Kitabı oku: «Die letzte Kugel»
Herbert von Hoerner
Die letzte Kugel
SAGA Egmont
Die letzte Kugel
Copyright © 2018 Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711593080
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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Die drei Studenten – an Mütze und Band für jedermann in Riga kenntlich als Brüder eines Dorpater Korps – hatten, als sie zur Dämmerschoppenstunde die Gaststätte betraten, sich suchend umgeschaut, ob ein Tisch für sie noch frei wäre. Da sich ein solcher nicht fand, hatten sie sich für einen Tisch entschieden, an dem ein Gast bisher allein gesessen hatte. Zu ihm hin, der nur die eine schmale Seite der langen Tafel für sich in Anspruch nahm, hatten sie, wie sich das so gehört, eine höfliche kleine Verbeugung gemacht, darin sich die Frage ausdrückte, ob es gestattet sei. Der Herr hatte mit einem Kopfnicken geantwortet, worauf sie, ihm gegenüber ein Kleeblatt bildend, Platz genommen hatten. Es ergab sich daraus ein Abstand der drei am einen zum Herrn am anderen Ende des Tisches. Zwischen ihnen und ihm blieben – und das änderte sich auch in der Folge nicht – etliche Stühle leer. Die drei bildeten so inmitten einer zahlreichen Gästeschaft, die unter sich auch ihre Zusammengehörigkeit hatte, eine kleine Gesellschaft für sich. Das Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit, das Band, war zwischen den Rockaufschlägen sichtbar. Sie fielen dadurch nicht auf. Studenten aus Dorpat sah man in Riga oft.
Nachdem sie dem Kellner ihre Weisung erteilt, das Gewünschte erhalten und das erste Glas – es ist anzunehmen, daß es nicht das erste des Tages war – geleert hatten, saßen sie eine Weile schweigsam da, so, als dächte jeder für sich angestrengt über etwas nach. Die Schweigsamkeit unterbrach als erster derjenige, der als der mittelste am Tisch zwischen den beiden anderen saß. „Ich verstehe nicht“, sagte er und machte eine Pause. Er schien also mit dem Nachdenken allein nicht fertig werden zu können. „Ich verstehe es einfach nicht, wie jemand sich so feige benehmen kann. Mut, denke ich, ist doch wohl etwas, das unter anständigen Menschen sich von selbst versteht.“
„Gewiß ist er das“, meinte der, der zu seiner Linken saß. „Aber es scheint, daß zuweilen gerade das, was sich von selbst versteht, sich am schwersten lernt.“
„Wer Mut erst lernen muß, gehört nicht zu uns“, sagte im Tone der Überzeugung der erste. „Dieses verpfuschte Duell ist eine Schande fürs Korps. Da hilft nur Rausschmiß.“
„Freilich“, bestätigte der zweite. „War aber sonst ein feiner Kerl. Schade um ihn.“
„Ob schade oder nicht schade, raus muß er“, sprach jetzt der dritte, der rechter Hand vom mittelsten saß. „Darüber kann man ja gar nicht verschiedener Meinung sein. Aber in einer Hinsicht irrt ihr.“
„In welcher?“
„Nicht der Mut ist das Selbstverständliche, sondern die Furcht ist es.“
„Wie das?“
„Die Furcht ist das, was man nicht haben soll, nicht haben darf, was aber natürlicherweise jeder Mensch, ja jedes Lebewesen hat. Sie ist im Haushalte der Natur unentbehrlich. Denkt nur darüber nach, und ihr müßt mir recht geben. Die Natur aber ist für den Menschen das, was überwunden werden muß. Jeder muß in sich seine Natur überwinden. Darum ist die Frage gar nicht die, ob jemand Furcht hat. Er hat sie gewiß. Sie nicht zu zeigen, darauf kommt es an. Haltung – die Haltung ist im Leben die Hauptsache.“
„Nun, die hat er bei dem Duell jedenfalls nicht gezeigt.“
„Und eben darin bestand sein Fehler. Furcht konnte er haben, soviel er wollte. Er durfte nur die Haltung nicht verlieren. Mut ist überwundene Furcht.“
„Danach könnten ja die größten Feiglinge die größten Helden werden.“
„Das kommt vor.“
„Nein“, sprach jetzt wieder der erste. „Ich habe von Mut eine andere Auffassung. Mut muß etwas Unbedingtes sein. Der wahre Mut ist der, der nicht erst eine Furcht zu überwinden hat.“
„Wohl bekomme dir deine Auffassung! Aber ich sage dir, es kennt keiner seinen eigenen Mut, ehe er sich nicht selber darin erprobt hat.“
„Und die Probe hat er nicht bestanden.“
„Lassen wir ihn. Der Fall ist ohnehin schon vom Korps aus erledigt. Der Mann existiert für uns nicht mehr. Reden wir nicht mehr davon. Prosit!“
Sie tranken, schwiegen und sahen sich um, als besorgten sie, über den Gegenstand, der ja ein heikler war, zu laut gesprochen zu haben. Zu einigen älteren Herren grüßten sie höflich mit kleinen Verneigungen hinüber. Man konnte daraus ersehen, daß sie in Riga nicht fremd waren.
