Kitabı oku: «Die Humanisten Eine Novelle»
Isolde Kurz
Die Humanisten
Eine Novelle
Eingeleitet durch
„Vorfrühling”
Saga
Es gibt einen Ausspruch von Isolde Kurz, den man als Leitsatz ihres Lebens und Schaffens bezeichnen könnte: „Das ganze Leben wird uns von außen aufgedrungen; nur eines gibt es, was wir selbst gestalten können: unser Ich.“ Schon früh erschien ihr die Ichgestaltung als vornehmste Lebensaufgabe. Sie hat sich ihr zeitlebens mit faustischem Bemühen, oft in bewußtem Gegensatz zum Zeitgeiste gewidmet. Die Grundkräfte ihrer Persönlichkeit, die im Kampf mit der überwiegend materialistisch bestimmten Geisteshaltung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und in der Behauptung gegen ihr oft wesensfremde Umwelten immer wieder erstarkten, schöpfte sie aus ihrem Elternhaus.
Isolde Kurz wurde am 21. Dezember 1853 als Tochter des feinsinnigen schwäbischen Dichters Hermann Kurz, des Verfassers der Romane „Schillers Heimatjahre“ und „Der Sonnenwirt“, in Stuttgart geboren. Die Mutter, eine geborene von Brunnow, war eine lebensprühende, an allem geistigen und politischen Geschehen leidenschaftlich anteilnehmende Frau, die sich noch kurz vor Isoldes Geburt wegen ihres Eintretens für die revolutionären Idealisten ihrer Zeit vor Gericht zu verantworten hatte. Da der Vater mit Mörike, Heyse und Vischer befreundet war und auch die Mutter einen ausgedehnten Bekanntenkreis hatte, verlebte die Tochter eine gesellig und geistig reich bewegte Jugend, obwohl die Familie – Isolde hatte vier Brüder – in wirtschaftlich dauernd bedrängten Verhältnissen lebte. Von ihrer vielen Nöten und Schicksalsschlägen gegenüber rühmlich tapferen Mutter durfte die Dichterin später zeugen:
Nicht Bänder und Juwelen
Und was sonst Mutterlust den Töchtern schenkt,
Gabst du der deinen, doch das lautre Gold
Der Dichtung häuftest du auf sie und ließest
Bei Göttern und Heroen sie erblühen,
und in dem köstlichen Erinnerungsbuch „Aus meinem Jugendland“: „Sie besaß eine ungeheure Macht über die Gemüter, wie es nur einem Menschen gegeben ist, der gar nichts für sich bedarf. Denn er allein ist der ganz Starke; die Genießenden und Bedürfenden sind immer die Schwächern.“
In diesem Buche erzählt die Dichterin mit überlegenem Humor von dem Kampf, den sie als Kind, das unbeirrt seinen Weg ging, gegen die kopfschüttelnde Kleinstadt Tübingen („Philistäa“) zu bestehen hatte, wo groß und klein sie „Heidenkind“ schimpfte, weil sie als Mädchen lateinische und griechische Studien trieb, und sich entrüstete, wenn sie durch die Straßen ritt. Als sie nun gar, getreu dem antiken Ideal der Verbindung von Geistes- und Körperkultur, sich beim Senat für Zulassung des weiblichen Geschlechts in das städtische Schwimmbad einsetzte, erschien dieses Ansuchen, das natürlich abgelehnt wurde, als eine solche Auflehnung gegen die sittliche Weltordnung, daß das ausbrechende Anathema die Frevlerin aus der Stadt vertrieb.
Nach dem Tode des geliebten Vaters zog Isolde Kurz im Jahre 1887 mit der Mutter nach Florenz, wo einer ihrer Brüder sich als Arzt niedergelassen hatte. In dieser Stadt voll alter Kultur, in der der Geist der Renaissance, der ruhmreichen Mediceerzeit, auch die Gegenwart noch lebendig durchglühte, in der Umgebung naturwüchsiger Menschen, in der zauberschönen Landschaft der tyrrhenischen Küste fand die Dichterin, der die alte deutsche Sehnsucht nach dem Süden angeboren war, ihre zweite Heimat. In den „Florentinischen Erinnerungen“ (1909, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart) erzählt sie von beglückenden Begegnungen mit italienischen Menschen, vor allem auch mit hervorragenden deutschen Künstlern, die dort lebten und schafften. Erst kurze Zeit vor Ausbruch des Weltkrieges ist sie wieder nach Deutschland gezogen. Seither lebt sie in München.
