Kitabı oku: «Die Marquise von O...»
Heinrich Von Kleist
Die Marquise von O…
Saga
Die Marquise von O…Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1808, 2019 Heinrich von Kleist und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726372052
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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In M . . ., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, liess die verwitwete Marquise von O . . ., eine Dame von vortrefflichem Ruf und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekanntmachen, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle und dass sie aus Familienrücksichten entschlossen wäre, ihn zu heiraten. Die Dame, die einen so sonderbaren, den Spott der Welt reizenden Schritt beim Drang unabänderlicher Umstände mit solcher Sicherheit tat, war die Tochter des Herrn von G . . ., Kommandanten der Zitadelle bei M . . . Sie hatte, vor ungefähr drei Jahren, ihren Gemahl, den Marquis von O . . ., dem sie auf das innigste und zärtlichste zugetan war, auf einer Reise verloren, die er in Geschäften der Familie nach Paris gemacht hatte. Auf Frau von G . . . s, ihrer würdigen Mutter, Wunsch hatte sie nach seinem Tode den Landsitz verlassen, den sie bisher bei V . . . bewohnt hatte, und war mit ihren beiden Kindern in das Kommandantenhaus zu ihrem Vater zurückgekehrt. Hier hatte sie die nächsten Jahre, mit Kunst, Lektüre, mit Erziehung und ihrer Eltern Pflege beschäftigt, in der grössten Eingezogenheit zugebracht, bis der . . . Krieg plötzlich die Gegend umher mit den Truppen fast aller Mächte und auch mit russischen erfüllte. Der Obrist von G . . ., welcher den Platz zu verteidigen Ordre hatte, forderte seine Gemahlin und seine Tochter auf, sich auf das Landgut entweder der letzteren oder seines Sohnes, das bei V . . . lag, zurückzuziehen. Doch ehe sich die Abschätzung noch, hier der Bedrängnisse, denen man in der Festung, dort der Greuel, denen man auf dem platten Lande ausgesetzt sein konnte, auf der Waage der weiblichen Überlegung entschieden hatte, war die Zitadelle von dem russischen Truppen schon berennt und aufgefordert, sich zu ergeben. Der Obrist erklärte gegen seine Familie, dass er sich nunmehr verhalten würde, als ob sie nicht vorhanden wäre, und antwortete mit Kugeln und Granaten. Der Feind seinerseits bombardierte die Zitadelle. Er steckte die Magazine in Brand, eroberte ein Aussenwerk, und als der Kommandant nach einer nochmaligen Aufforderung mit der Übergabe zauderte, so ordnete er einen nächtlichen Überfall an und eroberte die Festung mit Sturm.
Eben als die russischen Truppen unter einem heftigen Haubitzenspiel von aussen eindrangen, fing der linke Flügel des Kommandantenhauses Feuer und nötigte die Frauen, ihn zu verlassen. Die Obristin, indem sie der Tochter, die mit den Kindern die Treppe hinabfloh, nacheilte, rief, dass man zusammenbleiben und sich in die unteren Gewölbe flüchten möchte; doch eine Granate, die eben in diesem Augenblicke in dem Hause zerplatzte, vollendete die gänzliche Verwirrung in demselben. Die Marquise kam mit ihren beiden Kindern auf den Vorplatz des Schlosses, wo die Schüsse schon im heftigsten Kampf durch die Nacht blitzten und sie, besinnungslos, wohin sie sich wenden solle, wieder in das brennende Gebäude zurückjagten. Hier, unglücklicherweise, begegnete ihr, da sie eben durch die Haustür entschlüpfen wollte, ein Trupp feindlicher Scharfschützen, der bei ihrem Anblick plötzlich still ward, die Gewehre über die Schultern hing und sie unter abscheulichen Gebärden mit sich fortführte. Vergebens rief die Marquise, von der entsetzlichen, sich untereinander selbst bekämpfenden Rotte bald hier- bald dorthin gezerrt, ihre zitternden, durch die Pforte zurückfliehenden Frauen zu Hilfe. Man schleppte sie in den hinteren Schlosshof, wo sie eben unter den schändlichsten Misshandlungen zu Boden sinken wollte, als, von dem Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier erschien und die Hunde, die nach solchem Raub lüstern waren, mit wütenden Hieben zerstreute. Der Marquise schien er ein Engel des Himmels zu sein. Er stiess noch dem letzten viehischen Mordknecht, der ihren schlanken Leib umfasst hielt, mit dem Griff des Degens ins Gesicht, dass er mit aus dem Mund vorquellendem Blut zurücktaumelte, bot dann der Dame unter einer verbindlichen französischen Anrede den Arm und führte sie, die von allen solchen Auftriten sprachlos war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen Flügel des Palastes, wo sie auch völlig bewusstlos niedersank. Hier — traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen, versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde, und kehrte in den Kampf zurück.