Es hatte aber wohl niemand auf ihr Gespräch geachtet, denn auch an den anderen Tischen hatten sich Gruppen gebildet, die sich laut und angeregt unterhielten, so daß im Raum die Stimmen durcheinanderschwirrten. Man hörte Holz- und Getreidepreise nennen und Jagdgeschichten erzählen. Zwischendurch wurde nach den Kellnern gerufen, die alle Hände voll zu tun hatten, die vielen gleichzeitigen Wünsche der als Schwarm erschienenen Gäste zu befriedigen. Die meisten von ihnen kamen von einer Versammlung her, die an die Ausdauer ihrer Teilnehmer erhebliche Anforderungen gestellt hatte. Reden macht hungrig, Zuhören müde, und durstig wird man von beidem. Wo ißt man am besten? Wo trinkt man am besten? Also – wo trifft man sich nachher? Man hatte sich geeinigt auf jene Gaststätte, deren Name, berühmt über die Grenzen der Stadt, ja des Landes hinaus, Gewähr dafür bot, daß man sie weder hungrig noch durstig verlassen würde. Und darum also war es heute hier so voll. Auf der Versammlung war viel die Rede gewesen vom Ernst der Zeit. Um so notwendiger war es, sich dafür zu stärken. Man stärkte sich. Die Kellner taten ihr Möglichstes. Der Ernst der Zeit schien wenigstens für die Dauer einer guten Mahlzeit hinausgeschoben.
Die stattgehabte Versammlung hing mit der Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins zusammen. Ihre Einberufung war der Anlaß gewesen, daß mancher Bewohner des Landes, der im Bereich des städtischen Pflasters sich sonst nur selten oder niemals blicken ließ, nach Riga gekommen war, um an der Gründung teilzunehmen. Wer also bei anderen, sich wiederholenden Zusammenkünften von Stadt und Land gewohnterweise nur bekannte Gesichter sah, der konnte bei dieser ausnahmsweisen Gelegenheit die Feststellung machen, daß es in Livland immer noch den einen und anderen gab, der nicht von allen gekannt war. – „Wer ist jener, der dort allein sitzt?“ – „Kenne ihn nicht.“ – „Aber er war auch auf der Versammlung.“ – „Nun, dann wird es ja wohl möglich sein zu erfahren, wer es ist.“ – Und man erfuhr es gewiß. Denn sicherlich fand sich bald jemand, der über den Fremdling genauestens Auskunft zu geben wußte: Woher er stamme, wie sein Gut heiße und was seine Mutter für eine Geborene sei. Man war ja hier unter sich und sozusagen eine einzige große Familie. Auch von den drei Studenten wußte man, wer sie sind. Waren doch ihre Väter angesehene Bürger der Stadt, sie also hier auf Ferien zu Hause.
