Kitabı oku: «Bibel, Blech und Gottvertrauen», sayfa 3
Dienst zu zweit
Für mich war diese Zeit in St. Aubin wunderschön, vor allem, weil unser Hochzeitstag immer näher rückte. Meine Gedanken weilten sehr oft bei meinem Bräutigam. Wie hätte es anders sein können? Das lange Warten auf ihn wurde langsam zur Zerreißprobe. Vorher gab es allerdings noch einige Hürden zu nehmen. So wartete ich immer noch auf die Bewilligung zum Heiraten. Auch musste noch ein ärztliches Gutachten eingeholt werden. Und dann kam plötzlich vom Divisionshauptquartier in Neuenburg die schriftliche Aufforderung, ich solle meinen Dienstort wechseln. Dieser Marschbefehl erklärte weder, wohin es für mich gehen sollte, noch nahm er irgendwie Bezug auf meine persönliche Situation. Solch ein Marschbefehl war damals nichts Außergewöhnliches. Er konnte jederzeit eintreffen, und erst nach einer Woche wussten alle, die davon betroffen waren, wohin es eigentlich gehen würde. Meine Majorin jedoch reagierte energisch. Sie telefonierte mit ihrem Chef und stellte klar: „Ich gebe meine Leutnantin nur her, wenn es ums Heiraten geht, sonst nicht. Ich lasse es nicht zu, dass sie woanders eingesetzt wird.“ Und ihr Chef, Oberst Bordas, gab ihr Recht: „Da bin ich ganz einverstanden mit Ihnen, Majorin. Ist denn die Erlaubnis zur Heirat noch nicht eingetroffen? Ich dachte, das sei geregelt. Ich werde die Sache in die Hand nehmen.“ Von ihm veranlasst, kam nun Bewegung ins Hauptquartier in Bern. Im Handumdrehen hatte ich das erwartete Schreiben in Händen. Nun stand fest, dass der lang ersehnte Tag unserer Hochzeit der 24. November 1962 sein würde.
Jetzt konnten Peter und ich uns konkret darauf einstellen. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass wir in den ersten drei Jahren nach unserem Dienstbeginn jeden Monat eine schriftliche Aufgabe zu erledigen hatten. Als Ehepaar würden wir uns diese Arbeit später aufteilen – mal der eine, mal der andere. Aber bis dahin musste ich mich noch alleine damit auseinandersetzen; zum Beispiel mit den Fragen der Juden in der Babylonischen Gefangenschaft. Von ihnen ist in der Bibel zu lesen, dass sie an den Flüssen Babylons – im heutigen Irak – saßen und vor lauter Heimweh weinten, wenn sie an ihre Heimat Jerusalem dachten. Ihre Harfen hatten sie in die Zweige der Pappeln gehängt, weil es ihnen absolut nicht zum Singen und Spielen zumute war (siehe Palm 137). Diese traurigen Themen mischten sich nun in meine hochzeitliche Stimmung. Wie sollte es mir gelingen, beides in Einklang zu bringen? Schlussendlich kam ich doch zum Ziel. Der Abschied von St. Aubin geschah mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wobei das lachende Auge überwog.
Die Hochzeit
Meine drei Wochen Brautferien verbrachte ich in Adelboden bei meiner Mutter. Dort konnte ich in aller Ruhe die Hochzeit vorbereiten. Eine lustig-ernste Episode kam noch dazwischen. Meine neue Uniform, die ich nur gerade an der Aussendungsfeier getragen und dann wieder sorgfältig eingepackt und beiseitegelegt hatte für meinen großen Tag, wies zwei, drei, kleine Löchlein am Ärmelansatz auf, die mit bloßem Auge kaum sichtbar waren. Zum Glück gab es eine begabte Kunststopferin, die den Schaden beheben konnte. Ihr Einkommen war stets auch ein wenig vom Werk der Motten abhängig. Das Glück unserer Ehe würde allerdings nicht von solchen Äußerlichkeiten abhängen. Es fiel Peter und mir nicht schwer, in der Heilsarmeeuniform zu heiraten. Sie war unser Ehrenkleid, und meine weiße Schärpe setzte einen besonderen Akzent.
