Kitabı oku: «Graugrün und Kastanienbraun. Aufzeichnungen eines Neurotikers»

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Helmut Degner

Graugrün und Kastanienbraun
Aufzeichnungen eines Neurotikers

SAGA Egmont

Graugrün und Kastanienbraun. Aufzeichnungen eines Neurotikers

Copyright © 1979, 2018 Helmut Degner und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788726032208

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

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Bericht aus einer Totenkammer

In klaren Sommernächten stand er auf dem Balkon und hielt, eine Zigarette nach der andern rauchend, stumme Zwiesprache mit dem Mond, seinem alten Feind, der mit kaltem blauweißem Gesicht auf ihn niedergrinste. In den Häusern um ihn war nur noch hinter wenigen Fenstern Licht, und eins nach dem andern verlöschte; er kannte die Menschen dahinter und ihre Gewohnheiten aus diesen Nächten und wußte, wann jeder zu Bett ging. Manchmal trat jemand an ein Fenster und zog, weil er sich von ihm beobachtet fühlte, den Vorhang zu. Dann stieg Haß in ihm auf, weil er sich abgelehnt und ausgeschlossen fühlte. Die Namen der Sternbilder, die Woche für Woche ein Stück am Himmel weiterrückten, hatte er vergessen; als Kind hatte sie ihm sein Vater oft erklärt, vielleicht deshalb. Nur einen kannte er noch: Kassiopeia. Er wußte nicht mehr, zu welchem Sternbild er gehörte, aber der Name hatte einen schönen, tröstlichen Klang, den er mit hinüber nahm in seinen unruhigen, seichten Schlaf. Wenn er im Morgengrauen die Balkontür schloß, weil er das Gezwitscher der Vögel nicht ertrug, hing der Mond im Westen, nun gesichtlos, im Dunst über den Hausdächern, ein roter Inkamond, blutüberströmt und bedrohlich.

Die Menschen, die unten an seinem Haus vorbeigingen, hatten fast alle die Gesichter von Menschen, die ihm in seinem früheren Leben begegnet waren – meist Menschen, die kaum Bedeutung für ihn gehabt hatten und an die er in all den Jahren dazwischen nie gedacht hatte: der Schlosser einer Autowerkstatt, der seinen ersten Wagen repariert hatte, der Bademeister, der ihm als Jungen das Schwimmen beibrachte, die Verkäuferin eines Zigarettengeschäfts in der Kleinstadt, in der er vor vielen Jahren gelebt hatte, der Bruder der Frau, die ihn verlassen hatte. Er versuchte dem Grund dieser seltsamen Ähnlichkeiten auf die Spur zu kommen, doch es gelang ihm nicht. Manchmal sah er ein Gesicht, das ihm von früher bekannt war, doch ihm fiel nicht ein, wem es gehört hatte. Wenn er darüber nachgrübelte, schoben sich andere vertraute Gesichter aus der Vergangenheit davor, deren Träger ihm auch entfallen waren, vermischten sich, löschten einander aus, und er fand lange keine Ruhe.

Am frühen Morgen flatterten dicke blaugraue Tauben auf das Balkongeländer, ließen sich mit einem fetten, plumpsenden Geräusch, das ihr Gewicht verriet, darauf nieder und verfielen in ein dumpfes endloses Gurren: Ratten der Luft nannte er sie. Sie entleerten ihren Kot, und die widerliche weiße Schicht auf dem Balkonboden, die Regen nicht wegschwemmte, wurde immer dicker, doch er brachte es nicht über sich, sie abzukratzen. Einmal lag morgens auf dem Rasen vor seinem Fenster eine tote Taube mit in die Höhe gestreckten rotgeschuppten Beinen, und er mußte immer wieder ans Fenster treten und sie mit Entsetzen betrachten, bis er sich überwand, den Hausmeister zu bitten, sie zu entfernen. Das Trinkgeld, das er ihm gab, war viel zu hoch. Mit Bangen dachte er an den letzten Winter, in dem monatelang jeden Tag krächzend und kreischend riesige Schwärme von Krähen über den Himmel gezogen waren: frühmorgens der aufgehenden Sonne entgegen nach Osten, abends mit der untergehenden Sonne nach Westen. Er konnte sich nicht entsinnen, dieses Phänomen schon früher in seinem Leben einmal beobachtet zu haben; er fragte sich, woher die Krähen kamen und wohin sie flogen, wo sie die Nacht verbrachten und wo den Tag und warum man im Sommer keine Krähen sah, und es machte ihm große Angst, daß er keine Antwort darauf fand. An einem trüben Wintermorgen hörte das schon gewohnte Krächzen der Krähen nicht auf, und als er aufstand und ans Fenster trat, sah er, daß sich ein riesiger Schwarm über seinem Haus versammelt hatte: Hunderte schwarzer Vögel bedeckten den grauen Himmel, flatterten kreischend über ihm im Kreis, bildeten wirbelnde Strudel. Erst als sie endlich weiterzogen, ging er wieder zu Bett. Er konnte nicht mehr einschlafen und war sicher, an diesem Tag sterben zu müssen.

