Kitabı oku: «Mord im Spital», sayfa 3
Cui bono?
Das weitere Wochenende bewahrten wir über die ganzen Ereignisse Schweigen und beschäftigten uns mit unserem Kind. Doch die Sache ließ mich nicht los. Warum war Fritz Lederer ermordet worden? War es Eifersucht, geschäftliche Konkurrenz, trieb ein böser Mensch im Spital sein Unwesen? Letzteres beunruhigte mich besonders, da es in den letzten Jahren in Spitälern und Pflegeheimen immer wieder zu Serienmorden gekommen war: Alten oder Schwerkranken wurde der Tod gegeben. Viele dieser Mörder im Spitalsgewand hatten angeblich aus Mitleid damit angefangen, um sich dann als Herren über Leben und Tod zu fühlen und immer wieder zuzuschlagen. Drohte uns nun diese Gefahr? Man konnte nur hoffen, dass die Polizei den Täter so rasch wie möglich finden würde.
Julia war mit einem ihrer Mitarbeiter zu Marion gegangen und mit überraschenden Neuigkeiten zurückgekommen. Laut Testament war Marion Alleinerbin, und ihre Kinder würden vorläufig nur ihre Pflichtteile bekommen. Sie wollte sie mit Immobilien und Bargeld auszahlen. Dem bisher für die Patente zuständigen Mann, einem Herrn Dr. Fred Reiter, wollte sie nun die Finanzen übergeben, da Arthur Burger, der für die Finanzgebarung zuständig gewesen war, vor wenigen Monaten verstorben war. Reiter habe das Vertrauen ihres Mannes besessen. Julia berichtete auch, dass Kevin Miller, der Schwiegersohn, der die Abteilung Business Development und Marketing & Sales International leitete, erwartet habe, in die Geschäftsleitung aufzusteigen. Aber Marion zögere damit, weil auch ihr Mann das noch nicht gewollt habe, denn Miller trete für eine Reorganisation des Unternehmens ein, was wiederum nur durch die Hereinnahme eines Partners möglich wäre. Es hatte in der Vergangenheit innerhalb der Familie heftige Diskussionen darüber gegeben. Lederer wollte die Selbstständigkeit der Firma beibehalten, was mit einem Partner nicht möglich gewesen wäre.
„Na, das wäre ja schon ein Motiv. Er räumt den Schwiegervater aus dem Weg, weil er seinen Plänen entgegensteht.“
„Du mit deinen Schnellschüssen. Miller ist erst kurz vor dem Begräbnis aus den USA zurückgekehrt. Er war zur Tatzeit nicht einmal im Lande.“
„Das alles ist Sache der Polizei. Ich will damit nichts zu tun haben. Uns geht das nichts an. Ich habe dir das letzte Mal das Versprechen gegeben, mich nie mehr in einen Kriminalfall einzumischen, und gedenke, es zu halten.“
„Ich habe aber Marion meinen juristischen Beistand zugesagt. Sie hat mich gebeten, gewisse Verträge unter die Lupe zu nehmen. Die leitenden Angestellten waren sich nicht immer einig. Einige von ihnen waren dafür, die Firma zu vergrößern, andere setzten auf ein langsames Wachstum. Wir haben einen Partner in der Kanzlei, der sich im Unternehmensrecht gut auskennt, der soll sich damit beschäftigen. Jedenfalls übernimmt Dr. Reiter nun die Finanzen, was für ihn einen Aufstieg bedeutet. Er profitiert also vom Tod Lederers. Offenbar hält Marion viel von ihm. Sie überlegt sogar, ob sie ihn zum zweiten Geschäftsführer ernennen soll.“
„Ihr geht es also um das Vermächtnis ihres Mannes?“
„Ja, sie will sich nun mehr in die Firma einbringen als bisher und ihre medizinische Praxis zurücknehmen, wenigsten so lange, bis der Sohn in das Unternehmen eintreten kann.“
„Was weißt du über ihren Schwiegersohn?“
