Kitabı oku: «Mord im Spital», sayfa 2

Yazı tipi:

Die Staatsanwältin

Für das Treffen mit den Behörden hatte ich unser großes Besprechungszimmer gewählt, dort würden wir alle Platz finden. Kaffee und Getränke standen bereit. Es kamen nicht weniger als sieben Personen. Drei Damen und vier Herren. Zwei Frauen von der Staatsanwaltschaft und eine von der Polizei. Die übrigen vier waren ebenfalls Polizisten, einer davon mein Freund Jakob Steinbeißer, Chefin­spektor bei der Kripo. Er war übrigens auch bei meinem Geburtstagsfest gewesen. Der Gerichts­mediziner war selbstverständlich auch anwesend. Ich begrüßte alle, bat sie, Platz zu nehmen, und ergriff das Wort.

„Meine Damen und Herren, ich darf Sie hier als Leiter der Abteilung begrüßen. Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich alle Infragekommenden gebeten, sich bereitzuhalten. Sie können den Arzt befragen, der die Infusion hergerichtet hat, die Schwester, die sie angehängt hat, den Anästhesisten, der die Wiederbelebung gemacht hat, die leitende Stationsschwester und außerdem die Diensthabenden der Nachbarstation und alle Ärzte, die am Samstag Dienst hatten. Unmittelbar nach den Vorfällen habe ich alle gebeten, ein Gedächtnisprotokoll zu verfassen, und ich habe auch selbst versucht, meine Beobachtungen und Eindrücke niederzuschreiben. Ich verspreche Ihnen, wir werden um eine gute Zusammenarbeit bemüht sein.“ Nach diesen Worten setzte ich mich.

Die Staatsanwältin, die während meiner kleinen Rede säuerlich gelächelt hatte, meinte sarkastisch: „Wenn Sie bisher schon alles gemacht haben, wollen Sie nicht auch gleich selbst die Ermittlungen leiten?“

Das musste ich mir in meinem Haus nicht bieten lassen. Ohne ein Wort zu verlieren, stand ich auf, verließ den Raum und ging in mein Büro. Alle sahen mir erstaunt nach, nur Jakob schmunzelte. Ich zog mich um und fuhr nach Hause. Noch während der Fahrt läutete mein ­Mobiltelefon. Es war Jakob.

„Paul, was ist los? Sei doch nicht beleidigt. Komm zurück. Die ist immer so eklig. Sie will damit die Leute einschüchtern.“

„Nicht mich. Ich bin bereits auf dem Weg nach Hause, meine Dienstzeit ist zu Ende. So eine blöde Kuh, ich bemühe mich, bin freundlich, bereite alles für euch vor, und sie will sich wichtigmachen und fährt mir über den Mund.“

„Sie ist dafür bekannt. Sie wird dich zu einer Einvernahme ins Gericht bestellen.“

„Dann werde ich kommen, aber wie du weißt, ein Arzt hat nicht immer Zeit. Spielchen kann sie mit anderen spielen. Mein Protokoll liegt am Tisch, ihr habt für heute genug Arbeit. Macht eure Einvernahmen.“

„Na, wie du glaubst.“

Als ich Julia von meinem Auszug berichtete, lachte sie hell auf. Als Rechtsanwältin kennt sie natürlich die Justiz und ihre Beamten. Als ich ihr die Staatsanwältin beschrieb, nannte sie mir ihren Namen: Frau Leitner-Markovic.

„Das tut der gut, dass sich einmal einer gegen sie wehrt. Sie fährt über alle Leute drüber und versucht, sie einzuschüchtern. Es gibt Gerüchte, dass sie eine politische Karriere anstrebt, ihr Mann ist Politiker. Man hat ihr den Spitznamen ,Justizministerin‘ verpasst.“

„Ich werde sie zur Strafe ein wenig ärgern.“

„Ich werde dir juristischen Beistand leisten.“

Am Abend rief Marion an.

