Kitabı oku: «Unterm silbernen Baum. 8 ernste und heitere Geschichten»
Hermann Josef Berges
Unterm silbernen Baum
8 ernste und heitere Geschichten
SAGA Egmont
Unterm silbernen Baum. 8 ernste und heitere Geschichten
Copyright © 1973, 2018 Hermann Josef Berges und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711716779
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
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SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Die Geschichten dieses Buches sind so verschieden nach Art und Gehalt, daß man sich scheuen könnte, sie nebeneinander zu stellen, wären sie nicht alle von einem bestimmt und erfüllt: vom persönlich Erlebten. Man mag, was ich erzähle, eine Hinterlassenschaft des Vergangenen nennen, aber es reicht – so meine ich – ebenso stark ins Gegenwärtige hinein, wenn auch nicht in Diktion und Wortwahl. In dieser Hinsicht habe ich die Herausforderung des aktuellen Tages, der mit psychologischen Reflexionen auf Verblüffung und Spektakel ausgeht, abgewehrt.
In fast jedem anderen Geschichtenbuch, das ich früher geschrieben habe, ging es launiger, leichter zu, als in dem vorliegenden. Weshalb aber sollte ich nicht auch einmal ernstere Vorwürfe aufgreifen, die sich mir zu Erzählungen verdichteten und bei denen ich mich – wie immer – redlich um die Einheit von Schau und Empfindung bemüht habe? Der Dichter Josef Ponten sprach sich für mein Geschichtenbuch „Das Hasenbrot“ so aus: „Was hier ein bemerkenswertes Erzählertalent vorträgt, ist kein Literatengewächs, sondern poetische Schöpfung. Alles steht hier in gesundem Erdreich. Alles lebt im frischen lebensvollen Saft unmittelbarer Empfänglichkeit. Alles ist blühend und voll Wärme.“ Ich wäre glücklich, wenn das vorliegende Buch bei seinen Lesern eine gleiche oder doch ähnliche Beurteilung finden sollte.
Gnadenbrot für Jülle
Käppe Krümmel tat einen Schluck aus dem Bierglas, schneuzte sich und sagte: „Der Teufel soll’s ändern, aber den Jülle kann ich nicht vergessen! Denkt euch, so ein armes Knochenbündel von Grubenpferd, und Tag und Nacht im tiefen Loch sitzen müssen, genau auf Sohle vier, und immer im Gespann zu gehen und den schweren Karren, beladen mit Kohle und Abbau, hinter sich her zu ziehen, Kerls, so was kann einem das Herz abdrücken!“
Käppe tauchte seinen Zeigefinger in den Bierschaum, leckte ihn ab, schwieg eine Weile und fing wieder an: „Das war mein Jülle! Nicht, daß er mein Eigentum gewesen wäre! Wo denkt ihr hin? Das hätte mir sicher gut zu Gesicht gestanden, aber damals konnte ich von einem leibhaftigen Pferd nicht einmal den Schwanz bezahlen. Wenn ich dennoch sage: Jülle gehörte mir, so ist kein Wörtchen daran gelogen, ihr sollt einmal hören, wie alles gekommen ist, die Sache mit Jülle, meine ich …“ Und Käppe Krümmel fing an, wieder einmal die Geschichte zu erzählen, die schon jedermann kannte, der in der Bergmannssiedlung wohnte.
Eines Tages – ja, so war das! – trottete er nach langer, arbeitsschwerer Schicht zum Hauptschacht zurück, das Grubenlicht am Hals und den Schlägel in der Hand. Er freute sich bannig darauf, bald wieder ins helle Tageslicht zu kommen. Dann würde es behende ans Abendbrot gehen. Was tat’s, wenn dabei nur ein Teigfladen und Zichorienkaffee auf den Tisch kamen! Damals gab es nur in reichen Häusern einen fetten Topf, bei den meisten war Schmalhans Küchenmeister, oft hing sogar der blanke Hunger auf den Zäunen.