„Miller stammt aus einer austro-kanadischen Familie und hat an der London School of Economics studiert. Seine Familie ist vermögend, sein Vater besitzt ein Unternehmen, das aber wahrscheinlich sein älterer Bruder bekommen wird. Er hat Roswitha, die Tochter, bei einem Studienaufenthalt in Wien kennengelernt.“
„Was macht sie?“
„Sie war immer ein wenig das Sorgenkind der Familie. Nach zwei Semestern Medizin ist sie auf Kunstgeschichte umgestiegen und hat schlussendlich promoviert. Nach einer Affäre mit einem viel älteren Mann, der sie andauernd betrogen hat, ist sie nach Wien gegangen, um dort in einer Galerie zu arbeiten, wo sie dann Kevin Miller begegnet ist. Derzeit führt sie in Graz eine eigene Galerie mit dem Namen Brennpunkt.“
„Über die Galerie habe ich schon etwas gehört, war aber noch nie dort, denn sie stellt vorwiegend die Maler der Gruppe Wirklichkeiten und surrealistische Künstler aus, und ich mag die alle nicht.“
„Das musst du ihr ja nicht sagen.“
„Ich bin gewarnt und werde meine Zunge hüten.“
Trotzdem ließ man mich nicht in Ruhe. Die junge Polizistin saß andauernd mit meiner Sekretärin Simone zusammen, die beiden waren sogar schon per Du. Simone liebt es, Dinge auszuforschen, sie ist die geborene Ermittlerin. Durch sie bin ich immer über alles im Spital informiert. Dann, mitten am Vormittag, als ich mich gerade zwischen zwei Operationen entspannen wollte, die Füße am Schreibtisch, platzte Jakob herein.
„Aha, der Herr Professor lässt es sich gut gehen.“
„Ich bin schon zwei Stunden im OP gestanden und gehe bald noch einmal für zwei Stunden dorthin.“
„Ich habe einige Fragen an dich, die Familie Lederer betreffend.“
„Ich weiß nichts Genaueres über sie.“
„Aber deine Frau arbeitet doch derzeit für sie.“
„Dann frag Julia.“
„Du willst mir also nicht helfen.“
„Nein, absolut nicht. Das letzte Mal, als ich für dich ermittelt habe, wäre ich fast draufgegangen. Ich weigere mich, etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Ich bin hier Arzt und sonst nichts.“
„Und wenn noch ein Todesfall auftritt?“
„Auch dann nicht. Ihr bekommt alle Auskünfte, die ihr benötigt, und wir werden unsere Augen offen halten. Adesso, basta.“
„Wir suchen ein Motiv und glauben, dass es etwas mit der Firma zu tun hat.“
„Dann frag doch Marion Lederer, sie will doch auch, dass der Mörder ihres Mannes gefunden wird.“
„Und wenn sie es selbst war? Sie könnte es durchaus getan haben.“
„Red nicht so einen Blödsinn. Ich werde sicher kooperativ sein, denn vor allem bin ich beunruhigt, dass bei uns im Spital ein Mörder sein Spiel treiben könnte.“
„An den Infusionen und auch am Bett sind so viele Fingerabdrücke, dass wir nichts zuordnen können. Übrigens, was das Pflegepersonal betrifft, du hast fast keine Pfleger mehr. Warum?“
„Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens gibt es überhaupt mehr Krankenschwestern als Pfleger, zweitens mag ich kein männliches Pflegepersonal. Das weiß man bei der Pflegeleitung, und das wird berücksichtigt.“
„Und warum magst du keine Männer?“
„Weil sie sich oft nichts sagen lassen wollen und ihre Mitschwestern gerne unterdrücken. Das gilt aber nicht für alle. Erst voriges Jahr habe ich einen hervorragenden Pfleger gehabt, der uns leider verlassen hat. Den habe ich sogar ermutigt, Medizin zu studieren.“
Mein Telefon läutete, ich musste in den OP. Ich schüttelte Jakob die Hand und ließ ihn allein.
In der nächsten Woche hatte ich endlich Ruhe. Auch die junge Polizistin war aus dem Sekretariat verschwunden, sehr zum Leidwesen von Simone.
Eine Einladung
Langsam begann ich, den Fall zu verdrängen, als Julia eines Abends das Gespräch darauf brachte.