Peter war vor der Hochzeit schon seit einiger Zeit in „La Résidence“ in Lausanne tätig gewesen, einem Wohnheim für obdachlose Männer und ein Aufenthaltsort für Passanten und Asylbewerber. Peter hatte sich einmal spaßhaft geäußert, er würde in den ersten drei Jahren am liebsten alle sechs Monate den Arbeitsplatz wechseln, um an möglichst vielen Orten Einblick zu erhalten. Sein Wunsch schien sich tatsächlich zu erfüllen. Er hatte zuerst in der Offiziersschule den Sommer über nach dem Rechten gesehen und vertrat zu Beginn des neuen Kurses einen Offizier, der aus London erwartet wurde. Dann sprang er als Krankheitsvertretung im Heilsarmeekorps in Thun ein, stand als Verantwortlicher der kleinen Gemeinde in Bärau vor, kam von dort als Assistent in eine große Gemeinde in Bern und war inzwischen wieder „Lückenbüßer“ in Lausanne, wo das Leiterehepaar auch mit gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Gehörte er wohl zu den Leuten, die man überall einsetzen oder eventuell auch nirgends brauchen konnte? Ich war guten Mutes, würde ich ihm nach der Hochzeit doch für einige Monate nach Lausanne folgen.
In den letzten Tagen vor der Hochzeit tobte ein Föhnsturm durchs Tal und riss einige Hausdächer weg. Voller Dankbarkeit stellten wir fest, dass unser Dach den Naturgewalten widerstanden hatte.
Dann brach ein wunderschöner Samstagmorgen an. Tags zuvor hatte es unaufhörlich geschneit und die ganze Natur in Weiß gehüllt. Nun strahlte die Sonne in der ganzen Kraft, die sie vier Wochen vor Weihnacht noch aufzubringen vermochte. So vieles war diesem Tag vorausgegangen und nun sollte das Warten auf meinen Bräutigam ein Ende haben, sollte die Liebe zur Erfüllung kommen. Ich war sicher, dass wir einander für immer angehören würden und nur der Tod uns würde trennen können. So fiel es mir dann auch nicht schwer, Peter vor versammelter Gemeinde im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal der Heilsarmee mein Ja-Wort zu geben. Unser ehemaliger Schulleiter Oberst Silfverberg und seine Gattin übernahmen die Trauung. Kinder streuten Blumen, sangen Lieder, sagten Gedichte auf, die Brassband gab ihr Bestes. Unverhofft platzte ein einstiger Postkollege von Peter mit Telegrammen mitten in die Veranstaltung und verlangte an Ort und Stelle eine Unterschrift von ihm. So war für Abwechslung gesorgt.
Abends feierten wir ausgiebig mit rund 100 geladenen Gästen im Jugendhaus der Heilsarmee im Stiegelschwand. Mein Patenonkel hatte es sich nicht nehmen lassen, ein Kalb zu mästen und dieses nebst anderen Beilagen zum Menü beizusteuern. Die Köchin vom Hotel Hari im Schlegeli fand in der Zwischensaison Zeit, uns mit einem Festessen zu verwöhnen, und eine ehemalige Schulkollegin legte tüchtig Hand an in der Küche. Die hübsch dekorierten Tische mit selbstgebastelten Segelschiffchen als Tischkärtchen und Gestecken aus vielfarbigen Geranienblüten, die sorgfältig vor dem einsetzenden Frost gerettet und für diesen speziellen Anlass aufbewahrt wurden, gaben dem Ganzen ein festliches Gepräge. Alt und Jung wetteiferten bis in die frühen Morgenstunden, um mit selbst gestalteten, persönlichen Beiträgen zum Programm beizutragen. Der Vielfalt waren keine Grenzen gesetzt.

Hochzeit am 24. November 1962.