Wie also Käppe Krümmel seinen Weg zum Hauptschacht nahm, gab es mit einemmal in seiner Nähe viel Getöse und Geschrei. Da hatte ein Grubenpferd beim Ziehen des schweren Kohlekarrens den Strang zerrissen, was den Fuhrmann, es war der rothaarige Kalle, sofort in Harnisch gebracht hatte. Er brüllte und tobte: „Du vermaledeite Krücke, ich werd’ dir’s zeigen!“
In blindem Zorn schwang er seine Peitsche und schlug auf das Tier ein. Der magere Pferdeleib zitterte und wand sich unter dem Schmerz. Aus dem Maul des Struppigen lief schaumiger Geifer. Der Zornige, in gefühlloser Besessenheit, wollte gerade erneut mit der Peitsche losschlagen, als ihm Käppe Krümmel wütend in die Arme fiel und ihn mit seiner dünnen Stimme anfuhr: „Du verfluchter Tierschinder, ich werde dir’s geben, daß dir der Zwirn ausgeht!“ Kalle stand da mit brandfeurigen Augen. Kurzweg schlug ihm Käppe den Peitschenstiel aus der Hand, was dem Wütenden merkwürdig schnell die Besinnung wiederzugeben schien. Er zuckte auffallend heftig mit seinen breiten Schultern, als ob er selbst nachträglich über seine Unbeherrschtheit erschrocken wäre.
Das kleine, struppige Grubenpferd stand zitternd da. Käppe klopfte ihm den Hals und guckte dabei in die traurigen Augen des armen Tieres. Er sah auch, daß das Fell des Pferdchens ohne Glanz war und die üppige Mähne verfilzt und grauverschmutzt herabhing.
„Armer, armer Spatz!“ sagte Käppe hilflos und merkte, wie sich die Schnauze des Tieres leicht gegen seinen Handrücken drückte. Es war wie Dank und Zärtlichkeit zugleich. In diesem Augenblick erfuhr Käppe Krümmel, wie es ist, wenn’s einem unterm Brustfleck schwach werden will. „Mensch, wie konntest du nur …?“ ging er den rothaarigen Kalle an, nur um seine Rührung zu verstecken, denn er fühlte, wie die weiche Pferdeschnauze sich erneut zärtlich gegen seine Hand drückte. Kalle stand jetzt da wie ein stummer Klotz. Der zornige Anfall, der ihn eben überwältigt hatte verflog, als hätte ihn jemand weggepustet. Wie gut, daß tiefschwarzer Kohlenstaub sein Gesicht bedeckte! Sonst hätte Käppe merken müssen, daß Kalle in der Wut über sich selbst bis hinter die Ohren rot geworden war. „Wie heißt es?“ fragte Käppe unvermittelt.
„Wer?“
„Das Pferd natürlich, wer sonst?“
„Julius!“
„Ein Pferd, das Julius heißt? So ein kleiner, borstiger, lieber Kerl heißt Julius? Da lachen ja die Hühner!“
„Er heißt nun mal so!“
„Ich würde dich Jülle nennen!“ sagte Käppe zu dem Pferdchen und kraulte ihm liebevoll die Kruppe.
So also lernten sie sich kennen, Käppe Krümmel und der kleine, struppige Bergmannsgaul. Es geschah wenige Wochen vor dem Tag, an welchem Käppe unter Zubilligung einer schmalen Knappenrente den Schlägel und die Grubenlampe für immer aus der Hand legen mußte. Als es soweit war, stritten sich in seinem Kopf und Herzen verschiedene Gedanken darüber, was nun werden sollte. Am Ende aber machte er nicht viel Federlesens, sondern er entschied sich, künftig in ein kleines Kötterhaus zu ziehen, das ihm ein Vetter zweiten Grades angeboten und dabei gesagt hatte: „Es steht leer, und mir genügt’s, wenn du das Ding ein wenig in Ordnung hältst.“
„Ist ein Viehstall dabei?“ wollte Käppe wissen.
„Das gibt es doch nicht! Ein Kötterhaus ohne Stall?“
„Dann ist’s gut!“
Was solche Fragerei sollte, erfuhr man erst später, als Käppe sich aufmachte, um bei der Zechenverwaltung vorzusprechen.
Die Herren haben die Augen weit aufgetan, als sie hörten, worum es ging. Der Knappschaftsrentner Käppe Krümmel bat darum, – zuerst glaubte man, nicht richtig gehört zu haben – ihm Julius, das Grubenpferd, zu überlassen. Ihm sei zu Ohren gekommen, so ließ sich der Bittsteller vernehmen, daß Julius in wenigen Wochen ausgedient habe, um, wie das in solchen Fällen immer geschähe, auf den Weg zum Roßschlachter geschickt zu werden. So erböte er sich, das Tier gegen Verzicht auf drei Monatsrenten abzunehmen. Julius solle durch ihn das Gnadenbrot erhalten.
