Kitabı oku: «Bibel, Blech und Gottvertrauen», sayfa 2
Unterwegs im Mattenquartier
Dazu gehörten Besuche zu zweit von Haus zu Haus im Berner Mattenquartier, dem ärmsten Viertel der Stadt Bern. Diese Besuchseinsätze waren neu und ungewohnt für mich, eine echte Herausforderung. Ich musste mich immer wieder dazu überwinden. Wir sahen in Zustände hinein, von denen wir kaum wussten, dass sie existierten. Für städtische Verhältnisse waren die Wohnungen und Einrichtungen zum Teil sehr primitiv. Dabei war ich ja von zu Hause aus absolut nicht auf Luxus getrimmt. Oft wurden uns Türen vor der Nase zugeschlagen, andere taten sich weit auf, wenn Leute uns in unseren Heilsarmeeuniformen erkannten. Einzelne waren froh, sich ihre Not von der Seele reden zu dürfen. Auf diese Weise wurden wir mit so manchem Schicksal und manchem Familiendrama konfrontiert. Das erweiterte unsere Horizonte im Blick auf die tiefen menschlichen Bedürfnisse. Gewisse Anliegen gaben wir dem Hilfsposten der Heilsarmee in Bern weiter. Die dafür verantwortlichen Offizierinnen leisteten praktische Hilfe im Haushalt, sei es während des Krankenhausaufenthaltes einer Mutter oder in anderen Notsituationen. Sie begleiteten Kranke zum Arzt, kümmerten sich um Pflegebedürftige zu Hause, veranlassten, wenn nötig, eine Krankenhauseinweisung oder trafen andere Anordnungen. Wir durften Menschen ermutigen, sich ganz persönlich an Gott zu wenden und von ihm Hilfe zu erwarten. Wir selbst erlebten ja täglich diese Hilfe, indem wir uns direkt an Gott richteten, vor ihm unsere Anliegen ausbreiteten, sei es allein oder in der Gruppe. Immer wieder erfuhren wir Gottes Eingreifen in bestimmten Situationen. So oft wurde mir persönlich Mut und Gelingen geschenkt, wo mir vor einer Aufgabe graute, vor etwas Neuem, Fremdem vielleicht. Hinterher fühlte ich mich glücklich und dankbar, dass ich es mit Gottes Hilfe geschafft hatte. Wenn die Leute im Mattenquartier es wünschten, beteten wir auch mit ihnen. Bei diesen Besuchen wurden mir zum ersten Mal die Augen geöffnet für Lebensverhältnisse, die im krassen Gegensatz standen zu meinem Elternhaus, das von Liebe geprägt war.
Einen weiteren Einblick in menschliche Tragödien erhielt ich im Frauengefängnis in Hindelbank und im Männergefängnis in Thorberg. Dass unsere Frauenkreise zu Hause regelmäßig Socken strickten für die Weihnachtsbescherung der Gefangenen, war mir bewusst. Es wurden auch Pullover, Handschuhe und Mützen für Kinder und Erstlingsausstattungen für die Babys der Familien von Gefangenen angefertigt. Noch heute werden die über 1.000 Paar Socken mit großer Dankbarkeit angenommen, wie auch die Schokolade und einige andere nützliche, begehrte Kleinigkeiten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber unklare Vorstellungen über Gefängnisse und deren Insassen. Wir kamen zwar nicht direkt mit Straffälligen in Berührung, aber Kontakt gab es doch durch unsere Gottesdienste, die wir sehr sorgfältig vorbereiteten und bei denen wir speziell auf unsere Wortwahl achteten. Wir wollten unsere Zuhörer ja nicht verletzen, sondern sie zum Nachdenken bewegen und zu einem Neubeginn auf solider Basis ermutigen. Um das Gesagte zu unterstützen, gaben wir den Zuhörern immer auch noch Traktate oder unsere Zeitschriften in verschiedenen Sprachen weiter.
