Kitabı oku: «Das weiße Haus»

Yazı tipi:

Herman Bang

Für einen Freund

Tell me the tales

that to me were so dear,

long long ago

long long ago.

long long ago–

long ago.

Kindheitstage, ich will euch zurückrufen, Zeiten ohne Neid, freundliche Zeiten, eurer will ich gedenken.

Der leichte Schritt meiner Mutter wird in hellen Stuben ertönen, und Menschen, die nun ergraut des Lebens Bürde tragen, werden lachen wie einst, da sie ihr Schicksal nicht kannten. Mögen die Toten wieder die sanften Stimmen erheben, und alte Lieder fließen dem Chor der Erinnerung ein.

Aber auch bittere Worte werden verlauten, schwere Worte, wie man sie sagt, wenn man den bitteren Kampf mit dem schweren Leben kennt.

Tell me the tales,

that to me were so dear,

long long ago

long long ago.

Es war zu Hause in der Dämmerstunde.

Draußen legte sich sacht Schleier auf Schleier über den schimmernden Schnee. Die Gebäude versanken, die großen Pappeln verschwanden. Nur Jens, der Stallknecht, schlich mit seiner Laterne um die Ställe.

Drinnen saßen wir, die Kinder, auf Schemeln versammelt. Die Stube war groß und ihre Winkel fern. Wir verbargen die Köpfe hinter einer Gardine, vielleicht war die Finsternis schuld daran.

Ganz leise ertönte die Stimme der Mutter, und die Saiten des Klaviers klangen zart wie die einer Harfe:

„Tell me the tales,

that to me were so dear,

long long ago

long long ago.“

Der Gesang verstummte. Kein Laut war zu hören. William, der der Mutter am nächsten saß, war auf seinem Schemel eingeschlafen.

„Mutter, sing weiter.“

Ein Lichtschimmer huschte über die weißen Tasten, über alle Möbel hinweg und verschwand. Jens ging lautlos mit seiner Laterne an den Fenstern vorüber.

„Mutter, sing weiter.“

Eine Tür wurde geöffnet, ganz behutsam. Es war Vaters Tür.

„Herr Peder warf die Runen auf den Holzsteg,

den Klein-Helle dann überschreiten sollte.

Dann ließ er Anker hieven,

die Brise kam zur Zeit,

zurück blieb Jütlands Küste

und manche Dänenmaid.

Schöne Worte freuen manche Herzen,

schöne Worte

machten mir viel Schmerzen,

schöne Worte.“

Es ist still. Die Mutter, fein und schlank, gleicht einem Schatten. Wenn der Schatten schweigt, hört man die große Uhr.

„Schöne Worte

freuen manche Herzen,

schöne Worte

machten mir viel Schmerzen,

schöne Worte.“

Draußen wird leise eine Türklinke bewegt. Das sind die Mägde, die zuhören möchten. Im Schein des Messingleuchters sitzen sie rund um den Küchentisch und lauschen, während „Frau Pastor singt“.

Der Großknecht stiehlt sich herein. Die Holzschuhe hat er vorsichtig abgestreift, nun lehnt er sich an den Türpfosten neben dem Wassereimer.

„Kinder.“

„Ja, Mutter.“

„Singt mit.“

Die Mutter greift etwas kräftiger in die Tasten und singt:

„Schön ist die Erde,

prächtig Gottes Himmel,

herrlich ist der Seelen Pilgergang.“

Zaghaft dringen die Stimmen der Kinder aus den Winkeln durch das Dunkel, angeführt von der Stimme der Mutter:

„Durch alle schönen Reiche der Erde

ziehen wir singend zum Paradies.“

Draußen in der Küche sitzen die Mägde noch immer still um das brennende Licht.

Die Kerlsmarie wischt sich mit dem Rücken ihrer rissigen Hand eine Träne fort:

„Das“, sagt sie, „will die Gnädige gesungen haben, wenn sie mal stirbt.“

Alles ist still. Nur die große Uhr bei der Tür spricht.

Da sagt aus seiner Ecke leise einer der Jungen: „Mutter, sing noch mal das, was ich nicht verstehe.“

Der Schatten der Mutter löst sich nicht aus dem Schweigen.