Der Platz war in kurzer Zeit völlig erobert, und der Kommandant, der sich nur noch wehrte, weil man ihm keinen Pardon geben wollte, zog sich eben mit sinkenden Kräften nach dem Portal des Hauses zurück, als der russische Offizier, sehr erhitzt im Gesicht, aus demselben hervortrat und ihm zurief, sich zu ergeben. Der Kommandant antwortete, dass er auf diese Aufforderung nur gewartet habe, reichte ihm seinen Degen dar und bat sich die Erlaubnis aus, sich ins Schloss begeben und nach seiner Familie umsehen zu dürfen. Der russische Offizier, der nach der Rolle zu urteilen, die er spielte, einer der Anführer des Sturms zu sein schien, gab ihm unter Begleitung einer Wache diese Freiheit, setzte sich mit einiger Eilfertigkeit an die Spitze eines Detachements, entschied, wo er noch zweifelhaft sein mochte, den Kampf und bemannte schleunigst die festen Punkte des Forts. Bald darauf kehrte er auf den Waffenplatz zurück, gab Befehl, der Flamme, welche wütend um sich zu greifen anfing, Einhalt zu tun und leistete hierbei Wunder der Anstrengung, als man seine Befehle nicht mit dem gehörigen Eifer befolgte. Bald kletterte er, den Schlauch in der Hand, mitten unter brennenden Giebeln umher und regierte den Wasserstrahl; bald steckte er, die Naturen der Asiaten mit Schaudern erfüllend, in den Arsenalen und wälzte Pulverfässer und gefüllte Bomben heraus. Der Kommandant, der inzwischen in das Haus getreten war, geriet auf die Nachricht von dem Unfall, der die Marquise betroffen hatte, in die äusserste Bestürzung. Die Marquise, der sich schon völlig ohne Beihilfe des Arztes, wie der russische Offizier vorher gesagt hatte, aus ihrer Ohnmacht wieder erholt hatte und bei der Freude, alle die Ihrigen gesund und wohl zu sehen, nur noch, um die übermässige Sorge derselben zu beschwichtigen, das Betrt hütete, versicherte ihm, dass sie keinen andern Wunsch habe, als aufstehen zu dürfen, um ihrem Retter ihre Dankbarkeit zu bezeugen. Sie wusste schon, dass er der Graf F . . ., Obristleutnant vom t . . . n Jägerkorps und Ritter eines Verdienst- und mehrerer andern Orden war. Sie bat ihren Vater, ihn inständigst zu ersuchen, dass er die Zitadelle nicht verlasse, ohne sich einen Augenblick im Schloss gezeigt zu haben. Der Kommandant, der das Gefühl seiner Tochter ehrte, kehrte auch ungesäumt in das Fort zurück und trug ihm, da er unter unaufhörlichen Kriegsanordnungen umherschweifte und keine bessere Gelegenheit zu finden war, auf den Wällen, wo er eben die zerschossenen Rotten revidierte, den Wunsch seiner gerührten Tochter vor. Der Graf versicherte ihm, dass er nur auf den Augenblick warte, den er seinen Geschäften würde abmüssigen können, um ihr seine Ehrerbietigkeit zu bezeugen. Er wollte noch hören, wie sich die Frau Marquise befinde, als ihn die Rapporte mehrerer Offiziere schon wieder in das Gewühl des Krieges zurückrissen. Als der Tag anbrach, erschien der Befehlshaber der russischen Truppen und besichtigte das Fort. Er bezeugte dem Kommandanten seine Hochachtung, bedauerte, dass das Glück seinen Mut nicht besser unterstützt habe, und gab ihm auf sein Ehrenwort die Freiheit, sich hinzubegeben, wohin er wolle. Der Kommandant versicherte ihn seiner Dankbarkeit und äusserte, wie viel er an diesem Tage den Russen überhaupt und besodners dem jungen Grafen F . . ., Obristleutnant vom t . . . n Jägerkorps, schuldig geworden sei. Der General fragte, was vorgefallen sei, und als man ihm