Kitabı oku: «Simons Weg», sayfa 2

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„Legen sie ihn doch bitte hier oben hin“, bat er Claudia und wies auf eine gepolsterte Liege.

Sie folgte seiner Bitte. Dr. Breitner trat einen Schritt an die Liege heran, schlug die Decke zur Seite und knöpfte Simons Strampler auf.

Er nahm sein Stethoskop zur Hand, hauchte es mit seinem Atem etwas an und legte es auf Simons Brust. Nach ein paar Sekunden ließ er ein ominöses „Hmm“ hören.

„Der Herzschlag des kleinen Mannes scheint in Ordnung zu sein“, sagte er nur ohne den Blick von Simon zu nehmen. „Können sie ihn bitte einmal kurz hochnehmen, damit ich seine Lungen abhören kann“, forderte er Claudia auf. Dr. Breitner zog Simons Strampler am Rücken nach oben und hörte seine Lungen ab. Auch in Ordnung.“ Worauf er sein Stethoskop wieder, in typischer Arztmanier über die Schultern schwang. „Sie haben gesagt, dass er alle zwei, drei Stunden wach wird und zu schreien beginnt“, fragte er Claudia über den Rand seiner Bille hinweg. „Ja. Und zwar so heftig, dass es kaum auszuhalten ist.“ Ich weiß schon nicht mehr, was ich machen soll.“ Dr. Breitner schien zu überlegen. „Legen sie ihn doch bitte noch einmal hin“, forderte er Claudia auf, die tat, worum er sie bat. Der zog daraufhin eine kleine Stabtaschenlampe aus seiner Brusttasche und begann in die Augen Simons zu leuchten.

Claudia kam es vor, als würde dieser Schritt, viel zu langer dauern. Schließlich schob der Arzt jeweils einen Finger zwischen die zarten Finger Simons. Etwas, dass Simon, nicht zum Anlass nehmen wollte, um danach zu greifen. Als Claudia ihre Ungeduld, nicht mehr zu zügeln wusste, fragte sie den Arzt: „Ist etwas mit seinen Augen, oder seinen Armen?“

Dr. Breitner steckte die kleine Lampe wieder zurück in seine Brusttasche und sagte: „Mit dem Herzen und den Lungen scheint wie gesagt, alles in Ordnung zu sein.“ „Hat es Komplikationen während der Geburt gegeben“, wollte er von ihr wissen. Irgendetwas in seinen Augen drückte Besorgnis aus. Angesichts der Tatsache, dass sie in den vergangenen zwei Wochen, kaum ein Auge zugetan hatte, konnte sie aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sie richtig lag. „Na ja“ setzte Claudia an. „Wie sie wissen, sind eine Zeit lang keine Wehen mehr gekommen und zwischendurch wollte der Entbindungsarzt schon einen Kaiserschnitt vornehmen, weil es ihm zu lange gedauert hatte.“

„Ja, richtig“, erinnerte sich Dr. Breitner. Wie, um den Befürchtungen, die abermals im Raum standen, die Schwere zu nehmen, fügte sie hinzu: „Aber es wurden doch alle Untersuchungen gemacht und die haben nichts dabei gefunden!“ Dr. Breitner ging um seinen Schreibtisch herum, setzte sich und sagte: „Die Augen eines Neugeborenen sind normalerweise recht empfindlich“, begann er zu erklären. „Außerdem ist der Greifreflex“; er machte mit seinen eigenen Händen eine Art Greifbewegung; „...bei Neugeborenen recht gut ausgeprägt.“

„Bei Simon“, fuhr er langsam fort; „scheinen beide

Reflexe nicht ganz so gut ausgebildet zu sein.“ Dr. Breitner sah sie an, so als würde er erkennen wollen, ob Claudia ihn verstanden hätte. Claudia stand bei Simon, hielt ihn mit sanftem Griff.

Nachdem sie einen Blick auf ihren, ruhig daliegenden Sohn gemacht hatte, sah sie wieder zum Arzt.