Er konnte seine Wohnung, außer zu den lebensnotwendigen Einkäufen in den umliegenden Geschäften, von denen er jedes Mal nicht zurückzukehren fürchtete, seit zwei Jahren nicht verlassen: aus Angst, auf der Straße tot umzufallen, und aus Angst vor dieser Angst. Die Stunden, in denen er allein in seiner Wohnung auf der Couch lag, summierten sich zu Tausenden und Tausenden, und in diesen Stunden bevölkerte er, weil das Alleinsein wie ein schwarzer Schlund war, in den er immer tiefer zu stürzen drohte, seinen Kopf mit Namen – zahllosen Namen: von Filmschauspielern, von Markenartikeln, Buchtitel, Firmennamen, Namen von Menschen, die er gekannt hatte. Er gruppierte die Namen in seinem Kopf zu dritt oder zu fünft oder zu sechst und sagte sie in den Stunden auf seiner Couch unausgesetzt hintereinander auf. Fiel ihm ein Name nicht ein, dann ergriff ihn Todesangst, und er lag Stunden schweißüberströmt in Panik und grübelte darüber nach, wobei Horden anderer Namen über ihn herfielen und völlig von ihm Besitz ergriffen. Jeder neue Name, der hinzukam, drohte ihn zu vernichten – ein weiterer Grund, die Straße zu meiden, denn von überall her stürzten sich dort Namen auf ihn: von vorüberfahrenden Lastwagen, von Firmentafeln, von Plakaten, Straßenschildern. Er aß seit langem nur gebratenes Fleisch und Obst, denn Konserven, Nahrungsmittel, Tiefkühlkost konnte er sich nicht kaufen, weil auf jeder Packung oder Dose ein Name stand, den er sich merken mußte, ein neuer Name, der zu Hunderten von Namen in seinem Kopf hinzukam, den er mit anderen neuen Namen in Gruppen von fünf oder sechs immer wieder memorieren mußte, der ihn, fiel er ihm nicht ein, in Todesqualen versinken ließ. Er konnte seit zwei Jahren nicht lesen, nicht fernsehen, nicht arbeiten, denn in jedem Fernsehspiel, in jedem Zeitungsartikel, in jedem Buch gab es Namen – neue Namen von Schauspielern, von Politikern, von Orten und Ländern. Irgendwo, aus Gesprächen von Leuten in Geschäften oder auf der Straße, denen er nicht ausweichen konnte, hatte er aufgeschnappt, daß es seit vorigem Jahr in Amerika einen neuen Präsidenten gab und daß die SPD die letzten Wahlen wieder gewonnen hatte, doch er wußte nicht, wer der neue Präsident war oder wie er hieß und ob die Minister der SPD noch die gleichen waren wie vor zwei Jahren, als er noch Zeitung lesen konnte. Er hätte es brennend gern erfahren, wie alles andere, was inzwischen auf der Welt geschehen und nicht zu ihm gedrungen war, und zugleich fürchtete er maßlos, auf irgendeine Weise Kenntnis davon zu erlangen, denn es würde für ihn neue Namen bedeuten. Manchmal dachte er, daß das Aufsagen der Namen eine Ersatzreligion war, zur Abwehr der Angst, ähnlich dem Beten eines Rosenkranzes. Seine Ängste versammelten sich zu einer neuen Angst: daß die Namen seinen Verstand zerfressen würden, und er fand immer neue Anzeichen dafür, daß sie es bereits taten. Elektrischer Strom war ihm ein unlösbares Rätsel, ihm fiel nicht die Hauptstadt von Kolumbien ein, und er fragte sich, ob er auch früher schon nicht gewußt hatte, wie ein Telefon funktionierte, und ob auch andere Menschen mit durchschnittlicher Bildung so etwas nicht wußten. Daß die Entstehung von Äpfeln und Kirschen mit Blütenstaub und Bienen zu tun hatte, war ihm noch in Erinnerung, doch wie pflanzten sich Mohrrüben fort, bei denen es doch – wenn er sich richtig entsann – keine Blüten gab? Ein Mechaniker, dem die Reparatur eines Fernsehapparates gelingen konnte, erschien ihm als Genie, und wie merkte sich ein Kellner, oft ein Mensch ohne sonderliche Verstandesgaben, was jeder einzelne Gast bestellt und verzehrt hatte; woher nahm er immer wieder das passende Kleingeld zum Herausgeben? In ihm wuchs eine weitere Angst: er werde den Rest seines Lebens im riesigen Schlafsaal eines Irrenhauses, in grauer Anstaltskleidung, betäubt von Medikamenten, welche die Angst, aber auch jedes Gefühl und jede Phantasie zudeckten, dahindämmern müssen, zwischen Schizophrenen und Manikern. Sein Psychotherapeut, ein bärtiger kleiner Mann mit flinken Bewegungen und klugen, guten Augen, für ihn manchmal ein Pan und manchmal ein Sokrates, dem alles klar zu sein schien, was auf der Welt und zwischen den Menschen vor sich ging, und noch einiges mehr – er fuhr zweimal in der Woche mit dem Taxi zu ihm, mit gesenktem Kopf, damit sein Blick nicht auf Straßenschilder und Autoaufschriften und Reklametafeln fiel – hatte ihm gesagt, dies sei sein unbewußter Wunsch, denn was man fürchte, wolle man: eine ungeheure Selbstbestrafung – wofür, müsse man herausfinden. In der Nacht danach war ihm seine erste Kindheitserinnerung eingefallen: Er lag, mit zwei oder drei Jahren, in seinem Gitterbett – welch schreckliche Assoziation: Gitterbett – und sah an der Wand – er wußte nicht, ob es ein Tapetenmuster war oder Phantasie – einen weißbärtigen, seinem Großvater ähnelnden Petrus, der kleine nackte Engel übers Knie legte und verprügelte, und er hatte dabei ein angenehmes Gefühl empfunden.

