Kitabı oku: «Ausgewählte Werke von Heinrich Zschokke»
Heinrich Zschokke
Ausgewählte Werke von Heinrich Zschokke

Books
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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-1494-5
Inhaltsverzeichnis
Addrich im Moos (Historischer Roman)
Alamontade
Blätter aus dem Tagebuche des armen Pfarr-Vikars von Wiltshire
Das Abenteuer der Neujahrsnacht
Das blaue Wunder
Das Goldmacherdorf
Der Flüchtling im Jura (Roman)
Der Freihof von Aarau
Der König von Akim
Der Pascha von Buda
Der tote Gast
Die Branntweinpest
Die erste Liebe Heinrichs IV.
Die Nacht in Brczwezmcisl
Die Prinzessin von Wolfenbüttel
Die Rose von Disentis (Roman)
Die schwarzen Brüder. Eine abentheuerliche Geschichte (1-3)
Die Walpurgisnacht
Ein Narr des neunzehnten Jahrhunderts
Hans Dampf in allen Gassen (Erzählung)
Jonathan Frock
Meister Jordan, oder Handwerk hat goldenen Boden
Addrich im Moos (Historischer Roman)
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
1. An Herrn Doktor Heinrich Schmutziger, Stabsarzt und Mitglied des Sanitätsrats zu Aarau.
2. Der Meistersänger.
3. Die Botschaft.
4. Der Schwede.
5. Eine neue Sendung.
6. Gute Gesellschaft.
7. Die Schmiede.
8. Das Haus des Fluches.
9. Störungen.
10. Die Gäste.
11. Die Brautwerbung.
12. Das Angebinde.
13. Der Zauber.
14. Der Rat der Verschworenen.
15. Mancherlei Nachricht.
16. Die Botin von Seon.
17. Das kostbare Geschenk.
18. Gespräch um Mitternacht.
19. Schwanengesänge.
20. Das Wirtshaus in Gränichen.
21. Die Unterredung im Gönhard.
22. Der neue Hiob.
23. Der Landsturm.
24. Die ersten Kriegsthaten.
25. Die Nacht in der Berghütte.
26. Neue Rätsel.
27. Kriegsgefangenschaft.
28. Die Erlösung.
29. Der Heimweg.
30. Die Entlebucher.
31. Der Brief.
32. Der Gang zur Bampf.
33. Das Geschwister.
34. Stummes Schauspiel.
35. Die Fragen.
36. Unerwartete Hoffnung.
37. Unerwartete Erfüllung.
38. Trennung.
39. Der Landtag zu Hutwyl.
40. Des Landtags Ende.
41. Der Gang des Aufruhrs.
42. Im Feldlager.
43. Böse Zusammenkunft.
44. Das Gefecht bei Mellingen.
45. Das Treffen bei Wohlenschwyl.
46. Die Nacht auf der Bampf.
47. Die letzte Nacht im Moos.
48. Das Gefecht bei Herzogenbuchsee.
49. Rettung.
50. Die letzten Erscheinungen.
1.
An Herrn Doktor Heinrich Schmutziger, Stabsarzt und Mitglied des Sanitätsrats zu Aarau.
Inhaltsverzeichnis
Du wünschest Dir, mein geliebter Hyppokrates, keinen besseren noch schlimmeren Kranken, als mich; und ich mir keinen schlimmeren und besseren Leser, als Dich. Darum wähle ich Dich, kraft der Machtvollkommenheit und des monarchischen Prinzips, welches Dichtern, wie Staatsmännern, über alles geht, zum alleinigen Stellvertreter der gesamten lesenden Welt und übergebe Dir dies unschuldige Märchen als Neujahrsgabe.
Was ich Dir übergebe, ist nur ein Versuch, der sich durchaus nichts anderes vorgesetzt hat, als den löblichen Zweck der schönen Schwätzerin Scheherezade am Bett des Sultans in tausend und einer Nacht. Da ich mit Wahrheit versichern kann, beim Träumen von »Addrich im Moos« selbst mehreremal eingeschlafen zu sein, so darfst Du das Märchen Deinen Kranken als Somniferum oder Einschläferungsmittel getrost verordnen.