Dann ertönen wieder – doch schwächer als zuvor – die harfenähnlichen Saiten:

„Tell me the tales,

that to me were so dear,

long long ago

long long ago.“

Kindheitstage, ich will euch zurückrufen – Zeiten der Sehnsucht und ohne Schuld, da es dem Herzen wohl erging. Wehmutsvolle Tage, da die Tränen sanft waren.

Kindheitstage, da Mutter lebte.

Ich entsinne mich an einen Tag, als wir Brombeeren sammelten – Mutter, wir Kinder und Tine von der Schule.

Es gab so viele Beeren, und ihre Ranken waren so hübsch.

Hinunter in die Gräben ging es und dann die Hecken entlang. Wir Kinder fingen uns in den Ranken und schrien. Unsere Gesichter waren so verschmiert, daß wir wie die Kinder von Lars, dem Schmied, aussahen.

„Seht doch nur den Jungen, seht doch nur den Jungen“, rief die Mutter.

Aber Tine hatte eine mächtige Ranke gegriffen, die von dunklen Beeren nur so prangte, und rasch warf sie sie der Mutter um die Schultern.

„Oh, Sie schöne Frau“, sagte sie.

Die Mutter stand am Zaun, die Ranke fiel ihr auf die Brust. Hochaufgerichtet stand sie da, hinter ihr der leuchtende Himmel.

Kindheitstage, ich will euch zurückrufen.

Es war ein weißes Haus, und seine Tapeten waren hell.

Alle Türen standen offen, auch im Winter, wenn eingeheizt wurde.

Zwischen den Mahagonimöbeln befanden sich Marmortische und auch weiße Konsolen, sie stammten von Auktionen auf Schloß Augustenborg. Die alten Porträts waren mit Immortellen umwunden, und viel Efeu gab es, denn Efeu, das sich an einer hellen Wand emporrankte, liebte die Mutter.

Das Gartenzimmer war so weiß, daß es zu leuchten schien.

Die Kinder mochten dieses Zimmer, und auch die Treppe zum Garten, auf deren weißgestrichenem Geländer sie hinunterrutschten.

„Kinder, Kinder“, rief die Mutter, „lehnt euch nicht an das Geländer.“

„Um Himmels willen“, sagte sie zu Tine, der Tochter des Schullehrers, „eines Tages brechen sie sich noch den Hals. – Der Tischler wird ja auch nie geholt.“

Das Geländer war morsch und wurde niemals ausgebessert.

Aber schon bald wurde die Tür zum Garten geschlossen, die Läden wurden zugemacht und grüne Vorhänge über die weißen Gardinen gezogen, warm und anheimelnd. Denn die Mutter wollte den Garten und die große Allee nur sehen, wenn die Sonne schien und lange am Himmel stand.

„Du lieber Gott, wie mag es nur im Küchengarten aussehn“, sagte sie plötzlich zu Schullehrers Tine, als sie nachmittags beim Kaffee saßen.

Drei Viertel des Jahres kam sie nicht in den Küchengarten.

Er lag weit hinter der Pappelallee und hinter der Einfahrt, und die Kinder durften nicht dorthin, denn sie könnten ja nasse Füße bekommen. Manchmal jedoch, wenn der Weg am allerschlechtesten und der ganze Hof ein grundloser Morast war, da wollte die Mutter nach dem Garten sehen.

In den Holzschuhen von Kerlsmarie und mit geschürzten Rökken zog sie los, quer über den Hof.

Alle Mägde standen auf der Treppe und schauten ihr hinterdrein. „Kinderchen, Kinderchen“, rief sie; sie kam mit ihren Holzschuhen keine zehn Schritte weit, da war sie auch schon steckengeblieben.

Wenn sie nach Hause kam, mußte sie zur Stärkung warmen Zwieback haben.

„Meine Liebe“, sagte sie zu der Lehrerstochter, „warum bleiben die Menschen im Winter nur nicht zu Hause?“

Die Kinder spielten auf dem Teppich. Er hatte viele große Felder, rote und graue. Die Felder waren Königreiche, über die die Kinder herrschten und um die sie kämpften. Sie gerieten in Streit dabei, und dann gab es Tränen. Mit den Möbeln bauten sie Barrikaden um ihre Königreiche. Die ganze Wohnstube war ein einziges babylonisches Durcheinander.