„Marion hat mit ihrem Schwiegersohn offensichtlich doch Probleme. Bisher hat sie über ihn vollständig neutral gesprochen, aber es scheint Zoff gegeben zu haben. Sie machte eine Bemerkung, dass der Haushalt ihrer Tochter ein Fass ohne Boden sei und dass sie Angst habe, dass diese ihren Erbteil zu rasch verbrauchen werde.“
Das interessierte mich schon.
„Warum?“
„Die beiden jungen Leute haben ein großes Haus und führen ein Luxusleben. Kevin hat sich gerade einen Porsche gekauft, wobei Marion der Meinung ist, dass es sein BMW noch länger getan hätte. Und Roswithas Galerie wirft auch keine Gewinne ab, Marion sagt, dass sie nur erfolglose Künstler unterstütze. Sie glaubt, dass die beiden weit über ihre Verhältnisse leben, und das macht ihr Sorgen.“
„Wie ist er bei der Arbeit?“
„Sie meint, dass er tüchtig sei. Nur ihre Ansichten über die Zukunft der Firma seien eben verschieden. Ein Teil des Führungspersonals stehe auf seiner Seite, der andere habe auf der ihres Mannes gestanden.“
„Wenn sie einen Verdacht hat, dass er über seine Verhältnisse lebt, dann soll sie sich doch genauer darüber informieren.“
„Sie kann ihn doch nicht fragen!“
„Nein, aber sie kann einen Detektiv anstellen. Kannst du dich noch an meinen Herrn Wotruba erinnern? Sprich einmal mit ihr. Er ist ein tüchtiger Bursche, den kann ich ihr empfehlen.“
Am nächsten Abend kam bei einem Glas Rotwein die Sprache neuerlich auf die Lederer Pharmazeutik. Julia hatte mit ihrem Mitarbeiter den ganzen Tag in Raaba verbracht. Es war dabei hauptsächlich um die Regelung des Nachlasses gegangen.
„Ich habe Marion vorgeschlagen, einen Detektiv zu engagieren, und ihr erzählt, dass Wotruba für dich hervorragende Arbeit geleistet hat. Sie will aber ihrem Schwiegersohn nicht nachspionieren.“
„Das verstehe ich auch. Wenn er das erfährt, ist der Familienfriede ein für allemal gestört.“
„Ich habe ihr jedenfalls die Adresse von Wotruba gegeben. Sie hat uns übrigens am Wochenende zu einem Abendessen eingeladen.“
Am Samstagabend fuhren wir nach Petersbergen, ein Wohnviertel im Südosten von Graz, wo die Lederers ein schönes und standesgemäßes Haus besitzen – mit einem prachtvollen Ausblick auf den Süden von Graz und auf das steirische Mittelgebirge. Das Haus gefiel mir, ein moderner, aber perfekter Schuhschachtelstil, harmonisch in die Landschaft eingefügt. In der Auffahrt standen schon einige Luxusautos, neben denen sich Julias Golf etwas mickrig ausnahm. Für mich sind Autos ein Gebrauchsgegenstand, ich habe zwar immer ordentliche besessen, aber als Statussymbol benötige ich sie nicht. Und es dauert bei mir auch immer ziemlich lange, bis eine Beule im Kotflügel ausgebessert wird. Vor allem wenn ich ins Ausland fahre und in besseren Hotels absteige, lasse ich mir vorher die Karosserieschäden richten.