Die drei, die nichts mit der Landwirtschaft zu tun hatten und darum auch nicht von der Versammlung, sondern von irgendeiner anderen Zusammenkunft hergekommen waren, stellten ihre Vermutungen darüber an, wer der Herr sei, der ihnen gegenüber allein am anderen Ende des Tisches saß. – Rigenser? – Nein. – Vom Lande? – Auch danach sah er nicht aus. Jedenfalls eine ungewöhnliche Erscheinung, fanden sie, ein Gesicht, das man nicht vergessen hätte, wenn man ihm schon einmal im Leben begegnet wäre. Sie rieten hin und her, bis schließlich der eine von ihnen meinte: „Es geht uns doch eigentlich gar nichts an, wer das ist. Und ihr brauchtet auch nicht fortwährend so auffällig zu ihm hinüberzustarren. Laßt ihn essen und uns trinken. Prosit!“
Sie hoben die Gläser und tranken einander zu. Wir wissen nun bestimmt, daß es nicht das erste Glas war, das sie leerten, und es sah auch nicht danach aus, als werde es das letzte sein. Der eifernde Ernst, mit dem sie zu Anfang ihres Hierseins die Frage des Mutes und der Furcht erörtert hatten, war verflogen, war – wie ja ein solcher Wechsel oft bei der Jugend vorkommt – einer übermütigen Stimmung gewichen. Der Wein mochte das seinige dazu beigetragen haben. Sie waren fröhlich geworden.
Fröhlichkeit geht darauf aus, sich anderen mitzuteilen. Fröhlichkeit möchte sich kundtun. Darum benimmt sich, wer fröhlich ist, leicht ein wenig auffallend und laut. Man war auch an den Nachbartischen nicht eben leise. Aber es mag in dem Benehmen der drei jungen Studenten etwas gelegen haben, das jene bescheidene Zurückhaltung vermissen ließ, die ältere Leute so gern an jüngeren sehen. Jedenfalls, man blickte zu ihnen nicht mehr mit demselben allgemeinen Wohlwollen herüber, mit dem man ihr Hereinkommen bemerkt hatte. Ein alter Graubart, der entfernt von ihnen saß und an einem der Witze, die sie sich laut erzählten, keinen Geschmack gefunden haben mochte, murmelte etwas in sich hinein, wovon nur die Worte „die Jugend von heute“ zu verstehen waren. Das übrige konnte man sich dazu denken. Andere wiederum schienen an dem Witz Gefallen gefunden zu haben und lachten mit.
Es zeigte sich schon hierin etwas, das in der Folge sich immer deutlicher bemerkbar machen sollte, daß nämlich die Anwesenheit der drei, die ja innerhalb der größeren Gemeinschaft eine kleine für sich bildeten, unter der Gästeschaft eine gewisse Spaltung hervorrief, eine Parteibildung sozusagen, für und wider sie. Die einen mochten sich gern in die Erinnerung an ihre eigene Studentenzeit zurückversetzen lassen, die anderen hingegen der Meinung sein, daß sie selber, zu ihrer Zeit, sich anders und jedenfalls besser benommen hätten. Auch hat ja jede Stätte ihre Geister, so insbesondere auch jede Gaststätte. Und den Geistern dieser Stätte mochte es zum mindesten befremdlich erscheinen, daß studentisches Wesen sich hier in einer Weise bemerkbar machen durfte, als sei es der Mittelpunkt des Ganzen. Als daher die Studenten, nachdem ihr Witz im Reden zur Neige ging, nun auch noch gar zu singen anhuben, da entstand darüber zunächst ein allgemeines Verstummen und Aufhorchen, worin aber zweierlei Stellungnahme enthalten war: Beifall und Mißbilligung. Jemand meinte: „Die scheinen zu glauben, sie befänden sich hier in ihrer Korpskneipe in Dorpat.“ Der Graubart sagte: „Es wird mir hier zu laut“, stand auf und wollte gehen. Seine Freunde zwar brachten ihn durch Beschwichtigungen von seinem Vorhaben ab, doch hörte er, nachdem er sich wieder gesetzt hatte, nicht auf, ergrimmt auszusehen. Nun war ja aber der Wein, der, wie man weiß, die Kehlen, durch die er hinabgeschüttet wird, sangesfreudig macht, nicht nur am Tisch der Studenten getrunken worden, und so fand denn das Lied, das von dorther erscholl, sehr zum Mißvergnügen des Graubarts und seiner Freunde, Mitsänger auch an den anderen Tischen, hier einen brümmelnden Baß, dort einen schon etwas dünn gewordenen Tenor, denen sich ein von Husten unterbrochener Bariton anschloß. Es war das Lied, das von Dorpat aus sich die Liedertafeln eroberte: „Bruder trink einmal! Wir sind ja noch jung!“