Sie klang verzweifelt: „Paul, sag mir, wisst ihr schon, woran Fritz gestorben ist?“

„Es tut mir leid, dass ich dir das sagen muss, aber er dürfte an einer Vergiftung gestorben sein.“

Sie sprach minutenlang nicht. „Vergiftung?“

„In der Antibiotikaflasche befand sich Kaliumchlorid in hoher Dosierung. Ich darf dir das wahrscheinlich gar nicht sagen.“

„Wer hat das getan, und warum?“

„Die Staatsanwaltschaft und die Polizei ermitteln, sie waren heute im Spital und haben alle Personen, die am Samstag Dienst gehabt haben, befragt.“

„Kann ich zu euch kommen?“

Ich sah Julia fragend an. Sie nickte.

„Selbstverständlich.“

Eine halbe Stunde später läutete es an der Haustür, Marion war da. Ich ließ sie herein und umarmte sie. Sie wirkte gefasst. Auch Julia nahm sie in die Arme. Wir setzten uns ins Wohnzimmer, und ich begann, den Ablauf der Ereignisse im Licht der neuen Erkenntnisse zu schildern.

„Du meinst also, dass es Mord war?“

„Die Tatsachen lassen keine andere Schlussfolgerung zu. Ich glaube nicht an Fahrlässigkeit. Auf der Station gab es zu dieser Zeit nur im Notfallwagen Kaliumchlorid, auch im Abfallbehälter waren keine leeren Ampullen. Jemand muss das Kalium mit voller Absicht in die Infusion gegeben haben, während ihr beide am Gang auf und ab spaziert seid. Die Infusionsflasche trug den Namen deines Mannes. Alle Menschen, die sich auf der Krankenstation aufhielten, könnten das Zimmer betreten und etwas in die Flasche gegeben haben. Kein Mensch achtet darauf, wenn eine Schwester oder ein Besucher ein Zimmer betritt.“

„Wir sind eine Weile auch im Aufenthaltsraum gesessen.“

Ich reichte ihr ein Glas Rotwein, sie trank einen Schluck.

„Wer könnte an seinem Tod Interesse haben?“

„Das musst du am ehesten wissen. Das wird dich auch die Polizei fragen. Sie werden deine privaten Beziehungen durchwühlen und die Geschäfte eurer Firma durchforsten. Mach dich auf Unangenehmes gefasst.“

Sie seufzte auf und begann hemmungslos zu weinen. Julia hatte sich an ihre Seite gesetzt und ihre Arme um sie gelegt. Nach einer Weile beruhigte sie sich.

„Marion, wir sind beide für Sie da. Wenn Sie persönlich eine juristische Beratung bei der Verlassenschaft brauchen, so bin ich gern bereit, für Sie zu arbeiten.“

Marion stand auf, sie hatte sich einigermaßen gefasst.

„Ich danke euch für eure Freundschaft, gerne werde ich auf eure Angebote zurückkommen. Danke für die Offenheit, Paul, ich werde auf der Hut sein und dich nicht verraten.“

Wir begleiteten sie zur Tür.

Mein Handy läutete, es war Jakob.

„Na, Schatz, wie war dein Tag?“, fragte ich ihn scheinheilig.

„Es war nicht leicht. Frau Staatsanwalt war durch den Gesichtsverlust, den sie durch deinen Abgang erlitten hat, ganz schlechter Laune. Deinen armen Turnusarzt und die Schwester hat sie fast zerrissen. Es war wie ein Kreuzverhör mit überführten Mördern, aber dank des Gedächtnisprotokolls und deiner peniblen Aufzeichnungen und Beweisstücke ist es ihr nicht gelungen, die beiden einer fahrlässigen Tötung zu überführen. Du bist schon ein alter Schlaumeier.“

„Jakob, nicht Schlaumeier, sondern gebranntes Kind. Wir haben jedes Jahr Anklagen wegen Kunstfehlern am Hals und sind seit Jahren nicht bestraft worden, weil wir immer alles gut dokumentieren und Beweise vorlegen können, die uns recht geben, und, das ist wichtig, wir haben nie geschummelt oder gelogen.“

„Ist es wirklich so arg?“

„Es wird immer schlimmer. Es ist beinahe schon wie in den USA. Jeder, der mit dem Resultat seiner Behandlung unzufrieden ist, klagt. Aber meistens gelingt es, die Beschwerden außergerichtlich bei der Schlichtungsstelle zu erledigen.“

