Kitabı oku: «Fromme Industrie»


für Karin
Inhalt
Einleitung
Katholizismus in der Moderne
Unternehmensgeschichte als Religionsgeschichte
Quellen und Literatur zum Benziger Verlag
Gliederung und Vorbemerkungen
Wallfahrt und Wirtschaft (1750–1900)
Ein Dorf im Schatten des Klosters? Einsiedler Wirtschaft (1750–1900)
Entstehung und Entwicklung der Firma Benziger (1750–1897)
Einfluss der Firma Benziger auf die regionale Entwicklung
Expansion: Von Einsiedeln nach New York
Internationalisierung des Geschäfts
Die amerikanischen Filialen
Prinzipale und Agenten
Ware für den katholischen Markt (1800–1920)
Religiöse Medien in der Moderne
Gebetbücher im Benziger Verlag
Andachtsbilder im Benziger Verlag
Kalender, Zeitschriften und Belletristik im Benziger Verlag
Bildstrecke I: Beispiele aus Werbung und Produktion
Katholische Verlage: Filialen der Kanzel?
Katholische Verlagshäuser – fünf Fallbeispiele
Topografie des internationalen katholischen Verlagswesens
Handlungsspielräume katholischer Verleger
Innenansichten: Familie, Unternehmenskultur, Politik (1800–1920)
Eine neue Elite – Besitz, Heiratspraxis, Bildung
Eine katholische Unternehmenskultur?
Politische Positionen der Verleger
Bildstrecke II: Fotografien aus der Verlagsgeschichte
Kontinuitäten und Zäsuren im 20. Jahrhundert (1914–1995)
Erster Weltkrieg, Sanierung des Geschäfts und die Dynastie der Familie Bettschart
Katholisch und schweizerisch
Verlagsprogramm im Wandel (1930–1970)
Niedergang und jähes Ende (1970–1995)
Schluss
Anhang
Quellen und Literatur
Karten
Tabellen
Kurzbiografien
Bildnachweis
Dank
Einleitung
«Katholisch von der Wiege bis zur Bahre» – dieser geflügelte Ausdruck wird oft bemüht, um die Lebenswelt von Katholiken früherer Generationen zu beschreiben. Die konfessionelle Zugehörigkeit und ihre spezifischen religiösen Praktiken prägten lange Zeit wichtige Übergangsrituale eines Lebenslaufs, den Jahresablauf, ja den Alltag vieler Katholiken. Die Art und Weise sowie das Ausmass dieser Prägung haben sich im Lauf der Zeit aber stark gewandelt. Der Ausdruck «katholisch von der Wiege bis zur Bahre» bezeichnet deshalb keine überhistorische Wahrheit, sondern bezieht sich auf eine spezifisch moderne Ausprägung des Katholizismus, wie sie sich etwa ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte. Dieser «neue» oder «moderne» Katholizismus war uniformierter, zentralisierter und «römischer», als er noch im 18. Jahrhundert gewesen war, und durchdrang die Lebenswelt der Gläubigen stärker als in früheren Jahrhunderten.1 Dennoch war der Katholizismus mit seinen Milieus bei Weitem nicht so geschlossen und von der säkularen Umwelt abgetrennt, wie dies die ältere Forschung manchmal darstellte, und kein eindimensionales, antimodernes Bollwerk. Er wurde nicht einfach zentral «von oben» gesteuert, sondern erhielt auch «von unten» und aus der Peripherie Impulse. Insgesamt beteiligte sich eine Vielzahl von Akteuren mit ganz unterschiedlichen Anliegen, Ideen und Interessen an der Dynamik des modernen Katholizismus.
Akteure, deren Stimmen die historische Forschung bislang weitgehend ignorierte, waren katholische Verlage und Verleger, welche die Katholiken mit Devotionalien, frommen Bildern, belehrenden Büchern und unterhaltenden Kalendern und Zeitschriften versorgten. Katholische Verlagsunternehmen stellten in ihren Fabriken jene materielle Ware her, die dazu beitrug, den modernen Katholizismus gegen aussen zu repräsentieren und im Innern zusammenzuhalten. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines solchen Unternehmens: Im abgelegenen Einsiedeln in den Schweizer Voralpen nutzte die Familie Benziger die ökonomischen Chancen des allgemeinen religiösen Aufschwungs und baute – sozusagen im Windschatten der ultramontanen, sich am Papsttum orientierenden Bewegung – einen transnationalen katholischen Medienkonzern mit Absatzgebieten in ganz Europa, Nord- und Südamerika auf. Die Publikation untersucht die Geschichte des Benziger Verlags aus verschiedenen Blickwinkeln. Die wechselseitigen Beziehungen zum lokalen Umfeld – in den Wirtschaftswissenschaften oft verkürzt «Standort» genannt – werden genauso in die Untersuchung einbezogen wie die internationale Expansion des Unternehmens mit ihren Voraussetzungen und Folgen, die sich wandelnde Produktion des Verlags genauso wie die Unternehmenskultur und die «Vergesellschaftung» der Verlegerfamilie. Die Leitfragen zielen auf die Katholizität des Unternehmens und der Unternehmer. Was soll das sein, ein «katholisches Unternehmen»? Was lässt sich anhand der Geschichte der Firma Benziger zum viel diskutierten Verhältnis zwischen Katholizismus, Moderne und Unternehmertum sagen? Und welche Rolle spielte ein katholisches Medienhaus wie Benziger bei der «katholischen Mobilisierung»? Die Studie ist thematisch und methodisch zwischen verschiedenen Disziplinen wie der Wirtschafts-, der Sozial- und der Kulturgeschichte angesiedelt; sie bewegt sich zwischen der modernen Religions- und Katholizismusgeschichte auf der einen und der modernen Unternehmensgeschichte auf der anderen Seite. Im Folgenden sollen deshalb einige Argumente aus diesen beiden grossen Forschungsfeldern aufgegriffen und diskutiert werden.
Katholizismus in der Moderne
Die Moderne ist eine religionsproduktive Epoche. Sie hat weltweit zahlreiche neue Religionen und religiöse Bewegungen hervorgebracht, die heute global verbreitet sind.2 Auch traditionelle Religionen wie das Christentum erlebten in der Moderne ein Revival. Auf der evangelischen Seite lassen sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mehrere Wellen religiöser «Erweckungsbewegungen» beobachten, die sich teilweise innerhalb der bestehenden Landeskirchen vollzogen, häufig aber auch zur Gründung von neuen kleineren und grösseren Gruppierungen und Freikirchen führten.3 Auf der katholischen Seite ist ab den 1830er-Jahren ebenfalls eine Intensivierung der Religiosität festzustellen, die in der Ausprägung des Ultramontanismus besonders sichtbar wurde. Die klassische Säkularisierungsthese, die davon ausging, dass Religionen im Fortschreiten der Moderne vollständig verschwinden würden, wird – angesichts der evidenten Bedeutung von Religiosität in der Moderne – heute kaum mehr in dieser Form vertreten.4
Phasen und Übergänge
Die historische Forschung hat verschiedene Indikatoren verwendet, um den Aufschwung der christlichen Konfessionen im 10. Jahrhundert zu belegen und zu beschreiben. Für den Katholizismus als Indikatoren häufig genannt wurden die Zahl neuer Kirchenbauten, die Gründung neuer Orden, Kongregationen oder religiöser Laiengesellschaften, die Anzahl an Konvertiten, die Partizipation der Gläubigen an Wallfahrten und Gottesdiensten oder die Präsenz religiöser Themen auf dem Buchmarkt. Es mag fragwürdig erscheinen, Religiosität quantitativ messen zu wollen. Veränderungen der Kirchen in ihrer Beziehung mit der Gesellschaft und sich wandelnde Praktiken der Gläubigen – kurz: Konjunkturen des Religiösen – dürfen dem Historiker aber nicht gleichgültig sein. Religionen wandeln sich, obschon sie selbst häufig den Anspruch auf eine zeitlose Wahrheit erheben.
In der Geschichte des Katholizismus lassen sich ab 1750 zwei Phasen intensiven Wandels feststellen: einmal zwischen etwa 1760 und 1830 und einmal in den Jahrzehnten um 1960. Die erste Phase prägten die Ideen der Aufklärung, die auch das Feld der Religiosität unmittelbar berührten. Lange wurde übersehen, dass die Exponenten der Kirche aufklärerische Ideen nicht unisono ablehnten. Erst in jüngerer Zeit ist eine Debatte über die katholische Aufklärung entstanden.5 Es gab in den Jahrzehnten um 1800 eine starke Bewegung einer katholischen Aufklärung, die sich nicht nur in theoretischen Reflexionen und Abhandlungen, sondern gerade auch in der kirchlichen Praxis äusserte. Aufklärerisch und antibarock gesinnte katholische Geistliche sahen sich als «Volkserzieher», pflegten den interkonfessionellen Austausch und forderten unter anderem einen stärkeren Einbezug der Gemeinde, neue Bibelübersetzungen und allgemein eine Hinwendung zu den Landessprachen auch in der Liturgie. Die katholischen Aufklärer verloren im Verlauf des 19. Jahrhunderts gegenüber den ultramontan-konservativ gesinnten Katholiken an Gewicht und gerieten schliesslich so weit in Vergessenheit, dass die ökumenischen Bestrebungen in den 1960er-Jahren den meisten Betrachtern als etwas komplett Neues erschienen.6
Die zweite Übergangsphase wird in der Regel mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) assoziiert. Das Konzil war allerdings viel eher Folge als Ursache des gesellschaftlichen Wandels in der Nachkriegszeit, der auch die katholischen Gebiete erfasst hatte. Eine bestimmte Ausprägung der katholischen Kultur verschwand in dieser Phase innerhalb weniger Jahrzehnte beinahe vollständig. Das «katholische Milieu» brach weitestgehend in sich zusammen, die Zahl der Gottesdienstbesucher und der Priesterordinationen ging rapide zurück, die letzten Überbleibsel einer barock-agrarischen Frömmigkeit verschwanden.7
Die Zeit zwischen den beiden Phasen des Übergangs, also zwischen etwa 1830 und 1960, beschreibt die Forschung verschiedentlich als eine Zeit homogener Geschlossenheit und hoher öffentlicher Sichtbarkeit für den Katholizismus. Olaf Blaschke hat für diese Phase den Epochenbegriff «Zweites Konfessionelles Zeitalter» geprägt.8 Diese Etikettierung wurde mit Hinweis auf regionale, zeitliche und auch interkonfessionelle Vielstimmigkeiten von verschiedenen Seiten kritisiert.9 Dass es im 19. Jahrhundert ein Revival der christlichen Konfessionen und ihrer Traditionen – häufig in gewandelter Form und mit neu besetzten Inhalten – gegeben hat, ist allerdings weitgehend unbestritten.
Das Verhältnis des Katholizismus zur Moderne
Wie hat die katholische Kirche auf die Herausforderungen der Moderne reagiert? Ist sie selbst als ein gestaltungsfähiger Akteur in einer modernen Welt zu verstehen oder doch eher eine Überlebende aus vormodernen Zeiten, die den Prozessen der Modernisierung reaktiv ausgesetzt war? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen hat eine lange Tradition, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Im Gesamtfeld der Fortschritts- und Modernisierungstheorien nahm die Religion bis vor wenigen Jahrzehnten eine randständige Position ein. Die meisten Modernisierungstheoretiker interessierten sich primär für Ökonomie und Politik, hingegen kaum für Religion. Umgekehrt interessierten sich Religions- und Kirchenhistoriker nur am Rand für Ökonomie und Politik.10 Dies änderte sich ab den 1970er-Jahren, als weltweit orthodoxe und teilweise fundamentalistische Kirchen sowie religiöse Bewegungen aufkamen, die so gar nicht ins Bild einer fortschreitenden Säkularisierung passten. Plötzlich war von einer «De-Säkularisierung», einer «Wiederverzauberung der Welt» und einer «Rückkehr der Götter» die Rede.11
Zunehmend begannen sich auch Historiker und Sozialwissenschaftler mit religiösen Themen in der Moderne zu beschäftigen.12 Die Hinwendung zum Religiösen geschah allerdings langsam. Noch im Jahr 1989 sah sich Urs Altermatt veranlasst, seinem Buch «Katholizismus und Moderne» ein «Plädoyer für die Sozialgeschichte des Religiösen» voranzustellen. Heute ist die Situation eine andere. Das Feld der Forschungsliteratur zum Thema ist mittlerweile stark gewachsen und unüberschaubar breit geworden. Wir behelfen uns im Folgenden damit, einige Argumente dreier Forscher kurz vorzustellen, die dem Feld seit den 1980er-Jahren wichtige Impulse verliehen haben.
Der Schweizer Historiker Urs Altermatt führte in seinem Buch von 1989 verschiedene seiner in den zwei Jahrzehnten zuvor erarbeiteten Thesen und Themen zusammen. Wie es der Untertitel «Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweizer Katholiken im 19. und 20. Jahrhundert» andeutet, ist die Schweiz Altermatts Untersuchungsraum, die er aber in einem internationalen Kontext situiert. Spätere Übersetzungen auf Französisch, Italienisch, Polnisch und Ungarisch zeugen von der Relevanz des Buches über die Schweizer Grenzen hinaus. Zeitlich behandelt Altermatt – mit Vor- und Rückgriffen – die Periode zwischen 1850 und 1950. Damit setzt er sich über gängige Epochengrenzen hinweg und nimmt in gewisser Weise auch die oben erwähnte These eines «Zweiten Konfessionellen Zeitalters» in der Moderne vorweg. Wie es der Titel des Buches andeutet, betont Altermatt die Ambivalenzen zwischen dem Katholizismus und der modernen Welt. Die katholische Kirche habe einen «Antimodernismus mit modernen Mitteln» betrieben, so eine breit rezipierte These des Buches, und gezielt moderne Neuerungen wie die Presse und Massenmedien oder das Vereins- und Verbandswesen dazu genutzt, gegen diese Moderne gerichtete Botschaften zu verbreiten.
Altermatt sah in Teilbereichen aber auch eine Modernisierung des Katholizismus. Deutlich kommt dies in seinen Überlegungen zur «katholischen Subgesellschaft» und zur Emanzipation der Katholiken in derselben zum Ausdruck. Altermatt argumentiert, die Schweizer Katholiken, die nach dem verlorenen Sonderbundskrieg 1847 nicht nur quantitativ, sondern auch sozial und politisch in eine Minderheitenposition geraten waren, hätten sich im jungen Schweizer Bundesstaat in eine organisierte und durchstrukturierte «Subgesellschaft» zurückgezogen. Von dort aus hätten sie sich letztlich – etwa über die Gründung von eigenen Parteien – auch politisch Gehör verschafft, sich also von der protestantischliberal geprägten Mehrheitsposition «emanzipieren» können.
Zahlreiche in Fribourg und anderswo verfasste Qualifikationsarbeiten haben Altermatts Thesen später empirisch unterfüttert.13 Er selbst hat seine Argumente in späteren Publikationen immer wieder variiert, tendenziell in Richtung Vielstimmigkeit verschoben und die modernisierenden Tendenzen innerhalb des Katholizismus betont.14
Der niederländische Historiker Staf Hellemans vertritt eine radikalere Position als Altermatt. In mehreren seit den frühen 1990er-Jahren entstandenen Publikationen entwickelte er sein Argument der «religiösen Modernisierung».15 Unter Modernisierung versteht er dabei nicht einen teleologischen Prozess, der auf einen wie auch immer gearteten Idealzustand zuläuft. Vielmehr ortet er eine Bewegung innerhalb des «sozialen Gebildes der Moderne», das den Rahmen für das gesamtgesellschaftliche Leben, also auch für den Bereich der Religiosität, bilde. Eine konservative Bewegung wie der Ultramontanismus gehört in dieser Optik genauso zur Moderne wie liberale Reformbestrebungen: Beide spielen sich im selben gesamtgesellschaftlichen Rahmen ab und reagieren auf dieselben Herausforderungen – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise.16
Die Modernisierung ist für Hellemans etwas Unvermeidbares. Folglich, so sein Argument, habe sich der Katholizismus nicht weniger modernisiert als andere Konfessionen und Religionen oder andere Bereiche des Lebens wie die Politik oder die Ökonomie. Die Geschichte des Katholizismus in der Moderne sei deshalb konsequent als eine Geschichte der Modernisierung zu erzählen.
Der Blick auf diese religiöse Modernisierung sei allerdings rhetorisch verstellt, schreibt Hellemans, da Säkularisierungsbefürworter stets propagiert hätten, der Katholizismus sei nicht kompatibel mit der Moderne; auf der anderen Seite hätten die katholisch-konservativen Strömungen die Kontinuitäten zu vormodernen Zuständen auf Kosten des historischen Wandels in den Vordergrund gerückt.17 Hellemans seinerseits zieht daraus den Umkehrschluss und betont radikal den historischen Wandel gegenüber der Präsenz vormoderner religiöser Traditionen in der Moderne.
Der französische Islamwissenschaftler und Religionshistoriker Olivier Roy wendet sich in seinem Buch «La Sainte Ignorance» (2008)18 – in diesem Punkt Hellemans nicht unähnlich – gegen die Vorstellung einer «Rückkehr des Religiösen» im ausgehenden 20. Jahrhundert. Er vertritt die These, dass die Säkularisierung die Religionen zwar nicht ausgelöscht, diese aber verändert habe, indem sie sie aus ihrem kulturellen Kontext herauslöste. Die «Rückkehr des Religiösen» sei nicht mehr als eine «optische Täuschung», hervorgerufen durch eine Säkularisierung, die das Religiöse erst hervorhebe und sichtbar mache, indem sie die Religionen zu einer Neuformulierung in einem «säkularisierten Raum» zwinge. Fundamentalistische Formen von Religion seien so gesehen nicht vor- und auch nicht antimodern, sondern eben gerade besonders moderne Phänomene, da sie ihre eigene Dekulturation akzeptieren und daraus ihren «Anspruch auf Universalität» ableiten würden. Der Weg zum Heil führe bei solchen modernen Religionen nicht über das Wissen, sondern über den Glauben: Roy spricht von einer «sainte ignorance». Das Argument ist universal gedacht. Es bezieht sich nicht auf eine bestimmte Religion oder eine einzelne Region, sondern auf alle religiösen Bewegungen in der modernen Welt. Seine Überlegungen zum Verhältnis von Säkularisierung, Religion und Kultur lassen sich indes auch als Ausgangspunkt für konkrete, problembezogene Fragestellungen anwenden.
Die drei Beispiele zeigen uns erstens, dass wir gut daran tun, Prozesse der religiösen Modernisierung genau zu studieren – auch dort, wo lange Traditionen und Formen vermeintlich zeitloser Religiosität vorliegen. Wir sollten also nicht nur danach fragen, welche modernen Mittel die Kirche einsetzte, sondern auch danach, wie sie alte Traditionen im 19. Jahrhundert umdeutete.19 Mit welchen neuen Funktionen und Attributen wurden beispielsweise die Heiligen ausgestattet? Und blieb die barocke Andachtsliteratur, die ihren Titeln nach bis ins 20. Jahrhundert in Tausenden von Ausgaben und Millionen von Exemplaren verbreitet wurde, die ganze Zeit dieselbe?
Die drei Beispiele zeigen uns zweitens aber auch, dass es sich lohnt, auf das Verhältnis zwischen Religion und Kultur zu achten. Die Epoche zwischen 1830 und 1960 war in der Geschichte des Katholizismus ein historischer Sonderfall. Den Einfluss, den die katholische Kirche bis in die hintersten Winkel des Alltags und des Familienlebens der Katholiken ausübte, gab es weder vorher noch nachher. Franz-Xaver Kaufmann sprach für diese Epoche von einer «Verkirchlichung»20 des Katholizismus, in der die Kirche sakralisiert, hierarchisiert und klerikalisiert und die Katholiken damit einhergehend diszipliniert wurden. Die Disziplinierung funktionierte durch eine tiefe Inkulturation des katholischen Glaubens und seiner Wertvorstellungen. Die Inkulturation vollzog sich in allen Sphären des Lebens: in der Schule, in Vereinen und im Gottesdienst genauso wie bei der Lektüre von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern.
Dem heutigen Betrachter mag das «katholische Milieu» des 19. und 20. Jahrhunderts zunächst als eine Art religiöser Monolith erscheinen. Diese hohe Sichtbarkeit könnte indes, liesse sich in Anlehnung an Olivier Roy sagen, damit zusammenhängen, dass die Säkularisierung weite Bereiche der Gesellschaft tatsächlich erfasste und dadurch die (noch) nicht säkularisierten Bereiche umso deutlicher hervortreten liess. Für die Katholiken aber, die sich innerhalb ihres Milieus bewegten, liessen sich Kultur und Religiosität kaum voneinander trennen. War es ein religiöser Akt, eine Fortsetzungsgeschichte in einer Missionszeitschrift zu lesen? Oder sonntags den Gottesdienst und anschliessend das Wirtshaus zu besuchen? Erfolgte der Eintritt in einen katholischen Turnverein aus religiöser Überzeugung? Dieser «kulturelle Katholizismus» ist, genauso wie aufgeklärt-liberale oder auch fundamentalistische Formen, eine von mehreren möglichen Gestalten, die Religionen in der Moderne annehmen können.
Unternehmensgeschichte als Religionsgeschichte
Diese Arbeit versteht sich nicht als klassische Unternehmensgeschichte. Sie verfolgt keine betriebswirtschaftlichen Ansätze und versucht nicht, Kapitalverwertungsprozesse historisch zu analysieren. Sie nimmt aber mehrfach Ansätze aus der neueren Unternehmensgeschichtsschreibung auf. Diese begann sich seit den frühen 1990er-Jahren gegenüber anderen Disziplinen zu öffnen und bietet mittlerweile zahlreiche methodische und argumentative Anknüpfungspunkte auch für Historiker aus anderen Forschungsfeldern. Im Folgenden sollen einige für diese Arbeit zentrale Argumente aufgenommen und diskutiert werden. Ausgangspunkt sind zwei stark rezipierte Forscher, die sich in der Vergangenheit mit Unternehmensgeschichte und Unternehmenstheorie befasst haben.
Hartmut Berghoff hat im Rahmen einer 1997 veröffentlichten Monografie zum deutschen Harmonikaproduzenten Hohner und in mehreren folgenden Aufsätzen seinen Ansatz der «Unternehmensgeschichte als Gesellschaftsgeschichte» entwickelt.21 Er geht aus von der allgemeinen Gesellschaftsgeschichte Hans-Ulrich Wehlers, die er zu «entnationalisieren» sucht und auf «kleinere soziale Systeme» wie Unternehmen überträgt. Die Multidimensionalität – Wirtschaft, Sozialstruktur, Politik, Kultur – des wehlerschen Ansatzes komme im begrenzten Raum eines Unternehmens besser zum Tragen als im nationalstaatlichen Rahmen, da dieser ein «hohes Mass an Konkretheit» und eine grössere Tiefenschärfe erlaube. Berghoff wendet sich gegen esoterische Formen der Unternehmensgeschichte, die sich auf innere Vorgänge und Organisationsprobleme konzentrieren, und sieht Unternehmen als eine Art offene Systeme. Die Isolierung der Betriebe von der Aussenwelt gelte es aufzubrechen, so Berghoff. Insbesondere die Wechselbeziehungen zwischen der Firma und ihrem lokalen Umfeld müssten stärker berücksichtigt werden. Darüber hinaus soll aber auch den überregionalen Faktoren, die das unternehmerische Handeln von aussen beeinflussen und strukturieren, grössere Beachtung zukommen: etwa kultureller und sozialer Wandel, technologische Entwicklungen oder sich verändernde Moden. Auch da sollen die Unternehmen als Akteure ernst genommen und nach ihren Instrumenten gefragt werden, mit denen sie die Gesellschaft und die Märkte aktiv prägen. Insgesamt, so lassen sich Berghoffs Überlegungen zusammenfassen, sollte die (deutsche) Unternehmensgeschichtsschreibung von ihrer lange Zeit betriebenen Esoterik wegkommen. Ein Unternehmen kann ein Ort sein, an dem, gleichsam wie durch eine Lupe, auch übergeordnete Fragen historischen Wandels beobachtet und untersucht werden können.22
Zwischen Unternehmen und Umwelt bestehen also fliessende Grenzen. Bereits Ende der 1970er-Jahre führte der Betriebsökonom R. Edward Freeman den Begriff «Stakeholder» ein, um Manager von Firmen dafür zu sensibilisieren, welchen Akteursgruppen – neben Mitarbeitern, Kunden, Aktionären – man besondere Aufmerksamkeit schenken müsse.23 Stakeholder waren für Freeman Gruppen oder Individuen, die in irgendeiner Form ein Interesse an den inneren Vorgängen, am Erfolg oder Misserfolg einer Firma haben.24 Klassische Stakeholder sind nach Freeman beispielsweise Gewerkschaften, Verbände oder die Standortgemeinde. Alle diese Akteure seien für die Entwicklung einer Firma relevant, weshalb es einen Minimalkonsens zwischen ihnen herzustellen gelte. Freeman machte damit auf die Notwendigkeit für eine Firma aufmerksam, ein soziales Gleichgewicht mit ihrer Umwelt herzustellen, und rückte gegenüber den firmeninternen Organisationsstrukturen allgemein soziale Faktoren in den Vordergrund. Der Stakeholder-Ansatz wurde in der ökonomischen Theorie und Praxis breit rezipiert. Einfluss hatte er insbesondere auf die Literatur in den Bereichen der Unternehmensstrategie. Er diente aber auch als theoretische Grundlage für die Behandlung von Fragen über die ethische und soziale Verantwortung von Unternehmen. Insgesamt ist der Stakeholder-Ansatz im Feld der «Koalitionstheorien» anzusiedeln, die ein Unternehmen als eine Koalition verschiedenster Interessengruppen auffassen. Koalitionstheorien fanden in den vergangenen beiden Jahrzehnten vermehrt auch Eingang in die unternehmenshistorische Forschung.25
Die beiden skizzierten Ansätze stammen aus unterschiedlichen Disziplinen. Sie haben allerdings mindestens zwei Punkte gemeinsam: Erstens legen sie den Fokus auf den Austausch eines Unternehmens mit seiner Umwelt, und zweitens interessieren sich beide für die an einem Unternehmen beteiligten Akteure und ihre Handlungsspielräume. Eine Unternehmensgeschichte, die von diesen Ansätzen ausgeht, interessiert sich also für Aushandlungsprozesse, die in einem sozialen Raum stattfinden, kurz: für die von den Unternehmern und mit einem Unternehmen verbundenen Gruppen betriebene «Mikropolitik».
Was bedeutet dies nun für unser Thema? Zunächst erscheint es mir wichtig, die Geschichte des Benziger Verlags aus verschiedenen Blickwinkeln und im Austausch mit seiner Umwelt zu untersuchen. Es ist beispielsweise kein Zufall, dass sich das Unternehmen gerade in Einsiedeln, einem religiösen Zentrum und Wallfahrtsort, entwickelte. Die Ausrichtung und die unternehmerische Strategie, ja überhaupt die Entwicklung des Unternehmens, waren stets eng mit dem Standort Einsiedeln verbunden. Die Wechselwirkungen zwischen Benziger und dem lokalen Umfeld gilt es deshalb ernst zu nehmen. Genauso lohnt es sich aber auch das Verhältnis des Unternehmens zu grösseren, sich international vollziehenden historischen Entwicklungen im Auge zu behalten. So prägten beispielsweise zahlreiche Innovationen im Bereich der Reproduktionstechnologie die Firma. Wann hat sie welche neuen Technologien übernommen? Hat sie allenfalls auch zu deren Weiterentwicklung aktiv beigetragen? Vor allem aber ist die Firmengeschichte im Kontext des allgemeinen religiösen Revivals im 19. Jahrhundert zu sehen. Der religiöse (Wieder-)Aufschwung – gerade auch des Katholizismus – hat erst den Nährboden für den Massenabsatz eines katholischen Medienunternehmens wie Benziger und zahlreicher weiterer in ganz Europa geschaffen. Dabei gilt es allerdings, die Handlungsspielräume der an dieser neuen Industrie beteiligten Akteure nicht zu vernachlässigen. Wie und entlang welcher Netzwerke wurde der Markt für katholische Waren geschaffen? Wie genau hat sich ein Unternehmen wie Benziger aktiv am religiösen Revival beteiligt?
