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Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 31

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»Ich bin gleich wieder da – hole nur das Buch und die Noten . . .« rief er im Weggehen und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Auch Marsinka wollte gehen, aber Tatjana Markowna hielt sie zurück.

»Komm einmal her, mein Herzchen, ich will dir etwas sagen,« begann sie freundlich und zögerte dann ein wenig, als könne sie sich nicht zum Weiterreden entschließen. Marsinka trat auf sie zu: die Großtante strich ihr das Haar zurück, das bei dem Umhertollen im Garten ein wenig in Unordnung geraten war, und sah sie mütterlich-zärtlich an.

»Was ist denn, Tantchen?« fragte Marsinka plötzlich, mit einem erstaunten Blick auf die Alte und voll Erwartung, was die ungewöhnliche Einleitung wohl zu bedeuten habe.

»Du bist mein braves Töchterchen, beachtest jedes Wort, das die Tante spricht . . . bist nicht so wie Wjerotschka . . .«

»Wjerotschka achtet Sie doch gleichfalls, Tantchen! Sie urteilen zu streng über sie . . .«

»Nun ja, du verteidigst sie natürlich! Sie achtet mich, das mag sein, aber sie hat ihre Gedanken für sich und schenkt mir kein Vertrauen: Tantchen ist alt und dumm, denkt sie, und wir sind jung – wir verstehen alles besser, haben viel gelernt, wissen alles, sind in den Büchern zu Hause. Daß sie sich nur nicht irrt! Nicht alles steht in den Büchern geschrieben . . .«

Sie stieß einen Seufzer aus und verfiel in Nachdenken.

»Was wollten Sie mir denn sagen, Tantchen?« fragte Marsinka neugierig.

»Hör’ einmal, mein Kind: du bist jetzt ein erwachsenes Mädchen und mußt etwas mehr auf dich halten . . .«

»Wie denn? Auf mich halten . . .«

»Unterbrich mich nicht und höre, was ich sage! Du springst und tollst noch umher wie ein Kind, gibst dich mit den kleinen Dorfkindern ab . . .«

»Und weiter tu’ ich wohl nichts? Ich arbeite doch, ich nähe und sticke, bereite den Tee, mache mich in der Wirtschaft nützlich . . .«

»Schon wieder hast du mich unterbrochen! Ich weiß ja, daß du ein verständiges Mädchen bist – Gott mag dich so erhalten, wie du bist! Du folgst deiner Tante aufs Wort . . .«

»Nun also – warum schelten Sie mich dann?«

»So wart’ doch nur, laß mich ausreden! Ich schelte dich doch nicht! Ich sage nur, du sollst etwas ernster werden . . .«

»Ich darf also nicht einmal ein bißchen herumlaufen? Ist denn das Sünde? Der Bruder sagte schon . . .«

»Was sagte er?«

»Daß ich gar zu . . . gehorsam bin, daß ich nicht einen Schritt tue, ohne Tantchen zu fragen . . .«

»Hör’ nicht auf ihn: er hat das wohl so von seinen Engländerinnen und Polinnen abgeguckt! Die treiben sich als junge Mädchen allein auf den Straßen umher, führen Briefwechsel mit Männern und tummeln sich auf Pferden. Will er dir das vielleicht beibringen? Wart«, ich werde ihn zur Rede stellen . . .«

»Nein, Tantchen, sagen Sie ihm nichts – er wird sonst böse sein, daß ich’s Ihnen gesagt habe . . .«

»Daran hast du nur recht getan, und ich erwarte, daß du mir auch in Zukunft alles sagen wirst! Der kann dir alles mögliche vorreden! Seh’ doch einer diesen Herrn Bruder an: wird dem kleinen Mädchen hier den Kopf verdrehen! . . .«

»Bin ich denn ein kleines Mädchen?« versetzte Marsinka gekränkt. »Ich brauche vierzehn Ellen zum Kleide . . . Sie sagten doch eben selbst, ich sei schon erwachsen!«

»Gewiß, du bist schon erwachsen, aber dein Herz ist noch so kindlich, und Gott gebe, daß es noch recht lange so bleibe. Doch ein bißchen vernünftiger könntest du schon werden.«

»Wieso denn, Tantchen? Bin ich denn gar so albern? Der Bruder meint, ich sei so einfach und lieb, so . . . nett und verständig, so . . .«

Sie hielt einen Augenblick inne.

»Nun, was denn noch?« fragte die Großtante.

»So natürlich . . .«

Tatjana Markowna schwieg – sie suchte offenbar den Sinn dieses Wortes zu ergründen, das ihr nicht zu gefallen schien.

»Dein Herr Bruder redet Unsinn,« sagte sie.