„Sie wird dich, den hochnäsigen weißen Gott, in ihr Büro bestellen.“

„Gerne, ich werde meine Anwältin mitbringen.“

„Eine gute Idee, sonst setzt sie dich womöglich noch fest. Eine Art Beugehaft.“

„Julia wird mich heraushauen.“

„Ich komme morgen am Nachmittag zu dir und werde eine peinliche Befragung durchführen.“

„Geht es nicht am Vormittag? Du weißt doch, Mittwochnachmittag ist Golf angesagt. Sonst habe ich ja nie Zeit.“

„Nie Zeit, dass ich nicht lache. Du bist ja ununterbrochen am Golfplatz. Aber gut, von mir aus, aber nur weil wir befreundet sind, dann komme ich eben am Vormittag.“

„Sag einmal, ich habe gar nicht gewusst, dass die Staatsanwaltschaft schon so früh bei den Erhebungen dabei ist. War das immer so?“

„Nein, erst seit der Strafprozessreform 2008. Ursprünglich war die Staatsanwaltschaft als reine Antragsbehörde konzipiert, die entweder Verfahren einstellte oder Strafanträge und Anklagen bei den Gerichten einbrachte. Im neuen System ist sie aber auch Ermittlungsbehörde. Die Staatsanwälte leiten nun das gesamte Ermittlungsverfahren, können der Kriminalpolizei Anordnungen geben und selbst Ermittlungen führen. Nicht jeder Staatsanwalt tut das. Es gibt aber ehrgeizige und karrierebewusste Staatsanwälte, die versuchen, sich in wichtigen Verfahren zu profilieren.“

„Haben wir es hier mit so einem Fall zu tun?“

„My lips are sealed.“

An dieser Stelle muss ich wohl mein Verhältnis zu Jakob erläutern. Vor Jahren hatten wir uns bei einem Mordfall kennen und schätzen gelernt. Ich hatte ihm geholfen, den Fall zu lösen. Das klingt zwar etwas hochtrabend, stimmt aber. Daraus hat sich eine echte Freundschaft entwickelt. Und erst vor zwei Jahren hatte ich wiederum zusammen mit Jakob eine Kunstfälscherbande hinter Schloss und Riegel gebracht. Das war ziemlich gefährlich gewesen, und ich hatte meiner Frau schwören müssen, mich nie wieder in so eine Situation zu bringen. Nicht nur Jakob und ich, sondern auch unsere Frauen sind befreundet. Julia hat gerade Jakobs Frau überredet, mit dem Golfen anzufangen. Er sträubt sich noch hartnäckig dagegen, aber es wird ihm nichts nützen. Auch er wird anfangen müssen. Wir treffen uns regelmäßig, im Winter spielen wir in der Halle Tennis und gehen gemeinsam Schi fahren, im Sommer machen wir Bergpartien, mit einem Wort, wir sind echte Freunde.

Am nächsten Tag kam Jakob schon um zehn Uhr in mein Büro, mit der jungen Kollegin, die schon am Vortag dabei gewesen war und die er mir nun als Frau Inspektor Blassnig vorstellte. Ich gab eine knappe und präzise Darstellung meiner Sichtweise. Bei einigen Punkten hakte er nach. Dann kam die unvermeidliche Frage, wer denn die Tat begangen haben könnte?

Ich antwortete schweren Herzens: „Nur jemand, der die Station und ihren Betrieb genau kennt und der exakte medizinische Kenntnisse besitzt, mit einem Wort, es muss ein Mitarbeiter oder zumindest ein ehemaliger Angehöriger der Klinik sein.“

„Arzt, Pflegepersonal oder jemand von der Verwaltung?“

„Am ehesten ein Arzt oder jemand vom Pflegepersonal.“

„Glaubst du, dass der oder die bei der Tat Berufskleidung getragen hat?“

„Kann sein, muss aber nicht sein. Jeder normale Besucher kann ein Krankenzimmer betreten, während der Besuchszeit gehen die Angehörigen der Patienten aus und ein. Es ist ganz einfach: Der Täter beobachtet das Opfer und seine Frau, die am Gang auf und ab gehen und auch längere Zeit im Aufenthaltsraum sitzen. Er geht in Lederers Zimmer, es ist ein Einzelzimmer. Die Spritze ist vorbereitet, es dauert nicht einmal eine Minute, um sie der Infusion beizufügen, und er verlässt das Zimmer wieder. Wenn jemand gekommen wäre, hätte er einfach gesagt, dass er die Infusion kontrollieren müsse, oder sich entschuldigt, dass er sich im Zimmer geirrt habe. Es ist insgesamt kein großes Risiko. Am Samstagnachmittag herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.“