Zweitens gilt es die Mehrfachidentitäten der Unternehmer als Unternehmer und Katholiken ernst zu nehmen. Es soll in dieser Arbeit nicht um die wirkmächtige These Max Webers beziehungsweise seiner Epigonen über die Unvereinbarkeit des Katholizismus mit dem Kapitalismus gehen, sondern vielmehr darum, zu untersuchen, was der Katholizismus, katholische Überzeugungen und nicht zuletzt das Verhalten von Kirchenvertretern konkret für die Verleger und ihr Unternehmen bedeuteten. Wie stellte sich das Unternehmen beispielsweise zur im 19. Jahrhundert zunehmend dominierenden ultramontanen Richtung? Ich gehe davon aus, dass die katholische Kirche beziehungsweise ihre Exponenten auf unterschiedlichen Stufen der Hierarchie ein Interesse am Erfolg eines katholischen Medienhauses wie Benziger hatten, sich also als Stakeholder des Unternehmens verstehen lassen. Es stellt sich somit die Frage, welche katholischen Individuen und Gruppen in welcher Form an der Firma beteiligt waren, wie sich das Verhältnis über die Zeit entwickelte und wo es allenfalls auch Zielkonflikte gab. Gerade die Frage nach den Zielkonflikten erscheint mir ergiebig, zumal ein katholisches Verlagshaus in stärkerem Masse als etwa ein in der Textil- oder Maschinenindustrie tätiges Unternehmen ideologisch diffizile Produkte – Gebetbücher, Zeitschriften und religiöse Bilder – herstellte, deren Inhalte von verschiedenen Interessengruppen begleitet und allenfalls auch kritisiert wurden. Die Geschichte des Benziger Verlags lässt sich also in Anlehnung an Berghoff als eine «Unternehmensgeschichte als Religionsgeschichte» erzählen oder genauer: als eine Geschichte des Katholizismus in der Moderne.
Quellen und Literatur zum Benziger Verlag
Quellen
Die Arbeit stützt sich hauptsächlich auf das umfangreiche und bislang noch kaum bearbeitete Material im Nachlassarchiv des Verlags in Einsiedeln. Das Nachlassarchiv wurde nach der Übernahme des Benziger Verlags durch die Patmos Verlagsgruppe 1994 und der Schliessung der grafischen Betriebe in Einsiedeln 2003 in die Stiftung Kulturerbe Einsiedeln überführt und ist seit 2010 öffentlich zugänglich.26 Es umfasst rund 500 Laufmeter mit Buch- und Bildpublikationen des Verlags vom frühen 19. bis ins späte 20. Jahrhundert, zahlreiche Druckplatten, Lithographiesteine, Klischee-, Farb- und Musterbücher sowie rund 200 Laufmeter Akten und weitere Materialien zur Firmengeschichte, darunter Kataloge, Rechnungsbücher, Verwaltungsratsprotokolle und Hunderte von Kopierbüchern mit Korrespondenz zwischen dem Mutterhaus in Einsiedeln und den Filialen, zwischen dem Verlag und Lieferanten, Kunden, Autoren, Künstlern und weiteren Personen. Seit den späten 1990er-Jahren wurde das Archiv zudem mit Material zur Geschichte der Verlegerfamilie Benziger und weiteren am Verlag beteiligten Familien geäufnet, das sich noch bei den Nachkommen befand und auch einen stärker sozialhistorisch orientierten Blick auf die Verlagsgeschichte ermöglicht.
Der Archivbestand ist weitgehend erschlossen, wenn auch auf einer sehr summarischen Ebene. Für diese Arbeit wurden die Bestände für den Zeitraum bis etwa 1920 systematisch gesichtet und daraus ein vielfältiger Quellenkorpus zusammengestellt. Besondere Berücksichtigung fanden die zahlreichen überlieferten Kataloge (ab 1800), die einen guten Überblick über die Produktion geben, die Korrespondenz mit Künstlern und Autoren (ab dem Generationenwechsel 1860 zunehmend systematisch), die Kopierbücher mit der ausgehenden Korrespondenz in die amerikanischen Filialen (1862–1897) sowie die Protokolle des Verwaltungsrats (ab 1897). Es hat sich gezeigt, dass die Zeit bis etwa 1850 nur sehr lückenhaft dokumentiert ist. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steigt die Materialdichte – analog zur Expansion des Unternehmens – sprunghaft an, was insbesondere mit der Modernisierung und der Professionalisierung der firmeninternen Verwaltungsstrukturen zusammenhängen dürfte. Die Darstellung der Zeit nach 1920 stützt sich weitestgehend auf Sekundärliteratur, Zeitungsartikel sowie Fest- und Jubiläumsschriften; für diesen Zeitraum wurde Material aus dem Nachlassarchiv nur punktuell hinzugezogen.
Das Material aus dem Nachlassarchiv wurde ergänzt mit Quellen aus weiteren Archiven: so etwa dem Klosterarchiv Einsiedeln und dem Bezirksarchiv Einsiedeln. Im Staatsarchiv Schwyz wurde unter anderem der Nachlass von Direktor Oskar Bettschart (1882–1960) konsultiert, in dem sich vereinzelt auch Quellenmaterial aus der Zeit vor 1850 befindet; im Staatsarchiv Nidwalden die Briefsammlung von Kunstmaler Melchior Paul von Deschwanden (1811–1881); in der Sondersammlung der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern ein Briefnachlass von Nikolaus Benziger (1830–1908); im Literaturarchiv in Bern ein Teilnachlass des Verlags für die Zeit ab 1948.27 Insgesamt wenig ergiebig waren die Recherchen im Vatikanischen Geheimarchiv, wo sich nur vereinzelte, für unser Thema wenig gehaltvolle Quellen finden liessen.28 Hinzugezogen wurden indes zahlreiche Nekrologe von Mitgliedern der Verlegerfamilie Benziger, die zwischen 1864 und 1972 in verschiedenen Zeitungen erschienen.29
Literatur
Es gibt bislang keine umfangreichere Untersuchung zum Benziger Verlag, die wissenschaftlichen Kriterien entspricht und mehr als einen einzelnen Aspekt der Verlagsgeschichte im Blick hat. In der religions- und kirchenhistorischen, der volkskundlichen Literatur sowie in der Buchgeschichte fristete der Benziger Verlag bislang eine Art Fussnotenexistenz. Man hat, sich in der Regel auf ältere Jubiläumsschriften beziehend, immer wieder auf den Verlag und seine Bedeutung verwiesen, ohne allerdings länger bei seiner Geschichte zu verweilen.30 In der lokal- und regionalhistorischen Forschung ist der Benziger Verlag etwas ausführlicher thematisiert worden. Bereits Odilo Ringholz verfasste für seine 1896 erschienene Einsiedler Wallfahrtsgeschichte einen kurzen Abriss der Firmengeschichte.31 Auch in der jüngeren Vergangenheit wurde die ehemalige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedeutung des Verlags in mehreren Publikationen hervorgehoben, beispielsweise in verschiedenen Beiträgen der Schwyzer Kantonsgeschichte von 2012;32 2010 war die Verlagsgeschichte auch Thema einer Ausstellung in Einsiedeln zum populären Zeitgeschmack um 1900, die vor allem die Produktion religiösen «Kitschs» thematisierte;33 2003 erschienen in der Reihe «Die Kunstdenkmäler der Schweiz» zwei Bände über das Kloster und das Dorf Einsiedeln, in denen die beiden Autoren Werner Oechslin und Anja Buschow der Firma Benziger viel Raum zugestehen. Neben dem Einfluss von Benziger auf die bauliche Entwicklung Einsiedelns thematisieren sie in anregender Weise auch kulturhistorische Aspekte der Verlagsgeschichte, die weit über das Lokale hinausreichen.34
Daneben bestehen einige Untersuchungen zu einzelnen Aspekten der Verlagsgeschichte: Ursula Brunold-Bigler widmete in einer 1982 erschienenen Studie über religiöse Volkskalender in der Schweiz dem «Einsiedler Kalender» von Benziger mehrere Seiten; Elisabeth Joris thematisiert in ihrer 2011 erschienenen Doppelbiografie von Josephine Stadlin und Emilie Paravicini-Blumer auf einigen Seiten die Schulpolitik, welche die Gebrüder Benziger in den 1840er-Jahren in Einsiedeln betrieben;35 Matthias Christen gibt in einem 2010 erschienenen Buch über fotografische Totengedenken in der Zentralschweiz einige Hinweise auf die Produktion von Totenbildern bei Benziger, wobei er sich teils auf Quellenmaterial aus dem Nachlassarchiv stützt;36 2001 verfasste Dominik Feusi eine Lizenziatsarbeit zur Konfessionalisierung im Kanton Schwyz am Beispiel der politischen Tätigkeit von Josef Karl B.-Meyer (1799–1873); Daniel Meienberg schrieb 2009 eine sozialhistorisch orientierte Lizenziatsarbeit zum Arbeiterstreik bei Benziger im Jahr 1900; 1999 und 2004 erschienen in Chicago zwei kunsthistorisch orientierte Aufsätze von Rachel Bean beziehungsweise Saul Zalesch zur von Benziger um 1900 in den USA produzierten und vertriebenen religiösen Kunst.37
Den narrativen Rahmen bezüglich der allgemeinen Verlagsgeschichte bilden in den genannten Arbeiten in der Regel ältere Jubiläumsschriften sowie Familiengeschichten. Vor allem zu nennen ist eine 1923 von Carl Josef B.-Berling (1877–1951) für die noch deutsch lesende Verwandtschaft in den USA verfasste Familiengeschichte, die umfangreiche Porträts und eine insgesamt ziemlich ausgewogene Darstellung der Verlagsgeschichte für die Zeit bis etwa 1900 enthält. Diese Arbeit ist bis heute die wichtigste Referenz zur Verlagsgeschichte des 19. Jahrhunderts geblieben. Carl Josef B.-Berling, Sohn des letzten Verlagsdirektors aus der Gründerfamilie, Historiker und während Jahrzehnten in der eidgenössischen Diplomatie tätig, verfasste zuvor bereits ein Werk über die Geschichte des Buchgewerbes im Kloster Einsiedeln, worin er auch auf die Anfänge des Benziger Verlags zu sprechen kommt. 1971 erschien das Buch «Beiträge zur Geschichte der Benziger von Einsiedeln und der ersten Buchdruckereien im Dorfe» von Bruno Lienhardt-Schnyder, der mit der Familie Benziger verwandtschaftlich verbunden war. Das Buch stützt sich teils auf die Familiengeschichte von 1923, teils auf eigenes Quellenstudium.38 Zu Adelrich Benziger (1864–1942), dem späteren Erzbischof Alois Maria Benziger in Indien, gibt es zwei Biografien aus den Jahren 1944 und 1977;39 zu seinem Bruder August Benziger (1867–1955), einem erfolgreichen Porträtmaler, erschienen 1922 und 1958 ebenfalls zwei Biografien.40 Die Biografien der beiden Brüder enthalten, in der Regel anekdotisch gehaltene, Informationen über das familiäre und geschäftliche Milieu, in das sie hineingeboren wurden. Zu erwähnen sind insbesondere auch mehrere Schriften anlässlich von Firmenjubiläen.41 Auch erschienen zu den Direktoren Oskar Bettschart-Spörri (1882–1960), seinem Sohn Oscar Bettschart-Fahrländer (1921–1990) sowie Gustav Keckeis-Barth (1884–1967), welche die Geschicke des Verlags im 20. Jahrhundert massgeblich prägten, zwischen 1951 und 1990 mehrere, teilweise gehaltvolle Festschriften und Nachrufe.
Zusammen mit weiteren kleineren Schriften, familienhistorischen und familieninternen Arbeiten ergibt sich das Bild einer insgesamt äusserst disparaten, aber auch reichhaltigen Literatur zum Thema. Alle Texte zusammengenommen bilden ein vielstimmiges und differenziertes Mosaik der Verlagsgeschichte von seinen Anfängen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Arbeit stützt sich auf die genannte familien- und unternehmensnahe Literatur, geht in vielerlei Hinsicht aber darüber hinaus. Revisionsbedürftig ist insbesondere das eindimensionale Fortschrittsnarrativ, das in diesen Texten konstruiert wird. Es ist – insbesondere für das 19. Jahrhundert – weitestgehend die Erzählung von Generationen von «grossen Männern», und ganz am Rande auch von deren Frauen und Töchtern: Im abgeschiedenen Hochtal von Einsiedeln bauen sie durch schiere Tatkraft und gestützt durch ihren unerschütterlichen Glauben ein Unternehmen auf, das sie wie durch Vorsehung steuern und auch durch harte Arbeit von Generation zu Generation weiter ausdehnen. Die Umwelt des Unternehmens und der grössere historische Kontext werden dabei weitgehend ausgeblendet. Es ist indes nicht mein Anspruch, mit dieser Arbeit ältere Erzählungen der Verlagsgeschichte aufzuheben oder zu ersetzen. Doch soll der Blick auf das Thema geweitet, einige Lücken geschlossen, neue Schwerpunkte gesetzt und Fragen gestellt, die Verlagsgeschichte in gewisser Weise also vergegenwärtigt werden.
Gliederung und Vorbemerkungen
Das Buch ist in sechs thematische Hauptkapitel gegliedert, die sich nach einer groben Chronologie richten. Das Kapitel «Wallfahrt und Wirtschaft» fragt nach der Entstehung des Unternehmens im 18. Jahrhundert, seiner weiteren Entwicklung im 19. Jahrhundert und nach den Wechselbeziehungen zum lokalen Umfeld in Einsiedeln bis etwa 1900. Das Kapitel «Expansion» fragt nach der internationalen Umwelt der Firma und nach den Bedingungen und Konsequenzen der Errichtung überseeischer Filialen. Das Kapitel «Ware für den katholischen Markt» gibt nach einer generellen Einführung zur Funktion religiöser Medien in der Moderne eine Übersicht über die wichtigsten Medientypen des Verlags im 19. Jahrhundert – Gebetbücher, Andachtsbilder, Periodika und Belletristik – und fragt nach den Produktions- und Distributionsprozessen dieser Medien sowie den daran beteiligten Akteuren. Das Kapitel «Filialen der Kanzel?» stellt die Firma Benziger in einen internationalen Kontext, wagt eine Topografie des katholischen Verlagswesens in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Belgien und schlägt eine grobe Periodisierung des katholischen Verlagswesens im 19. Jahrhundert vor. Das Kapitel «Innenansichten» versucht eine soziale und politische Verortung der Verlegerfamilie und fragt nach der firmenspezifischen Unternehmenskultur. Das Kapitel «Kontinuitäten und Zäsuren im 20. Jahrhundert» schliesslich behandelt in summarischer Weise die Verlagsgeschichte von rund 1920 bis etwa 1970 und thematisiert in der gebotenen Kürze auch das eigentlich ausserhalb der gewählten Untersuchungsperiode liegende Ende des Benziger Verlags als eigenständiges Unternehmen in den 1980er- und 1990er-Jahren.
Hinzu kommen zwei kommentierte Bildstrecken: Die Erste beinhaltet Beispiele aus der Verlagswerbung und der Produktion; sie stammen hauptsächlich aus der Zeit zwischen 1850 und 1920. Die zweite Bildstrecke enthält Fotografien aus der Verlagsgeschichte zwischen 1860 und 1989. Eine Auswahl von Tabellen und Kurzbiografien von für die Verlagsgeschichte massgeblichen Personen – Verleger, Direktoren, Verwaltungsräte, Autoren, Künstler, Experten – befindet sich im Anhang. Die Namen der Mitglieder der Familie Benziger werden in dieser Arbeit, um Verwechslungen zu vermeiden, mit doppeltem Nachnamen angeführt, wobei der Name «Benziger» abgekürzt wird (z.B. Adelrich B.-Koch). Das Unternehmen wird wahlweise als «Firma Benziger» oder «Benziger Verlag» bezeichnet. Eine Auflistung der juristisch korrekten und ab 1883 auch im Handelsamtsblatt eingetragenen Firmennamen findet sich im Anhang (Tab. 2, S. 371). Ebenfalls im Anhang zu finden, ist eine gesonderte Bibliografie mit der zusammengetragenen Literatur zu katholischen Verlagen und Verlegern.
Wallfahrt und Wirtschaft (1750–1900)
Im Juni 1892 feierte der Benziger Verlag in Einsiedeln sein hundertjähriges Bestehen.42 Zum Jubiläum gestalteten Angestellte der Firma ein reich illustriertes Buch, das einen ersten Überblick über die damaligen weitverzweigten Geschäftsbereiche gibt.43 Der Verlag unterhielt nebst einer eigenen Buchdruckerei und Setzerei verschiedene weitere grafische Abteilungen, eine Buchbinderei und Falzerei, ein eigenes Photoatelier sowie eine Fabrikationsabteilung für Spitzenbilder und Rosenkränze. Das Unternehmen betrieb auch einen Devotionalienladen und eine Sortimentsbuchhandlung in Einsiedeln sowie ein Kosthaus für die Angestellten. Der Gebetbuchverlag der Firma Benziger galt damals nach eigenen Angaben als der grösste der Welt.44
Die Verlagswaren von Benziger fanden in der ganzen katholischen Welt Absatz. Geschäftsreisende bereisten für Benziger nebst den katholischen Ländern Europas auch Süd-, Zentral- und Nordamerika. Über die aufstrebende katholische Mission gelangten die Verlagswaren auch in andere überseeische Weltgegenden. Die Amerikagründung von Benziger galt zu jener Zeit als führendes katholisches Verlagshaus der ganzen USA.45
Der Verlag datierte seine Gründung auf den 17. Februar 1792. An diesem Tag schloss Johann Baptist Karl B.-Schädler (1719–1801) einen Gesellschaftsvertrag mit dem Kloster Einsiedeln, der es ihm erlaubte, in Einsiedeln einen Devotionalienhandel auf eigene Rechnung zu betreiben. Die Wurzeln des Unternehmens reichen aber noch weiter zurück. Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten Vorfahren der späteren Verleger Devotionalien gehandelt.
Betrachtet man die Entwicklung des Unternehmens in Einsiedeln von seinen Ursprüngen bis etwa ins Jahr 1900, lassen sich zwei Beobachtungen machen: Erstens scheint der vergleichsweise bescheidene Devotionalienhandel, den einzelne Familienmitglieder im 18. Jahrhundert oft neben einer anderen Tätigkeit als Wirt, Posthalter oder Metzger ausübten, für die spätere Entwicklung des Unternehmens von entscheidender Bedeutung. Die Familie schuf ein Netzwerk von Handelspartnern, das sich über die Region Einsiedeln hinaus ins Elsass und in den süddeutschen Raum spannte.46 Mit einzelnen Handelspartnern wurden damals Geschäftskontakte geknüpft, die teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bestanden. Zudem erarbeiteten sich einzelne Familienmitglieder in dieser Zeit ein stabiles Know-how in Handelsgeschäften und als Angestellte in der Klosterdruckerei im Druckerei- und Verlagswesen. Es scheint deshalb lohnenswert, die Geschichte des Benziger Verlags nicht erst mit dem offiziellen Gründungsjahr von 1792 beginnen zu lassen und einem genau festlegbaren Gründungsdatum einen offenen Beginn ungefähr in der Mitte des 18. Jahrhunderts gegenüberzustellen.
Die zweite Beobachtung betrifft die regionale Verankerung des Verlagsunternehmens. Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, dass der Benziger Verlag seinen Hauptsitz stets in Einsiedeln beliess, das mit seiner peripheren Lage in den Innerschweizer Voralpen wahrlich keine günstigen Bedingungen für Massenproduktion und den internationalen Absatz bot. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass Einsiedeln zwar in geografischer Hinsicht randständig, auf einer konfessionellen «mental-map» als Wallfahrtsort hingegen ein in der ganzen katholischen Welt bekanntes religiöses Zentrum war. Die Entstehung des Verlagsunternehmens ist ohne die Wallfahrt und die ihr zudienenden Dienstleistungs- und Gewerbezweige nicht zu verstehen. Die Wallfahrt war das Rückgrat, auf das sich der Benziger Verlag stützen konnte, und der durch die Wallfahrt bekannte Name Einsiedeln ein Label, das sich zu Werbezwecken eignete und mit dem sich manche Tür öffnen liess.
Ein Dorf im Schatten des Klosters? Einsiedler Wirtschaft (1750–1900)
Die Wirtschaftsgeschichte der Region Einsiedeln im 18. und 19. Jahrhundert ist bisher wenig untersucht. Zwar gibt es einige – häufig ältere – Arbeiten zu einzelnen Wirtschaftszweigen, vor allem zu jenen, die für das Kloster wichtig waren; umfassende Arbeiten aber fehlen. Zu anderen Regionen der Zentralschweiz sowie zur Innerschweiz und zum Kanton Schwyz als Ganzes hingegen sind in jüngerer Vergangenheit einige gehaltvolle Studien erschienen.47 Diese Arbeiten betonen, wie wenig sich die Innerschweiz im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert industriell entwickelte. Einen Hauptgrund für die insgesamt sehr schleppende Industrialisierung in der Innerschweiz sehen die Autoren nicht in einer allgemeinen Mentalität katholischen Müssiggangs, wie ältere Publikationen oft nahelegten, sondern in der ausbleibenden Initiative potenzieller privater Unternehmer, denen das Kapital oder die Risikobereitschaft für Investitionen fehlten. Gerade in jenen Orten, in denen eine starke, alteingesessene Führungsschicht bestand, blieben unternehmerische Investitionen häufig aus, weil die Elite kein Interesse an risikoreichen Geschäften hatte oder weil sie ihr Vermögen in Liegenschaften investiert hatte, aus denen sie es nicht ohne grössere Verluste herauslösen konnte.48 Im Kanton Schwyz mag auch der lukrative Export von Milchkühen nach Norditalien, der bis Ende des 19. Jahrhunderts konkurrenzlos blieb, eine Rolle gespielt haben. So gab es wenige Anreize für unternehmerische Investitionen.49
Zu Recht wiesen verschiedene Historiker in der Vergangenheit auch auf die grosse Heterogenität der Innerschweizer Kantone hin, die sich in einer regional sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung spiegelte.50 Das Beispiel des Kantons Schwyz zeigt, dass selbst innerhalb eines einzelnen Kantons beträchtliche Unterschiede bestehen konnten. Zwischen dem Hauptort Schwyz im Talkessel, Gersau und Küssnacht am Vierwaldstättersee, den Ausserschwyzer Bezirken am Zürichsee und Einsiedeln im Hochtal bestanden seit jeher nicht nur geografische, sondern auch politische und kulturelle Unterschiede. Es erstaunt deshalb wenig, dass sich die verschiedenen Regionen innerhalb des Kantons auch wirtschaftlich selektiv entwickelten. Das politische Zentrum im Schwyzer Talkessel blieb im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert tendenziell ländlichen und traditionellen Wirtschaftsformen verhaftet. Demgegenüber entwickelten sich im alten Gewerbezentrum Einsiedeln, in näher an den Kantonsgrenzen liegenden Orten wie Gersau, Küssnacht und in den Bezirken Höfe und March am Zürichsee lokal begrenzte industrialisierte Inseln. Die geografische Nähe zu den früh industrialisierten Regionen Zürich und Glarus gilt als Hauptgrund dafür, dass an diesen Orten im 19. Jahrhundert unternehmerischer gedacht und gehandelt wurde als an anderen.51
Geografische Lage und demografische Entwicklung
Die Region Einsiedeln liegt in den Voralpen im Kanton Schwyz auf einer Hochebene rund 900 Meter über dem Meer. Geografisch bildet sie neben dem inneren Kantonsteil und Ausserschwyz eine von drei Kammern im Kanton Schwyz. Am Rande der Innerschweiz und weniger als zwanzig Kilometer vom Zürichsee entfernt hielt die Region beständige Handelsbeziehungen mit Zürich. Der «Einsiedlerhof» war der Verwaltungssitz des Klosters in der Stadt Zürich und bestand bereits in der Mitte des 13. Jahrhunderts: Von dort aus wurden auch die Handelsbeziehungen organisiert.52 Kulturell war das katholische Einsiedeln aber stets ein Teil der Innerschweiz. Nach der Neueinteilung der Kantonsgrenzen in der Helvetischen Republik bildete Einsiedeln ab 1798 den Kanton Waldstätten: zusammen mit Zug, dem inneren Kantonsteil von Schwyz, der ehemals freien Republik Gersau, Uri, Ob- und Nidwalden sowie der Fürstabtei Engelberg. Der äussere Kantonsteil von Schwyz wurde dem Kanton Linth zugeschlagen.