»Aber er ist doch so klug – so gelehrt, Tantchen!«

»Gewiß doch – der klügste Mensch in der Stadt! Und die Großtante ist in seinen Augen ein dummes Ding, das er erst noch erziehen muß . . . Nein, du mußt schon zusehen, wie du ohne seine Hilfe zur Vernunft kommst.«

»Mein Gott, bin ich denn wirklich gar so unvernünftig?«

»Nein, nein, du bist vielleicht vernünftiger als so manche andere, die sich auch für vernünftig hält . . .« – die Großtante warf einen Blick nach der Richtung des alten Hauses, in dem Wjera sich aufhielt – »aber deine Vernunft steckt noch sozusagen in der Schale, von der sie befreit werden muß . . .«

»Warum denn, Tantchen?«

»Nun, wenn’s auch nur darum wäre, liebes Nichtchen, daß du die Worte des Bruders richtig verstehst und ihm gebührend Antwort gibst. Er wünscht dir ja sicherlich nichts Böses, denn er war von klein auf ein braver Mensch und hatte euch beide lieb: er hat euch ja jetzt auch das Gut hier geschenkt; aber er redet so viel Unsinn zusammen . . .«

»Es ist doch nicht lauter Unsinn, was er spricht: zuweilen redet er so vernünftig und schön . . .«

»Auch Paulina Karpowna ist nicht dumm und spricht manchmal sehr schön . . . Ich möchte Borjuschka nicht mit dieser Ziege vergleichen, ich will nur sagen, daß Witz und Vernunft zwei sehr verschiedene Dinge sind. Ich möchte, daß du gescheut genug wirst, um zu unterscheiden, ob dein Bruder nur witzig und geistreich spricht, oder ob er etwas Vernünftiges sagt. Auf einen Witz mußt du ihm auch wieder mit einem Witz dienen – zu Herzen aber nimm dir nur das, was vernünftig ist. Witz und geistreiche Worte sind gefälschte Ware, äußerlich schön aufgeputzt und aufs Lachen berechnet; sie schlängeln sich wie die Natter ins Ohr, suchen sich in den Verstand einzuschleichen und ihn zu trüben, und ist erst der Verstand getrübt, dann muß auch das Herz Schaden leiden. Die Augen schauen wohl, aber sie sehen nicht, oder sie sehen nicht das Rechte . . .«

»Aber warum machen Sie mir denn alle diese Vorhaltungen, Tantchen?« fragte Marsinka voll Ungeduld, während sie fast den Tränen nahe war. »Sie sagen, es sei nicht recht, daß ich so frei herumlaufe, daß ich singe, mich mit den Dorfkindern abgebe – nun gut, ich will es lassen . . .«

»Gott behüte! Es ist doch gesund, sich so in der schönen, reinen Luft zu tummeln! Du bist eben vergnügt wie ein Vögelchen, und Gott gebe, daß du weiter so bleibst – immer sing nur und spiele und hab’ die Kinder lieb . . .«

»Warum also diese Vorwürfe?« <»Es sollen ja keine Vorwürfe sein . . . ich wollte dir nur sagen, daß alles seine Zeit hat, und daß man in allem Maß halten muß. Vorhin zum Beispiel bist du mit Nikolaj Andrejewitsch so herumgetollt . . .«

Marsinka wurde plötzlich rot, ging auf die Seite und setzte sich in eine Ecke. Die Großtante sah sie forschend an und begann dann wieder, diesmal gedämpfter und langsamer:

»Es ist ja nichts dabei: Nikolaj Andreitsch ist ein liebenswürdiger, wackerer junger Mann und dabei ein Wildfang, so lebhaft und munter wie du selbst, und ich wollte dir eben nur das eine sagen, daß du weder dir selbst noch ihm mehr erlauben sollst, als sich schickt. Wo ihr auch so zu zweien euch tummeln, was ihr auch unternehmen mögt: ich weiß, er wird nie etwas Unpassendes sagen, und du wirst nie darauf hören . . .«

»Sagen Sie ihm doch, er soll nicht mehr herkommen!« versetzte Marsinka erregt. »Ich werde nie mehr ein Wort mit ihm sprechen . . .«

»Das wäre das Schlimmste, was du tun könntest: was soll er, was sollen die Leute davon denken? Du sollst eben nur etwas zurückhaltender sein, nicht so durch Hof und Garten stürmen, daß die Leute sagen: ›Nun seh’ einer die erwachsene Person, springt herum wie ein kleines Kind, noch dazu mit einem Fremden‹ . . .«

Marsinkas Wangen glühten vor Scham und Erregung.