„Jedenfalls ist niemandem etwas aufgefallen.“

„Befragt doch die anderen Patienten, ob irgendetwas Auffälliges passiert ist oder ob sie jemanden gesehen haben.“

„Haben wir, aber ohne Resultat.“

„Fragt nach einer Ärztin, einem Arzt oder Pfleger, nach Schwestern, die ihnen neu waren.“

„Das werden wir tun. Aber ich habe hier die Liste derer, die auf den beiden Stationen arbeiten, das sind rund 50 Personen.“

„Durch die Dreiteilung des Arbeitstags wird auch dreimal in 24 Stunden gewechselt. Dazu benötigt man viel Personal. Es herrscht ein derartiger Wechsel, dass die Patienten keine Bezugspersonen mehr haben. Ich beurteile diese Entwicklung absolut negativ, aber man kann nichts dagegen machen. Es liegt außerhalb der ärztlichen Kompetenz, wir dürfen und können dem Pflegedienst nichts mehr anordnen.“

Jakob sah seine junge Kollegin an und fragte, ob sie noch etwas wissen wolle.

Sie nickte und fragte: „Stellen Sie bei jedem Todesfall Infusionen und Medikamente sicher?“

„Ja schon. Vor allem, wenn der Tod unerwartet eintritt. Etwa bei einem mors in tabula, einem Tod am Operationstisch, aber auch wenn der Patient unmittelbar auf ein Medikament irgendwelche Reaktionen zeigt.“

Mit dieser Antwort gaben sich die beiden zufrieden und ließen mich wieder an meine Arbeit gehen.

Am nächsten Tag bekam ich einen Liebesbrief von der Staatsanwältin, Frau Dr. Leitner-Markovic. In der kurz gefassten Mitteilung stand, dass ich mich am Freitag um zehn Uhr im Büro der Staatsanwaltschaft, Zimmer 103, im zweiten Stock des Oberlandesgerichts einzufinden habe. Der Text war ungefähr so formuliert, dass, sollte ich der Vorladung unentschuldigt fernbleiben, ich bestraft werden oder eine Zwangsvorführung stattfinden würde.

Am Abend zeigte ich Julia die Vorladung.

Sie lachte: „Das ist nichts anderes als der übliche Gerichtsjargon. Sie wird dich schon nicht einbehalten. Solltest du Schwierigkeiten haben, ruf mich an, ich werde dir zu Hilfe eilen.“

„Diese Sprache scheint mir unhöflich und nicht mehr zeitgemäß.“

„Das kann schon sein. Aber vergiss nicht: Heute leitet der Staatsanwalt das Ermittlungsverfahren und kann in jedem Stadium der Ermittlung Beweisaufnahmen bei der Kriminalpolizei beantragen. Er gewährt und trifft Anordnungen und kann selbst eingreifen. Wenn du dich durch eine Anordnung des Staatsanwalts als ungerecht behandelt erachtest, kannst du das Gericht anrufen.“

„Wenn sie das tut, dann werde ich mich beschweren.“

Pünktlich um zehn saß ich am nächsten Morgen auf einer harten Bank vor dem besagten Zimmer. Wie erwartet, musste ich eine Viertelstunde warten. Viertel nach zehn rauschte die Frau Staatsanwältin mit zwei jungen Juristen grußlos an mir vorbei und ging in ihren Amtsraum. Fünf Minuten später wurde ich ins Zimmer gebeten.

Nach einem Kopfnicken, wohl als Gruß gemeint, forderte man mich auf, Platz zu nehmen. Frau Leitner-Markovic blätterte in ihren Akten. Ich betrachtete sie genau, sie war eigentlich eine attraktive Frau. Ein längliches schmales Gesicht, die schwarzen Haare hochgesteckt, ein eleganter Hals und eine schlanke Figur. Nur war da ein Zug von Verbissenheit. Ihre Miene war ernst, die Lippen zusammengepresst, man konnte sich nicht vorstellen, dass sie einmal lächeln könnte oder dass dieser Mund zärtliche Worte sagen würde.