Zum Bezirk Einsiedeln gehören neben dem Dorf Einsiedeln die sechs umliegenden Dörfer, «Viertel» genannt: Bennau, Egg, Euthal, Gross, Trachslau und Willerzell. Schon im 18. Jahrhundert prägte der Kontrast zwischen einem relativ urbanisierten Kern mit einer hohen Gewerbedichte und den umliegenden bäuerlich-ländlichen Vierteln die Region. Das Dorf Einsiedeln war die grösste «bauliche Einheit» des Kantons Schwyz und gehörte 1850 zu den 15 grössten Ortschaften der Schweiz.53 Zwischen 1749 und 1888 lag das Bevölkerungswachstum Einsiedelns im innerkantonalen Vergleich jeweils deutlich über dem Durchschnitt.54 1799 zählte Einsiedeln knapp 5000 Einwohner.55 Bis 1888 stieg die Zahl der Bevölkerung auf 8506 Personen. Einsiedeln war damals bevölkerungsreicher als früh industrialisierte Zürcher Gemeinden wie Wädenswil (6338 Einwohner) oder Uster (6798) und zählte mehr Einwohner als Städte wie Thun (8286) oder Zug (5120).56
Wirtschaft und Gewerbe
Die Einwohner in den Vierteln lebten im 18. und 19. Jahrhundert hauptsächlich von der Viehwirtschaft und exportierten Milchkühe nach Norditalien. Der sogenannte «Welschlandhandel» war in der Region bis Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet und zeigte sich erstaunlich krisenresistent.57 Ein Zusatzeinkommen konnten sich die Bauern in den Vierteln mit saisonaler Heimarbeit verdienen. Einsiedeln wurde bereits im 18. Jahrhundert eine wichtige Werkstätte für die Zürcher Baumwollindustrie. Auch der Abbau von Torf brachte einigen Familien ab den 1740er-Jahren ein zusätzliches Einkommen. In den ausgedehnten Moorlandschaften der Region konnten jährlich bis zu 30 000 Kubikmeter abgebaut werden, wovon um 1800 rund ein Drittel in umliegende Regionen, vor allem in den Kanton Zürich, exportiert wurde.58
Das vom Kloster und von der Wallfahrt geprägte Dorf Einsiedeln bildete ein regionales Zentrum mit kleinstädtischer Gewerbevielfalt, die an Dichte und Diversität alle anderen Schwyzer Orte, inklusive den Hauptort Schwyz, übertraf. Stark vertreten waren Nahrungsmittel- und Gastgewerbe. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts zählte Einsiedeln zwanzig Bäcker und zehn Metzger, nicht weniger als 61 Wirtshäuser und 14 Weinschenken. Thomas Meier spricht für das 18. Jahrhundert von einem «wohl schweizweit beispiellosen starken Dienstleistungssektor».59
Gut vertreten war auch die Bekleidungsbranche. Im Jahr 1772 zählte Einsiedeln 21 Weber- und Schneidermeister. Metzger und Bäcker, Schneider und Weber sowie die ebenfalls zahlreichen Schuhmacher und weitere Gewerbe hatten sich in Einsiedeln 1731 in Zünften organisiert. Bereits seit 1651 bestand eine Handwerkszunft. Wichtig für das Einsiedler Gewerbe war auch eine Ziegelhütte am Fluss Alp. Für das 18. Jahrhundert aktenkundig sind zudem vier Sägereien, drei Schmieden, ein Gerbereibetrieb sowie insgesamt nicht weniger als 14 Mühlen.60
Im 18. und 19. Jahrhundert war auch die Bearbeitung von Baumwolle ein wichtiger Wirtschaftszweig. Bis etwa 1830 gehörten die «knurrenden» Spindeln beim Baumwollspinnen auch in Einsiedeln «zur obligaten Hausmusik».61 Die Auftraggeber stammten vor allem aus dem Kanton Zürich. In der Seidenverarbeitung etablierten sich im 18. Jahrhundert aber vereinzelt auch Unternehmen in Schwyz und später in Gersau, die ihre Rohstoffe im Kanton, unter anderem in Einsiedeln, verarbeiten liessen.62
Das Dorf im Schatten des Klosters
All dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Einsiedler Wirtschaftsleben bis 1798 weitgehend im Schatten des Klosters abspielte. Das Kloster war zum einen der mit Abstand grösste Arbeitgeber der Region. Es bildete ein eigenständiges Gewerbezentrum. Unter der Aufsicht des Statthalters und grösstenteils innerhalb des Klosterbezirks übten teils eigenes Personal, teils Leute aus dem Dorf unterschiedlichste Gewerbe aus: sei es für die Selbstversorgung mit Lebensmitteln, Werkzeugen oder Textilien, sei es für den Unterhalt von Gebäuden und Gerätschaften oder für den Verkauf. Die klösterlichen Gewerbetreibenden waren Müller, Bäcker, Metzger und Köche, Schneider, Weber, Schmiede, Schreiner, Wagner, Küfer, Gerber, Ziegler und andere mehr. Des Weiteren betrieb das Kloster eine bedeutende Pferdezucht, deren Ursprünge bis ins 16. Jahrhundert zurückreichten. Im Jahr 1841 umfasste der klösterliche Pferdebestand 153 Tiere.63 Auch betrieb das Kloster mehrere Landwirtschaftsbetriebe und exportierte Holz.64
Zum anderen besass das Kloster in vielen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens eine Monopolstellung und kontrollierte die wichtigsten Gewerbe («Ehafte») des Dorfs. Wer ein sogenannt «ehaftes» Gewerbe ausüben wollte, musste beim Kloster eine Konzession beantragen. Zu den «Ehaften» gehörten neben der Metzgerei, Pfisterei, Gerbe, Säge, Schleife und anderen auch das Buchdruckergewerbe sowie der Handel mit Wachsprodukten, Silberwaren und Devotionalien.65
Wenden wir uns nun einen Moment dem historisch wenig untersuchten Devotionalienhandel sowie der Klosterdruckerei zu. Die Einsiedler Chronik von 1752 nennt ein breites Angebot von Devotionalien, die in Einsiedeln verkauft wurden, darunter allerlei Wachswaren, Andachtsbilder, Rosenkränze, Messingwaren und Öl aus den brennenden Ampeln in der Gnadenkapelle.66 Krämer aus dem Dorf, die diese Waren verkaufen wollten, mussten ihre Läden vom Kloster bewilligen lassen und eine Standmiete bezahlen. Die strenge Reglementierung des Krämerhandels führte immer wieder zu Konflikten. Ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert haben sich zahlreiche Krämerverordnungen erhalten, die dokumentierten, wie das Kloster versuchte, den einträglichen Verkauf von Wallfahrtsartikeln zu reglementieren und zu kontrollieren.67
Die erste Druckerei in Einsiedeln wurde 1664 im Kloster eingerichtet. Der Betrieb umfasste bald vier, später sechs Pressen. Das Kloster betrieb einen weitläufigen Buchhandel. Handelsreisende («Kolporteure») verkauften die Bücher aus dem klösterlichen Verlag in Süddeutschland, Österreich, Norditalien und im Elsass. Bis 1798 wurden insgesamt rund 1200 Titel im klostereigenen Verlag herausgegeben. Druck, Verlag und Vertrieb lagen alle in derselben Hand beim Kloster. Die Autoren der verlegten Werke waren meist Geistliche aus dem eigenen Konvent. Zum Verlagsprogramm gehörten neben Katechismen, Andachts-, Gebet-, Messbüchern und theologischer Literatur vor allem Schul- und Lehrbücher. Besonders zu nennen sind darüber hinaus die «Einsiedler-Chroniken», eine Mischform zwischen religiösem Erbauungs- und Geschichtsbuch.68
Daneben wurden auch zahlreiche Akzidenzarbeiten wie Bruderschaftszettel, Predigten, Wallfahrts-, Gebets- und Liederzettel gedruckt. Zusätzlich bestand ein Bilderverlag mit rund 300 verschiedenen Bilderausgaben in Kupfer- und Holzstich. Für den Verkauf in der eigenen Buchhandlung im «Wechsel» im Nordflügel des Klosters wurden auch Titel anderer Verlage angeschafft, neben theologischer Literatur und Gebetbüchern vor allem volkstümliche religiöse Kalender sowie Ausgaben antiker Klassiker.
Mit der Druckerei verbunden war die Buchbinderei. Die meisten Buchbinder, zwischen zehn und zwanzig an der Zahl, verrichteten ihre Arbeit zu Hause. In einzelnen Fällen erhielten sie eine Konzession des Klosters, die es ihnen erlaubte, Bücher aus dem Klosterverlag auf eigene Rechnung an die Pilger zu verkaufen. Auch im Falle des Druckergewerbes wusste das Kloster seine Monopolrechte durchzusetzen. Einzelne Versuche von Angestellten, im Dorf ein eigenes Druckereiunternehmen zu gründen, bekämpfte das Kloster rigoros.69
Im Jahr 1798 verlor das Kloster seine alten Monopole schlagartig. Nach kleineren Gefechten in der näheren Umgebung zogen am 3. Mai 1798 französische Truppen in Einsiedeln ein. Das Kloster Einsiedeln war den französischen Revolutionsführern schon länger ein Dorn im Auge: Es hatte sich nicht nur publizistisch gegen die Französische Revolution betätigt, sondern auch zahlreichen aus Frankreich geflüchteten Klerikern Zuflucht gewährt. Die meisten Konventualen flüchteten nur wenige Tage vor der Invasion der französischen Truppen in befreundete Klöster in Österreich, Schwaben und Norditalien. Das Kloster wurde am 17. September 1798 offiziell aufgehoben. Nachdem sich die Lage etwas entspannt hatte, kehrten die ersten Mönche bereits 1801 an ihre alte Wirkungsstätte zurück. Zwei Jahre später wurde das Kloster durch die helvetische Mediationsakte offiziell wiederhergestellt.70 Seine wirtschaftlichen Vorrechte hatte es aber verloren. Mehrere Versuche, das regionale Wirtschaftsleben wie ehedem zu kontrollieren, blieben auf lange Sicht erfolglos.
Die Jahre um 1800 als Take-off
Der Franzoseneinfall war für die Einsiedler Bevölkerung traumatisch. Die Wallfahrtsströme versiegten fast vollständig. Die Bevölkerung sah sich so ihrer wichtigsten wirtschaftlichen Existenzgrundlage beraubt. Viele sahen sich zur vorübergehenden Emigration gezwungen. Auf längere Sicht stärkten die Umwälzungen in den Jahren um 1800 allerdings die politischen Rechte und die wirtschaftlichen Möglichkeiten Einsiedelns und seiner Bevölkerung. 1803 wurde die ehemalige «angehörige» Landschaft Einsiedeln zu einem von damals insgesamt sieben gleichberechtigten Bezirken im Kanton Schwyz.
Nachdem sie von den wirtschaftlichen Einschränkungen durch das Kloster befreit und innerhalb des Kantons rechtlich gleichgestellt war, blühte die regionale Wirtschaft regelrecht auf. Verschiedene Unternehmungen, auf die das Kloster früher ein Monopol beansprucht hatte, beispielsweise das Druckergewerbe, der Buch- und Bilderhandel sowie die Wachsproduktion, wurden nun «privatisiert» und gingen in die Hände von Dorfbewohnern über. Ehemalige Klosterangestellte beteiligten sich auffallend häufig an der Gründung neuer Geschäfte.71 Dies war kein Zufall, konnten sie doch direkt an die alte klösterliche Gewerbetradition anschliessen und auf einen gut ausgebildeten Stamm an Fachkräften unter anderen ehemaligen Klosterangestellten zurückgreifen. Einsiedeln bot für Fabrikanten eine «günstige Lage in Hinsicht der benöthigten Arbeiter», bemerkte Josef Karl B.-Meyer (1799–1873) im Jahr 1826 in einem Schreiben an den Einsiedler Abt Cölestin Müller.72
Auch in der Textilbranche versuchten Einheimische, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und nicht mehr von auswärtigen Verlegern abhängig zu sein. 1821 gründeten Heinrich Wyss und Josef Karl B.-Fuchs (1762–1841) am Fluss Alp in Einsiedeln die mechanische Baumwollspinnerei mit dem klingenden Namen «Schöngarn». Es war eine der ersten mechanischen Spinnereien der Zentralschweiz.73 Zwei Jahre später folgte die Spinnerei «Zur Alpbrücke», die ebenfalls einheimische Unternehmer gründeten.74 Von anderen Regionen der Innerschweiz ist bekannt, dass die ersten Fabrikgründungen häufig mit Kapital aus dem Kanton Zürich angestossen wurden und ohne zürcherisches Know-how nicht überlebt hätten.75 Auch in Einsiedeln gab es Investitionen von Zürcher Unternehmern. 1854 beispielsweise übernahm Caspar Honegger, der «Weberkönig» aus Rüti ZH, die mechanische Baumwollspinnerei «Schöngarn» und unterzog sie einer tiefgreifenden Restrukturierung.76 Solche Fälle blieben allerdings die Ausnahme. Auch gab es in Einsiedeln kaum Zuwanderung von Fachkräften aus protestantischen Gebieten. Der Anteil von Protestanten blieb in Einsiedeln im 19. Jahrhundert stets unter einem Prozent der Gesamtbevölkerung und war somit deutlich geringer als beispielsweise in den Ausserschwyzer Bezirken March und Höfe.77 Im Falle des Benziger Verlags stammten auswärtige Fachkräfte ohnehin häufiger aus dem Ausland – vor allem aus Deutschland –, als aus den umliegenden Kantonen.78
Einsiedeln als «liberale Hochburg»
Es ist bezeichnend, dass die grosse Mehrheit der in der ersten Jahrhunderthälfte geborenen Einsiedler Unternehmensgründer politisch liberal gesinnt waren (Tab. 3, S. 372). Der ehemalige Untertanenort, in dem es keine ausgeprägte alte Elite gab, galt im 19. Jahrhundert als «liberale Hochburg» des Kantons.79 Einsiedler Politiker gehörten zu den Wortführern, als sich der Kanton Schwyz im Jahr 1833 vorübergehend in einen konservativen inneren und einen liberalen äusseren Kanton teilte: Einsiedeln war, alternierend mit Lachen im Bezirk March, als Hauptort des Kantons «Schwyz äusseres Land» vorgesehen. Auch dem Sonderbund standen viele Einsiedler skeptisch gegenüber. Sie empfingen die siegreichen eidgenössischen Truppen im November 1847 mit «feierlichem Glockengeläut».80 1848 war Einsiedeln einer von nur zwei Bezirken des Kantons, die der neuen Bundesverfassung zustimmten.81
Allerdings gilt es zu betonen, dass die Bezeichnungen «liberal», «radikal» und «konservativ» im Kanton Schwyz nicht zwingend mit der eidgenössischen Bedeutung identisch sein mussten.82 Die Einsiedler Liberalen befanden sich in einer doppelten Oppositionsrolle. Eine liberale Gesinnung zu haben, bedeutete in Einsiedeln zum einen, die Privilegien des Alten Landes Schwyz zu hinterfragen und für eine gerechte Verfassung einzutreten, die allen Bürgern gleiche Rechte gewähren sollte. Liberal sein bedeutete aber auch, das Kloster, das politisch oft mit Schwyz zusammenspannte, in seinem Bestreben zu bekämpfen, wirtschaftlich und politisch auf den Bezirk Einfluss zu nehmen. Die Einsiedler Liberalen grenzten sich aber deutlich von den Radikalen und Liberalen auf eidgenössischer Ebene ab, die 1844 in Luzern an den Freischarenzügen teilnahmen, und sie waren gegen jegliche Klosteraufhebungen, wohlwissend, dass das Kloster und die Wallfahrt die Quelle ihres relativen Wohlstands waren.83
Wallfahrt und Wallfahrtsindustrie
Die Wallfahrten nach Einsiedeln war in den Jahrzehnten um 1800 merklich zurückgegangen: teils der politisch unsicheren Zeiten wegen, teils weil weltliche und auch geistliche Obrigkeiten sie als Zeitverschwendung und voraufklärerisches Relikt aktiv bekämpften. Zudem machten sich in breiteren Bevölkerungsschichten Tendenzen der Säkularisierung bemerkbar, die auch die religiöse Praxis beeinflussten.84
Ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts und verstärkt in den 1860er-Jahren ist jedoch wieder ein Aufschwung der Wallfahrt festzustellen. Dies lässt sich mit moderneren Transportsystemen – besseres Strassennetz, Dampfschiff, Eisenbahn – erklären, welche die Reisezeit für die Pilger massiv verkürzten. Der Aufschwung ist aber auch im Kontext der katholischen Revitalisierungsprozesse zu situieren, die international zu beobachten waren. Die Wallfahrt war ein integraler Bestandteil einer katholischen Massenbewegung, die sich im 19. Jahrhundert gegen den als negativ empfundenen modernen Zeitgeist formierte.85
In der Zeit zwischen 1860 und Erstem Weltkrieg zählte Einsiedeln durchschnittlich rund 170 000 Pilger pro Jahr. Wenn wir die Pilgerzahlen jedoch für einen längeren Zeitraum von etwa 1700 bis 1900 betrachten, zeigt sich, dass sie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zwar etwas ansteigen, insgesamt aber erstaunlich konstant bleiben.86 Der Aufschwung der Wallfahrt ist indes nicht nur als quantitatives Phänomen zu verstehen. Sie erhielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch eine neue Qualität. Neben den traditionellen Landes- und Pfarreiwallfahrten kamen moderne Pilgerzüge auf, die Laien aus privatem Antrieb organisierten, sowie katholische Versammlungen und Grossveranstaltungen, die im Wallfahrtsort stattfanden und ebenfalls eine neue Spielform der traditionellen Wallfahrt darstellten. Einsiedeln entwickelte sich in dieser Zeit zu einer Schaubühne des internationalen Katholizismus.87
Während in anderen Orten der Innerschweiz der Tourismus für wirtschaftliche Impulse sorgte,88 war es in Einsiedeln die Wallfahrt. Vor allem die Wirte der zahlreichen Gasthäuser profitierten von ihr. Die Steuerregister von 1848 führten unter den zwölf vermögendsten Einsiedlern nicht weniger als sieben Wirte.89 Zahlreiche Wirte hatten im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wieder ins Gastgewerbe investiert, nachdem die Branche während der französischen Besetzung völlig zusammengebrochen war. Gerold Meyer von Knonau zählte 1835 in seiner Darstellung «Der Kanton Schwyz» bereits wieder 55 Wirtshäuser und 20 «Pintenschenken», also etwa gleich viele Betriebe wie zu Spitzenzeiten im 18. Jahrhundert.90 Die Zahl der Gastbetriebe nahm in den folgenden Jahrzehnten weiter zu. In den 1870er-Jahren wurden in Einsiedeln 25 «Pinten» und rund 70 Wirtshäuser gezählt.91
Weltliche Aspekte waren schon in der Vormoderne ein fester Bestandteil der Wallfahrt gewesen, und auch im 19. Jahrhundert blieb die Wallfahrt für viele Gläubige nicht nur eine religiöse Reise, sondern auch eine «Lustreise».92 Der Wirtshausbesuch, der Spaziergang in der näheren Umgebung und Souvenirs gehörten einfach dazu. Nun aber vermischten sich ältere Formen der Wallfahrt mit neuen Formen des touristischen Reisens. Peter Hersche sieht gar einen direkten Weg von der vormodernen Wallfahrt in die «Freizeit- und Erlebniskultur» unserer Tage.93
Zur selben Zeit entwickelten sich die verschiedenen der Wallfahrt zudienenden Gewerbe in Einsiedeln zu einer regelrechten Industrie. Der Historiker und Mönch Odilo Ringholz bezeichnete die Wallfahrtsindustrie als eine «nothwendige Folge» der Wallfahrt.94 Dazu zählte er neben dem Gastgewerbe alle Geschäfte, die wie der Benziger Verlag Gebetbücher, Bilder und Devotionalien industriell herstellten. 1908 soll es in Einsiedeln 68 Devotionalienunternehmungen gegeben haben. Für den lokalen Marktleader «Devotionalien Rickenbach» sollen damals achtzig Heimarbeiterinnen tätig gewesen sein.95 Auch Künstler und Kunsthandwerker zählte Ringholz zur Wallfahrtsindustrie. Kaum mehr bekannt sind jene Künstlerbiografien, vor allem im Bereich des Wachsbossierens, die ab dem 18. Jahrhundert aus dem Umfeld der Einsiedler Wallfahrtsindustrie hervorgingen.96
Heute ebenfalls weitgehend vergessen ist, dass Einsiedeln am Ende des 19. Jahrhunderts ein schweizweites Zentrum der Herstellung und Verbreitung religiöser Statuen war. In der Firma Lienhardt, einem der grösseren Unternehmen dieser Art am Platz, produzierten und verkauften um 1880 zwölf Angestellte religiöse Statuen. Das Unternehmen, das der ehemalige Klosterbuchdrucker Matthäus Lienhardt 1798 gegründet hatte, war spezialisiert auf Einsiedler- und Lourdes-Madonnen, Herz-Jesu- und Herz-Mariä-Statuen. Es belieferte sowohl Geschäfte im Dorf als auch auswärtige Kunden.97
Genaue Angaben zur Zahl der Personen zu machen, die einer direkt von der Wallfahrt abhängigen Arbeit nachgingen, ist freilich kaum möglich. Wo soll man den Bauern einordnen, der über den Winter in Heimarbeit Devotionalien herstellte? Wo seine Frau, die in Heimarbeit Seide wob oder Rosenkränze kettelte?98 Der Rechenschaftsbericht des Regierungsrats von 1882 nannte für Einsiedeln die Zahl von 976 Personen, die mit der Produktion von Andachtsartikeln beschäftigt waren. Demgegenüber stand die Zahl von 630 Seidenweberinnen und Seidenwebern.99 Etwa ab der Jahrhundertmitte, so darf man annehmen, überflügelte die Wallfahrts- die Textilindustrie, was die Zahl der Beschäftigten betraf, und wurde nach der Landwirtschaft zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Region. Vermutlich wandten sich nicht wenige Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter, die infolge der Mechanisierung des Spinnprozesses in den 1820er- und 1830er-Jahren ihren Verdienst verloren, einer neuen Tätigkeit in der Wallfahrtsindustrie zu. Bis zu einem gewissen Grad dürften sich die beiden Industrien auch ergänzt haben, zumal die Pilger vor allem im Sommerhalbjahr nach Einsiedeln kamen und im Winterhalbjahr Zeit blieb, einer anderen Tätigkeit wie dem Seidenweben nachzugehen.
Halten wir an dieser Stelle einige zentrale Punkte fest: In Einsiedeln entwickelte sich im 19. Jahrhundert auf der Grundlage der Wallfahrt eine Industrie, die Bücher, Bilder, religiöse Statuen, Rosenkränze, Kerzen und Devotionalien hervorbrachte sowie weitere Dienstleistungen für die Pilger erbrachte. Der Benziger Verlag und weitere Einsiedler Druckerei- und Verlagsunternehmen haben sich aus dieser Wallfahrtsindustrie heraus entwickelt.
Die Nähe zu Zürich spielte bei dieser Entwicklung, vor allem in der Textilindustrie, sicherlich eine grosse Rolle. Wichtiger waren aber Impulse durch die Wallfahrt sowie die Stellung des Klosters als traditionelles Gewerbezentrum. Die Wallfahrer stammten ohnehin nicht aus dem protestantischen Zürich und nicht nur aus den umliegenden katholischen Kantonen. Das Einzugsgebiet umfasste sämtliche katholischen Orte der Schweiz sowie das umliegende Ausland. Schon im 18. Jahrhundert stammten die Pilger zu einem Drittel bis zur Hälfte aus dem Ausland.100 Die Wallfahrt brachte Verdienst ins Dorf und brachte einigen Familien das notwendige Kapital für weitere geschäftliche Investitionen.
Es wäre lohnenswert, Einsiedeln in einem internationalen Kontext mit anderen Wallfahrtsorten in Europa zu vergleichen. Bildeten sich dort ähnliche Industrien heraus? Solches ist zumindest zu vermuten. Im bayerischen Wallfahrtsort Altötting beispielsweise blühte im 19. Jahrhundert der Devotionalienhandel, in Kevelaer an der deutsch-niederländischen Grenze entwickelte sich ebenfalls eine bemerkenswerte Verlagsbranche, und Lourdes und Paray-le-Monial in Frankreich waren im ausgehenden 19. Jahrhundert Zentren der Produktion von religiösen Statuen. Die Liste liesse sich fortsetzen.
Entstehung und Entwicklung der Firma Benziger (1750–1897)
Der Benziger Verlag entwickelte sich aus mehreren Strängen. Ein erster Strang ist der Devotionalienhandel. Die Familie Benziger gehörte zwar nicht zu den traditionellen Buchhändlerfamilien Einsiedelns, das Devotionaliengeschäft hingegen hatte in der Familie Tradition.101 Eine wichtige Figur in der Frühphase der Unternehmensgeschichte war Johann Baptist Karl B.-Schädler, der in jungen Jahren den Beruf des Metzgers ergriff. Nach einigen Wanderjahren, während derer er sich länger in Solothurn und offenbar vorübergehend auch in Österreich und Ungarn aufhielt, eröffnete er um die Jahrhundertmitte einen Devotionalienladen in Einsiedeln.102 Da das Kloster das Gewerbe einschränkte und im Handel mit Devotionalien ein Monopol beanspruchte, sah sich Johann Baptist Karl gezwungen, seine Waren ausserhalb des Einflussbereichs des Klosters abzusetzen. Als Kolporteur zog er durch die katholischen Kantone der Schweiz. Seinen grössten Absatz fand er allerdings im umliegenden Ausland, vor allem im Elsass.103
Johann Baptist Karl betrieb seinen Handel bald als Familiengeschäft zusammen mit seiner Frau Katharina Barbara Schädler und seinen vier Söhnen. Alle vier Söhne begleiteten ihren Vater schon früh auf Handelsreisen. Der älteste Sohn Adelrich (1751–1834) diente in jungen Jahren in der Schweizergarde in Paris und war anschliessend ein Leben lang im väterlichen Geschäft tätig. Der zweite Sohn Joseph Ignaz (1756–1792) lernte zunächst das Handwerk der Schuhmacherei, verheiratete sich um 1780 mit einer Elsässerin und war bis zu seinem Tod ebenfalls im Devotionalienhandel tätig. Eine wichtigere Rolle für die weitere Entwicklung des Unternehmens spielten der dritte Sohn Jakob Franz Sales (1758–1837), der während 15 Jahren das Amt des Leiters («Faktors») in der Klosterdruckerei bekleidete und später an der Gründung der ersten Druckerei im Dorf beteiligt war, und Joseph Karl (1762–1841), der das Geschäft seines Vaters übernahm und weiterführte.
Die Familie scheint das Geschäft mit einem gewissen Erfolg betrieben zu haben. Immerhin konnte sie bald einige Hilfskräfte, insbesondere Träger für die Hausiererreisen, beschäftigen. Auch betrieb sie im 18. Jahrhundert eine kleine Produktion von Rosenkränzen, die Familienmitglieder, Verwandte und vielleicht auch weitere Personen in Einsiedeln in Heimarbeit herstellten und per Hausiererhandel verkauft wurden. Offenbar waren die Klöster im Elsass gute Abnehmer für die Rosenkränze aus der Fabrikation Benziger. Von diesen Klöstern bezog man im Gegenzug wahrscheinlich andere religiöse Waren wie Statuen oder Kruzifixe zum Weiterverkauf. Ob das Familienunternehmen in dieser Zeit weitere Waren bereits selbst produzierte und welche Produkte es sonst noch verkaufte, lässt sich nicht mehr genau eruieren.
Das Geschäft etablierte sich in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts und konnte vom Kloster nicht länger ignoriert werden. Im Februar 1792 schlossen Johann Baptist Karl B.-Schädler und zwei seiner Söhne einen Assoziationsvertrag mit dem für den Handel mit Wallfahrtsartikeln zuständigen Bruder («Wechselbruder») des Stifts und führten ihr Geschäft mit jenem des Klosters zusammen. Die gemeinsam zu vertreibenden Waren beschränkten sich auf Devotionalien. Die Buchdruckerei, der Buch- und der Wachshandel waren vom Vertrag nicht betroffen.104
Das Kloster war in dieser Geschäftsverbindung mit dreissig Prozent am Gewinn beteiligt, agierte aber in erster Linie als Kapitalgeber. Die Verbindung kann zum einen als eine Geste des Wohlwollens des Klosters gegenüber der Familie Benziger interpretiert werden, vor allem wenn man sich vor Augen führt, wie strikt es andere Konkurrenten im Dorf bekämpfte, die seine wirtschaftlichen Monopole infrage stellten. Wohl haben auch familiäre Beziehungen, welche die Familie Benziger mit dem Kloster verbanden, die geschäftlichen Beziehungen begünstigt. Adam Rupert Schädler, der Schwiegervater von Johann Baptist Karl, war ehemaliger Faktor der Klosterdruckerei, sein Schwager Franz Sales Schädler Mönch im Kloster und ehemaliger Direktor der Druckerei.105
Letztlich waren es aber auch spekulative Interessen, die das Kloster zu diesem Schritt bewogen: Die Familie Benziger verfügte über ein gutes Handelsnetzwerk und hatte sicherlich Quellen für den direkten Einkauf von religiösen Waren ausfindig gemacht, die das Kloster für sich selbst gewinnbringend zu nutzen hoffte. Die Verbindung war allerdings von kurzer Dauer und wurde vom Kloster bereits 1796 wieder aufgelöst.106
Im August 1799 emigrierte die Familie Benziger für beinahe ein Jahr nach Feldkirch. Französische Truppen besetzten damals erneut Einsiedeln, nachdem sie im Frühling 1799 von österreichischen Truppen aus der Innerschweiz verdrängt worden waren. In dieser Zeit musste die Familie ihr Geschäft wohl vorübergehend aufgeben. Eine tiefere Zäsur scheint es aber nicht gegeben zu haben. Nach dem Tod von Johann Baptist Karl B.-Schädler im Jahr 1802 übernahm sein Sohn Joseph Karl B.-Fuchs das Geschäft als alleiniger Besitzer und erweiterte es kontinuierlich.