von dem frevelhaften Anschlag auf die Tochter desselben unterrichtete, zeigte er sich auf das äusserste antrüstet. Er rief den Grafen F . . . bei Namen vor. Nachdem er ihm zuvörderst wegen seines eignen edelmütigen Verhaltens eine kurze Lobrede gehalten hatte, wobei der Graf über das ganze Gesicht rot ward, schloss er, dass er die Schandkerle, die den Namen des Kaisers brandmarken, niederschiessen lassen wolle, und befahl ihm, zu sagen, wer sie seien. Der Graf F . . . antwortete in einer verwirrten Rede, dass er nicht imstande sei, ihre Namen anzugeben, indem es ihm bei dem schwachen Schimmer der Reverberen im Schlosshof unmöglich gewesen wäre, ihre Gesichter zu erkennen. Der General, welscher gehört hatte, dass damals schon das Schloss in Flammen stand, wunderte sich darüber; er bemerkte, wie man wohlbekannte Leute in der Nacht an ihren Stimmen erkennen könnte, und gab ihm, da er mit einem verlegenen Gesicht die Achseln zuckte, auf, der Sache auf das allereifrigste und strengste nachzuspüren. In diesem Augenblick berichtete jemand, der sich aus dem hintern Kreise hervordrängte, dass einer von den durch den Grafen F . . . verwundeten Frevlern, da er in dem Korridor niedergesunken, von den Leuten des Kommandanten in ein Behältnis geschleppt worden und darin noch befindlich sei. Der General liess diesen hierauf durch eine Wache herbeiführen, ein kurzes Verhör über ihn halten und die ganze Rotte, nachdem jener sie genannt hatte, fünf an der Zahl zusammen, erschiessen. Dies abgemacht, gab der General nach Zurücklassung einer kleinen Besatzung Befehl zum allgemeinen Aufbruch der übrigen Truppen; die Offiziere zerstreuten sich eiligst zu ihren Korps; der Graf trat durch die Verwirrung der Auseinandereilenden zum Kommandanten und bedauerte, dass er sich der Frau Marquise unter diesen Umständen gehorsamst empfehlen müsse, und in weniger als einer Stunde war das ganze Fort von Russen wieder leer.
Die Familie dachte nun darauf, wie sie in der Zukunft eine Gelegenheit finden würde, dem Grafen irgendeine Äusserung ihrer Dankbarkeit zu geben; doch wie gross war ihr Schrecken, als sie erfuhr, dass derselbe noch am Tage seines Aufbruchs aus dem Fort in einem Gefecht mit den feindlichen Truppen seinen Tod gefunden habe. Der Kurier, der diese Nachricht nach M . . . brachte, hatte ihn mit eignen Augen, tödlich durch die Brust geschossen, nach P . . . tragen sehen, wo er, wie man sichere Nachricht hatte, in dem Augenblick, da ihn die Träger von den Schultern nehmen wollten, verblichen war. Der Kommandant, der sich selbst auf das Posthaus verfügte und sich nach den näheren Umständen dieses Vorfalls erkundigte, erfuhr noch, dass er auf dem Schlachtfeld in dem Moment, da ihn der Schuss traf, gerufen habe: „Julietta! Diese Kugel rächt dich!“ und nachher seine Lippen auf immer geschlossen hätte. Die Marquise war untröstlich, dass sie die Gelegenheit hatte vorbeigehen lassen, sich zu seinen Füssen zu werfen. Sie machte sich die lebhaftesten Vorwürfe, dass sie ihn bei seiner, vielleicht aus Bescheidenheit, wie sie meinte, herrührenden Weigerung, im Schlosse zu erscheinen, nicht selbst aufgesucht habe, bedauerte die Unglückliche, ihre Namensschwester, an die er noch im Tode gedacht hatte, bemühte sich vergebens, ihren Aufenthalt zu erforschen, um sie von diesem unglücklichen und rührenden Vorfall zu unterrichten, und mehrere Monden vergingen, ehe sie selbst ihn vergessen konnte.