„Was diese Kinder doch für einen Lärm machen können“, sagte die Mutter zum Stubenmädchen – dabei feuerte sie die Kinder selbst zum Lärmen an.

„So, so, nun verliert Nina wieder ihre Höschen.“

Mit den Spitzenhöschen gab es ewig Ärger. Bald zerknautschten sie, und bald gingen sie im Streit der Königreiche verloren.

Der Großknecht, der Knecht und der Stallknecht waren bei ihrer Arbeit. Bedächtig und langsam gingen sie zwischen Stall und Tenne hin und her.

Wenn die Stalltür geöffnet wurde, hörte man die Kühe brüllen.

„Mutter“, sagte Nina, „jetzt ruft Williams Kuh.“

Doch manchmal, wenn der Vater nicht daheim war, konnte es geschehen, daß die Mutter den Stallknecht bat, „nur für einen Augenblick“ alle Kühe hinaus auf den weißen Hof zu lassen. Und dann sprangen sie im Schnee umher, alle vierzehn, die braunen, die weißen und die gefleckten, und die Kinder jubelten.

„Laßt sie nicht auf die Koppel, laßt sie nicht auf die Koppel“, rief die Mutter. Sie stand auf der Treppe und lachte am lautesten.

Aber in eine der gefleckten Kühe war der Teufel gefahren.

„Oh, wie sie rennt“, sagte die Mutter.

Sie rannte und rannte, den Schwanz senkrecht in die Höhe, und konnte erst beim Dorfschulzen wieder eingefangen werden.

Doch wenn dann der Vater nach Hause kam, war die Stalltür verschlossen, und der Hof lag da wie zuvor. Die Mutter jedoch, die barhäuptig auf der Hoftreppe gestanden hatte, hatte Zahnweh bekommen.

Tine mußte geholt werden.

Immer mußte Tine geholt werden.

Tine kam, die Kleiderschürze über den Kopf gezogen.

„Lieber Gott, was bringen Sie nur für eine Kälte mit herein“, sagte die Mutter, die stets fror und fröstelte, sobald nur eine Tür ging.

„Tine, ich habe Zahnschmerzen“, sagte sie.

Der Toilettenspiegel mußte geholt und auf einen großen Tisch gestellt werden, und dann wurde mit ein paar Zweiglein von einem Busch, der im Garten des Schullehrers wuchs, „geräuchert“.

Tine, das Stubenmädchen und alle Kinder standen rundherum.

Das ganze Schlafzimmer war eine Dampfwolke, während sich die Mutter mit offenem Mund über die rauchenden Zweige beugte.

„Tine, Tine, jetzt!“ rief die Mutter.

Tine sollte ihr mit einer Haarnadel in den Zähnen stochern.

„Da ist er, da ist er“, rief die Mutter, „schaut euch den Wurm an.“

Tine hatte sich so angestrengt, daß vom Toilettenspiegel ein Stück Emaille absprang.

An diesen Wurm in den Zähnen glaubte die Mutter felsenfest, und wenn drei, vier Würmer zum Vorschein gekommen waren, hörten ihre Zahnschmerzen ein für allemal auf.

Aber nur Tine und niemand anders konnte sie herausbohren. Und gewissenhaft bohrte sie sie allen Kindern aus den Zähnen.

„Lieber Fritz“, sagte die Mutter zum Vater, der mit Einwänden kam, „ich sehe die Würmer ja mit meinen eigenen Augen. – Aber es muß auch mit Zweigen von Kärböllings Busch geräuchert werden.“

Der Amtsarzt von Sönderborg meinte, der Rauch von Schullehrers Buschgewächs sei sehr giftig.

So eine Zahnwehprozedur konnte oft einen halben Nachmittag dauern, bis die Dämmerung hereinbrach.

In der Dämmerung war es in der Waschküche schön. Der warme Dampf erfüllte den Raum, und das Feuer unter dem Kessel sah aus wie ein großes rotes Auge. Die Mägde klopften die Wäsche mit den Waschhölzern, daß es von der Decke widerhallte.