Aus den Jahren 1810 bis 1812 haben sich Warenlisten erhalten, die einen Einblick in das damalige Devotionaliengeschäft ermöglichen. Aufgelistet werden zunächst Rosenkränze aus gefärbtem Kokosholz, gefärbten Glasperlen oder Meerschaum-Stein, die in mehreren Dutzend verschiedenen Variationen – etwa mit kreuz- oder herzförmigem Anhänger – feilgeboten wurden und von denen mehrere Tausend Stück an Lager waren. Dann bemalt oder unbemalt vorrätige Holz-, Metall- und Messingkreuze in verschiedenen Grössen und Ausarbeitungen. Zum Angebot gehörten weiter verschiedene Medaillen mit Heiligenabbildungen, vergoldete oder versilberte Ringe und Schlüssel, Michaels- und Benediktuspfennige sowie gipserne Heiligenfiguren. Einen vergleichsweise geringen Stellenwert hatte zu dieser Zeit der Bilderhandel, wenn auch Kupferstiche und kleinere religiöse Gemälde zum Sortiment gehörten. Josef Karl B.-Fuchs bezeichnete sich stolz als einziger Verleger Einsiedelns, der von «allen Gattungen geistlicher Waaren» etwas anzubieten habe.107
Ein zweiter Strang zur Entstehung des Verlagunternehmens führt über die Druckerei, die seit 1664 im Kloster betrieben wurde. Die ehemaligen Angestellten der Klosterdruckerei hatten ihre Beschäftigung verloren, als das Kloster 1798 aufgehoben wurde. Sie gelangten mit der Bitte an die helvetische Regierung, ihnen die Bücher aus dem Klosterverlag zu überlassen, um damit ein Einkommen finden zu können. Noch im selben Jahr entstand ein fünfköpfiges Konsortium, dem Franz Sales B.-Fuchs, der ehemalige Klosterfaktor, und sein Bruder Joseph Karl B.-Fuchs, der Devotionalienhändler, sowie ein Buchsetzer und zwei Buchbinder aus der ehemaligen Klosterdruckerei angehörten. Das Konsortium verkaufte die Bücher aus dem ehemaligen Klosterverlag. Zudem erhielt das Geschäft eine Druckerpresse aus der Klosterdruckerei zugesprochen, die zuvor an den Aargauer Buchdrucker Remigius Sauerländer verkauft worden war. Verlag und Druckerei des Klosters wurden sozusagen «privatisiert» und gingen in die Hände von Dorfbewohnern über, die ihre Chance wahrnahmen, selbst unternehmerisch tätig zu werden.
Ihr Geschäft beschränkte sich zunächst auf den Nachdruck und den Verkauf der Bücher aus dem Klosterverlag. Ein achtseitiger Bücherkatalog aus dem Jahr 1800 zählte 42 verschiedene Titel auf Deutsch, die alle aus dem Klosterverlag stammten. Neben der populären Einsiedler Chronik, der Benediktsregel und einer lateinischen Grammatik enthielt der Katalog vor allem Gebet-, Pilger- und Andachtsbücher. Einige der Titel, etwa der «Grosse Baumgarten», der «Goldene Himmelsschlüssel» oder das «Himmlische Palmgärtlein», waren sehr populär und wurden noch Jahrzehnte, teilweise bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nachgedruckt.108 Hinzu kamen in den ersten Jahren einige Druckaufträge der helvetischen Verwaltungskammer sowie der Gemeinden in Einsiedeln und Schwyz.109
Die ersten beiden Jahrzehnte prägten wechselnde Geschäftsverbindungen das Unternehmen. 1818 übernahm Franz Sales B.-Fuchs die Buchdruckerei als alleiniger Besitzer. Der ehemalige Partner Johann Baptist Eberle gründete im selben Jahr eine zweite Druckerei in Einsiedeln, die bis 1832 bestand. Joseph Karl B.-Fuchs übernahm 1818 den Buchverlag, den er mit seinem Devotionaliengeschäft zusammenführte, das er bislang unabhängig vom Buchverlag betrieben hatte. Druckaufträge liess Joseph Karl weiterhin von seinem Bruder Sales und später von dessen Sohn Marianus ausführen. 1833 richteten seine Nachfolger, Josef Karl B.-Meyer und Nikolaus B.-Benziger (1808–1864), erstmals eine eigene Druckerei ein. Mit dem Generationenwechsel um 1830 setzte auch der Aufschwung ein. Das Druckereigeschäft von Franz Sales B.-Fuchs bestand daneben weiter, erlebte aber nie eine grössere Ausdehnung.
Für diese frühe Phase der Entwicklung des Geschäfts erscheint es besonders wichtig, dass die Familie Benziger im ausgehenden 18. Jahrhundert offensichtlich über gute Kontakte ins Kloster verfügte. Aus den revolutionsartigen Aufständen gegen das Kloster, die vor allem in den 1760er-Jahren verschiedentlich vorkamen, wusste man sich herauszuhalten.110 Wie andere Gewerbetreibende litten die Benziger zwar unter der Monopolstellung des Klosters, schafften es aber, sich gewerbliche Freiräume zu schaffen und schliesslich gar eine geschäftliche Verbindung mit dem Kloster einzugehen. Verschiedentlich unterstützte das Kloster die unternehmerischen Tätigkeiten von Mitgliedern der Familie Benziger auch mit grösseren Krediten.111
Eine blühende Industrie – die Firma Benziger 1833–1897
Josef Karl B.-Fuchs und seine Söhne und Nachfolger im Verlagsgeschäft, Josef Karl B.-Meyer und Nikolaus B.-Benziger, betrieben, wie schon die Generationen vor ihnen, mehrere Erwerbszweige nebeneinander. Josef Karl B.-Fuchs gründete 1821 in Einsiedeln zusammen mit Heinrich Wyss die mechanische Baumwollspinnerei «Schöngarn», an der vorübergehend auch seine Söhne beteiligt waren. In den 1830er-Jahren zogen sich die Benzigers aus diesem Geschäft zurück. Josef Karl B.-Meyer betrieb bis in die 1850er-Jahre eine Tabakstampfe bei Einsiedeln sowie ein Wirtshaus in seinem Wohnhaus «Hirschen» am Klosterplatz. Den «Hirschen» wandelte Josef Karl 1853 in ein Geschäftshaus für den Verlag um. Sein Bruder Nikolaus unterrichtete in den 1830er-Jahren Zeichnen und Buchhaltung an der Schule im Dorf, bevor er sich ausschliesslich auf die Tätigkeit im Verlag konzentrierte.112
In der ersten Phase ihrer Geschäftstätigkeit im 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Verlegerfamilie Benziger also zunehmend auf das Kerngeschäft: den Buchverlag und den Devotionalienhandel, zu denen sich ab den 1830er-Jahren die Druckerei und der Bilderverlag gesellten. In einer zweiten, sich mit der ersten überschneidenden Phase diversifizierten sie innerhalb des Kerngeschäfts stark. Zum Gebetbuchhandel kamen Schulbücher, Zeitschriften und Kalender, der Bilderhandel, später die Belletristik sowie der Handel mit Paramenten und Kirchenornamenten.
Die Entwicklung der Verlags- und Fabrikgebäude, der technischen Innovationen sowie der Zahl und Herkunft der Angestellten verschafft uns im Folgenden einen Überblick über das Verlagsgeschäft zwischen dem Generationenwechsel von 1833 und dem Jahr 1897, als der Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Die drei Indikatoren sollen uns verschiedene Blickwinkel auf die Unternehmensgeschichte ermöglichen und verschiedene Phasen und Konjunkturen sichtbar machen.
Geschäftsgebäude sind das «Gesicht eines Unternehmens» und haben repräsentative Zwecke. Als erster Indikator dient uns deshalb die Entwicklung der Verlags- und Fabrikgebäude. Der Benziger Verlag zeigte in den eigenen Verlagsprodukten regelmässig Ansichten seiner Industrie- und Geschäftsanlagen. Ab 1821 (Ankauf Haus Hirschen) hatte das Unternehmen seinen Sitz in einem repräsentativen Wohnhaus direkt am Klosterplatz. 1834 (Adler) und 1846 (Ochsen) wurden weitere Häuser am Klosterplatz hinzugekauft. Bis in die Jahrhundertmitte war die Firma, inklusive der Druckerei, in diesen Wohnhäusern untergebracht und verfügte nur über bescheidene Platzverhältnisse. 1853/54 bezogen die Buchbinderei, die Setzerei und die Druckerei ein barockes Wohnhaus (Wildmann) in unmittelbarer Nähe des Klosterplatzes, das zu einem Fabrikgebäude umfunktioniert worden war. Im Nekrolog von Nikolaus B.-Benziger I (1808–1864) heisst es zu diesem Fabrikgebäude: «Mit Staunen sieht das Auge an der Stelle des frühern Hauses zum ‹wilden Mann›, einer alten zerfallenen Barake, ein stattliches weitläufiges Fabrikgebäude, das allabendlich wie ein Feenpalast illuminirt ist und aus dessen Innern das schnurrende Geräusch von kunstvollen Werken tönt, die täglich, getrieben von der allmächtigen Kraft des Dampfes, tausend und tausend Druckbogen produziren.»113
In den folgenden Jahrzehnten wurden weitere Gebäude hinzugekauft (St. Anton, Einsiedlerhof) oder erstellt (Wildfrau, Arche Noah, Phönix, Delphin). Der Verlag errichtete einen kompakten Industriekomplex inmitten des Dorfs und in unmittelbarer Nähe des Klosterplatzes und der dortigen Verkaufs- und Geschäftshäuser. Den Ausbau der Fabrikanlagen übernahmen teilweise renommierte Architekten wie etwa der Zürcher Johann Kaspar Wolff (1818–1891). Konfessionelle Gräben spielten dabei keine Rolle.114
Die Rückseite eines Verlagskatalogs von 1879 zeigt die Geschäfts- und Fabrikgebäude in einer repräsentativen Ansicht. Zu sehen sind die Buch-, Devotionalien- und Kunsthandlung direkt am Klosterplatz, ein eigenes Gebäude für die Lithographie und für die Kupferdruckerei, Buchbindereien in Einsiedeln, Euthal und Gross sowie im Zentrum die auf mehrere Gebäude verteilte Buchdruckerei mit vorgelagertem Springbrunnen. Geschmückt ist die Ansicht mit vier Medaillen, zwei sind Papst Pius IX. (1846–1878) und dem österreichischen Kaiser Franz Josef gewidmet, die zwei anderen zeigen die allegorischen Darstellungen «Fortschritt» und «Verdienst» (Abb. I.8, S. 193).115 Bis 1892 kamen ein Bilderlager, einige kleinere Ökonomiegebäude an der damaligen Peripherie des Orts sowie ein etwas ausserhalb des Dorfs gelegenes «Kosthaus für junge Angestellte» hinzu.116
Eine lithographische Postkarte, die der Benziger Verlag um 1900 herstellte, veranschaulicht das Zusammenspiel von industrieller Tätigkeit und Wallfahrt in Einsiedeln (Abb. I.4, S. 189). Der Betrachter der Postkarte blickt von Süden auf den weitläufigen Klosterplatz, auf dem einige Pilger zu sehen sind. Rechts begrenzt die barocke Klosterfassade den Platz, links eine städtisch anmutende Häuserzeile. Zahlreiche Souvenir- und Devotionalienstände flankieren den Platz: Manchmal sind es kaum mehr als einfache Bretterbuden, in denen Händler Bücher, Andachtsbilder, Postkarten, Kerzen, Rosenkränze und weitere Gegenstände anbieten.
Hinter der Häuserzeile ragt ein Fabrikkamin in den Himmel, der in seiner Höhe beinahe mit den Klostertürmen zu konkurrieren scheint. Hier befanden sich die Produktionsstätten des Benziger Verlags. Der Kamin, den die Firma Benziger 1894 von der Winterthurer Firma Sulzer errichten liess, war, wie sich anhand zeitgenössischer Fotografien feststellen lässt, in Wahrheit weit weniger hoch und dominierte das Dorfbild weniger stark als auf der Postkarte. Der Kamin, aus dem sich auf der Postkarte Rauch emporschlängelt, ist auf der Karte überhöht dargestellt und sollte auf die fortschrittliche Produktionsweise der Firma Benziger verweisen.
Ab den 1850er-Jahren verfügte die Firma Benziger neben grossen Verkaufsflächen am Klosterplatz und Büro- und Geschäftsräumlichkeiten an bester Lage auch über moderne Fabrikanlagen. Die eher kleinräumigen Verhältnisse und die Aufteilung der Geschäftszweige auf verschiedene Häuser hemmten allerdings die Fabrikation und verhinderten eine weitere Ausdehnung der technischen Betriebe. Gerade die dampfbetriebenen Schnellpressen brauchten viel Platz, der bald nicht mehr zur Verfügung stand.117 Zu einem grosszügigen Neubau in der Peripherie, wie ihn viele andere Verlags- und Druckereiunternehmen im ausgehenden 19. Jahrhundert errichteten, konnte sich die Firma Benziger nicht entschliessen.118 Erstaunlich lange beliess der Verlag seine Fabrikation in der zwischen 1850 und 1870 errichteten Industrieanlage; einige der genutzten Gebäude stammten gar aus dem 18. Jahrhundert. Erst 1970 bezog man einen Neubau am Dorfrand von Einsiedeln.
Als zweiten Indikator betrachten wir, wie das Unternehmen über die Zeit technische Innovationen implementierte. Während Jahrhunderten hatte sich in der Druckerbranche in technischer Hinsicht wenig bewegt. Noch 1820 waren in den kontinentaleuropäischen Druckereien hölzerne Handpressen die Regel. Mit der Industrialisierung lösten eiserne Pressen die hölzernen ab. Bald folgten dampfbetriebene Schnellpressen, die eine höhere Auflage zu weit tieferen Preisen ermöglichten.
Mit dem technischen Wandel veränderte sich auch die Druckerei- und Verlagstopografie. Einige der traditionellen Buchdruckereizentren wie Nürnberg und Augsburg verloren im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Gleichzeitig entstanden zahlreiche neue Druckereiunternehmen.119 Karl Faulmanns «Illustrirte Geschichte der Buchdruckerkunst» von 1882 bietet für Deutschland ein Verzeichnis von 440 Orten, in denen bis zum Jahr 1800 Druckereien gegründet worden waren. Ein «Adressbuch der Buchdruckerkunst» listete 1854 bereits 1400 Buchdruckereien in etwa 780 Orten in Deutschland auf. Bis 1883 verdoppelte sich die Zahl der Buchdruckereien in Deutschland auf rund 2800. Hinzu kamen 1300 Steindruckereien und 750 Betriebe, die sowohl Buch- wie Steindruck ausübten.120 In der Schweiz verlief die Entwicklung ähnlich. Hier verdreifachte sich die Zahl der Buchdruckereibetriebe zwischen 1835 und 1883 von 105 auf über 300.121
Wollten diese Druckereiunternehmen dauerhaft bestehen, durften sie sich dem technischen Wandel nicht entziehen. Verschiedene neue Reproduktionsverfahren wurden entwi ckelt und für die industrielle Massenproduktion nutzbar gemacht. Anhand der Geschichte der Firma Benziger lässt sich diese Entwicklung gut nachzeichnen.
Im Jahr 1833 übernahmen Josef Karl B.-Meyer und Nikolaus B.-Benziger I gemeinsam das väterliche Geschäft. Die Söhne waren damals 34 und 25 Jahre alt und hatten bereits seit ihrer Jugend im Geschäft mitgearbeitet. Der Betrieb, den sie übernahmen, bestand aus dem Gebetbuchverlag, einer Devotionalienhandlung und einer bescheidenen Produktionsstätte für Rosenkränze. Josef Karl und Nikolaus dehnten in den folgenden Jahrzehnten das Geschäftsfeld sukzessive aus. Noch im Jahr 1833 richteten sie eine eigene Druckerei ein. Zuvor hatten sie Druckaufträge in den Druckereien ihrer Cousins Marianus und Sales Benziger ausführen lassen.122 In der Mitte der 1830er-Jahre begannen sie mit dem Aufbau eines Andachtsbilderverlags und richteten dazu eine eigene lithographische Anstalt ein. 1856 folgte eine Stahl- und Kupferdruckerei. Bereits in den 1840er-Jahren eröffneten sie eine fabrikmässig betriebene Buchbindereianstalt.
1844 führte man das Verfahren der Stereotypie ein, das hohe Auflagen bei reduzierten Produktionskosten ermöglichte.123 Das erste Buch, das in Einsiedeln stereotypiert und in dieser Technik gedruckt wurde, war die 31. Auflage des Gebetbuchbestsellers «Freuden des Christen in Gott und Religion» des Franziskanerpaters Aloys Adalbert Waibel (1787–1852). 1845 wurden die ersten dampfbetriebenen Schnellpressen installiert. Benziger kaufte die Pressen von der 1817 gegründeten Firma Koenig & Bauer, die ihre Fabrik im 1803 aufgehobenen Kloster Oberzell bei Würzburg betrieb.
Im Jahr 1847 hatte das Unternehmen bereits eine beträchtliche Ausdehnung erfahren. Ein Bilderkatalog warb in diesem Jahr: «Haben neben Bildern und Kunst auch folgende Geschäftszweige: Lithographie, Buchdruckerei, Stereotypie, Verlagsund Sortimentsbuchhandlung, Buchbinderei, Buchbindermaterialien- und Devotionalien (oder geistlicher Waaren) Handlung. Wir liefern gut und billigst: lithographische Arbeiten jeder Art […] beliebige Buchdruckerarbeiten, gebundene und ungebundene Andachtsbücher eigenen Verlags […] und Werke aus allen Wissenschaften […] Rosenkränze aller Gattungen […].»124 Als Josef Karl und Nikolaus das Geschäft im April 1860 an ihre Söhne übergaben, standen vier Schnellpressen für den Buchdruck (Hochdruck), einige Handpressen sowie mehrere Satinier-, Präge- und Vergolddampfpressen zur Verfügung. Daneben zwanzig Lithographiepressen und fünf Kupferdruckpressen für Stahlstich.125
Die folgende Generation investierte weiter in die technische Infrastruktur. Vor allem Adelrich B.-Koch (1833–1896), der Sohn von Nikolaus B.-Benziger I, bemühte sich um den Ausbau der technischen Betriebe. Unter seiner Leitung wurde 1863 die Zinkographie, der Druck ab Zinkplatten, eingeführt. 1866 folgte die Xylographie (Holzdruck), die vor allem in der Herstellung von Illustrationen in Zeitschriften Verwendung fand. Ab 1889 tauchten fotografische Reproduktionen als Illustrationen in den hauseigenen Zeitschriften auf.126
Ein Bücherkatalog aus dem Jahr 1894 zählt eine unübersichtliche Fülle an Reproduktionsverfahren auf, die der Benziger Verlag in Einsiedeln betrieb: Neben der Kupfer- und Stahlstecherei, einem xylographischen, lithographischen, chromographischen sowie photographischen Atelier betrieb man auch die Zinkographie, die Phototypie, Autophototypie, Chromotypographie, Photolithographie, den Lichtdruck, die Photogravure und Heliogravure.127
Für die Beteiligten bedeutete es einen enormen Aufwand, überall auf dem neuesten Stand zu bleiben. «Die Sache wird jährlich complizirter», schrieb Adelrich B.-Koch im Sommer 1870 in einem Brief, den er aus Lyon nach Hause schickte.128 Um mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten, besuchten Mitglieder der Verlagsleitung regelmässig die einschlägigen Industriemessen, wo die neuesten Entwicklungen im Bereich der Reproduktionstechnologien vorgestellt wurden. Adelrich B.-Koch amtierte an mehreren Industrieausstellungen im In- und Ausland, darunter an der Weltausstellung 1889 in Paris, auch als Juror.129
Die Firma Benziger habe «die groessten Buchdruckereien, Steindruckereien, Stahlstichdruckereien der Schweiz», schrieb Nikolaus B.-Benziger II (1830–1908) im Jahr 1904.130 Die Industrieanlagen von Benziger erreichten aber nie die Dimensionen der grossen deutschen Verlagsdruckereien wie Brockhaus in Leipzig oder Cotta in Stuttgart.131 Dennoch verfügte der Benziger Verlag in dieser Zeit über ein technisches Know-how und eine Infrastruktur, die international keinen Vergleich zu scheuen brauchte. So gelang es dem Unternehmen ab etwa der Jahrhundertmitte, sich für einige Jahrzehnte an der internationalen Spitze zu etablieren. Adelrich B.-Koch schrieb 1859 von einer Geschäftsreise an seinen Vater und seinen Onkel: «Es besteht in ganz Deutschland keine Buchbinderei, die wie unsere fabrikartig betrieben wird.» Vergleichbar effiziente Buchbindeanstalten fände man höchstens in England, Paris, New York und Philadelphia.132 Über die eigenen Stahlstichreproduktionen hiess es ein paar Jahre später in einem Brief, den die Verlagsleitung nach Amerika schickte: «In Stahlstichen besteht nichts so gediegenes wie unser Verlag. Das anerkennen […] sogar die eitlen selbstsüchtigen Franzosen.»133
Im Verlag wurde in dieser Zeit der Anspruch gepflegt, Innovationen im Bereich der Reproduktionstechnologien möglichst bald im eigenen Betrieb einzusetzen. Dank der Chromolithographie farbige Andachtsbilder zu produzieren, schien den damaligen Verlegern beispielsweise selbstverständlich. Nikolaus B.-Benziger II schrieb 1867 auf einer Geschäftsreise von München nach Einsiedeln: «Es ist wirklich an der Zeit ‹bald› mit chromo Heiligenbildern zu beginnen, wollen wir die ersten sein.»134 Zwei Jahre später reiste sein Bruder Adelrich B.-Koch nach Paris, um sich vor Ort ein Bild über die lithographischen Schnellpressen der Firma Voirin zu machen. Auch in London besichtigte er solche Pressen. Zunächst liess Benziger seine Farbendrucke noch in Paris bei der Firma Lorilleux herstellen.135 1871/72 investierte die Firma schliesslich die beträchtliche Summe von 42 000 Franken in vier lithographische Schnellpressen, die aus Paris importiert und in Einsiedeln montiert wurden.136 Die Firma Benziger war eines der sehr frühen kontinentaleuropäischen Verlagshäuser, das mit lithographischen Schnellpressen arbeitete, in der Schweiz gar das erste.137
Der Benziger Verlag hat sich in dieser Zeit in einzelnen Fällen auch selbst aktiv um die Entwicklung von neuen Erfindungen bemüht: Mit Cyprien Maria Tessié du Motay (1818–1880), einem französischen Chemiker und einem der Erfinder der Phototypie, standen sowohl das Geschäft in Einsiedeln als auch die Filialen in den USA in Kontakt. Du Motay reiste in den Jahren 1874/75 mehrmals nach Einsiedeln, um in den Ateliers der Firma Benziger Versuche in der Druckfotografie zu machen.138 1879 schrieb die Verlagsleitung in Einsiedeln stolz nach Amerika, dass sie für ihre «Leistungen auf dem Gebiete der Phototypie» zahlreiche Anerkennungen «von den ersten Häusern in Deutschland, Oesterreich und Frankreich» erhalten hätten.139 Mit diesem Verfahren liessen sich Bilder in beliebigen Formaten billig reproduzieren, heisst es in einem späteren Brief. Aufträge verschiedener «der grössten Verleger Deutschlands» seien bereits eingegangen.140
In den eigenen technischen Betriebe wurden in erster Linie Bücher für den eigenen Verlag hergestellt. Dank der fortschrittlichen technischen Infrastruktur wähnte man sich gegenüber der direkten Konkurrenz im Vorteil. Im Januar 1866 schrieb Adelrich B.-Koch in die USA, dass man in Einsiedeln künftig noch stärker darauf achten werde, «nur illustrirte, schöne Bücher [zu] verlegen, die andere nicht nachdrucken können wegen Mangel an guter Einrichtung».141 Einfach auszuführende Druckaufträge liess Benziger, wenn keine eigenen Kapazitäten mehr vorhanden waren, hin und wieder auch auswärts drucken, häufig bei der Firma Brockhaus in Leipzig, mit der man schon länger geschäftlich verbunden war.142
Die Verlagsleitung in Einsiedeln pochte darauf, alle technischen Einrichtungen in Einsiedeln zu konzentrieren, und riet den amerikanischen Filialen stets dezidiert davon ab, selbst Fabrikationen zu betreiben. Die amerikanischen Filialen sollten ihre Verlagswerke in Einsiedeln drucken lassen. So konnte sich Benziger mit seinen Produktionsstätten in Einsiedeln international lange Zeit behaupten. Zum einen sorgte der sichere Absatz der Verlagswaren in den USA für hohe Auflagen und somit eine hohe Auslastung der Maschinen. Zum anderen erschlossen die Filialen dem Geschäft in Einsiedeln Quellen für den Import von kostengünstigen Maschinen aus den USA, die nicht allen europäischen Konkurrenzunternehmen zugänglich gewesen sein dürften. Benziger importierte ab den 1860er-Jahren unter anderem von der Firma R. Hoe & Company in New York und später auch von der Firma Miehle in Chicago Druckerpressen und andere Maschinen für die technischen Betriebe.143
Um die Entwicklung des Unternehmens über die Zeit zu verfolgen, dienen uns als dritter Indikator die Arbeiterzahlen im Verlag. Im Falle des Benziger Verlags sind die überlieferten Zahlen für das 19. Jahrhundert jedoch unvollständig und teilweise widersprüchlich; erst ab etwa 1900 sind die Angestelltenverzeichnisse vollständig überliefert.