Die Herren lachten und meinten: „Ein Sonderling, einer der seine Narrheit in den hellen Tag hinausläutet. Nun, wunderlich gekräuselte Dinge haťs auf dieser kuriosen Welt schon immer gegeben! Tun wir ihm den Willen!“
„Dann wäre die Sache also zu Ende gebracht“ sagte Käppe Krümmel und ging.
Von diesem Tage an hatte er alle Hände voll zu tun. Er nahm sich das alte Kötterhaus vor, kälkte die Fachwerkwände, teerte die Balken und putzte den Stall heraus, als ob es eine gute Stube werden sollte. Das alles röche nach einer Hochzeit, meinte Pastor Wimmelmann und fragte, ob sich Käppe auf seine späten Tage noch einen Myrtenstrauß ins Knopfloch stecken wolle.
„Ich möchte, Herr Pastor, Ihr Gerede nicht auf die Nadel spießen“, sagte Käppe, „aber alten Wein sollte man nicht mehr verschütten. Den Weg zum Standesamt findet ein so altgedienter Junggeselle, wie ich einer bin, nicht mehr. Hochzeit? Herr Pastor, daß ich nicht lache!“ Und wie er das sagte, mußte er ein Weilchen daran denken, daß eigentlich nur einmal in seinem Leben die Liebe zu ihm gekommen war, damals, als er, noch jung, die ersten Schichten verfahren hatte. Aber schnell, wie ein Husch, war sie abgeklungen, einfach verweht, wie das eben oft geschieht. Sein Herz hatte nicht nach einem neuen Trost gegriffen.
Nun hatte er sich vorgenommen, im Leben des alten, abgearbeiteten, kleinen Grubenpferdes Schicksal zu spielen, Julius sollte das Gnadenbrot haben, und damit lud Käppe sich eine Menge Arbeit auf den Hals, wie sich bald zeigen mußte.
Julius kam zur festgesetzten Stunde. Der rothaarige Kalle führte das Pferd am Halfter und sagte zu ihm: „Kumpel, nimm mir’s nicht übel, daß ich dich manchmal geschlagen habe! Wer so vom Zorn geplagt ist wie ich, sucht oft Speck in der Hundehütte! Nochmals, Kumpel, nimm’s mir nicht übel!“
„Es ist gut!“ sagte Käppe Krümmel, „jetzt ist Zapfenstreich, machen wir Schlußmusik!“
Die Männer tranken einen Klaren. Dann machten sie sich daran, das Pferdchen zu putzen und zu striegeln. Der Kohlenstaub wurde aus der Mähne ausgeschwemmt und bald stand Julius mit schwarzglänzendem Fell vor der gefüllten Haferkiste. Seine von der schweren Grubenarbeit gekerbten Hufe fuhren zufrieden über die Streu, das goldgelbe Weizenstroh. Als der rothaarige Kalle gegangen war, stand Käppe Krümmel neben Julius und streichelte Kruppe, Mähne, Rücken und Nüstern des Tieres, ja er erwischte sich dabei, wie er zärtliche Worte sagte: „So ein kleines, liebes Pferd kann nicht Julius heißen! Das klingt so schwer, so ernst! Ich werde dich von heute an Jülle nennen, steckt doch mehr Freundlichkeit in diesem Namen!“
Als hätte es das Tier verstanden, blinzelte es mit den Augen, und die warme Pferdeschnauze drückte sich leicht gegen Käppes Handrücken. Genau wie damals, als die beiden sich zum erstenmal begegneten, tief unten, wo graufarbige Grubenlichter den hellen Tag ersetzen sollen.
Für Käppe gab es künftig nichts anderes als Jülle. Das Gnadenbrot sollte dem Pferdchen schmecken. Das war eine Gemüts- und Pflichtsache, die den Rentner Krümmel ganz ausfüllte. Bald aber schon, nach einem guten halben Jahr, legte Jülle sich ins Stroh, um nie wieder aufzustehen. Kein gutes Wort, auch nicht das beste Rezept des Tierarztes, konnten den Tod vertreiben.
Käppe lief lange Zeit wie tiefsinnig umher, und immer wieder mußten die Leute hören, wie er sagte: „Der Teufel soll’s ändern, den Jülle kann ich nicht vergessen!“
Gestern abend traf ich Käppe. Klein, schmächtig stand er vor mir, mit fahlem Gesicht, in das sein strähniges Haar fiel. Er erzählte mir wieder einmal von Jülle. Seine Augen glänzten und waren die Spiegelung eines merkwürdigen Glückserlebnisses, das ein so jähes Ende fand.