Ein Mädchen führte uns durch das Haus auf eine Terrasse. Außer uns war noch ein Paar, offenbar enge Freunde der Familie, eingeladen, außerdem waren die beiden Kinder und der austro-kanadische Schwiegersohn von Marion zugegen. Wir wurden einander vorgestellt – der Herr war ein Banker und seine Begleiterin eine Unternehmerin – und nahmen einen Aperitif. Das Gespräch drehte sich um Kredite, Investitionen und Auslagerungen. So wie Mediziner über Medizin sprechen und Juristen über Rechtsfälle, sprechen Geschäftsleute gerne über Geschäfte. Mich interessierte das Thema nicht, doch Julia hörte gespannt zu. Ich wandte mich den beiden Geschwistern zu und sagte zu Roswitha: „Ich habe gehört, Sie haben eine Galerie in Graz eröffnet.“
Die zarte junge Frau bekam gleich etwas Farbe im Gesicht: „Interessieren Sie sich für bildende Kunst?“
„Ich bin zwar Arzt, beschäftige mich aber schon seit meiner Jugendzeit mit Kunst.“
„Diese ewigen Gespräche über Investitionen und Umsätze kann ich schon nicht mehr hören. Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen einige schöne Bilder, die ich meinen Eltern aufgedrängt habe.“
Sie führte mich ins Haus. Im großen Wohnzimmer harmonierten eine moderne Sitzgruppe und ein schöner Barockschrank miteinander und an den Wänden befand sich eine ansprechende Mischung von modernen und alten Bildern. Ein Rainer, ein Prachensky, ein Weiler hingen neben einer prachtvollen italienischen Landschaft aus dem 17. Jahrhundert und einem Biedermeierporträt. Im nächsten Raum, in dem für uns gedeckt war, fanden sich Arbeiten von Giuseppe Penone, Morris Louis und Wolfgang Hollegha.
„Wissen Sie, dass Hollegha mit Louis zusammen in den USA ausgestellt hat?“
„Ich weiß, deswegen habe ich Papa überredet, die beiden Bilder zu kaufen. Er ließ mir freie Hand. Ich durfte auch beim Hausbau vor vier Jahren mitreden.“
„Sie haben einen sicheren Geschmack, meine Hochachtung. Sie hätten Innenarchitektin werden sollen.“
Auch in den anderen Räumen sah ich noch viele schöne Bilder. Angeregt durch ein Gespräch über die zeitgenössische Kunst, kehrten wir zu den anderen zurück. Ein strafender Blick Julias ereilte mich. Marion meinte nur: „Da haben sich die beiden Richtigen gefunden.“
Bei Tisch ging die Konversation im gleichen Stil weiter. Es wurde über Expansion und Geld diskutiert. Wortführer war Kevin Miller, der auch von einem neuen Medikament, das die Lederer Pharmazeutik entwickelte, erzählte. Es war ein Schlankheitspräparat, in das große Hoffnungen gesetzt wurden. Auch Marion, die ich immer als Kollegin betrachtet hatte, schien viel vom Geschäft zu verstehen und vertrat energisch ihre Meinung. Kevin war der Ansicht, dass man jetzt investieren müsse, da man Kredite für niedere Zinsen bekomme. Ich dachte mir nur, dass wir dafür auch für unsere Einlagen von den Banken nichts bekommen. Mein altmodisches Sparbuch brachte weniger an Zinsen, als die gegenwärtige Inflation verschlang. Wenn man noch die Kontogebühren dazurechnete, könnte man fast zu dem Entschluss kommen, sein Geld daheim unter der Matratze aufzubewahren. Julia sprach wenig, hörte nur zu. Ich saß den beiden jüngeren Leuten gegenüber, beteiligte mich nicht am Hauptgespräch und unterhielt mich mit den beiden über Kultur.
„Sammeln Sie?“, fragte mich Roswitha.
„Ein wenig, aber ich habe keinen Platz mehr in meinem Haus. Manchmal verkaufe ich auch etwas.“
„Das tun nur wenige.“
„Ein Sammler beginnt dann einer zu sein, wenn er weitere Kunstwerke erwirbt, obwohl sein Haus oder seine Wohnung schon voll ist und er nichts mehr aufhängen oder aufstellen kann.“
„Da haben Sie recht.“
Dann erzählte ich etwas über meinen medizinischen Alltag, was sie einigermaßen zu interessieren schien. Insgesamt verlief der Abend unterhaltsam.