Dass die Zahlen stark voneinander abweichen, liegt vermutlich nicht bloss an der lückenhaften Überlieferung, sondern auch daran, dass die Firma ihre Arbeiterverzeichnisse stets als eine Art Betriebsgeheimnis behandelte. Selbst die Konkurrenzunternehmen in Einsiedeln kannten offenbar die genaue Zahl der Arbeiter bei der Firma Benziger nicht.144 Als der Bezirksrat 1877 ein Arbeiterverzeichnis aller grösseren Betriebe im Bezirk einforderte, weigerte sich der Benziger Verlag, ein solches zu erstellen. Die Verleger begründeten ihre Haltung mit der fehlenden gesetzlichen Grundlage und sahen in der Forderung des Bezirksrats eine Strategie ihrer Konkurrenten in Einsiedeln, die ihr Amt als Bezirksräte dazu ausnutzen würden, Spionage über die Arbeiterverhältnisse in der Firma Benziger anzustellen.145
In den Verlagsprodukten des Benziger Verlags und in der Sekundärliteratur finden sich dennoch vereinzelt Angaben zur Zahl der Angestellten, sodass sich deren Entwicklung grob skizzieren lässt. Die Verlagsgeschichte von 1942 nennt für 1830 rund 35 Buchbinder und ihre Familien, die für den Verlag tätig gewesen seien. Daneben darf man sich wohl noch ein paar Dutzend weitere Angestellte vorstellen, die als Kolporteure unterwegs waren, Rosenkränze kettelten und den Devotionalienladen führten, sowie allenfalls einige Büroangestellte, welche die Korrespondenz und die Buchhaltung besorgten. Eine eigene Druckerei unterhielt man damals noch nicht. 1860 waren laut derselben Verlagsgeschichte 90 Buchbinder (wovon 20 in Heimarbeit), 180 Bilderkoloristen und 60 Rosenkranzkettlerinnen für den Verlag tätig. Zur Zahl der in der Druckerei tätigen Personen macht die Verlagsgeschichte von 1942 allerdings keine Aussage.146 Ambros Eberle sprach 1858 in einem Referat von 180 Kindern, die zum Kolorieren von Heiligenbildern herangezogen würden, rund 30 Buchbinderfamilien, die in Heimarbeit tätig seien, einer fabrikmässig betriebenen Buchbinderwerkstätte sowie 50 Rosenkranzkettlerinnen, die für den Benziger Verlag tätig seien. Auch er liess die personalintensive Buchdruckerei unerwähnt.147 Laut der Verlagsgeschichte von 1967 betrug die Zahl der Angestellten um 1850 in Einsiedeln insgesamt rund 500 Personen.148
Robert Kistler spricht in seiner Wirtschaftsgeschichte des Kantons Schwyz von durchschnittlich 800 Angestellten in den Jahren von 1880 bis 1900.149 Odilo Ringholz zählte 1896 nahezu 900 Arbeiter.150 Auch in den Verlagskatalogen selbst findet sich in den 1880er-Jahren hin und wieder die Zahl von 900 Angestellten.151 In einem kurzen Artikel der Zeitung «Vaterland» über Adelrich B.-Koch aus dem Jahr 1885 heisst es, der Verlag habe «zu seinen Blüthezeiten» über 900 Angestellte gehabt.152
Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass der Generationenwechsel in der Verlagsleitung und vor allem die Einführung einer eigenen Druckerei die Zahl der Angestellten ab etwa 1830 stark ansteigen liess und diese sich innerhalb von zwanzig Jahren von ein paar Dutzend auf rund 500 Personen erhöhte. Ab 1860 stieg die Angestelltenzahl noch einmal an und dürfte zu Spitzenzeiten in den 1870er- und 1880er-Jahren die Zahl von 900 übertroffen haben. Die überlieferten Verzeichnisse stützen diese Zahl. Im Jahr 1900, zu einem Zeitpunkt, als man die Angestelltenzahl bereits etwas reduziert hatte, zählte der Verlag in Einsiedeln und Umgebung immer noch 808 Angestellte.153
Diese Zahlen betreffen lediglich das Geschäft in Einsiedeln. Nicht berücksichtigt sind die Filialen in den USA, für die keine Zahlen überliefert sind. Da die Filialen im 19. Jahrhundert nie eigene Druckereien einrichteten, dürften sie auch deutlich weniger Personal beschäftigt haben. Allerdings betrieb man in Cincinnati schon in den 1860er-Jahren eine Buchbinderei und in New York ein Atelier für Kirchenornamente, das 1894 zu einer Fabrik ausgebaut wurde. Eine Zahl von sicherlich über 100, vielleicht auch 300 oder 400 Angestellten in den US-amerikanischen Filialen scheint für die letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts realistisch.
Ende der 1860er-Jahre stellte der Benziger Verlag auch in der Buchbinderei vollständig auf fabrikmässigen Betrieb um. Bis dahin hatte man stets einige der Arbeiter in traditioneller Heimarbeit beschäftigt. Unklar ist, ob der Verdienst im Verlag für diese Arbeiter, die Rosenkranzkettlerinnen oder die Kinder, die Heiligenbilder kolorierten, ein Haupteinkommen war oder lediglich ein Nebeneinkommen zu einer Tätigkeit in Landwirtschaft, Textilindustrie oder einem anderen Gewerbe.
Auch zur Herkunft der Kinder fehlen genaue Informationen. Es ist möglich, dass Mitglieder der Verlegerfamilie, die sich in verschiedenen Ämtern im Schul- und Armenwesen sozialpolitisch betätigten und 1869 an der Errichtung einer Erziehungsanstalt für Knaben beteiligt waren, Kinder direkt aus diesen Institutionen rekrutierten. Kinderarbeit war im Unternehmen auch in den 1870er-Jahren noch verbreitet und wurde erst im Vollzug des Fabrikgesetzes von 1877 eingestellt, das die Fabrikarbeit von Kindern unter 14 Jahren verbot.154
Die meisten Arbeitskräfte des Benziger Verlags in Einsiedeln stammten aus der Region: Um 1890 stammten rund sechzig Prozent aller Angestellten aus dem Kanton Schwyz, die allermeisten davon aus dem eigenen Bezirk.155 Auch die amerikanischen Filialen rekrutierten ihr Personal häufig in Einsiedeln. Ab Mitte der 1860er-Jahre bestand dort eine zunehmende Nachfrage nach deutschsprachigen Arbeitskräften, die man in Einsiedeln und Umgebung rekrutierte und in die USA sandte. Erst etwa ab 1880 fanden die Filialen ihr Personal vor Ort.
Betrachtet man die drei Indikatoren gesamthaft, so zeichnet sich eine gesteigerte geschäftliche Betriebsamkeit ab den 1850er-Jahren ab: Die Zahl der Angestellten erhöhte sich markant, es erfolgte der Ausbau der Fabrikationsgebäude, die ersten eigenen Filialen in den USA und die Stahl- und Kupferdruckerei wurden errichtet sowie manch weitere Neuerung eingeführt. Es gibt vielfältige Gründe für diesen Aufschwung in der Jahrhundertmitte. Man darf annehmen, dass die Gründung des schweizerischen Bundesstaats – und damit verbunden die Abschaffung von Binnenzöllen, ein besseres Postwesen und die Vereinheitlichung des Münzwesens – sich günstig auf die Entwicklung des Geschäfts auswirkte; ebenso die fortschrittsoptimistische Stimmung der «Schweiz des Freisinns»156 in den Jahrzehnten nach der Bundesstaatsgründung von 1848.157 Mit den Quellen aus dem Verlagsarchiv belegen lässt sich dies freilich nicht. Die Neuerungen im jungen Bundesstaat finden dort kaum je Erwähnung. Auch war die Firma Benziger schon damals so stark auf den deutschen und zunehmend den US-amerikanischen Markt ausgerichtet, dass die institutionelle Integration des schweizerischen Binnenraums kaum die entscheidenden Impulse für das Wachstum gegeben haben dürfte.158
Ein gewichtiger Grund für die Geschäftsausdehnung ab der Jahrhundertmitte dürfte darin liegen, dass die westeuropäische Bevölkerung zunehmend alphabetisiert wurde. Das konnte dem Absatz auch von religiösen Büchern, Kalendern und Zeitschriften nur förderlich sein.159 Überhaupt erlebte die religiöse Literatur im Zuge eines allgemeinen religiösen Revivals ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ein bemerkenswertes Comeback. Nachdem sie in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts von der «Schönen Literatur» überflügelt worden war, was die Zahl der Neuerscheinungen betraf, zählte die religiöse Literatur zwischen 1850 und 1870 vorübergehend wieder die meisten Neuerscheinungen im deutschen Buchhandel.160
Auf regionaler Ebene war der Aufschwung der Wallfahrt und die internationale Bedeutung des Klosters sicherlich förderlich. Auch firmeninterne Gründe dürfen nicht ausser Acht gelassen werden. In den 1850er-Jahren waren bereits mehrere der zwischen 1821 und 1840 geborenen Söhne von Josef Karl B.-Meyer und Nikolaus B.-Benziger I ins Geschäft eingetreten und in leitenden Positionen am Geschäftsausbau beteiligt.
Etwa von den 1860er-Jahren bis ins ausgehende 19. Jahrhundert gelang es der Firma Benziger, sich an der internationalen Spitze nicht nur innerhalb des katholischen Verlagswesens, sondern überhaupt des grafischen Gewerbes zu etablieren. Zum Vorteil gereichten der Firma Benziger dabei ihre Gründungen in den USA, die bis Ende der 1860er-Jahre beinahe konkurrenzlos blieben und ein lukratives Geschäft waren. In Kriegszeiten, etwa während des amerikanischen Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 oder während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, und in sonstigen Phasen mit stockendem Absatz konnten sich die Geschäfte gegenseitig unterstützen und Krisenerscheinungen etwas abmildern. Im Sommer 1875 beispielsweise schrieb die Verlagsleitung in die USA: «Europa leidet durch den Culturkampf, Klosteraufhebung, Verbot religiöser Schulprämien in Oesterreich, allgemeine Handelskrise etc. Ihre Unterstützung in Arbeit und Geld wird nöthig werden.»161
In den Quellen immer wieder genannt wird ein Argument, das bisher noch nicht angesprochen wurde: die positiven Auswirkungen der lokalen Konkurrenzgeschäfte auf die Entwicklung der eigenen Firma. In einem Brief, den die Verlagsleitung im Januar 1869 in die USA schrieb, heisst es: «Die Väter haben nie lebhafter das Geschäft entwickelt als von 1838 [gemeint ist wahrscheinlich 1830] bis 1846 wo das mächtige Kloster zu deren Ruin die Curigersche Conkurrenz geschaffen haben. Die Söhne sind nie so strebsam […] gewesen wie von 1857 bis jetzt wo eine u. zwei unliebe Conkurrentschaften entstanden. […] In angenehmem Zustande des Monopols […] wären wir heute vielfach im Geschäfte nicht so weit entwickelt. […] ausgedehnt haben unser Geschäft die Conkurrenzen.»162
Unliebsame Konkurrenz – Einsiedeln als Verlags- und Druckereizentrum
Die Firma Benziger war zwar das bedeutendste, im 19. Jahrhundert aber zu keiner Zeit das einzige Unternehmen seiner Art in Einsiedeln. 1833 bestanden in Einsiedeln nicht weniger als fünf weitere Druckereiunternehmen.163 Ein für die Firma Benziger besonders ernst zu nehmender Konkurrent war das Kloster Einsiedeln, das sich mit dem Verlust der alten Vorrechte nur schwer abfinden konnte. Es unternahm verschiedentlich Versuche, seinen wirtschaftlichen Einfluss aufs Dorf zurückzuerhalten. Besondere Beachtung schenkte das Kloster dem Buchdruck. Eine Motivation dafür, wieder eine eigene Druckerei zu betreiben, war auch das Bestreben, der «schlechten» liberalen Presse mit eigenen «guten» Druckerzeugnissen begegnen zu können. Bereits im Jahr 1826 hatten konkrete Pläne bestanden, in Muri zusammen mit dem dortigen Benediktinerkloster eine eigene Buchdruckerei einzurichten.164 1829 übernahm das Kloster die Druckerei von Plazid Karl und Marianus Benziger. Als Mittelsmann figurierte der ehemalige Lehrer Thomas Kälin, mit dem das Kloster im Januar 1830 einen Vertrag schloss.165 1834 ging die Firma an die konservativ gesinnten Konrad Kuriger und Meinrad Kälin über, die sie, weiterhin unterstützt vom Kloster, unter dem Namen Kuriger & Co. weiterführten.
Für Josef Karl B.-Meyer war klar, dass das vom Kloster unterstützte Konkurrenzunternehmen gezielt gegen die Firma Benziger aufgebaut wurde. Er vermutete politische Motive. Hintergrund war folgender: Josef Karl B.-Meyer und in geringerem Mass auch sein Bruder Nikolaus B.-Benziger I hatten sich politisch immer wieder für liberale Anliegen eingesetzt, die den Interessen des Klosters zuwiderliefen. Sie setzten sich beispielsweise für die Gleichberechtigung der äusseren Bezirke des Landes ein und befürworteten die vorübergehende Kantonstrennung im Jahr 1833. Vor allem aber setzte Josef Karl als Mitglied der «Kommission zur Verwaltung der Allmeindgüter von Waldstatt und Stift gemeinsam» und ab 1829 für vier Jahre als Bezirksammann die Trennung der Allmeindgüter durch. Im Kloster schuf er sich damit Feinde: «Es stosst ihm [dem Kloster] immer noch die alte Galle auf, wenn es nur unsere Namen hört», schrieb B.-Meyer im Januar 1838 an einen Freund. Durch die Unterstützung ihrer Konkurrenten habe das Kloster seinem Geschäft bereits «ungeheuren Schaden» zugefügt.166 1839 verkaufte das Kloster seine Anteile an der Firma zwar offiziell an Kuriger & Co., agierte aber weiterhin als deren Förderer. Wiederum ein Jahr später konfrontierte B.-Meyer Abt Cölestin Müller in einem Schreiben mit dem Vorwurf, aus «unedlem Nachgefühle» gezielt und gewaltsam auf den Niedergang des vom Kloster unabhängigen Einsiedler Druckereigewerbes hinzuarbeiten.167 Im selben Jahr wandte sich B.-Meyer an seinen Freund Nazar von Reding (1806–1863) in Schwyz, der aus einer politisch einflussreichen Familie stammte und in seiner Laufbahn die höchsten politischen Ämter des Kantons ausübte: «Ich sage es Ihnen also freimüthig […]: meine gegen das Kloster bisher beobachtete politische Stellung kann ich länger nicht behaupten, ohne die Meinigen zu verderben.»168 Das Kloster unterstütze die Firma Kuriger & Co. mit einem Kapital von mehr als 20 000 Florin, lasse alle eigenen Druckaufträge ausschliesslich bei seiner Konkurrenz ausführen, verbiete es seinen Lehensleuten, Bücher von seiner Firma zu beziehen und tue auch sonst alles, um den Absatz seines Geschäfts zu schmälern.
Konkreter Anlass für die Korrespondenz war ein attraktiver Druckauftrag, den das Kloster zu vergeben hatte. Das Kloster besorgte seit 1832 die deutsche Übersetzung der Annalen der französischen «Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens» und liess das Heft bei der Firma Kuriger & Co. drucken. Die Auflage der alle zwei Monate erscheinenden Schrift war mit 12 000 Exemplaren und rund 500 000 Druckbogen jährlich so hoch, dass die unliebsame Konkurrenz von der Firma Benziger kaum verdrängt werden konnte, solange sie sich dieses Grossauftrags gewiss sein konnte. B.-Meyer schrieb an von Reding: «Ohne diesen Zufall hätten wir die Hoffnung nähren können, es werde am Ende das Kloster an Opfern ermüden u. leichten Spieles hätten wir diese Pfuscher von Handelsleuten aus dem Felde getrieben. Jetzt aber können diese Lümmeln im Handel sorglos herumtappen u. zufahren …»169 B.-Meyer bat von Reding darum, direkt oder über einen Mittelsmann bei Subprior Pater Thomas Inderbitzin, der im Kloster für dieses Geschäft zuständig war, in dieser Sache Einfluss zu nehmen. Die Firma Benziger hat den Druckauftrag zwar selbst nie erhalten, nach 1842 scheint aber auch Kuriger & Co. die Annalen nicht mehr gedruckt zu haben.170 1849 gelang es der Firma Benziger schliesslich, die Firma Kuriger & Co. zu übernehmen. Bis 1851 kaufte man auch drei weitere Firmen vor Ort auf und sicherte sich eine Monopolstellung am Platz Einsiedeln.171
Die spannungsvollen 1830er- und 1840er-Jahre der Unternehmensgeschichte widerspiegeln die kantonale Politik jener Jahrzehnte. Der Kanton Schwyz kam zwischen 1830 und 1848 politisch nicht zur Ruhe und war tief in einen inneren und einen äusseren Teil gespalten. Man stritt sich über eine neue Verfassung, die zu einer vorübergehenden Kantonstrennung und 1833 zur Besetzung des Kantons durch eidgenössische Truppen führte. Für Konflikte sorgte auch die Jesuitenberufung in Schwyz im Jahr 1836 und vor allem die Verteilung der Allmeindnutzungsrechte («Hörner- und Klauenstreit»). «Im alten Land wogt es von Grundwellen», heisst es 1835 in einem Brief von Josef Karl B.-Meyer, die «seit Tellssprung» nicht mehr «so aufgeregt» gewesen seien.172 Geteilt war die Meinung auch über den Beitritt zum Sonderbund 1845 und über den Eintritt in den Sonderbundskrieg zwei Jahre später. Die Gebrüder Benziger sprachen sich öffentlich für eine einvernehmliche Lösung und gegen den Kriegseintritt aus.
In den Quellen der Firma Benziger finden sich allerdings keine Hinweise darauf, dass die Geschäftstätigkeit durch die politischen Spannungen eingeschränkt worden wäre. «Unser Verlag schwol von Jahr zu Jahr immer mehr an», heisst es beispielsweise in einem Brief von Josef Karl B.-Meyer von 1840.173 So turbulent jene Jahrzehnte politisch auch waren, so sollte der direkte Einfluss der Politik auf die Wirtschaft dennoch nicht überschätzt werden. Wie die oben geschilderte Auseinandersetzung mit dem Kloster zeigt, spielte die politische Grosswetterlage indirekt dennoch eine Rolle. Die Firma Benziger war auf ein gutes Verhältnis zum nach wie vor mächtigen Kloster angewiesen. Und dieses Verhältnis war durch die politischen Auseinandersetzungen zerrüttet, wenn auch zu einzelnen liberal-katholisch gesinnten Konventualen stets gute Kontakte bestanden.174
Auf die internationalen Geschäftskontakte und den internationalen Absatz hatten die politische Haltung und die Exponiertheit der Verleger Benziger freilich kaum Auswirkungen; im lokalen Raum aber engte die politisch dezidiert liberale Haltung den geschäftlichen Handlungsspielraum ein, indem sie geschäftliche Beziehungen zu politisch anders Gesinnten erschwerte.
Durch die Übernahme der lokalen Konkurrenzfirmen sicherte sich die Firma Benziger ab 1851 für einige Jahre eine Monopolstellung. Schon bald wurden in Einsiedeln aber erneut «unliebe Conkurrentschaften» gegründet, so 1858 die Firma Eberle, Kälin & Co. und 1865 die Firma Wyss, Eberle & Cie. Auch diese Geschäfte erreichten eine beträchtliche Ausdehnung. Die Firma Wyss, Eberle & Cie. beschäftigte 1882 immerhin 52 Fabrikarbeiter.175 Bei der Firma Eberle, Kälin & Co. dürfte die Zahl der Angestellten noch deutlich höher gewesen sein.
Besonders Eberle, Kälin & Co., die grössere der beiden Firmen, trat in einen mit harten Bandagen geführten Konkurrenzkampf zur Firma Benziger. Gegründet haben die Firma der Jurist und spätere Nationalrat Josef Anton Eberle (1808–1891) und der Kantonsschreiber und später ebenfalls in den Nationalrat gewählte Ambros Eberle (1820–1883) sowie dessen beide Schwäger Anton (1840–1923) und Werner Kälin (1833–1923). Ambros Eberle hatte bereits in den 1840er-Jahren in Schwyz eine Druckerei betrieben und gab ab 1846 das «Schwyzerische Volksblatt» (später «Schwyzer Zeitung») heraus. Die Firma Eberle, Kälin & Co. errichtete ein Fabrikationsgebäude in Einsiedeln, verfügte über dampfbetriebene Buchdruckschnellpressen und betrieb eine eigene lithographische Anstalt, eine Rosenkranzfabrikation und eine moderne Buchbinderei. In den 1870er-Jahren richtete die Firma eine Filiale in Sulz im Oberelsass ein. Bereits zu Beginn der 1860er-Jahre bestanden Pläne, die Firma Benziger auch in den USA zu konkurrenzieren und eine eigene Filiale in New York oder Cincinnati zu errichten. Die Pläne wurden über eine intensive Zusammenarbeit mit der Firma Pustet in Regensburg, einem der grössten Konkurrenzgeschäfte von Benziger, Tatsache. Die Firma Pustet gründete 1866 eine Filiale in den USA und sorgte ab 1868 auch dort für Absatz der Bücher der Firma Eberle.
Ab 1866 gab die Firma Eberle einen eigenen Volkskalender, den «Neuen Einsiedler Kalender», heraus, der den «Einsiedler Kalender» (seit 1841) konkurrenzierte. Besonders aber profilierte sich die Firma Eberle in der Herstellung und im Vertrieb von Gebetbüchern. Die Praxis von Eberle, Kälin & Co., Verlagswerke von Benziger nachzudrucken, gab häufig Anlass zu Konflikten. International war die alte Praxis der Raubkopie ab den 1850er-Jahren stark unter Druck geraten. Im August 1863 schrieb die Verlagsleitung in die USA: «Die Lage in Europa & die Auffassung in Europa ist seit wenig Jahren ganz anders als früher. Vor 10 Jahren lebte Belgien von franz. Nachdruck, jetzt haben England, Frankreich, Belgien, alle deutschen Staaten, Oesterreich, ganz Italien Nachdrucke gesehen & Verträge gegenseitig zu Schutz & Abhülfe. Selbst in der Schweiz sind 12 Kantone schon beigetreten. […] es folgt voraussichtlich für die ganze Schweiz der Zwang einzutretten in Gegenseitigkeit von Verfolgung des Nachdrucks.» Die Firma Eberle, Kälin & Co., die bereits zwanzig Bücher aus ihrem Verlag nachgedruckt hätten, gelte es in dieser Situation nachdrücklich an den «Pranger zu stellen als Nachdrücker».176 Auch für die Firma Wyss, Eberle & Cie. war der Nachdruck von Verlagswerken von Benziger ein wichtiger Pfeiler ihres Unternehmens. Die ersten zehn Gebetbücher, die bis 1866 in ihrem Verlag erschienen, waren alles Nachdrucke von Werken aus dem Benziger Verlag.177
Im Kanton Schwyz dauerte es letztlich noch rund zwanzig Jahre, bis das Nachdrucken von fremden Verlagswerken verboten wurde. Nachdem 1874 die Kompetenz zur Gesetzgebung in Fragen des Urheberrechts von den Kantonen auf den Bund übergegangen war, wurde 1883 das «Bundesgesetz betr. das Urheberrecht an Werken der Literatur und Kunst» geschaffen, das dieser bis dahin gängigen Praxis im Kanton Schwyz ein Ende bereitete. Drei Jahre später folgte das erste multilaterale internationale Urheberrechtsabkommen («Berner Konvention»).178
Am Platz Einsiedeln war Benziger zu einem Mindestmass an Koordination mit seinen Konkurrenten gezwungen. Dies betraf vor allem die Preispolitik gegenüber den lokalen Wiederverkäufern ihrer Verlagswaren.179 Auch bei der Umsetzung des eidgenössischen Fabrikgesetzes nach 1877 sprachen sich die Firmenleitungen ab. Aufrührerischem Verhalten unter der Arbeiterschaft sollte so frühzeitig ein Riegel geschoben, Anreize zur Konkurrenz zu wechseln vermieden werden.180 Allerdings waren Verstösse gegen die Abmachungen an der Tagesordnung. Auch schreckten alle Beteiligten weder vor Betriebsspionage noch vor öffentlicher Verleumdung ihrer geschäftlichen Konkurrenten zurück. Die Sprache, mit der die Konflikte ausgefochten wurden, trug teilweise martialische Züge. Als die Praxis des Nachdruckens zu Beginn der 1880er-Jahre auch in der Schweiz zunehmend unter Druck geriet, sprach die Verlagsleitung von einem «ersten nöthigsten Feldzug zur Wiedereroberung von vielen Kunden in Süddeutschland», die ihnen von den «frechen Nachdruckern» geraubt worden seien.181
Im Unterschied zum Konkurrenzverhältnis zum Kloster in der ersten Jahrhunderthälfte scheint bei diesen Auseinandersetzungen die politisch-ideologische Komponente nicht im Vordergrund gestanden zu haben. Zumindest legen die Quellen diesen Schluss nahe. Die Verleger aus den Familien Benziger, Eberle und Wyss, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffentliche Ämter bekleideten, vertraten politisch ähnliche Positionen und bewegten sich fast immer in der politischen Mitte. In der einschlägigen Literatur werden sie je nach Grenzziehung der gemässigt liberalen – dazu gehören Josef Karl B.-Meyer, Nikolaus B.-Benziger I, Plazid Martin Wyss, Ambros Eberle und Heinrich Wyss – oder der gemässigt konservativen Richtung – Karl B.-von Reding und Nikolaus B.-Benziger II – zugerechnet.182
Einfluss der Firma Benziger auf die regionale Entwicklung
Die Firma Benziger war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der mit Abstand grösste Arbeitgeber in Einsiedeln und ermöglichte Hunderten von Menschen einen konstanten Verdienst. In einer Danksagung der Arbeiterschaft im «Einsiedler Anzeiger» anlässlich der 100-Jahr-Jubiläumsfeier 1892 heisst es: «Denn unser Ort ist durch tausend Fäden an dem Aufblühen dieser Firma interessiert, die nunmehr seit 100 Jahren für zahlreiche Familien der Kornboden war, welchen die Natur unserem Gebirgstale versagt hat.»183
Es ist klar, dass die Konzentration so vieler Arbeiter in einer Branche auch Risiken barg. In Zeiten stockenden Absatzes und mangelnder Druckaufträge konnte die Firma ihre Angestellten nur mit Mühe beschäftigen. Dass sich die Verleger ihrer Verantwortung gegenüber der Einwohnerschaft durchaus bewusst waren, zeigt folgendes Beispiel: Im Juli 1870, nur wenige Tage nach der Kriegserklärung von Kaiser Napoleon III. an Preussen, schrieb die Verlagsleitung in die USA: «Mit dem ersten Kriegston hört für uns aller europäische Verkehr auf. Die Aufträge werden abbestellt, neue kommen nicht mehr, die Reisenden ruhen. Zahlungen werden zurückgehalten […] kurz die Cassa ist ohne Einnahmen. Mit den Ausgaben steht es anders, die gehen fort. Den kleinen Handwerker-Lieferanten, Künstlern […] &namentlich den hiesigen Arbeitern können wir Zahlung nicht zurückhalten. Namentlich für letztere zu sorgen ist unsere Pflicht.» Die Verlagsleitung bat die amerikanischen Filialen im selben Brief für Druckaufträge in den USA zu sorgen, damit die einheimischen Arbeiter weiterbeschäftigt werden konnten, und appellierte an das Pflichtgefühl ihrer Associés: «Es liegt ausser Zweifel, dass Ihr vaterländisch Gefühl für die Mitbürger Einsiedelns zu sorgen ebenso sehr Sie animirt …»184
Immer wieder wurde aber auch öffentliche Kritik an den Verlegern laut. Ihnen gehe es nicht um das Wohl der Arbeiter, sondern nur um den eigenen Profit, lautete der Vorwurf. Interessant in dieser Hinsicht waren die Pläne der Firma Benziger im Jahr 1865, in Euthal ein neues Fabrikgebäude für die Buchbinderei zu erstellen. Euthal galt damals als ärmstes Viertel Einsiedelns und war gemäss einem Artikel im «Einsiedler Anzeiger» ein «ödes, abgelegenes verdienstloses Nest».185 Die Firma Benziger hatte in Euthal schon länger mehrere Dutzend Kinder zum Kolorieren von Heiligenbildern sowie zum Falzen und Heften von Gebetbüchern beschäftigt und beabsichtigte nun, dort eine eigene Buchbinderei einzurichten. Zunächst wurde im Schulhaus eine kleine Buchbinderei installiert, wo vor allem Frauen einen Nebenerwerb zur Landwirtschaft verdienten. Die Firma Benziger wollte diesen Zweig weiterausbauen und plante einen grosszügigen Neubau für mindestens fünfzig Arbeiter. Der Grund dafür: Die Löhne waren in Euthal, nur wenige Kilometer von Einsiedeln entfernt, tiefer als im Dorf Einsiedeln und kompensierten die höheren Transportkosten ausreichend. Im Sommer 1865 schrieb die Verlagsleitung in die USA: «In Eutthal werden billigere Löhne die Fracht u. einige Mehrauslagen mehr als decken. Unsere Befürchtung ist in Einsiedeln werden unter kurzem die Löhne stark steigen u. stets fortsteigen, während im Eutthal auf noch lange in diesem Punkte Ruhe d.h. genug Arbeitskraft zu weit billigerem Lohne sich finden wird.» Zudem galten die Euthaler Arbeiter für die Verleger als «eifrige, thätige Leute und weit lenksamer als unsere unruhigen Dorfbewohner».186
Die Firma Benziger wollte das neue Fabrikgebäude nur errichten, wenn die Korporation Euthal ihr Holz im Wert von 8000 Franken sowie den nötigen Bauplatz zur Verfügung stellte. Gegen diese Forderung formierte sich in Euthal Widerstand. Im «Einsiedler Anzeiger» meldete sich ein anonymer Gegner zu Wort: «Ist den H. H. Gebr. Benziger an dem Erstellen eines Arbeiterhauses etwas gelegen, so können und werden sie dies thun, ohne dass ihnen die Aermsten der Welt solch’ enorme Vergabungen […] machen müssen, indem dies Herren sind, denen das Ausgeben von 8000 Franken für Holz weniger wehe thut, als uns.»187 An einer ausserordentlichen Genossenversammlung am 2. Juli 1865 kam es zum Eklat. Mehr als zwanzig Gegner der Firma Benziger verliessen protestierend den Versammlungssaal. Die Vorlage wurde darauf angenommen, das Fabrikgebäude letztlich aber erst in den 1870er-Jahren realisiert.188
Es stellt sich hier die Frage, ob die Firma Benziger auch auf andere Branchen in der Region einwirkte und nachhaltige Innovationen auslöste. In den Quellen greifbar sind lediglich einige Hersteller mechanischer Werkzeuge sowie mit Maschinen ausgestattete Schreinereien, die sich rund um die Druckereibranche entwickelten und die Firma Benziger und die anderen Druckereien vor Ort belieferten. In einem grösseren Kontext lassen sich aber durchaus sogenannte Rückkoppelungseffekte auf die regionale Wirtschaft und Gesellschaft feststellen. Mitglieder der Verlegerfamilie waren als Initianten, Gönner, Financiers oder Inhaber öffentlicher Ämter an auffallend vielen wirtschaftlichen und sozialen Neuerungen in Einsiedeln massgeblich beteiligt. Ich sehe «Rückkoppelungseffekte» vor allem auf drei Ebenen: Erstens hat die Firma Benziger oder haben einzelne Mitglieder der Verlegerfamilie als «Privatleute» konkrete infrastrukturelle Projekte initiiert oder finanziell unterstützt (Gaswerk, Eisenbahn, Krankenhaus usw.). Eine zweite Ebene betrifft das Bildungswesen. Mehrere Familienmitglieder haben sich in verschiedenen Funktionen als Förderer einer guten Schulbildung betätigt. Die dritte Ebene ist eher psychologischer Natur. Die Firma Benziger hat den hohen Bekanntheitsgrad Einsiedelns als Wallfahrtsort massiv zu eigenen Werbezwecken eingesetzt und sich in die Geschichte und die Erscheinung des Orts eingeschrieben. Dieses «Labelling» hat der «Marke» Einsiedeln eine zusätzliche Sichtbarkeit verschafft und dürfte sich förderlich auf die Wallfahrt ausgewirkt haben.