In unhöflichem Ton und mit knappen Worten wurde ich nach meinem Geburtsdatum gefragt, wo ich wohnhaft sei und welchen Beruf und welche Stellung ich habe. Ich antwortete brav. Danach begann sie mit der eigentlichen Befragung, die mehr ein Verhör war. Geduldig und ruhig schilderte ich den Ablauf der Dinge, denn ich hatte es nun schon oft genug getan. Wieder und wieder stellte sie Fragen – dieselben wie zwei Tagen zuvor Jakob: ­Warum ich die Beweismittel sichergestellt hätte und ­warum ich jedermann aufgefordert hätte, Gedächtnisprotokolle zu schreiben. Das sei doch merkwürdig, wollte ich damit die Schuld vom Spital abwälzen?

„Frau Staatsanwalt, ich weiß nicht, ob Sie wissen, welchem Druck wir heute im Spital ausgesetzt sind, lassen Sie mich etwas ausholen. Die Abteilung, der ich vorstehe, führt fast 1500 Eingriffe im Jahr durch. Wegen angeblicher Kunstfehler oder zu Unrecht durchgeführter Operationen in den letzten Jahren wurden nicht weniger als zehn Anzeigen bei Gericht beziehungsweise bei der Schlichtungsstelle gemacht. Fast in allen Fällen sind wir freigesprochen worden, weil wir alles gut dokumentieren und nie etwas leugnen. Wir geben Fehler, die wir machen, zu. Dadurch wird es möglich, dass die Patienten Schadensersatz bekommen. Ich weiß sehr wohl, dass manche Kollegen ihr schuldhaftes Verhalten nicht zugeben wollen und die Geschädigten deshalb Schwierigkeiten haben, zu ihrem Geld zu kommen. Die hauptsächlichste Ursache dafür ist Eitelkeit. Fehler macht ein jeder, auch Organisationsfehler kommen immer wieder vor. Aber wir führen einen ständigen Kampf gegen Nachlässigkeit und Schlamperei. An meiner Abteilung wird immer alles offengelegt, und die Patienten werden von mir persönlich über eventuell begangene Fehler aufgeklärt. Ich finde, das ist das wenigste, was man machen kann. Daher mein Ersuchen um sofortige Gedächtnisprotokolle, daher das ­Sicherstellen von Infusionen. In meinem Schreibtisch habe ich einen ganzen Ordner mit Protokollen aufbewahrt, die nie benötigt wurden.“

Wieder blätterte sie in ihren Unterlagen, ihre Gesichtszüge hatten sich etwas entspannt.

„Ich habe nicht gewusst, dass so häufig Ansprüche gestellt werden.“

„Das meiste wird von der Schlichtungskommission der Ärztekammer erledigt, nur einzelne Fälle gelangen vor Gericht.“

„Wir werden einen Sachverständigen ersuchen, ein Gutachten zur Operation und zur medikamentösen Behandlung zu erstellen.“

„Da habe ich nichts dagegen.“

Dann wieder die obligatorische Frage, wer es denn meiner Meinung nach getan haben könnte?

Ich gab die gleiche Antwort wie schon mehrmals zuvor: „Die Tat kann nur von einem Menschen durchgeführt worden sein, der die Station und ihren Betrieb genau kennt und der exakte medizinische Kenntnisse besitzt, mit einem Wort, es war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mitarbeiter oder zumindest ein ehemaliger Angehöriger der Klinik.“

Das erstaunte sie. Sie hatte wohl erwartet, dass ich die Schuld von der Klinik wegschieben wollte.

„Warum glauben Sie das?“

„Der Täter oder die Täterin muss über den Stationsbetrieb genau informiert gewesen sein. Die Sache war leicht durchführbar, verlangte aber exakte Fach- und Ortskenntnisse.“

„Hätte er mit der Tat ungeschoren davonkommen können?“

„Ich glaube, dass er sogar damit gerechnet hat. Wenn man Lederer routinemäßig obduziert hätte und weder eine Embolie noch ein Herzinfarkt festgestellt worden wäre, hätte man wahrscheinlich einen unklaren Herztod angenommen, denn er hatte einen leichten Myokardschaden. Hätte man die Infusion nicht sichergestellt, dann wäre der Nachweis eines Verschuldens schwer zu führen gewesen. Das wäre dann der perfekte Mord gewesen.“