Die Mutter saß auf einem Schemel mitten im Lärm.

Nirgendwann und nirgendwo anders lief das Mundwerk der Mägde so flink wie in der Waschküche.

Der gesamte Dorfklatsch kam zur Waschküchentür herein.

Stundenlang konnte die Mutter auf ihrem Schemel sitzen und zuhören, bis sie dann plötzlich wieder in die Stube lief. Und ganz unweigerlich sagte sie nach solchen Stunden in der Waschküche: „Du liebe Güte, auf was diese Menschen alles kommen können.“

Und es schien, als wollte sie mit ihren schönen Händen etwas von sich fortschieben.

„Daß Sie sich das auch alles anhören mögen“, sagte Tine.

„Ja, sie sehen doch so lustig aus“, entgegnete die Mutter und ahmte die Mägde nach.

Sie konnte jeden Menschen nachahmen, der ins Haus kam.

Doch an den meisten Tagen blieb sie, wenn es dämmerte, in der Wohnstube. Da sang sie. Aber manchmal in der Dämmerstunde saß sie in ihrem hohen Rohrsessel auf dem Podest am Fenster, die Hände im Schoß.

Dann sprach sie leise in die stille Stube.

Am liebsten sprach sie davon, wie es sein würde, wenn sie alt wäre und graues Haar hätte, ganz graues Haar.

Und sie wäre Witwe und alle ihre Kinder erwachsen, und sie wäre arm.

„Schrecklich arm“, sagte sie.

Dann könnte abends nichts weiter auf den Tisch kommen als Butter und Käse in der alten Käseglocke aus Kristall.

„Aber gut muß die Butter sein“, sagte sie.

Und sie malte aus, wie weiß das Tischtuch sein müßte und wie dann die Kinder alle kämen, jedes von seiner Arbeit, und sie würden Tee trinken an dem Tisch, an dem sie säße, grau und still und alt, und arm. Denn in ihren Augen glich Armut einer traumhaften Sorglosigkeit.

Sie hatte wohl nie andere „Arme“ gesehen als jene, die in den weißgemalten Häuschen entlang der Dorfstraße wohnten.

Wenn dann der Tee getrunken war und der Vater das Haus verlassen hatte, kamen die besten Stunden. Das war die Zeit, in der die Puppen zum Vorschein kamen. Der Eßtisch wurde wie zu einem Festmahl ausgezogen, und die Mutter saß würdevoll zwischen all ihren Pappschachteln. Darin waren die Puppen aufbewahrt.

„Jetzt, jetzt können sie hervorkommen, denn jetzt ist Vater weg.“

Und sie kamen hervor, zu Hunderten. Es waren Figuren aus Modejournalen, die sie ausgeschnitten und auf Holzklötzchen geklebt hatte. Jede hatte auf der Rückseite einen Namen – jede war eine eigene Persönlichkeit, und dann wurden sie über den ganzen Tisch hin aufgebaut. Die Komödie begann, und die Mutter führte Regie. Die Puppen gaben Gesellschaften und gingen zu Besuch.

Sie plauderten und machten Knickse und Diener.

Die Mutter wurde ganz rot vor Anstrengung, mit ausgebreiteten Armen dirigierte sie die Puppen und bewegte sie über den ganzen Tisch.

Die Kinder hatten ihre eigenen Puppen, und auch die Mamsell hatte ihre. Aber diese Pappfiguren konnten es der Mutter nie recht machen, und so sprach sie für sie alle.

„Jungfer Jespersen, Jungfer Jespersen, Sie vergessen ja Fräulein Lövenskjold.“

Fräulein Lövenskjold war stehengeblieben, und sie sollte sich doch bewegen. Für die Mutter waren es keine Puppen. Für die Mutter waren es Menschen. Sie sprachen und sie agierten und sangen. Sie spielten hundert Komödien, bald in einem Badeort und bald in Paris.

Die Kinder schauten zu, vor ihnen auf dem Tisch schien sich, vornehm und fein, die ganze Welt zu bewegen.