Infrastrukturelle Investitionen
Anja Buschow und Werner Oechslin streichen die Bedeutung der Firma Benziger für die bauliche Entwicklung des Dorfs zwischen 1850 und 1914 heraus, als eine «Entwicklung vom Dorf zum sich städtisch gebenden Flecken» stattgefunden habe.189 Die Firmen Benziger und Eberle seien der «Motor des baulichen Aufschwungs» gewesen. Von der Bautätigkeit der Firma Benziger sei «die ganze Entwicklung der Architektur des Dorfs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts» ausgegangen.190 Doch reichte der Einfluss der Firma Benziger über die architektonische Entwicklung hinaus. So wurden die ersten Gasleitungen von Privathäusern Ende des 19. Jahrhunderts von der Firma Benziger errichtet und mit Gas aus dem eigenen Gaswerk gespiesen, das 1876 errichtet worden war.191 Das erste öffentliche Gaswerk errichtete der Bezirk erst in den Jahren 1909/10.192 Ab 1889 besass die Firma Benziger eine eigene Telefonanlage mit Anschlüssen in Einsiedeln, Euthal und Gross, die auch das Postbüro benutzte. Ein öffentliches Telefonbüro wurde in Einsiedeln erst 1895 eingerichtet.193
Auch bei einem 1893 in Einsiedeln errichteten und heute noch bestehenden Panorama («Kreuzigung Christi») stand die Firma Benziger am Ursprung. 1886 hatte ein Panoramagemälde der Kreuzigungsszene des Malers Bruno Piglhein in München für Aufsehen gesorgt. Die Firma Eckstein & Esenwein aus Backnang in Württemberg, die auf die Herstellung von Panoramen spezialisiert war, gelangte einige Jahre später an die Firma Benziger. Sie hoffte, in Einsiedeln eine Kopie des Panoramas von Piglhein zeigen zu können, und stiess beim Verlag auf offene Ohren. Benziger stellte das Bauland für das Panoramagebäude zur Verfügung, übernahm den Betrieb und die Verwaltung und sicherte sich vertraglich 15 Prozent der zu erwartenden Nettoeinnahmen. Im Sommer 1893 konnte das Panorama eröffnet werden und war ein grosser Erfolg. In den ersten Betriebsjahren wurden jeweils über 30 000 Besucher gezählt.194
Das wichtigste infrastrukturelle Projekt, an dem sich die Firma Benziger beteiligte, war aber die Eisenbahnlinie von Wädenswil am Zürichsee nach Einsiedeln. Zum zehnköpfigen Komitee, das die Bezirksversammlung 1870 wählte und das Projekt ausarbeiten sollte, gehörten auch Adelrich B.-Koch sowie Nikolaus B.-Benziger II. Nikolaus Benziger war zudem Verwaltungsrat der ein Jahr später gegründeten Aktiengesellschaft. Einsiedeln übernahm mit 250 000 Franken ein Drittel des Aktienkapitals, Wädenswil die übrigen zwei Drittel. Interessanterweise beteiligte sich auf der Einsiedler Seite das Kloster, das wohl auf günstige Auswirkungen des Eisenbahnanschlusses auf die Wallfahrt hoffte, mit 50 000 Franken am Aktienkapital, während der Bezirk lediglich 45 000 Franken beisteuerte.195 Beim Bau der Eisenbahnlinie traten schwerwiegende Probleme auf, sodass das Einsiedler Komitee 1875 gezwungen war, noch einmal 375 000 Franken einzuschiessen. Das Kloster beteiligte sich erneut mit 50 000 Franken, weiteres Kapital steuerten der Bezirk, der Kanton sowie Private bei. Eine schliesslich noch offene Finanzierungslücke von weiteren 50 000 Franken übernahm die Firma Benziger.196 Im April 1877 konnte die Wädenswil-Einsiedeln-Bahn eröffnet werden, zu einem Zeitpunkt notabene, als in Wädenswil noch kein Eisenbahnanschluss nach Zürich bestand und der Warentransport zwischen diesen Orten per Schiff auf dem Zürichsee erfolgte. Das Engagement der Firma Benziger beim Eisenbahnbau war nicht zufällig. Der Eisenbahnanschluss lag im eigenen Interesse. Einsiedeln ermangle «der nöthigen Lage an einer Eisenbahn», hatte die Verlagsleitung schon 1866 beklagt.197
Zu erwähnen sind zwei soziale Institutionen, die von der Familie Benziger gegründet wurden. Zum einen die Waisenanstalt Maria-End, die 1869 auf dem «Katzenstrick», einem Hügel wenige Kilometer ausserhalb des Dorfs, errichtet wurde. Gegründet wurde die Anstalt vom Einsiedler Konditor und späteren Regierungsrat Stephan Steinauer, der eine Tochter von Josef Karl B.-Meyer geheiratet hatte. Dem Verwaltungsrat der Stiftungsgesellschaft gehörten mit Martin B.-Dietschy und Nikolaus B.-Benziger II auch zwei Mitglieder der Familie Benziger an. Nach dem Tod des Gründers Steinauer-Benziger im Jahr 1878 setzte sich vor allem Nikolaus B.-Benziger II für die Weiterführung der Anstalt ein. 1884 musste die Waisenanstalt aus finanziellen Gründen geschlossen werden. Die Stiftungsgelder gingen später in die «Stiftungsgesellschaft zur Gründung eines Krankenhauses für den Bezirk Einsiedeln», eine weitere Gründung der Familie Benziger, über.198 Die Krankenhausstiftung wurde 1863 von Josef Karl B.-Meyer zum Andenken an seine zwei Jahre zuvor verstorbene Frau ins Leben gerufen. Zusammen mit seinen drei Söhnen stiftete er ein Anfangskapital von rund 15 000 Franken. Bis 1897 wuchs das Stiftungskapital durch weitere Schenkungen vor allem aus dem Umfeld der Familie Benziger auf über 300 000 Franken an. 1903, vierzig Jahre nach Stiftungsgründung, konnte das Spital Einsiedeln schliesslich eingeweiht werden.199
Die Familie Benziger als Förderer des Schulwesens
Als liberal denkende und handelnde Männer legten Josef Karl B.-Meyer und sein Bruder Nikolaus B.-Benziger I Wert auf eine Verbesserung der Volksschule.200 Josef Karl B.-Meyer veranlasste als Bezirksammann in den 1840er-Jahren den Bau von Schulhäusern in den Einsiedler Vierteln.201 Nikolaus B.-Benziger I setzte sich als Bezirksstatthalter und Mitglied der von seinem Bruder initiierten und 1834 gegründeten Schulkommission für die Volksschule ein und erteilte in den 1830er-Jahren vorübergehend selbst Unterricht in Zeichnen und Buchhaltung. Von 1848 bis 1849 wirkte er zudem als schwyzerischer Erziehungsrat.202 Sein Sohn gleichen Namens war von 1854 bis 1858 Schulratspräsident in Einsiedeln und später als Regierungsrat Vorsitzender des Erziehungsdepartements sowie Direktor des kantonalen Lehrerseminars und Präsident des Verwaltungsrats der schwyzerischen Lehreralterskasse.203
Die Schule war in den Jahrzehnten vor der Bundesstaatsgründung auch im Kanton Schwyz ein Feld der politischen Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen. In Einsiedeln verlief die Konfliktlinie einmal mehr zwischen Kloster und Bezirksbehörde. Die Spannungen wurden in den 1840er-Jahren sichtbar, als ein neues Schulhaus gebaut werden sollte; zuvor waren die Kinder im Rathaus unterrichtet worden. Das Kloster sicherte dem Bezirksrat, der die Baukosten allein nicht aufbrachte, zu, ihm den Bauplatz kostenlos zu überlassen, sofern immer mindestens zwei Geistliche im Schulrat Einsitz hätten und das Pfarramt die Lehrmittel bestimmen könne. Für Verstimmung beim Kloster hatte zuvor bereits die Einführung des liberalen Geschichtswerks «Des Schweizerlands Geschichte für das Schweizervolk», erschienen 1822, von Heinrich Zschokke als Lehrmittel in der Realschule gesorgt.204 Josef Karl B.-Meyer, damals Bezirksammann, sprach sich 1843 gegen den Vorschlag des Klosters aus, da dieser gegen die Verfassung verstosse. Weiteren Unmut zog die Bezirksbehörde auf sich, als sie 1844 die Ordensfrauen aus der Kongregation der göttlichen Vorsehung als Leiterinnen der Mädchenschule entliess und durch weltliche Lehrerinnen ersetzte. Die Übernahme war von langer Hand geplant und höchstwahrscheinlich von den Gebrüdern Benziger eingefädelt worden. Bereits 1841 hatte Josef Karl B.-Meyer an Josephine Stadlin, die in Zürich ein Lehrerinnenseminar führte, geschrieben: Die «Schwestern dürfen hier kein Bleiben mehr haben; denn sie taugen nichts …».205
B.-Meyer und B.-Benziger I waren mit Josephine Stadlin freundschaftlich verbunden. Mehrere ihrer Töchter, für welche die Einsiedler Schule nicht genügen konnte, besuchten das stadlinsche Institut. Weitere Töchter wurden zur Ausbildung in andere Privatinstitute nach Solothurn oder in die Westschweiz gesandt. Den Primarschulunterricht für die Töchter erteilten Privatlehrer in Einsiedeln. Am Privatunterricht nahmen auch die Kinder anderer Familien der Einsiedler Elite teil, die dafür ein Schulgeld zu entrichten hatten.206
Die Familie Benziger unterstützte das Schulwesen auch durch grössere und kleinere finanzielle Zuwendungen. Das Vermächtnis von Nikolaus B.-Benziger I beispielsweise umfasste zahlreiche Legate. Neben Zuwendungen unter anderem an die Inländische Mission, die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft und den Bezirk Einsiedeln gehörte auch die Einrichtung von kleinen Bibliotheken von je rund hundert Bänden mit Jugendschriften in den Bezirksschulen in Einsiedeln sowie den sechs im Bezirk liegenden Vierteln dazu.207
Die Förderung des Schulwesens durch Josef Karl B.-Meyer und Nikolaus B.-Benziger, die auch die folgende Generation weiterführte, lässt sich zum einen als soziales Engagement aus liberaler Warte interpretieren. Man war sich letztlich aber auch bewusst, dass die Firma ihr Personal mehrheitlich in der Region rekrutierte und sich eine solide Volksschulbildung langfristig positiv auf das eigene Geschäft auswirken würde. Bezeichnenderweise galt ihnen mit dem Zeichenunterricht jenes Fach als besonders förderungswürdig, das im grafischen Gewerbe besonders wichtig war.208 In einem Bericht zur Schweizer Landessausstellung 1883 schrieb Adelrich B.-Koch: «Wie in fast allen Gewerben das Zeichnen eine wichtige Rolle spielt, so ganz besonders in den Zweigen, mit denen wir es zu thun haben. Ein Arbeiter, der nicht etwas zeichnen kann, ist in den meisten grafischen Fächern schlecht verwendbar; dagegen ist er in dem Verhältnis werthvoller, in welchem er im Zeichnen tüchtig ist. Diese Bemerkung gilt selbst für jeden einfachen Drucker.»209 Zeitweise bestanden gar Pläne, in Einsiedeln eine Zeichnungs- und Kunstgewerbeschule einzurichten.210
Verlagswerbung – Einsiedeln als «Label»
Die Firma Benziger investierte viel in die Bewerbung der eigenen Verlagsprodukte. Um das 1866 gegründete Unterhaltungsblatt «Alte und Neue Welt» bekannt zu machen, druckte sie nicht weniger als 250 000 Prospekte, die zusammen mit «tausende[n] von Noten, Circularen, köstliche[n] Inseraten in die Welt» geschickt wurden.211 In der «Alten und Neuen Welt» sowie im auflagenstarken «Einsiedler Kalender» wurden regelmässig und umfangreich übrige Verlagsprodukte beworben. Im Januar 1866 schrieb Adelrich B.-Koch in die USA, man müsse unbedingt die eigenen «Zeitungen besser benützen zu öfteren Anzeigen uns. Bücher» und diese «stark, gross u. oft» bewerben.212
Fast immer dazu gehörte eine Abbildung des Klosters Einsiedeln. Einsiedeln und das Kloster waren zwei Begriffe, die zusammengehörten. Die emblematische Darstellung der Klosterfassade, die für viele Katholiken einen hohen Wiedererkennungswert besass, und der Name Einsiedeln, der in den Köpfen der Menschen Bilder von Wallfahrt und Frömmigkeit evoziert haben dürfte, wurden von der Firma Benziger als «Label» verwendet.
Die Firma Benziger war bestrebt, sich in die Geschichte und das Erscheinungsbild Einsiedelns einzuschreiben. Zeitgenössische Werbevignetten beispielsweise inszenierten nicht selten eine Art Beziehungsdreieck zwischen Einsiedeln, dem Kloster und dem Namen Benziger.213 Für einige Zeit evozierte der Name Einsiedeln genauso den Namen Benziger, wie er Bilder des Klosters hervorrief. 1888 erschien in der «New York Times» die Beschreibung einer Reise, die der amerikanische Minister John F. Lang im selben Jahr durch Bayern und die Schweiz gemacht hatte. Von München führte die Reise via Lindau und den Bodensee bis nach Romanshorn, von wo er mit der Eisenbahn nach Zürich fuhr. «At Zurich we waited to change cars without any visit about the city», schrieb Lang. Er bevorzugte es, anstatt die Zwinglistadt zu besichtigen, noch am selben Tag nach Einsiedeln zu reisen, wo er abends um neun Uhr eintraf. Von Einsiedeln schienen ihm in seinem kurzen Bericht drei Dinge erwähnenswert, erstens – und noch vor dem Kloster – die Firma Benziger und ihr «immense business», das Lang wahrscheinlich von den amerikanischen Filialen her bereits vor seiner Reise bekannt gewesen war, zweitens das Kloster und die Mönche, die er als eine «handsome class of gentlemen» beschrieb, und drittens die Wallfahrt und insbesondere die zahlreichen Pilgerhotels, die so gut ausgerüstet seien «as many in large cities».214
Über Inserate und Verlagsprodukte machte die Firma Benziger den Namen Einsiedeln und die Einsiedler Wallfahrt auch bei Menschen bekannt, die noch nie eine Wallfahrt dahin unternommen hatten, und trug Bilder der Einsiedler Klosterfassade in Gegenden, die ausserhalb der traditionellen Einzugsgebiete der Wallfahrt lagen. Die Firma Benziger dürfte so gesehen einerseits vom «Label» Einsiedeln profitiert haben, dieses «Label» aber noch weiterverbreitet und so ihrerseits die Wallfahrt gefördert haben.
Zwei Schlussbemerkungen
Die Familie Benziger als kapitalstarke Elite hat die Modernisierung Einsiedelns als Geschäftsbesitzerin, politischer Entscheidungsträgerin und private Gönnerin in vielfältiger Weise gefördert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es kaum ein grösseres Projekt, an dem die Familie Benziger nicht beteiligt war. Mit zwei Bemerkungen möchte ich dieses Kapitel abschliessen. Erstens gilt es festzuhalten, dass sich die verschiedenen Funktionen, in denen Familienmitglieder als Akteure auftraten, nicht scharf voneinander trennen lassen. Sie waren nicht tagsüber Unternehmer, abends Privatleute und zwischendurch Politiker. Sie förderten als Bezirks-, Kantons- und Regierungsräte und als Schulpräsidenten die Volksschule und waren als Arbeitgeber auf solid geschulte Arbeitskräfte angewiesen, sie unterstützten die Einrichtung einer Waisenanstalt für Knaben und zogen diese zum Kolorieren von Andachtsbildern in ihrer Firma heran, sie ermöglichten die Errichtung eines Panoramas, förderten so die Attraktivität Einsiedelns für Pilger und Touristen, die gleichzeitig die Konsumenten ihrer Verlagserzeugnisse waren. Martin B.-Dietschy besuchte 1862 die Weltausstellung in London. Da er nicht nur Leiter der technischen Abteilung des Verlagsgeschäfts, sondern auch Feuerwehrkommandant war, interessierten ihn nicht nur Neuerungen im Druckerwesen, sondern auch eine neuartige, auf beweglichen Rädern angebrachte Feuerspritze, die er dort ausgestellt sah. Im März 1863 erkundigte er sich in Cincinnati, wo die Feuerspritzen offenbar hergestellt wurden, im eigenen Filialgeschäft nach Musterzeichnungen und Katalogen derselben und wollte eine für die Ortsfeuerwehr anschaffen lassen.215
Die zweite Bemerkung betrifft die geografische Ausdehnung der beschriebenen Rückkoppelungseffekte. Die Familie Benziger pflegte einerseits weit verzweigte Kontakte. Nikolaus B.-Benziger II beispielsweise, der von 1883 bis 1905 im Nationalrat und ab 1905 bis zu seinem Tod 1908 im Ständerat und daneben Mitglied in zahlreichen regionalen und nationalen katholischen Vereinen und Vereinigungen war, betätigte sich in fortgeschrittenem Alter als Mäzen mit weit verzweigtem Korrespondentennetz. Zuwendungen erhielten neben nah und weniger nah verwandten Personen etwa der Abt des Klosters in Disentis, das Seraphische Liebeswerk, zahlreiche Geistliche im In- und Ausland, die Direktionen des Vereins der Glaubensverbreitung und des Vereins der heiligen Kindheit, die Oberin der Menzinger Schwestern, das Töchterinstitut Heilig Kreuz in Cham oder der Schweizer Piusverein.216 Andererseits tätigte man ausserhalb Einsiedelns kaum jemals grössere Investitionen. Immer wieder bestanden zwar Pläne dazu, etwa 1877, als man daran dachte, eine Papierfabrik im Kanton Nidwalden zu kaufen217, oder 1882, als Adelrich B.-Koch die Pension Jütz, ein altes Kurgasthaus, in Seewen SZ kaufte und an dieser Stelle ein vom Orden der «Englischen Fräulein»218 geleitetes Töchterinstitut errichten lassen wollte.219 Pläne, die grössere Investitionen ausserhalb der Region Einsiedeln vorsahen, wurden letztlich aber nie realisiert. Das direkte Umfeld in und um Einsiedeln blieb im 19. Jahrhundert stets der wichtigste Bezugsraum.
Expansion: Von Einsiedeln nach New York
Regionale Netzwerke, Verwandtschaftsbeziehungen und die kommunale Politik waren ein wichtiger in die Firmengeschichte «integrierter Anker».220 Dem stand andererseits die dezidiert internationale Ausrichtung des Unternehmens gegenüber. Internationale Handelsbeziehungen, vor allem in den süddeutschen Raum – mit Städten wie Stuttgart, Augsburg, Nürnberg – und ins Elsass, waren bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert ein fester Teil des Geschäfts. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vergrösserte sich der Absatzmarkt punkto Intensität und Ausdehnung. In der zweiten Jahrhunderthälfte beschleunigte sich die Expansion. Dies lässt sich nicht zuletzt an diversen Niederlassungen ablesen, welche die Firma Benziger ab den 1850er-Jahren in den USA (New York, 1853; Cincinnati, 1860; St. Louis, 1875; Chicago, 1887), in Deutschland (Waldshut, 1887; Köln, 1894), in Frankreich (Paris, 1899; Strassburg, 1912) sowie vorübergehend in Mexiko (Mexiko-Stadt, 1912) errichtete. In Lyon und London unterhielt die Firma zeitweise eigene Kommissionäre. Über London bediente der Verlag im ausgehenden 19. Jahrhundert auch die «asiatischen, afrikanischen und amerikanischen Missionen».221 Auf dem Höhepunkt ihrer internationalen Geschäftstätigkeit war die Firma Benziger ein global tätiger katholischer Medienkonzern. Diese bemerkenswerte Expansion und die zahlreichen Herausforderungen für das Unternehmen gilt es in diesem Kapitel zu beschreiben und zu reflektieren. Im Folgenden wird immer wieder von «Raum» und «Markt» die Rede sein. Um besser zu verstehen, was diese Konzepte in ihren jeweiligen Kontexten bedeuten und wie sie hier verwendet werden, sind zwei kurze Vorbemerkungen nötig.
Die erste Vorbemerkung betrifft verschiedene zur Anwendung gelangende Raumkonzeptionen. Die historische Forschung hat sich in den letzten ungefähr zwanzig Jahren vermehrt darum bemüht, den geografischen Raum als kulturelle Grösse wieder stärker wahrzunehmen und ihn der Zeit als zusätzliche Dimension zur Seite zu stellen. Relevant in der Debatte des «spatial turn» scheint mir die grundlegende Unterscheidung zwischen geografischen Räumen, die physisch durchschritten werden können, und sozialen Räumen, die durch menschliche Interaktionen und Vorstellungen konstruiert werden.222 In unserem Fall müssen wir also einerseits fragen, was es für ein Unternehmen konkret bedeutet, wenn es immer neue Absatzmärkte erschliesst und so eine immer grössere Distanz zwischen ihm und den Käufern seiner Ware entsteht. Andererseits sollten wir auch überlegen, wie und entlang welchen sozialen Netzwerken sich die Expansion des Unternehmens vollzieht. Wir haben im vorangehenden Kapitel bereits festgestellt, dass sich im selben geografischen Raum verschiedene Raumkonzeptionen überschneiden und überlagern können. Einsiedeln war im 19. Jahrhundert eine geografisch, politisch und wirtschaftlich periphere Region, auf der mentalen Landkarte vieler Katholiken allerdings eindeutig ein Zentrum. In Bezug auf die Expansion des Unternehmens scheint es also sinnvoll, auch solche mentalen Raumkonzeptionen im Blick zu behalten.
Die zweite Vorbemerkung schliesst direkt an diese erste an. Neuere Unternehmensgeschichten haben verschiedentlich betont, dass auch Märkte als soziale Räume verstanden werden können. Sie gehen häufig von handlungstheoretischen Ansätzen aus, die besagen, dass Märkte nicht automatisch durch Angebot und Nachfrage entstehen, wie dies die neoklassische ökonomische Theorie nahelegt, sondern, dass es ökonomische Akteure braucht, welche die Märkte schaffen: indem sie produzierende Unternehmen und Verkäufer auf der einen und räumlich getrennte Käufer auf der anderen Seite miteinander in Beziehung bringen. Märkte sind so gesehen nichts anderes als das Resultat einer Ansammlung zahlreicher, von Personen durchgeführten und sich über die Zeit verdichtenden ökonomischen Tauschakten, oder anders ausgedrückt: soziale Räume, in denen Käufer und Verkäufer miteinander in Beziehung treten.223 In diesem Kapitel sollen deshalb die Akteure, die mit Tausenden von Briefen, unzähligen Geschäftsreisen und persönlichen Treffen an neuen Absatzmärkten woben und die Expansion des Unternehmens vorantrieben, besonders im Fokus stehen.
Internationalisierung des Geschäfts
Wir haben bereits einige Indikatoren wie Verlagsgebäude, technische Innovationen, Zahl der Angestellten angesprochen, die das Wachstum der Firma Benziger ab 1850 verdeutlichen. Im Folgenden soll zunächst die Expansion des Geschäfts anhand weiterer Indikatoren dargestellt werden, die stärker auf die Internationalisierung der Unternehmenstätigkeit abzielen.
In wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive lassen sich vier verschiedene Wachstumsstrategien von Unternehmen unterscheiden: horizontale Integration, indem andere Unternehmen aufgekauft werden; vertikale Integration, indem einzelne Produktionsstufen ins eigene Unternehmen integriert werden; Diversifizierung, indem die Bandbreite der eigenen Produkte erweitert wird; und geografische Erschliessung neuer Absatzmärkte.224 In der Geschichte der Firma Benziger treffen wir, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, alle vier Strategien an. Die Verlegerfamilie kaufte in einer frühen Phase verschiedene kleinere Konkurrenzfirmen in Einsiedeln auf. Sie integrierte eine fabrikmässige Buchbinderei, ab den 1830er-Jahren eine Druckerei und später zahlreiche weitere technische Betriebe in ihr Unternehmen, weil es für den Verlag zunehmend günstiger und praktikabler war, seine Bücher und Bilder selbst zu drucken und zu binden, als die Aufträge an externe Personen und Firmen zu vergeben. Zudem schuf sich der Verlag mit dem Bilder- und dem Zeitschriftenverlag sowie dem Paramenten- und Kirchenornamentenhandel weitere Standbeine neben dem Gebetbuchverlag. Am besten lässt sich die Expansion der Firma Benziger aber an der geografischen Erweiterung der unternehmerischen Tätigkeiten ablesen.