Die erste gemeinsame Résidence
Als frisch vermähltes Paar fuhren wir am Dienstag darauf in unserem zweitürigen Kabinenroller, einer Vespa 400, nach Lausanne und zogen in „La Résidence“ ein. Peter hatte sich seit einigen Wochen in den Betrieb eingearbeitet. Ich betrat Neuland. Ein Jahr vor meiner Ankunft hatte der Umzug vom alten, baufälligen Schulhaus unter der Brücke, das als Männerheim diente, in den Neubau am Place du Vallon stattgefunden.
Das Haus bot Platz für etwa 120 Personen. Da waren die zum Teil suchtgeschädigten Männer, hinzu kamen viele jüngere Spanier mit ihren Frauen. Es handelte sich um Migranten und auch Saisonarbeiter aus Spanien, die Arbeit in der Schweiz suchten. Einzelne waren in Ouchy am See von der Polizei aufgegriffen worden, als sie nachts von Frankreich her über den Genfersee gerudert waren. Die Polizei brachte sie dann zu uns. Die Ehepaare wurden in Zimmern untergebracht. Um die zwölf Frauen fanden eine Beschäftigung in unserem Hause und für ihre Ehepartner war es nicht allzu schwierig, Arbeit auf Baustellen in der Stadt und in der Umgebung zu finden. In unserem Selbstbedienungsrestaurant wurden jeden Abend um die 100 Nachtessen ausgeliefert. An den Wochenenden waren es je 130 Mittag- und Nachtessen. Der Küchenchef, der einst für Nobelhotels in der Karibik gekocht hatte, war nun froh, bei der Heilsarmee eine Anstellung gefunden zu haben. Sein verstecktes Problem war der Alkohol. So war da also eine recht gemischte Gesellschaft beieinander und es war die Aufgabe der Verantwortlichen, hier ein Gleichgewicht herzustellen. Es musste auf die Bedürfnisse der Alteingesessenen eingegangen werden und auch die Migranten wollten nicht vernachlässigt sein.
Da die Arbeit im Haus ziemlich gut aufgeteilt war, musste ich meinen Platz finden, half bald hier, bald dort aus, hatte keine spezielle, mir zugeteilte Aufgabe, aber war nie arbeitslos. Für mich war es wichtig, einen Einblick in einen solchen Betrieb zu erhalten und diese Art Arbeit kennenzulernen – mitsamt der Probleme einzelner Personen. Regelmäßig fanden französisch-spanische Gottesdienste statt, die von Heilsarmee-Offizieren mit den jeweiligen Sprachkenntnissen durchgeführt wurden. Wir übten dazu passende Lieder ein, die wir mit ihnen zusammen vortrugen.
Nach Neujahr kam für uns die Gelegenheit, unsere „Flittertage“ nachzuholen. Dazu fuhren wir hinauf nach Leysin in die Waadtländer Alpen und ließen den Nebel im Tal unter uns zurück, Dort mieteten wir uns Skier mit allem Zubehör, fuhren auf die Berneuse und genossen die Winterfreuden in vollen Zügen und bei herrlichstem Sonnenschein. Als wir später den Angestellten in Lausanne die Dias aus unseren Ferien zeigten, wollten sie uns kaum glauben, dass wir solch strahlendes Wetter erleben durften, während sie im dichten Nebel ihren Dienst versahen.
Neben den vielen Eindrücken jener Monate in Lausanne blieb mir die Begegnung mit einem Frauenarzt in besonderer Erinnerung. Als ich ihn nach der Untersuchung bat, die Rechnung zu stellen, antwortete er nur kurz und knapp: „Non jamais! – Nein, auf keinen Fall!“ Er wollte nichts entgegennehmen und es folgte auch keine weitere Erklärung. Ohne noch eine Frage zu stellen, bedankte ich mich verwundert für sein Zuvorkommen. Dabei blieb es.
Nach sechs Monaten kam unser Aufenthalt in der Romandie zum Abschluss. Wir wussten ja im Voraus, dass er begrenzt sein würde. Unser nächster Einsatzort würde im Berner Mittelland sein.

Flittertage auf der Berneuse.