Ihrer Freude an der Natur und dem Lebensstil Italiens gab Isolde Kurz zunächst in formvollendeten Versen Ausdruck, in malerischen Bildern und in volksliedhaften Klängen. Ihre Gedichte (1. Band 1889, 2. Band 1905, J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart) glühen von Lebensbejahung, Naturbeseligung und unbedingtem Glauben an die Kunst, und einige Schicksalsgesänge erhalten durch eine echt deutsche, heroische Auffassung des Tragischen einen hinreißenden, kräftig-dunklen Klang, dessen Leitmotive Lebensglaube und Tatbereitschaft sind:
Aber freudig die Flagge gehißt!
Leben ist da, wo das Wagnis ist.
Besser mit teuerstem Gut gestrandet
Als am Ufer gemach versandet.
Vor allem erwies sich Isolde Kurz, zuerst in der Novelle, später im Roman, als eine Meisterin der Epik. Urwüchsiges Temperament, gründliche Nachzeichnung des inneren Erlebens ihrer Helden und straffste Formbeherrschung sind die kennzeichnenden Merkmale ihrer Erzählungskunst. Die Zeit der Renaissance, die sie in Florenz aus Steinen und Menschen überwältigend ansprach, wurde notwendig ihr erster großer Stoffbereich. Die Beschäftigung mit jener aufgewühlte, heroischen, moralisch oft zügellosen Epoche, in der die abendländische Kultur aus dem Geiste der Antike im Sinne der individuell bedeutenden, seinem Zeitalter das Gepräge gebenden Menschen entscheidend neu gestaltet wurde, lag schicksalhaft auf der Linie der Ichgestaltung der Dichterin: wie Burckhardt und Nietzsche kam sie aus dem neuen Erlebnis der Renaissance zu einer heroischen, aristokratischen Weltanschauung, die auf der Ehrfurcht vor der großen kämpfenden Persönlichkeit beruht, sich aber deutlich von einem rücksichtslosen Subjektivismus unterscheidet. So sagt Isolde Kurz:
Aus geheimstem Lebensgrunde
Raunt es mahnend immerzu:
Schlag dem andern keine Wunde,
Denn der andre – das bist du!
Wie du kränkst, so mußt du kranken,
Unser Ich ist Wahn und Pein.
Schließ in deiner Selbstsucht Schranken
Alles, was da atmet, ein.
Aus dieser aristokratischen Geisteshaltung heraus, die für die Dichterin den schmalen Grat zwischen den Abgründen des versinkenden Idealismus des 19. Jahrhunderts und des neu aufgekommenen Materialismus bedeutete, sind sowohl die historischen „Florentiner Novellen“ (1890, Cotta, Stuttgart) entstanden als auch die lebensnahen „Italienischen Erzählungen“ (1895, ebenda). Sie enthalten zwei der Meisternovellen von Isolde Kurz: „Unsere Carlotta“ und „Pensa“, außerordentlich packend erzählte und im harten Rhythmus des unerbittlichen Schicksals ausklingende Liebestragödien italienischer Mädchen.
Eine ganze Reihe weiterer epischer Werke von Bedeutung legte die Dichterin im Laufe der Jahre vor: u. a. die innigen Erinnerungs- und Märchengeschichten „Von dazumal“ (1900, D. V.-A., Stuttgart), die Sammlung „Lebensfluten“ (1907, Cotta, Stuttgart) mit der klassischen Novelle „Zenobia“, die selbst in der irrsinnigen Liebe einer armen Stickerin zu Napoleon I. Größe und Lebensstil aufzeigt („Wahrhaft großes Empfinden zeigt sich darin, daß man auch das Kleinste dem Großen anzugliedern weiß“, sagt die Dichterin in ihren Aphorismen); ferner eine Reihe von Erzählungen, die die Wirklichkeit und Kraft des Übersinnlichen spüren lassen: „Die Stunde des Unsichtbaren“ (1928). – Von Isolde Kurz’ Romanen müssen genannt werden: „Nächte von Fondi“ (1922, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München), „Der Despot“ (1925, Albert Langen-Georg Müller Verlag, München), ein Gleichnis von der heroischen Unabhängigkeit und tiefen Tragik echten Künstlertums, und vor allem das bedeutende Alterswerk der Dichterin, „Vanadis“ (1931, Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen), der Schicksalsweg einer Frau, der durch Höhen und Tiefen des um sie herum in geradezu legendären Menschengestalten wogenden Lebens und wunderreichen inneren Erlebens führt und seine Erfüllung in einer Art germanischer Selbstopferung findet.