Topografie der Verlagstätigkeit
Einen Einblick in die Topografie der Geschäftstätigkeit ermöglichen die zahlreich überlieferten Korrespondenzbücher des Verlags. Exemplarisch soll im Folgenden die Korrespondenz anhand eines dieser Bücher ausgewertet werden. Es handelt sich um den Band «Allgemeine Correspondenz», der Abschriften von insgesamt 1154 Briefen enthält, die zwischen November 1876 und April 1877 verfasst wurden (Karte 1, S. 367).225
Die internationale Ausrichtung der Firma wird schnell sichtbar. Zwar korrespondierte sie im genannten Zeitraum auch regelmässig mit Personen im lokalen Umfeld sowie in Zürich und – etwas weniger intensiv – an anderen Orten der Deutschschweiz wie Basel und St.Gallen, der Schweizer Binnenraum als Ganzes spielte für die Firma aber eine untergeordnete Rolle. Weniger als ein Viertel aller Briefe im gewählten Zeitraum gelangte an Adressaten in der Deutschschweiz (275), eine vernachlässigbar kleine Zahl von Briefen ging in die französisch- und italienischsprachigen Schweiz (11).226
Beinahe fünfzig Prozent der Briefe unserer Auswahl schickte die Firma Benziger nach Deutschland, rund dreizehn Prozent an Empfänger in Frankreich, rund sechs Prozent gelangten nach Österreich, je rund zwei Prozent nach England und Italien sowie in weitere Länder insbesondere im osteuropäischen Raum.227 Innerhalb Deutschlands schickte die Firma Benziger die meisten Briefe an Adressaten in Leipzig, München und Stuttgart. In der Buchhandelsstadt Leipzig gingen die meisten Briefe an dort ansässige deutsche Verlage und Verleger: Brockhaus, Otto Spamer, Ernst Keil, Albert Henry Payne, Velhagen & Klasing, E. A. Seemann, B. G. Teubner und andere. In München gehörten vor allem Maler, Zeichner sowie Kupferstecher und Lithographen zu den Adressaten, darunter auch bekannte Namen wie Georg Hahn (1841–1889), Heinrich Merté (1838–1917) oder Adrian Schleich (1812–1894). Auch mit Johann Baptist Obernetter (1840–1887), dem Erfinder des chemischen Lichtdruckverfahrens, wurde eine recht intensive Korrespondenz geführt. In Stuttgart gehörten Eduard Hallberger (1822–1880), der Verleger der auflagenstarken Unterhaltungszeitschrift «Ueber Land und Meer» (ab 1858), der Allgaier & Siegle-Verlag sowie einige Illustratoren und Holzstichmacher zu den häufigsten Adressaten. Die Korrespondenz mit Frankreich konzentrierte sich wenig überraschend in erster Linie auf Adressen in Paris, wo die Firma Benziger in dieser Zeit unter anderem mit den Verlagen Borrani und Didot sowie mit Charles Lorilleux, einem Fabrikanten von industriellen Druckfarben, in Kontakt stand. Daneben bestanden auch Kontakte mit dem katholischen Verleger Alfred Mame (1811–1893) in Tours.
Die Topografie der Verlagstätigkeit, wie sie auf der Karte aufscheint, zeigt freilich nur einen unvollständigen Ausschnitt. Die Korrespondenzen mit den Künstlern und Literaten beispielsweise wurden damals in separaten Büchern geführt und sind auf der Karte nicht verzeichnet. Auch nicht sichtbar werden der ganze nordamerikanische Raum, für den die Filialen in den USA zuständig waren, sowie die Beziehungen nach Südamerika: Dahin, vor allem nach Mexiko und Brasilien, exportierte der Verlag ab den 1860er-Jahren ebenfalls Verlagsware, vor allem Andachtsbilder.228
Gut ersichtlich wird hingegen die Bedeutung des deutschen Sprachraums. Gebetbücher, Kalender, Zeitschriften und Belletristik der Firma Benziger waren lange hauptsächlich auf eine deutsche Leserschaft ausgerichtet. «Im Deutschen liegt Ihre Kraft u. natürliche Stärke», schrieb der damals dienstälteste Associé Louis B.-Mächler (1840–1896) im Jahr 1893 von New York nach Einsiedeln und riet seinen jüngeren Kollegen, dem deutschen Sprachraum unbedingt die höchste Beachtung zu schenken.229 Sein Rat blieb mitten in einer Phase, in der die Firma Benziger ihren Bücherverlag konsequent internationalisierte, ungehört. Das Verlagsprogramm beinhaltete zwar schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts vereinzelt auch religiöse Literatur in Französisch, Italienisch und Lateinisch, und mit der Errichtung der Filialen in den USA wurden ab den späten 1850er-Jahren englischsprachige Bücher verlegt. Einen wirklichen Trend, den Bücherhandel stärker zu internationalisieren, gab es aber erst ab den späten 1880er-Jahren. Im Nachlassarchiv des Verlags sind Gebetbücher in mehr als zwanzig Sprachen überliefert, unter anderem in Spanisch (ab 1886) und Portugiesisch (ab 1892), Flämisch (ab 1891), Serbokroatisch (ab 1887) und Polnisch (ab 1891). Über die Missionen verbreiteten sich Bücher aus dem Benziger Verlag bis in periphere Regionen des Globus. Im Nachlassarchiv finden sich beispielsweise Gebetbücher in Swahili (1892), einer Bantusprache Ostafrikas, sowie in Quechua (1891), einer im Andenraum Südamerikas verbreiteten indigenen Sprachgruppe.
Für den Verlag auf Reisen
Ein wichtiger Faktor bei der Entstehung und der geografischen Ausdehnung von Märkten waren Geschäftsreisen. Roman Rossfeld und andere Autoren haben in den vergangenen Jahren auf die zunehmende Bedeutung von Handelsreisen im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert hingewiesen.230
In der Firma Benziger nahmen Zahl und Bedeutung von Geschäftsreisen ab den späten 1850er-Jahren sprunghaft zu. Um die Produktion zu steigern und das Absatzgebiet zu vergrössern, waren neben den brieflichen Kontakten auch «face-to-face»-Kontakte zu Lieferanten, Künstlern, Verlegern, Buch- und Kunsthändlern, Pfarrern und Bischöfen ein wichtiger Faktor.
Adelrich B.-Koch (1833–1896) war zwischen 1860 und 1880 zusammen mit zwei Brüdern und drei Cousins Geschäftsinhaber der Firma Benziger. Er stand im Verlag der artistischen und teilweise der technischen Abteilung vor und beschäftigte sich vor allem mit dem Handel von religiösen Bildern sowie den technischen Einrichtungen zur Bildreproduktion. Es ist deshalb kein Zufall, dass ihn seine Geschäftsreisen besonders häufig in die Zentren der zeitgenössischen Reproduktionsgrafik, vor allem nach Paris, München und Stuttgart, führten (Tab. 4, S. 373).231 Ebenso häufig hielt sich Adelrich B.-Koch auch in Lyon auf, wo bedeutende Textilfirmen sowie Produzenten von Kandelabern und anderen Gegenständen, die man für Kirchenausstattungen verwendete, ihren Sitz hatten. Dort tätigte er Einkäufe für die Filialen in den USA, die sich auf den Paramentenhandel und den Import von Kirchenornamenten spezialisiert hatten.
Adelrich B.-Koch wird in der Familiengeschichte als jenes Familienmitglied seiner Generation beschrieben, das am frühesten «die grosse Bedeutung einer staendigen Fuehlungsnahme mit dem grossen Weltgetriebe» erkannt habe.232 Doch auch seine Mitassociés in Einsiedeln und New York reisten ähnlich häufig. Hinsichtlich Reisedestinationen bestanden zwischen den Associés allerdings Unterschiede. Nikolaus B.-Benziger II (1830–1908) beispielsweise, der den literarischen Verlag in Einsiedeln leitete, war öfter im deutschen Sprachraum unterwegs als sein Bruder Adelrich B.-Koch.
In den Quellen nur schwer fassen lässt sich die Reisetätigkeit der Associés in den USA. Belegt sind für Joseph Nicholas Adelrich B.-von Sarnthein (1837–1878; ab 1857 in den amerikanischen Filialen) und Louis B.-Mächler (ab 1860), die zusammen dem Amerikageschäft vorstanden, je drei längere Europareisen zwischen 1862 und 1880. Ab den 1880er-Jahren nahmen die transatlantischen Reisen der Verleger markant zu.233 Die wichtigen Kunden in Europa sollten mindestens alle zwei bis drei Jahre besucht werden, am besten von den Prinzipalen selbst.234 Umgekehrt wurde ein längerer Aufenthalt in den amerikanischen Filialen zunehmend zu einem integralen Bestandteil der Ausbildung der angehenden Prinzipale in Einsiedeln.
Die Verlegerfamilie Benziger bewegte sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zwischen den europäischen und amerikanischen Zentren ihrer Zeit. Exemplarisch wollen wir die Biografie von Adelrich B.-Koch etwas genauer betrachten. Sein Vater Nikolaus B.-Benziger I (1808–1864) hatte ihn gezielt auf das Leben als international tätigen Handelsmann und Verleger vorbereitet. Geboren 1833, besuchte Alderich zunächst die Primarschule in Einsiedeln, danach Sekundar- und Kantonsschulen im Kanton St. Gallen, bevor er seine Schulbildung im katholischen Pensionat Devrient in Ouchy am Genfersee abschloss. Mit 19 Jahren trat er 1852 als Lehrling in die Firma des Vaters und des Onkels in Einsiedeln ein. Bereits ein Jahr später wurde er nach New York geschickt, um bei der Errichtung einer Filiale mitzuhelfen und sein Englisch zu verbessern. Vier Jahre später musste er auf Geheiss seines Vaters – und entgegen seinem eigenen Wunsch – nach Einsiedeln zurückkehren. 1858 heiratete er Anna Maria Koch aus Boswil im Kanton Aargau. Sie war eine Institutsfreundin seiner Schwester Ursula Benziger und die Cousine von Pater Albert Kuhn, Konventuale im Kloster Einsiedeln und wichtiger Autor des Benziger Verlags. Zwei Jahre später übernahm Adelrich B.-Koch mit zwei Brüdern und drei Cousins das Verlagsgeschäft aus dem Besitz seines Vaters und seines Onkels als Teilhaber. Als sich 1869 schwelende Konflikte zwischen den Filialen in den USA und dem Muttergeschäft in Einsiedeln immer stärker akzentuierten, hielt er sich ein halbes Jahr in New York und an anderen Orten in den USA auf, um sich einen Überblick über das gewachsene Amerikageschäft zu verschaffen und zwischen Einsiedeln und den Filialen zu vermitteln.
Adelrich B.-Koch galt als Fachmann für kirchliche Kunst sowie für moderne Reproduktionstechnologien. In dieser Funktion war er mehrmals Jurymitglied von nationalen und internationalen Industriemessen, unter anderem an der Weltausstellung 1889 in Paris.235 In den bestehenden Familiengeschichten wird gerne auf die weitläufigen Kontakte verwiesen, über die Adelrich B.-Koch verfügte. Sein Beziehungsnetz ermöglichte ihm den Zugang zu höheren sozialen Kreisen. Die Villa Gutenberg in Brunnen am Vierwaldstättersee, wo Adelrich B.-Koch und seine Familie die Sommer verbrachten, war ein Treffpunkt für Künstler, Literaten und Geistliche von Rang. Der Sommersitz diente der Sommerfrische und der öffentlichen Repräsentation gleichermassen. Marieli Benziger, eine Enkelin von Adelrich B.-Koch, erinnerte sich in ihrer Biografie über ihren Vater August B.-Lytton an die Parkanlage, welche die Villa umgab: «Trees were planted along the mountainside. Some of the pines came from Oregon in America, the maples from Canada and the graceful birches from China. Adelrich had loved the American wild flowers, so seeds were sent from New York.»236 Zu seinen Gästen in Brunnen gehörte im Sommer 1881 auch König Ludwig II. von Bayern, der damals die Zentralschweizer Schauplätze des schillerschen Tell-Dramas besuchte. Adelrich B.-Koch hatte eine gewisse Affinität zu den «grossen Männern» seiner Zeit. Er war stolzer Besitzer eines reich verzierten Säbels, den ihm der Familienüberlieferung zufolge der amerikanische Präsident Abraham Lincoln persönlich geschenkt haben soll.237 In den Quellen belegt sind Audienzen im Weissen Haus in Washington bei Präsident Ulysses S. Grant (1822–1885) im Jahr 1869 sowie sechs Jahre später in Rom bei Papst Pius IX., der ihm für seine Verdienste um die «katholische Sache» im selben Jahr den Ritterorden des heiligen Gregor des Grossen (Gregoriusorden) verlieh.
Die Firma wusste Beziehungen zu einflussreichen Zeitgenossen, wie sie Adelrich B.-Koch, aber auch andere Mitglieder der Verlegerfamilie pflegten, geschickt zu Werbezwecken zu nutzen. Über den Empfang Adelrichs bei Präsident Grant im Weissen Haus beispielsweise liess man über Mittelsleute Artikel in englischsprachigen Zeitungen verfassen. Einige der Associés mahnten aber auch zur Bescheidenheit und kritisierten ein «das gesunde Mass überschreitende[s] Quantum» an «Extravaganz».238
1880 zog sich Adelrich B.-Koch vollständig aus der Firma Benziger zurück und liess sich seinen finanziellen Anteil am Geschäft auszahlen. Fünf Jahre später gründete er in Einsiedeln unter dem Namen «Adelrich Benziger & Co.» in Konkurrenz zur Firma Benziger eine «Anstalt für kirchliche Kunst und Industrie», mit der auch eine Buch- und Kunsthandlung in Einsiedeln sowie ein Zweiggeschäft in Thann im Elsass verbunden waren. Gesundheitliche Probleme zwangen ihn mit fortschreitendem Alter immer wieder zu längeren Kuraufenthalten, etwa in Meran im Südtirol oder in Algiers (Algerien). Wenige Jahre vor seinem Tod unternahm er auch eine Pilgerreise nach Lourdes.239 Adelrich B.-Koch starb 1896 in seinem Wohnhaus in Einsiedeln.
Adelrich B.-Koch und seine Mitassociés in Einsiedeln legten Wert darauf, möglichst viele Geschäftskontakte persönlich wahrzunehmen. Darauf wiesen sie auch ihre jüngeren Associés in den USA in der Briefkorrespondenz immer wieder hin.240 Ein Prinzipal selbst fände bei Kunden weit bessere Aufnahme und erzielte mehr Erfolg als ein angestellter Reisender, die «Provisionen wegfressen» und «wie Schmarotzer viele Säfte aus dem Baume» pressen würden.241
Die häufigen Geschäftsreisen konnten für die Verleger allerdings auch zur Belastung werden. «Einstweilen versichere ich Sie nur, dass mir in meinem Leben noch nichts ekelhafter u. widriger vorkam, als mir jetzt das Reisen geworden ist», schrieb im Dezember 1859 der damals 26-jährige Adelrich B.-Koch aus Prag an seinen Vater und seinen Onkel in Einsiedeln von einer mehrmonatigen Geschäftsreise, die ihn neben Prag auch nach Salzburg, Wien, Berlin, Leipzig, Frankfurt und München führte.242
Klagen der Verleger über die ständige Pflicht zu reisen waren eine Konstante in der geschäftlichen Korrespondenz. Adelrich B.-Koch dachte bereits mit 32 Jahren laut über seinen Ruhestand nach: Ich «wünschte mir für das Geschäft u. für mich, mit 50 Jahren mich zurückziehen zu können. Ich hätte dann 33 Jahre im Geschäfte gearbeitet u. Verdienst gethan […] der ich kaum Theil dieser Zeit mit meiner eigenen Familie verleben konnte.»243
Mit der Ausdehnung des Geschäfts war es den Geschäftsinhabern aber je länger je weniger möglich, alle Geschäftsreisen selbst zu unternehmen. Sie sahen sich dazu gedrängt, wie ihre Konkurrenten professionelle Handelsreisende einzustellen. «Wir sollten unbedingt auch reisen lassen», schrieb Adelrich B.-Koch im Dezember 1859 von einer Geschäftsreise aus Nürnberg an seinen Vater nach Einsiedeln, nachdem er gehört hatte, wie viele Reisende Verlage in Stuttgart oder Berlin beschäftigten.244 Wenig später wurde mit Josef Bopp aus Bayern ein erster Reisender eingestellt, der für die Firma vor allem die südlicheren deutschen Staaten sowie das Kaiserreich Österreich bereiste. Bald folgten weitere Reisende für Preussen und das nördliche Deutschland sowie für Frankreich.245 1892 beschäftigte die Firma Benziger in Einsiedeln sieben Reisende, die Zentral- und Nordamerika, Italien und Südtirol, Elsass-Lothringen, Spanien und Südamerika, Frankreich und Belgien, Württemberg, Bayern und Österreich-Ungarn, Baden, Hessen, Unterfranken sowie das nördliche Deutschland bereisten.246
Das äussere Erscheinungsbild und die Fähigkeit, sich weltgewandt zu präsentieren, waren für Geschäftsreisende entscheidend. Nikolaus B.-Benziger II schrieb im Januar 1867 an seine Associés in den USA: «Ob aber ein schwarzer Zylinder auf dem Kopf nicht auch in America den Leuten Respekt einflösst […] müssen Sie erwägen. In Europa ist es so u. nicht ohne Grund heisst es Kleider machen den Menschen.»247 Bei der Anstellung von Reisenden konnten, wie folgendes Beispiel zeigt, äussere Merkmale gar höher gewichtet werden als kaufmännisches Geschick. Im Dezember 1874 reiste Adelrich B.-Koch nach Lyon und Paris, um einen geeigneten Reisenden für die Firma zu suchen. Seine Auswahl begründet er mit den folgenden Worten: Ein erster Kandidat sei «erster Angestellter von Girard248, ein kleiner Mann v. ca. 24–26 Jahren, sehr intelligent […], scheint bescheiden u. anspruchslos. […] Seine Sprache ist nicht sehr schön, er redet etwas durch die Nase.» Man habe ihm deshalb «einen Mann vorgezogen, der sich etwas besser repräsentirt, aber wahrscheinlich weniger intelligent u. jedenfalls weniger Kaufmann ist».249
Was aber taten die Geschäftsreisenden der Firma Benziger unterwegs? In den Quellen finden sich einige aufschlussreiche Beispiele. Ein Reisender schrieb im Juni 1865 aus Regensburg nach Einsiedeln, er habe gehört, die Firma Pustet in Regensburg plane, in den USA eine Filiale in direkter Konkurrenz zur Firma Benziger zu errichten. Mehrere Angestellte seien daran «eifrig englisch zu lernen». Unter falschem Namen erschlich sich der Reisende darauf Zugang zum Firmengebäude, wo er laut eigener Aussage vom Verlagsleiter Friedrich Pustet (1831–1902) «rasch herumgeführt» wurde und tatsächlich einige Interna zu Gesicht bekam – etwa einen auf dem Schreibtisch des Chefs aufgeschlagenen «Cincinnatier Kalender» aus dem Benziger Verlag, was er als Hinweis darauf deutete, dass auch Pustet Pläne hegte, in den USA einen eigenen Kalender verlegen zu wollen.250
Im Normalfall verliefen die Geschäftsreisen aber wenig spektakulär. Die Reisenden besuchten Papier- und Maschinenfabriken, Kunst- und Buchhandlungen, trafen sich mit Künstlern, Kunsthandwerkern und Literaten und verglichen die Einkaufs- und Produktpreise in verschiedenen Städten und Ländern. Zudem betrieben sie auch eine Art Marktanalyse, indem sie Informationen über regional unterschiedliche Vorlieben der Käuferschaft sammelten.
Wenden wir uns zur weiteren Verdeutlichung nochmals den Geschäftsreisen von Adelrich B.-Koch zu. Was interessierte ihn auf den Reisen? Worüber legte er Notizen an? Im Spätherbst 1859 schrieb er aus Berlin, Prag, München und Nürnberg lange Briefe ans Geschäft in Einsiedeln, in denen er detailliert über sein Tun auf Reisen Auskunft gab. Wir erfahren, dass er in Wien zunächst zahlreiche Kirchenornaments-, Kunst- und Buchhandlungen besuchte, darunter auch damals bekannte Geschäfte wie Neumann, Paterno oder Artaria. Was er sah, beeindruckte ihn aber allgemein wenig. In ganz Wien gebe es beispielsweise nur einen «einzigen guten Xylographen», dessen Arbeiten aber sehr teuer seien, schrieb er. Auch die Wiener Staatsdruckerei, die er danach besuchte, hatte seiner Meinung nach wenig zu bieten: «Zu viel Protektion unter Arbeitern; zu viel alte Faulenzer, Ceremonienmeister, Dummköpfe …» Lediglich vier neue Schnellpressen, die mit «endlos Papier», das heisst mit automatischen Papierrollen funktionierten, erregten seine Aufmerksamkeit: «Also sollen in Zukunft alle Schnellpressen gemacht werden. […] Diese Erfindung ist sehr gut, besonders wo grosse Auflagen und ich glaube dass die nächste Schnellpresse die wir haben müssen eine solche sein wird.»
In Leipzig besuchte Adelrich B.-Koch die Firma Brockhaus, die eine «grossartige Buchdruckerei» habe. Alle übrigen technischen Betriebe seien aber «vernachlässigt» und «bei Meistern nicht was sein Katalog u. Programm verspricht». Begeistert war er hingegen von der Ausstattung der Kunstanstalt von Albert Henry Payne, welcher der einzige sei in ganz Leipzig, «der Texte galv.[anisiert] und zwar auf engl. Art». Payne selbst habe ihm den Zutritt zur Firma zwar verbieten wollen, «durch Bestechen eines Arbeiters» aber sei ihm dennoch «das Ganze genau erklärt worden». Alles in allem fand Adelrich B.-Koch aber auch in Leipzig, wohlgemerkt einem der bedeutendsten Buchhandelszentren in jener Zeit, wenig Spannendes: «Im Ganzen ist Leipzig langweilig, die Anstalten etwas bedeutend alt eingerichtet u. zu wenig amerikanisch.»
Das Druckereiwesen und überhaupt die Produktions- und Vertriebsverhältnisse von Druckerzeugnissen aller Art entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ungemein dynamisch. Ständig mussten neue Entwicklungen in diesen Bereichen evaluiert werden. «An allen Ecken habe über versch. Druckverfahren mich erkundigt», schrieb Adelrich B.-Koch im Dezember 1869 von einer Geschäftsreise aus München nach Einsiedeln. Und im folgenden Sommer aus Paris: «Ueber neue Maschinen, Spitzenpressen, Vergoldpressen für chromo Bogen etc. habe diese Tage alle Erkundigungen eingezogen. […] Auf meiner Liste stehen noch Besuche für 4–5 Tage, […] Impr[imerie] Imperial wohin ich spezielle Empfehlung erhielt, ferner Robineau, 3 Maler, verschiedene Mechaniker u. 2 Druckphotogr[aphen] […] aber ich bin prächtig müde u. sehne mich zu den Meinigen.»251
Mark Casson und Martin Fiedler definierten Unternehmer als Spezialisten, «die über die Fähigkeit verfügen, Informationen mit der Aussicht auf Gewinn zu synthetisieren, indem sie Daten, Konzepte und Ideen auswerten, deren Bedeutung anderen Menschen nicht immer bewusst ist».252 In Anlehnung an Casson und Fiedler lassen sich Geschäftsreisen wie die eben geschilderten als ein wichtiges Bindeglied zwischen Unternehmen und Markt beschreiben. Die Geschäftsreisenden woben unaufhörlich an einem Netz, über das sie Informationsströme in ihr Unternehmen zu lenken versuchten, in der Annahme, diese Informationen gewinnbringend verwerten zu können.
Die Firma Benziger lässt sich dabei als Fixpunkt in einem sozialen Raum verstehen; als Knotenpunkt, an dem die Informationen aus verschiedenen Quellen und Netzwerken zusammenliefen. Dieses Netzwerk war über Generationen geschaffen worden. Einige Verbindungen darin waren alt und stabil, andere Beziehungen, vor allem in Geschäftsbereichen ohne längere Tradition in der Firma, mussten mit viel Aufwand erst geschaffen und etabliert werden.
Der Katholizismus spielte für die Geschäftsexpansion in mehrfacher Hinsicht eine grosse Rolle. Das katholische Revival im 19. Jahrhundert war der Nährboden, auf dem das Unternehmen wachsen konnte. Gute Beziehungen zum Netz von katholischen Institutionen – Pfarreien, Klöster, Bistümer, Vereine, Missionsgesellschaften und andere – waren wichtig für die Distribution der Verlagsware. Auch war das Katholische wichtig für die Repräsentation des Unternehmens (seit 1867 beispielsweise «Typographen des Heiligen Apostolischen Stuhls»). Auf der öffentlich wenig sichtbaren Ebene des Geschäftsalltags hingegen spielte die Konfession eine untergeordnete Rolle. Die Firma Benziger liess sich von der Unterhaltungszeitschrift «Die Gartenlaube» des protestantischen Verlegers Ernst Keil (1816–1878) in Leipzig genauso inspirieren wie von Werken des konservativ-katholischen Malers Melchior Paul von Deschwanden (1811–1881) in Stans. Die Verleger pflegten mit einem schweizerisch-amerikanischen protestantischen Intellektuellen wie Philip Schaff (1819–1893) genauso Kontakt wie mit dem österreichischen Bischof und Professor für Kirchengeschichte Josef Fessler (1813–1872). Sie bezogen die technische Infrastruktur genauso bei katholischen Fabrikanten in Paris wie bei evangelischen in London, New York oder Boston.
Die amerikanischen Filialen
Im Frühling 1853 sandte die Firma Benziger den zwanzigjährigen Adelrich B.-Koch in die USA, um dort eine Filiale zu errichten. Was bewegte die damaligen Geschäftsinhaber, Adelrichs Vater Nikolaus B.-Benziger I und dessen Bruder Josef Karl B.-Meyer, die selbst ihr Leben lang nie einen Fuss auf amerikanische Erde gesetzt hatten, zu diesem Schritt? Weshalb wurden die ersten Filialgeschäfte gerade im weit entfernten New York errichtet und nicht in Paris, Wien, Rom oder London, oder noch naheliegender in einer deutschen Bischofsstadt wie Köln, Regensburg oder Freiburg?