»Du hast durchaus keine Ursache zu erröten! Ich wiederhole: du hast dir vielleicht nicht das Geringste zuschulden kommen lassen, nur der Leute wegen mußt du etwas zurückhaltender sein . . . Nun, was schmollst du denn? Komm, gib mir einen Kuß!«

Sie küßte Marsinka, strich ihr wieder das Haar zurück und faßte, während sie wohlwollend ihr hübsches Gesicht betrachtete, sie scherzend am Ohr.

»Nikolaj Andreitsch kann jeden Augenblick kommen,« sagte Marsinka – »ich weiß wirklich nicht, wie ich mich jetzt gegen ihn verhalten soll. Wenn er mit mir in den Garten gehen will oder aufs Feld – nun ja, dann gehe ich eben nicht, und auch das Herumjagen kann ich lassen. Aber wenn er wieder seine Späße macht – nein, Tantchen, dann kann ich nicht an mich halten, dann muß ich lachen, ob’s Ihnen recht ist oder nicht! Und was soll ich ihm denn sagen, wenn er singen will und mich bittet, ihn auf dem Klavier zu begleiten?«

Die Großtante wollte ihr eben antworten, als plötzlich die Tür aufging und Wikentjew ins Zimmer stürzte, ganz in Schweiß gebadet und mit Staub bedeckt, das Buch und die Noten in den Händen. Er legte beides vor Marsinka auf den Tisch.

»Nun darf ich wohl so frei sein,« sprach er hastig, während er mit dem Taschentuch seine Stirn trocknete und den Staub von seinem Rocke entfernte – »Ihr Händchen zu küssen? Wie bin ich gerannt, oh! Und die Hunde immer hinter mir her, um ein Haar hätten sie mich aufgefressen . . .«

Er wollte Marsinkas Hand ergreifen, doch sie verbarg sie vor ihm, stand dann vom Stuhle auf, machte eine Reverenz und sprach in feierlich ernstem Tone:

»Je vous remercie, Mr. Wikentjew! Vous êtes bien aimable . . .«

Er sah mit großen Augen zuerst Marsinka, dann die Großtante und dann wieder Marsinka an, fuhr sich durchs Haar, warf einen Blick durchs Fenster und ließ sich plötzlich auf einen Stuhl sinken, um im nächsten Augenblick wieder aufzustehen.

»Marfa Wassiljewna,« begann er, »kommen Sie doch mit in den Salon, auf die Terrasse – gleich muß hier nämlich ein Hochzeitszug vorüberkommen, den wollen wir uns ansehen . . .«

»Nein,« sagte sie würdevoll – »merci, ich gehe nicht: es ist für ein junges Mädchen unschicklich, auf dem Balkon herumzustehen und auf die Straße zu starren . . .«

»Nun, so wollen wir zusammen den neuen Roman durchgehen . . .«

»Auch dafür muß ich danken: ich werde ihn für mich allein oder mit der Großtante zusammen durchgehen . . .«

»Dann wollen wir in den Park gehen – wir setzen uns ins Grüne, und ich lese Ihnen vor.«

Er nahm das Buch vom Tische.

»Ganz unmöglich!« versetzte Marsinka mit höchst gestrenger Miene und warf dabei einen Blick auf die Großtante.

»Bin ich denn ein Kind, daß man mir die Bücher vorlesen muß?«

»Was hat das alles zu bedeuten, Tatjana Markowna?« fragte Wikentjew verwirrt. »Warum quält mich Marfa Wassiljewna so?«

Er sah beide fragend an, trat dann plötzlich in die Mitte des Zimmers, gab seinem Gesichte einen süßlichen Ausdruck, neigte den Oberkörper ein wenig vor, bog die Ellbogen leicht nach vorn und nahm den Hut unter die Achsel.

»Mille pardons, mademoiselle, de vous avoir dérangée!« sagte er und begann seine Handschuhe anzuziehen, die jedoch für seine großen, von der Hitze feuchten Hände zu klein schienen.

»Sacrebleu! Ca n’entre pas – oh, mille pardons, mademoiselle!«

»Hören Sie auf, Sie Spaßvogel!« rief die Großtante lachend. »Geh, Marsinka, hol’ ihm sein Eingemachtes!«

»Oh! Madame, je suis bien reconniassant Mademoiselle, je vous prie, restez de grace,« sagte er, die Arme respektvoll vorstreckend, um Marsinka, die bereits nach der Tür ging, den Weg zu verstellen.

»Vraiment, je ne puis pas; j’ai des visites á faire . . . Ah, diable, ca n’entre pas . . .«

Marsinka biß sich auf die Lippen und tat auch sonst alles mögliche, um nicht zu lachen, aber schließlich platzte sie dennoch heraus.