Die Mägde kamen herein. Sie hörten so gern zu. Sie verstanden kein Wort, aber sie standen da wie die Säulen und versteckten die Hände unter den Schürzen. Wenn den Puppen etwas Trauriges widerfuhr, weinten sie.

Aber gerade als die Komödie im schönsten Gange war, fuhr die Mutter auf, und alle Puppen purzelten durcheinander – schnell in die Schürzen und in die Schachteln damit.

Der Vater kam nach Hause.

„Den Tisch zusammen, den Tisch zusammen.“

Mägde und Kinder hatten zu tun. Die Mutter selbst konnte sich nicht rühren vor Schreck.

„Gott, warum sind die Kinder auch noch auf“, sagte sie.

Und die Kinder verschwanden Hals über Kopf in die Betten.

Die Mutter aber saß auf dem Sofa zwischen den beiden Mahagonischränkchen und war so erschrocken, daß sie Zwieback und Konfitüre haben mußte.

Manchmal verkleidete sie auch die Mägde.

Eines Abends war sie mit den Kindern allein zu Hause.

Da pochte es kräftig gegen die Hoftür, und die Mamsell mußte hinausgehen und öffnen und kam schreiend zurück: „Da war ein Landstreicher ..., da war ein Landstreicher ...“ Und gerade als die Mutter am lautesten schrie, kam der Landstreicher in die Stube hinein. Garstig war er, und die Kinder kreischten auf. Aber plötzlich entdeckte einer der Jungen, daß es die große Marie war.

„Mutter, das ist ja die große Marie“, rief er.

Doch im gleichen Augenblick flüsterte die Mutter Marie ins Ohr: „Geben Sie Nina eins hinter die Ohren.“

Und Nina bekam von Marie eine Ohrfeige, daß es klatschte.

Da glaubten die Kinder, daß es ein Landstreicher war.

Danach bot die Mutter der Kerlsmarie einen Schnaps an, und den mußte sie hinunterschütten, denn nun war sie ja ein richtiger Kerl.

Weißes Haus, du weißes Haus, deine Erinnerungen kommen wie eine jubelnde Schar – sie kommen und sammeln sich um Eine.

Könnte ich doch ein Bild aus Worten fügen, das nie verginge – es wäre Jugend und Lächeln, Anmut und Trauer, Freude mit betrübten Augen, Schwermut, die mit bebendem Mund lacht; hilflose Hände, die nur andrer Not zu helfen wußten, zarte Glieder, die in der Sonne sich regten und froren, wenn sie unterging.

Ein Bild von ihr, die das Leben liebte und an seiner Sorge starb.

Sie starb wie eine schöne Blume, die man bricht.

Keine Rose, auch keine Lilie.

Eine seltsamere Blume mit besonderen Fibern, in späten Jahren von einem geduldigen Gärtner gepflegt; ein vielfarbener Kelch, so schön im Licht, doch zur Abendzeit scheu geschlossen ...

Ein Siegeslied, das der Schmerz in der Kehle erstickte ...

Eine Fremde auf Erden und doch geliebt wie ein seltener Gast.

Weißes Haus, meiner Kindheit weißes Haus – so war sie, die deine Seele war.

Aber der Herbst verging, und Weihnachten rückte heran. Die Mutter und Lehrers Tine blieben lange auf, und die Kinder bekamen Backpflaumen, damit sie zeitig ins Bett gingen.

Jeden zweiten Tag fuhr die alte Kutsche vor, und der ganze Flur lag voller Fußsäcke. Die Mutter mußte bei ihren Ausfahrten so viele Fußsäcke haben. Und Sönderborg war nicht Augustenborg, das nur einen Katzensprung entfernt lag, nach Sönderborg waren es zwei Meilen und eine ganze Reise.

Doch wenn die Mutter dann nach Hause kam, lachte sie und plauderte und versteckte, während die Kinder im Schlafzimmer eingeschlossen waren, denn sie durften ja nichts sehen. Sie hörten nur den Kutscher aus- und eingehen und Kisten schleppen. Das war das aus Kopenhagen. „Es“ war also gekommen.