Gottes Fingerzeig
Alle diese Erlebnisse bestätigten mir, am rechten Ort zu sein. Mein Herz schlug für diese Leute. Das war allerdings nicht immer so. Gott hatte mir diese Liebe und den Glauben für solche Menschen auf ganz besondere Weise geschenkt. Damals war ich ungefähr 20 Jahre alt gewesen. Bis dahin hatte ich meine Mädchenjahre immer wieder als Kampf erlebt, und das nicht nur nach außen, sondern auch in meinem Inneren. Obwohl ich Jesus damals schon sehr liebte und ihn in mein Herz aufgenommen hatte, wusste ich, dass sich noch etwas mit mir ändern müsste. Ich war oft unzufrieden mit mir selbst. Mein ganzes Wesen war wenig ausgeglichen; mal war ich himmelhoch jauchzend und dann wieder zu Tode betrübt. Ich ließ mich sehr stark von Sympathie und Antipathie bestimmen. Dabei wollte ich doch alle Menschen gleich behandeln. So fing ich an, meine Not vor Gott zu bringen, ihm zu sagen, wie ich mir vorstellte, dass ich zu sein hätte. Gleichzeitig gab ich mir enorm Mühe, mein Ziel zu erreichen, doch vergebens. Ich schaffte es einfach nicht und war enttäuscht von mir selbst. Da zeigte Gott mir, dass ich es nicht selbst schaffen musste – und es auch nicht konnte. Das würde seine Sache sein. Er würde bereit sein, mir alles zu geben, was ich brauchte. So betete ich weiter, manchmal intensiv, manchmal weniger, manchmal auch gar nicht. Aber tief im Herzen blieb diese Erwartung, dass Gott eines Tages meine Bitte erfüllen werde. Ich wollte auf keinen Fall dieses wetterwendische, launische Wesen bleiben, das ich war und das mich in meinem künftigen Dienst für ihn nur hindern würde.
Dieses Ringen erstreckte sich wohl über mehr als zwei Jahre. Und dann kam jener Tag, an dem ich zu Hause in Adelboden in unserer Küche stand. Ich hatte bereits meinen Wintermantel angezogen und wartete auf meine Mutter. Meine Gedanken kreisten, wie schon so oft, um den Wunsch, dass Gott selbst sich mir auf irgendeine Art mitteilen würde. Da geschah etwas, auf das ich keinen Einfluss hatte. Es war, als ob ein Strahl durch mich hindurchfuhr. War ich von einem Blitz getroffen worden oder hatte ich eine elektrische Leitung berührt? Um ein Gewitter konnte es sich wohl kaum handeln, da es doch mitten im Winter war. Auch hatte ich nichts angefasst. Ich stutzte – was mochte das wohl gewesen sein? Zur gleichen Zeit spürte ich, wie ein Strom göttlicher Liebe in mich hineinfloss. Unendliche Liebe und grenzenloses Vertrauen erfüllten mich. Ich hatte plötzlich Hoffnung und Glauben auch für die hoffnungslosesten Menschen. Mit einem Mal war mir klar, dass auch sie von Gott geliebt und von ihm nicht ausgeschlossen sind, ja, dass er ihr Leben völlig neu machen konnte, wenn sie dies begehrten. Ich hatte Tränen in den Augen, so sehr war ich berührt und von einem Wonnegefühl erfasst. Gott selbst hatte mich durch seinen Geist berührt. Mehrere Tage war es mir, als schwebte ich wie auf Wolken. Es war ein herrlicher Zustand und ich wünschte mir, dass es immer so bliebe. Leider schwächte sich das starke Empfinden ab und der nüchterne Alltag kehrte zurück. Aber mein Leben hatte sich verändert. Es war eine überaus wertvolle Erfahrung, die aus mir keine Heilige machte, sich aber positiv auf mich und mein künftiges Leben auswirkte. Dieses Erlebnis half mir auch, in künftigen Schwierigkeiten durchzuhalten.