»Sehen Sie nur, Tantchen, was für Gesichter er schneidet!« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend. »Jetzt stellt er den Mr. Charles vor . . . Und da soll man nicht lachen!«

»War’s ähnlich – wie?’« fragte Wikentjew.

»Laßt gut sein, meine lieben Kinder!« sagte Tatjana Markowna, während ein Lächeln ihr Gesicht verklärte und die Runzeln darauf wie leuchtende Strahlen erscheinen ließ.

»Geht mit Gott und tut, was ihr wollt!«

Neunzehntes Kapitel

Es war, als wenn ein Strahl lebendigen Wassers auf die beiden niedergegangen wäre. Marsinka nahm rasch die Noten samt dem Buche und Wikentjew seinen Hut, und eben wollten sie zur Tür hinausstürmen, als plötzlich von draußen, aus der Richtung vom Hoftor her, eine laut dröhnende, durchs ganze Haus schallende Stimme sich vernehmen ließ:

»Tatjana Markowna! Erhabene und würdige Beherrscherin dieser Gebiete! Verzeih dem Unwürdigen, der es wagt, vor dein Antlitz zu treten und den Staub von deinen Füßen zu küssen! Nimm den armen Pilger unter dein gastliches Dach auf, der von fernher kommt, an deinem Tische Atzung zu finden und sich vor der Gluthitze der Mittagssonne zu bergen! Ist sie daheim, die gottgesegnete Herrin dieses Hauses? . . . Niemand antwortet mir – wie geht das zu?«

Ein Kopf erschien draußen vor dem Fenster des Speisezimmers. Alle drei, Tatjana Markowna, Marsinka und Wikentjew wurden plötzlich mäuschenstill und rührten sich nicht auf ihrem Platze.

»Mein Gott, Openkin!« flüsterte die Großtante ganz erschrocken. »Ich bin nicht zu Hause, bin nicht zu Hause! Für den ganzen Tag hin ich weggefahren – über die Wolga . . .« sagte sie ganz leise zu Wikentjew.

»Sie ist nicht zu Hause, für den ganzen Tag ist sie weggefahren, über die Wolga!« wiederholte Wikentjew, der an das Fenster des Eßzimmers getreten war.

»Ah! Meinen demütigen Gruß dem hochedlen und talentvollen Nikolaj Andrejewitsch, Herrn auf Koltschino und zahlreichen anderen Landgütern!« sprach die Stimme vor dem Fenster. »O, möge dir eher die Zunge im Munde versagen, als daß du eine Lüge aussprichst! Wenn der Kutscher und die Kutsche zu Hause sind, so kann doch auch die Herrin des Hauses nicht allzu ferne weilen. Laß uns sie suchen, oder laß uns warten, bis sie von ihren Äckern und Weiden und aus ihren Weinbergen zurückkehrt in ihr trauliches Heim.«

»Was nun, Tatjana Markowna?« fragte Wikentjew hastig flüsternd. »Er ist nach der Treppe zu gegangen und kommt sicher hierher.«

»Dann müssen wir ihn schon vorlassen,« sagte die Großtante resigniert. »Er wird hungrig sein, der arme Kerl. Wohin soll er jetzt gehen, bei dieser Hitze? Ich will mich gleich für einen ganzen Monat mit ihm abfinden. Vor dem Abend werden wir ihn nun kaum los . . .«

»Lassen Sie ihn nur, Tatjana Markowna: er wird sich bald volltrinken und auf dem Heuboden sein Schläfchen machen. Später lassen Sie ihn dann durch Kusma nach Hause bringen . . .«

»Mütterchen, Mütterchen!« rief Openkin, der eben das Kabinett betrat, mit schmalzig heiserer Stimme – »warum hat dieser Springinsfeld mein Herz unnötig mit Angst und Trauer erfüllt? Reich’ mir deine Händchen zum Kusse, alle beide! Marfa Wassiljewna, liebliche Rahel! Das Händchen, das Händchen . . .«

»Laß ab, Akim Akimytsch, rühr’ sie nicht an! Setz’ dich, setz’ dich – nun, schon gut! Bist wohl sehr müde, was? Willst du Kaffee trinken?«