Auf dem Heimweg kam mir der Gedanke, die Geschichte von Käppe Krümmel und seinem Jülle für die vielen Menschen aufzuschreiben, die nicht mehr an Liebe und Treue in dieser Welt glauben wollen. Während ich meinen Weg ging, stand der Himmel über mir in rötlichem Dunst. Ein schmaler Streifen, wie von grüner Seide, ging über ihn hin. Mittendrin brannte der Abendstern.
Zwischenfall im Spatzennest
Landpfarrer Gottlieb Spatz – er hat längst das Zeitliche gesegnet – gab sich in seinem Wesen immer so munter und quicklebendig, wie es seinem Namen anstand. Menschen, die wie eingeweichter Zwieback waren, mochte er nicht leiden. Immer aber, wenn es um eine zerrissene Seele ging, packte er zu und half, weniger mit frommen Sprüchlein, als mit handfesten Tröstungen. Billig angemachte geistliche Kräuter ließen keine Tränen trocknen, meinte er.
Gottlieb Spatz konnte in den Herzen anderer lesen. Besonders geschickt war er, wenn es darum ging, umgekippte Ehen wieder auf feste Beine zu stellen, wobei er den besten Zwirn klug einzufädeln und das zarteste Rosawachs für eine glückliche Versöhnung einzuschmelzen wußte.
Hatten irgendwo Not oder Leichtsinn ein Loch in einen Geldbeutel gerissen und war dabei der letzte Pfennig auf und davon gegangen, flickte Pfarrer Spatz den Beutel mit „klingendem Garn“, wie er seine Hilfe nannte. Und da man wußte, daß er mit solchem „Garn“ immer zur Stelle war, hielt ihm mancher, der’s wahrhaftig nicht notwendig gehabt hätte, den leeren Handteller unter die Nase, was der gute Gottlieb Spatz niemals übersah. „Mitnehmen“, so rechtfertigte er seine Gebefreudigkeit, „mitnehmen kann der Mensch nichts, wenn Roß und Wagen einmal stille stehn, der Bratspieß sich nicht mehr dreht, die Lebensmühle stockt und man sich mucksmäuschenstill davonmachen muß“.
So war denn, wie verständlich, jederzeit Ebbe in des Pfarrers Haushaltskasse, was ihm seine Haushälterin Dörte so übel nahm, daß sie eines Tages mit Sack und Pack das Pfarrhaus verließ, um nie wieder zurückzukehren.
„Jetzt stehe ich endlich auf eigenen Beinen“, lobte der Pfarrer den neuen Zustand und gab sich in gleicher Stunde daran, neben dem Hausherrn auch den dienenden Hausgeist zu machen, in großer Vollkommenheit, wie er meinte. Sein Pfarrhaus war ein schmalbrüstiges und im Laufe der Zeit ein wenig windschief gewordenes Fachwerkhäuschen, das er in heiterer Anwandlung, mit einem Seitenblick auf seinen Namen, das Spatzennest getauft hatte. Das weißgekälkte, von einem feuerroten Dach überblähte Ding war und blieb auch für alle, die zu des Pfarrer Gemeindeschäfchen gehörten, das Spatzennest. In ihm machte es sich Gottlieb Spatz, so weit das überhaupt anstehen konnte, gemütlich. Dabei half ihm sein Kurzhaardackel Fitti, der durch sein beträchtlich hohes Alter schon kurzatmig geworden war und seinem Herrn den einzigen Polstersessel, den man im Spatzenhaus entdecken konnte, jederzeit streitig machte. Auch Fitti war heiteren Gemüts und hatte offensichtlich nichts gegen den kargen Lebenszuschnitt im Spatzennest einzuwenden. Jedenfalls folgte er seinem Herrn aufs Wort. „Hier wird gezeigt“, pflegte der Pfarrer mit vergnügtem Augenblinzeln zu sagen, „was es auf der Welt nicht zum zweitenmal gibt: ein Dackel gehorcht, wenn ein Spatz befiehlt!“
Dazumal gab es noch wenig aufregende Ereignisse im dörflichen Miteinander, wenn man von Kindtaufen, Hochzeiten und Beerdigungen absehen will, wie etwa jene Begebenheit, bei der sich der alte, hartgesottene Junggeselle und vollkommene Spaßvogel, der Schnapsbruder Tönne Pannkoke, plötzlich und klammheimlich von dieser Welt abgesetzt hatte. Er sei im Suff geblieben, hieß es.