„Und was bedeutet das jetzt“, fragte sie diesen, während sie Simons Jäckchen, wieder zuzuknöpfen begann. Dr. Breitner zog den vor sich liegenden weißen Block näher zu sich heran und begann darauf zu schreiben. Ohne auf die Frage Claudias näher einzugehen, sagte er: „Ich stelle ihnen eine Überweisung aus. Diese ist für einen Untersuchungstermin bei Dr. Haslauer“, fuhr er fort. „Dr. Haslauer ist Neurologe am Krankenhaus in

Mistelbach. Er ist auf Kinder spezialisiert“, woraufhin er den beschriebenen Zettel vom Block abriss. Schon beim Fallen des Wortes Neurologe, war Claudia in eine Art Starre verfallen. Während sie Simon hielt, sah sie den Arzt mit fragendem Blick an. Neurologe…, das konnte nichts Gutes bedeuten!

Dr. Breitner war mittlerweile, um den Tisch herumgekommen, und ging auf sie zu.

„Hier bitte“, sagte er, während er Claudia den zusammengefalteten Überweisungsschein, hinhielt. Das Lächeln auf seinem Gesicht, war noch immer von jener warmen Herzlichkeit gezeichnet, die ihm so zu eigen war. Doch Claudia, die, seit sie das Wort Neurologe gehört hatte in Alarm versetzt war, war sich nun nicht mehr ganz so sicher, ob sie diesem trauen konnte. Dr. Breitner schien die unausgesprochenen Befürchtungen Claudias zu spüren.

„Mache sie sich keine unnötigen Gedanken“, begann er.

„Wir wollen nur alle in Betracht kommenden

Möglichkeiten ausschließen.“ Wieder zeigte er dieses Lächeln, mit dem er sie versichern wollte, dass schon alles in Ordnung sein würde.

Als sie mit Simon nach Hause kam, befreite sie ihn von der Decke, um ihn in sein Bettchen zu legen, wo er nach wenigen Minuten eingeschlafen war. Ihre Gedanken begannen zu kreisen, ließen ihr keine Ruhe. Die folgende Nacht, gestaltete sich wieder so, wie alle anderen zuvor. Nach den ersten beiden Stunden – es kam ihr weniger vor – begann Simon wieder aus Leibeskräften zu brüllen. Nachdem es ihr gelungen war, ihn zu beruhigen, etwas das zunehmend schwieriger zu bewerkstelligen war, legte sie ihn zurück in sein Bettchen, wo er fast augenblicklich eingeschlafen war. Nach einigen Tagen war sie von dem immer wiederkehrenden Prozedere so aufgezehrt, dass sie, kaum dass sie selbst eingeschlafen war, wieder hochfuhr, weil sie irrtümlich dachte, Simon schreien zu hören. Es reichte!

Mit den Nerven soweit am Ende, dass sie schon Schreie zu hören glaubte wo keine waren, würde sie den noch verbliebenen Rest ihrer Nerven einbüßen. Wissend, dass sie in zwei Tagen den angesagten Termin in der Klinik haben würde, beruhigte sie wenigstens einigermaßen. Dennoch, sie wusste nicht was die Untersuchungen dort bringen würden! Doch alles, alles war besser, als die Ungewissheit die sich ihrer bemächtigt hatte. Ganz zu schweigen, von der Tatsache, dass sie selbst bald einen Arzt brauchen würde.

Mit dem Kopf nach hinten

An einem Sonntag, war sie bei ihren Eltern zum Mittagessen eingeladen. So sehr sie die beiden auch liebte ...! Es würde ein anstrengender Tag werden. Ihr Vater, Horst, ein ehemaliger Maurer und ihre Mutter Hannelore, eine ehemalige Postbeamtin, hatten sich ein beschauliches Leben aufgebaut. Trotz ihrer beiden geringen Einkommen, aber dank eisernen Sparens, war es ihnen gelungen sich ein kleines Häuschen am Stadtrand von Poysdorf, einer kleinen, beschaulichen Stadt, wenige Kilometer vom Wiener Stadtrand, zu bauen.