Daß ich dabei auf Dich, als meinen Hauptleser, besondere Rücksicht genommen habe, bedarf keiner Beteuerung, denn wem mehr als Dir, Du menschenfreundlicher Heiland so vieler Schmerzenleidenden, Du treuer Vater der Armen, Du, der Du immer in den Vorderreihen derer zu finden bist, die das Gute und Gemeinnützige befördern, wem mehr als Dir wäre oft ein erquickendes Schlummerstündchen zu gönnen, in welchem Dir Dein Engel erscheint und Dich stärkt?
Bloß Dir zu größerer Bequemlichkeit wählte ich den Schauplatz der Erzählungen aus Deinen Umgebungen. Wer kennt besser als Du Stadt und Vorstadt unseres lieben Aarau? Die einsame hochgelegene Hütte auf der Bampf habe ich Dir schon mit dem Finger gezeigt. Das Schloß Rued – alles im Umkreise weniger Stunden – sahst Du selbst.
Zum Überflusse will ich Dir beides näher beschreiben, denn nichts schläfert mehr ein, als wenn jemand das recht breit erzählt, was man schon weiß. Gleichviel, wo ich beginne; ich fange mit dem Schlosse Rued an, welches in unserm Aargau, drei Stunden vom Aarstrome, rechts demselben, im Schoße des niedern Gebirges gelegen ist. Es erhebt sich dort, leicht zugänglich, auf einer milden Anhöhe, die unmittelbar an eine der Bergreihen lehnt, welche, aus Sandfelsen bestehend, die sogenannte ebene Schweiz durchziehen, und ihre Thäler gegen den zackigen Jura ausmünden.
Vor alten Zeiten war dieses Schloß der Stammsitz eines ritterlichen Geschlechtes, welches von ihm den Namen trug; es kam dann an die im Aargau vielbegütert gewesenen Herren von Büttikon, bis das Land mit Eroberung der Grafschaft Lenzburg, zu der es gezählt wurde, an Bern kam. Bei jener Eroberung, im Jahre 1415, soll die alte Burg Rued verödet gewesen sein. Darauf ging sie als Eigentum an die edeln Meyen von Bern über, deren Enkel sie noch heute, wiewohl in veränderter Gestalt, bewohnen. Das Schloß gleicht heute mehr einem großen, bescheidenen Landhause, als einer mittelalterlichen Burg. Ebenso stand es auch schon in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, doch damals besaß der einzige Eigentümer noch größere Rechte über die umliegenden Ortschaften, als zu unserer Zeit. Aus den Fenstern der hochgelegenen Wohnung übersah er einen Teil seiner herrschaftlichen Besitzungen, Höfe und Ortschaften, die an den Hügeln und in den stillen Gründen des Ruederthales anmutig umherlagen. Wie seine Nachfolger, und vermutlich auch wie seine Vorfahren, verlebte er den größten Teil des Jahres in diesem freundlichen Erdenwinkel, der zwar nicht, wie andere Schweizerlandschaften, durch überwältigende Naturwunder die Seele mit Erstaunen, Entzücken oder Entsetzen fesselt, aber dennoch das Gemüt durch einfache, ich möchte sagen, gemütliche Lieblichkeit und durch das Trauliche, Heimatliche seiner Thalkrümmungen und seiner dicht bewaldeten Berge und hinter Fruchtbäumen verschämt versteckten Wohnungen gewinnt.