Pfarrer Gottlieb Spatz hatte schon vor Jahren versprechen müssen, wenn ihm, dem immer vergnügten Pfiffikus Tönne Pannkoke, einmal die Totenglocke bimmeln sollte, ihn vom Altar aus in die Seligkeit zu beten, wie es einem Christenmenschen zustehe. In der Grabrede aber müßten, so hatte er es gewollt, lustige Teufelchen umherspringen. Gottlieb Spatz hielt sein Versprechen und ließ sich an der offenen Gruft so vernehmen: „Ach, du lieber Tönne Pannkoke. Da liegst du nun kalt, hart und trocken wie eine alte Brotkruste in deinem Sarg und liebtest doch so sehr die Feuchtigkeit! Du hast es gut geschafft, denn der liebe Gott wird dir, ich weiß es genau, die gütigen Hände auf den grauen Kopf legen. Womit aber soll ich dich, lieber Verstorbener, vergleichen? Mit der Sonne? Nein, das geht nicht an! Die Sonne blendet mit ihrem Glanze. Man kann sie nicht mit Vergnügen ansehen, wie dich, als du noch unter uns warst. Soll ich dich mit einem Stern vergleichen? Nein, ein Stern gibt doch zu wenig fröhliches Licht. Soll ich dich mit dem Mond vergleichen? Das wäre richtig, so meine ich. Aber hier ist doch noch ein kleiner Umstand zu bedenken: der Mond ist nur wenige Tage voll, ganz anders als du es immer warst, mein selig Verstorbener! Sanft ruhe nun, ganz sanft! Amen!“
Diese Grabrede stieg der engsichtigen Kratzbürste Mieke ins verklemmte Gemüt, und da sie die Kunst des Schmollens verstand, ging sie von dieser Stunde an grußlos an Pfarrer Gottlieb Spatz vorüber. Ja, führte ihr Weg am Spatzennest vorbei, drehte sie ihren Hals verächtlich zur anderen Seite, eine von jenen Froschblütigen, die sich nie im Lachen ausgeschüttet haben und glauben, was ihnen an frischem Verstand, flüssigem Gewissen, gutem Herzen und poetischem Gemüt mangelt, dadurch wett machen zu können, daß sie sich, wo es nur geht, in Selbstherrlichkeit preisen.
Auch Küster Tobias Wurm war mit der Grabrede nicht einverstanden. Er schüttelte seine Hängebacken und hatte hellen Unmut in seinen Buttermilchaugen. Während der vergnügten Grabrede seines Pfarrers trat er von einem Bein auf das andere und murmelte sein Leib- und Magensprüchlein vor sich hin: „Lieber Herrgott von Bentheim, ich verstehe die Welt nicht mehr!“
Im Spatzennest übte der Pfarrer eine merkwürdige Gepflogenheit, die er eigensinnig verteidigte. In seinem Herrgottswinkel lag, jederzeit griffbereit, ein Päckchen Spielkarten. Auf dem Hausaltärchen, mitten unter dem Heilandsbild, war es in friedlicher Eintracht mit Kerzenleuchtern und Blumenschmuck zu finden. Gottlieb Spatz liebte das Kartenspiel mit einer Hingabe, die aber über alle Mißdeutungen erhaben war. Ein mannhafter Skat sei, so meinte der Pfarrer, ein symbolischer Zeitvertreib; in ihm spiegele sich das Leben wider, wo auch der immer eine gute Spanne besser dran sei, der die Trümpfe in der Hand habe.
Wie schnell er beim Kartenspiel in verhäkelte Leichtfertigkeiten verfiel, sollte sich eines Nachts erweisen. In einer rätselhaften Verblendung oder unerklärbaren Dummheit hatten sich in der Dunkelheit zwei ortsfremde Kerle Eingang ins Spatzennest verschafft, wohl in der Meinung, daß, wo sonntags der Klingelbeutel in der Kirche viele Male reihum gehe, ein netter Batzen zu holen sein müsse.