»So lange schon ist’s her, daß ich dich zum letztenmal sah, du unsere herrliche Sonne! Die Sehnsucht nach dir verzehrte mich förmlich,« sprach Openkin, während er mit seinem gewürfelten Baumwolltuche sich die Stirn trocknete. »Ich ging und ging, die Sonne brannte, und ich war ganz hin vor Hunger und Durst. Und plötzlich höre ich: sie ist weggefahren, über die Wolga! Wie es mich da durchzuckte, Mütterchen – ganz bleich ward ich vor Schrecken! Was fällt dir denn ein?« rief er, zu Wikentjew gewandt, in unwilligem Tone – »eine pockennarbige Frau sollst du zur Strafe dafür bekommen! O liebliche Schöne, holdes Gartenvögelchen, zarter Schmetterling!« wandte er sich dann zu Marsinka – »jag’ ihn fort, den herzlosen Bösewicht, daß deine hellen Äuglein ihn nicht mehr sehen! O Gott, o Gott! . . . Du sprachst da soeben von Kaffee, Mütterchen: der steht mir nicht an, meine Liebe! Aber wenn dieses himmlische Engelskind mir mit seinen Zuckerhändchen etwas anderes darreichen wollte . . .«

»Branntwein, nicht wahr?« fiel ihm Wikentjew lebhaft ins Wort.

»Branntwein!« wiederholte Openkin in geringschätzigem Tone. »Seit einem Monat hab’ ich keinen Branntwein gesehen und weiß gar nicht mehr, wie er riecht. Weiß Gott, Mütterchen!« wandte er sich an die Großtante – »bei Goroschkins sollte ich gestern durchaus welchen trinken, doch ich sprang auf, ließ alles liegen und lief ohne Mütze davon!«

»Was möchtest du also trinken, Akim Akimytsch?«

»Wenn mir diese Engelshändchen vielleicht ein Gläschen Madeira, oder auch zwei, kredenzen wollten . . .«

»Es ist noch von gestern eine angefangene Flasche da, vom Italiener . . . Geh, Marsinka, laß ein Glas davon einschenken . . .«

»Nicht doch, mein Engel, warte noch!« rief Openkin, als Marsinka bereits nach der Tür ging. »Nicht vom Italiener! Das ist kein Hafer für meine Pferde! Der greift nicht durch, man spürt nichts: ob ich den Madeira vom Italiener trinke oder klares Wasser – die Wirkung ist gleich! Er läßt sich zehn Rubel für die Flasche bezahlen – wozu die Verschwendung? Laß mir von Watruchin welchen kommen, Mütterchen, von Watruchin – dort kostet die Flasche Madeira nur einen Rubel!«

»Eine schöne Sorte von Madeira!« bemerkte Wikentjew – »den fabriziert er doch selbst!«

»Das ist’s ja eben, das ist’s: er hat seinen Madeira den Bedürfnissen des Landes und dem Geschmack seiner Mitbürger angepaßt, hat seiner Vaterstadt einen Dienst geleistet. Wir stehen mitten im Kriege, alle Zugänge zum Reiche sind verschlossen, kein Mensch kommt hindurch, kein Vogel, kein ausländisches Parfüm, kein Pariser Frack, kein Margaur oder Burgunder. Verdursten kann das ganze Land! Nur in dieser gottgesegneten Stadt fließt die Quelle der Lust, der Madeira Watruchins. Es lebe Watruchin! Ihr Händchen, meine Gnädige – Tatjana Markowna, Ihr Händchen!«

Er faßte die Hand der Großtante – ein Silberrubel, den sie für den Watruchinschen Madeira bestimmt hatte, entglitt ihr und rollte über den Fußboden.

»So bleib doch nur sitzen, warum bist du denn so unruhig?« sprach die Großtante ärgerlich. »Marsinka, schick’ doch zu Watruchin – wart’ einmal, hier ist noch mehr Geld, laß gleich zwei Flaschen bringen, denn eine wird kaum reichen . . .«

»O, welche Weisheit rinnt über deine Lippen: reich’ mir dein Händchen . . .« sprach Openkin.

»Wo warst du denn die ganze Zeit über, Akim Akimytsch? Was hast du getrieben, armer Schlucker?«

»Ja, wo war ich?« wiederholte Openkin mit einem Seufzer.

»Überall und nirgends, wie die Vögel des Himmels bin ich umhergeflattert. Drei Tage lang war ich bei Goroschkins, vorher bei Pestows, und noch früher . . . ja, das weiß ich nicht mehr, wo ich da war.«

Er stieß von neuem einen Seufzer aus und machte eine Handbewegung, die seine Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck brachte.