Jedesmal war die große Frage, ob „es“ auch kommen würde – all die Geschenke vom Großvater. Denn wenn sie nicht kamen, dann blieben die Gabentische leer. In einem Jahr hatte es so viel Schnee und Eis gegeben, daß die Kisten ausgeblieben waren. Die Mutter schickte nach Sönderborg, und sie fuhr selbst dorthin und ließ den Vater telegrafieren – das war zu jener Zeit, als es die ersten Telegrafen gab –, aber die Kisten, die kamen nicht.

Die Mutter weinte und wußte sich keinen Rat. Hundertmal drehte und wendete sie ihr altes Portemonnaie. Das hatte Löcher, und darum lief ihr das Geld immer in die Tasche. Aber schließlich legte sie auf alle Weihnachtstische Tannenzweige, und da sah es doch nach sehr viel aus.

Nun aber waren die Kisten gekommen, und die Kinder konnten im Schlafzimmer hören, wie Tine sich abmühte, um sie zu öffnen.

Die Mutter selbst hatte keine Ruhe. „Tine, Tine, sehen Sie doch ...“

Tine sah.

„Tine, so, nun geht das Brett ab.“

Die Kinder sprangen leise aus ihren Betten, aber das Schlüsselloch war mit Papier verstopft.

In der Wohnstube lag die Mutter vor den Kisten auf dem Fußboden – erzählten die Mägde. Der ganze Teppich war ein einziger Wirrwarr von Paketen und Stroh und Sachen.

Und die Mutter rief: „Nein, nein, das ist für Nina ... Sehen Sie nur, hier ist etwas für William ...“

Und weiter suchte sie, in Stroh und Papier. Kein Winkel blieb davon verschont.

„Du meine Güte, was ist das nur für ’ne Wirtschaft, wenn die Frau Pastor mal mit zufaßt“, sagten die Mägde.

Auch sie waren gespannt und neugierig. Sie hatten bis in die Nacht zu tun. Denn Würste mußten gestopft und Teig mußte geknetet, und alles Zeug im Haus mußte vor Weihnachten gewaschen werden.

Mitten in der Waschküche, wo die Würste gemacht wurden, saß die Mutter mit geschürztem Rock und stimmte die Lieder an.

Bei einigen Liedern, die die Mägde sangen, summte die Mutter nur die Melodien mit.

„Denn, liebe Tine“, sagte sie zur Lehrerstochter, „die Worte sind zu schlimm.“

Die Wurstlieder von der Insel Alsen waren die berüchtigtsten Landsknechtslieder im ganzen Land.

Aber kurz vor Weihnachten meinte die Mutter: „Ich frage mich wirklich, ob Maren selber weiß, was sie da von sich gibt.“

Gewöhnlich sang Maren, das Wäschermädchen, immer nur Lieder vom ersten Schleswigschen Krieg und von König Frederik VII ...

Die waren so traurig, daß sie dabei weinte.

In den letzten Tagen vor dem Fest wurde gebacken.

Das ganze Haus war erfüllt von Apfelduft und Kuchenduft, und die Tür zum blauen Gästezimmer stand keinen Augenblick still. Denn dort wurden die Äpfel und die Gewürze und die Backpflaumen und überhaupt alles verwahrt, was gut war. Tine eilte die Treppen hinauf, daß die Röcke flogen.

„Hallo, Kinderchen, jetzt geht’s los mit der Backerei“, rief sie.

Die Kinder formten Männlein und Weiblein aus braunem Teig, der am Ende dann ganz schmutzig war.

Die Mutter hatte eine weiße Schürze vorgebunden, und der Vater befürchtete, sie könnte sich ihre Hände verderben.

Die Mutter mußte immer letzte Hand anlegen, sie strich das Eiweiß auf die Plätzchen und versah die braunen Männlein mit Augen.

„Jetzt ich, jetzt ich“, sagte sie.

Und ihre weiße Schürze blähte sich vor Eifer, und die Kinder wichen ihr nicht von den Fersen.

Wie das dampfte und wie die Gewürze dufteten und wie die Bratroste klangen und die Backöfen lärmten, ihre Klappen standen nicht still, und die Kuchenbleche wurden hineingeschoben und herausgenommen. Schultine rührte den Teig für die weißen Plätzchen und klemmte die Tonschüssel fest zwischen die Knie, denn dafür brauchte es Kräfte, und die Eier mußten stundenlang geschlagen werden.