„Wie ist Ihr Verhältnis zur Familie Lederer?“

„Frau Lederer ist eine Studienkollegin, mit der ich in meiner Studienzeit eng befreundet war. Wir haben uns allerdings in den letzten zehn Jahren seltener gesehen. Auch ihren Mann habe ich gekannt. Vor dem Eingriff haben wir uns mehrere Male länger unterhalten, in meiner Ordination. Übrigens war er mir sehr sympathisch. Wir haben vereinbart, uns nach seiner Gesundung auch privat zu treffen. Die Kinder kenne ich überhaupt nicht. Beide sind schon über 20.“

„Wissen Sie etwas über das Unternehmen?“

„Keine Ahnung. Es scheint gut zu gehen. Soviel ich weiß, gibt es eine zweite Niederlassung in Ungarn.“

Der Ton der letzten Fragen war schon wesentlich freundlicher gewesen. Sie bedankte sich nun sogar für mein Kommen und reichte mir zum Abschied die Hand. Das Protokoll würde ich noch unterschreiben müssen. Ich erhob mich und verließ das Zimmer der Staatsanwältin auf freiem Fuß.

Das Begräbnis

Ich blickte auf meine Uhr, es war bereits zwölf, die Befragung hatte lange gedauert. Durch die fatalen Ereignisse der letzten Tage war meine Arbeit zu kurz gekommen, also ging ich nicht nach Hause und ins Wochenende, sondern fuhr mit der Straßenbahn zur Klinik. Im Sekretariat saß neben meiner Sekretärin auch die junge Kollegin von Jakob. Ihr Name war mir entfallen. Simone erklärte mir, dass sie beide gerade Listen unseres gesamten Personals zusammenstellten.

„Gut, gut, machen Sie das, vergessen Sie aber nicht, auch diejenigen einzubeziehen, die vor nicht allzu langer Zeit auf andere Stationen gewechselt haben.“

Simone stöhnte.

„Sprechen Sie mit der Oberschwester, die wird das schon wissen. Der schadet es nicht, wenn sie auch einmal etwas arbeitet. Sie ist ohnehin meist auf einem Fortbildungskurs.“

Die junge Polizistin sah mich erstaunt an, sagte aber kein Wort. Sie war eine gut trainierte junge Frau. Ihre Haare waren kurz geschnitten, schwarz getönt und dicht, ihr Gesicht frisch, die Backenknochen breit. Sie gefiel mir auch als Frau gut. Ich verschwand in meinem Zimmer.

Dutzende E-Mails waren zu lesen und zu beantworten, Operationsberichte zu diktieren, Telefonate zu führen. Letzteres ist an einem Freitag schwierig, weil viele Leute bereits ab Mittag nicht mehr zu erreichen sind. Um drei Uhr steckte Simone ihren Kopf herein und wünschte mir ein schönes Wochenende. Ich wünschte ihr dasselbe, ohne vom PC aufzuschauen.

Ich wollte mich im Internet über die Firma von Lederer informieren und googelte die Website der Lederer Pharmazeutik. Da stand, man befasse sich mit der Entwicklung, der Zulassung und dem Vertrieb von überwiegend rezeptpflichtigen Arzneispezialitäten. An den beiden Standorten Raaba und Szombathely würde eine breite Palette von Arzneimitteln entwickelt und produziert. Im letzten Jahr waren es 67 Millionen Packungen mit mehr als 2,5 Milliarden Einzeldosen hochwertiger Medikamente gewesen. Das Unternehmen erzielte mit 750 Mitarbeitern, davon 500 in Österreich, an den beiden Produktionsstandorten einen Umsatz von 130 Millionen Euro, davon rund 60 Prozent im Export.