Die Expansion der Firma Benziger über den Atlantik wird verständlich, wenn wir sie in den Kontext der europäischen Auswanderungsgeschichte einbetten. Rund fünfzig Millionen Europäer wanderten zwischen 1850 und 1950 nach Nordamerika aus, davon rund fünf Millionen Deutsche und eine halbe Million Schweizer.253 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Mehrheit der europäischen Auswanderer Protestanten. Um die Jahrhundertmitte änderte sich das Verhältnis. Nun waren es Massen von Katholiken aus Irland, aber auch aus dem heutigen Deutschland, Polen und einigen Ländern Osteuropas, die vor allem in die USA auswanderten.254 Die Auswanderungsbewegung verlief wellenförmig. In Zeiten landwirtschaftlicher Versorgungsengpässe, etwa nach dem «Jahr ohne Sommer» 1816 bis 1819, während der Kartoffelpest 1847 bis 1854 oder nach der Agrarkrise zwischen 1878 und 1884, verliessen besonders viele Menschen ihre europäische Heimat in Richtung überseeischer Destinationen.255
Die Gründung der ersten Filiale in den USA im Jahr 1853 fiel also in die Endphase einer Reihe von Jahren mit erhöhten Auswanderungszahlen. Die Firma Benziger folgte den europäischen Auswanderern quasi über den Atlantik und versuchte, unter ihnen einen neuen Absatzmarkt für ihre Firma zu schaffen. Es ist denn auch kein Zufall, dass die Firma Benziger ihre ersten Filialen in New York, Cincinnati und St. Louis errichtete, wo grosse katholische und insbesondere deutschsprachige katholische Gemeinschaften bestanden.256
Das lokale Umfeld in Einsiedeln begünstigte dabei den Schritt über den Atlantik. Der Bezirk Einsiedeln war schweizweit eine jener Regionen mit den höchsten Auswandererraten. Zwischen 1850 und 1900 wanderten rund 2000 Einsiedler in die USA aus. Man kann davon ausgehen, dass sich in Einsiedeln bereits in der ersten Jahrhunderthälfte eine «Migrationskultur» in die USA herausgebildet hatte.257 Der Entscheid zur Filialgründung in den USA war eng mit dieser bereits bestehenden Tradition der Einsiedler Amerikawanderung verbunden.258
Die Anfänge der amerikanischen Filialen bis 1860
Mit dem amerikanischen Markt kam die Firma Benziger zum ersten Mal um 1830 in Kontakt, über Auswanderer aus der Region Einsiedeln. Die Familiengeschichte erwähnt insbesondere Franz Joseph Schönbächler, der «ein feuriger Patriot und Freiheitsmann» und «eifriger Lobpreiser des Landes Washingtons und seiner Freiheiten» gewesen sein soll. Schönbächler wanderte Anfang der 1830er-Jahre in die USA aus und liess sich in Louisville, Kentucky, nieder, wo er zusammen mit seiner Frau «eine kleine Handlung» mit Waren aus dem Benziger Verlag betrieb, die er direkt aus Einsiedeln importierte. Schon früher aber soll die Firma Benziger Beziehungen zu Schweizer Auswanderern in Philadelphia und Cincinnati gepflegt haben, die ebenfalls Verlagsware aus Einsiedeln in die USA importierten.
Die frühen Kontakte in die USA erscheinen insgesamt etwas zufällig und wenig koordiniert. Die eigentliche Vorarbeit für die späteren Filialen begann erst mit der Entsendung von Louis Meyer, einem engen Vertrauten der Familie Benziger. Meyer, geboren im französischen Lothringen, kam als junger Mann nach Einsiedeln und war lange Jahre Hauslehrer im Hause Benziger und Schreibkraft im Verlagsgeschäft. Angesteckt vom allgemeinen «Auswanderungsfieber» reiste Meyer 1837, von der Verlegerfamilie ermutigt und von der Firma finanziell unterstützt, zunächst nach Philadelphia und später nach Cincinnati, wo er einen Buchladen mit katholischer Literatur eröffnete. In dieser Zeit scheinen sich die Geschäftsbeziehungen nach Amerika verstetigt zu haben. Die Firma Benziger stand in regem Austausch zu einigen Pfarreien und Missionen, vor allem im Mittleren Westen der USA und insbesondere mit dem Jesuitenorden, der sich intensiv mit der Bildung der Immigrantenbevölkerung beschäftigte. Für die Zeit zwischen 1843 und 1849 sind mehrere umfangreiche Bestellaufträge von Büchern, Bildern, Rosenkränzen und Devotionalien überliefert, die Jesuiten in St. Louis, Missouri, bei Benziger in Einsiedeln tätigten.259
Louis Meyer ging in den folgenden Jahren verschiedene geschäftliche Verbindungen mit deutschen, schweizerischen und französischen Handelsleuten ein. Zwischen 1841 und 1849 sind drei Reisen nach Einsiedeln überliefert. 1850 verkaufte Meyer sein Geschäft an Joseph Nurre (1819–1895) aus Westfalen und seinen Schwager mit dem Nachnamen Kreuzburg, die es unter dem Namen Kreuzburg & Nurre weiterführten. Die Firma Benziger, der Meyer ebenfalls ein Kaufangebot unterbreitet hatte, wollte das Geschäft damals noch nicht auf eigene Rechnung übernehmen mit dem Argument, kein Familienmitglied zur Leitung des Geschäfts in den USA entbehren zu können. Drei Jahre später kam es schliesslich doch noch zu einem Handelsvertrag zwischen Meyer und der Firma Benziger. 1853 wurde in New York das Filialgeschäft «Gebrüder Benziger und Louis Meyer» gegründet. Die Leitung musste sich Meyer mit dem damals erst zwanzigjährigen Adelrich B.-Koch teilen. Nach dem Tod von Louis Meyer zwei Jahre später ging das Filialgeschäft ganz in den Besitz der Firma Benziger über. Im Jahr 1857 wurde Adelrich B.-Koch als Leiter des Filialgeschäfts von seinem vier Jahre jüngeren Cousin J. N. Adelrich B.-von Sarnthein abgelöst. 1860 wurde diesem Louis B.-Mächler, der jüngste Bruder von Adelrich B.-Koch, zur Seite gestellt. Im selben Jahr übernahm die Firma Benziger Kreuzburg & Nurre, das damals einzige grössere Konkurrenzunternehmen im Bereich des deutschsprachigen katholischen Buchhandels in den USA, und errichtete eine zweite Filiale in Cincinnati. Für ein knappes Jahrzehnt hatte die Firma Benziger in den USA – unter dem Namen «Benziger Brothers» – eine Monopolstellung inne.260
Das amerikanische Geschäftsmodell
Der Handel mit katholischer Ware war in den USA ein zunehmend lohnendes Geschäft. Noch 1820 lebten auf dem Gebiet der damaligen USA weniger als 200 000 Katholiken. Im Zuge vor allem der irischen und der deutschen Einwanderung erhöhte sich ihre Zahl bis 1850 auf rund 1,6 Millionen. Im Jahr 1860 lebten allein in New York 400 000 Katholiken. Bis 1900 stieg die Zahl der Katholiken – nun vermehrt auch Italiener, Osteuropäer, Frankokanadier und Mexikaner – landesweit auf über zwölf Millionen.261 Auch das Netz der katholischen Pfarreien – die Kerninstitutionen im amerikanischen Katholizismus –, die vor allem in ländlichen Gebieten für viele Immigranten sozial eine enorm wichtige und integrative Rolle spielten, wurde immer dichter.262 Kurz: Die potenzielle Käuferschaft der Verlagsprodukte in den USA wurde zahlreicher, der Markt grösser.
Die katholische Kirche in den USA war im 19. Jahrhundert hauptsächlich eine Kirche von Immigranten. Verschiedene Studien über die europäische Auswanderungsgeschichte im 19. Jahrhundert haben gezeigt, dass die Wanderung von der Alten in die Neue Welt selten zu einer «Entwurzelung» der Menschen führte, sondern, dass sie häufig ihre heimatliche Lebensform in die neue Heimat «verpflanzten». Zu dieser «Verpflanzung» gehörten wie selbstverständlich auch kirchliche Strukturen und der Bau von Kirchen.263
Religion und Nation gingen dabei Hand in Hand. Dies zeigt sich etwa bei den Pfarreien, die in der Regel nach ethnisch-nationalen Kriterien beziehungsweise nach Sprachgruppen organisiert waren. Es gab deutsche, irische, polnische, tschechische Pfarreien und andere mehr. Dasselbe Phänomen lässt sich auch innerhalb der katholischen Literatur beobachten. So entstanden neben den älteren amerikanischen Verlagshäusern auch Häuser, die sich gezielt auf die spirituellen Bedürfnisse der irischen, polnischen, tschechischen oder deutschen Bevölkerung ausrichteten. Die katholischen Verlage waren dabei ein integraler Bestandteil eines konfessionellen Bildungsnetzwerks, zu dem nicht nur Schulen und Colleges gehörten, sondern auch Klöster und Missionsstationen, Lesezirkel, Pfarreibibliotheken, Sommercamps für Jugendliche und religiöse Sodalitäten. Die Förderung «guter», edukativer Lektüre war ein Kernanliegen innerhalb dieser Zirkel.264
Im Falle der Benziger Brothers dürfen wir davon ausgehen, dass auch die Tausenden von schweizerischen, österreichischen und deutschen Wohltätigkeits-, Unterstützungs-, Gesangs-, Sport- und Freizeitvereinen, die im 19. Jahrhundert entstanden und teilweise auch Bibliotheken unterhielten, dem Absatz förderlich waren. Über die Position der Benziger Brothers in diesen Netzwerken lässt sich allerdings wenig Konkretes sagen. Es scheint ihnen aber mühelos gelungen zu sein, ihre privilegierte soziale Stellung der Herkunftsregion in den USA zu reproduzieren. Die hohe soziale Stellung äusserte sich in verschiedenen Ehrenämtern. J. N. Adelrich B.-von Sarnthein beispielsweise wurde 1864 vom Schweizer Bundesrat zum ersten Konsul von Cincinnati ernannt. Sein Cousin Louis B.-Mächler war Mitglied im elitären «Catholic Club» in New York, Vizepräsident des katholischen St.Raphaelhilfswerks sowie Mitbegründer des «Leo House», einer karitativen Einrichtung für deutschsprachige Einwanderer, und einer Sparkasse auf Long Island. Nikolaus B.-Benziger II war 1891 in New York Gastreferent an der Feier zum 600-jährigen Bestehen der Schweiz.265
Die Filiale in New York konzentrierte sich zunächst auf den Import von Verlagswaren, die im Mutterhaus in Einsiedeln hergestellt wurden, in erster Linie Gebetbücher. 1860 wurde in Cincinnati eine fabrikmässig betriebene Buchbinderei eingerichtet, die im Jahr 1871 nach New York verlegt wurde. Mit allen amerikanischen Filialgeschäften verbunden waren jeweils einer oder mehrere «Stores» für Bücher; verkauft wurden aber auch Andachtsbilder, Devotionalien und Kirchenornamente.
Die Firma war bestrebt, ihre Verlagswaren durch hohe Auflagenzahlen möglichst billig zu halten und so auch ärmere Haushalte zu erreichen. Die billigsten religiösen Statuen im Angebot, rund sechs Zentimeter kleine Marien- und Josefdarstellungen aus Biskuitporzellan, kosteten gerade mal vier Cents.266 Auch bei den Gebetbüchern legte man grossen Wert auf tiefe Preise. «In der grossen Auflage liegt der Verlegernutzen», schrieb das Mutterhaus im Mai 1866 nach Amerika.267 Vor allem «kleine Gebetbüchlein» mit «volksthümlicher Richtung» sollten in den USA gefördert und «wissenschaftliche, politische oder grössere Werke, die nur Ehre aber keinen Nutzen bringen» strikt ignoriert werden.268
Der Gebetbücherhandel bildete auch in den USA das beständigste Fundament der Firma.269 Die amerikanischen Geschäfte begnügten sich allerdings nicht mit dem Import von in Einsiedeln produzierter Verlagsware. Finanziell weit «glänzigere Erfolge», wie es in den Quellen heisst, brachte ihnen der Bilder-so-wie vor allem der Paramenten- und Kirchenornamentenhandel.270 Schon bald hatte man nämlich mit dem Import von religiösen Statuen, Kelchen, Kreuzen, Gemälden, Altarbildern, Kronleuchtern, Kirchenfenstern und anderem begonnen. In Verlagsanzeigen wurden etwa auch diverse Fahnen und Flaggen für Kirchen und Schulen sowie Plaketten, Auszeichnungen und Schärpen speziell für Vereine angepriesen. Die Kirchenfenster importierte die Firma von der Mayer’schen Hofkunstanstalt in Wien, später von der Königlichen Bayerischen Hofglasmalerei F. X. Zettler in München. Die von Benziger vertriebenen Kirchenfenster zierten, wenn man der Verlagswerbung Glauben schenkt, Kirchen in den ganzen USA, von Boston bis Texas.271 Die religiösen Statuen stammten zunächst auch von Mayer, später von der Pariser Firma Froc, Robert & Co., mit der die Firma Benziger 1885 einen Exklusivvertrag für die USA abschloss.272 Die Textilien für die Paramente importierte man zumeist aus Frankreich, häufig von Handelsunternehmen in Lyon. Die weitere Verarbeitung erfolgte in den USA, zunächst in Heimarbeit und später in fabrikmässigem Betrieb. Die Kirchenornamente, welche die Firma Benziger in den USA im Angebot hatten, stammten teilweise ebenfalls aus Europa. 1864 übernahm die Firma in New York ein kleines Fabrikationsgeschäft für Monstranzen, Messkelche und Ziborien und betrieb ein eigenes Atelier. Später stellte das Atelier auch religiöse Medaillen und ab etwa 1890 auch Kruzifixe, Kandelaber, Lampen, Kronleuchter und ähnliche Artikel in Metall für Kirchen her. 1894 bezog die Firma in Brooklyn ein eigenes Fabrikgebäude mit einer eigenen Giesserei, wo die verschiedenen technischen Betriebe – die Fabrikation von Kirchenornamenten, die Buchbinderei, die Paramentenstickerei – zusammengeführt wurden. Mit ihren Fabrikaten erhielten sie mehrere Auszeichnungen, so etwa das Ehrendiplom und die goldene Medaille für ihre Kirchenornamente an der Vatikanischen Ausstellung 1888 in Rom oder das Diplom für die «beste Arbeit im Produziren von Kirchenornamenten in Gold, Silber und platinirt und strengem Festhalten an correctem kirchlichem Styl». Im selben Jahr folgte der Ehrentitel «Päpstliches Institut für christliche Kunst».273
Daneben wurde der Bücher- und Zeitschriftenverlag kontinuierlich erweitert. Englische Literatur löste die deutsche ab den 1870er-Jahren zunehmend ab. Der französische Verlag wurde in den 1890er-Jahren völlig aufgegeben. Herausgegeben wurden Schulbücher, Betrachtungsbücher, Katechismen, biblische Geschichten, ab 1872 eine speziell für katholische Schulen geschriebene Serie deutscher Lesebücher, ab 1874 eine erfolgreiche Serie englischer Schulbücher von Richard Gilmour (1824–1891), dem Bischof von Cleveland. In den 1880er-Jahren folgte die Schullesebücherreihe «Catholic National Readers». Hinzu kamen Bücher speziell für Geistliche sowie populäre religiöse Bücher aller Art. Bei den periodischen Schriften zu erwähnen sind in erster Linie das traditionsreiche Blatt «Der Wahrheitsfreund» (ab 1837), das ab 1866 von der Firma Benziger verlegt wurde, der Kalender «Cincinnatier Hinkende Bote» (1862–1906) sowie das Jahrbuch «Catholic Home Annual» (ab 1884). Bereits ab den 1850er-Jahren wurde der «Einsiedler Kalender», der erfolgreichste deutschsprachige Volkskalender seiner Zeit, in einer gezielt auf den amerikanischen Markt angepassten Version in den USA vertrieben. Die Auflage in Amerika betrug bereits nach wenigen Jahren mehr als 50 000 Exemplare.274 Etwas weniger Erfolg beschieden war der Familienzeitschrift «Alte und Neue Welt», die 1866 in den USA und ein Jahr später in Europa lanciert wurde. Die Zeitschrift erreichte insgesamt zwar eine Auflagenzahl von über 70 000 Exemplaren, in den USA stieg die Zahl der verkauften Exemplare aber nie über einige Tausend.
Noch in den 1890er-Jahren galt die Firma Benziger als eines der führenden katholischen Verlagshäuser in den USA.275 Die Zeiten, in denen man von einer Monopolstellung innerhalb des deutsch-amerikanischen Katholizismus profitieren konnte, waren allerdings längst vorbei. Konkurrenzfirmen wie Pustet (ab 1868 in Cincinnati und New York), Herder (ab 1873 in St.Louis) und andere errichteten ebenfalls Filialgeschäfte in den USA. Jay Dolan zählte für die 1890er-Jahre allein in New York insgesamt 68 Verlagshäuser, die katholische Bücher, Zeitschriften und Bilder herausgaben.276 Auch Handelspartner wie die Mayer’sche Kunstanstalt (ab 1888 in New York) nahmen den Vertrieb ihrer Waren in den USA zunehmend in die eigenen Hände.
1897 lösten sich die amerikanischen Benziger-Filialen organisatorisch vom europäischen Mutterhaus. Der Kontakt zwischen den beiden Firmen, die über Verträge miteinander verbunden blieben, und zwischen den Besitzerfamilien brach allerdings nie vollständig ab. Die kirchliche Kunst als Massenprodukt, wie sie Benziger herstellte, war in den USA ab den 1920er-Jahren immer weniger gefragt.277 Im Bereich der katholischen Literatur, Schulbücher und Katechismen behielt die Firma aber eine führende Stellung. Bücher aus dem amerikanischen Benziger Verlag fanden im 20. Jahrhundert via europäische Verlagshäuser als Übersetzungen den Weg zurück nach Europa.278 Die vierte Generation der Verleger aus der Familie Benziger in den USA verkaufte den Verlag 1969 an die Verlagsgruppe Crowell Collier Macmillan.279 Es folgten die Verlegung des Firmensitzes nach Kalifornien und später weitere Übernahmen. Der Name lebt heute im auf katholische Schulliteratur spezialisierten Verlagshaus RCL Benziger mit Sitz in Cincinnati fort.280
Die Bedeutung der amerikanischen Filialen
In den Familien- und Jubiläumsschriften heisst es gelegentlich, die Firma Benziger habe mit ihren amerikanischen Filialen in erster Linie einen Beitrag zur «Kulturvermittlung» leisten wollen. Die deutschsprachigen Auswanderer sollten in der Neuen Welt weiterhin mit ihrer Herkunftsgesellschaft und dem europäischen Katholizismus in Verbindung bleiben. Die Quellen schweigen sich über eine solche «Kulturmission» weitgehend aus. Dafür treten andere Deutungen in den Vordergrund. Die Firma Benziger befand sich in einem intensiven Konkurrenzkampf mit ähnlich positionierten Firmen vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich, der Schweiz und anderen Ländern Europas. Um ihre Verlagswaren möglichst preiswert anbieten zu können, waren sie auf hohe Auflagen und einen entsprechend ausgelasteten Maschinenpark in ihrer Verlagsanstalt angewiesen. Die Wirtschaftswissenschaften sprechen in diesem Zusammenhang von «positiven Skaleneffekten». Die USA garantierten einen über Jahrzehnte wachsenden Markt. Die Firma Benziger konnte sich mit der vergleichsweise frühen Erschliessung dieses Markts als «first mover» einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.281 Die amerikanischen Filialen unterhielten im 19. Jahrhundert denn auch keine eigenen technischen Betriebe. Wir «müssen zur Basis resp. Hauptbedingung unseres Consenses machen, dass Sie von allen technischen Richtungen (Setzerei, Druckerei etc.) noch sehr lange fern bleiben. In America ist dieser selbsteigene Betrieb nicht so nöthig wie in einem Bergdorf», schrieb die Verlagsleitung im Sommer 1870 nach New York.282 Alle grösseren Druckaufträge liessen die Filialen in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens fast ausschliesslich im Mutterhaus in Einsiedeln ausführen.
Die Verleger erhofften sich von den Filialen eine stabilisierende Wirkung in Krisenzeiten. Vergangene Krisenjahre mit stockendem Absatz – beispielsweise 1816/17 und die späten 1840er-Jahre – waren im Gedächtnis haften geblieben. Vor allem aber fürchtete man Kriege, die den Absatz in Deutschland zum Erliegen bringen und die Arbeitsplätze in Einsiedeln gefährden könnten. Im Frühling 1869 schrieb die Verlagsleitung in Einsiedeln nach New York: «Ein jedes Geschäft sollte aber in seinen Entwicklungen nie so weit gehen das andere auch mit in bedeutenden Anspruch zu nehmen; damit Kriegs- u. Handelsstockungsfälle nie beide Plätze auf einmal übereilen, sondern dann vielmehr das eine dem andern helfen kann.»283 Und wenige Jahre später hiess es in einem anderen Brief: «Vergessen Sie nie: Wir sind u. bleiben ein u. dieselben hier u. dort u. können den Segen beider Welten brauchen u. wollen uns über die Breite unserer Bemühungen nicht misstimmen lassen.»284 Gelegenheiten, sich als solidarisch zu beweisen, gab es mit dem amerikanischen Sezessionskrieg (1861–1865), dem Deutschen Krieg (1866) und dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) reichlich.
Die Gründung der amerikanischen Filialen beruhte also auf einer inneren Logik der Firmenexpansionsstrategie und nicht auf religiösem Zelotismus oder einer wie auch immer gearteten «Kulturmission». Im direkten Umfeld der Firma trugen die Filialgründungen letztlich aber doch zu einer transkontinentalen Kulturvermittlung bei. Vielen Auswanderern aus der Zentralschweiz war die Firma Benziger eine willkommene «Brücke» über den Atlantik.285 Die Firma Benziger stellte Wechsel aus, vermittelte Landsleuten Kontakte in den USA und war eine Anlaufstelle für verschiedenste Anliegen von Immigranten aus Einsiedeln und der Zentralschweiz. So betrieben beispielsweise Einsiedler Einwanderer an verschiedenen Orten in New York und im Mittleren Westen auch kleinere Buchhandlungen, die von Benziger mit Krediten und Verlagswaren unterstützt wurden.286
Die Firma lässt sich als eine Art Informationskanal begreifen und trug in ihrem Umfeld dazu bei, einen transkontinentalen sozialen Raum zu schaffen. Sie exportierte Verlagswaren nach Amerika, importierte aber auch ein «Stück Amerika» nach Europa. In Amerika lernten die Verleger etwa Modelle rationeller Arbeitsteilung in den Fabriken kennen, die sie in Einsiedeln, zuerst in der Buchbinderei, in Anwendung brachten. Für die Arbeiterschaft in Einsiedeln lag die deutschsprachige «New Yorker Staatszeitung» sowie die «New York Times» zur Lektüre bereit.287 Die Firma Benziger publizierte auch Handbücher speziell für deutschsprachige katholische Amerika-Auswanderer, die neben einer Auswahl von Gebeten und Andachtsübungen umfangreiche Informationen zu Reisezeit, Währung, Landkauf und Verdienstmöglichkeiten in Amerika enthielten.288
Im Jahr 1854, fast gleichzeitig wie die Firma Benziger, gründete auch das Kloster Einsiedeln in Spencer County im südlichen Indiana eine Niederlassung. Sie wurde nach dem Eremitenmönch Meinrad (797–861) – der Gründerfigur Einsiedelns – benannt. Das Kloster lag in einer Gegend, in der sich in den Jahrzehnten zuvor zahlreiche deutsche Katholiken angesiedelt hatten. Eingefädelt hatte die Gründung Josef Kundek (1810–1857), gebürtiger Kroate und Generalvikar der Diözese Vincennes (heute Erzbistum Indianapolis) in Indiana, der Abt Heinrich Schmid während eines persönlichen Besuchs in Einsiedeln von diesem Unterfangen überzeugen konnte. Von St. Meinrad aus erfolgten mit der Zeit weitere Klostergründungen in den Staaten Arkansas (1878), Louisiana (1889), Illinois (1933), South Dakota (1950) und Kalifornien (1958). Die Firma Benziger stand mit St. Meinrad und insbesondere mit Martin Marty (1834–1896) aus Schwyz, dem ersten Abt von St. Meinrad und späteren Bischof von St. Cloud, in regem Kontakt.289
Auch als sich andere Innerschweizer Klostergemeinschaften in den USA ansiedelten – das Benediktinerkloster Engelberg OW ab 1873, das Benediktinerinnenkloster Maria Rickenbach NW ab 1874 (beide in Missouri), war die Firma Benziger in verschiedenen Funktionen beteiligt. Sie empfing die Amerikareisenden in New York, vermittelte Kontakte zur Politik und hohen Geistlichkeit, versorgte die von den Mönchen und Schwestern gegründeten Schulen mit Büchern und stattete die neu gebauten Kirchen mit religiöser Kunst aus.290
Altruismus und Kalkül lassen sich bei solchen «Freundschaftsdiensten» nicht immer auseinanderhalten. Kurz vor der Abreise der ersten Engelberger Mönche in die USA im Frühling 1873 schrieb Adelrich B.-Koch an seinen Cousin Adelrich B.-von Sarnthein in New York: «In wenigen Wochen […] erhalten Sie Besuch von 2 Patres Benediktinern aus Engelberg P. Frowin Conrad und P. Adelhelm, die nach America auswandern eine Filiale […] zu stiften. Abt Marty […] hat den Gedanken zur Reise gefördert. P. Frowin Conrad ist der Bruder des Einsiedler Pater Ignaz Conrad [später erster Abt der Abtei Subiaco in Arkansas], Latein Prof. u. besonders Protektor und Lehrer von Nicolaus u. Carli [zwei Neffen von Adelrich B.-Koch, damals an der Stiftsschule Einsiedeln]. […] Erstens ist die ganze Familie Conrad sehr achtenswerth u. mir nahestehend, wichtiger: ist P. Frowin sehr fähig, beliebt, gewandt […] u. wird sonder Zweifel bald Abt u. ist mir sehr gewogen. Wenn wir uns so weit durch beste familiale u. geschäftlich freundliche Aufnahme warm empfehlen, thun wir es mit Herz u. mit Berufung, aus Gewogenheit u. um diese Schöpfung von Anfang an sich geneigt zu machen.»291
Nicht alle Bekannten durften mit einer «familialen Aufnahme» rechnen. Ein paar Jahre früher hiess es über einige ehemalige Angestellte in Einsiedeln, die beabsichtigten, in die USA auszuwandern: «Lasst sie zappeln u. stellt sie nicht an. Vielleicht einige Jahre unter fremden Leuten macht den beiden die Einsiedler-Prinzipale besser erscheinen, als wenn man nichts sah u. nur stets unsere neidische Wirthshaus- u. Beamten-Schimpfereien einathmete.»292 Der soziale Raum über den Atlantik hinweg hatte für einige Auswanderer auch seine Kehrseite, insofern in ihm auch Konfliktverhältnisse und soziale Randständigkeit reproduziert werden konnten.
Die Filialgründungen folgten der Logik des Markts, ein missionarischer Eifer ist in den Quellen aber nicht greifbar. Halten wir deshalb zum Schluss fest: Religiosität spielt sich nie in einem luftleeren Raum ab, sondern muss im Wechselspiel mit Wirtschaft und Gesellschaft betrachtet werden. Mit ihrem von rationalen, kapitalistischen Strategien geprägten verlegerischen Wirken trug die Firma Benziger dazu bei, den Katholizismus in den USA zu etablieren, auch wenn dies nicht die primäre intrinsische Motivation für den Schritt nach Amerika gewesen sein mag. Verlagshäuser wie Benziger haben Millionen von Katholiken und Tausende von Pfarreien, Kirchen, Vereinen, Schulen und Bibliotheken mit den für die religiöse Andacht und Erziehung nötigen materiellen Kulturgütern versorgt. Kapitalistisches Handeln und religiöse Überzeugung schlossen sich dabei keineswegs aus. Dass in der überlieferten Geschäftskorrespondenz konkrete, zahlengetriebene Massnahmen gegenüber Reflexionen über religiöse Gesinnungen bei Weitem überwiegen, liegt in der Natur der Sache. Der Firma Benziger und ihren Verlegern war eine klare katholische Gesinnung so tief inkulturiert, dass sie sich darüber in ihrer Korrespondenz nicht auszutauschen brauchten.
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