In der Garage, deren Miete unnütz sein Budget belastete, stand seit zwei Jahren sein Wagen: auf dem Tachometer die Kilometerzahl seiner letzten Fahrt, die Reifen ohne Luft. Den Boden der Garage bedeckte eine glitschige Schicht ausgetropften Öls, das bei seinem ersten und einzigen Besuch vor mehreren Monaten an seinen Schuhsohlen haften geblieben war, was er erst bemerkt hatte, als er die Flecken auf dem Teppich seiner Wohnung sah. Er sperrte die Tür des Wagens auf, setzte sich hinter das Lenkrad und strich mit der Hand über den geflochtenen Bezug. Plötzlich packte ihn Angst, er könne ersticken in dem kleinen, engen Raum, doch er kurbelte das Fenster herunter und hielt der Angst stand, und im gleichen Moment hörte er, daß die elektrische Uhr im Armaturenbrett tickte. Er schaltete die Scheinwerfer ein, und ihr gleißendes Licht fiel auf die weißgetünchte Wand der Garage. Daß die Batterie des Wagens zwei Winter überstanden hatte, ließ eine, wie ihm schien, unsinnige Hoffnung in ihm aufsteigen, doch er hatte es in der Zeit seither nicht über sich gebracht nachzusehen, ob sie immer noch intakt war.