„So, jetzt ich“, sagte die Mutter.

Und sie griff sich die Tonschüssel und fuhr mit dem großen Löffel darin herum.

„Puh, das macht warm“, sagte sie und ließ den Löffel wieder fallen.

Und während sie in Dampf gehüllt auf dem Hackeklotz saß, begann sie zu singen, ihre Wangen waren gerötet, und sie war so froh.

„Lisbeth! Lisbeth!

O wie bist du lieb und nett!

Schau mich an adrett,

Lisbeth! Lisbeth!

O wie bist du lieb und nett!“

Sie sangen alle mit, in Dampf und Kuchengeruch, die Mägde und die Kinder und Tine, aber da war die Mutter schon wieder in der Wohnstube.

„Tine, Tine“, rief sie, „lassen Sie doch die andern.“

Sie war in den Schaukelstuhl gesunken. Sie war müde geworden von all dem vielen Nichts.

Alle Türen standen offen, der Kuchengeruch drang herein, die Rührbesen gingen, und die Backofentüren klapperten.

„Oh, Tine, holen Sie mir meine Briefe“, sagte die Mutter. Das waren die Briefe aus dem Sekretär, alle ihre Jugendbriefe, von ihrer Mutter und von ihren Freundinnen und von ihrem Vater. Sie waren mit Schleifen zu zierlichen Päckchen gebündelt, vergilbt, zusammengefaltet wie in jener Zeit, als man noch keine Briefumschläge benutzte, dazwischen lagen verwelkte Veilchen.

Die Mutter liebte sie.

Sie las sie nicht. Sie saß nur da und hielt sie in ihrem Schoß.

Und sie erzählte.

Von ihrem Vater, dem alten Postmeister mit dem hohen Stehkragen – er war einer jener richtigen Beamten, die immer glauben, sie müssen böse sein, wenn sie im Dienst sind. Die Bauern nannten ihn „Vadder“, doch wenn sie ihn „bemühen“ mußten, zitterten sie vor ihm.

Und von ihrer Mutter, die die Gicht an den Rollstuhl fesselte, so zerbrechlich und fein, als wäre sie körperlos, ein bleiches Antlitz ohne Farbe und ein Mund, der nur ungern sprach, denn er hatte sich müde geredet und hielt nun seine Geheimnisse verschlossen.

„Ja, sie schwieg“, sagte die Mutter und schaute vor sich hin und hielt die Briefe in ihrem Schoß.

Eine plötzliche Mattigkeit schien über sie zu kommen, und ihre Stimme klang verändert. „Aber das lernen wir wohl alle“, sagte sie.

Auf einmal tönte der Schritt des Vaters durch die Stube.

„Ich bin’s nur“, sagte er.

Die Mutter neigte den Kopf.

Wenig später sprach sie weiter – doch gleichsam hastiger.

Sie erzählte von ihren Freundinnen, den jungen Mädchen auf dem weißen Hof.

„Oh, unsere Zimmer waren ganz oben im Turm“, sagte sie, „und wenn wir die Fenster öffneten, sahen wir das Meer ...“ Die Mutter ließ die Hände in den Schoß sinken.

„Ja, Gott weiß, wie es kam“, fuhr sie fort, „aber es ist ihnen allen schlecht ergangen.“

Sie hatten unglücklich geheiratet und hatten Pech gehabt und waren nun über den ganzen Erdball verstreut.

Nur das Geld und die Vornehmheit hatten sie bewahrt.

„Sie hatten zu heißes Blut“, sagte die Mutter. „Ich glaube“ – sie hielt einen Augenblick inne – „in ihrem Geschlecht lag die Liebeskrankheit.“

Dann und wann kamen Briefe von ihnen, aus den Städten und Ländern, in denen sie nun Baronessen und Gräfinnen waren, verheiratet mit Landesflüchtigen und Spielern.

Eine von ihnen wohnte in Norditalien.

Wenn die Mutter Briefe von ihr bekam, weinte sie immer.

