochenen Stimme: ob er mit ihm reisen wollte? Der Junge, sobald er den Alten nur verstanden hatte, nickte und sprach: „O ja! sehr gern“; und da die Vorsteher des Krankenhauses auf die Frage des Güterhändlers: ob es dem Jungen wohl erlaubt wäre, einzusteigen? lächelten und versicherten: dass es Gottes Sohn wäre und niemand ihn vermissen würde; so hob ihn Piachi in einer grossen Bewegung in den Wagen und nahm ihn an seines Sohnes Statt mit sich nach Rom.

Auf der Strasse, vor den Toren der Stadt, sah sich der Landmäkler den Jungen erst recht an. Er war von einer besonderen, etwas starren Schönheit, seine schwarzen Haare hingen ihm in schlichten Spitzen von der Stirn herab, sein Gesicht beschattend, das, ernst und klug, seine Mienen niemals veränderte. Der Alte tat mehrere Fragen an ihn, worauf jener aber nur kurz antwortete: ungesprächig und in sich gekehrt sass er, die Hände in die Hosen gesteckt, im Winkel da und sah sich mit gedankenvoll scheuen Blicken die Gegenstände an, die an dem Wagen vorüberflogen. Von Zeit zu Zeit holte er sich mit stillen und geräuschlosen Bewegungen ein Handvoll Nüsse aus der Tasche, die er bei sich trug, und während Piachi sich die Tränen vom Auge wischte, nahm er sie zwischen die Zähne und knackte sie auf.

In Rom stellte ihn Piachi unter einer kurzen Erzählung des Vorfalls Elviren, seiner jungen trefflichen Gemahlin vor, welche sich zwar nicht enthalten konnte, bei dem Gedanken an Paolo, ihren kleinen Stiefsohn, den sie sehr geliebt hatte, herzlich zu weinen, gleichwohl aber den Nicolo, so fremd und steif er auch vor ihr stand, an ihre Brust drückte, ihm das Bette, worin jener geschlafen hatte, zum Lager anwies und sämtliche Kleider desselben zum Geschenk machte. Piachi schickte ihn in die Schule, wo er Schreiben, Lesen und Rechnen lernte, und da er auf eine leicht begreifliche Weise den Jungen in dem Masse lieb gewonnen, als er ihm teuer zu stehen gekommen war, so adoptierte er ihn mit Einwilligung der guten Elvire, welche von dem Alten keine Kinder mehr zu erhalten hoffen konnte, schon nach wenigen Wochen als seinen Sohn. Er dankte späterhin einen Kommis ab, mit dem er aus mancherlei Gründen unzufrieden war, und hatte, da er den Nicolo statt seiner in dem Kontor anstellte, die Freude, zu sehen, dass derselbe die weitläufigen Geschäfte, in welchen er verwickelt war, auf das tätigste und vorteilhafteste verwaltete. Nichts hatte der Vater, der ein geschworner Feind aller Bigotterie war, an ihm auszusetzen als den Umgang mit den Mönchen des Karmeliterklosters, die dem jungen Mann wegen des beträchtlichen Vermögens, das ihm einst aus der Hinterlassenschaft des Alten zufallen sollte, mit grosser Gunst zugetan waren; und nichts ihrerseits die Mutter als einen früh, wie es ihr schien, in der Brust desselben sich regenden Hang für das weibliche Geschlecht. Denn schon in seinem fünfzehnten Jahre war er bei Gelegenheit dieser Mönchsbesuche die Beute der Verführung einer gewissen Xaviera Tartini, Beischläferin ihres Bischofs, geworden, und ob er gleich, durch die strenge Forderung des Alten genötigt, diese Verbindung zerriss, so hatte Elvire doch mancherlei Gründe zu glauben, dass seine Enthaltsamkeit auf diesem gefährlichen Felde nicht eben gross war. Doch da Nicolo sich in seinem zwanzigsten Jahre mit Constanza Parquet, einer jungen liebenswürdigen Genueserin, Elvirens Nichte, die unter ihrer Aufsicht in Rom erzogen wurde, vermählte, so schien wenigstens das letzte Übel damit an der Quelle verstopft; beide Eltern vereinigten sich in der Zufriedenheit mit ihm, und um ihm davon einen Beweis zu geben, ward ihm eine glänzende Ausstattung zuteil, wobei sie ihm einer beträchtlichen Teil ihres schönen und weitläufigen Wohnhauses einräumten. Kurz, als Piachi sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, tat er das Letzte und Äusserste, was er für ihn kun konnte: er überliess ihm, auf gerichtliche Weise, mit Ausnahme eines kleinen Kapitals, das er sich vorbehielt, das ganze Vermögen, das seinem Güterhandel zum Grunde lag, und zog sich mit seiner treuen, trefflichen Elvire, die wenige Wünsche in der Welt hatte, in den Ruhestand zurück.

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24 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726755695
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