Claudias Vater, ein leidenschaftlicher Sammler aller

Dinge die älter als 40 Jahre waren, hatte sämtliche

Wände des Hauses mit, seiner Meinung nach mit „Antiquitäten“ tapeziert. Etwas, das ihrer Mutter sauer aufstieß, weil sie den überbordenden Anblick von „altem Kram“, wie sie es nannte, kaum mehr ertragen konnte. Die Sammlerleidenschaft ihres Vaters ging so weit, dass er einen alten Schuppen, der im hinteren Teil des kleinen Gartens stand, zu einer Aufbewahrungsstätte umfunktioniert hatte und diesen alle paar Jahre erweitern musste, weil er Platz für neue, alte Sachen brauchte. Auch an diesem Sonntag, Claudia war kaum mit Simon im elterlichen Haus angekommen, startete ihr Vater einen Angriff auf sie. Nicht ohne zuvor, ganz dem Gebaren eines typisch stolzen Opas nach, Simon mit Liebesbezeugungen einzudecken.

Nebst den zahllosen „Hey, du Süßer. Wie geht`s dir denn“ und „Was-bist-du-doch-für-ein Goldiger“ Attacken, musste er alles erdulden, was das großelterliche Zuneigungsregister hergab.

Dann aber kam es schon! „Du musst dir unbedingt die neuen Porzellanteller ansehen, die ich gestern bekommen habe“, sagte Claudias Vater, kaum dass er mit seinen großväterlichen Liebesbekundungen fertig waren. „Die hab` ich günstig bei eBay ersteigert“, ließ er sie wissen. Claudia erhaschte den Blick ihrer Mutter, die ihre Augen schräg nach oben gerichtet hatte. „Papa“, sagte Claudia. „Wir sind doch gerade erst angekommen.“ „Lass und erst mal einen Kaffee trinken, ja“, forderte sie ihn bittend auf. Ihr Vater, sah die Notwendigkeit ein und ließ den Einwand seiner Tochter gelten. „Na gut“, sagte er. „Aber später musst du dir unbedingt die Sachen ansehen.“ Claudia wusste, dass sie nicht umhinkommen würde seine neuen Errungenschaften zu begutachten. Ungeachtet der Tatsache, dass sie ihn einst hat wissen lassen, dass Teller für sie eben nur Teller waren. Einer Äußerung, die er gerade für so würdig hielt, um sie mit einem Kopfschütteln, abzutun. Doch für den Moment, dem Kaffee sei Dank, war die Gefahr gebannt. „Was hat der Neurologe gesagt“, wollte ihre Mutter von ihr wissen, während sie den Kaffee aufgoss. Welches sie, den Sitten des Hauses angepasst, nicht einem dieser neumodischen Vollautomaten überließ. „Das Zeug, dass die Dinger machen, schmeckt einfach nicht!“ Womit die Sache für sie erledigt war. Während sie das heiße Wasser, andächtig über das Kaffeepulver goss, stellte sie jene Frage, vor welcher Claudia sich am meisten gefürchtet hatte.

Claudia, die sich in der Zwischenzeit von ihrer Jacke befreit hatte, um anschließend Simon von der seinigen zu befreien, tat einen Schnaufer. „Er hat zum x-ten Mal ein EEG und ein CTG gemacht, wie bei den letzten Malen auch. Und wie bei den letzten Malen auch konnte er nichts Abnormales feststellen.“

„Er hat aber gemeint, dass es, wenn Simon bei der Geburt zu lange keinen Sauerstoff bekommen hat, er früher oder später unter einer Beeinträchtigung leiden könnte. Eine andere Bezeichnung für eine Behinderung.“ „Tatsache ist, dass man das in diesem Alter noch nicht feststellen kann!“ Nun war es ausgesprochen. Sie hatte das gesagt, was sie wie ihre Eltern auch, befürchtet hatten. Ihre Mutter, kaum dass ihre Tochter den Satz ausgesprochen hatte, ließ den Kaffee, Kaffee sein und sah ihre Tochter mit bekümmertem Gesicht an. „Was soll das heißen“, fragte ihre Mutter.