»Warum bleibst du denn nicht zu Hause?«

»Ach, Mütterchen, ich möchte schon bleiben, aber du weißt ja selbst: die Geduld eines Engels reicht nicht hin . . .«

»Ich weiß, ich weiß – aber vielleicht trägt deine Frau doch nicht alle Schuld, vielleicht trägst auch du dein Teil dazu bei . . .«

»Gewiß, auch ich mag so manchesmal schuld sein – ganz richtig! Wenn ich den Mund halten würde, würde der Sturm vielleicht vorübergehen, aber ich kann mich eben nicht beherrschen, ich lasse mich hinreißen – und das Unglück ist da! Aber wie setzt sie mir auch zu! Sitz’ ich schweigend im Winkel, dann heißt es: ›Warum hockst du da wie ein Klotz und tust nichts?‹ Nehme ich mir eine Arbeit vor, so kreischt sie: ›Laß sein, steck’ die Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen!‹ Leg’ ich mich hin, so heißt es: ›Faulenzen kannst du, sonst nichts!‹ Steck’ ich einen Bissen Brot in den Mund, dann schreit sie: ›Was der Kerl zusammenfrißt!‹ Mache ich den Mund auf, um etwas zu entgegnen, so ruft sie: ›Schweig lieber!‹ Will ich lesen, so reißt sie mir das Buch aus den Händen und wirft es auf die Erde. So ist das Leben, das ich führe: Gott der Herr ist mein Zeuge! Einzig im Bureau kann ich aufatmen, oder wenn ich bei guten Menschen zu Gaste bin.«

Man brachte den Wein. Marsinka schenkte ein Glas davon ein und reichte es Openkin. Er ergriff es voll Gier mit der zitternden Hand, führte es vorsichtig an die Unterlippe, hielt die andere Hand wie einen Präsentierteller darunter, um keinen Tropfen des Getränks zu Boden fallen zu lassen, und goß den Inhalt des Glases mit einer raschen Bewegung in den Mund. Dann wischte er sich die Lippen und machte den Versuch, Marsinka die Hand zu küssen, doch sie entfernte sich rasch und setzte sich in ihre Ecke.

Openkin hatte mit kurzen Worten die ganze Geschichte seines Lebens erzählt. Nie hatte sich jemand die Mühe gemacht, zu untersuchen, wer eigentlich an seiner häuslichen Fehde schuld war, er oder seine Frau. Wer hätte auch schließlich ein Interesse daran haben sollen? Vielleicht hatte er mit seiner Neigung zum Trunke zuerst ihre Geduld erschöpft, vielleicht hatte umgekehrt ihre Zanksucht ihn erst dem Laster in die Arme getrieben. Wie dem auch sein mochte: jedenfalls war er in seinem eigenen Heim ein Fremder und suchte es nur auf, um dort zu nächtigen, und oft genug geschah es, daß er sich mehrere Tage hintereinander überhaupt nicht bei den Seinigen sehen ließ. Er überließ es seiner Frau, das Gehalt zu erheben und sich samt den beiden Kindern damit durchzubringen, so gut es ging. Er selbst begab sich unmittelbar aus dem Bureau irgendwohin zu Bekannten, um da zu Mittag zu essen. Er blieb bis zum Abend da, oder auch über Nacht, um am nächsten Tage, als ob nichts geschehen wäre, wieder nach dem Bureau zu gehen und dort, sobald er nüchtern geworden, bis drei Uhr seine kratzende Feder übers Papier zu führen. So hatte er all die letzten Jahre seines Lebens zugebracht.

Man hatte sich in der Stadt vollkommen an ihn gewöhnt, und von einigen exklusiven Familien abgesehen, hatte er, dank seiner Friedlichkeit, seinem häuslichen Ungemach und dem gastlichen Sinn der Bewohner, überall Zutritt. Die Großtante hielt ihn nur dann ihrem Hause fern, wenn sie vornehme Gäste erwartete. Seine Trunksucht wäre wohl Grund genug für sie gewesen, ihn nicht zu empfangen, denn alle Trinker waren ihr in der Seele verhaßt, aber er war ein Unglücklicher, und überdies brauchten mit ihm keine Umstände gemacht zu werden: sobald er im Zimmer unbequem wurde, brachte man ihn einfach auf den Heuboden oder führte ihn nach Hause. Es hätte der Landessitte widersprochen, wenn sie ihm ihre Tür ganz verschlossen hätte, und es lag auch nicht im Charakter Tatjana Markownas, so sehr die Gegenwart des Betrunkenen mit seinen ewigen Klagen und Seufzern ihr auch lästig fiel.

Raiski konnte sich Openkins noch aus seiner Kindheit erinnern, als dieser seinem Vater die Akten vom Gericht ins Haus gebracht hatte. Er hatte damals noch keine Glatze und keine so buntschillernde Nase gehabt. Er war ein ruhiger, bescheidener Mensch gewesen, der das Priesterseminar besucht, aber aus Liebe zu der Tochter irgendeines Priesters, die keine Küster- oder Popenfrau werden wollte, die geistliche Lehranstalt verlassen hatte. Raiski hielt es indes nicht für angebracht, die alte Bekanntschaft jetzt zu erneuern, da er die Trunkenbolde ebensowenig leiden konnte wie die Großtante. Er beobachtete Openkin jedoch im stillen und hatte bereits seine Karikatur zu Papier gebracht.