Auch die leitenden Personen waren verzeichnet:

Geschäftsführung: Dr. Fritz Lederer, Dr. Marion Lederer

Finanzgebarung & Project Management Licensing: Dr. Arthur Burger

Produktion: Mag. Daniel Schlingensief

Business Development und Marketing & Sales International: Mag. Kevin Miller

Marketing & Sales Inland: Mag. Alfred Stylo

Med. Abteilung: Dr. Edwin Färber

Patente: Dr. Fred Reiter

Qualitätssicherung und -kontrolle: Dr. Josef Porsch

Das Unternehmen war eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung und gehörte ausschließlich der Familie. Wie ich wusste, hatte Lederer mit der Herstellung von ­Generika begonnen, das sind Arzneimittel, die von anderen Firmen entwickelt werden und deren Patentrechte abgelaufen sind. Wenn die Patente erlöschen, dürfen sie auch von anderen Unternehmen erzeugt werden. Manchmal ist ein solches Medikament dann aber doch nicht so wirksam wie das Original, weil diverse Einzelheiten bei der Erzeugung, etwa die Löslichkeit der Moleküle, deren ­Resorption und die Verabreichungsform, den Nachahmern nicht bekannt sind. Doch dem Chemiker Lederer war es gelungen, nachgebaute Arzneimittel in bester Qualität herzustellen. Und nun hatte seine Firma auch angefangen, eigene Medikamente zu entwickeln.

Ich blieb bis sechs Uhr sitzen, dann packte mich die Müdigkeit, ich fuhr meinen PC herunter, versperrte mein Zimmer und ging nach Hause.

Trotz strikter Geheimhaltung der Ermittlungen durch die Polizei hatte die Presse von den Vorgängen erfahren. Die Staatsanwaltschaft und die Polizei waren gezwungen, eine Pressekonferenz einzuberufen. Den zahlreich erschienenen Reportern wurde mitgeteilt, dass der Tod Lederers mit höchster Wahrscheinlichkeit durch ein Gift verursacht worden sei. Das Medienecho war unbeschreiblich. Die Spitalsleitung forderte mich auf, ebenfalls eine Pressekonferenz abzuhalten. Ich stimmte zu, denn ich wurde täglich mit unzähligen Anrufen bombardiert, sodass ich bereits die zweite Woche in Folge nicht ungestört arbeiten konnte. Am Donnerstag bei der Pressekonferenz schilderte ich den Ablauf der Ereignisse noch einmal und beantwortete alle Fragen der anwesenden Journalisten geduldig. Der Spitalsdirektor, der die ganze Zeit neben mir saß, beteuerte mehrmals, dass das Spital keine Schuld am Tode habe und dass es Mord gewesen sein müsse.

Mord im Spital lauteten am nächsten Tag die Schlagzeilen. Die abenteuerlichsten Theorien wurden aufgestellt. Simone teilte mir mit, dass einige Patienten, die zur Aufnahme bestellt waren, aus fadenscheinigen Gründen abgesagt hatten. Man konnte ihnen das gar nicht verübeln. Ich nahm das nicht so ernst, weil der Ansturm nach einiger Zeit erneut einsetzen würde. Nach einer Revolution in einem Land kommen die Touristen, trotz möglicher gefährlicher Unruhen, ebenfalls kurz danach wieder, und auch wenn ein Kreuzfahrtschiff sinkt, sind keine wesentlichen Stornos bei dieser merkwürdigen Form von Massentourismus festzustellen. Das kollektive Gedächtnis währt nur kurz.

In der folgenden Woche wurde die Leiche zur Beerdigung freigegeben, die im kleinen Kreise der Familie stattfand. Wir erhielten eine Parte, in der stand, dass am Freitag um elf Uhr im Dom eine Seelenmesse zelebriert würde. Im Anschluss daran würde es in der Alten Universität gegenüber dem Dom für die Freunde der Familie eine private Gedenkfeier geben.

Der Dom war voll mit Menschen. Die Bedeutung von Lederer wurde offenbar. Nicht nur Politiker und andere Stützen der Gesellschaft waren erschienen, sondern auch einfacher gekleidete Menschen, wahrscheinlich Angestellte des Unternehmens. Alle wollten ihm die letzte Ehre erweisen. Der Bischof selbst feierte die Totenmesse und fand die richtigen Worte, um ihn zu würdigen. Mich stört an diesen Verabschiedungen immer die Art und Weise, wie sich manche Leute dabei benehmen, wie einige nach links und rechts grüßen, sprechen, gelegentlich lachen und wie so eine Totenfeier zu einem gesellschaftlichen Ereignis wird. Nach der Messe gingen wir in die Alte Universität. Auch hier unzählige Leute. Wenn man sich nun, befreit vom Angesicht des Todes, unterhält und eine fröhlichere Konversation führt, stört das nicht. Dieses Ritual gibt es bei allen Völkern, es bringt zum Ausdruck, dass das Leben weitergeht. Getränke wurden gereicht und ebenso kleine Leckerbissen. Wir trugen uns ins Kondolenzbuch ein und gesellten uns erst gegen Ende der Feier zur Trauerfamilie.