Gewöhnlich erschien der Oberherr schon vor Beginn der schönen Jahreszeit in seinem Schlosse, um sowohl erforderliche Anordnungen für die landwirtschaftlichen Arbeiten zu treffen, als auch sich nebenbei noch an der Schnepfenjagd zu erfreuen. So war es auch im Jahre 1653, aber über alles Erwarten früh, schon im rauhen Februar, geschehen. Die Landleute, denen bei der winterlichen Einsamkeit in ihren noch verschneiten Hütten das Unbedeutendste zum unerschöpflichen Stoff der Unterhaltung wurde, wunderten sich allerdings, ihren Oberherrn früher als die Störche, mit Petri Stuhlfeier Einzug halten zu sehen. Die Gescheiteren schüttelten bedenklich den Kopf und gaben zu verstehen, daß ihn bloßer Schnepfendreck, wie sie sagten, nicht so vorzeitig von den Spieltischen der Vettern und Basen zu Bern weggelockt haben möge; dahinter liege eine Katze versteckt. Man hatte schon manche sonderbare Gerüchte vernommen, und das Betragen des Oberherrn schien gewisse Mutmaßungen eher zu bekräftigen, als zu widerlegen. Er zeigte sich nämlich gegen die Bauern, wiewohl er immer ein wohlwollender und gerechter Herr gewesen war, weit leutseliger und freundlicher als in früheren Jahren; nannte jeden beim Namen; fragte den einen um sein Wohlbefinden, den andern nach Weib und Kindern; lobte ihr gehorsames Betragen gegen die Obrigkeit und pries daneben die Vortrefflichkeit der väterlichen Regierung von Bern. Im Schlosse selbst war er einsilbiger, nachdenklicher, verschlossener als sonst; schrieb viele Briefe, oft in der Nacht; und man sah Boten zu ihm kommen, die niemand kannte, und andere, die er eiligst abschickte. Man wußte, freilich durch unzusammenhängende Gerüchte, daß es in einigen Gegenden der Schweiz unruhig, daß Entlebuch im Aufstand, die Stadt Luzern sogar von den wilden Bauern berannt sei. Hiermit setzte man die geheimnisvolle Thätigkeit des Oberherrn in Verbindung. Man hätte gern mehr erfahren. Er jedoch äußerte gegen seine ihm unterthänigen Leute und selbst gegen die vertrautesten Diener nichts von allem, was er vernehmen mochte. Als Staatsmann wußte er wohl, der Blinde sei zum eigenen Belieben besser zu führen, als der Sehende.
2.
Der Meistersänger.
Inhaltsverzeichnis
Zu der Zeit, welche man heutigen Tages die gute, alte Zeit nennt, las man in den Dörfern weder Zeitungen, noch erleichterten zahllose Kunststraßen und wohlunterhaltene Verbindungswege den Verkehr zwischen Städten, Dörfern und abgelegenen Thälern. Die Leute im Ruederthal mußten sich also an verworrenen Gerüchten, wie sie ihnen der Zufall brachte, und welche mehr Neugier weckten, als stillten, über das genügen lassen, was im Schweizerlande vorging.
An einem Märztage stand, weil der Oberherr abwesend war, des Abends das Gesinde des Schlosses, selbst der Verwalter, müßig auf dem Platz vor der Pforte und besprach die altgewordenen Neuigkeiten von Aufruhr, Schlachten und Hinrichtungen. Man war darin ziemlich einig, daß die Regierungen durch das Verbot der fremden Scheidemünze und durch Herabsetzung der einheimischen Batzen auf die Hälfte des bisherigen Wertes den Unfrieden selber gestiftet hätten.
Das Gespräch wurde durch das plötzliche Erscheinen eines Mannes beendet, der mit hastigen Schritten daher eilte und ohne Zweifel wichtige Geschäfte beim Oberherrn auszurichten hatte. Da man von ihm etwas zu erfahren hoffen konnte, so bewegte sich jeder vom Platze ihm unwillkürlich, doch langsamen Schrittes entgegen, um die Neugier nicht zu sehr bloß zu stellen. Der kleine, runde, freundliche Mann, der jährlich einige male ins Schloß zu kommen pflegte und bei der Herrschaft nicht übel angeschrieben stand, war ihnen allen gar wohl bekannt. Es war nämlich der Meistersänger und Spielmann Heinrich Wirri von Aarau. Er zog den breitkrempigen, hochgespitzten Rundhut gar höflich vom Krauskopf, grüßte den Verwalter, nickte den Knechten links und rechts und erkundigte sich nach dem Oberherrn.