Aussendungsfeier
Wir freuten uns auf den krönenden Abschluss unserer Ausbildung, den 22. Mai 1961. Die Aussendungsfeier würde im Kasinosaal in Bern stattfinden. Schon lange im Voraus wurden Vorbereitungen getroffen, gesungen, musiziert und Sprechchöre eingeübt. Etwas vom Wichtigsten war aber, sich vor Gott bewusst zu werden, ob man wirklich bereit und willens war, das Versprechen zum Offiziersdienst in der Heilsarmee zu unterzeichnen. Darauf wurde von den Verantwortlichen größter Wert gelegt. Jeder Einzelne sollte genau wissen, worum es ging. Jeder zukünftige Heilsarmeeoffizier hatte folgendes Versprechen abzulegen:
Von Gott berufen, als Offizier oder Offizierin der Heilsarmee das Evangelium unseres Herrn und Erlösers Jesu Christi zu verkündigen, verspreche ich durch diesen feierlichen Bund:
Ich will Gott von ganzem Herzen lieben und ihm dienen, solange ich lebe.
Ich will Menschen für Christus gewinnen; ihr Heil soll mein Höchstes Gut sein.
Ich will mich um die Armen kümmern, die Hungrigen nähren, die Nackten kleiden, die Ungeliebten lieben und denen ein Freund sein, die keine Freunde haben.
Ich will den Lehren und Prinzipien der Heilsarmee gegenüber treu sein und mich mit Gottes Hilfe würdig erweisen als Offizier und Nachfolger Jesu Christi.
Dieses Versprechen unterschreibe ich im Vertrauen auf meinen Herrn und Erlöser und in der Gegenwart des Territorialleiters, der bei der Feier anwesenden Offiziere und meiner Mitkadetten.
Neue Aufgabe am alten Ort
Nach unserer Ausbildung würden wir in alle Teile der Schweiz, vereinzelt auch nach Österreich ausgesandt werden, um unser neues Arbeitsgebiet anzutreten. Wohin es gehen sollte, wussten wir noch nicht. Die Spannung und auch die Spekulationen wuchsen. Einige konnten sich ungefähr ausrechnen, wo ein Platz für sie frei sein könnte. Ich hatte keine Ahnung, wohin es mich verschlagen würde, und fiel aus allen Wolken, als ich vernahm, dass ich nur gerade mein Zimmer zu wechseln hätte, also blieb, wo ich war. Ich würde mit einer anderen, wie ich zur Kadettleutnantin ernannten Frau, mitverantwortlich sein für die Ausbildung des nächsten Kurses – eine Art „Feldweibel“ also, der für Ordnung, Disziplin und einen reibungslosen Tagesablauf sorgen sollte. Mit einer Gruppe der Neuen, der Session „Diener Christi“, würde ich für Einsätze in einer Gemeinde unterwegs sein, diese mit organisieren, vorbereiten und durchführen. Zu meiner Aufgabe gehörte auch, gewisse Schulstunden vom Französischen ins Deutsche „live“ zu übersetzen. Alle Lektionen wurden ja zweisprachig geführt. So befasste ich mich hauptsächlich im Voraus mit dem umfangreichen, vom Wortschatz her recht schwierigen Unterrichtsmaterial für das Alte Testament. Mein künftiges Amt würde auch beinhalten, ein Bindeglied zwischen der Basis und der Leitung zu sein. Vielleicht würde ich bei Gelegenheit als „Klagemauer“ dienen und ein offenes Ohr für spezielle Anliegen haben müssen.
Einerseits freute ich mich über den Beweis des Vertrauens, anderseits wusste ich um die Verantwortung der Aufgabe, die viel Selbstdisziplin von mir fordern würde. Zur gleichen Zeit spürte ich auch Gottes Zusage, mit mir zu sein. Ein Spruch begleitete mich: Die Aufgabe vor dir ist nicht größer als die Kraft hinter dir. Und etwas Wahres wird wohl auch im gut gemeinten „Spötteln“ einiger Mitkadetten gewesen sein: „Wer im ersten Jahr noch nicht alles gelernt hat, braucht eine zweite Session dazu“.