„Von welcher Beeinträchtigung redet er?“

Claudia begann sich unwohl zu fühlen. Nicht genug, dass sie mit der Ungewissheit leben musste, ob Simon beeinträchtigt sein würde. Die Sache, hier und jetzt in der Küche ihrer Mutter, erklären zu müssen, kostete sie alle Überwindung, die sie nur imstande war, aufzubringen. „Euch ist vielleicht aufgefallen, dass Simon seinen Kopf immer nach hinten gedreht hat“, sagte Claudia. „So gut wie nie, sieht er nach vorne. Noch nicht einmal dann, wenn andere sich, direkt vor ihm, unterhalten. „Ja klar“, bestätigte ihre Mutter etwas zögernd. „Aber ich ..., ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen.“ Claudia erkannte die Verlegenheit ihrer Mutter. Deren Verlegenheit machte sie selbst nur noch verlegener. Diese Verlegenheit, die unweigerlich mit dem unausgesprochenen Vorwurf gegen sich selbst einherging, schuld am Zustand Simons zu sein, ließ sie innerlich zusammensinken. Noch einmal atmete sie tief durch. Da sie schon mal das Thema angesprochen hatten, konnten sie es auch gleich ganz durchkauen. „Das ist auch Dr. Haslauer, dem Neurologen aufgefallen“, begann Claudia. „Er kann aber jetzt noch nicht sagen, ob dies mit der Komplikation während der Geburt zusammenhängt! Alles was wir momentan tun können, ist abwarten!“ Jetzt, da es raus war, fühlte sie sich noch schlechter als zuvor. Sie sah zu Boden, um dem Blick ihrer Mutter nicht zu begegnen.

Stille breitete sich im Raum aus. Nach einer kleinen Pause war es Claudia, die wieder zu reden begann.

„Außerdem …, spannen sich seine Muskeln in den Armen und Beinen unwillkürlich an.“

Claudia hatte begonnen, sich mit beiden Händen an der Stuhllehne festzuhalten. Die ganze Sache fiel ihr um einiges schwerer, als sie gedacht hatte. „Du meinst, dass er Krämpfe hat“, wollte Claudias Mutter wissen.

„So kann man das auch nennen“, bestätigte sie ihrer Mutter. „Dieser Doktor Haslauer meinte, dass das auch Spastiken sein könnten! Sie können es noch nicht mit Genauigkeit sagen!“ Claudia zeigte ein Schulterzucken, dass das Gefühl der Hilflosigkeit in ihr noch mehr verstärkte.