Ende eines Kapitels

Als ihm das Mädchen ihre Geschichte erzählt hatte und gegangen war, trat er ans Fenster und schaute durch die trübe Scheibe hinaus in den Regen. Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen, hier eine Vase zurecht rückend, dort mit dem Finger den Staub von einem Buch wischend, doch seine Unruhe wurde immer stärker. Er ging ins Vorzimmer, streifte seinen Mantel über, fuhr mit dem Lift hinunter und lief in den Park auf der andern Seite der Straße. Unter seinen Schuhen knirschte der nasse Kies. Er schlenderte eine Weile kreuz und quer über die schmalen Wege; dann setzte er sich auf eine zerschrammte Bank, deren grüne Farbe von Sitz und Lehne abgeblättert war. In den Büschen rauschte der Regen, hoch oben in einem der Bäume, deren dunkle Stämme über ihm mit der noch schwärzeren Finsternis verschmolzen, kreischte ein Nachtvogel. Hinter einigen Fenstern des Hauses gegenüber zuckte das blaue Licht von Fernsehapparaten, aus einem Radio plärrte Schlagermusik. Sein Blick fiel auf die Kirchturmuhr, die er auch von seiner Wohnung aus sehen konnte und deren Zeiger seit einigen Wochen zur Reparatur abmontiert waren. Er starrte auf das leere Zifferblatt und spürte mit seltsamer Distanziertheit, wie ihn Entsetzen packte. Mit der Zungenspitze fuhr er über die Zahnlücken in seinem Mund. Er war Ende vierzig, und seine Zähne faulten wie feuchtes Holz; alle paar Monate mußte einer gezogen werden. Manchmal stand er morgens im Bad vor dem Spiegel und starrte voll Haß das verkniffene Gesicht mit der Lücke im linken Mundwinkel an, das ihm hämisch entgegengrinste. Sein Friseur hatte ihn schon vor Jahren bei jedem Besuch darauf aufmerksam gemacht, wie seine grauen Haare sich vermehrten, und ihm irgendein Färbemittel empfohlen. Seit einigen Wochen ließ er nachts das Licht an und stellte seinen Wecker immer wieder so, daß er ihn alle zwei Stunden aus dem Schlaf riß, denn er fürchtete, sonst nie mehr aufzuwachen.

Der Vogel war verstummt, und das Plärren des Radios hatte aufgehört. Das einzige Geräusch war das Schnurren der Autoreifen auf dem nassen Asphalt der Straße hinter den Häusern. Die mondlose Dunkelheit umhüllte ihn wie ein nasser erstickender Mantel, und ihn überkam das Gefühl, allein zu sein auf einer Welt ohne Menschen, als einziger zurückgeblieben auf einem Planeten, auf dem alles Leben erstorben war. Sein Mund füllte sich mit schaumigem Speichel, doch er war nicht fähig, ihn hinunter zu schlucken, und er rann über sein stoppliges, seit zwei Tagen unrasiertes Kinn. Es kam sich vor wie ein sabbernder Idiot, doch es machte ihm nichts aus. Sein Magen war eine Grube voll Eis, und die Kälte breitete sich von ihm über seinen ganzen Körper aus, kroch den Rücken hinauf und ließ seine Glieder starr und steif werden. Mit einer Gleichgültigkeit, die ihm selbst unerklärlich war, ließ er zu, daß diese Starre ganz von ihm Besitz nahm, und als er aufhörte, sich gegen den Tod zu wehren – er war es, dessen war er sicher –, ergriff ihn plötzlich ein Gefühl schwebender Leichtigkeit, dem er sich ganz hinzugeben vermochte. Jeder Sinn für Zeit und Raum schwand, und als die Kirchturmuhr die volle Stunde schlug und ihr Dröhnen seinen Kopf füllte und ihn wieder zu sich kommen ließ, wußte er nicht, wie lange dieser Zustand völliger Leere gedauert hatte.