Das Dorf ohne Kirche
In Walliswil, einem kleinen Bauerndorf bei Wangen an der Aare, nisteten wir uns in unserer ersten gemeinsamen Wohnung ein und genossen die vertraute Zweisamkeit. Es gab keine Kirche im Dorf. Wir boten wöchentlich zwei Gottesdienste an, die Kinder des ganzen Dorfes kamen zur Sonntagsschule und viele Frauen besuchten die auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene wöchentliche Frauenstunde. Die Mitgliederzahl war nicht sehr groß, dafür waren die wenigen Leute sehr unternehmungslustig. Zu speziellen Feiern wie Erntedankfest und Weihnacht gehörten Aufführungen, die mit viel Begeisterung, Talent und auch Humor von Jung und Alt eingeübt und vorgetragen wurden.
Ein wichtiger Teil unserer Arbeit war der Besuchsdienst bei Dorfbewohnern und Mitgliedern zu Hause. Auf diese Weise erhielten wir Einblick in persönliche Freuden und Leiden. Und manchmal waren es ganz einfache Dinge, die uns den Zugang zu den Menschen öffneten. So war es auch bei einer Trauerfamilie, bei der mir eine plötzliche Eingebung die Gelegenheit zu einer persönlichen Begegnung gab. Das einzige Kind dieser Familie, ein Mädchen, das bereits die Schule abgeschlossen hatte, besuchte unsere Jugendveranstaltungen. Zu Hause betreute sie ihre kranke Mutter. Ihr Vater war dem Religiösen, vielleicht auch einer Freikirche gegenüber eher kritisch, ja ablehnend eingestellt. Nun war die Mutter verstorben und ich hätte mich gerne auf irgendeine Weise nützlich erwiesen, vor allem aus Loyalität zu der jungen Halbwaise, mit der ich so gut mitfühlen konnte. Die Tochter aber wagte es wegen ihres Vaters nicht, meine Hilfe anzunehmen. Vielleicht befürchtete sie, dass sie selbst oder ich mit ihm in eine Auseinandersetzung geraten könnten. Zudem schienen alle Arbeiten im Haus bereits erledigt zu sein. Da fiel mein Blick auf die trüben Fenster in der Wohnung. Das Mädchen war neben der strengen Pflege der letzten Wochen unmöglich dazu gekommen die Fenster zu reinigen. Nun willigte sie dankbar ein. Als der Vater im Laufe meiner Putzarbeiten hereinkam, konnte ich sofort sein Wohlwollen mir gegenüber spüren. Wie dankbar war ich um des Mädchens willen für diese Wende.
Samstagabends waren wir gewöhnlich unterwegs, um in den Restaurants zu singen. So auch am 22. November 1963. An diesem Abend waren wir im Balsthal und bis nach Welschenrohr unterwegs. Peter und ich wurden diesmal von einer älteren Kameradin aus Walliswil mit dem Namen Rösi begleitet. Sie wünschte sich ausdrücklich, ein uns bis dahin unbekanntes Lied zu singen, das sie speziell für diesen Abend ausgesucht hatte. Wir ließen uns darauf ein, auch wenn das Lied für unsere Ohren reichlich nostalgisch klang. Zunächst verlief der Abend so wie die vorausgegangenen. Meistens waren wir willkommen, erhielten auch gelegentlich Applaus und etwas zu trinken angeboten und kamen hier und dort ins Gespräch mit den Gästen. Mal ging es lauter zu in den Restaurants, mal war es etwas stiller, je nach Gästen. Doch dann betraten wir ein Gasthaus, in dem die Leute aufgeregt und wild durcheinander redeten und diskutierten. Sie waren wie vor den Kopf gestoßen. Im Radio war kurz vorher die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy durchgegeben worden. Ja, das war wirklich ein außergewöhnliches Ereignis! Wie sollten wir uns da verhalten? Wagten wir es noch, zu singen, oder sollten wir lieber aufhören damit und heimkehren? Jetzt kam uns das alte Lied von Rösi wie gerufen. Es hätte nicht passender sein können. So sangen wir: „Das menschliche Leben ist wie eine Rose, die heute noch blüht und morgen vergeht …“ Gerade weil alles auf unserer Erde zeitlich begrenzt ist, auch unser Leben, lohnt es sich, nach bleibenden, unvergänglichen Werten in Gott zu suchen. Dieses Verlangen drückte sich im Lied aus. Es war für uns sehr eindrücklich, wie die Leute sich beruhigten, auf die Worte hörten und ins Nachdenken kamen.