Verschnaufpause
Die Zwischenzeit bis zum Beginn der neuen Session wurde gut genutzt. Zunächst verbrachte ich drei Wochen in der Heilsarmeegemeinde Lausanne 2. Ich beteiligte mich an Hausbesuchen, an Gottesdiensten im Saal und im Freien, an Frauenstunden – eine Menge Neues gab es hier für mich zu erleben. Was mich aber viel innere Kraft kostete, war der Einsatz im Bahnhofsrestaurant in Lausanne. Ein Mal in der Woche musste ich dort unsere Zeitschriften anbieten. Allein ging ich von Tisch zu Tisch und versuchte den Kontakt zu den Gästen aufzunehmen. Einige zeigten sich erfreut über mein Erscheinen, andere wollten nicht gestört werden.
Weitere drei Wochen gehörten dem Einsatz im Kinderlager für Mädchen in Buchillon am Genfersee. Das waren sehr wertvolle Erfahrungen. Ganz abgesehen von der einzigartigen, idyllischen Umgebung am See, profitierte ich vom Gebrauch der französischen Sprache und auch von der Arbeit mit den Kindern, die vor Lebenslust und Einfällen nur so sprühten und natürlich mit Herzenslust badeten. Als die Zeit wie im Flug vorübergegangen war, tauchte Peter, mein Verlobter, mit seinem geliehenen Motorrad auf und holte mich ab für die Ferien in Adelboden – nicht ohne zuvor zu zweit eine ausgiebige Runde im Ruderboot auf dem See gedreht zu haben. Dann ging es für mich in luftiger Fahrt auf dem Soziussitz von Peters Vespa ins Berner Oberland. Die Ferien verbrachte jeder für sich bei seinen Angehörigen. Es boten sich aber auch viele Gelegenheiten für gemeinsame Bergtouren, Besuche und Ausflüge. Diese Zeit verging im Nu.
Kurswechsel
Allzu schnell war es so weit. Ich musste wieder zurück nach Bern, um meine neue Aufgabe anzutreten. Die „neuen“ Kadetten, die nun die Session „Diener Christi“ bildeten, kamen voller Erwartung. Es war eine kleinere Schar. Sie waren bereit, das Beste aus ihrem Leben zu machen, so wie wir ein Jahr zuvor. Und auch ich war dazu bereit. Einmal schien mir meine Aufgabe besonders schwer zu fallen. Ich nahm ja eine ziemlich isolierte Stellung ein und oft hatte ich den Eindruck, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Bis dahin war mir das Gehorchen stets leichter gefallen, als Befehle zu erteilen. Aber das muss doch auch gelernt werden. Da ermutigte mich unser Schulleiter, Oberst Silfverberg, ein Schwede, der mit einer Schweizerin verheiratet war, mit den Worten: „Für eine solche Aufgabe werden nur die Besten ausgewählt.“ Er wollte mir damit sagen, dass sie als Verantwortliche gewusst hätten, warum sie für diese Aufgabe gerade mich ausgewählt hatten. Das ermutigte mich und stärkte mir den Rücken.
In meiner Gruppe von neun jungen Frauen, die oft für spezielle Einsätze unterwegs waren, hatten wir es gut miteinander. Wir lachten und scherzten oft und ergänzten uns in unseren Begabungen und Fähigkeiten. Mit meiner Kollegin, die mit der gleichen Aufgabe betraut war wie ich und für eine weitere Gruppe verantwortlich, konnte ich mich über unseren Dienstalltag austauschen. Während dieses Jahres vermisste ich Peter mehr, als ich mir gedacht hatte. Wir sahen uns nur selten, und zum Schreiben oder Telefonieren blieb nicht viel Zeit. Einmal besuchte ich ihn nach einer Blinddarmoperation im Spital Thun, doch da schlief er meistens und nahm mich kaum wahr. Er hatte eine sehr strenge Zeit hinter sich, denn er musste damals für den Leiter der Gemeinde in Thun einspringen, der ernsthaft erkrankt war und dessen Frau gerade das jüngste Kind zur Welt gebracht hatte. Peter führte Kinderstunden durch, erteilte den Mädchen Gitarrenunterricht, hielt Gottesdienste und Religionsunterricht, erledigte administrative Aufgaben und vieles mehr. Als Dienstanfänger brauchte er natürlich für alles wesentlich mehr Zeit zur Vorbereitung als ein „Profi“.