»Er ist hinaus, um sich ein wenig zu ergehen, nachdem er den ganzen Tag geschrieben,« sagte der Verwalter; »doch lange bleibt er selten aus. Beliebt's, Meister Wirri, so tretet indessen ins Schloß; Ihr werdet nicht verschmähen, Euch mit einem Abendtrünklein zu erfrischen, zieht Ihr's aber hier am Tischchen unterm blauen Himmel vor, so soll auch hier für Euch gesorgt werden.«
Der Meistersinger verbeugte sich mit dankbarer Freundlichkeit, warf den kurzen, schwarzen Mantel über die Schulter zurück und ließ sich auf der hölzernen Bank im Hofe nieder, wodurch er zu verstehen gab, der Trunk im Freien werde ihm besser zusagen. Bei der ansehnlichen Fülle seiner Leibesglieder hatte ihn das Ersteigen des Schloßberges und der lauwarme Hauch des Föhnwindes im Übermaß in Schweiß gebracht. Während er, Stirn und Wangen trocknend, die Rückkehr des gastfreien Verwalters erwartete, reihten sich Knechte und Bauernknaben in einem Halbkreise um ihn, und betrachteten das gelbe Wamms, die grauen Hosen und roten Strümpfe stumm, doch mit einer Aufmerksamkeit, als könnten sie schon daraus den gegenwärtigen Stand der Welthändel erraten. Der Verwalter kam endlich; ihm folgte ein Knecht mit gefüllter Weinflasche nebst Brot und Emmenthaler Käse auf glänzenden Zinntellern.
Der Meistersänger verneigte sich abermals und nahm von dem Brote, während der Verwalter das dunkelgrüne Trinkglas füllte. Den Emmenthaler jedoch schob der Meister höflich zurück und sagte zum Verwalter: »Käse ist am Morgen Gold, am Mittag Silber, am Abend Blei. Ich kenne die Regel und erstatte unterthänigen Dank. Nun aber vor allen Dingen beliebet mir von Euerm werten Wohlbefinden Nachricht zu geben, Herr Freund, und wie es bei Euch hier zu Lande steht und geht.«
»Die Frage sollte ich vielmehr an Euch richten,« antwortete der Verwalter mit sauersüßem, einem Lächeln ähnlichen Verziehen seiner derben Gesichtszüge, indem er sich neben den Gast auf die Bank setzte, die langen Beine ausstreckte und mit vorgebogenem Leibe die Hände auf die Kniee stemmte; »denn wir – Gott sei Dank – leben hierorts gar wohl und friedlich. Aber es will verlauten, es sei nicht gleichermaßen überall, Meister Wirri, man spricht von Lärmen in Entlebuch und dergleichen.«
»Allerdings, allerdings!« erwiderte der Meister. »Ich möchte kein Hemd in dieser Wäsche haben. Der Teufel hat sein Ei mitten im Winter ausgebrütet, und nun ist das ganze Luzernergebiet in hellem Aufruhr gegen die Obrigkeit; das Emmenthal steckt auch das Banner der Rebellion auf und hier im Aargau stinkt's nicht minder nach Brand. Ich traue den Bauern nicht mehr über den Weg. Sobald sie sich tief bücken, haben sie den Teufel im Rücken. Wenn man hier fegen wollte, würde man auch finden, was hinterm Ofen liegt!«
»Ei, ei,« rief der Verwalter, »wir leben hierorts, glaubt mir, wie die unwissenden Heiden; kein Wort ist uns von allen Vorfällen bekannt. Hat's wirklich blutige Köpfe gegeben?«
»Mehr als zum Heilwerden gut sind, Herr Freund,« antwortete der Spielmann von Aarau. »Ich wollte Euch nicht geraten haben, dort auf dem Roß des Landvogts zu reiten, oder in den Schuhen des Schuldenboten zu wandern, wenn Ihr nicht Lust hättet, früher an der Himmelspforte zu stehen, als man sonst mit Roß und Schuhen dahin gelangt. Alle Dörfer sind befestigt, Wege und Stege besetzt, alle Reisenden festgehalten, alle Briefe erbrochen. Niemand weiß mehr, wer Koch oder Kellner ist. Seit die Emmenthaler den Gehorsam aufgekündigt haben, wette ich für unser gesamtes Bernergebiet keine hohle Nuß mehr.«
»Also auch die Emmenthaler? Wer hätte das von Leuten gedacht, die sonst so gehorsam waren!« seufzte der Verwalter.