St. Gallen – ein Herz für Kinder
St. Gallen braucht Hilfe
Schon nach acht Monaten in Walliswil erreichte uns über das Hauptquartier in Bern ein Hilferuf aus St. Gallen. Es war dort eine Situation entstanden, die nicht vorauszusehen war. Besondere Umstände hatten dazu geführt, dass für die Jugendarbeit in der Ostschweiz und im Divisionshauptquartier Mitarbeiter gebraucht wurden. Allerdings würden wir in dieser Aufgabe zunächst für drei Monate keine eigene Wohnung haben. Dann käme der Umzug vom alten, abbruchreifen Gebäude in ein neues. Wir sollten jetzt für die Jugendarbeit in der Ostschweiz verantwortlich und die rechte Hand unserer Chefin sein. Das bedeutete unter anderem, Büroarbeit zu erledigen oder spezielle Veranstaltungen, Tagungen und Retraiten zu organisieren. Peter kam oft als Chauffeur zum Einsatz, gerade auch in die weit abgelegenen Gebiete im Bündnerland. Wir besuchten die verschiedenen Gemeinden, um Gottesdienste zu gestalten. Dabei waren wir besonders bestrebt, vor allem auch die Jugend für Christus zu gewinnen. Entsprechend hatten wir unsere vielfältigen Angebote auf sie ausgerichtet.
Mitten in diesen Dienst platzte die große, langersehnte Neuigkeit: Wir durften uns auf unser erstes Kind freuen. Miteinander erlebten wir die beglückenden Etappen einer Schwangerschaft. Ultraschallbildchen des Embryos gab es damals noch keine, aber die freudige Erwartung auf das werdende Leben war nicht weniger groß. Zuletzt kam es noch zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Würde die Geburt noch vor Peters Eintritt in den Militärdienst eintreffen oder würde er vielleicht gerade unterwegs sein müssen, bevor es so weit war? Ohne Mobiltelefon wäre es ziemlich schwierig oder zum Teil gar nicht möglich, ihn zu erreichen. Zeitweise hielt er sich ja in ganz abgelegenen Gebieten im Kanton Wallis auf. Dann kam der Tag, an dem er sich mit Sack und Pack verabschiedete und mich – zum Glück mit meiner Mutter zusammen –, zurückließ.
Ein kleiner Hari
Am Samstag, dem 23. Januar 1965, war es so weit. Morgens um 7 Uhr betrat ich das Kantonsspital in St. Gallen zur Einleitung der Geburt. Ein Kollege hatte mich freundlicherweise dorthin gefahren. Da er selbst mehrfacher Vater war, gab er mir folgende Ermutigung mit: „Es kann der Augenblick kommen, wo es fast nicht mehr vorwärts zu gehen scheint mit der Geburt. Das ist gewöhnlich unmittelbar, bevor das Kind geboren wird.“
Peter leistete inzwischen seinen Militärdienst in Zeneggen in den Walliser Bergen ab. Mein Frauenarzt hatte 14 Tage, bevor Peter einrücken musste, in Aussicht gestellt, die Geburt während seines Urlaubes einzuleiten – falls das Kind nicht vorher eintreffe. Bei mir war in der Zwischenzeit, trotz vielem zügigem Treppen hinauf- und hinuntersteigen, alles ruhig geblieben. So bestieg Peter an jenem Samstag frühmorgens den Zug nach St. Gallen, musste mehrmals umsteigen und traf am späteren Nachmittag ein. Bei mir hatte sich leider noch nicht viel verändert, außer einem leichten Rupfen im Bauch, was laut Hebamme und Helferinnen keine Bedeutung hatte. Sie begründeten dies damit: „Ihr Bauch wird während den Wehen nicht hart, wie dies für eine Geburt erforderlich wäre.“ Was sollte ich dazu sagen? Ich war Erstgebärende und konnte da nicht mitreden. Kurzerhand wurde der Entschluss gefasst, die Übung abzubrechen, mich in mein Zimmer zu verlegen und am Montag weiterzufahren mit den Wehenmitteln. Was für eine Enttäuschung für mich! Aus irgendeinem Grund wurde ich doch im Gebärzimmer belassen, ohne Infusion und mit einer kleinen Glocke, derer ich mich bei Bedarf bedienen konnte.