Während also die kleine Gemeinschaft der drei von seiten ihrer Umgebung zum einen Teil einen freundlichen Widerhall ihrer Stimmung, zum andern eine spürbar werdende Ablehnung erfuhr, war dem Herrn, der ihnen gegenüber allein an seinem Ende des Tisches saß, weder das eine noch das andere anzumerken, weder ein Mißvergnügen, noch ein Wohlgefallen an ihnen. Er gab, falls er sich über sie ein Urteil gebildet hatte, diesem in keiner Weise Ausdruck. Er aß, von einem beflissenen Ober, der sich wie zu seiner ausschließlichen Verfügung hielt, bedient, was dieser ihm vorsetzte. Es war eine Reihe auserlesener Gerichte. Den dazugehörigen Getränken sprach er in mäßiger Weise zu. Und dabei kümmerte er sich, wie auch sonst um nichts als um sein Essen, so auch um seine Tischgenossen scheinbar überhaupt nicht. Er sah nicht einmal nach ihnen hin. Nahm sein Blick doch zufällig einmal die Richtung über die Länge des Tisches hin, so faßte er mit diesem Blick die drei nicht ins Auge, sondern blickte so, als säße dort niemand.
Nun kann es ja der Mensch im allgemeinen schlecht vertragen, für Luft angesehen zu werden. Man fühlt sich von einem Paar Augen angesehen und doch nicht angesehen, denn die Augen schauen so, als sei man gar nicht da. „Ihr seid mir Luft“, scheint dieser Blick zu sagen. Sie hatten sich immerhin gefragt, wer der Herr an ihrem Tische sei. Er schien überhaupt nicht danach zu fragen, wer sie seien. Man ist es aber als Student aus Dorpat nicht gewohnt, so völlig übersehen zu werden.
Das Lied war zu Ende. Die drei Studenten tranken. Der Herr an ihrem Tische machte sich mit Bedacht an irgendeine neue Köstlichkeit, die, appetitlich hergerichtet, vor ihn hingestellt worden war. Es sah nicht danach aus, als werde er damit seine Speisenfolge beenden. Wie sie im Trinken, so zeigte er im Essen Ausdauer.
Sie fingen an, ihre Bemerkungen über ihn zu machen, auch der, der vorher gesagt hatte, er ginge sie nichts an. Es stellte sich bei ihnen das Bedürfnis ein, ihm einen Spottnamen zu geben. Man suchte nach einem Tier, mit dem er sich vergleichen ließe. Der eine meinte, er sähe aus wie ein alter Auerhahn. Zu diesem Vergleich berechtigte gewissermaßen das spärliche, über den, Scheitel zum Schopf gesträubte Haar, das an zerzauste Federn erinnerte, wie auch der Bart, der in eigentümlicher Weise vom Kinn weg zum Halse gestrichen war. Der zweite hingegen behauptete, er habe einmal einen Birkhahn geschossen in der Zeit der Mauser. Der habe genau so ausgesehen, struppig und mit den roten Flecken an Stelle der Augenbrauen. Der erste verteidigte seinen Auerhahn, aber der dritte fand einen Ausgleich, indem er vorschlug, es könnte eine Kreuzung beider Vogelarten sein, ein Bastard von Auerhahn und Birkhenne. So etwas komme ja im Walde vor. Die beiden anderen stimmten ihm lachend zu.
„Also ein Rackelhahn!“ – Und damit war der gesuchte Spottname gefunden. Nun witzelten sie eine Weile darüber: Ob alle Rackelhähne so gefräßig seien und wie ein Rackelhahn sich bei der Balz benimmt, ob er kullert oder schnalzt, ob er bei den Hennen beiderlei Art beliebt oder unbeliebt sei, oder ob es ihm, als dem Maulesel unter den Vögeln des Waldes, versagt sei, Familie zu begründen. Das ging so eine Weile fort, bis schließlich der eine Von den dreien, der auch bisher schon die meiste Zurückhaltung gezeigt hatte, meinte, der Witz habe sich erschöpft. Auch sollten sie leiser sprechen, da sonst der Rackelhahn es hören und darüber einschnappen könnte.