Die Familie musste nun das Kommandantenhaus räumen, um den russischen Befehlshaber darin Platz zu machen. Man überlegte anfangs, ob man sich nicht auf die Güter des Kommandanten begeben sollte, wozu die Marquise einen grossen Hang hatte; doch da der Obrist das Landleben nicht liebte, so bezog die Familie ein Haus in der Stadt und richtete sich dasselbe zu einer immerwährenden Wohnung ein. Alles kehrte nun in die alte Ordnung der Dinge zurück. Die Marquise knüpfte den lange unterbrochenen Unterricht ihrer Kinder wieder an und suchte für die Feierstunden ihre Staffelei und Bücher hervor, als sie sich, sonst die Göttin der Gesundheit selbst, von wiederholten Unpässlichkeiten befallen fühlte, die sie ganze Wochen lang für die Gesellschaft untauglich machten. Sie litt an Übelkeiten, Schwindeln und Ohnmachten und wusste nicht, was sie aus diesem sonderbaren Zustand machen solle. Eines Morgens, da die Familie beim Tee sass und der Vater sich auf einen Augenblick aus dem Zimmer entfernt hatte, sagte die Marquise, aus einer langen Gedankenlosigkeit erwachend, zu ihrer Mutter: „Wenn mir eine Frau sagte, dass sie ein Gefühl hätte, ebenso, wie ich jetzt, da ich die Tasse ergriff, so würde ich bei mir denken, dass sie in gesegneten Leibesumständen wäre.“ Frau von G . . . sagte, sie verstände sie nicht. Die Marquise erklärte sich noch einmal, dass sie eben jetzt eine Sensation gehabt hätte, wie damals, als sie mit ihrer zweiten Tochter schwanger war. Frau von G . . . sagte, sie würde vielleicht den Phantasus gebären, und lachte. Morpheus wenigstens, versetzte die Marquise, oder einer der Träume aus seinem Gefolge würde sein Vater sein, und scherzte gleichfalls. Doch der Obrist kam, das Gespräch ward abgebrochen, und der ganze Gegenstand, da die Marquise sich in einigen Tagen wieder erholte, vergessen.
Bald darauf ward der Familie eben zu einer Zeit, da sich auch der Forstmeister von G . . ., des Kommandanten Sohn, in dem Hause eingefunden hatte, der sonderbare Schrecken, durch einen Kammerdiener, der ins Zimmer trat, den Grafen F . . . anmelden zu hören. „Der Graf F . . .!“ sagte der Vater und die Tochter zugleich; und das Erstaunen machte alle sprachlos. Der Krammerdiener versicherte, dass er recht gesehen und gehört habe und dass der Graf schon im Vorzimmer stehe und warte. Der Kommandant sprang sogleich selbst auf, ihm zu öffnen, worauf er, schön wie ein junger Gott, ein wenig bleich im Gesicht, eintrat. Nachdem die Szene unbegreiflicher Verwunderung vorüber war und der Graf auf die Anschuldigung der Eltern, dass er ja tot sei, versichert hatte, dass er lebe, wandte er sich mit vieler Rührung im Gesicht zur Tochter, und seine erste Frage war gleich, wie sie sich befinde. Die Marquise versicherte, sehr wohl, und wollte nur wissen, wie er ins Leben erstanden sei. Doch er, auf seinen Gegenstand beharrend, erwiderte, dass sie ihm nicht die Wahrheit sage; auf ihrem Antlitz drücke sich eine seltsame Mattigkeit aus; ihn müsse alles trügen, oder sie sei unpässlich und leide. Die Marquise, durch die Herzlichkeit, womit er dies vorbrachte, gut gestimmt, versetzte: nun ja; diese Mattigkeit, wenn er wolle, könne für die Spur einer Kränklichkeit gelten, an welcher sie vor einigen Wochen gelitten hätte; sie fürchte inzwischen nicht, dass diese weiter von Folgen sein würde, worauf er mit einer aufflammenden Freude erwiderte, er auch nicht, und hinzusetzte, ob sie ihn heiraten wolle. Die Marquise wusste nicht, was sie von dieser Aufführung denken solle. Sie sah, über und über rot, ihre Mutter, und diese mit Verlegenheit den Sohn und den Vater an, währende der Graf vor die Marquise trat und, indem er ihre Hand nahm, als ob er sie küssen wollte, wiederholte, ob sie ihn verstanden hätte. Der Kommandant sagte, ob er nicht Platz nehmen wolle, und setzte ihm auf eine verbindliche, obschon etwas ernsthafte Art einen Stuhl hin. Die Obristin sprach: „In der Tat, wir werden glauben, dass Sie ein Geist sind, bis Sie uns werden eröffnet haben, wie Sie aus dem Grabe, in welches man Sie zu P . . . gelegt hatte, erstanden sind.