Die lebendige Anteilnahme an den Persönlichkeiten ihrer Umgebung führte die Dichterin zur Biographie und Selbstbiographie. Außer dem schon erwähnten Buche „Aus meinem Jugendland“ (1918, D. V.-A., Stuttgart) gibt es von ihr eine warmherzige und erkenntnistiefe Würdigung ihres Vaters (1906, Wunderlich, Tübingen), ein hymnisches Gedenkbuch „Meine Mutter“ (1927, ebenda), dann die „Florentinischen Erinnerungen“, die „Wandertage in Helles“ (1913, D. V.-A., Stuttgart, Bericht über eine Reise durch Griechenland), eine Biographie des Bildhauers Adolf von Hildebrand unter dem Titel „Der Meister von San Francesco“ (1931, Wunderlich, Tübingen) und nicht zuletzt das ergreifende Wesensbild eines Freundes: „Ein Genie der Liebe“ (1929, ebenda). Diese biographischen Werke vervollständigen das Bild einer in unserer Zeit seltenen Lebenskultur und eines wunderbar geradlinig gewachsenen Lebenswerkes, auf das die 1947 verstorbene Dichterin in dem Bewußtsein zurückschauen darf, ihr Ich gemäß ihrem eigenen Wort so gestaltet zu haben, daß es einem neuen Geschlecht, welches die materialistische Geisteshaltung der letzten Jahrzehnte überwunden hat, als lebendiges Beispiel gelten wird.
Christian Jenssen
Unser Auswahlbändchen bringt unter dem Titel „Vorfrühling“ zwei von der Dichterin zusammengefügte Abschnitte aus dem selbstbiographischen Werk „Aus meinem Jugendland“ (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart), die auf der einen Seite das plötzlich-wundersame Erwachen des jungen Mädchens zum Weibtum, auf der andern das Erwachen des jungen Geistes zu den köstlichen Schätzen antiker Kultur schildern, die er sich mit neuhumanistischer Leidenschaft zu eigen macht. Dieser Abschnitt leitet zugleich ideenmäßig zu dem Hauptteil des Bändchens über, der historischen Novelle „Die Humanisten“, die mit Genehmigung der I. G. Cottaschen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart den „Florentiner Novellen“ entnommen wurde. Sie ist besonders reizvoll in der farbigen, tief lebendigen und menschlichen Gegenüberstellung von Humanisten-Idealen und -Untugenden, in der Zeichnung der inneren Bewegung jener glanzvollen Zeit unter Lorenzo de’ Medici (1449–1492) und in dem wunderbaren Doppel- und Zusammenklang italienischer und deutscher Denk- und Sinnesart.
Vorfrühling
Noch in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche, sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im Begriff, zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich, nicht größer, aber viel entwickelter und trug auch schon halblange Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst. Beim ersten Eintritt war sie, aus einer stillen, zierlichen Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis. Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der Blutsverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften ein so großes Hindernis bilden.
Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit scheuer Ehrfurcht auf die knospende Jungfräulichkeit, die aus den halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht, daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.
Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern – und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer! Ich wußte ja von Herzensangelegenheiten weit mehr, als sonst Kinder zu wissen pflegten, da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.
Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte, taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken. Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große verwöhnte Dame war, so erinnerte sie doch durch ihre spielerische Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlende Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.
Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre Welt und fand da genug des Neuen, mich ganz Berauschenden. Lili hatte schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern. Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit, die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir aus einer anderen Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst, das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern.
Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte. Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte, war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte er völlig.
Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen suchte. Mit einem einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen.
Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums. Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir in den Alleen spazierengehen könne. „Du bist noch ein Kind“, sagte sie, „und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Obergymnasiasten immer in deiner Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind, und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber das kannst du nicht von mir verlangen.“
Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein. Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis Umgang zu entbehren, war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle, stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen, die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als Verlängerung verwerten ließ. In derartigen Fertigkeiten war ich von klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles, was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte, mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan, und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter, schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah; die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns beiden in die Höhe, und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.
Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen, daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner nicht zu schämen habe.
Allein meine tiefe Liebe zu den Griechen, die innige Verbundenheit mit den homerischen Gestalten, die mich als früheste Eindrücke an der Schwelle des Lebens empfangen haben, wurde durch den Verkehr mit Lili nur eingeschläfert, nicht unterdrückt. Lebenslang habe ich’s meiner Mutter gedankt, daß sie mich mit griechischer Dichtung und Mythe schon im zartesten Alter vertraut machte, wo sich ihre Spuren unverlöschlich in das Neuland des Kindergehirns einprägen konnten; sie hat mir damit für immer den Wertmesser des Schönen und Großen gegeben. Wessen Geschmack sich nicht frühzeitig am Monumentalstil der ewigen Vorbilder entwickelt hat, der ist späterhin geneigt, dem Blendwerk flüchtiger Tageserzeugnisse hilflos zu verfallen. Er geht ebenso wie an den Griechen auch an Kleist und Goethe vorüber, wodurch viel jugendliches Streben für eine echte deutsche Bildung wertlos wird. Es sollten aber noch zehn Jahre vergehen, bevor es mir vergönnt war, meinen Durst an den Quellen selber zu stillen.