Lederers Sohn, Sebastian, sagte zu mir, während ich ihm die Hand gab: „Es tut mir leid, dass ich Sie im Spital so angefahren bin. Mama hat mir alles erklärt.“

„Schon gut, das ist schon vergessen.“

Seine Schwester war eine ätherisch wirkende blonde, junge Frau. Sie machte einen geistesabwesenden Eindruck und schien einem Zusammenbruch nahe zu sein. Sie hatte große schimmernde Augen, die irgendwohin in die Ferne blickten. Ich sprach ihr mein Beileid aus und drückte eine zarte Hand, die sich wie ein kleiner Vogel anfühlte. Ihr Mann war ein großer, sportlich wirkender Typ mit regelmäßigen männlichen Gesichtszügen, Mitte 30, fester Händedruck. Mir war er fast zu fesch, er wirkte auf mich beinahe wie Ken, der Partner von Barbie. Sein Gesicht war ernst und unbewegt. Trauer war darauf nicht abzulesen. Ich konnte ihn schwer einschätzen, er war mir aber nicht unsympathisch.

Marion schien in einem verhältnismäßig guten Zustand zu sein, sie nahm die Anteilnahme der Trauergäste gefasst entgegen und bedankte sich für deren Kommen. Ich merkte jedoch, dass sie ebenfalls beinahe am Rande eines Zusammenbruchs stand. Ich sagte zum Abschied kein Wort zu ihr, hielt sie nur lange fest.

„Weißt du, ich habe jetzt so viel zu tun, dass ich noch gar nicht realisiert habe, dass Fritz nicht mehr ist.“

Zu Julia sagte sie: „Könnten Sie bitte nächste Woche einmal zu mir kommen, ich benötige dringend Ihren Rat.“

Schweigend fuhren wir nach Hause, heute würde ich nicht mehr arbeiten gehen.

Am Samstag sahen wir uns im Schauspielhaus ein neues Stück an. Die Karten hatten wir uns schon vor Wochen besorgt. Ich freute mich schon auf eine Abwechslung, denn die Rezension der Komödie war gut gewesen. Soviel ich den Ankündigungen entnehmen hatte können, würden wir heute keine SS-Uniformen zu sehen bekommen. Leider verlief der Abend nicht nach meinen Erwartungen, ich bin für das Theater von heute einfach zu konservativ. Ich habe viele Freunde und Kollegen in Deutschland und fahre gerne in dieses Land, aber die deutschen Regisseure können mir alle gestohlen bleiben. Es gelingt ihnen, aus der lustigsten Komödie ein schicksalsschwangeres Stück zu machen, bei dem es wenig zu lachen gibt. Wie in den amerikanischen Filmen herrscht anstatt Humor Klamauk, und natürlich gibt es die unvermeidlichen Sexszenen – auf vulgäre Art. Mir tun immer die jungen Schauspielerinnen leid, die nackt und frierend auf der Bühne herumhüpfen müssen, nur weil ein paar geile Regisseure sich nicht an ihnen sattsehen können. Viele Werbeplakate werden als sexistisch eingeschätzt und müssen manchmal sogar entfernt werden, aber gegen den Sexismus auf der Bühne tut man nichts. Der verbirgt sich hinter dem Anspruch, Kunst zu präsentieren. In diesem Fall könnten sich die Feministinnen jedoch eindeutig stärker für ihre Geschlechtsgenossinnen einsetzen. Dabei bin ich alles andere als ein prüder Mensch. Na gut, einige Male habe ich an diesem Abend schon über den Text des witzigen Klassikers gelacht. Vielleicht war einfach meine Grundstimmung zu negativ.

₺313,18

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
230 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783701179121
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Metin
Ortalama puan 4,7, 304 oylamaya göre
Ses
Ortalama puan 4,2, 744 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,8, 95 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,3, 50 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 4,8, 17 oylamaya göre
Ses
Ortalama puan 4,8, 80 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre
Metin
Ortalama puan 0, 0 oylamaya göre