Er hob die Hand zum Mund und grub die Zähne mit aller Kraft in den Ballen seines Daumens. Verwundert blickte er auf das dunkle Rinnsal, das sich langsam über seine Hand ausbreitete. Er genoß den Schmerz und den salzigen Geschmack in seinem Mund. Dann stand er auf und ging über die Straße zurück in seine Wohnung, um sich zu rasieren und das Geschirr abzuspülen und die Geschichte aufzuschreiben, die ihm das Mädchen erzählt hatte.

Der Sonntag bei dem Onkel

Der Onkel war, als sie vor vielen Jahren, mit zehn oder elf, einmal die Ferien bei ihm und seiner Familie verbrachte, sehr nett zu ihr gewesen, und als sie am Sonntagmorgen den Vorhang aufzog und sah, daß es von einem grau verhangenen Himmel in Strömen regnete und sie das Gefühl überkam, sie würde diesen Tag nicht überstehen, wenn sie nicht jemanden sah, der sie mochte, fiel ihr dieser Onkel ein, und sie beschloß, ihn zu besuchen. Es war eine lange ermüdende Fahrt mit einem Personenzug, der an jeder Station hielt, und die Straße, die vom Bahnhof der kleinen Stadt eine Anhöhe hinauf zu der Siedlung führte, in der der Onkel wohnte, nahm kein Ende. Trotz des Regens war es an diesem Augusttag drückend schwül, und der Schweiß ließ ihre Bluse widerlich an der Haut kleben. Als sie auf die Klingel an der Gartentür drückte und der Onkel aus dem Haus kam, erklärte sie ihm stotternd, wer sie war. Er breitete die Arme aus, ließ sie aber gleich wieder erschrocken sinken, als überfalle ihn Angst davor, sie an sich zu drücken.

Der Onkel war ein kleiner, drahtiger Mann mit schütterem, weißem Haar. Seine mageren Wangen waren von feinen roten Äderchen durchzogen, und auf seiner Hakennase saß eine Nikkelbrille mit runden funkelnden Gläsern, die seine Augen auf seltsame Weise vergrößerten und ihnen einen ständig erstaunten Ausdruck verliehen. Er trug einen karierten Pullover und eine graue Kniehose, die in braunen Strümpfen steckte. Er führte sie in die Wohnküche, half ihr aus dem Perlonmantel, zog für sie einen Stuhl unter dem Tisch in der Sitzecke hervor, setzte sich ihr gegenüber und zündete sich eine Pfeife an. Nachdem er sich nach ihrer Mutter, seiner Schwester, und ihrer Familie erkundigt hatte, begann er von sich und seinem Leben zu erzählen, unentwegt paffend und in leisem hastigem Ton; wie jemand, der lange mit niemandem gesprochen hat. Der Onkel bewohnte allein das kleine Siedlungshaus, seit ihn seine Frau vor einigen Jahren, als er schon Mitte sechzig war, eines anderen Mannes wegen verlassen hatte, und seine Kinder lebten in der Schweiz und in Südamerika und schrieben nur selten. Nach einer Weile brach er plötzlich mitten im Erzählen ab, und nach einem Moment verlegenen Schweigens stand er auf und ging mit ihr hinaus, um ihr den großen Garten vor dem Haus zu zeigen. Sie gingen im Regen über die glitschigen Wege zwischen den Gemüsebeeten und Obstbäumen, und er pflückte ihr, als wolle er ihr damit seine Freude über ihren Besuch zeigen, ein paar große Erdbeeren, die sie, obwohl sie Erdbeeren nicht ausstehen konnte, in den Mund steckte und kaute, um ihn nicht zu verletzen. Danach war ihr Mund voll Sand, den sie verstohlen hinunterschluckte. Er führte sie in den kleinen Anbau, in dem er eine Ziege und ein paar Kaninchen hielt, für die er, wie er stolz berichtete, auf Ausstellungen eines Kleintierzuchtvereins schon öfter Preise gewonnen hatte. Er erzählte ihr, daß er Haus, Garten und Stall selbst in Ordnung hielt – um etwas zu tun zu haben, fügte er mit einem Lächeln hinzu, das ihr herzzerreißend traurig erschien.