Als ich mich von Marion verabschiedete, meinte sie: „Du Armer, heute hast du dir eine Menge vom Geschäft anhören müssen.“
„Ich habe mich mit deinen wirklich netten Kindern sehr gut unterhalten.“
Auf der Heimfahrt fragte ich Julia: „Was sagst du zum Schwiegersohn?“
„Eine starke Persönlichkeit, aber schwer einzuschätzen. Zu mir sehr höflich, er macht mir ein wenig den Hof. Seine Bemerkungen über die Entwicklung der Firma präsentiert er bestimmt, aber vorsichtig. Er weiß, dass er noch nichts zu sagen hat. Ich schätze ihn als tüchtig ein. Seine Ansichten scheinen mir vernünftig zu sein. Aber Roswitha hat es mit ihm sicher nicht leicht, er ist sehr dominant.“
„Wann ist die Erbschaft abgewickelt?“
„Das wird noch lange dauern. Die Familie ist wirklich reich. Da zahlt es sich aus, einzuheiraten. Trotzdem gibt es bei der Weiterentwicklung der neuen Schlankheitspille finanzielle Engpässe.“
„Bis heute ein Medikament auf den Markt kommt, kostet es fast eine Milliarde Euro. Das übersteigt die Möglichkeiten einer Firma dieser Größe. Nach Tierversuchen müssen vor einer Zulassung mehrphasige Studien am Menschen gemacht werden. Es kann passieren, dass man fast das ganze Geld ausgegeben hat und sich in der letzten Studie herausstellt, dass schwere Nebenwirkungen auftreten. Dann ist alles weg. Deshalb müssen kleinere Firmen ihre Patente oft an die großen Konzerne verkaufen, weil sie mit ihren Finanzen am Ende sind.“
„Lederer wollte offenbar noch nicht verkaufen, entweder meinte er wohl durchzukommen oder er wollte den Preis höher hinauftreiben. Es ist tragisch, dass ausgerechnet der für die Finanzgebarung zuständige Arthur Burger, der ihm eine wichtige Unterstützung war, vor einigen Monaten gestorben ist.“
„Weißt du eigentlich, woran er gestorben ist?“
„Keine Ahnung, jedenfalls nicht an Altersschwäche.“
Der Detektiv
Montagnachmittag bekam ich wieder einmal Besuch von der Polizei. Jakob betrat mein Büro, seine junge Kollegin blieb bei Simone.
„Was gibt es Neues?“, fragte ich ihn.
„Wir haben allen Patienten, die zum Zeitpunkt der Tat auf der Station lagen, die Fotos aller Ärzte, Schwestern und Pfleger gezeigt, die bei euch arbeiten. Niemand hat etwas Außergewöhnliches bemerkt. Nur eine Patientin, die am Gang auf und ab spazierte, meinte, sich erinnern zu können, dass außer der Stationsschwester ein Mann Lederers Zimmer betreten habe, der ein grünes OP-Hemd getragen habe. Die Patientin ist 80 Jahre alt, aber geistig durchaus fit. Sie glaubt, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben, ist sich aber nicht sicher, wo es war.“
„Das klingt nicht gerade nach einer heißen Spur.“
Dann fiel mir etwas ein: „Jakob, vor ein paar Monaten ist ein wichtiger Mitarbeiter von Lederer gestorben. Sein Name war Burger. Vielleicht findest du heraus, woran er gestorben ist.“
„Du meinst, dass er beseitigt wurde?“
„Nein, ich habe keine Ahnung, aber zwei Todesfälle innerhalb so kurzer Zeit in einer Firma, da sollte man sich schon davon überzeugen, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Es kann aber natürlich auch ein Irrer gewesen sein oder einer, der sich als Herr über Leben und Tod betrachtet. So etwas gab es in den letzten Jahren immer wieder, denk an die Pflegerinnen von Lainz, die waren kein Einzelfall.“
Als Jakob ging, hörte ich durch die geöffnete Tür aus dem Vorzimmer das fröhliche Lachen der zwei jungen Damen, die sicher nicht über den Mord gesprochen hatten.