Beim Mittagessen, solange er noch nicht betrunken war, fuhr Openkin fort, die Großtante mit schmeichelhaften Lobeserhebungen zu feiern und Wjerotschka wie Marsinka liebliche Himmelstauben zu nennen; als ihm dann später der Rausch zu Kopfe stieg, begann er zu ächzen und zu seufzen, und nach dem Mittagessen begab er sich auf den Heuboden zur Ruhe.

Den Tee trank er mit Rum, beim Abendbrot hielt er sich wieder an den Madeira, und als alle Gäste bereits gegangen waren und Wjera wie Marsinka sich nach ihren Zimmern begeben hatten, saß er immer noch da und langweilte die Bereschkowna mit seinen Schilderungen des einstigen Lebens und Treibens in der Stadt, erzählte ihr von Leuten der Vergangenheit, die längst von aller Welt außer ihm vergessen waren, von Vorkommnissen, an die kein Mensch mehr dachte, und schließlich von seinem häuslichen Unglück, wobei er immer wieder einen Schluck kalten Tees mit Rum nahm oder um ein Gläschen Madeira bat.

Die rücksichtsvolle Alte konnte sich nicht entschließen, ihn an die späte Nachtstunde zu gemahnen, und wartete immer, ob er nicht selbst daran denken würde, sich zu empfehlen. Aber er dachte nicht daran.

Sie ging mehrmals aus dem Zimmer und blieb schließlich ganz fort; von Zeit zu Zeit nur schickte sie Marina oder Jakow hinein, damit sie die Fensterläden schlössen und die Kerzen bis auf eine auslöschten – aber auch das hatte keine Wirkung.

Openkin unterhielt sich mit Marina und Jakow:

»Ah, Marinuschka, wie geht’s dir denn? Wann wirst du mich zu Gevatter bitten? Ich freue mich schon darauf, auf die Gesundheit der jungen Mutter zu trinken . . .«

»Haben Sie noch nicht genug? Sie sind doch bis obenhin voll! Die Gnädige will zu Bett gehen, machen Sie, daß Sie nach Hause kommen . . .« brummte Marina, während sie das Geschirr wegräumte.

»Spare deine Scheltworte, Vermessene! Tatjana Markowna verjagt ihre Gäste nicht: ein Gast ist eine geheiligte Person . . . Tatjana Markowna!« brüllte er plötzlich, daß es durchs ganze Haus schallte – »gestatten Sie einem Unwürdigen, Ihr Händchen zu küssen . . .«

»Schämen Sie sich doch, so zu schreien: Sie werden noch die jungen Damen wecken!« sprach Wassilissa, die von der Großtante zu seiner Beschwichtigung abgesandt worden war, vorwurfsvoll zu ihm.

»Die lieblichen Himmelstauben!« flötete Openkin mit süßlicher Stimme – »nun haben sie die Köpfchen unter die Flügel gesteckt und schlafen! Marinuschka, komm her, laß dich umarmen . . .«

»Was fällt Ihnen ein? Gehen Sie endlich, hören Sie: Ihre Frau wird Sie schön ansehen, wenn Sie nach Hause kommen . . .«

»Prügeln wird sie mich, Marinuschka, prügeln wie einen kleinen Jungen!«

Und er begann zu greinen und zu schluchzen.

»Gib mir noch von dem Madeira: aus deinen goldenen Händchen wird er mir noch einmal so gut schmecken!« sagte er wehmütig.

»Es ist keiner mehr da: die Flasche ist leer, wie Sie sehen. Alles haben Sie hinter die Binde gegossen!«

»Dann bring mir ein Gläschen Rum, mein Herz: du hast mir noch nie etwas kredenzt . . .«

»Warum nicht gar! Der Rum ist im Büfett, und die Gnädige hat die Schlüssel . . .«

»Rum will ich haben, du Racker!« brüllte Openkin wieder aus vollem Halse.

Im nächsten Augenblick stand Tatjana Markowna, in Nachthaube und Schlafrock, vor dem Betrunkenen.

»Was fällt dir ein, Akim Akimytsch? Hast du den Verstand verloren?« sagte sie streng.