Vertrautes St. Aubin
Das Jahr in Bern ging zu Ende und ich stellte fest, dass es für mich in vielen Teilen sehr lehrreich gewesen war. Ich hatte eine Menge gelernt, sowohl schulisch als auch im Blick auf die Disziplin und auch viele praktische Dinge, von perfekter Gästebewirtung bis zum tadellosen Bügeln von Blusen und Herrenhemden. Jetzt kam auch für mich die Zeit, meine Koffer zu packen. Ich mochte es kaum erwarten, als ich hörte, dass St. Aubin mein nächstes Zuhause sein würde. Es handelte sich also um eine Art Heimkommen nach zehn Jahren. Dort in der Nähe hatte ich ja bereits als Sechzehnjährige mein Welschlandjahr verbracht und kannte die dortigen Verhältnisse recht gut.
Als frisch bestallte Leutnantin hielt ich an einem wunderschönen Frühlingstag, es war der 3. Mai, Einzug an den Ufern des Neuenburgersees. Mehrmals stieg ich von der Wohnung aufs Flachdach, atmete tief durch und konnte mich kaum satt sehen an den goldgelben Wiesen voller Löwenzahn, den in Blüte stehenden Obstbäumen und dem sich leicht kräuselnden See im Hintergrund. War das eine Pracht! Nach der langen Stadterfahrung wirkte die Gegend wie Balsam auf mein ausgetrocknetes Gemüt. Eine liebe, erfahrene Majorin nahm mich herzlich auf. Im Laufe der Wochen wurde sie mir zum großen Vorbild in ihrer Hingabe und Leidenschaft an die Sache Gottes. Sie freute sich sichtlich, die Aufgaben mit mir teilen zu dürfen, und führte mich in alle Einzelheiten des Dienstes ein, auch was die Sprache betraf. Da konnte es bei mir schon mal zu lustigen Ausrutschern und kleinen Missverständnissen kommen. Wir lachten und scherzten viel miteinander in jenem halben Jahr.
Zu meinen vielfältigen Aufgaben gehörte zum Beispiel die Mitarbeit bei einem Kindertageslager in Fleurier. Für die drei Buben des Leiters war ich „la grande sœur“, die große Schwester. Hier lernte ich dazu über die Arbeit mit Kindern und auch das Zusammenleben mit anderen Verantwortlichen.
In einer anderen Woche war ich dafür zuständig, in Cernier von Haus zu Haus Spenden zu sammeln. Es kostete mich Überwindung, um Geld zu bitten, doch tat ich es aus Liebe zu Jesus. Dabei kam es zu vielen erfreulichen Kontakten mit der dortigen Bevölkerung. In diesem Uhrmacherdorf hatte ja einst meine Mutter ein Jahr verbracht und sich sehr wohl gefühlt. Hier hatte sie auch Tante Céline kennengelernt, ihre treue Freundin.
In Cernier bewohnte ich allein eine fast leere Wohnung und hatte gerade mein Frühstück beendet. Die Maus in einer anderen Ecke der großen, geräumigen Küche war noch nicht ganz fertig damit. Da meldete sich Besuch an. Mein Chef aus Neuenburg wollte sich auf dem Vorbeiweg überzeugen, dass es mir gut ging. Bei mir war alles in Ordnung – außer dem unwillkommenen Gast am anderen Ende der großen Küche. Das sollte sich nun ändern. Der Oberst in seiner adretten Uniform mit Stehkragen, mit einem Besenstiel bewaffnet, und ich in der Hausfrauenmontur mit dem Wallholz (zum Auswallen des Wähenteiges) in der Hand, stürzten uns beide in den Kampf. Eine wilde Hetzjagd begann, doch wir waren zu langsam. Die verängstigte Maus sauste kreuz und quer durch die Küche und verschwand dann blitzartig in ihrem Schlupfloch. So hatte ich mich wenigstens schon ein wenig fit gemacht für den Tag, denn im Laufe der nächsten Stunden hatte ich viele Treppen zu steigen. Am anderen Morgen leistete mir die Maus wieder Gesellschaft beim Frühstück. Sie freute sich an ihrem Überleben und knabberte vergnügt an den Körnern, die ich ihr hingeworfen hatte, um wenigstens während des Essens meine Ruhe zu haben.