Als sie bei ihrem Bemühen, das pfarrherrliche Schreibpult aufzusperren, zuviel Lärm machten, wurde Dackel Fitti munter und meldete nach Hundeart den Gefahrenstand, was wiederum seinen Herrn so schnell auf die Beine brachte, daß es den nächtlichen Besuchern unmöglich war, noch rechtzeitig zum Rückzug zu blasen. Wie ein Wetterstrahl, der plötzlich herniederfunkt, stand Gottlieb Spatz vor den beiden, die gekommen waren, zu ernten, wo sie nicht gesät hatten.
Mächtig fuhr er die verdatterten Kerle an: „Dies Ding hat nicht seinesgleichen! Wo juckt euch denn das Fell? In der Bibel steht zwar, wer da suche, auch immer finde, aber der liebe Herr hat, als er dieses Sprüchlein verkündete, wahrhaftig nicht ans Spatzennest und seine Haushaltskasse gedacht, denn in dieser ist eben so viel drin, wie in einem leeren Hafersack!“
Die beiden, die gekommen waren, um Gottlieb Spatz zum gerupften Vögelchen zu machen, standen nun selbst da wie die Hühner, denen man alle Federn genommen hat. Nicht, daß sie ratlos geworden oder sogar in eine Lähmung gesunken wären, aber sie begriffen gut, daß sie in einer bösen Falle saßen. Nun galt für sie, wie Küster Tobias Wurm es nannte, klitzekleine Lichtlein anzustecken. Darum begann einer der beiden mit einem bittenden Blick aus den Augenwinkeln: „Lassen Sie, Herr Pfarrer, Gnade vor Recht ergehen! Wir haben das Spiel verloren. Sie aber haben alle Trümpfe in der Hand!“
„So einfach ist die Sache nicht! Ihr Lumpenkerle werdet mir zur Verfügung stehen!“ sagte Gottlieb Spatz gelassen, als habe er schon mit Bedacht einen Plan geschmiedet.
„Wir haben zuhause Weib und Kind …“ fingen die beiden an. Ehe sie aber ihr Klagelied voll anstimmen konnten, fuhr der Pfarrer dazwischen: „Schweigt! Diese Melodie kenne ich. Wenn euch schon die Weltlust sticht, dann quarrt nicht wie die grünen Frösche, sondern setzt euch mit mir an den Tisch. Ich werde euch als Gäste ansehen und Salzbrezeln mit Leberwurst auftragen und auch eine Buddel Stachelbeerwein dazusetzen. Damit ihr’s wißt: mich gelüstet es schon seit dem Zubettgehen nach einem rechten Männerskat. Nun hat mir der liebe Gott den zweiten und dritten Mann geschickt, und das seid ihr! Haltet ihr mit?“
Wenn ein Dudelsack gekniffen wird, quiekt er. So war’s mit den beiden, die ein Juchhu ausstießen, dann aber aßen und tranken und vor Lebenslust glühten.
Gottlieb Spatz ging zum Herrgottswinkel, holte die Spielkarten, und bald war er mit seinen merkwürdigen Gästen wie in einem stürmischen Lebensstrom untergetaucht. So heiß ging es diesmal beim Skatspiel im Spatzennest zu.
Erst als es von der Dorfkirche vier Uhr geschlagen hatte, die Töne herübergeweht und verhallt waren, machte Gottlieb Spatz die Türe hinter den Mitspielern zu. Im Morgendämmern sah er die Gestalten hinter der Weißdornhecke des Pfarrgartens verschwinden.
Den beiden, die sich des Nachdenkens über die Wunderlichkeiten dieses Lebens sonst immer nach Kräften enthielten und sich lieber mit der Flasche den Kopf erhitzten als mit unnützen Gedanken, war die Begegnung, die der Pfarrer vergnügt einen Zwischenfall im Spatzennest nannte, wie ein Wunder. So etwas hatten sie, die von der Leiter des Glücks verteufelt weit hinabgefallen waren, noch nicht erlebt. Es machte sie nachdenklich. Der eine von ihnen, der von erdenfröhlicher Dicke war, versprach sogar, ein besserer Mensch zu werden. Niemand hat erfahren, ob er es gehalten hat.
War’s Zufall oder geschah es auf einen geheimen Wink hin? Wenige Tage nach dem Zwischenfall im Spatzennest meldete der Bischof seinen Besuch zu einer Pfarrvisitation an. Er kam, und jeder erfuhr, daß der hohe Gast kein Mensch mit Wachsfigurenaugen und zitterndem Muskelspiel um den festverkniffenen Mund, sondern ein krausgelaunter, von Herzensfülle übersprudelnder Mann war.
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