»Mütterchen, Mütterchen!« begann Openkin wehklagend, während er vor ihr niederkniete und ihre Füße umfing – »laß mich dein Füßchen küssen, Wohltäterin, verzeih mir . . .«

»Geh endlich nach Hause, hier ist keine Schenke – schäm’ dich doch! In Zukunft werde ich dich nicht mehr empfangen . . .«

»Eine Schenke – ach, Mütterchen! Wer sagt denn, daß hier eine Schenke ist? Eine Schenke – oh! Ein Tempel der Weisheit und Tugend ist hier! Bin ich ein ehrlicher Mann, Mütterchen: ja oder nein? Entscheide – bin ich ehrlich oder nicht? Habe ich jemanden betrogen, verletzt, belogen, verleumdet oder verklatscht? Habe ich Gott gelästert oder sonstige Niedertracht geübt? Keineswegs!« rief er in stolzem Tone, während er sich emporzurichten suchte. »Habe ich den Eid der Treue gegen den Zaren und das Vaterland verletzt? Habe ich Bestechungsgelder genommen, den Sinn des Gesetzes verdreht, das Interesse der Staatskasse vernachlässigt? Keineswegs! Nicht eine Fliege habe ich beleidigt. Mütterchen: unschuldig bin ich wie das Würmchen, das im Staube kriecht . . .«

»Nun, steh schon auf, steh auf und geh nach Hause! Ich bin müde und will schlafen gehen . . .«

»Der Segen des Herrn ruhe auf dir, du Gerechte!«

»Jakow, sag’ doch Kusma, er möchte Akim Akimytsch nach Hause bringen!« befahl die Großtante. »Geh auch du mit, damit ihm unterwegs nichts passiert! Nun, leb’ wohl, Gott behüte dich – und schrei nicht mehr, sonst weckst du mir die Mädchen auf!«

»Mütterchen, dein Händchen, dein Händchen! Die lieben, holden Himmelstauben . . .«

Die Bereschkowa ging aus dem Zimmer; diese Szenen mit Openkin, die sich allmonatlich wiederholten und jedesmal denselben Verlauf nahmen, hatten weiter keinen Eindruck auf sie gemacht. Jakow machte sich daran, mit Hilfe Marinas den immer noch Knienden emporzurichten.

»Ah, der gottesfürchtige Jakow!« fuhr Openkin fort. »Hebe mich unwürdigen Joachim in deinen Schoß empor und reiche mir mit deinen ehrwürdigen Händen ein Gläschen Jamaikarum . . .«

»Machen Sie keinen Spektakel und kommen Sie, es ist höchste Zeit, daß Sie nach Hause gehen!«

»Nun . . . nun . . . nun . . .« brummte Openkin, während er mit Mühe aufstand – »gehen wir also, gehen wir. Aber warum nach Hause, wo eine schreckliche Natter mich bis zum hellen Morgen stechen und peinigen wird? Nein, gehen wir in dein Kämmerchen, du guter Mensch: ich will dir erzählen, wie Erzvater Jakob mit Gott gerungen hat . . .«

Jakow ließ sich gern etwas aus der heiligen Schrift erzählen, und da er auch einem Tröpfchen nicht abgeneigt war, so gefiel ihm der Vorschlag Openkins nicht übel.

»Gut, gehen wir in mein Zimmer, hier können Sie nicht mehr bleiben,« sagte er.

Zwei Stunden lang saß Openkin bei Jakow im Vorzimmer. Dumpf vor sich hinbrütend, hörte dieser die biblischen Erzählungen an und holte, um den Eifer des Erzählers anzufeuern, eine Flasche Bier aus der Gesindestube. Als Openkin die Flasche geleert hatte, begann der Faden seiner Erzählungen sich zu verwirren, und schließlich berichtete er allen Ernstes, daß Simson den Walfisch verschluckt und drei Tage lang mit sich im Magen herumgetragen habe.

»Wie war das?« fiel Jakow ihm nachdenklich ins Wort – »wer soll wen verschluckt haben?«

»Ich sagte es doch schon, Mensch: Simson . . . oder vielmehr Jonas . . .«

»Aber ein Walfisch ist doch ein so großer Fisch: man sagt, er würde in der Wolga kaum Platz finden . . .«

»Und wozu ist denn das Wunder da?«

»Hat er nicht doch vielleicht einen andern Fisch verschluckt?« äußerte Jakob seinen schüchternen Zweifel.

Doch Openkin begann bereits zu schnarchen.

»Nein, nein, er hat ihn verschluckt . . . bei Gott, er hat ihn verschluckt!« murmelte er zusammenhanglos vor sich hin.

»Ja, aber sagen Sie, mein Gott – wer hat wen verschluckt?« wiederholte Jakow eindringlich seine Frage.

»Reich’ mir mit deinen ehrwürdigen Händen . . .« flüsterte Openkin kaum vernehmlich, während er schon einschlief.

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10 aralık 2019
Hacim:
1300 s. 1 illüstrasyon
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