Im Jahr, das auf meines Vaters Tod folgte, kam Ernst Mohl1) von einer Hofmeisterstelle in der Pfalz noch einmal zur Vollendung seiner Studien auf kürzere Zeit nach Tübingen zurück. Und jetzt machte dieser Freund meiner Jugend, der stets für die Bedürfnisse meiner Natur das meiste Verständnis gezeigt und mich durch seinen Glauben gestützt hatte, mir ein Geschenk, das mich auf alle Jahre meines Lebens bereichern und erheben sollte: er unterrichtete mich im Griechischen.
Den Homer in der Ursprache zu lesen, war mein alter Wunsch, allein die Zeit, die vor uns lag, war knapp, und ich zweifelte, ob es möglich sein würde, in der Schnelligkeit so weit zu kommen. Der unternehmende Lehrer aber war seiner Sache sicher. Wir begannen nach kurzer Vorbereitung mit dem Xenophon, der mir durch seine immer wiederkehrenden Wendungen schnell einen gewissen Wort- und Formenschatz übermittelte. Während des Sommers wurden vier Bücher der Anabasis gelesen. Dann unterbrach eine Reise nach Wien die Studien, die noch kaum zwei Monate gedauert hatten. Als ich, erfüllt von den Eindrücken der Kaiserstadt, vom Burgtheater mit der Wolter und Lewinsky und nicht am wenigsten vom Wurstlprater, zurückkehrte, wurde das Griechische frisch aufgenommen. Und zwar ging es jetzt ohne weiteres ans Ziel meiner Wünsche, die Ilias, die mir von den beiden wunderbaren Gedichten immer das unvergleichlich höhere war. Die Begeisterung für den Inhalt trieb uns mit Sturmschritten vorwärts. Am ersten Tag wurden fünfundzwanzig Zeilen gelesen, am nächsten fünfzig, am dritten hundert, und jeden Tag wurde nun die Zahl verdoppelt, bis wir dahin kamen, in einer jeweiligen Sitzung einen ganzen Gesang aufzuarbeiten, wenn es auch bis zum Abend dauerte. Da der Umtrieb im gemeinsamen Wohnzimmer dabei zu störend war und die sparsame Josephine in dem kalten Frühwinter kein zweites Zimmer heizen wollte, brachte der eifrige Lehrer zuweilen ein paar Scheiter aus seinem eigenen Vorrat unter dem Mantel mit, was dann doch die Strenge der sorgenden Schaffnerin zum Schmelzen brachte, daß sie uns ein ruhiges Lernstübchen wärmte. Unbeschreiblich war mein Entzücken am Urtext meiner Lieblingsdichtung. Der treffliche alte Voß hatte mir ja mit dem Inhalt wohl auch die Ehrwürdigkeit der homerischen Sprache übermittelt, aber er konnte nur ihr Alter wiedergeben, nicht ihre Jugend, weil ihm keine junge Sprache zur Verfügung stand. Wie anders klang das alles nun im Griechischen! Aus jedem Wort und jedem Partikelchen strömte Jugend herein, eine Jugend, wie es seitdem keine mehr auf der Welt gegeben hat. Oft war es, wie wenn ein Kind in seiner bilderhaften Unschuldsprache Dinge redet, in denen sich ein höherer Sinn spiegelt. Da, wo Hektor die Warnung des ungünstigen Vogelflugs zurückweist, läßt Voß den Helden antworten:
Ein Wahrzeichen nur gilt: fürs Vaterland tapfer zu kämpfen.
Wacker und gut. Aber wie lautet nun die Stelle bei Homer?
Εἷς οἰωνòς ἂριστος ἀμύνεσϑαι περì πάτρης.
(Ein Vogel ist der beste: die Heimat beschirmen.)
Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die ihm später niemand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und ärgerten sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit; besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weiter eilen ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wieviel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet, von dem vielredenden Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker sich den adligsten aller Menschen dachte. (Die griechische Geschichte hat nur einen hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt.) Als Sohn der zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen und erscheint durchweg auf das Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird eingeschränkt durch den Zusatz „nach dem tadellosen Achilleus“, wie der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht, wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt, indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück. Patroklos vor allen, „so sanftgesinnt und so tapfer“, ist wie die schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich, aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur, weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu genügen.
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