“ Der Graf setzte sich, indem er die Hand der Dame fahren liess, nieder und sagte, dass er, durch die Umstände gezwungen, sich sehr kurz fassen müsse, dass er, tödlich durch die Brust geschossen, nach P . . . gebracht worden wäre, dass er mehrere Monate daselbst an seinem Leben verzweifelt hätte, dass währenddessen die Frau Marquise sein einziger Gedanke gewesen wäre, dass er die Lust und den Schmerz nicht beschreiben könnte, die sich in dieser Vorstellung umarmt hätten, dass er endlich nach seiner Wiederherstellung wieder zur Armee gegangen wäre, dass er daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden hätte, dass er mehrere Male die Feder ergriffen, um in einem Briefe an den Herrn Obristen und die Frau Marquise seinem Herzen Luft zu machen, dass er plötzlich mit Depeschen nach Neapel geschickt worden wäre, dass er nicht wisse, ob er nicht von dort weiter nach Konstantinopel werde abgeordert werden, dass er vielleicht gar nach St. Petersburg werde gehen müssen, dass ihm inzwischen unmöglich wäre, länger zu leben, ohne über eine notwendige Forderung seiner Seele ins Reine zu sein, dass er dem Drang, bei seiner Durchreise durch M . . ., einige Schritte zu diesem Zweck zu tun, nicht habe widerstehen können, kurz, dass er den Wunsch hege, mit der Hand der Frau Marquise beglückt zu werden, und dass er auf das ehrfurchtsvollste, inständigste und dringendste bitte, sich ihm hierüber gültig zu erklären. — Der Kommandant, nach einer langen Pause, erwiderte, dass ihm dieser Antrag zwar, wenn er, wie er nicht zweifle, ernsthaft gemeint sei, sehr schmeichelhaft wäre. Bei dem Tode ihres Gemahls, des Marquis von O . . . ., hätte sich seine Tochter aber entschlossen, in keine zweite Vermählung einzugehen. Da ihr jedoch kürzlich von ihm eine so grosse Verbindlichkeit auferlegt worden sei, so wäre es nicht unmöglich, dass ihr Entschluss dadurch seinen Wünschen gemäss eine Änderung erleide; er bitte sich inzwischen die Erlaubnis für sie aus, darüber im Stillen während einiger Zeit nachdenken zu dürfen. Der Graf versicherte, dass diese gütige Erklärung zwar alle seine Hoffnungen befriedige, dass sie ihn unter anderen Umständen auch völlig beglücken würde, dass er die ganze Unschicklichkeit fühle, sich mit derselben nicht zu beruhigen, dass dringende Verhältnisse jedoch, über welche er sich näher auszulassen nicht imstande sei, ihm eine bestimmtere Erklärung äusserst wünschenswert machten, dass die Pferde, die ihn nach Neapel tragen sollten, vor seinem Wagen stünden und dass er inständigst bitte, wenn irgend etwas in diesem Hause günstig für ihn spreche, — wobei er die Marquise ansah — ihn nicht ohne eine gütige Äusserung darüber abreisen zu lassen. Der Obrist, durch diese Aufführing ein wenig betreten, antwortete, dass die Dankbarkeit, die die Marquise für ihn empfände, ihm zwar zu grossen Voraussetzungen berechtige, doch nicht zu so grossen; sie werde bei einem Schritte, bei welchem es das Glück ihres Lebens gelte, nicht ohne die gehörige Klugheit verfahren. Es wäre unerlässlich, dass seiner Tocheter, bevor sie sich erkläre, das Glück seiner näheren Bekanntschaft würde. Er lade ihn ein, nach Vollendung seiner Geschäftsreise nach M . . . zurückzukehren und auf einige Zeit der Gast seine Hauses zu sein. Wenn alsdann die Frau Marquise hoffen könne, durch ihn glücklich zu werden, so werde auch er, eher aber nicht, mit Freuden vernehmen, dass sie ihm eine bestimmte Antwort gegeben habe. Der Graf äusserte, indem ihm eine Röte ins Gesicht stieg, dass er seinen ungeduldigen Wünschen während seiner ganzen Reise dies Schicksal vorausgesagt habe, dass er sich inzwischen dadurch in die äusserste Bekümmernis gestürzt sehe, dass ihm bei der ungünstigen