Kurz danach wurde ich wieder mit dem Mord belästigt: Frau Staatsanwalt Leitner-Markovic war am Telefon. Ihr Ton war diesmal wesentlich umgänglicher, beinahe schon normal. Sie wollte wissen, ob wir etwas herausgefunden hätten und ob mir noch etwas eingefallen sei? Ich verneinte und meinte, dass nicht ich es sei, der die Ermittlungen führe, sondern die Polizei. Sie könne doch Chefinspektor Steinbeißer interviewen, der gerade bei mir gewesen sei. Dann fragte sie mich, diesmal weniger direkt, noch einmal über mein Verhältnis zur Familie Lederer aus. Wie oft ich in den letzten Jahren Kontakt mit Marion gehabt hätte und ob die Ehe der beiden glücklich gewesen sei?
Ich wehrte energisch ab: „Selbst wenn ich etwas wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.“
„Ich will Sie nicht zu einem Vertrauensbruch bewegen, sondern ich will Frau Lederer lediglich von einem Verdacht befreien. Schließlich ist sie die Alleinerbin und könnte die Tat sehr wohl begangen haben.“
Wir beendeten unser Gespräch in Frieden. Diese Frau war verdammt misstrauisch. Glaubte sie am Ende, ich wäre der Geliebte von Marion gewesen und hätte Lederer beseitigt, um an das große Geld heranzukommen? Ich muss aber gestehen, dass ich keine Ahnung gehabt hatte, wie reich Marion tatsächlich war. Sie wäre wirklich eine gute Partie.
Kaum hatte ich aufgelegt, erhielt ich einen weiteren Anruf, diesmal von Marion.
„Paul, Julia hat mir etwas von einem Detektiv erzählt. Ich möchte ihn nun doch engagieren. Ist dieser Wotruba wirklich diskret und verlässlich?“
„Absolut, er hat unauffällige Methoden und behandelt die Geheimnisse seiner Klienten mit äußerster Verschwiegenheit.“
„Wir haben momentan Probleme mit Kevin. Er hat erwartet, dass Roswitha sofort Firmenanteile erbt und er dadurch mehr Mitspracherecht erhält. Ich habe ihn selbstverständlich mit einer wichtigeren Position betraut, aber das ist ihm zu wenig. Ich möchte daher etwas über seinen Umgang und seine Verbindungen erfahren.“
„Dann engagiere Wotruba. Übrigens, Julia hat mir mitgeteilt, dass ein leitender Angestellter eurer Firma, ein Herr Burger, vor einem halben Jahr gestorben ist.“
„Das ist eines unserer Probleme. Kevin wollte unbedingt seine Stellung haben, die ich aber an Dr. Reiter vergeben habe.“
„Warum?“
„Reiter ist ohne Zweifel tüchtig und hat sich bisher bewährt. Auch Fritz hat ihn geschätzt. Dafür werde ich, wenn ich von Kevin überzeugt bin, ihn direkt in die Geschäftsführung nehmen. Außerdem habe ich noch einen Sohn. Mein Endziel wäre es, dass Kevin und Sebastian die Firma leiten.“
„Woran ist Burger gestorben?“
„Er war Diabetiker und ist beim Sport gestorben. Er hat sich wohl übernommen.“
Aber auch nach diesem Gespräch hatte ich noch keine Ruhe. Simone kam herein und brachte mir eine Reihe von Schriftstücken zur Unterschrift.
„Soll ich nachforschen, welchen Mann Frau Ederer gesehen haben könnte?
Ich blickte sie erstaunt an: „Frau Ederer, wer ist das?“
„Na, die alte Dame, die jemand in Lederers Zimmer gehen gesehen hat. Sie war zu einer Kontrolle bei uns aufgenommen und ist zur Tatzeit auf dem Gang gewesen.“
Ich erinnerte mich vage.
„Sollen wir der Polizei nicht auch die Fotos aller Männer zur Verfügung stellen, die im Haus arbeiten?“
„Machen Sie, was Sie wollen, aber nicht in der Dienstzeit. Ich möchte mich nicht in die Ermittlungen einmischen. Das alles ist Sache der Polizei.“
Simone packte wortlos die unterschriebenen Papiere und stöckelte grußlos mit festen Schritten hinaus. Ich hatte sie beleidigt. Nachdenklich sah ich auf ihr reizendes Hinterteil, das empört hin und her schwang. Ihr Gang ist immer so etwas wie ein Stimmungsbarometer, das ich gut deuten kann. Es gibt einen zufriedenen Abgang, mit langsamen elastischen Schritten, wie auf einem Catwalk sozusagen, und vor der Tür gibt es noch einen freundlichen Blick zurück. Dann kann ihr Gang auch einladend, ja verführerisch sein, dann ist auch der Hüftschwung etwas ausgeprägter. Das geschieht, wenn man von mir etwas will. Heute war ich etwas ungehalten gewesen, daher die beleidigte Gangvariante. Sie war einfach nur neugierig, aber ich muss gestehen, dass ihre Neugier mir schon oft geholfen hat.