Peter war zum Schlafen nach Hause geschickt worden und ich hing, da ich allein im Zimmer war, meinen eigenen Gedanken nach. Ich nahm die Verbindung mit Gott auf. So ungefähr lautete mein Gebet: „Dass es dich gibt, oh Gott, weiß ich. Du bist mir schon so oft begegnet. Du siehst meine jetzige Situation. Du weißt um das Kind, das geboren werden soll. Der Geburtstermin ist schon seit 17 Tagen überschritten. Die Wehenmittel haben so gut wie nichts ausgelöst. Ich weiß zwar nicht, wie es noch werden soll, wenn das, was ich jetzt spüre, nichts sein soll. Peter muss morgen am frühen Sonntagnachmittag wieder ins Wallis zurück. Mein Gott, für dich ist es eine Kleinigkeit, dieser Geburt zum Durchbruch zu verhelfen. Ich danke dir dafür.“ Wie ich so dalag, spürte ich auf einmal drei starke Stöße auf den Geburtskanal. Instinktiv wusste ich: „Die Sache kommt ins Rollen. Es geht vorwärts.“ Ich schwang meine kleine Glocke und erklärte der eintretenden Hebamme: „Es geht los, rufen Sie bitte meinen Mann an. Er soll sofort kommen.“ Zweifelnd sah sie mich an. Es fiel ihr sichtlich schwer, mir, der Unerfahrenen, zu glauben und dann auch noch zu gehorchen. Aus ihren Bemerkungen reimte ich mir zusammen, dass sie sich vor meinem Mann nicht blamieren wollte, da er ja sowieso vergebens antraben würde. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich vor ihr bereits das Himmelstelefon benutzt, mit meinem Gott gesprochen hatte und die Antworten darauf oft erstaunlich rasch eintrafen. Auf mein dringendes Bitten riss sie Peter per Telefon aus dem Schlaf. Und auf einmal kam Leben in den Betrieb. Es ging hektisch zu und her. Eiligst wurde ich noch einmal untersucht, alles Nötige hergerichtet, sogar ein Arzt tauchte auf. Und Peter kam gerade noch rechtzeitig an, sichtbar erleichtert über den Stand der Dinge. Während der letzten Phase kam es zu beängstigenden Augenblicken. Die Herztöne des Kindes wurden immer schwächer. Zum Glück brachte dann die Vakuumglocke mit dem Saugnapf unseren mehr als vier Kilo schweren Daniel am Sonntagmorgen um 1.20 Uhr ans Licht.
Peter und ich waren überwältigt und konnten nur noch „Danke“ sagen für das riesengroße Geschenk. Es kam drei Monate vor meinem dreißigsten Geburtstag. Für uns als Eltern war es ein schönes Kind, trotz der vielen Runzeln im Gesicht, der beträchtlichen Geschwulst am Hinterkopf als Folge der verwendeten Saugglocke und trotz der Waschfrauenhände und -füße – dem Zeichen dafür, dass es allzu lange im Fruchtwasser gelegen hatte. Daniel war das Ergebnis unserer Liebe. Wir hatten ihn sehnlichst erwartet und von Anfang an in unsere Gebete eingeschlossen, sobald wir wussten, dass er unterwegs war. Das gleiche taten wir später natürlich auch für unsere zwei anderen Kinder, für Christine und für Thomas.
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