Sie gingen in die Wohnküche zurück, und er band sich eine Schürze um und briet für sie zum Mittagessen auf dem Herd zwei kleine Schnitzel, wobei er pausenlos von sich und seinem Leben und den Schicksalen aller möglichen Verwandter sprach, die sie fast alle nicht kannte. Sie sah ihm zu, wie er einen Salat aus in Scheiben geschnittenen Tomaten und kleingehackten Paprikaschoten und Zwiebeln bereitete und Essig, Öl und Salz hinzutat, und dann setzten sie sich an den Tisch und aßen. Sie lobte seine Kochkunst, was ihn so freute, daß die roten Äderchen in seinem Gesicht noch roter anliefen. Als sie fertig waren, entschuldigte er sich, erklärte, er käme gleich wieder und kam aus einer Konditorei um die Ecke mit einer großen Platte, auf der sechs oder sieben Tortenstücke lagen, und einer riesigen Schüssel voll Schlagsahne zurück. Er kochte Kaffee, und während sie ihn tranken, zeigte er ihr umständlich Fotos der Verwandten, von denen er ihr erzählt hatte und die sie nicht kannte. Sie mochte Süßes nicht, sondern viel lieber Scharfes und Saures wie Würstchen mit viel Senf oder Essiggurken, aber obwohl das Ganze – Buttercremetorte mit Schlagsahne – schrecklich süß und fett war, stopfte sie die Torte ihm zu Gefallen in sich hinein. Sie brachte es aber fertig, ein zweites Stück abzulehnen. Er blickte durch seine Nickelbrille ratlos auf die liegengebliebenen Tortenstücke und den Berg Schlagsahne, überlegte eine Weile schweigend vor sich hinstarrend und stand dann auf und ging zu einem Schrank, aus dem er etwas merkwürdig Geformtes, metallisch Glänzendes nahm. Sie wußte zuerst nicht, was es war; dann erkannte sie darin eine Posaune. Er stellte einen Stuhl in die Mitte der Wohnküche, stieg darauf, räusperte sich und begann auf der Posaune zu spielen. Wenn ihm ein Ton mißriet, schüttelte er ärgerlich den Kopf und begann wieder mit dem Stück von vorn. Er spielte »Da ging der liebe Herrgott durch den Wald« und »Der fröhliche Landmann« und schließlich, nachdem er seinen Pullover ausgezogen hatte, »La Paloma«. Über die Fensterscheiben rannen Regentropfen wie große Tränen, und die nassen Geranien davor ließen die Köpfe hängen. Sie fühlte eine unsägliche Traurigkeit in sich aufsteigen, denn der Onkel war noch viel einsamer als sie, doch für ihn würde es nie mehr etwas anderes geben als seine Kaninchen und seine Posaune, und als er die Posaune sinken ließ, von dem Stuhl stieg, von einem Regal über der Sitzecke eine Balaleika nahm, sich zu ihr an den Tisch setzte und russische Volksweisen zu klimpern begann, wobei er ihr mit leiser, monotoner Stimme erklärte, er habe das Instrument vor vielen Jahren in sibirischer Gefangenschaft spielen gelernt, hielt sie es nicht länger aus.

Sie sprang auf, rannte ohne ein Wort aus dem Zimmer, ließ ihren Mantel hängen und lief durch den prasselnden Regen die steile Straße hinunter zum Bahnhof. Die Tränen, die aus ihren graugrünen Augen über ihr Gesicht liefen, vermischten sich mit den Tropfen auf ihren Wangen, ihr schulterlanges kastanienbraunes Haar war strähnig von dem Regen, und das Schluchzen, das aus ihr hervorbrach, schüttelte ihren ganzen Körper. Später im Zug – ihr war übel von der fetten Torte, und sie mußte während der ganzen Fahrt stehen – tat sie etwas, was sie nicht getan hatte, seit sie zehn oder elf Jahre alt war: Sie steckte einen Finger nach dem andern in den Mund und kaute ihre Nägel bis zu den Kuppen ab.

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
370 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726032208
Yayıncı:
Telif hakkı:
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