Sie hasste dieses Gefühl. Diese formlose, durch nichts zu greifende Emotionen, welches sie auszuhöhlen schien. Umsonst hatte sie versucht sich einzureden, dass, da auch die Ärzte nicht wussten, ob es Spätfolgen geben würde, sie sich nicht völlig umsonst, verrückt machte. Claudia, die für einen Augenblick den Blick angehoben hatte, um zu sehen, wie ihre Mutter auf die Neuigkeit reagierte, sah den Schrecken auf deren Gesicht. Als diese sich einer kleinen Weile vom Schrecken erholt hatte, fragte sie Claudia: „Deswegen wacht er auch alle zwei Stunden auf, oder? Weil er Krämpfe, weil er Schmerzen hat!“ Claudias Mutter sah für einen Augenblick auf Simon, der friedlich in seiner Tragetasche lag. „So genau können sie es noch nicht sagen“, erwiderte Claudia ausweichend. „Es ist noch zu früh, um das mit Bestimmtheit sagen zu können. Auf dem CT sieht alles normal aus. Was aber nicht heißen will, dass es so ist, weil man in diesem Alter noch nicht sagen kann, ob das Gehirn …, ob das Gehirn, weil es eventuell bei der Geburt, einen…, Schaden erlitten hat!“ Die Stille, die sich wieder breitgemacht hatte, drückte auf beide, wie eine schwere Last, derer sie sich nicht erwehren konnten. Der Raum schien mit einem Mal kleiner geworden zu sein. Ihre Mutter war die erste, die wieder imstande war, etwas zu sagen. „Genaues wissen sie aber noch nicht“, fragte ihre Mutter sie in einem Ton, mit dem sie ihrer Tochter zu verstehen geben wollte, dass noch nichts feststand. „Nein“, bestätigte Claudia. „Sie nehmen es aber an“, sagte Claudia, die den Kopf gesenkt hatte. „Auch wenn sie das nicht ausdrücklich gesagt haben. Jedenfalls glauben sie, dass, sollten es Spastiken sein, diese mit dem Älterwerden zunehmend schwerer werden“, setzte sie nach. Claudia hatte im Bruchteil einer Sekunde gehofft, dass, wenn sie die unausgesprochene Vermutung erst einmal ausgesprochen haben würde, sie sich leichter anfühlen würde. Das Gegenteil war der Fall. Tränen traten ihr in die Augen. Tränen, die seit Langem geweint sein wollten. Ihre Mutter stellte den Topf mit dem Wasser zurück auf den Herd, der dabei ein für Claudia, viel zu lautes Geräusch von sich gab. Claudia versuchte, einen Punkt mit ihren Augen zu erfassen, an dem sie sich fixieren konnten. Nur ein Augenzwinkern davon entfernt, und die Tränen würden ihr die Wangen herablaufen. Plötzlich stand ihr Vater in der Tür. „Wie siehts denn jetzt aus mit dem Kaffee“, fragte er.

„Du wirst es erwarten können“, fuhr seine Frau ihn an.

„Ist ja schon gut“, wehrte er erschrocken ab. „Was ist denn los mit euch beiden“, fragte er die beiden, als er erkannte, dass irgendetwas nicht stimmte. „Ihr seht ja aus, als wäre der Himmel eingestürzt.“

„Ganz so schlimm ist es nicht“, entgegnete ihm seine Frau.

„Andererseits sind wir nicht so weit davon entfernt.“ Als die beiden nichts weiter dazu sagten, wurde er ungeduldig. „Möchte mir vielleicht endlich jemand sagen, was hier los ist?“ Es war seine Frau, die den Mut fand, ihm die Situation zu erklären. Horst, dem man nicht nachsagen konnte, dass er zu den Schnellsten gehörte, erst recht nicht was das Denken anging, stand mucksmäuschenstill da. Mit halboffenem Mund, betrachtete er die beiden, während er versucht war, die richtigen Worte zu finden, die auf solch eine Hiobsbotschaft passen würden. Schließlich gab er es auf. Es war noch nie seine Sache gewesen, einer Situation mittels Worte, die Schärfe zu nehmen. Stattdessen ging er zu den beiden hin, umfing seine beiden Frauen mit seinen immer noch kräftigen Armen und begann sie zu drücken.

Den Rest des Tages, inklusive dem gemeinsamen Mittagessen, hing ein Schatten über dem Haus. Fragen standen im Raum, Vermutungen, die beantwortet und besprochen werden wollten.

So sehr sich alle drei bemühten, der Neuigkeit nicht noch mehr Macht zu geben. Am Ende hatte diese sie, zumindest für diesen Tag besiegt. Ungewissheit, lag träge über allen, die sie fast zu erdrücken schien. Immer wieder sah einer der Dreien auf Simon, der sich manchmal meldete, um entweder gefüttert oder gehalten zu werden. Die Tatsache, dass Simons Kopf, immer wieder nach hinten glitt, fiel allen nun umso mehr auf. Es war Claudias Vater, der Claudia schließlich fragte.