»Es ist keine Katze so glatt, sie hat ihre Krallen,« versetzte der Erzähler. »Der Rat von Bern z. B. schickte den Herrn Venner Frisching von Trachselwald, das Volk zu Treu und Frieden zu ermahnen. Die Bauern stellen sich ihm gegenüber gar unterwürfig und freundlich. Aber der Fuchs grüßt nur den Zaun, wenn er in den Garten will. Indessen die Emmenthaler dem Herrn Venner Bücklinge machten mit der Nase bis auf die Erde, beschwören sie in derselben Stunde zu Hutwyl einen Bund gegen meine gnädigen Herren von Bern, Leib und Leben daran zu setzen, um ihre alten Freiheiten, wie sie es nennen, wieder zu bekommen. Da habt Ihr's. Das Luzerner Volk hat den Handel angefangen, aus alten verfaulen Kisten und Gemeindsladen Freiheitsbriefe zusammengelesen. Die Emmenthaler ahmen ihnen nach und wollen es auch besser haben. Ungleiche Schüsseln machen scheele Augen. Nun gehet alles durcheinander.«
»Mir steht der Verstand still,« rief der Verwalter. »Wie konnte der böse Geist so plötzlich in die Gergesenersäue fahren?«
»Ei nun, Ihr wißts ja, Herr Freund,« entgegnete der Spielmann, »im Winter hat der Bauer allzeit blauen Montag, und müßige Köpfe haben seltsame Gedanken. Da wird in Wirtshäusern viel ausgeheckt, was fliegen kann, sobald es den Schnabel aufsperrt.«
»Was sagen aber meine gnädigen Herren von Bern und Luzern?« fragte der Verwalter. »Schaun doch nicht müßig zu, bis ihnen der Bauer über den Kopf wächst? Wäre ich Meister, das wäre mir anders. Warum nicht Truppen versammelt und drein geschlagen mit der Schärfe des Schwertes? Nur rechten Ernst gezeigt: der Bauer trotzt allweg, wenn man ihm höflich begegnet; aber ihm übers Maul gefahren, sagt er: Gehorsamer Diener! und macht die Faust im Sack.«
»Ja, ja, Herr Freund, Ihr möget nicht ganz Unrecht haben,« antwortete Wirri lachend, »es verdirbt mancher gute Rat, den der Schultheiß nicht hat, im Sack des gemeinen Mannes. Aber, Herr Freund, der stärkste ist Zwingherr, und mit böswilligen Hunden ist schlecht jagen. Meine gnädigen Herren haben im Lande Kriegsvolk aufbieten wollen. Was geschieht? Der Bauer ist wohl da, der Soldat aber nicht zu Hause. Da heißts: Wir ziehen nicht gegen unsere eigenen Landsleute! Andere sagen, Zahlt uns zuvor die Reisegelder aus. So schallts überall zurück, und deshalb haben die Herren von Luzern vierhundert Mann aus den kleinen Kantonen in die Stadt ziehen müssen, um des eigenen Lebens sicher zu sein. Es ist vorbei und ist böse, Füchse mit Füchsen zu fangen. Die Bauern wollen nicht gegen die Emmenthaler ins Feld. Was sagt ihr nun, Herr Freund?«
Der Verwalter verzog bedenklich die Miene und räusperte sich. Die Knechte, welche bisher stumm und still zugehört hatten, schienen bei den letzten Worten des Aarauers um einen Zoll gewachsen zu sein, sahen sich links und rechts mit bedeutsamen Blicken an, und nickten einander zu.
»Man muß der Rädelsführer der Rebellen habhaft werden!« schrie der Verwalter, indem er dazu sein strengstes Amtsgesicht machte.