Von St. Aubin aus hielten wir von Zeit zu Zeit Gottesdienste an einem Wochenabend in der Landkolonie in Fresens, einem weitläufigen Gutsbetrieb, der von der Heilsarmee geführt wurde und vorwiegend Männer mit Alkoholproblemen beherbergte. Dieser Betrieb wurde weit über dem Neuenburgersee bewirtschaftet. Meistens waren wir vorher zum Nachtessen mit dem Leiterehepaar und einigen Mitarbeitern eingeladen. Wir fragten uns manchmal, was wohl von den Gottesdiensten in den Herzen dieser Männer zurückbliebe? Sie schienen oft so teilnahmslos. Hie und da erreichte uns dann doch eine positive Reaktion – Freude an einem ermutigenden Wort, einem Gedicht, einem gesungenen Duett –, oder sie zeigten uns voller Stolz ihre geflochtenen Korbwaren oder sonstigen Handarbeiten oder die Tiere, die ihnen anvertraut waren. Beeindruckend waren die Felder mit der sprießenden Saat oder dem reifen Korn und all die verschiedenen Obstplantagen, die zum Betrieb gehörten und von den Männern bearbeitet und gepflegt wurden. Die Verantwortlichen brachten immer wieder eine große Portion Geduld auf. Vor allen Dingen brauchte es viel Liebe zu diesen von sich und dem Leben enttäuschten Männern und die Gewissheit, dass auch aus hoffnungslosesten Leben Neues entstehen kann.
Gelegentlich teilten wir zwei Frauen uns auf für die Gottesdienste am Sonntagmorgen im Schulhaus in Fresens und im Saal in St. Aubin. So ganz alleine einen Gottesdienst in fremder Sprache zu bewältigen, stellte einige Ansprüche an mich. Einmal erhielt ich aber ein ermutigendes Echo. Eine Frau hatte sich überlegt, ob sie überhaupt zum Gottesdienst im Schulhaus gehen solle, als sie hörte, dass ich, die Deutschschweizerin, alleine in Fresens sein würde. Hinterher vertraute sie sich einer anderen Person an: „Ich habe es absolut nicht bereut und bin froh, dabei gewesen zu sein. Der Gottesdienst, vor allem die Predigt, haben mir viel gebracht.“ Es tat mir gut zu wissen, dass die Leute mein Französisch verstanden und von dem Wort Gottes berührt wurden, das ich weitergab. Ich denke, dass Gottes Heiliger Geist eine Brücke zu schlagen vermochte – auch über den „Röstigraben“ hinweg, wie wir die Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten zwischen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz gerne bezeichnen.
Am Wochenende zogen wir immer wieder los, um in den Gasthäusern und Restaurants zu singen. In der deutschen Schweiz wünschten sich die Gäste als Zugabe meistens das Lied vom „Sonnenschein“, in der Romandie dagegen „blanc plus blanc que neige“ – weiß, ja weißer als Schnee. Dieses Lied handelte vom menschlichen, von Natur aus sündigen, von Gott entfernten Herz, das durch das Opfer Jesu und sein vergossenes Blut am Kreuz auf Golgatha reiner und weißer als Schnee wird bei jedem, der es begehrt. Immer und immer wieder wurde dieses Lied verlangt. Ob es an der Melodie lag oder an den Worten? Und ob sich die Zuhörer wirklich bewusst waren, wie wichtig diese Botschaft ist? Vor unseren Einsätzen beteten wir jedes Mal für alle, denen wir im Laufe des Abends begegnen würden. Gott allein konnte ihre Herzen berühren und ihnen wohltun. An diesen Abenden legten wir oft weite Strecken von einem Dorf zum anderen zu Fuß zurück, wenn spätabends kein Bus mehr fuhr. Über die Ebene von Bevaix bis St. Aubin wehte dann so manches Mal ein eisiger Wind.