Rolle, die er eben jetzt zu spielen gezwungen sei, eine nähere Bekanntschaft nicht anders als vorteilhaft sein könne, dass er für seinen Ruf, wenn anders diese zweideutigste alle Eigenschaften in Erwägung gezogen werden solle, einstehen zu dürfen glaube, dass die einzige nichtswürdige Handlung, die er in seinem Leben begangen hätte, der Welt unbekannt und er schon im Begriff sei, sie wieder gut zu machen, dass er, mit einem Wort, ein ehrlicher Mann sei und die Versicherung anzunehmen bitte, dass diese Versicherung wahrhaftig sei. — Der Kommandant erwiderte, indem er ein wenig, obschon ohne Ironie, lächelte, dass er alle Äusserungen unterschreibe. Noch hätte er keines jungen Mannes Bekanntschaft gemacht, der in so kurzer Zeit so viele vortreffliche Eigenschaften des Charakters entwickelt hätte. Er glaube fast, dass eine kurze Bedenkzeit die Unschlüffigkeit, die noch obwalte, heben würde; bevor er jedoch Rücksprache genommen hätte, mit seiner sowohl als des Herrn Grafen Familie, könne keine andere Erklärung als die gegebene erfolgen. Hierauf äusserte der Graf, dass er ohne Eltern und frei sei. Sein Onkel sei der General K . . ., für dessen Einwilligung er stehe. Er setzte hinzu, dass er Herr eines ansehnlichen Vermögens wäre und sich würde entschliessen können, Italien zu seinem Vaterlande zu machen. — Der Kommandant machte ihm eine verbindliche Verbeugung, erklärte seinen Willen noch einmal und bat ihn, bis nach vollendeter Reise von dieser Sache abzubrechen. Der Graf, nach einer kurzen Pause, in welcher er alle Merkmale der grössten Unruhe gegeben hatte, sagte, indem er sich zur Mutter wandte, dass er sein Äusserstes getan hätte, um dieser Geschäftsreise auszuweichen, dass die Schritte, die er deshalb beim General en Chef und dem General K . . ., seinem Onkel, gewagt hätte, die entscheidendsten gewesen wären, die sich hätten tun lassen, dass man aber geglaubt hätte, ihn dadurch aus einer Schwermut aufzurütteln, die ihm von seiner Krankheit noch zurückgeblieben wäre, und dass er sich jetzt völlig dadurch ins Elend gestürzt sehe. — Die Familie wusste nicht, was sie zu dieser Äusserung sagen sollte. Der Graf fuhr fort, indem er sich die Stirn rieb, dass, wenn irgend Hoffnung wäre, dem Ziele seiner Wünsche dadurch näher zu kommen, er seine Reise auf einen Tag, auch wohl noch etwas darüber, aussetzen würde, um es zu versuchen. — Hierbei sah er nach der Reihe den Kommandanten, die Marquise und die Mutter an. Der Kommandant blickte missvergnügt vor sich nieder und antwortete ihm nicht. Die Obristin sagte: „Gehn Sie, gehn Sie, Herr Graf, reisen Sie nach Neapel; schenken Sie uns, wenn Sie wiederkehren, auf einige Zeit das Glück Ihrer Gegenwart, so wird sich das übrige finden.“ — Der Graf sass einen Augenblick und schien zu suchen, was er zu tun habe. Drauf, indem er sich erhob und seinen Stuhl wegsetzte: da er die Hoffnungen, sprach er, mit denen er in das Haus getreten sei, als übereilt erkennen müsse, und die Familie, wie er nicht missbillige, auf eine nähere Bekanntschaft bestehe, so werde er seine Depeschen zu einer anderweitigen Expedition nach Z . . ., in das Hauptquartier, zurückschicken und das gütige Anerbieten, der Gast dieses Hauses zu sein, auf einige Wochen annehmen, worauf er noch, den Stuhl in der Hand, an der Wand stehend, einen Augenblick verharrte und den Kommandanten ansah. Der Kommandant versetzte, dass es ihm äusserst leid tun würde, wenn die Leidenschaft, die er zu seiner Tochter gefasst zu haben scheine, ihm Unannehmlichkeiten von der ernsthaftesten Art zuzöge, dass er indessen wissen müsse, was er zu tun und zu lassen habe, die Depeschen abschicken und die für ihn bestimmten Zimmer beziehen möchte. Man sah ihn bei diesen Worten sich entfärben, der Muter ehrerbietig die Hand küssen, sich gegen die übrigen verneigen und sich entfernen.
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