»Richtig!« erwiderte der Meistersänger. »Will man die Treppe reinigen, fängt man von oben, nicht von unten an. Aber den Stier, wenn er wütet, kann man nicht beim Horn packen.«
Die Umstehenden lachten, Der Verwalter warf einen finstern Blick auf das Gesinde und rief: »Was habt Ihr Maulaffen feil! Packt Euch; es ist für Euch da nichts zu horchen!«
»Hm!« sagte ein struppiger Kerl, hämisch-lächelnd. »Ich meine, der Platz ist breit genug für Euch und uns.« Die andern schwiegen und bewegten sich nicht von der Stelle.
Meister Wirri fuhr indessen fort: »Man kennt die Rädelsführer alle aufs Haar; das sind aber Bursche wie Esaus Hand und Jakobs Stimme. Ich selbst kenne den Rebellen Christen Schybi aus dem Entlebuch, der macht Euch den besten General zu Schanden; ich glaube, er hat beim Schwedenkönig gedient. Die Luzerner Gesandten hat er beim Kragen genommen und eingetürmt, die Hauptpässe an der Emme und Gislikon stark besetzt, und die Hauptstadt mit bewaffnetem Volk belagert.«
»Bewahre uns Gott!« sagte der Verwalter erschrocken. »Ists schon dahin gekommen? Nun, Ihr guten Leute, was steht Ihr doch? Ich mags nicht leiden, setzt Euch aufs Bauholz hierneben. Stehen macht müde Beine.«
Die Schloßknechte, an die er die Worte richtete, schienen ihnen nicht zu hören, sondern hielten die Blicke mit großer Aufmerksamkeit auf den Mund des Berichterstatters geheftet, den der Wein, welchen er von Zeit zu Zeit behaglich hinunterschlürfte, immer redseliger machte
»Der Schybi,« fuhr er fort, »macht alles zittern, aber er hat auch einen Kopf so groß wie der aufgehende Vollmond. Als ihn Herr Schultheiß Dulliker von Luzern beim Lärmen in Wollhausen etwas rauh anfuhr, sagte er, daß es alle hörten: Ihre Gnaden, Herr Schultheiß! Das Rathaus von Luzern, wo uns Hauptmann Krebsinger anschnaufen durfte, liegt fünfthalb Stunden von Wollhausen. Vergesset das nicht; wir verlangen, was Recht ist, und wollt Ihr das Rechte nicht, so macht Euch aufs Linke gefaßt . . . Und wie er das sagte, schlug er an seinen Degengriff.«
»Schlimm, schlimm, sehr schlimm!« sagte der Verwalter und zog die breiten, eckigen Schultern in die Höhe. »Was nützt des Schultheißen Zorn? Was meines hochgeachteten Herrn Venners Güte?«
»Ihr habt allerdings recht, Herr Freund,« erwiderte der gesprächige Meister. »Da sind Hopfen und Malz verloren; Emmenthal trägt Nesseln, wie Entlebuch. Wißt Ihr, wer die Emmenthaler kommandiert? Das ist Klaus Leuenberg, der reiche Bauer von Schönholz; ein grimmiger und frecher Gesell. Habt acht! Dies Jahr wird Blut säen und Köpfe mähen: man spricht schon von Nasen- und Ohren-Abschneiden. – Was obrigkeitlich ist, das ist geflohen: kein Schaffner mehr im Kornhaus; kein Weibel mehr im Amthaus. Ist die Katze nicht zu Haus, tanzen die Mäuse über Tisch und Bank, wie Ihr wohl denken könnt.«
Hier wurde das Gespräch unterbrochen, als einer der Knechte zu den andern sagte: »Dort kommt der Junker vom Berg herab.« Alle zerstreuten sich langsam und nach verschiedenen Seiten. Der Verwalter verließ die Bank und wandelte nachdenkend auf dem Platz umher, indem er von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte. Meister Wirri leerte eilfertig sein letztes Glas, und ging dem Oberherrn entgegen.