„Weiß Martin davon“, fragte er seine Tochter. „Natürlich weiß er davon“, erwiderte sie auf die Frage ihres Vaters. „Er ist immerhin der Vater von Simon.“ „Und was sagt er dazu?“ Claudia begann die Fragerei, die ihrer Meinung nach völlig unnötig war, zu nerven. „Papa“, begann sie. „Was soll er schon dazu sagen?“ „Er ist genauso betroffen wie ich.“ Claudia zuckte mit den Schultern, hoffte, dass die Fragerei damit ein Ende haben würde. Der Tag begann für alle drei mühsam zu werden. Für Claudia, der das Berichten über die Neuigkeit, den letzten Rest an Energie aus dem Leib gezogen zu haben schien, als auch für ihre Eltern, weil sie, die sie Zeit ihres Lebens jede noch so große Schwierigkeit gemeistert hatten, nun vor einem Problem standen, dem sie nichts entgegen zu setzen hatten. Nun begann auch bei ihnen jenes Gefühl Einzug zu halten, dass einer Ohnmacht nicht unähnlich, Besitz von ihnen ergriff.

„Wenn das stimmt, was die Ärzte sagen ...“, setzte Claudias Mutter an. „Dann steht dir noch einiges bevor.“ Schon immer war sie eine Frau gewesen, die die Dinge lieber beim Namen nannte. Aufgewachsen und groß gezogen von einer Mutter, die selbst nichts davon hielt, um den heißen Brei herumzureden, hatte sie sich selbst angewöhnt, deren Beispiel zu folgen. „Alles ist besser, wie Unklarheit“, war einer ihrer Leitsprüche. Auch, so hoffte sie in diesem Augenblick, noch nichts Genaues, feststand.

Ihre Mutter sah sie an, suchte im Blick ihrer Tochter nach etwas, das ihr sagte, dass sie sich dessen bewusst war. „Ich weiß“, sagte Claudia.

„Wie ihr euch denken könnt, hab` ich mich in der Zwischenzeit im Internet informiert. Für den Fall, dass wirklich das eintritt, was die Ärzte für möglich halten!“ Der Gedanke daran, machte sie schwindelig und sie musste einen Moment lang innehalten, um tief Luft zu holten. „Sollte es wirklich so sein, wie die Ärzte vermuten, wird es mit der Zeit auch zu Veränderungen an den Gelenken kommen. Die Krämpfe werden schlimmer werden. Und das ist noch nicht alles“, sagte sie weiter. „Sollte es stimmen, dass Simon ..., Spastiker ist, wird er nie in der Lage sein stehen oder gehen zu können. Er wird im Rollstuhl landen!“

Claudias Mutter sah die Tränen in den Augen ihrer Tochter, noch bevor sie ihr über die Wangen liefen. Sie stand auf, ging um den Tisch herum und umarmte sie. „Wir werden das zusammen schon hinkriegen“, sagte sie aufmunternd zu ihrer Tochter, während sie ihr beruhigend über den Rücken strich.

Danach ging sie auch zu Simon, der ruhig und scheinbar zufrieden in seiner Tragetasche lag. „Und um dich werden wir uns ganz besonders gut kümmern“, sagte sie in leisem, fast flüsterndem Ton zu ihm. Ihr Vater saß auf seinem Stuhl sah zu Simon hin und begann seinen Kopf zu schütteln. „Da soll mir noch einmal einer mit einem liebenden Gott kommen“, sagte er vorwurfsvoll, ohne dabei den Blick himmelwärts zu richten. Er hatte schon vor Langem damit aufgehört, an jenen Gott zu glauben, den ihm die Kirche von früh an schmackhaft machen wollte. „Gott hat damit nichts zu tun“, entgegnete Claudia ihrem Vater. „Und wenn doch ...“, setzte sie an, um den in ihrem Kopf bereits beendeten Satz, dann doch nicht zu beenden.

Zwar gehörten ihre Eltern – ihr Vater am allerwenigsten

nicht zu jenen, die der Kirche all jene Geschichten abkauften, die diese so gerne geglaubt haben würde, doch den Satz, den Claudia nur gedanklich zu Ende geführt hatte, ließ sie dann doch unausgesprochen. Claudias Vater sah sie an und sagte dann: „Wie auch immer, wir sind eine Familie und wir stehen auch das noch durch.“ Damit stand er auf, ging zu Simon und drückte ihm einen Kuss auf beide Wangen.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er zu ihm.

„Wir machen das schon, gell!“

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