Endlich konnte ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden, ich stand auf und begann meine Visite. Im Spital hat sich in den letzten Jahren einiges geändert. Dafür gibt es viele Ursachen. Die Dreiteilung der Führung in Ärzteschaft, Pflege und Verwaltung ist eine davon. Diese Leitungsorgane agieren häufig nicht miteinander, sondern nebeneinander oder gegeneinander. Die Fortschritte in der Medizin und nicht zuletzt die Digitalisierung des Alltags haben die Kosten und den Aufwand beträchtlich vergrößert. Die notwendigen Rationalisierungen wurden von Managern durchgeführt, die dies zu tun anderswo gelernt haben. Sie haben die Spitäler so wie ein beliebiges anderes Unternehmen organisiert und orten Sparpotenziale, wo es keine gibt. So hat die Digitalisierung – der Fluch und Segen unserer Zeit – zu einer immer größer werdenden Bürde der Dokumentation geführt, die Ärzten und Schwestern weniger Zeit für den Patienten lässt. Wir alle leisten heute die Arbeit, die früher Sekretärinnen gemacht haben. Die können das nämlich nicht mehr machen, weil dafür zu viel Fachwissen notwendig ist. Der Patient, der ein Spital betritt, wird stundenlang befragt, zuerst von der Krankenschwester, dann vom Stationsarzt und dann vom Spezialisten. Alles wird dokumentiert und weggespeichert. Der Patient wird über alles aufgeklärt und muss für jeden Handgriff, der bei ihm getan wird, eine Einwilligung unterschreiben. Der nun „aufgeklärte“ Patient hat meist nichts oder wenig verstanden und ist deswegen nicht wirklich mündig geworden. Ich erinnere mich an intelligente Patienten, die ich zuerst selbst in meiner Ordination aufgeklärt habe, die dann im Spital einen illustrierten Bogen über den Verlauf der Operation angeschaut und unterschrieben haben, nochmals aufgeklärt wurden und die Operation gut überstanden haben. Solche Patienten fragen einen dann nach Jahren: „Aber Herr Doktor, ich habe doch damals keinen Krebs gehabt?“
Für einen echten Kontakt zwischen Arzt, Pflegepersonal und Patient bleibt nur mehr wenig Zeit. Durch den ständigen Wechsel wird der Kranke verwirrt, denn er kennt „seinen“ Arzt und „seine“ Schwester nicht. Er wird in eine Diagnose- und Therapiemaschine eingespeist, die meist effizient arbeitet, auch wenn Pannen möglich sind. Meist wird er aber geheilt wieder ausgeworfen. Alle Bemühungen des Managements wie etwa die Vorstellung des Personals mit Namen und Handschlag können über die Distanz nicht hinwegtäuschen, die bleibt. Jeder von uns ist ständig auf dem Sprung, man antwortet dem Patienten, aber der Tagesablauf drängt einen weiter.
Ein humorvoller Patient hat einmal zu mir gesagt: „Was ich im Spital so schön finde, ist, dass man so viele Menschen kennenlernt, die einem alle die Hand geben und sich vorstellen. Leider sieht man sie dann kein zweites Mal.“
Ich versuche, dem entgegenzuwirken, indem ich immer wieder allein Visiten mache, bei denen ich nur eine Schwester mitnehme und mich von Patient zu Patient weitertratsche. Auf so eine Trödelvisite ging ich jetzt und wollte dabei nicht gestört werden. Wie immer konnte ich diese nicht ganz beenden, denn ich wurde durch einen Anruf in den OP geholt.
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