„Oh, sie hat diesen ekelhaften Alten geheiratet“, sagte sie.

„Manche meinen, er sei ein Lord, und manche meinen, er sei Schuhmacher gewesen.“

Aber jedes Jahr kamen von dieser Freundin auch Briefe aus Kopenhagen.

Sie war zu Hause ..., um ihren Sohn zu sehen.

„Das ist ja das einzige, was sie in dieser Welt liebt“, sagte die Mutter zu Tine.

Diesen Sohn hatte sie wohl ein bißchen außer der Reihe bekommen, und darum mußte sie wegfahren und hatte dann da unten, in Norditalien, diesen Schuhmacher oder Lord geheiratet.

„Aber sie ist ja reich“, sagte die Mutter.

Wenn sie von dieser Freundin erzählte, ergriff sie gleichsam der Lebensschmerz.

„Ja, Gott weiß, wie es kam“, sagte sie wieder, „aber es ist ihnen allen schlecht ergangen.“

Manchmal kam der Vater dieser Freundin, er kam immer ganz plötzlich und blieb immer nur ganz kurze Zeit.

Ein hochgewachsener, hagerer Mann, mit einer Haltung, als sei er es gewohnt, bei Hofe zu verkehren, ohne den Rücken zu beugen.

Die Mägde konnten dann ganz unvermutet melden: „Der Herr Hofjägermeister.“

Und er kam herein und verbeugte sich tief und ergriffen, und die Mutter ging ihm entgegen.

Er nahm immer in großem Abstand von ihr Platz, und seine matte, traurige Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne.

Und er ging, so plötzlich wie er gekommen war.

Dann weinte die Mutter, und die Kinder fürchteten sich, denn in ihren Augen war er fast ein Gespenst.

„Ich wollte Sie nur sehen“, sagte er, wenn er ging, und er verbeugte sich wieder und küßte der Mutter die Hand.

Er kam, um jene nennen zu können, die weit fort waren ...

... Aber die Mutter saß in dem Weihnachtsdampf und hielt ihre Jugendbriefe im Schoß. Neben ihr auf dem Schemel hockte Lehrers Tine.

Die Mutter erzählte von ihrer Verlobungszeit.

Sie war ja aus der Provinz gekommen, und sie wußte nichts und kannte nichts, und alles im Haus der alten Exzellenz war ihr fremd gewesen. Alles war neu und ganz fürchterlich, im Erdgeschoß die Örsteds und Mynsters und in der zweiten Etage Öhlenschläger.

Es war ein Leben, in dem ewig die Kronleuchter brannten, und dann die Schwiegermutter in schwarzem Samt, und die alten Familienwappen auf allen Kissen, und Silberkannen auf den Etagéren, und Gemälde an den Wänden, so feierlich wie in einer Kunstsammlung.

Die Mutter ging ganz verschreckt darin herum.

Aber beim Verlobungsdiner, als Trinksprüche ausgebracht und das Lied gesungen wurde, das die Exzellenz selbst geschrieben hatte, da stahl sich die Mutter hinaus auf die Treppe, die zu Öhlenschläger führte, und dort saß sie dann und weinte, sie verbarg das Gesicht in den Händen und weinte und weinte.

Der Diener fand sie.

Er mußte den Vater holen.

„Nein, nein, ich will nicht ins Zimmer“, sagte sie. „Ich möchte nach Hause – ich möchte nach Hause.“

Und sie weinte, als sollte es sie das Leben kosten.

Die Mutter erzählte und erzählte von ihrer Jugend, von den vergangenen Tagen, und hielt die Briefe in ihrem Schoß.

Aber auf einmal sagte sie: „Ja, es gibt Dinge, an die man niemals denken sollte.“

Tine entgegnete: „Es ist doch immer gut, wenn man an das Glück denkt.“

„Nein, die Erinnerung daran ist tödlich.“

Die Mutter stand auf. „Aber das Schlittschuhlaufen, das war herrlich“, sagte sie.

Dann eilte sie hinaus zu den weißen Kuchen. Die mußten nun gerührt werden. Oder sie mußte plötzlich Lorbeerblätter in die Sülze tun.

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