„Möge er doch!“ warf der zweite hin. „Ich möchte gern einmal sehen, wie ein Rackelhahn sich benimmt, wenn er einschnappt. Ob er übrigens unter den anderen Hähnen als satisfaktionsfähig gilt?“
„Und ich möchte gern einmal einen Rackelhahn sehießen“, sagte der mittelste. „Alles habe ich schon in meinem Jagdbuch. Nur ein Rackelhahn, der fehlt mir grad noch darin.“
„Schonzeit für Rackelhähne! – Singen wir lieber wieder eins! Prosit! – Was wollen wir singen?“
Sie einigten sich auf das „Ännchen von Tharau“, das gerade zu der Zeit ein sehr verbreitetes Lied und gewissermaßen das war, was wir heute den neuesten Schlager nennen würden. Wahrscheinlich hatte jeder von ihnen sein Ännchen, wenn es auch anders hieß und nicht von Tharau, sondern von Riga, von Dorpat oder sonst einer baltischen Stadt war, in der es hübsche Mädchen gab, und wo gab es die nicht! Also sangen sie mit Begeisterung und Gefühl. Und, als hätten die Geister, die mit den Studenten eingezogen waren, die Geister der Stätte allmählich doch für sich gewonnen, fielen nach und nach immer mehr Stimmen mit ein, so daß es ein voller Chor wurde und allen Ännchen von Tharau oder sonst woher die Ohren geklungen haben mögen. So blieb denn auch, vom Schwall der Töne überdeckt, das verdrießliche Murmeln, das gleichzeitig darüber entstand, in den Graubärten stecken, die, da es wirkungslos vergrollte, sich darauf beschränken mußten, ergrimmt auszusehen.
Nur der Herr am Tisch sang weder mit, noch murmelte er. Wie von einem unsichtbaren Kreise umschlossen, durch den nichts hindurchzudringen vermochte als nur der auftragende Kellner mit seinen Schüsseln, aß er, ganz dieser einen Beschäftigung hingegeben, sich langsam durch eine Speisenfolge hindurch, deren Ende nicht abzusehen war. Den ihn bedienenden Geist, der ihn in untertäniger Weise darüber beriet, was heute besonders zu empfehlen sei, würdigte er von Zeit zu Zeit einer kurzen anerkennenden Bemerkung. Alles andere, so schien es, war für ihn einfach nicht da.
Vor jedem der Gedecke stand ein Körbchen mit Brot verschiedenerlei Art, hellerem und dunklerem. Auch jenes dunkelbraune, fast schwarze, aus dem gesäuerten Teig des Roggenmehles hergestellte Brot, das für den Balten der Inbegriff alles Brotes ist, durfte dabei nicht fehlen. Es ist das Brot der heimatlichen Scholle, das tägliche, um das wir bitten, und darum das heilige Brot. Es duftet wie die blühende Heimaterde selbst, und es behält immer etwas von ihrer Feuchtigkeit und Frische, so daß es sich kneten und formen läßt wie jener Lehm, aus dem Gott den Menschen erschuf.
Auch vor den drei Studenten stand ein Korb mit solchem Brot. Und der eine von ihnen – es war derjenige, der am Ende des Tisches, also dem Rackelhahn gerade gegenüber saß – hatte während des Singens aus einer Scheibe dieses dunklen Brotes ein Klümpchen herausgebrochen und es so lange zwischen Fingerspitzen und Handflächen gerollt und geknetet, bis daraus eine ebenmäßige kleine Kugel geworden war. Diese Kugel hatte er, spielerisch und unnütz, wie dergleichen Dinge geschehen, über die Klinge eines Tischmessers laufen lassen, schräg von der Spitze bis zum Griff, an dessen verbreitertem Ansatz sie, an weiterem Abwärtsrollen gehemmt, zum Stillstande kam. Dieses unlöbliche Spiel – man soll ja mit Brot nicht spielen – hatte er öfters wiederholt, ohne sich dadurch im Singen zu unterbrechen. Es war. ein Nebenher unbeschäftigter Hände, das er trieb, eine ihm selber kaum bewußte Handlung. Und da nun einmal die Kugel wieder am Griff des Messers zur Ruhe gekommen war, nahm er sie dort nicht wieder fort, sondern krümmte den Mittelfinger der rechten Hand am Daumen, so als wollte er die Kugel wegschnippen. Er sang: „Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, du, meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.“ Und genau auf das Wort „Blut“ schnellte sein Mittelfinger vor und die Brotkugel flog, ein kleines Flachbahngeschoß, über die ganze Länge des Tisches und traf den Rackelhahn an der linken Schulter. Der Schütze hätte nachher bei seiner Ehre nicht sagen können, ob er mit Absicht gehandelt und mit Vorsatz gezielt habe. Jedenfalls war er selber darüber erschrocken, daß sein Schuß ein Treffer geworden war.
Vielleicht hätte er sich nach den vorangegangenen Gesprächen nicht gewundert, wenn der Rackelhahn als angeschossener Vogel mit einem krächzenden Laut in die Höhe gefahren wäre oder als beleidigter Mensch sich eine solche Belästigung ernsthaft verbeten hätte. Aber der Rackelhahn tat weder das eine noch das andere. Mehr erstaunt als erschrocken, ließ er den Bissen, den er gerade auf der Gabel hatte, nicht bis zu seinem Munde gelangen, sondern behielt ihn in der Schwebe so lange, bis die von seiner Schulter abgeprallte Kugel, im Rücklauf über Teller hüpfend und an Gläser anschlagend, den Rand des Tisches erreicht hatte, über den sie hinabrollte und verschwand. Die Gabel mit dem aufgespießten Bissen sank auf den Tellerrand zurück. Der Rackelhahn stand auf. Er suchte nach der hinabgerollten Kugel, fand sie, bückte sich, hob sie auf und betrachtete sie prüfend, wie wohl ein Naturforscher einen von ihm bisher noch niemals untersuchten Gegenstand betrachtet, zog darauf aus einer Tasche seiner Weste einen kleinen mit Perlen bestickten Beutel, der sonst zur Aufbewahrung von Münzen dienen mochte, tat die Kugel da hinein und steckte den Beutel wieder fort. Hierauf begab er sich an seinen Platz zurück, setzte sich wieder hin und schob jetzt erst den vorbereiteten und inzwischen wahrscheinlich etwas abgekühlten Bissen in den Mund. Er schien gewillt, seine Mahlzeit ruhig fortzusetzen. Nur einmal, im Kauen innehaltend, blickte er lange über den Tisch hin, diesmal aber nicht ins Leere, sondern fest in das Gesicht des Studenten, der die Kugel abgeschossen hatte. Und, wie das die Gewohnheit mancher Menschen ist, die auf dem einen Auge schärfer sehen als auf dem anderen, kniff er dabei das linke Auge zu und schaute nur aus dem rechten. Der Blick glich dem eines Schützen, der über Kimme und Korn sein Ziel ins Auge faßt.
Wäre das runde Kindergesicht des Studenten nicht vorher schon vom Weine gerötet gewesen, man hätte bemerken können, daß er einen roten Kopf bekam. Es wäre nun für ihn, sollte man meinen, kein unüberwindlich schwerer Entschluß gewesen, aufzustehen, zum anderen Ende des Tisches hinüberzugehen, eine kleine Verbeugung zu machen, „gestatten Sie“ zu sagen, seinen Namen zu nennen und eine Entschuldigung zu murmeln. Und damit wäre, so möchten wir glauben, der Vorfall als eine Ungeschicklichkeit glaubhaft zu machen und die ganze Sache als eine Geringfügigkeit wohl beizulegen und aus der Welt zu schaffen gewesen. Aber die Menschen tun ja nur in den seltensten Fällen das, was wir ihnen zu tun geraten haben möchten. Also machte der Student die Entschuldigung, die ihm wohl angestanden hätte, nicht, sondern saß da mit seinem roten Kopf wie ein kleiner Junge, der eine Dummheit begangen hat, sie zwar nicht abstreitet, aber auch nicht bereuen möchte, sondern durch ein verlegenes Lachen für sie noch um Beifall wirbt.
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